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Tags: Ende, Nacht, eRDe7, sehr, gut!

Ralph Doege: „Ende der Nacht“
Deltus media, Leipzig, 2010

Auch wenn ich jetzt in den Verdacht der Schleimerei gerate, zumal der Autor zu den Forianern hier gehört, so muss ich zugeben, dass mich lange nicht mehr eine Story-Sammlung so beeindruckt hat!
Dabei war es für mich völlig unerheblich, dass es sich nicht immer um SF, nicht mal um Phantastik im weitesten Sinne, handelt. Ist ja eher eine Sammlung tragischer Liebesgeschichten. Das Motto zu „Wunden“ scheint mir symptomatisch zu sein für die meisten der Texte: „...Liebe bedeutet... das Bedürfnis, verloren zu sein...“ (S. 193; Zitat von G. Bataille).
Ich kann auch gar nicht sagen, welche Story mir am besten gefallen hat. Vielleicht waren es nur zwei, zu denen ich keinen rechten Zugang fand, und zwar „Alter ego“ - war das überhupt eine Story? Irgendwie ja, aber vielmehr noch ein philosophisches Essay, und „Im Sog“.
Ein paar Worte zu den Erzählungen:
■ „Balkonstaat“ ist eine Dystopie, vielleicht eine Mischung aus Kafka und Bukowski. Das Szenario wird schnell und treffend skizziert. Der totale Kapitalismus herrscht und lässt jedes Privatleben asozial erscheinen. Hier begegnen wir gleich das erste Mal den Qualen der Liebe.
■ „Altes Muster“ spielt in einem Fantasy-Postdoomsday-Leipzig. Autos fahren auf den Straßen, Supermärkte werden geplündert und ein Drache verlangt nach Jungfrauen. Eine seltsame, Aufmerksamkeit heischende Mischung, die aber sehr gut zusammen passt. Kaum zu glauben, das Ganze ist sehr stimmig. Es geht um den Wert von Vertrauen und Liebe in einer korrupten, finsteren Nach-Welt-Gesellschaft, spannend und konsequent erzählt bis zum Schluss.
■ „Im Sog“ ist eine Replik auf eine vergangene Liebe und ein vergangenes Leben, erzählt anhand der Einrichtung eines Hauses, mit dem diese verbunden sind. Schöne, melancholische Grundstimmung.
■ „Nikki oder Jeder stirbt allein“ erzählt von der seltsamen Romantik eines Killer-Pärchens a lá Bonny & Clyde / „Leon - Der Profi“. Der Killer möchte von allen geliebt werden. Der perfekte Mord ist der, bei dem sich das Opfer wohl fühlt. Ein Märchen von den „schönen Bestien“ - alles seelische Zustände, zu denen Normalsterbliche keinen Zugang haben; sicher ist das eine Form falscher Romantik, aber schön!
■ „Julia und die dunklen Spiegel“. Wieder eine Julia (wie in „Altes Muster“), wieder Leipzig. Julia und das männliche Pendant, Julian, (auch in „Altes Muster“) wird uns noch mal begegnen in diesem Band. (Also, Ralph, wer ist Julia?). Es wird der Frage nachgegangen,was Crowleys Magick bewirken kann; für den unglücklich Verliebten bringt es nichts.
■ „Kago Ai oder Das Ende der Nacht“. Großartig! Diese Story entlässt den Leer voller Bilder im Kopf. Der Autor spielt hier wohl auch mit seinen musikalischen Vorlieben und beginnt scheinbar ein Mosaik verschiedener Stories auszubreiten. Sollte dies einem verrückt vorkommen, so ist das sicher beabsichtigt, denn der Schauplatz ist eine psychiatrische Klinik. Es geht dabei auch um Drogen, wieder um eine unerfüllte Liebe, Melancholie und Selbstmord.
■ „Laura und die weiße Spinne“; hey, keine Julia. Und keine lustige Geschichte, denn die „weiße Spinne“ ist Krebs, unter dem ein einsamer Mann leidet, der seine unerfüllte Liebe wohl nur mit Stalking und Spannen seiner Angebeteten ausleben kann. Dann ändert sich aber vieles, um am Ende wieder sehr abrupt und überraschend den Leser zu schocken.
■ „Writer's Cut“. Der Titel ist eine Analogen zu „Director's Cut“ beim Film. Diesmal ist es eine sehr schöne, wenn auch ungewöhnliche Liebesgeschichte. Ungewöhnlich, weil zwischen Mensch und Android. Die Story hat was von Simak oder Bradbury.
■ „Freepolis“ ist ein Verbrecher-Utopia augensicher Couleur, in der der Autor wieder einmal eine vergebliche Liebesgeschichte ansiedelt, die im Bombenhagel endet.
■ „Wunden“ ist fast nur ein Text-Vignette, eine schöne Übung zum Thema Werwolf (und Liebe, natürlich...).
■ „Zwillinge“ gehört meiner Meinung nach zu den überragenden Stories des Bandes! Julia und Julian sind die Zwillinge, die hier im Widerstand zur Moral und Gesellschaft ihre Geschwister-Liebe ausleben wollen und scheitern. Eindrucksvoll und sicher nicht ganz unproblematisch.
■ „Zombie!Music for Zombie!People“. Diese Story erinnert mich an das was Dietmar Dath zu seiner eigenen SF sagte / schrieb, der sich der SF verpflichtet fühlt, aber auch der deutschen Literatur. Das hier könnte so etwas sein, also Phantastik Dath'scher Prägung?
Es ist keine 08/15-Zombie-Story, weder inhaltlich, noch formal. Der Form nach ist es wie der Versuch einer Story, denn der Autor selbst „spielt“ mit. Er schreibt einen Brief, in dem er über seine neue Story schreibt. Dabei führt er einige Szenen aus, aber nicht alle. Mit diesem Trick kann der Plot auf das Mindestmaß reduziert werden, was aber völlig ausreicht. Die Zombies stehen hier wohl, auch wenn das nicht explizit zum Ausdruck gebracht wird, für die an die hohle Konsumwelt Angepassten. Ein Musikprojekt richtiger Menschen versucht sich an die Zielgruppe anzupassen.
So, wie hier Zombies beschrieben und für die Story aufbereitet werden, erinnert es mich eben sehr an Dath, „Alles in Honig“ etwa. Trotzdem sehr originell und ungewöhnlich!
Ich weiß gar nicht, warum in den Autor so lange ignorieren konnte; war ein großer Fehler, den ich jetzt etwas gut gemacht habe. Nunmehr gilt es, die Augen aufzuhalten.
11 / 10 Punkte

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Zu PR neo 2.

Christian Montillon: „Utopie Terrania. Perry Rhodan Neo 2"
Nach 2 Romanen stelle ich die Vertrauensfrage: Wozu das Ganze?
Klingt enttäuscht? Ist es auch.
Ich weiß, das der „Roman“ kein Ende haben wird. Es wird also in Zukunft beliebig etwas dazu erfunden. Hinzu kommt, dass viele Ideen nur Nuancen dessen sind, was vor 50 Jahren geschrieben wurde. Ich kene das alte Zeug nicht (richtig), aber der Gedanke (verdammte Meme) drängen sich immer mehr in den Vordergrund.
Langsam erkenne ich auch (wieder), was mir an solchen Trivialepen nicht gefällt: Redundanz und fehlende Plausibilität.
Ein Gedanke wird mit verschiedenen Sätzen wiederholt, hintereinander. Das halt e ich für schlechten Stil. Entscheidungen werden schnell gefasst, ohne (für mich) richtig begründet zu werden. Mir kam es z.B. völlig unklar vor, als die Truckerin dem ex-geheimdienstlichen Tramper die Knarre unter die Nase hielt und danach (ode gleichzeitig) ihn in ihr Trucker-Bettparadies verführt.
Erkenntnisse, Botschaften, Haltungen (sind tatsächlich welche drin, die mir auch durchaus gefallen, das ja!) werden plakativ wieder gegeben. Die Handlung wird in die Länge gezogen, ohne (für mich) dabei durch besondere sprachliche Anregungen aufzuwerten. Wenn ich da nur an der erste Gespräch zwischen dem chinesischen General und Rhodan denke: Was kam denn dabei heraus? Nichts! Dabei hatte sich der Chinese doch vorgenommen, dass nun die Wende der Geschichte und der Geschichte der Menschheit eingeleitet wird. Das war gar nichts!
Mir scheint, für mich ist das Kapitel abgeschlossen.
3 / 10 Punkte

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Geständnis: Habe PR NEO 1 gelesen... und nicht mal so übel gefunden.

Frank Borsch: Perry Rhodan Neo 1. Sternenstaub
Wer hätte das gedacht: Hofmann liest Perry Rhodan. Habe mich vom Hype anstecken lassen. Dass dem Projekt im Fandom so ein starker Wind entgegen bläst, hat mich richtig erschreckt. Warum nur so eine Häme vorab?
Die Urteile der Alt-Fans fielen danach erwartungsgemäß mies aus, zumindest da, wo ich dazu was gelesen habe. Sind das Vor-Urteile, die man bestätigt fand? Welche Ansprüche stellt man an so einen Heftroman? War der alte von 1961 so viel besser? Sicher in de Erinnerung, da die damaligen Leser, die heute enttäuscht sind, ja viel jünger und leseunerfahrener waren. Die gute Erinnerung sollte man sich nicht zerstören, das sehe ich auch so. Aber deshalb jeglichem Versuch, diese Mega-Saga einem neuen Publikum näher zu bringen, so in Bausch und Bogen zu verurteilen, fand ich irgendwie unangemessen. Aber wie so oft bei Kommunikationsfragen muss man sich vielleicht die Frage stellen: Was liegt darunter?
Nun ja, PR NEO 1 fand ich immerhin so gut, dass ich mir den 2. Roman auch zulegen will.
Was fiel mir so auf:
Der Anfang war tatsächlich dröge. Pressekonferenz. Pffff....
Dass ein Mensch der Erde, der nie zuvor mit Aliens konfrontiert wurde, gleich mal den ersten Außerirdischen zur Arzt-Visite auf die Erde einlädt, fand ich eher kurios. Genau so wird der first contact stattfinden? Nun ja, immerhin fand ich den unspektakulären, irgendwie „dreckigen“ first contact in DISTRICT 9 durchaus überzeugend. Aber hier nicht. Da wäre mehr mehr gewesen. Der clevere Perry kann sich zu schnell mit den Fremden arrangieren. Aber ich glaube, das war damals auch so, oder?
Die Nebenhandlung um den zum Gutmenschen mutierten Investmentbanker und die Waisenkinder, unter denen sich wohl Helden der zukünftigen Romane tummeln und von denen einer schon mal gezeigt hat, was ihn ihm steckt, hat mich mehr gefesselt, als die Mond-Landung.
Auch die nur seicht angedeutet Geheimagentenstory hat mir gefallen. Da ging dem Autor allerdings etwas die Puste aus; das war zu viel für die 150 Seiten. Den kurzen Dialog der drei Agenten fand ich aber witzig, vor allem den großrussischen Typen, der aber wohl nicht wieder auftauchen wird (sein Tod wurde zumindest nicht bestätigt).

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Mit Uwe nach Thüringen

Uwe Schimunek: „Das Thüringen-Projekt“
Also, das kam so: Da hat ein von mir sehr geschätzter Autor, Malte S. Sembten, ein Buch in FB vorgestellt: Ralph Doege: „Ende der Nacht“. Nanu! Dachte ich, das Titelbild kennst du doch irgendwo her. Und nun muss ich einfach meine Ignoranz und Unkenntnis der foruminternen Modalitäten eingestehen: Ich wusste schlicht nicht, dass sich hinter eRDe7 der in Leipzig beheimatete Ralph Doege verbirgt.
Letztens hatte ich kurz das Vergnügen, ihn kennen zu lernen. Kein Geringerer als Uwe Schimanek stellte ihn mir einfach so vor nach einer Lesung (von Thomas Wawerka). - Worauf will ich hinaus? Ach ja: Nach der Empfehlung von Malte orderte ich das Buch von Ralph – und, weil das für mich irgendwie zusammen gehört, auch das Buch von Uwe, das schon lange auf meiner Wunschliste in dem bekannten Onlinebuchladen stand.
Jetzt habe ich das Buch von Uwe also gelesen, das mit „eine Liebesnovelle“ untertitelt ist. - So ganz allgemein scheint es mir, dass Autoren wie Uwe, Ralph, aber auch Thomas Wawerka, keine Genregrenzen mehr kennen. Vor der Lektüre weiß man eigentlich gar nicht, worauf man sich einlässt. Hey, das ist großartig! Ich bin sehr gespannt auf das Buch von Ralph Doege und ich war auch sehr angetan von Uwes Buch. - Noch etwas zum gerade laufenden namedroping: In dem Buch stößt der Erzähler auf ein Regal mit Autoren, die mit „D“ anfangen: „Danella, Dath, von Dittfurt, Döblin, Doege...“; Doege wird als magischer Realist dem Leser vorgestellt.
Die „Ds“ sind, so könnte ich mir vorstellen, nicht von Ungefähr genannt worden, oder Uwe? Nun, Danella hat mich irritiert. Aber vielleicht passt Utta Danella (ich denke, sie ist gemeint?) doch in „seine“ Liste, denn das Buch, um das es hier geht, ist auch ein gewagtes Experiment: postapokalyptische SF meets Gartenlaube. Ob das funktioniert? So hundertprozentig bejahen kann ich die Frage nicht. Aber interessant ist das allemal.
Also, in so 400 Jahren ist das Ländchen Thüringen irgendwie … rückständig. Es gibt keine benzinbetriebenen Fahrzeuge mehr, alles läuft über Pedale. Ansonsten sind die Leute eher auf dem kulturellem Niveau des 20 Jh. Die Gesellschaft scheint absichtlich zu stagnieren, der Ball soll nach einem großen Knall flach gehalten werden. Hat ja was, aber...
Es gibt natürlich Konflikte, die sich in einer recht einfachen Liebesgeschichte zwischen einer Professorentochter, einem talentierten, aber armen Studenten und einem Militärbonzen-Jüngelchen entspinnt. Der Ausweg ist die Flucht, am Ende wird dem Leser erklärt, wie die Welt wirklich gestrickt ist. - Genau dieses Ende, das mir zu abrupt und aufgesetzt daher kam, störte mich dann. Auch dass das Studienobjekt des Protags, die Gartenlauben-Autorin Marlitt, so ausführlich präsentiert wurde, obwohl das natürlich wichtig für die ganze Story ist, machte es mir nicht einfach. Doch keine Bange: Man kann sich sehr gut auf dieses Experiment einlassen, denn mit gut 100 Seiten wird man nicht überfordert. Das Ganze ist verrückt, anders, damit vielleicht richtungsweisend.
8 / 10 Punkte

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"Gottverdammt! Wohin hat sich dieser deutsche Windbeutel verdrückt?"

... das ist ein Zitat (Seite 87) aus:

B.U.A.P. 9: Die schwarze Göttin
von Guy Davis, John Arcudi, Mike Mignola
A5, Hardcover, vierfarbig, 150 Seiten

Wie es ausschaut, ist dies der vorletzte Band. Das könnte auch gut sein, denn die Handlung lässt sich nicht mehr steigern. Alles zielt auf das dicke Ende hin.
Die Kerntruppe der B.U.A.P. ist auf der Suche nach ihrer Mitstreiterin, Liz Sherman, die in dem Vorgänger-Band von einem Magier entführt wurde. Dabei müssen sie auch herausbekommen, mit wem sie es hier als Entführer zu tun haben. Neben dieser sehr persönlichen Geschichte kochen die latenten weltbedrohenden Gefahren hoch. Die „Frösche“, die Krieger aus der erdinneren Hohlwelt und andere Monster suchen die Erdoberfläche heim, haben in Band 8 bereits München zerstört und rücken auch hier massiv an.
Ihr neuer Feind heißt Martin Gilfryd, der im 19. Jahrhundert zum Magier und Wissenden heran reifte. Seine Rolle stellt sich nun im Zuge der Recherchen und seiner Selbstdarstellung, der in Band 9 erfreulicher Weise breiten Raum gewährt wird, als eine ganz andere dar, als zuvor. Er verkörpert ein altes, hyperboreaisches Erbe, will die mysteriöse Vril-Kraft nutzen und ist wohl nicht das weltenzerstörende Monstrum, für das sie ihn halten.
Die Autoren greifen also mal wieder tief in die Neue-Mythen-Hokuspokus-Kiste. Allerdings wird über diese Zusammenhänge, die viel erklären, die auch den Bogen zu einem Urahnen der B.U.A.P, Lobster Johnson, schlägt, eher erzählt. Die eigentliche Handlung beseht – mal wieder, muss ich leider schreiben – aus einer großen Klopperei. Der dramaturgische Aufbau des Buchs ähnelt sehr dem Vorgänger: Anfangs wird viel und oft auch kryptisch erzählt. Schnelle Bild- und Zeitebenen-Wechsel machen den Leser fast nervös. Dann kommt es zu einer großen Schlacht, diesmal wieder im Tibet. Wir sind wieder da, wo es in Band 1 begann; der Kreis schließt sich; noch ein Indiz, dass es nun bald zu ende geht mit der Serie...
Den Leser erwarten also viele Offenbarungen, Erklärungen und Zusammenhänge. Fäden werden zusammen gefügt. Das ist gut so. Am Ende fällt auch eine Entscheidung. Die mag dann noch nicht so sehr überraschen. Wenn der Magier Recht behält, war es ein Fehler, was Abe Sapien und seine Leute taten, aber es war erst mal befreiend.
Interessanter Weise kam mir Abe diesmal wilder und ungestümer, bedrohlicher vor. Das mag aber an der Aura liegen, die Gilfryd umgab. Der Gas-Mann Johann Kraus hatte auch darunter zu leiden, bzw. wurde zum „Täter“, eher wider Willen...
Den Betrachter erwarten im ersten Teil viele Szenenwechsel und dann großartige Schlachtpanoramen. Hier wird diesmal nicht gekleckert, das kann ich schon mal verraten.
In dem Nachwort wird von einem Wrestler aus den 50ern erzählt, der wohl das Vorbild zu Lobster Johnson wurde; recht interessant.

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Von der Wiederauferstehung und dem Weltuntergang

Michael Szameit ist wieder auf der SF-literarischen Bühne!
Da darf ich doch mal meine Freude drüber zum Ausdruck bringen.
Neben den sehr schönen speziellen Liebhaberausgaben von AD:KEY gibt es ja nun in der BunTES Abenteuer-Reihe von Gerd-Michael Rose die beiden Hefte:

Der Autor wünschte "Viel Spaß" beim Lesen. Nun, ob man den hat... Seine neue Story ist eine nicht gut endende Dystopie. Die Welt ist die nach dem Krieg (zwischen USA und China), die beschriebene Gesellschaft islamistisch und faschistoid geprägt. Die Menschen sind genetisch und per Nanotechnolgie so eingestellt, dass sie eigentlich "funktionieren" sollten, wenn es da nicht solche Drogen gäbe...

Was man aber von Michael Szameit ´kennt und was ich immer sehr geliebt habe, ist die Eleoquenz. Seine Wortschöpfungen machen wirklich Spaß und sind sehr treffend.

Nun darf man also gespannt sein auf das was da kommen mag.

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Neue Horizonte für den "Großstadtraubmenschen"

Thor Kunkel: „Subs“, Heyne Hardcore, 2011

Na, ich denke, hierüber kann man wieder trefflich diskutieren, sich regelrecht streiten und die Haare gegenseitig ausreißen. Man kann das natürlich auch lassen und das Buch einfach nur lesen, sich darüber amüsieren, aber auch das eine oder andere daraus lernen.
Der Roman muss als Satire begriffen werden. Das Absurde, Ironische und der kulturpessimistische Sarkasmus kulminieren in einer Art Utopie. Allerdings ist das nur dann eine Utopie, wenn man sich von der Idee der geradlinigen evolutionären / revolutionären Verbesserung der Lebensumstände in der menschlichen Gesellschaft trennen will. Also: Wenn ich davon ausgehe, dass der Mensch so ist wie er sich derzeit darstellt, dann ist das, was hier beschrieben wird, so absurd es klingen mag, vielleicht sogar wirklich denkbar.
Ich – lesendes Individuum und mal schon irgendwie sozialisiert und „eingestellt“ – scheue mich vor diesem Gedanken. Trotzdem konnte ich das Buch mit Genuss und Gewinn lesen.
Wie in einer richtige Utopie geht der Autor von einer Analyse des Zustanden aus – des Zustandes der westlichen Zivilisation und ihrer Potentaten (also uns!?) und dreht an den Schrauben.
Dann kommt das dabei raus.
Keine Bange, Sozialutopien sind in literarischer Form meist tot-sterbenslangweilig (in realer Form ausprobiert oftmals ziemlich verhauen und mit großer Blutschuld beendet; haben aber immer was hinterlassen und - mal so gesamt-historisch gesehen - nicht unbedingt nur Übles). Das braucht man aber von einem Kunkel-Buch schon mal nicht zu befürchten.
Jetzt mal etwas konkreter:
Thor Kunkel knüpft an Szenarien an, die man aus Stücken wie „Die Katze auf dem heißen Dach“ und „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ kennt: Eine bürgerliche Welt, die längst ihren Zenit überschritten hat und dem moralischen und generellen Zerfall entgegen strebt. Bei Kunkel ist es ein kinderloses Ehepaar, sie ist Anwältin, er ist Chirurg, der schön verdient mit Schönheitsoperationen.
Der Autor nutzt diese Personen und ihr Umfeld, um mitunter sehr böse Hiebe gegen die gute bürgerliche Gesellschaft auszuteilen. Es sind „Großstadt-Raub-Menschen“, Egoisten, denen der Zustand der Welt so was von egal ist und die nur ihr persönliches Wohlergehen interessiert. Dass sie sich dabei selbst verlieren und im Grunde unglücklich sind, ist fast nur noch ein Nebeneffekt. Was wirklich vor die Hunde geht, ist die Welt. Obwohl sie es könnten und müssten, kümmern sie sich um nichts mehr; der Autor wirft ihnen Gesellschaftsflucht vor, die mit Schönrederei und einer Kopf-in-den-Sand-Politik Probleme nicht sehen und daher auch nicht lösen. Das gilt dann auch für die ausgemachten Politiker.
Dabei kommen Zweifel an dem Wert der Demokratie und dem Wert der Freiheit auf. Daher ist es folgerichtig, dass eine eher originell und nicht so ernst gemeinte Annonce des männlichen Protagonisten, in der er im Grunde eine Haushaltshilfe sucht, die Keimzelle einer neuen (alten) Gesellschaftsordnung entstehen lässt. Er schreibt nämlich was von einer „Sklavin“ - und war bass erstaunt, als sich wirklich eine Sklavin vorstellt. Und nicht nur eine.
Nun, wie ernst soll man so ein Szenarium nehmen? Der Autor argumentiert – lässt argumentieren: Demokratie und Kapitalismus, Konsumverheißungen und Leistungsdruck, Neoliberalismus, mafiöse Strukturen, Korruption auf der einen Seite und „klare Verhältnisse“ der Unterordnung und Hierarchie in einem Haus, wo Sklaven und ihre Herrschaft unter einem Dach leben, wo die Aufgaben klar getrennt und definiert sind, wo sich alle Beteiligten in ihren Rollen wiederfinden und gesetzt sehen. Dabei werden Facetten aus der Geschichte aufgeblendet, die zeigen, dass eine Sklavereigesellschaft nicht unbedingt als übel von den Beteiligten angesehen wurde. Andererseits wurden durch (fiktive?) Zeitungsausschnitte und Wertungen im Text klar gestellt, dass von der vielgepriesenen Freiheit der Menschen in der Schönen Neuen Welt nicht viel über bleibt und viele Leute ohnehin in „sklavereiähnlichen Verhältnissen“ leben. Dabei schaut der Autor in die riesigen Randzonen der globalisierten Welt, aber auch auf die „Hartzer“ in Brandenburg.
Exkurs: Mein persönlicher Erkenntnisweg führte mich dazu zu sehen, dass die „Befreiung“ der Schwarzen im US-amerikanischen Bürgerkrieg nicht in jedem Falle eine Verbesserung ihre Lage mit sich brachte. Letztens führte mich ein Artikel über das heutige Liberia auch auf die Entstehungsgeschichte dieses Landes, die zeigte, dass hier ein philanthropisches Experiment als ordentlich misslungen angesehen werden kann.
Zurück zum Buch.
So wie es der Autor darstellt, ist es wahrscheinlich eher nicht. Er treibt es auf die Spitze, das darf er in einer „Satire“. Sollte dies eine tiefgründige und allumfassende Gesellschaftsanalyse sein, sind einfach zu viele Angriffspunkte vorhanden, an denen Kritiker sich festbeißen können. Was mir mal so nebenbei unmittelbar auffiel war die Absicht, das Verhältnis zwischen Sklave und Herr als ein harmonisches darstellen zu wollen. Nun ja, vielleicht ist das ja die Utopie. Ansonsten verstehe ich nicht, wie es in der Geschichte immer wieder zu Sklavenaufständen gekommen ist. Aber man muss differenzieren, das ist klar. Als Haussklave lebte es sich sicher besser als auf den Feldern.
Übrigens birgt das Verhältnis zwischen den Protagonisten auch genügend Konfliktpunkte und es ist bei weitem nicht alles Eitelsonnenschein.
Man kann Thor Kunkel bestimmt viel vorwerfen (wurde ja auch gemacht), aber dass er sich keinen Kopf über die Welt macht, in der wir leben, nicht. Was er hier als „Lösung“ anbietet, ist dann hoffentlich wirklich nur satirisch gemeint und im Grunde eine heftige Form des Zynismus. So gesehen wird es ja langsam Zeit für eine richtige Utopie aus der Feder von Thor Kunkel!

Anmerkung:
Der Begriff „Subs“ wird ja, wie ich schnell raus bekam, aber vorher nicht wusste, in der SM-Szene verwendet. Darauf nimmt der Autor auch Bezug. Ansonsten wäre mir neu, dass dies das gängige Wort für Sklave im Englischen sei.
Kurz vor der Lektüre hatte ich eine Story von Brian W. Aldiss gelesen: „Vorsicht! Religion!“ aus dem Jahre 1969, in der „Subs“ für Sklaven steht. Ob Thor Kunkel die Geschichte kennt?

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Deutsche Ms. Smith als apokalyptische Agentin Brown’scher Prägung

„Fräulein Schmidt und die Maske der Mona Lisa“
von Wilko Müller jr.

Manchmal ist es schön, einen Autor persönlich zu kennen, mit dem man auch ein Bierchen zusammen trinken kann und mit dem man sich regelmäßig zum SF-Stammtisch trifft. Wilko Müller jr. ist einer der Gründer und Chef des ASFC – das ist keine Geheimorganisation, sondern der ortsansässige SF-Club in Halle / Saale.
Wilko schreibt noch immer, auch wenn er zwischenzeitlich ernste Zweifel äußerte, ob das so gut sei, da er es als deutscher Autor nicht so leicht hat, seine Werke in Verlagen unterzubringen. Inzwischen arbeitet er selber in einem Verlag und betreut dort u.a. auch die SF- und andere Phantastikbücher. Dadurch ist es sicher nicht wirklich einfacher, das eigene Buch unterzubringen, aber mit der vorliegenden Erzählung hat er es gewagt, geschafft. Nach dem Lesen will ich mal behaupten: Mit Fug und Recht kann diese Erzählung ein größeres Publikum vertragen. Das kleine Buch ist ein Hit.
Der Titel des Buches provoziert zu Spekulationen. So habe ich ihn bei der Buchübergabe gefragt, ob es denn ein lustiges Buch sein. „Na ja…“, war die Antwort. Nun, so richtig lustig ist es nicht, dem Thema angemessen vielleicht mitunter kurios, aber es geht schließlich um nicht mehr und nicht weniger als den bevorstehenden Weltuntergang, denn wir schreiben das Jahr 2012.
Was wurde darüber nicht alles schon geschrieben! Verschwörungstheorien, Apokalyptik, die Mayas und die Außerirdischen. Wilko hat seinen Brown gelesen, hat natürlich „2012“ von Emmerich gesehen, und verschweigt dies auch nicht. Für den Fan solcher Stoffe ist das Buch schon daher ein Fest, denn es gibt zahlreiche Bezüge und Erwähnungen.
Das titelgebende Fräulein Schmidt assoziierte ich während des Lesens mit dem Film „Mr. und Ms. Smith“ von 2005; vielleicht ist das ja auch kein Zufall. Auf alle Fälle ist die Dame in dem Buch bei weitem nicht so harmlos und mauerblümchenhaft wie ihr Allerweltname suggeriert.
Held der Geschichte ist ein Antiquar mittleren Alters, so ein richtig schön verschrobener, etwas weltfremder, bewusst weltabgewandt denkender und lebender Mann.
Dass er zum Mittelpunkt einer quasi göttlichen, metaphysischen Verschwörung und die Antwort auf die Frage, ob die Welt nun dem Untergang geweiht sei, wird, hätte er sich nie erträumt.
Der Plot erinnert natürlich an die Referenzliteratur und –Filme; es werden alte Prophezeiungen, Schriften und Mächte bemüht. So nebenbei bekommt der Leser eine hervorragende Zusammenfassung des (nicht mehr) arkanen Wissens zum Thema Weltverschwörung, Freimaurer, Mayakalender etc., das seit „Sakrileg“, „Da Vince Code“ und „2012“ zur Popkultur gehört, geboten. Schon für die Recherche und Aufbereitung in einer spannenden Handlung gebührt dem Autor Dank.
Nun, mir hat die kurzweilige Lektüre Laune gemacht! Meine Empfehlung.

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Warlord 3: "Erwarte immer das Unerwartete"

Mike Grell: The Warlord 3: Odyssee
Cross Cult, 2011

Mehr als sonst gilt hier – sozusagen als Motto vom Ganzen - „Erwarte immer das Unerwartete!“ In einigen Geschichten werden bekannte phantastische Topoi regelrecht umgekehrt. Auch hier wird bei der Lektüre keine intellektuelle Brillanz vorausgesetzt. Die Stories sind wieder richtig schöne Hau-Drauf-Geschichten im Stile alten phantastischen Abenteuergarns der Pulp-Ära.
Ich habe in letzter Zeit ein wenig Robert E. Howard genossen und viel darin wieder gefunden, was Grells Warlord, Travis Morgan, so alles erlebt und durchmacht.
Als Referenz für die Figur fällt mit auch Royce aus „Predators“ ein, ein tatsächlich, auch charakterliches Ebenbild Morgans.
Von wem ich hier schreibe? Nun, da war einst ein amerikanischer Pilot auf Spionagemission und wurde über dem Nordpol abgeschossen. Er konnte notlanden, allerdings verschlug es ihn ins Innere der Erde. Dort hat sich in der Hohlwelt eine urtümliche Flora und Fauna erhalten, neben Saurier, klassischen Märchendrachen begegnen wir auch Eiszeit-Kreaturen. Dort leben auch Menschen, Nachkommen der atlantischen Zivilisation. Die Regeln des Zusammenleben sind ebenso archaisch wie ihre Umwelt, es geht rau und grausam zu. Irgendwie steckte was in dem Piloten Travis Morgan drin, denn er passte sich schnell an und wurde zum … WARLORD!
Der Autor wird nicht müde, die besondere Charaktertemperatur seines Helden zu beschreiben, der sich der Tragik seines Handelns (erst mal Kopp ab, dann drüber nachdenken), seiner Blutgier und Mordlust bewusst ist, aber auch nichts dagegen unternimmt. Er wird oft genug zum Berserker, aber auch zum Rächer und Beschützer, also so ein bisschen Robin Hood-mäßig.
Bei den Auseinandersetzungen verlor er dann auch seinen Sohn, den er selbst umbrachte. Das nun warf ihn aus der Bahn. Gerade hier in den vorliegenden Stories bedrückt ihn dies enorm; Todessehnsucht bricht durch.
Grell konfrontiert seinen Superhelden weder mit diversen Supermonstern, die aber mitunter (Erwarte immer das Unerwartete) sozusagen im Schafspelz daherkommen.
So will er einer von Soldaten verfolgten Schönen helfen, die sich als Werwolf entpuppt. Eloy-gleiche Geschöpfe werden von den unterirdisch lebenden, Neandertalern und den Wells'schen Morlocks gleichenden Wilden bedroht, aber die „Eloy“ entpuppen sich als Kannibalen.
Der Warlord irrt durch die unterirdische, ständig von einem Zentralgestirn erhellte Welt; seine Geliebte verfolgt ihn in Träumen und Gedanken. Er flüchtet sich in Kämpfe z.B. mit Piraten und Fischmenschen.
Neben den erdigen, geradlinigen Kampfstories gibt es aber auch eine interessante – tja, wie kann man es nennen – Traumstory, in der Morgan in die Vergangenheit geschleudert wird. Eigentlich wollte er einen Chance für einen Neubeginn bekommen, um z.B. Den Totschlag an seinen eigenen Sohn rückgängig zu machen. Doch er wird in seine Inkarnationen in der Menschheitsgeschichte zurück geschleudert. Nun, da schimmert sicher etwas Moorcock durch, Elric ist mit Sicherheit neben Conan auch ein Ahne Morgans. Die Zeitreise beginnt in der Eiszeit, zeigt den Untergang von Atlantis. Dann ist er auch mal D'Artagnan – na bitte... Aber der „Ausflug“ bringt nichts, dem Leser nur die Antwort auf die Frage, weshalb Atlantis in der Urzeit eine so hohe Zivilisation haben konnte und warum es unterging. Das erledigt der Autor auf wenigen Seiten, knackig und nicht mal unklug. Hat mit gefallen.
Insgesamt hat mir der Band wieder gefallen, auch wenn er diesmal etwas weniger Seiten waren und als Schmankerl einfach nur der Rest des Interviews mit dem Autor angeheftet wurde.
Ist damit die Serie passé? Wir finden auch ein paar Bilder aus der neuen Serie; ja, der Warlord erfreute sich wohl einer Wiedergeburt in 2009/2010. Das wäre doch mal was!

(Rezi für buchrezicenter.de)

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Hard Boiled in Zeiten fundamentalistischer Alpträume

Elliott Hall: „Den ersten Stein“

So ganz nebenher, fast unbemerkt, erschien bei DTV premium eine astreine Anti-Utopie. Wie üblich heutzutage unter dem Deckmantel „Thriller“. Ist schon ok, Hauptsache, man erkennt seine Pappenheimer.
Der „Kampf gegen den Terror“ zeigt erste Blüten: Eine Atombombe hat Houston ausradiert. Dafür haben die USA im Iran interveniert und Teheran auch mit einer Bombe beglückt, allerdings eine, die wohl die Gebäude weitestgehend verschonte, dafür schön dreckig die Leute killte, sie in eine Geisterstadt verwandelt. Leider auch die eigenen Soldaten.
Felix Strange ist einer von ihnen gewesen, der seitdem schwer krank ist. Um zu überleben, braucht er Medikamente, die er legal nicht bekommt, nur auf dem Schwarzmarkt, für teuer Geld. Das bekommt er für seinen Job als Privatdetektiv.
In den USA hat ein christlicher Fundamentalist die letzte Präsidentenwahl gewonnen. Die „letzte“ kann man hier wörtlich nehmen, denn Wahlen wurden abgeschafft. Dafür gibt es Organisationen und ihre Quasi-Polizei-Milizen. Mit einer Mischung aus religiösem Eifer, Messianismus, karitativer Tätigkeit und viel Terror, Einschüchterung und religiöser Intoleranz verwandeln ein „Komitee für Kinderschutz“, angeführt von einem undemokratischen Ältestenrat, in Konkurrenz zu einer religiös-militanten Bürgerbewegung, dem „Kreuzzug“, die USA in einen totalitären Staat. Der Kreuzzug wird als eine Mischung aus Erweckungsbewegung und Inquisition beschrieben.
Auch wenn Hall kein US-Bürger, sondern Kanadier, ist, so scheint er seine Pappenheimer auf jeden Fall zu kennen und aus dem Erfahrungsschatz amerikanischer Wirklichkeit zu schöpfen.
Die Krimihandlung wird ausgelöst mit einem Mord an einem Potentaten des Kinderschutzkomitees, den unser Privatdetektiv im Auftrag eines Chefs des Kreuzzugs aufdecken soll. Also, aufdecken soll er nichts, eher die Aufmerksamkeit auf sich lenken, vorbei an offiziellen Ermittlungsbehörden, wie den FBI, den es durchaus noch gibt und der sich mehr schlecht als recht in das neuen Machtgefüge einzusortieren sucht.
Strange ist ein Spielball, der das aber erkennt, tatsächlich alles aufklärt, nicht ohne Hilfe einer schönen, geheimnisvollen Dame und eines FBI-Agenten, der ihm danach nichts mehr schuldet.
Stilistisch setzt Hall beim Hard Boiled an. Zynismus und Ehrlichkeit bis zum Rand der Selbstaufgabe dominieren die Dialoge und Handlungen unseres Helden. Hall hat damit das Genre nicht neu erfunden, aber richtig toll aufgegriffen und eingesetzt. Das Buch ist für mich eine perfekte Mischung aus zwei Genres, ist damit unterhaltsam und warnt, wie es gute dystopische SF tun soll.
Vielleicht ist die eigentliche Krimihandlung noch nicht mal so wichtig. Wichtiger ist der Background, und da gibt es einige Bezugspunkte zum Hier und Heute. So finden wir z.B. Bücherverbrennungen, die beim Vormarsch der „Bewegung“ an der Tagesordnung sind. Na, kennt man ja. „...unpatriotische und wissenschaftliche“ Bücher werden verbrannt, genauso wie „Geschichten von jungen Zauberern oder von Geistern und allem anderen Übernatürlichen, das nicht von Gott sanktioniert war.“ (S. 218) Keine gute Zeit für Harry Potter und Fantasy-Fans.
Bundesdeutsche Wirklichkeit habe ich auch wiedergefunden, die aber in den USA wahrscheinlich genauso vorhanden ist, wenn nämlich der Schutz von Jugendlichen vor Schmutz und Dreck im Internet und der virtuelle Kampf gegen „spirituelle Terroristen“ (S. 104) für die Installation einer Zensur missbraucht wird (was ja Datenschützer auch jetzt schon befürchten), wobei auch in dieser dystopischen nahen Zukunft es den Jugendlichen nicht wirklich schwer fällt, die Sperren zu umgehen.
Also, für mich eine echte Überraschung; freue mich schon auf den nächsten Fall von Felix Strange, „Böses mit Bösem“.

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Wann geht der "Biokrieg" los?

Das Jahr droht bei mir zum Jahr der Leseabbrüche zu werden. Ist ja nicht aller Tage Ende, aber bisher sind es drei Bücher, die ich nicht zu ende lesen konnte. Hier wieder so eines.

Ein paar unmaßgebliche Gedanken zu Prolo Bacigalupi: „Biokrieg“

1. Das Cover. Beim interessierten Publikum fiel das Cover der deutschen (Heyne) Ausgabe durch – weitestgehend. Nun, ehe mich der Ruf des Buches ereilte, hat mich das Cover auf es aufmerksam gemacht. Dafür gebührt ihm Anerkennung. Ja, mir gefällt es, und es hat auch einen Bezug zum Inhalt, auch wenn der sich nicht gleich offenbart, so wie das naturalistische Umschlagbild der Originalausgabe, das ich allerdings kaum als innovativ bezeichnen kann.
2. Ich habe nur gut 170 Seiten geschafft, dann noch etwas quergelesen. Insofern bin ich zu einem abschließenden Urteil nicht fähig. Aber es ging nicht. Was das Buch auch alles sei, auf mich wirkte es einfach langweilig! Sorry an alle, die es mögen.
Auf diesen 170 Seiten passiert im Grunde Zweierlei. Zum einen findet ein Mann auf einem Jahrmarkt eine Frucht, die ihn in höchste Euphorie versetzt. Zum anderen überfällt eine militante, halbstaatliche Eingreiftruppe einen Luftschiffshafen und beschlagnahmen eine komplette Luftschiff-Lieferung.
Der Leser lernt dabei diese Welt der nahen Zukunft kennen (Komisch, in einer Rezension las ich, das würde in einer fernen Zukunft spielen...). Die ökologische Krise schlägt voll durch, Klimaerwärmung, Überschwemmungen, einige küstennahe Städte sind überflutet.
Das Öl ist alle. Das ist das faszinierendste für mich an dem Buch: Es wird eine Welt ohne Öl beschrieben. Auch wenn es vieles nicht mehr gibt, was wir gewohnt sind, so ist zivilisiertes Leben in dieser Welt möglich. Was aber als Folge auf alle Fälle registriert werden muss: Die Globalisierung hat ein Ende. Ohne Öl scheint der Welthandel zusammengebrochen, auch Fernreisen sind nicht mehr so einfach und schnell zu bewerkstelligen. Das Ende der Globalisierung wird hier als die Zeit nach der Expansion beschrieben. Statt Flugzeuge gibt es gemächliche Luftschiffe, statt Motoren Muskelkraft genetisch veränderter Riesenelefanten. Das ist phantastisch! Das hat mir gefallen.
3. In der schon erwähnten Rezension hat der Rezensent das Buch daher übrigens als Steampunk klassifiziert. Nun, andererseits fand man den Titel Biopunk dafür. Das trifft es auf alle Fälle eher, denn die beschriebene Welt ist keine viktorianische. Ob es aber „Punk“ ist, wage ich auch zu bezweifeln. Warum kann es nicht ganz einfach SF sein? - Doch, eine Bezeichnung fällt mir noch ein: Kapitalistischer Produktionsroman. Irgendwie geht es dialoglastig, seitenweise um Lebensmittelprodukte. Ist ja konsequent, denn Kalorien, also Lebens-Energie ist der Dreh- und Angelpunkt der neuen Welt, mehr noch als heute (was er aber vielleicht sein sollte, nicht das Öl...). Neue biologische, genetische Fallstricke hält das Leben bereit und dagegen anzukämpfen ist das Ziel vieler Protagonisten. Ist schon ok, aber ich fand genau das dann langweilig.

Ich kann mir gut vorstellen, dass der Roman seine Fans hat, ich erkenne das Potential, das Buch ist gute Literatur (Intention, Sprache). Ich finde nur, dass es einfach zu viel des Guten hat. Muss man jeden Gedanken so auswalzen? Als Kontrast fällt mir Alfred Bester ein, dessen „Demolition Man“ vor Ideen sprüht, die aber oft nur angerissen werden. Reicht aber. Bacigalupi hat dafür die Handlung geopfert (zumindest bis Seite 170).

OK, kann mich jemand davon überzeugen, das Buch weiterzulesen?

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„Vermutlich haben die meisten Leute diese Hellboy-Geschichte nie zu Gesicht bekommen.“

Hellboy 11: Der Krumme
von Duncan Fegredo, Mike Mignola, Richard Corben
A5, Hardcover, vierfarbig,192 Seiten
ISBN 978-3-941248-78-6
www.cross-cult.de

„Vermutlich haben die meisten Leute diese Hellboy-Geschichte nie zu Gesicht bekommen.“ Schöner Satz, irgendwie. Wenn der auch zu einer der Stories des Bandes ausgeführt wurde, so denke ich, dass er – so formuliert – auf alle Stories zutrifft. Ist aber nicht schlimm, denn so gänzlich unpopulär ist der Rote lange nicht mehr!

Wurde bis Band 10 (der deutschen Ausgabe) die Story um Hellboy vorangetrieben, lässt der 11. Band etwas Ruhe eintreten. Die hier versammelten Erzählungen boten in erster Linie anderen Zeichner als dem derzeitigen Stamm-Zeichner die Möglichkeit, sich im HB-Universum auszutoben. Allerdings gibt sich der Meister – Mike Mignola – auch die Ehre. So befindet sich hier also die derzeit letzte Story, die Mignola auch gezeichnet hat.
Die Erzählungen setzen irgendwie auch in der Meta-Geschichte an, sind aber zum Teil den Ereignissen des vorherigen Bandes vorangesetzt, erklären ein paar Figuren. Insofern ist das, was hier erzählt wird, auch wichtig für den Fortgang des Mythos um den Höllenjungen.
Ich fange mal von hinten an.
„Wie Koschej unsterblich wurde“ und „Baba Jagas Festmahl“ greifen wieder einmal in die Schatzkiste russischer Folklore und Märchen, wo sich Mignola ja schon des öfteren bediente. Dies kann man nicht oft genug hervorheben, meine ich, denn es ist sicher nicht alltäglich, dass ein US-Amerikaner auf russische Motive zurückgreift, um diese auch in ihrer Exotik und bizarren Wirkung voll zur Geltung kommen zu lassen. Da ist mehr als nur der „böse Russe“ als Feind ehrenwerter westlicher Geheimagenten oder so.
Mignola sucht auf der ganzen Welt nach Sagen, Märchen, Legenden, die er verwenden kann; er hat daran ein echtes Interesse und präsentiert sie hier einem interessierten Publikum. Das macht neugierig.
Hmm, nun kam mir bei der Lektüre ein – wahrscheinlich abwegiger – Gedanke: Sein Interesse Russland und der Name „Hellboy“: Ob – vielleicht – Mignola die russische-sowjetischen Schriftsteller Boris und Arkadi Strugazki kennt? Erschienen sind sie ja auch in den USA. Das gibt es so eine Erzählung, auf Deutsch: „Der Junge aus der Hölle“. Klar, hat mit der Figur des Hellboy reinweg gar nichts zu tun. Und soweit ich es finden konnte, war der amerikanische Titel: „The Kid from Hell“ (erschienen 1982 in dem Band „Escape Attempt“, im Macmillan Verlag). Na ja, aber es könnte ja sein...
Die Geschichte um den unsterblichen Krieger Koschej, der HB in Band 10 das Leben schwer machte, kommt gänzlich ohne HB aus. Es wird seine Biografie beleuchtet. Er war nicht immer der Bösling, wurde aber betrogen und halbtot von einem Drachen adoptiert. Das hat so sein Vorzüge, aber auch Nachteile.
Ebenso in der Short-Story um die Hexe Baba Jaga. Sie wird von einem ihrer Opfer ordentlich geleimt. Ist ein bisschen makaber...
Die längste Geschichte ist einem Weird Tales Autor gewidmet, der etwas in Vergessenheit und in den Schatten der Großen des Genres geraten ist: Manly Wade Wellman. Wie man schnell herausbekommt, ist durchaus auch im Deutschen einiges von ihm erschienen. Allerdings hat sich da im literarischen Gedächtnis nicht viel festgesetzt zu haben. Schön, dass er hier ausführlichst in einem Nachwort vorgestellt wird.
Er widmete sich unter anderem verstärkt der Mythologie der Apalachen. Die Wälder verbergen so einige dunkle Geheimnisse. Auch hier lohnt es sich, mal nachzuforschen, denn es ist schon interessant, wie sich im Grunde in kurzer historischer Zeit eigenständige Kulturen abgelegener, isolierter Menschengruppen herausgebildet haben, die auch von den Kreuzungen und Begegnungen europäischer Siedler und amerikanischer Ureinwohner ableitete. So werden hier z.B. die Melungeous erwähnt, von denen ich zuvor nie was gehört hatte.
Die lange Titelstory wurde von Richard Corben gezeichnet. Ich muss gestehen, dass mir sein Stil am Ende doch nicht so gut gefällt. Ich kenne ihn als Autor / Zeichner leicht frivoler Fantasy-Geschichten, in den großbusige Damen die Hauptrolle spielen. Das kann er. Nun ja, da guckt man auch gerne hin. In die unheimlichen Gefilde der Hinterwäldler passt er m.M.n nicht so sehr, denn seine Horrorfratzen wirken durch die runden Grundformen, die Corben gerne verwendet, auf mich eher lustig. Allerdings kann er sehr schön mit Schatten spielen, was durchaus eine gruslige Wirkung erzielt.
„Der Krumme“ spielt 1958, aber es könnte auch 1858 sein. Der Krumme ist so eine Figur aus den Wäldern der Apalachen, auch Mr. Witkins genannt. Er ist ein Unruhestifter, so etwas wie die böse, dunkle Kehrseite des Amerikanischen Traums. Er war einer der ersten weißen Siedler. Er heizte den Zwist zwischen den Siedler und den Indianern an, um daraus seinen Profit zu ziehen. Er war im Unabhängigkeitskrieg auf der Seite der englischen Krone, spielte im Bürgerkrieg einen Doppelrolle. Irgendwann wurde er ob seiner Verbrechen gehängt, aber der Teufel schickte ihn auf die Erde zurück, um nun statt Gold Seelen zu sammeln.
Er ist in der Story der Anführer von Hexen. Wie hier Hexen dargestellt werden, habe ich bis dato selten so dezidiert und speziell vorgeführt gesehen. Das allein macht die Story sehr lesenswert!
Ein junger Mann versucht des Fluches des Krummen zu erwehren, den er sich als junger Hexer einfing. Hellboy hilft dabei, aber im Grunde kommt die Geschichte fast ohne Zutun des Roten aus.
Mein Favorit in dem Band ist „Die in Schiffen übers Meer fahren“. Hier lernte ich den Grafiker Jason Shawn Alexander. Der Mann hat's drauf, alle Wetter! Wenn ich das richtig recherchiert habe, dann ist er auch sonst als ernsthafter Grafiker, Künstler unterwegs, also nicht nur als Comic-Zeichner, wobei ich diese Zunft keineswegs abwerten möchte.
Es geht um den Schädel des Piraten Blackbeard, der zum verfaulten Körper findet. Hier hat HB ordentlich was dreinzukloppen.
Auch wieder was gelernt: „Mr. Scratch“ ist der Teufel in frühen amerikanischen Volkssagen. Na ja, das muss man ja wissen, wenn man The Simpson sieht...
„Die Kapelle von Moloch“ - Mignolas aktuelle HB-Story (als Zeichner). Er erfindet einen Ritterorden (um sich nicht vorwerfen zu lassen, dass er nicht historisch korrekt sei, wenn er auf reale Figuren zurückgreift) und leistet by the way eine Hommage an den Künstler des Unheimlichen, Goya. Sehr fein!
Nun, auch wenn ich mich inhaltlich etwas ausgebremst fühle, da die großen, unheilvollen Entwicklungen,die Mignola in Band 10 ankündige, kein Stück vorwärts gekommen sind, so ist der Band aber sehr schön, abwechslungsreich, lehrsam, wie man lesen konnte. Insofern eine Empfehlung!


- geschrieben für buchrezicenter.de -

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Prog Rock Future Psychedelic Reise im Kleinformat

Arjen A. Lucassen & Wilko Müller jr.
"Die Reise ins Elektrische Schloss"

Lyrik in Prosa umzusetzen ist wohl nicht so einfach. Wilko Müller jr. hat es versucht. Das Ergebnis: Das Experiment ist gelungen!
Zunächst die Form: Das Buch hat die Bezeichnung „Taschenbuch“ wahrlich verdient; was ansonsten so als TB angeboten wird, passt allenfalls in einen geräumigen Rucksack. Dieses kleine Büchlein kann man aber bequem in jede Jackentasche stecken.
Das Buch umfasst knapp 50 Seiten. Damit bietet es Platz für eine Erzählung, die der geübte Leser während der Straßenbahnfahrt zur und von der Arbeit schafft. Ich denke, man braucht nicht länger als das Doppelalbum Laufzeit hat; wahrscheinlich sogar weniger.
Das Coverbild von „radu-jm“ ist toll; allerdings könnte es den Leser in die Irre führen, denn es erinnert eher an ein Fantasy-Sujet. Es lehnt sich aber an die Covergestaltung von Jef Bertels des Musik-Albums an, auf dessen Grundlage die Erzählung entstand. Auch darauf ist das „elektrische Schloss“ kein hypermodernes Raumschiff.
Wilko hat die Texte und die Idee des Prog Rock Konzeptalbums des Musikprojektes AYREON, „Into The Electric Castle“, zur Vorlage für eine philosophische SF-Story genommen. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass ich mich – trotzdem ich das Album mehrmals mit Begeisterung hörte – mich nie mit dem Inhalt befasst habe. Doch scheint dem Schöpfer, Arjen A. Lucassen, sehr viel an der Aussage seiner Lieder gelegen zu sein.
Was ist das nun für eine Story?
Da werden also Leute verschiedener Zeitalter in ein „elektrisches Schloss“ entführt. Das Schloss ist wohl eher was Futuristisches, nur können es der Ritter, der Römer, die Indianerin, die Ägypterin kaum als solches erkennen. Der Hippie wohl auch nicht, da er ohnehin bis zum Schluss glaubt, er habe einen Drogentraum, der ihn eine Inner Space Reise machen lässt. Wobei dies auch nicht so verkehrt ist.
Am Ende werden sie über den Sinn ihrer Entführung und eines gewaltigen Experiments aufgeklärt.
Ich kann das kleine Büchlein nur sehr empfehlen. Es ist etwas Besonderes, ein Kleinod. Wer die Musik Ayreons mag, MUSS es ohnehin haben. Nur darf man nicht zu viel an Action erwarten, da bleibt die Erzählung etwas zaghaft. Es sind mehr die verwunderten Gedanken der Protags, dann ihre philosophischen Überlegungen und Gedankensplitter und die schöne Message am Ende, die die Erzählung tragen. Der Text bleibt für meinen Geschmack etwas zu kurz; man kann kaum mit den Personen warm werden. Doch mag dies an der Art der Vorlage liegen. Nun, Lucassen hat damit die SF nicht neu erfunden; man fühlt sich sofort an „Flusswelt“ erinnert.
Was hat es mir gebracht? Na, habe sofort weiderholt das Album laufen und höre mehr auf den Text.



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AQUAGENE

Cord Hagen: "AQUAGENE"
Thriller, Heyne, 2010

Nach „Der Schlund“ sein 2. Wissenschafts-Thriller. Das mit der Wissenschaft steht ja nicht auf dem Cover, er ist aber deutlich „wissenschaftlicher“ als der erste Roman.
Das Thema ist die Klimaerwärmung; allerdings phantastisch überhöht – hoffe ich zumindest. Oder kennt jemand lebende Kiemenmenschen?
Interessant ist, wie hier eine aktuelle Entwicklung hochgerechnet wird. Prämisse ist, dass Klimaveränderungen einen Evolutionsdruck auf den Menschen ausüben. Ist schon erstaunlich; ich denke da an meinen Biologieunterricht: Damals hat mein Lehrer die Frage, ob der Homo sapiens sich weiterentwickeln kann, verneint. Wir wären ein evolutionäres Endprodukt. Die größten Veränderungen, die der Mensch als Art erlebt, sind die die er selber verursacht. Aber warum sollen die nicht auf ihn – auf seine biologische Art – zurück wirken?
Mehr Wärme, weniger Eismassen, mehr Wasser – was läge näher als der Gedanke, dass das Leben - auch das menschliche – sich wieder an das Wasser anpasst?
Parallel entbrennt ein Weltkrieg um die Rohstoff-Ressourcen, u.a. Auf Grönland. Beide Themen führt der Autor gekonnt zusammen.
Die Figuren sind hinreichend interessant, können nicht sogleich in stereotype Schablonen eingeordnet werden. Mitunter allerdings, insbesondere in der ersten Hälfte des Romans, gibt es ein paar Sachen, die sind etwas überzogen. Außerdem legt der Autor insbesondere zwei Personen politische Statements in den Mund, die an trübe Stammtischrunden erinnern. Das kann er besser, wie er in der 2. Hälfte dann auch beweist.
Es passiert viel in dem Roman auch am Rande, was etwas befremdlich wirkt. So entbrennt ein Atomkrieg zwischen den USA und Russland, aber so richtig bedrückend wirkt das nicht auf die Protagonisten.
In „Der Schlund“ war es die Urbevölkerung der Kanaren, die dem Roman einen besonderen exotischen Rahmen verlieh, hier sind es die Eskimos. Man kann wieder recht viel und Interessantes daraus lernen.
Das Buch ist ja ein Thriller, aber auch eine satte Utopie. Ja, so was gibt es wohl noch in der modernen SF-lastigen Literatur. Auch wenn seine Wasser-Utopie biologisch fundiert ist, so nutzt der Autor sie für eine Kritik an der gegenwärtigen Weltordnung und gleichzeitig für den Entwurf eines Modells, wie es besser gehen könnte. Nicht alles ist eindeutig; Gedanken werden im harrten Streit zwischen den Figuren entwickelt; aber unterm Strich gibt es Hoffnung für die Welt der Menschen, auch wenn die dann nicht mehr die sind, wie wir uns kennen.

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The seventies rules! - Warlord 1 - Comicrezension

Mike Grell: Warlord 1 - Skartasis | Cross Cult

Habe mich wie ein Kind auf die Lektüre gefreut und gestürzt. Selber habe ich diese Hefte natürlich nicht gelesen – damals. Das wäre ja unter „Schmutz und Schund“ aus dem „Westen“ streng verboten; daher wurde ich als DDR-Comic-Leser mit Mosaik, Fix und Fax, Antomino und Erich Schmitt sozialisiert. Na, auch nicht übel, aber…

Ja, die 70er und 80er. Habe mir beim Lesen gleich Platten von E.L.O. aufgelegt (vielleicht würde dazu ja auch krachiger hard Rock passen...). Das waren noch Zeiten, als so ein Album eine knappe Dreiviertelstunde lief. Und ähnlich ist es mit dem Comic: Kurz und knackig, rasant, auf den Punkt gebracht. Tatsächlich – um mal Äpfel mit Birnen zu vergleichen – wenn ich mir da z.B.die aktuellen Superhelden-Comics ansehen: Viele bunte Seiten, viel Getöse, aber was passiert da eigentlich?

Nun, The Warlord ist zunächst mal nicht in Farbe. Die Herausgeber entschieden sich für eine „edle Schwarz-Weiß-Edition“. Das fordert dem Leser / Betrachter mehr Aufmerksamkeit ab. Ansonsten lässt die Ausstattung nichts zu wünschen übrig: Sehr fester Hardcover-Einband im Leder-Look, satte 200 Seiten, ein ordentlich großes Format, eine farbige Cover-Galerie und eine sehr gute Vorstellung des Autors und Zeichners, Mike Grell. Die ist sicher auch notwendig, denn der Stoff ist nicht ganz unproblematisch. So ein bisschen kann ich die Bedenken der Jugendschützer damals schon verstehen, wenn sie bei solchen Geschichten die Lippen verziehen würden (und warum so etwas bei „uns“ nicht erscheinen konnte…). In der Form, wie der Verlag mit dem Stoff umgeht (Nachwort, Präsentation) steht aber fest, an wen sie sich wenden.

Worum geht es?

Der US-Air Force Pilot Travis Morgan wird bei einem Spionageflug über der UdSSR von einer Abwehrrakete getroffen und flüchtet über den Nordpol. Leider stürzt er irgendwo im Norden Kanadas ab – denkt er zumindest. Komisch nur, dass da Palmen wachsen und es auch ziemlich heiß ist..

Was er bald heraus bekommt: Er ist über ein riesiges Loch ins Innere der Erde geflogen. Auf der Innenseite der Erdkugel gibt es eine andere Welt: Skataris, bevölkert von Sauriern, Säbelzahntigern und Menschen, die wie eine Mischung aus Wikingern und Römern wirken und sich ebenso wild gebärden wie die Urzeittiere.

In dieser Welt ist es immer Mittag, eine Sonne steht immer am Zenit. Es gibt auch keinen Horizont. Wie sich herausstellt, stimmt auch so einiges andere nicht, so zum t dem Ablauf der Zeit. Zeitmessung scheint überhaupt nicht zu gehen, was dem Autor freie Hand beim Timing seiner Abenteuer gewährt. Zeit sei relativ, kann man da lesen, das sie aber auf eine irrwitzige Weise verläuft, hat Einstein so sicher nicht formuliert. Die damit verbundenen Ungereimtheiten nimmt er auch in Kauf, fördert sie sogar und bietet sie sozusagen rotzfrech seinen Lesern an: Da legt sich unser Bruchpilot zum Beispiel das erste Mal schlafen und wacht mit einem Vollbart auf.

Es gibt eine Meta-Story: Die Völker dieser Innenwelt sind die Nachfahren der Flüchtlinge des untergegangenen Atlantis, leider gab es wohl auch atomare Vernichtungskriege, in deren Folge einige Menschen degenerierten. Halbwesen (Mensch, Tier) entstanden. Mit den Überresten, auch Robotern, einem kanibalistischen Cyborg, einer fliegenden Stadt usw. sieht sich der Held konfrontiert.

Travis Morgan kommt sehr schnell mit dieser ihm fremden Welt zurecht. Er wird zum mörderischen Barbaren, der Probleme mit dem Schwert löst, zum Spartakus wird, einen Tyrannen besiegt, der aber am Ende doch wieder auftaucht, natürlich vollbusige Damen an seiner Seite weiß und Krieger und Monstren meuchelt. Natürlich: Die Frauen haben hier nicht viel an; die Männer übrigens auch nicht. Als eine Frau in die Welt kam, hat sie sich auch so einen Fummel angezogen. Allerdings hat der Autor dies begründet; denn ihre moderne Kleidung aus dem XX. Jh. fällt in dieser archaischen Welt mehr auf; sie muss sich halt anpassen.

Die Stories halten sich nicht mit langen Reden um den hießen Brei auf. Sie kommen schnell zur Sache, was meist rasante Kämpfe bedeutet. Die Plots sind daher sicher nicht sehr raffiniert, aber Langweile kommt nicht auf.

Die einfachen Geschichten transportieren eine Ideologie, die allerdings mit einem Augenzwinkern präsentiert wird; zumindest möchte ich da so herauslesen. Mitunter ist das Pathos einfach überzogen, in der Mitte dieses Bandes schien mir auch eine deutliche selbst-ironische Note hinzuzukommen, dazu die schon angedeuteten logischen Ungereimtheiten, die hier im vollen Bewusstsein eingebaut werden. Die Sprüche sind teilweise echter Wahnsinn, in einer Weise überzogen, dass sie unmöglich ernst gemeint sein können.

Mike Grell präsentiert hier einen Haudrauf, der sich seiner Männlichkeit und Körperkraft erfreut, der nie lange fackelt (wobei diese „Erst Hauen, dann Fragen“-Mentalität sich an einer Stelle als eindeutig falsch erweist und den Helden und seine Freunde in eine Falle tappen lässt – ich vermute aber, das tut der Einfalt keinen Abbruch…), der bewusst das Recht des Stärkeren propagiert. Er entwickelt in der Urwald-Hitze der Welt des ewigen Mittags einen Hang zum Spaß am Töten. Das ist sicher befremdlich. Aber auch Freiheit und Selbstbestimmung, auch der mitkämpfenden Frauen sind Ideale. Der US-Pilot spricht Russisch; eine russische Wissenschaftlerin rettet er vor seinen eigenen Landsleuten; es gibt ganz klare antirassistische Statements; all das dürfte in der Hochzeit des Kalten Krieges für diesen Rahmen mutig gewesen sein.

Die Posen sind oft theatralisch überzogen: Männer scheinen grundsätzlich Bärte zu haben und immer sehr breitbeinig dazustehen. Die Kämpfe sind zwar kraftvoll, wirken aber eher wie ausgefeilte Choreografien.

Ist man sich der diversen Überreizungen bewusst, und auch in der richtigen Stimmung, kann man diese alten Geschichten einfach nur genießen. Ich habe es getan und freue mich schon sehr auf die eine weitere Exkusrion in die 70er Comicwelt, in der ohne Hemmung Fantasy, Science Fistion zu einem Abenteuergarn gesponnen wurde, dass die Schwarte kracht.


Thomas Hofmann, ein Phantastik-Fan

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© Thomas Hofmann

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Als Freund der phantastischen Künste artikuliere ich mich seit ca. 1988. Vielleicht kennen einige von Euch meine Zeichnungen. War auch als Rezensent im Fandom unterwegs, einst vor allem im leider nicht mehr existenten Fanzine SOLAR-X, neuerdings im NEUEN STERN (kein Fanzine, nur ein "Rundbrief...")

Dieses Blog soll den geneigten Leser auf Tipps und Termine in Sachen Phantastik aus dem Raum Halle / Leipzig hinweisen. Einer alten SOLAR-X-Tradition folgend möchte ich auch Berichte zu von mir besuchten SF / Phantastik-Veranstaltungen einstellen.
Ich will immer mal wieder auf die Stammtisch-Termine meines Heimat-SF-Clubs, des ANDROMEDA SF CLUB Halle und auf die Veranstaltungen des Freundeskreis SF Leipzig hinweisen.

Man wird hier auch die eine oder andere Rezension zur Phantastik aus alten Tagen von mir finden, von denen zumindest ich meine, dass sie nicht völlig dem Vergessen anheim fallen sollen.

Mehr als Merkhilfe für mich, aber vielleicht auch als Anregung für den einen oder die andere Leser/in wird hier meine kommentierte Leseliste zu finden sein.


( Ich auf FB )

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Archiv

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Bücher, die weitestgehend von mir illustriert wurden:
Sagen der Oberlausitz, Nordböhmens und angrenzender Gebiete; Oberlausitzer Verlag A. Nürnberger, 1990

Sagen der Oberlausitz..., Band II, ebd., 1991
Oberlausitzer Kochbuch mit historischen Betrachtungen, ebd., 1991
Märch. d. Bergwelt, ebd., 1991
Wilko Müller jr. & Renald Mienert: Die Zeitläufer, Solar-X-Prod., 1994
Das große Dorfhasser-Buch, Aarachne, Wien, 2000
Christian v. Aster: Nachmieter gesucht, midas 2000
Von dunklen Kräften und alten Mächten, Rollenspielbuch, Caedwyn, Hannover 2001
Das große Verwandtenhasserbuch, Aarachne, Wien 2001
N. Rensmann: Ariane, Bastian, Luzifee und Co., K&C Buchoase,Solingen, 2001
Felten & Streufert: Gänsehautgeschichten, K&C Buchoase, Solingen, 2001
Spinnen spinnen. Die Anthologie zu nützlichen Tieren, Aarachne, Wien 2002
Peter Brandtstätter: Von Schmetterlingen und der Liebe..., Wien, 2002
Feenmond, Rollenspielbuch, Caedwyn, Hannover 2002
Ruf der Ferne, Rollenspielbuch, Caedwyn, Hannover 2003
Frank Haubold: Das Geschenk der Nacht. Phantastische Erzählungen, EDFC e.V., Passau, 2004
Das Mirakel, Phantastische Erzählungen, EDFC e.V., Passau, 2007
Rose Noire, Anthologie im Voodoo-Verlag, 2009
Michael Knoke: Das Tal des Grauens, Voodoo-Verlag, 2010
Michael Siefener: Die Entdeckung der Nachtseite, Verlag Lindenstruth, 2011

A.G.Wolf: Die weissen Männer, VP 2013

Bücher, an denen ich mich beteiligen durfte:
Der Abenteuerwald. Phantastische Nachwuchsanthologie, Kreutziger Verlag, 1996
Das Herz des Sonnenaufgangs, Eine Alien Contact Anthologie, 1996
Liber XIII und andere unerwünschte Nachlässe, Goblin Press, 1999
Lichtjahr 7, Freundeskreis SF Leipzig e.V., 1999
Von kommenden Schrecken, Buch zum ElsterCon, Leipzig, 2000
Der Erstkontakt. Stories und Bilder aus dem Perry-Rhodan-Wettbewerb, Berlin, 2001
Phantastik 2002, Taschenkalender, 2001
Michael Lohr, Gemurmel aus dem Buch der Drachen, 2001 [/font
Hysterisch funktionieren, Aarachne, Wien. 2002
C. Bomann: Anthrins Kind, Abendstern-Verlag, Parchim, 2002
C. Bomann, Parchimer Hexengeschichten, Abendstern-Verlag, Parchim, 2002
Des Todes bleiche Kinder, Abendstern-Verlag, Parchim 2002
Geschichten von Phönix und Sperling. Buch zum ElsterCon, Leipzig, 2002
Cover: Wilko Müller jr.: Operation Asfaras, Ed. Solar-X, 2003
Alien Contact Jahrbuch 1 für 2002, Shayol, 2003
Alien Contact Jahrbuch 2 für 2003, Shayol, 2004
Alien Contact Jahrbuch 3 für 2004, Shayol 2005
Cover: Carl Grunert: Der Marsspion, DvR, 2005
G. Arentzen: Christoph Schwarz, Detektiv des Übersinnlichen, Bd. 1 bis 6, Romantruhe, 2005
M. Borchard: Der Zeitarzt, SF Blues Bd. 4, edfc, 2005
Cover: Wilko Müller jr. & Renald Mienert: Die Zeitläufer, Ed. Solar-X, 2005
Cover: Carl Grunert: Im irdischen Jenseits, DvR, 2005
Cover: Carl Grunert: Zukunfts-Novellen, DvR, 2005
Markus Kastenholz: Tiamat 1 - Asche zu Asche, VirPriV-Verlag, 2005
Welt der Geschichten 1, Web-Site-Verlag, Mai 2006
Cover: Wilko Müller jr.: Mandragora, Ed. Solar-X, 2006
Kastenholz, Ippensen: Tiamat 2 - Die Stunde Null, VirPriV-Verlag, 2006
Nocturno 6, VirPriV-Verlag, 2006
Alien Contact Jahrbuch 4 für 2005, Shayol, 2006
Welt der Geschichten 2, 2006 (alte Ausgabe; in der Nachauflage von 2008 sind keine Bilder von mir enthalten)
Welt der Geschichten 3, 2008 (neue Ausgabe)
Cover: Bernd Rothe & Astrid Pfister (hg.): Gequälte Seelen; Welt der Geschichten Sonderausgabe, 2008
Robert N. Bloch: Michael Siefener. Eine kommentierte Bibliographie, Verlag Lindenstruth, 2011
Frank W. Haubold: Der Puppenmacher von Canburg, Edition Lacerta(eBook) und CreateSpace Ind. Pub. Platform, 2012

"Saramees Blut", Atlantis 2012

M. Kastenholz: Projekt Hexenhammer, Printausgabe, 2013

Magazine und SmallPress
Alien Contact, Kopfgeburten, GOTHIC, The Gothic Grimoire, Vanitas, Tanelorn, Fleurie, Bonsai 6 / Zimmerit 5, 1995, Tumor (Sonderheft 8), Andromeda SF Magazin des SFCD 143 / 144, EXODUS 15 / 16 / 17 / 18 / 19 (mit Galerie v. mir, 2006) / 20 / 21 / 22 / 24 / 25 / 27
einblicke. Zeitschrift der Krebsforschung, August 2005,
Watchtower 8 / 9
Die Ruhrstadt-Zeitung 41
ARCANA 6 (2005)
Andromeda Nachrichten 216, 218 / 219, 220, 222, 223, 224
Nova 16 (2010)
Fantastic Artzine 1, Fantastic Artzine. Halb-Zeit, beide 2012

Nova 22 (2014)

Fanzines

Solar-X, Fiction Post, Goblin Press Hefte

CD-Cover
The Beat Of Black Wings: Nightfall; 1999
Syngularity: The Four Horsemen; 2000
Gothica: Within A Dream; 2000
Gothica: Into The Mystic; 2000
The Beat Of Black Wings: Black Love; 2000
Gothica, Workbook 1995, 2003

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