Das Einhorn, eines der zauberhaftesten Geschöpfe des Märchenwaldes, hat die Phantasie der Fantasy-Autoren immer wieder herausgefordert. Jetzt hat Fabienne Siegmund die Frage aufgeworfen: Was wurde eigentlich aus all den Einhörnern, die damals von Amalthea und Lir befreit wurden ..? 190 Autoren folgten dem Schreibaufruf, 17 Beiträge fanden Aufnahme in die Anthologie, nun liegt das Buch vor: Es heißt "Die Einhörner" und erschien im Verlag Torsten Low.
Zugegeben: Ein wenig Skepsis gegenüber dem Thema hatte ich schon. Einhörner sind doch beinahe von Natur aus kitschig, so kitschig wie Delfine ... Und obendrein: Peter S. Beagle ist nicht zu toppen. Wer's nicht glaubt, hat ohnehin keine Ahnung von Einhörnern.
Wer das aber weiß (und beim Lesen immer mal wieder die Melodie von "America" vor sich hin summt), der findet sich sehr schnell im Einverständnis mit der Herausgeberin und den Autoren. Das Vorwort Fabienne Siegmunds stimmt den Leser denn auch sehr gut ein auf eine Hommage an das letzte Einhorn und auf die Suche nach den verschwundenen Wundertieren, die womöglich heute noch leben, unerkannt, unentdeckt, gar verzaubert ...
Die Anthologie ist sehr prominent besetzt, als besonderes Bonbon findet sich darin sogar ein Gedicht von Peter S. Beagle himself, ein Lied Amaltheas an Lir unter dem Titel "Im tiefen Wald". Auch sonst hat die Sammlung einige Überraschungen zu bieten. So lässt Linda Budinger in der Geschichte "Seelenjäger" ein Qilin, die chinesische Variante des Fabeltieres, auf einen Leprachaun und den Affenkönig Sun Wukong treffen und gegen einen Wechselbalg kämpfen. In Gestalt eines Meeresbewohners begegnet dem Leser das Einhorn/Qilin in "Die Jäger des Kagan" von Susanne Wolff. Aber auch in Kriegs- und Bürgerkriegsgebieten zwischen detonierenden Bomben, brennenden Ruinen und Maschinengewehrfeuer taucht das Zauberwesen auf, wie es Christoph Marzi in seiner berührenden Geschichte "Sand und Stille" erzählt.
Nicht jede Geschichte ist unbedingt herausragend, und jeder Leser wird in dem Buch vermutlich seine eigenen Höhepunkte und Schwachpunkte finden. Meine drei Lieblingsstorys waren:
"Fräulein Ludmillas Einhorn" von Barbara Hagen: Eine zauberhafte, etwas bittere Geschichte um eine pensionierte Lehrerin, die in ihrer Jugend einmal ein Einhorn gesehen hat und nun im Ruhestand eine ungewöhnliche Begegnung hat.
"Die weiße Nacht" von Nicole Gift: Eine junge Frau gerät bei einem Unfall in das Reich zwischen Leben und Tod - und böse, hasserfüllte Einhörner blasen zur Jagd und zur Rache an den Sterblichen.
"Das Taubenmädchen" von Fabienne Siegmund: Ein modernes Märchen um eine ungewöhnliche Frau im Central Park, die ein wenig an die Vogelfutter-Händlerin aus "Mary Poppins" erinnert. Zauberhaft und in der unvergleichlichen Sprache und Logik Fabienne Siegmunds erzählt - was will man mehr?
Illustriert wurde das Buch von Elke Brandt, die für jede der Geschichten ein stimmungsvolles Bild zum Einstieg schuf. Von ihr stammt auch das Cover, das durch die schlichte Schwarzweiß-Gestaltung ausgesprochen minimalistisch daherkommt. Ein Bild, das durchaus einen zweiten oder dritten Blick braucht und nicht unbedingt zum sofortigen Zugreifen zwingt. Wer es jedoch längere Zeit auf dem Schreibtisch liegen hat, wird merken, dass es durchaus seinen Zauber hat.
Fazit: Eine sehr schöne Sammlung, geschrieben mit sehr viel Herzblut, in der es eine Menge zu entdecken und einige Perlen zu finden gibt. Lesenswert.
Fabienne Siegmund (Hrsg.): Die Einhörner. Anthologie mit Illustrationen von Elke Brandt. Meitingen/Erlingen: Verlag Torsten Low, 2012. 320 S., Euro 13,95.
Zugegeben: Ein wenig Skepsis gegenüber dem Thema hatte ich schon. Einhörner sind doch beinahe von Natur aus kitschig, so kitschig wie Delfine ... Und obendrein: Peter S. Beagle ist nicht zu toppen. Wer's nicht glaubt, hat ohnehin keine Ahnung von Einhörnern.
Wer das aber weiß (und beim Lesen immer mal wieder die Melodie von "America" vor sich hin summt), der findet sich sehr schnell im Einverständnis mit der Herausgeberin und den Autoren. Das Vorwort Fabienne Siegmunds stimmt den Leser denn auch sehr gut ein auf eine Hommage an das letzte Einhorn und auf die Suche nach den verschwundenen Wundertieren, die womöglich heute noch leben, unerkannt, unentdeckt, gar verzaubert ...
Die Anthologie ist sehr prominent besetzt, als besonderes Bonbon findet sich darin sogar ein Gedicht von Peter S. Beagle himself, ein Lied Amaltheas an Lir unter dem Titel "Im tiefen Wald". Auch sonst hat die Sammlung einige Überraschungen zu bieten. So lässt Linda Budinger in der Geschichte "Seelenjäger" ein Qilin, die chinesische Variante des Fabeltieres, auf einen Leprachaun und den Affenkönig Sun Wukong treffen und gegen einen Wechselbalg kämpfen. In Gestalt eines Meeresbewohners begegnet dem Leser das Einhorn/Qilin in "Die Jäger des Kagan" von Susanne Wolff. Aber auch in Kriegs- und Bürgerkriegsgebieten zwischen detonierenden Bomben, brennenden Ruinen und Maschinengewehrfeuer taucht das Zauberwesen auf, wie es Christoph Marzi in seiner berührenden Geschichte "Sand und Stille" erzählt.
Nicht jede Geschichte ist unbedingt herausragend, und jeder Leser wird in dem Buch vermutlich seine eigenen Höhepunkte und Schwachpunkte finden. Meine drei Lieblingsstorys waren:
"Fräulein Ludmillas Einhorn" von Barbara Hagen: Eine zauberhafte, etwas bittere Geschichte um eine pensionierte Lehrerin, die in ihrer Jugend einmal ein Einhorn gesehen hat und nun im Ruhestand eine ungewöhnliche Begegnung hat.
"Die weiße Nacht" von Nicole Gift: Eine junge Frau gerät bei einem Unfall in das Reich zwischen Leben und Tod - und böse, hasserfüllte Einhörner blasen zur Jagd und zur Rache an den Sterblichen.
"Das Taubenmädchen" von Fabienne Siegmund: Ein modernes Märchen um eine ungewöhnliche Frau im Central Park, die ein wenig an die Vogelfutter-Händlerin aus "Mary Poppins" erinnert. Zauberhaft und in der unvergleichlichen Sprache und Logik Fabienne Siegmunds erzählt - was will man mehr?
Illustriert wurde das Buch von Elke Brandt, die für jede der Geschichten ein stimmungsvolles Bild zum Einstieg schuf. Von ihr stammt auch das Cover, das durch die schlichte Schwarzweiß-Gestaltung ausgesprochen minimalistisch daherkommt. Ein Bild, das durchaus einen zweiten oder dritten Blick braucht und nicht unbedingt zum sofortigen Zugreifen zwingt. Wer es jedoch längere Zeit auf dem Schreibtisch liegen hat, wird merken, dass es durchaus seinen Zauber hat.
Fazit: Eine sehr schöne Sammlung, geschrieben mit sehr viel Herzblut, in der es eine Menge zu entdecken und einige Perlen zu finden gibt. Lesenswert.
Fabienne Siegmund (Hrsg.): Die Einhörner. Anthologie mit Illustrationen von Elke Brandt. Meitingen/Erlingen: Verlag Torsten Low, 2012. 320 S., Euro 13,95.















