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Lesekultur (er)leben! Ein Rückblick auf das Literaturcamp Bonn 2017 (#40)

Geschrieben von Sierra , in Veranstaltung, Kulturraum Rheinland 16 April 2017 · 196 Aufrufe
Barcamp, Literaturcamp, Bonn und 6 weitere...

Lesekultur (er)leben! Ein Rückblick auf das Literaturcamp Bonn 2017

Ich muss zugeben, dass ich vor meiner Teilnahme am Literaturcamp Bonn 2017, das am 8. April in der VHS Bonn stattfand, recht skeptisch war, ob mir diese Veranstaltung gefallen würde. Dies hatte vor allem damit zu tun, dass ich keinerlei Erfahrungen mit dem Veranstaltungstyp »Barcamp« mitbrachte. Klar habe ich in der Vergangenheit an diversen universitären Tagungen und einigen wenigen Fan-Conventions im Phantastikbereich teilgenommen. Aber diese zeichneten sich meist dadurch aus, dass sie inhaltlich minutiös vorgeplant waren, sodass die vorab festgelegten thematischen Inhalte und die
ausgewählten Redner im Zentrum der Veranstaltung standen.

Das Literaturcamp Bonn verfolgt ein anderes Konzept. Der von Uschi Fuchs, Christine Krauß und Ute Lange bereitgestellte infrastrukturelle Sockel (Veranstaltungsort, Technik, Verpflegung, Tickets u.a.) diente einer Veranstaltung, die sich inhaltlich – typisch Barcamp – selbst um das Rahmenthema »Literatur« organisieren sollte. Als ich am Samstag nach dem Check-In im großen Saal der VHS Bonn Platz nahm, wurde meine Skepsis nicht unbedingt kleiner. Tatsächlich sind die über hundert angekündigten Menschen auch alle gekommen und ich fragte mich insgeheim: Wie sollte man sich binnen einer Stunde gescheit vorstellen und auch noch auf inhaltliche Workshops (»Sessions«) einigen?


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Bild: Literaturcamp Bonn

Nach der sehr freundlichen Begrüßung durch das Orga-Team begann dann schon die Vorstellungsrunde (hier ein Schnappschuss), indem jedefrau und jedermann per Mikrofon Auskunft geben sollte, warum er sich für Literatur interessiere, was er zurzeit lese und was ihn sonst noch so beschäftige. Die Vorstellungsrunde war angesichts der vielen Teilnehmer erwartungsgemäß etwas mühsam – und rief doch eine wichtige Gemeinsamkeit zwischen den TeilnehmerInnen in Erinnerung: Natürlich ist Deutschland ein Fernsehland, aber es ist auch ein Land der Lesekultur, der viele Menschen gerne in ihrer Freizeit frönen.

Im Vergleich zur Vorstellungsrunde war die folgende Sessionplanung eine erstaunlich kurzweilige Angelegenheit. Flugs stellten sich viele TeilnehmerInnen der Reihe nach auf und präsentierten auf der Bühne ihre Session-Ideen. Mit einer kleinen Verspätung ging es dann anschließend in die Gruppen.


Versteckte Vergangenheit – Biografisches Schreiben über Euthanasie (Session 1)

Die Wahl der ersten Session, die ich besuchen wollte, fiel mir leicht. Die Frage, wie literarisch an den Holocaust erinnert wird (werden kann), interessiert mich seit meinem Studium. Dass im Rahmen des Literaturcamps eine Session mit einem so starken historisch-politischen Schwerpunkt angeboten wurde, war für mich eine erste positive Überraschung.

Im Anschluss an die Hinführung des NGO-Beraters Martin Georgi zu dem Thema »Euthanasie-Morde in der Zeit des Nationalsozialismus« wurde via Skype Gunnar Sohn, Wirtschaftspublizist und Blogger aus Bonn, dazugeschaltet. Sohn berichtete von seinen Nachforschungen zu seinem Großvater Wilhelm Sohn, der von den Nazis als Psychiatriepatient in der Anstalt Bendorf-Sayn (bei Koblenz) ermordet wurde. (Ein längerer Vortrag Gunnars über seinen Großvater, aber auch über das Erstarken diskriminierender, weil deutschtümelnder Identitätspolitiken in der Gegenwart findet sich hier.)

Danach erzählte die Journalistin Johanna Herzing von ihrer Urgroßtante Gertrud Ferchland, die im Jahre 1943 in der Heil- und Pflegeanstalt Meseritz-Obrawalde ermordet wurde, – bei ihren Recherchen für ihr Radio-Feature korrespondierte Herzing mit Archiven in Deutschland und Polen und dem Historiker Götz Aly. Gunnars und Johannas Berichte waren packend und reizten die TeilnehmerInnen zum Nachfragen. Gerne hätte ich einen längeren Ausschnitt aus der Sendung gehört, um mehr über ihre konzeptionellen Überlegungen bei der Gestaltung des Radiobeitrags zu erfahren.

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Interessant war die von Martin herum gereichte Broschüre über den 2014 errichteten Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde in Berlin aufmerksam (Memo an mich selbst: Beim nächsten Berlin-Besuch unbedingt besuchen!). An der Berliner Tiergartenstraße 4 waren Ärzte und Verwaltungskräfte der Nazis für den Massenmord an Menschen mit geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen verantwortlich.


Es blieb leider kaum Zeit für eine vertiefte Auseinandersetzung mit den gezeigten Büchern, die das Thema »NS-Euthanasiemorde« in literarischer bzw. autobiographischer Form verarbeiteten. Vielleicht wäre es daher keine schlechte Idee, wenn dieser Workshop bei einem etwaigen Literaturcamp Bonn 2018 noch mal angeboten und fortgesetzt werden könnte (zweites Memo an mich selbst: demnächst zu lesen: Elisabeth Zöllers Kinderroman über Anton, der wegen seiner Behinderung von den Nazis drangsaliert wird).


»Seid nett zueinander« oder: Netzwerken in den sozialen Medien (Session 2)

Ein inhaltlicher Kontrapunkt zu meiner ersten Session war der Workshop der Autorin und Bloggerin Jasmin Zipperling. Sie schaffte es auf unterhaltsame Weise das Thema »Netzwerken in den sozialen Medien« und dabei jede Menge Internet-Knigge zu vermitteln: So empfahl Jasmin etwa humorvoll und freundlich zu bleiben, auch wenn der Gesprächspartner noch ein Neuling sei und nur wenige Veröffentlichungen vorweisen könne.
Eingefügtes Bild Die sogenannten Sekundärtugenden und ein Quäntchen Demut sind also auch im Zeitalter des Web 2.0 Pflicht. Selbstverständlich sind das Selbstverständlichkeiten, bedenkt man aber die zunehmende Problematik von Hass-Postings in Foren, in Kommentarbereichen von Online-Zeitungen, bei Twitter oder Facebook, gewinnen viele Ratschläge aus Jasmins Workshop – beispielsweise im Sinne der Aktion »Organisierte Liebe« von Kübra Gümüşay – zusätzlich an Bedeutung.

Netzwerken beschränkt sich aber nicht nur auf Twitter und Facebook. Ausdrücklich erwähnte Jasmin die Mitwirkung in Autorengruppen, auf Autorenplattformen (z.B. der »Autorenwelt«) und Literaturmagazinen wie der »Federwelt«, mit denen sie gute Erfahrungen gemacht hat. Für den Phantastik-Bereich würde ich das Magazin »phantastisch« aus dem Hause Atlantis ergänzen, das ich als ein Medium kennengelernt haben, das auch Newcomern Veröffentlichungsmöglichkeiten bietet.



Sesamöl-Intermezzo (Session-Pause)

Nach diesen Eindrücken war ich groggy und beschloss, mir nach einer Portion Möhrensuppe erstmal die Beine zu vertreten... (Das war bei dem strahlenden Sonnenschein nicht die schlechteste Idee, zumal ich mich in einem nahegelegenen Geschäft endlich mit Glasnudeln und Sesamöl eindecken konnte, wichtigen Zutaten für den leckeren koreanischen Glasnudelsalat, der bei uns zuhause zur Zeit hoch im Kurs steht.)


Blogger auf Book-Walk (Session 3: #ProjektBücherschrank)

Noch ein Käffchen und ich war bereit für Session 3, bei der vorab meine Entscheidungskraft auf die Probe gestellt wurde. Sowohl die Session von Stephanie Braun über »Leseprojekte« als auch der Workshop zum »Kreativen Schreiben« machten neugierig.


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Den Ausschlag für ersteres Angebot gab vermutlich, dass ich Stephanies Bücherblog »Kleiner Komet« kenne, in dem sie u.a. die »Perry-Rhodan«-Romane bespricht, eine Science-Fiction-Serie, die ich damals als junger Leser verschlungen habe.

Die Zahl der TeilnehmerInnen an der Session war zwar – vergleichsweise – überschaubar, dafür war bei allen das Interesse an einem kreativen Umgang mit Literatur unübersehbar. Alle hatten einen eigenen Blog und erzählten sehr sympathisch von den Hintergründen und den Antrieben für ihre Internetaktivitäten (vgl. den Blogroll unten). Doch es sollte nicht bei einem Erfahrungsaustausch bleiben, als Stephanie erwähnte, dass sie schon seit längerem Bücher in ihrem Blog vorstellt, die aus den offenen Bücherschränken in Bonn stammen.

Wissenswert ist in diesem Zusammenhang, dass offene Bücherschränke eine große Tradition in Bonn haben. Denn der im Jahr 2003 aufgestellte Bücherschrank an der Poppelsdorfer Allee war der erste offene Bücherschrank seiner Art in Deutschland. Er war das Werk der damaligen Architekturstudentin Trixy Royeck, die mit dem Prototyp einen Ideenwettbewerb der Bürgerstiftung Bonn gewann.
Neben den Unmengen an Büchern, die dank der Bücherschränke – mittlerweile zehn an der Zahl – getauscht wurden, ist sicherlich die einfache Benutzung der Bücherschränke ein Grund für ihre Beliebtheit: »Die Bücher können problemlos mitgenommen, gelesen und zurückgebracht oder auch gegen andere Bücher eingetauscht werden – ganz ohne Leihfristen oder sonstige Bestimmungen. Alle sind herzlich eingeladen, ihre Bücher mitzubringen. Jedes Buch ist willkommen: Lustiges und Spannendes, Poesie und Fachliteratur. Das unterste Fach ist für Kinderbücher reserviert.« (Quelle: Bürgerstiftung Bonn) Ich hatte wie die anderen auch spontan Lust, bei Stephanies Leseprojekt mitzumachen.

Somit fehlten eigentlich nur die Bücher, die wir demnächst in unseren Blogs besprechen wollen. Wir packten darum unsere Siebensachen und machten uns auf den Weg zum Bücherschrank am Haus der Stiftungen (Budapester Str. 4), der von der VHS Bonn fußläufig in wenigen Minuten zu erreichen ist. Eingefügtes Bild Ich gebe zu, dass ich etwas Bammel hatte, dass ich womöglich – ein bisschen Zufall war ja bei der Aktion im Spiel – doch mit einem Konsalik-Wälzer à la die »Airport-Klinik« nach Hause gehen könnte.
Doch Stephanie zeigte sich sehr flexibel und wir einigten uns darauf, dass wir nicht blind ins Regal greifen mussten, sondern uns ein Buch aussuchen durften, das tatsächlich unser Interesse weckt.

Ich fackelte nicht lange und entschied mich für Denis Ronald Sehmans Jugendroman »Gefährten des Meeres«, eine Abenteuergeschichte, die auf der tropischen Insel Mahé im Indischen Ozean spielt und eine Freundschaft zwischen einem behinderten Jungen und einem Delfin schildert. Ich bin gespannt, wie mir der »in einer an Hemingway geschulten Diktion erzählt[e]« Roman – so behauptet der Klappentext – gefallen wird.


Nachdem wir nun alle ein Buch gefunden haben, fehlte nur noch das obligatorische Gruppenfoto, das eine Passantin besorgte, et voilà!

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Gruppenbild mit ... Büchertauschschrank


Fazit und Blogroll

Nach eine Stippvisite in einer vierten Session zum Thema »Elektronisches Publizieren« musste ich auch schon nach Hause, – dankbar für die tollen Erlebnisse an diesem Tag. Gerne nehme ich wieder an einem solchen Barcamp teil, das so vielfältige Zugänge zum Lesen und zur Literatur bieten kann.

Besonders freue ich mich, dass sich aus der Veranstaltung heraus ein Leseprojekt entwickelt hat, in dem ich das Herumstöbern in Bücherschränken mit dem Bloggen verbinden kann.

Der Vollständigkeit halber möchte ich nun alle bisher im #ProjektBücherschrank vertretenen Blogs erwähnen (drittes Memo an mich selbst: die KollegInnen scheinen viel disziplinierter zu arbeiten als ich, ihre Literaturcamp-Berichte sind längst online :blush:):

  • In dem Buchblog »Buchstabenträumerei« veröffentlicht Anna Buchrezensionen aus den Bereichen Liebesroman, Mystery, der Kinder- und Jugendliteratur und – siehe beispielsweise die Rezension zu »Das Herz der verlorenen Dinge« von Tad Williams – der Fantasy. Außerdem informiert sie über Neuigkeiten aus der Bloggerszene.
  • Denise rezensiert in »Kitsune´s Welt der Bücher« vornehmlich literarische Werke, zu ihren Lieblingsgenres gehören Fantasy, sie rezensiert aber auch Kinder- und Jugendliteratur bzw. die sog. Young adult fiction (YA), Chic-Lit u.a. In ihrem Rückblick auf das Literaturcamp 2017 habe ich mit Erstaunen gelesen, dass es einige Besucher des Literaturcamps negativ aufgenommen haben, dass Denise und Martin ihre Kids mitgebracht haben: »Böse Blicke« für Kinder auf einer Literaturveranstaltung und dann noch in den Räumen einer Volkshochschule sind mir wirklich unerklärlich.
  • In Mélinas Blog namens »Mit Charme und Melone« geht es vor allem um Interkulturalität und Vielfalt, die sich in den Bereichen Kunst, Mode, Essen oder Literatur widerspiegelt. Etwas Wehmut überkam mich beim Anschauen ihres »Cologne Million City Story«-Videos, meine Kölner Jahre sind ja auch schon wieder... einige Jahre her. Aber doch, ich stimme zu, Köln – bei mir vor allem der Stadtteil Ehrenfeld – ist eine Welt für sich, die man niemals so ganz hinter sich lassen kann.
  • Bei dem Titel von Silvias Blog »Leckere Kekse« muss ich spontan an das Krümelmonster denken: Denn neben genreübergreifenden Buchrezensionen finden sich hier Keksrezepte. Interessant und persönlich fand ich das Interview mit Birgit Rabisch, die manchem Science-Fiction-Leser wegen ihres Jugendromans »Duplik Jonas 7« bekannt ist, der in dunklen Tönen die Instrumentalisierung von jugendlichen Klonen als menschliche Ersatzteillager schildert.
  • Stephanies Literaturblog »Kleiner Komet« habe ich oben bereits erwähnt, deswegen beschränke ich mich hier auf folgende Stichwörter, die ich ihrer Seite entnommen habe: Phantasie, Traumwelt Lesen, Lichtspiele, Reality – Lesen, News. (bf)



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Es gibt Helden, es gibt Superhelden – und dann gibt es noch »Birne« (Teil 2, #39)

Geschrieben von Sierra , in Phantastik, Kinder- und Jugendliteratur 14 April 2017 · 192 Aufrufe
Günter Herburger, Birne und 7 weitere...

Der erste Teil dieses Essays, in dem ich auch auf die Biographie Günter Herburgers eingehe, erschien am 6.4.2017 in meinem Blog.


Es gibt Helden, es gibt Superhelden und dann gibt es noch »Birne«
Über die phantastischen Kinderromane Günter Herburgers
(Teil 2, #39)

Das Birne-Herz schlägt links

Bereits in der ersten Geschichte dreht die sprechende Birne voll auf und vereitelt einen Flugzeugabsturz, indem sie eine ausgefallene Scheinwerferlampe ersetzt. In anderen Geschichten rettet Birne einen Astronauten, der bei einem Weltraumspaziergang wegzutreiben droht, oder verhindert eine Ölkatastrophe und ein riesiges Fischsterben im Rhein. Es irrt, wer nun glaubt, Birnes Taten würden sich lediglich auf das Katastrophenmanagement konventioneller Superhelden beschränken. Birne hilft nicht nur Benachteiligten, sondern setzt sich mit ihrer Lebenssituation auf politische und sogar philosophische Weise auseinander.

Sie ist die Sozialarbeiterin unter den Superhelden und will immer wissen, wie es dazu kommt, dass jemand plötzlich auf die Hilfe eines Superhelden angewiesen ist. Unter den Birne-Bedürftigen finden sich einsame Kinder, deren Eltern ganztägig arbeiten und keine Zeit für sie haben, Arbeiter, die auf unmenschliche Weise ausgebeutet werden, oder Kybernetiker, die wegen eines technischen Defekts ihrer Rechenanlage verzweifeln. Und auch Gesetzesbrecher sind nicht ausgenommen, gemäß der Wilde’schen Definition der Moral als einer »Haltung, die wir gegen Leute einnehmen, von denen wir persönlich nicht erbaut sind1 Als Birne in der Geschichte »Birne und die Räuber« zwei Kriminelle vertreibt, die in einem leer stehenden Haus einen Tresor knacken wollen, beichten diese, dass sie bloß aus Hunger stehlen. Auf Birnes spontanen Vorschlag, eine alte Autobatterie aus dem Garten mitgehen zu lassen und diese zu verkaufen, reagieren die Räuber wenig begeistert und misstrauisch:
»›Ich soll eine Batterie stehlen‹, sagt der Räuber, ›damit du es dann der Polizei erzählen kannst.‹
Ich sage nichts‹, beruhigt Birne den Räuber. ›Wer Hunger hat, darf ein bißchen stehlen, er muß nur sagen, weshalb er es tut.‹«2

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Birne - Superheld und Beichtvater in Personalunion
[Abbildung: Wikipedia, Pko: Neogotischer Beichtstuhl, Lizenz: CC BY 2.5]

Um dieser Grenzüberschreitung etwas von ihrer Schwere zu nehmen, lässt Herburger die Geschichte mit einem antiautoritären Schabernack enden und Birne »einem Polizisten, der gerade Streife geht, ein klein wenig leuchtende Birnenkacke auf die Mütze fallen3
Noch vor der ökologischen Wende engagiert sich Birne für die Umwelt, wenn sie den Bauern die Ausbeutung von Nutztieren ausredet, die Jagd auf Wildschweine und Rehe sabotiert, das Leck eines Öl-Tankers auf dem Rhein verschweißt oder den Holzfällern eine der Grundregeln des sustainable development einbläut: »Wer abholzt, muß auch wieder pflanzen4

Birnes Herz schlägt also links. Doch woher speist sich eigentlich Birnes Hoffnung, dass ihre Vorschläge tatsächlich umsetzbar und nachahmenswert sind? Hier ist erstens der Glaube an die Vorteile neuer Technologien aufzuführen, mit denen Birne die Arbeiterschaft quasi volkspädagogisch beglücken will. Als sie bei einem Tunnelbau Zeuge wird, wie der Bohrer einer Bohrmaschine zerbricht, leistet Birne schnelle Hilfe. Indem sie sich mit einem Stahlmantel und einem »Überzug aus Wolfram, Tantal und Molybdän«5 ausrüstet und sich als lebendiger Bohrer an der Bohrmaschine befestigt, gelingt es ihr, den Tunnel zu erweitern und die Überlegenheit technologischen Know-Hows zu demonstrieren. Bei einem Wochenendausflug ans Mittelmeer trifft Birne auf arbeitslose Fischer, »während überall an den Küsten die Hotelbesitzer und Inhaber von Campingplätzen immer mehr Geld scheffeln.«6 Gemäß dem Motto, dass die Zukunft im Wasser liege, lernen die Fischer von Birne die Kunst des Tauchens und des Bewirtschaftens von Algengärten. Beim Sommerfest nach der Ernte könnte die Laune bei Groß und Klein nicht besser sein: »Selbst Kinder dürfen Wein trinken, und niemand schimpft, wenn sie betrunken herumtorkeln.«7
Wichtig ist zweitens, und das ist ausführlicher darzustellen, die Vorstellung, dass die Selbstermächtigung des Arbeiters zu einem Motor des sozialen Wandels werden könnte, wozu Streiks und (Zwangs-)Kollektivierungen von Fabriken und Arbeitsstätten besonders nützlich sind.


Wenn Birnen streiken

Birne will Salz in die sozialen Wunden der kapitalistischen Verhältnisse streuen, und die Verbesserung der Lage der Arbeiter weltweit liegt ihr besonders am Herzen. Diese Handlungsmaxime lässt an die oben erwähnte Selbstauskunft Herburgers aus dem Jahr 1977 denken, in der er das Schicksal des Arbeiters für jede literarische Wirklichkeitserkundung als elementar ansieht: »Sie [Die armen Leute] beherbergen einen immensen Schatz an peinigender Erfahrung, der immer wieder darauf dringt, sich den Widersprüchen und krassen Vertragsbrüchen zu stellen. Wer als Schriftsteller von den Armen keine Hilfe verlangt, hat seinen Beruf verfehlt. Er mißachtet die grausamste und fruchtbarste Quelle an Erkenntnis, gibt klein bei, fügt sich der Regie des Übereinkommens und fürchtet sich vor der Angst, die ihm, dem Produzenten von erstrebenswerter Wahrheit, teuer sein müßte bis hinein in den eigenen Untergang.«8

Welche Wahrheiten und Utopien schürft Birne nun aber ans Tageslicht? Ortstermin in einer Kleiderfabrik: Obwohl Birne mit Hilfe der Erfindung eines Flüssigfadens und einer neuartigen Bügelmaschine die Kleiderherstellung automatisiert hat, währt die Freude der Näherinnen über die Arbeitserleichterung nicht lange. Denn der Fabrikdirektor will nun, dass die Arbeiterschaft mehr arbeitet, um seinen Profit zu steigern. Als sich die Näherinnen jedoch weigern und ihm zu verstehen geben, wie sehr er von ihrer Arbeitskraft abhängig ist, überrascht der Chef mit einer utopischen Einsicht: »Ich bin auf euch angewiesen. Ohne euch steht die Fabrik leer. Wißt ihr was? Die Fabrik gehört uns allen zusammen, und alles, was wir verdienen, verteilen wir gleichmäßig an alle.«9 Und der Leser muss diese unerwartete Wendung erstmal zusammen mit den Näherinnen verdauen: »Du bist der erste Direktor der Stoffindustrie, der nicht habgierig ist.«10

Birne ist allgegenwärtig und agiert international. So reformiert er auch die chinesische Betriebswirtschaft, sodass Arbeiter und Bauern nunmehr gemeinsam mit den Chefplanern entscheiden dürfen, »welches Korn gepflanzt werden soll und wie lange die Schweine Mastfutter erhalten.«11 Doch nicht überall geht die Kollektivierung von Fabriken so leicht von der Hand. Ruft Birne dann den Betriebsrat auf den Plan? Weit gefehlt: In diesen Fällen wird die Fabrik zu einer Art Boxring, in dem es durchaus schlagkräftig zugeht und Gewalt – nicht unproblematisch – durchaus ultima ratio ist. Ein anderes Beispiel aus dem Band »Birne kann noch mehr«: Bei dem Besuch einer Autofabrik trifft Birne auf eine ausgebeutete Arbeiterschaft und verlangsamt als erstes das Fließband, womit sie für ein chaplineskes Tohuwabohu sorgt, bei dem nicht nur eine Milchtüte auf der Nase des Werkmeisters zerplatzt. Beim Übergang zur Selbstverwaltung ist staatliche Einflussnahme unerwünscht: »Die Polizei hat kein Recht, in die Fabrik zu kommen, nur weil die Arbeiter eine Versammlung abhalten. Ohne Arbeiter gäbe es gar keine Fabrik. Werkmeister und Direktoren allein können keine Autos bauen.

Eingefügtes Bild Ich schlage vor, wir gehen zur Teststrecke und untersuchen einmal, wie gut die Autos sind, die in der Fabrik hergestellt werden.«12 Gesagt getan, und natürlich überzeugt der anschließende Auspufftest von tausend Neuwagen die Führungsetage vollends, da Kohlenmonoxid einfach das bessere Argument ist: »Die Arbeiter kurbeln die Fenster hoch. Die Ingenieure und der Direktor rufen um Hilfe. Sie sind blau im Gesicht, so wenig Luft bekommen sie zum Atmen.
Wer Kinder hat, soll hupen‹, sagt Birne.
Ein Hupkonzert ertönt auf dem Platz. Die Ingenieure und der Direktor halten sich die Ohren zu.
Kapiert‹, ruft Birne, ›verstanden, begriffen?‹
Die Ingenieure und der Direktor fallen nach ein paar Atemzügen um. Sie sind ohnmächtig geworden. Jetzt werden sie endlich einsehen, daß die Autos bessere Auspuffanlagen und sauberes Benzin brauchen.«13

Die denkwürdigste von Birnes Fabrikutopien beginnt mit einer Vollversammlung aller Glühbirnen (»Birne in der Birnenfabrik«). Anlass ist eine Art Marktversagen: Obwohl Glühbirnen widerstandsfähiger und langlebiger produziert werden könnten, verschließt sich die Industrie der Innovation und produziert aus Profitgründen mangelhafte Birnen. »Die Fabrikbesitzer werden immer reicher, weil die Leute immer wieder neue Birnen kaufen müssen. Und die Birnen […] glauben, sie würden ewig leben[,] und strahlen vor Freude, aber nach wenigen Monaten brechen oder schmelzen ihre Glühfäden.«14 Wieder ist es nicht der Staat, der eingreift, sondern natürlich Birne, die fortan mit einem cleveren Vorarbeiter Energiesparbirnen in Eigenregie herstellt. Um durch Nachrüstung mit unschmelzbaren Glühfäden unsterblich zu werden, schrauben sich die alten Birnen aus ihren Fassungen und begeben sich in die Fabrik: »[D]ie ganze Stadt wird dunkel. Wer Auto fährt, muß stehenbleiben. Wer liest, kann nur noch gähnen. Wer auf der Toilette sitzt, muß stillhalten. Auch die Fernsehapparate verlöschen, weil die Röhren ebenfalls erneuert werden sollen. Die Leute in der Stadt sind machtlos.«15

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass gerade in den ersten beiden »Birne«-Büchern die unverbrüchliche Überzeugung deutlich wird, dass Technik auf der Seite der Schwachen steht und selbst utopische Ziele erreichbar macht. Doch auch Solidarität und Organisation sind wichtig, wie »Birne in der Birnenfabrik« zeigt: selbst der Streik eines scheinbar unwichtigen Elements des Arbeitsprozesses kann dann für einen echten Blackout sorgen, vor dem niemand nirgendwo sicher ist.


Birne vs. Superman

»Wer dumm regiert, in die Pension marschiert!«16

Die ersten starken Zweifel an den Fähigkeiten der Politiker kommen Birne bei einer chaotisch verlaufenden Versammlung im Bundestag (?), in der die Notwendigkeit der Aufrüstung diskutiert wird. Zeugin geworden, wie einzelne Protestler des Saales verwiesen werden, sabotiert Birne das Lautsprechersystem und deklamiert zusammen mit der aufgebrachten Menge antikapitalistische und selbstermächtigende Reime: »Wer nicht zufrieden mit den Parteien […] wählt jemand aus den eigenen Reihen! Wir machen mit, solange er uns vertritt.«17 Der Protest der aufgebrachten Menge gipfelt schließlich darin, dass alle vom Bürgermeister den Bau von Schulen und Schwimmbädern einfordern, was dieser auch prompt ausführt, »denn was die Mehrheit beschließt, wird ausgeführt18
Birnes Weltverbesserungsmaschine läuft bald heiß und nimmt keinerlei Rücksicht auf Idole und Ikonen, ganz gleich, ob sie der christlichen Glaubenswelt oder der westlichen Populärkultur entstammen.19 Kaum werden bei einem Autounfall Menschen verletzt, ruft Birne schon Jesus aus einer nahen Kirche herbei. Der kommt wirklich, leistet erste Hilfe und belebt den Verletzten durch Mund-zu-Mund-Beatmung. Doch als die Menschen ihn wieder zurück in die Kirche bringen und ans Kreuz nageln wollen, weigert sich Jesus: »›Ich will nicht mehr ans Kreuz! Wollt ihr denn immer einen Verletzten als Vorbild? Ich bin wie ihr! Ich will mich freuen und anderen helfen, die in Not sind.‹«20 Fortan »hängt kein Verletzter mehr am Kreuz. Die Kreuze wurden abgeschafft21

Warum Superman keine echte Alternative zur Birne ist, erfährt der Leser in einer amüsanten Geschichte, die auf die Studentenrevolten von 1968 anspielt. Nachdem Birne Superman aus seinem Comicheft befreit hat, möchte Birne, dass Superman zum Dank eine Demonstration gegen die Polizei verteidigt. Superman outet sich jedoch als kronloyal und stockkonservativ, gibt aber schließlich doch nach: »›Ich kenne nichts Besseres als unsere Regierung‹, sagt Superman, ›ich kämpfe für sie und gegen das Verbrechen.‹
Du bist stark, aber dumm‹, sagt Birne. ›Solche Leute mag die Regierung, sie sind für sie bequem. Sie fragen nicht, sie arbeiten geduldig für wenig Geld, damit die Reichen noch reicher werden.‹
Von einer Glühbirne lasse ich mir keine Unverschämtheiten gefallen‹, sagt Superman. ›Ich bin Superman, ich bin für die Gerechtigkeit.‹
Das freut mich‹, sagt Birne. ›Bei uns machen die Studenten eine Demonstration, weil sie schlechte Schulen haben. Verkleide dich als Polizist und nimm mich mit.‹«22

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Und tatsächlich erfüllt Superman diese Bitte und vermöbelt zum Schutz der Demonstranten die gesamte Polizei: »Zwei Reihen legt er auf die Straße. Dem Wasserwerfer biegt er die Spritze krumm, so daß er sich selbst bespritzt und die Fahrer nichts mehr sehen. Pferde, auf denen Polizisten sitzen, stellt er auf Balkone. […] Polizisten schießen Tränengasgranaten, doch Superman bläst den Nebel wieder zurück, so daß die Polizisten weinen müssen und nichts mehr sehen.«23 So weit, so gut. Doch leider schießt Superman etwas über das Ziel hinaus und droht in seinem Zerstörungswerk die gesamte Stadt zu vernichten. Bevor der stärkste Mann Amerikas seiner gesamten moralischen Autorität verlustig geht, schreitet Birne ein und befördert ihn in sein Comicheft zurück.

Wie es sich in der nächsten Geschichte herausstellt, ist Supermans Ausraster nur die Ouvertüre zu einer viel größeren Katastrophe, nämlich einem echten Weltkrieg (»Birne und der Krieg«): Wer gegen wen kämpft, weiß man nicht. Birne erklärt lediglich wie ein Naturgesetz: »›Die Leute sind unzufrieden, fangen an zu streiten, schließlich schießen sie‹, sagt Birne. ›Im Krieg gehen Soldaten aufeinander los und versuchen, sich zu töten.‹«24 – Und dann kommt’s dicke. Es fliegen Giftgasgranaten, Atomraketen, auch Phosphor wird eingesetzt; der Krieg lässt weder Menschen noch Märchen- und Comicfiguren wie Winnetou, Pippi Langstrumpf und Flipper unversehrt. Und auch der zwischenzeitlich wieder vernünftig gewordene Superman kapituliert angesichts des Ernstes der Lage. Schließlich hat Birne keine Wahl mehr, als die Weltherrschaft zu übernehmen, indem sie eine künstliche Eiszeit herbeiführt, die den Menschen den Spaß am Kämpfen nimmt: »Den Generälen, die immer sitzen und beratschlagen, wachsen Eiszapfen an den Hintern. Selbst eine Zigarettenmarke, die Roth-Händle heißt und an Wärme erinnert, ändert plötzlich ihre Schrift und heißt Schnee-Händle. Der Tabak hängt bleich und traurig aus dem Papier. Der Krieg ist endgültig aus.«25


Zombie-Alarm in Liechtenstein!

»Wo ist der Reichtum der westlichen Welt geblieben?«26

Der dritte Band mit Birne-Abenteuern beginnt unerfreulich. Denn Birnes Weltherrschaft währt nicht allzu lange, da den Menschen und Märchenfiguren das Leben in Birne-Utopia keinen richtigen Spaß macht; es fehlen die Unterschiede und Klassen und die sogenannte Selbstverwirklichung. Ihr Statusdrang und ihre Langeweile widern Birne an und sie erklärt das Birne-Zeitalter kurzerhand für beendet; die Gesellschaft wird wieder kapitalistisch und die Probleme kapital.

Da die Wirtschaft den Bach runtergeht, sind nicht mal Superhelden vor der Arbeitslosigkeit ausgenommen. Es dauert nicht lange, und die Lampen werden auf Notbeleuchtung umgestellt, mit einem Mal wird auch Birne entbehrlich und aus ihrer Fassung herausgeschraubt. Auf dem Arbeitsamt hat man für Birne keine Verwendung, zudem fehlen ihr Zertifikate und akademische Titel, ohne die es heutzutage nicht mehr geht. Frustriert und immer noch fassungslos nimmt Birne Reißaus und begibt sich auf eine ausgedehnte Reise durch ferne Länder, den Kosmos, die Vergangenheit und die Zukunft und sogar das Jenseits. Meistens bewegt sich Birne durch Fliegen fort, was aber nicht nur den Konventionen des Superheldenmotivs geschuldet ist. Fliegen ist auch an anderen Stellen in Herburgers Werk ein Element mit hoher Symbolkraft: »Nur im Flug kann das Wahnsystem der Realität überwunden werden, nur das Fliegen öffnet jenen Raum des Phantastischen, den Herburger mit seinen Gedichten, Romanen und Erzählungen besiedeln will.«27

War es früher besser? Pustekuchen! Schon bald muss Birne feststellen, dass die Vergangenheit niemals rosiger und unschuldiger war, und Menschen seit jeher von Menschen ausgebeutet wurden. Anschauliche Beweise liefern ihr die unerfreuliche Bekanntschaft Ludwigs XIV., der sein Volk zu seinem Privatvergnügen bluten lässt, ein Besuch der Stadt Esslingen zur Zeit der Hexenverbrennung und der Bau eines Pharaonengrabmals im Alten Ägypten. Auf ihrer Reise muss Birne eine Notlandung in der Zukunft machen, im Fürstentum Liechtenstein, wo sie einige besonders gruselige Erfahrungen sammelt.

In dem ehemaligen »Spielcasino unter freiem Himmel mit schönen Häusern, gepflegten Bäumen, Rabatten und Swimmingpools«28 ist es für Milliardäre nicht mehr so gemütlich wie noch im 20. / 21. Jahrhundert, was aber nichts mit einer verbesserten Steuerfahndung zu tun hat: »Da in der Zukunft der Reichtum weniger immer noch zunahm, die Armut der meisten jedoch über alle Maßen, haben sich sämtliche Milliardäre nach Liechtenstein geflüchtet, um in gewohnter Umgebung zu überleben.
Platz ist sehr knapp geworden. Die Milliardäre und Milliardärinnen wohnen in goldenen Vogelbauern, die dicht nebeneinander stehen. Im Innern der Häuschen gibt es vor Enge keine Betten mehr, nur noch Hängeschlaufen aus Damast oder Diamantplüsch zum Schlafen. Die Swimmingpools mußten zu Edelsteinnäpfchen verkleinert werden, und wo früher Bäume und Büsche, Blumen und Gräser wuchsen, wird deren Form, Farbe und Geruch von flutenden Fernsehspiegelungen dargestellt.«29

Aufgrund von Raumnot vertreiben sich die Milliardäre die meiste Zeit mit klaustrophobischen Geschicklichkeitsspielen, die viele Todesopfer verlangen. Als Birne ihnen verrät, dass Zärtlichkeiten ihr Leben lebenswerter machen könnten, beginnen die Milliardäre sogleich, sich hohe Dosen von Streicheleinheiten zu verabreichen. Doch wie so häufig zeitigen Birnes gutgemeinte Verbesserungsvorschläge böse Folgen: »Ein Seufzen und Stöhnen steigt zu den Fadenscheinwerfern der Sportarena auf, das jedoch bald in Klagen, Wimmern, Ächzen und Schreien übergeht. Denn die Reichen betragen sich nicht vorsichtig genug, was für Zärtlichkeit eine wichtige Voraussetzung ist, damit sie sich zu entfalten vermag. Die Milliardäre und Milliardärinnen wollen alles und sofort. Sie beißen sich, würgen sich, reißen sich gegenseitig Stücke aus den Backen, kugeln Gelenke aus. Fäuste stoßen zu, Blut beginnt zu fließen. Statt daß sanfte Wonnen wie ein gemeinsames Lied erklängen, ertönt Kreischen und Knurren aus Hast und Gier. Die Arena gleicht bald einem Zoo, in dem wild gewordene Tiere sich zerfleischen.«30

Birne gibt wieder Fersengeld. Die restliche Zukunftsreise Birnes ist nicht weniger deprimierend, beim Leser werden Erinnerungen an den Film Soylent Green und an reale Katastrophen der Gegenwart wach: Planet Erde ist heruntergewirtschaftet, kaputt und ausgebeutet; es herrscht Platznot, sodass die Toten nicht mehr begraben, sondern nur noch verbrannt werden. Und auch Birnes Fortschrittsoptimismus, der sonst jede Situation rettet, bietet keinen Trost mehr; unser Superheld muss sich gar von einer anderen Birne anhören: »Ich kann diese Fortschrittsgläubigkeit, diese verrottete Hoffnung in die Technik nicht mehr hören. Zu viele Menschen. Sie essen alles auf, erdrücken jeden Entschluß. Wo einer zugreift, machen gleich hundert mit und zerstören alles wieder. Nichts läßt sich mehr bewahren.«31

Zuviel Dystopie tut weh – verständlich, dass Birne sich nun im Weltraum umschaut. Dort trifft sie auf ein schwarzes Loch, das sich mit einem Akronym bezeichnet, das Birne als Science-Fiction-Leserin nicht unbekannt ist.


Birne trifft auf LEM

»›Wo ist die Sonne‹, fragte Birne.
Ich habe sie gegessen‹, antwortete die Stimme.«32

Birne ist irritiert, – und das will was heißen –: Ein schwarzes Loch, das nur mal so eine Sonne verschluckt hat und dazu noch ausgerechnet »LEM« heißt: »›Meines Wissens nennt sich zurzeit ein polnischer Schriftsteller so. Er schreibt die besten Science-Fiction-Bücher der Welt.‹
Zeit spielt keine Rolle‹, dröhnt es zurück. ›In mir sind Geschwindigkeit und Dauer aufgehoben. Zuerst war ich ein Weißer Riese, dann ein Roter Zwerg und wurde noch dichter, bis ich vor eigener Schwere in mich zusammenstürzte. Alle Orgelwerke der Welt sind in mir wie ein einziger Ton, alle Gebirge wie ein flüchtiges Sandkorn. LEM heißt Lästerlich Entwickelte Masse oder Long Emphasized Memory, was wieder mit Längst Entschiedenes Memento übersetzt werden könnte.‹«33

Vor so viel kosmischer Entität wird Birne Bange, doch der weise LEM lässt sie erst gehen, nachdem er sie davon überzeugt hat, dass Vergangenheit und Zukunft nur unzureichende Fluchtwelten sind: »Flucht nützt nichts. In der Vergangenheit findest du nicht die Verklärung, nach der du dich sehnst, eher empfangen dich dort die vergessenen Schrecken. In der Zukunft erwartet dich nicht die erhoffte Erlösung, vielmehr sammeln sich dort die Versäumnisse der Gegenwart. Man kann zwar manchmal dem Schicksal ausweichen, wenn man genügend Geld hat, nie aber der Logik der Möglichkeiten.«34 Birne tut wie ihr geheißen und reist zurück, um sich wieder den sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten der Gegenwart zu widmen.

Eingefügtes Bild

Stanislaw Lem, 1966
[Abbildung: Wojciech Zemek, Wikipedia. Lizenz: CC BY-SA 3.0]

Es liegt nahe, in dieser Birne-Geschichte eine Hommage an den berühmten polnischen Schriftsteller Stanislaw Lem zu sehen, der zeitweise Herburgers Briefpartner war.35 Mehrere Male hat Herburger Lems Werk gelobt und betont, dass er es »an wissenschaftlichem Kalkül, Sensibilität, Vorstellungskraft und hinreißender Erzählmethodik«36 für unvergleichlich und nobelpreiswürdig hält: »Sie [Lems Dichtung] ist […] der Aufbruch aus der Mitte der Menschen zu Schärfe der Gedanken, umfassenden Empfindungen und dem Anspruch, jederzeit einzigartig für das Gleichgewicht auch mit den Tieren, Pflanzen, Mineralien und Maschinen einzutreten, ohne die wir nicht zu überleben vermögen, wie die Gegenwart schon grausam zeigt.«37 Und warum sollte Lem nicht als fiktive Figur auftreten, die auch Birne, Herburgers alter ego, erleuchtet? Herburgers Lem-Begeisterung jedenfalls hat bis heute angehalten und spiegelt sich auch in seinen jüngsten lyrischen Texten wider.38


Ein Rückblick nach vorn

»Andrea laut: Unglücklich das Land,
das keine Helden hat! […]
Galilei: Nein. Unglücklich das Land,
das Helden nötig hat!«39

Birne stößt an, natürlich auch bei Literaturkritikern. So hinterfragt Peter Bekes den Realitätsbezug der Birne-Geschichten und postuliert, den (jungen) Lesern würden nur »Ersatzwelten« geboten: »Das den meisten Geschichten zugrunde liegende Konzept, die Probleme des Alltags bloß als technische Defekte auszuweisen, die vom Einzeltäter Birne mittels entsprechender Supertechnologien behoben werden, erinnert doch sehr an die klischeehaften Handlungsmuster geläufiger Abenteuerromane.«40 Diese Kritik kann nicht ganz überzeugen. Zwar gesteht Herburger im Vorwort zum dritten Birne-Buch »Birne brennt durch« übergroßen Technikoptimismus sowie seinen Irrtum ein, die unterschiedlichen ökonomischen Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen, nicht ausreichend wahrgenommen zu haben, doch unterzieht er in seinen beiden letzten Birne-Büchern die Idee des technischen Fortschritts einer Generalrevision und lässt ihren Widerspruch zur sozialen Fortentwicklung deutlicher hervortreten.

Andere Leser stört der ideologische Impetus der Geschichten. So kritisiert Paul Ludwig Sauer ihre »ideologisch[e] Borniertheit, die stets einhergeht mit einer unglaublichen anthropologischen Naivität«.41 Wirken viele politische Forderungen Birnes, die sie gerne gemäß der Pumuckl-Philosophie »Ich kann mit schönen Reimen die Welt zusammenleimen«42 vorträgt, auch schon für damalige Verhältnisse geradezu provokativ blauäugig, kommt im dritten und vierten Birne-Band eine immer skeptischere Grundstimmung auf. Dies zeigt etwa die Geschichte »Birne und der Stadtschwan«. Nachdem Birne den Selbstmord einer Teenagerin vereitelt hat, fragt sie das Mädchen nach ihren Motiven: »Es gebe kaum mehr Lehrstellen, selbst in Fabriken nicht. Sie habe nicht mehr aus noch ein gewußt, denn auch ihre Eltern hätte die Verzweiflung gepackt. Sie habe nur noch den einen Ausweg gesehen, von dem man nicht mehr zurückkehre.
Doch, kann man‹, sagt Birne. ›Wenn Birne kommt.‹
Nicht immer ist gerade eine Birne unterwegs, und auch noch so eine wie du‹, entgegnet Susanne.
Da habe sie auch wieder recht, muß Birne zugeben.«43

Gerhard Köpf hat in Herburgers Schreiben auf die Utopie einer Versöhnung aufmerksam gemacht: »Deshalb fällt es ihm leicht, Jesus und Lenin in ›Birne‹, in Gedichten und im ›Flug ins Herz‹ beim Namen und nebeneinander zu nennen. Wunsch und Wirklichkeit, Wunsch und Angst, Wunsch und Nutzlosigkeit, Maßlosigkeit und Disziplin, Lust und Fleiß sind also nicht adversativ getrennt, sondern explikativ und versöhnend verbunden.«44 Dieses Streben nach Versöhnung und Ausgleich ist auch aus dem vierten Band der Birne-Bücher nicht verschwunden, sondern hinein ins Private und in die Auseinandersetzung mit der Natur transformiert. Die Stimmung ist pessimistischer geworden, die Hoffnung auf eine bessere Welt kaum vernehmbar. Das hätte Birne in den ersten Birne-Büchern kaum passieren können: »›Gerechtigkeit für die Armen‹, ruft sie mehrmals, aber niemand heißt ihre Parole gut oder empört sich darüber.«45

Aber noch immer gilt in der Birne-Welt das Prinzip, dass das bessere Argument gewinnt, nur vermittelt Birne ihre Verbesserungsvorschläge geduldiger, altersmilder und vor allem leiser. Vom homo technicus ist kaum noch die Rede, und in Birnes Abenteuern überwiegt die Beobachtung, die nicht-teilnehmend bleibt: In Geschichten, in denen Birne eine obdachlose, alte Frau in eine Normalfamilie zu integrieren versucht oder sich auf der Suche nach Liebe mit einem Elefanten anfreundet, wird deutlich, dass Birne die Bürde der All-Verantwortlichkeit nicht mehr tragen möchte.

Eingefügtes Bild Der lebendig gewordenen Maria-Figur in einer Kirche vertraut sie an: »
›Ich kann meinen Zustand auch nicht mehr ertragen‹, sagt Birne. ›Immer soll ich helfen, egal, ob ich einer Schnecke begegne, einem sprechenden Fensterladen oder einer magersüchtigen Maus, der es vor dem Fressen graust.‹«46

Es zeigt sich also im Laufe der »Birne«-Geschichten eine Tendenz zur Verinnerlichung, auf die auch von der Literaturkritik hingewiesen wurde, nicht zuletzt im Zusammenhang mit der politisch-weltanschaulichen Entwicklung des Schriftstellers vom »entschieden klassenkämpferisch gesonnene[n] Linke[n]«47zum politisch Enttäuschten, der die Möglichkeit des Scheiterns der politischen und ökologischen Entwicklung des Menschen in seinem Schreiben nicht ausblendet: »Irgendwann wird es nur noch Klumpen aus Kohle um den Erdball geben«, schreibt Herburger in der letzten Strophe seines Gedichts »Das Wasser«.48

Herburger traut nun Birne und den Kindern nicht mehr ganz so viel zu, in die er in seinen ersten zwei Birne-Büchern noch so große Hoffnung legte: »Die selbstbewußte Forderung des Autors, daß die Sehnsucht unbedingt die Praxis einhole, wird hier dementiert. Selbst die Kinder, ehemals die Hoffnungsträger Herburgerscher Poesie, entgehen den Entfremdungs- und Normierungssystemen der gesellschaftlichen Praxis nicht mehr. Gleichwohl will der Autor noch immer – selbst oder gerade im Angesicht von Ohnmacht und Verlust – mit der kindlichen Weltaneignung ein Stück Zukunft retten.«49 Und doch bleibt die Ermutigung des jungen (und erwachsenen) Lesers zum Unangepasst-Sein und Selberdenken. Dieser Spaß an der Infragestellung von Regeln ist nicht ganz unsympathisch in einer pädagogischen Gegenwart, in der die RTL-Supernanny für Einschaltquoten sorgt oder Prominente wie Bernhard Bueb, der ehemalige Rektor des Elite-Internats Salem, wie selbstverständlich erklären: »Der lange Arm Hitlers hindert uns noch immer daran, Disziplin selbstverständlich einzufordern. Doch die Zukunft Deutschlands hängt von der Rückkehr zur Disziplin ab.«50

Schließlich hat Birne deswegen so wenig Patina angesetzt, weil sie sich selbst kaum ernst nimmt und um die eigene Beschränktheit und Naivität, auch die ihres Schöpfers, weiß. Diese seltene Fähigkeit zu Selbstkritik bezeugt ein sich selbst persiflierendes Gespräch zwischen Birne und Herburger in der Geschichte »Birne holzt«. Herburger tritt darin selbst als Figur auf und gibt über seine miserablen Arbeitsbedingungen Auskunft. Obwohl Birne so freundlich ist, einen Schreiner dazu zu überreden, das alte Bett ihres Schöpfers zu reparieren, kommt es zwischen den beiden zu einem Streit über die Freiheit Birnes als einem literarischen Ich. Birne behauptet, sie würde schon längst nicht mehr das machen, was Herburger ihr »vorschreibt«: »Einige Abenteuer, die du dir ausgedacht hast, waren nicht gut. Ich habe sie nur widerwillig ausgeführt, weil ich nicht undankbar sein wollte.«51

Im Vergleich zu vielen multimedialen Helden auf der Kinoleinwand und im Comic, die trotz endloser Wiederholungen und Selbstzitate wenig extramediale Relevanz haben, erscheint die Bescheidenheit und Alltäglichkeit des Birne-Helden, der Menschen nicht nur retten, sondern auch verstehen will, nicht unangenehm. Herburgers Birne-Texte sind daher von vielen politischen Werken aus den 1970er-Jahren abzugrenzen, die durch plakative Sozialismusbeschwörung und ideologische Verkrustung unlesbar geworden sind. Herburger ist weniger an geschlossenen Utopien als an Skizzen interessiert, die zeigen, wie eine inhumane Lebenssituation ins Utopische gewendet werden kann, ohne dabei selbst autoritär zu werden. Und natürlich sind viele der Probleme von Birne bzw. der Menschen in der Birne-Welt auch heute noch aktuell. Dafür spricht im übrigen nicht nur die Renaissance politischer Comic-Superhelden, wie der Watchmen, The Dark Knight, Neo aus Matrix oder dem Anarcho-Bombenleger V in V for Vendetta, der besonders extrem die Frage stellt, wie stark man die Grenzen der Legalität im Kampf gegen unmenschliche Zustände verletzen darf.

Und auch außerhalb der populärkulturellen Verarbeitung scheint sich bis heute ein gewisses Bedürfnis nach dem Sozialarbeiter im Superheldenkostüm gehalten zu haben, wenn man etwa an die Entstehung zahlreicher linker Spaßguerillagruppen in den letzten Jahren bedenkt. Sie nennen sich ironisch »Die Überflüssigen«, »Rebel Clown Army« oder »Die prekären Superhelden« und üben sich in karnevalesker Subversion. »Die Superhelden« fanden im Mai 2005 einige mediale Aufmerksamkeit, als sie kostümiert ein Hamburger Nobelrestaurant überfielen und ihre Provianttüten mit teuersten Delikatessen füllten, um sie anschließend an Ein-Euro-Jobber zu verschenken. In einem Interview mit dem »Stern« rechtfertigt einer der Mundraubaktivisten ihr Handeln folgendermaßen: »Wir wollen zeigen, es ist möglich, sich zu wehren. Wir wollen aus der Passivität heraus. Jeden Tag höre ich, wir leben über unsere Verhältnisse, wir sollen flexibler sein, länger arbeiten für weniger Geld. Gequatsche. Uns geht es noch zu gut! Zu gut? Ich muss mir überlegen, ob ich mir den Zahnarzt leisten kann, ich gehe an Schaufenstern vorbei und sehe Dinge, die für mich unerreichbar sind. Ich schaffe an diesem Reichtum mit in dieser Stadt – aber ich habe nix davon. Nur Angst, noch weiter abzusinken.«52 Man kann sich vorstellen, dass Birne gegen so motivierten Mundraub wenig einzuwenden gehabt hätte, im Gegensatz zu der Hamburger Justiz, die die Aktionen der Spaßguerilla weniger spaßig fand und Geldstrafen wegen gemeinschaftlichen Diebstahls verhängte. (bf)

(Erstveröffentlichung: B. Figatowski: Es gibt Helden, es gibt Superhelden – und dann gibt es noch Birne. In: Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Heyne Science Fiction Jahr 2009, München: Heyne 2009, S. 370-397.)


Endnoten

1 Werner Scholze-Stubenrecht (Hrsg.): Der Duden: Zitate und Aussprüche. Herkunft und aktueller Gebrauch. Mannheim u.a.: Dudenverlag, S. 685.
2
Günter Herburger: Birne kann alles. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1982, S. 22.
3 Ebd., S: 22 f.
4 Ebd., S. 85.
5 Ebd., S. 30.
6 Ebd., S. 74.
7 Ebd., S. 75. Generell kommt in den Birne-Geschichten ein sehr freizügiges Verhältnis zu Alkohol zum Ausdruck. Vgl. auch Birnes Begegnung mit dem Fuchs, der gerne Bier trinkt: »Für einen Fuchs ist es ziemlich schwierig, Bier zu kriegen. Einmal habe ich eine halbvolle Flasche gefunden. Ich habe sie ausgetrunken, dann konnte ich kaum mehr gehen. Ich bin immer wieder umgefallen. Es war ein lustiger Zustand.« (Ebd., S. 83)
8 Günter Herburger: »Die Macht der Literatur«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 14-19, hier: S. 17.
9 Herburger 1982, S. 43.
10 Ebd., S. 43.
11 Ebd., S. 52.
12 Günter Herburger: Birne kann noch mehr. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1987. S. 15.
13 Ebd., S. 17.
14 Herburger 1982, S. 91.
15 Ebd., S. 92. Es sei nur nebenbei notiert, dass dieser Konflikt nicht ganz wirklichkeitsfremd ist, wie zuletzt der Gesetzgeber bewies, der EU-weit ab September 2009 den Verkauf aller herkömmlichen Birnen mit 100 Watt Leistung untersagt hat.
16 Ebd., S. 121.
17 Ebd., S. 122.
18 Ebd., S. 123.
19 Brita Steinwendtner bemerkt zum Stellenwert Gottes in Herburgers Werk: »Es gibt biblische Namen, Motive, Anspielungen; sie sind Steinbrüche, aus denen der Autor Material sammelt, um die Fülle des Lebens zu zeigen. Aber Gott bleibt tot.« (Brita Steinwendtner: »Angela verheißt Glück, so traurig es ist«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 151-163, hier: S. 159)
20 Herburger 1982, S. 98.
21 Ebd., S. 99.
22 Herburger 1987, S. 24.
23 Ebd., S. 26.
24 Ebd., S. 118.
25 Ebd., S. 124.
26 Günter Herburger: Birne brennt durch. Reinbek bei Darmstadt und Neuwied: Luchterhand, 1975. S. 75.
27 Michael Braun: »Luftschiff für Übersicht und Mut.« http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/einefliegendefestung-r.htm
[eingesehen am 14.4.2017]
28 Herburger 1975, S. 73.
29 Ebd., S. 73.
30 Ebd., S. 75.
31 Ebd., S. 76 f.
32 Ebd., S. 82.
33 Ebd., S. 82.
34 Ebd., S. 82.
35 Vgl. Gerhard Köpf: »Phantasie und Hoffnung«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 115-140, hier: S. 122.
36 Günter Herburger: »Vom Sterben. Stanislaw Lems erster Roman Das Hospital der Verklärung.« In: Werner Berthel (Hrsg.): Über Stanislaw Lem. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1981. S. 183-187, hier: S. 183.
37 Ebd., S. 187.
38 So findet sich auch in seinem jüngsten Gedichtband »Der Kuss« ein Gedicht mit dem Titel »Solaris«, das mit den Versen beginnt: »Ein Kind, zehn Meter groß, / bis zum Nabel in einer Ozeanmasse steckend, / die sich über den Horizont wellte, es hatte / blaue Augen und einen unguten Mund.« (Günter Herburger: Der Kuss. Gedichte. München: A1 Verlag, 2008. S. 42)
39 Bertolt Brecht: »Leben des Galilei. Der gute Mensch von Sezuan«. In: Ders.: Gesammelte Werke, Bd. 3. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1962. 167 f.
40 Peter Bekes: »Günter Herburger. Essay«. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – Das KLG auf CD-ROM. München: edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, 2007.
41 Paul Ludwig Sauer: »Die neue Welt der klugen Kinder.« In: Karl Ernst Maier: Phantasie und Realität in der Jugendliteratur. Bad Heilbrunn/ Obb.: Klinkhardt, 1976. S. 139-160, hier: S. 153.
42 Torsten Harmsen: »Dem Vetter auf den Leim gegangen«.
http://www.berliner-zeitung.de/meister-eder-ist-tot--sein-kobold-nicht---pumuckl-und-sein-zirkusabenteuer--dem-vetter-auf-den-leim-gegangen-15665258 [eingesehen am 14.4.2017]
43 Ebd., S. 93.
44 Köpf 1991, S. 130.
45 Günter Herburger: Birne kehrt zurück. München: Luchterhand, 1975. S. 12.
46 Ebd., S. 119.
47 Werner Ross: »Ich bin ein Mann, der sich oft irrt... Aus Glas und Grammatik«.
http://www.zeit.de/1973/18/aus-glas-und-grammatik [eingesehen am 14.4.2017].
48 Herburger 2008, S. 108.
49 Bekes 2007.
50 Martin Doerry / Katja Thimm: »Disziplin ist das Tor zum Glück«. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,druck-436592,00.html
[eingesehen am 14.4.2017].
51 Herburger 1982, S. 115.
52 Arno Luik: »Wir suchen Orte des Reichtums heim. Aber uns geht es nicht ums Klauen«.http://www.stern.de/politik/deutschland/:Protestaktion-Uns/563642.html
[eingesehen am 14.4.2017].




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Es gibt Helden, es gibt Superhelden – und dann gibt es noch »Birne« (Teil 1, #38)

Geschrieben von Sierra , in Phantastik, Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur 06 April 2017 · 303 Aufrufe
Kinderliteratur, Birne und 4 weitere...

Heute feiert der Schriftsteller Günter Herburger Geburtstag (* 6. April 1932). Ein willkommener Anlass an ihn und seine famosen »Birne«-Bücher zu erinnern.


Es gibt Helden, es gibt Superhelden – und dann gibt es noch »Birne«
Über die phantastischen Kinderromane Günter Herburgers


Jahrzehnte bevor ein gelber Schwammkopf mit breiten Vorderzähnen namens Spongebob und die Teletubbies in den Medien ubiquitär wurden, ist in München eine auf den ersten Blick nicht minder skurrile Heldin auf die Welt gekommen. »Sie sei klug, könne mit jedem sprechen, mit Tieren, Maschinen, Steinen, Todesstrahlen, sie habe kleine Düsenmotoren, ausklappbare Hubschrauberflügel und eine winzige Atombatterie an Bord ihrer Fassung.«1 Anfang der 1970er-Jahre erkannte der in Isny im Allgäu geborene Schriftsteller und Dichter Günter Herburger (*6. April 1932), dass eine Glühbirne durchaus zur Heldin taugt, und schrieb drei Birne-Bücher (»Birne kann alles«, 1971, »Birne kann noch mehr«, 1971, »Birne brennt durch«, 1975), die, erstmals bei Luchterhand erschienen, vor allem als Rotfuchs-Taschenbücher Neuauflagen von mehreren hunderttausend Exemplaren erreichten. In den 1980er-Jahren gerieten Herburgers Geschichten aber beinahe wieder in Vergessenheit, und mit einer »Birne« wurde nur noch Helmut Kohl assoziiert, den das Titanic-Magazin in seinen Satiren »als korruptes, machtgeiles, häßliches, dummes Gemüse imaginierte2 Doch 1996, als Kohl innenpolitisch immer unpopulärer wurde, bescherte Herburger Birne, weitgehend unbemerkt von der Literaturkritik, ein Comeback (»Birne kehrt zurück«, 1996), wobei er sich auf sprachlicher Ebene durch eine stärkere Subjektivität der Geschichten immer mehr seinem lyrischen Werk annähert.

Eingefügtes Bild Zum ersten Verständnis der Birne-Serie, die insgesamt aus hundert Geschichten besteht, ist ein Blick auf die Betitelung aufschlussreich. Richten sich Band eins und zwei laut Untertitel ausschließlich an »Kinder«, verschiebt sich die anvisierte Leserschaft im Untertitel des dritten Bandes auf »Kinder und Erwachsene«, um im vierten Band schließlich gar nicht mehr spezifiziert zu werden. Es ist bloß noch von »Neuen Abenteuergeschichten« die Rede. Diese Schwerpunktsetzungen hängen nur vordergründig mit dem Älterwerden von Herburgers Sohn Daniel zusammen, den der Autor laut eigener Aussage beim Schreiben immer als Leser und Adressaten mitgedacht hat. Gleichzeitig sind die Untertitelungen ein erster Hinweis auf einen Rückzug des Schriftstellers ins Private und eine langmütigere Auseinandersetzung mit der Umwelt jenseits des Didaktischen und des plakativen Frei-heraus-Sprechens, wie sie noch die ersten zwei Geschichtensammlungen prägen.

Noch ganz ohne Werbung und Merchandising eroberten Herburgers »Birne-Bücher« viele Kinderzimmer der Republik. Obzwar »Birne« niemals zu einem echten Klassiker der Kinderliteratur geworden ist, wurde sie auch in der Schule gelesen, wovon die didaktische Sekundärliteratur und eigene Texte von Schülern zeugen, die neue Birne-Abenteuer erfunden haben. Der große Erfolg »Birnes« kann nicht bloß dadurch erklärt werden, dass die Serie lediglich Kindern gefiel, denn auch viele Erwachsene wurden durch die Geschichten angesprochen.

Der junge (unerfahrene) Leser findet neben Herburgers spontanem und unprätentiösem Sprachstil vor allem an der Abenteuerhandlung Gefallen, aber auch an der kinder- und jugendgemäßen Themenwahl, die Unanständiges, Konfliktbeladenes und Spaß am Unsinn nicht ausschließt. Die Aufmerksamkeit des erwachsenen (erfahrenen) Lesers gilt eher dem politischen Provokationspotential der Geschichten, aber auch Herburgers grotesk-humoriger Aufarbeitung gesellschaftlicher Thematiken und menschlicher Eigenheiten. Für die Lektüre des Erwachsenen ist sicherlich förderlich, dass Herburger trotz vieler märchenhafter Züge und Paramythen an dem Kriterium der technischen Erklärbarkeit seiner Welt festhält. Hierdurch wird aber an den kindlichen Leser Wissen vermittelt, da Birne vielen Alltagsrätseln in »Sendung-mit-der-Maus«-Manier auf den Grund geht.3 So gesehen sind die Birne-Geschichten ein gutes Beispiel für doppelsinnige Lektüren, indem sie »zwei implizite (eigentliche) Leser aufweisen und damit zwei verschiedene Lektüren, eine kindliche bzw. jugendliche und eine erwachsene, zulassen«.4

Der Artikel will Herburgers Geschichtenzyklus Revue passieren lassen und dabei auf einige denkwürdige und typische Episoden aus dem Leben Birnes eingehen. Interessant ist die Entwicklung Birnes: Wie wird aus der »Kann-alles-Birne«, die unbeirrbar für eine sozialere Welt kämpft, eine enttäuschte »Durchbrenn-Birne«, die schließlich aus der regenbogenfarbenen Utopie in die graue Gegenwart zurückkehrt, in der die Weltverbesserung kleinschrittig ist? Bei diesem Rundgang durch die Birne-Welt stellt sich auch die Frage, welche Aussagekraft die Birne-Bücher damals hatten und heute noch beanspruchen können.




Zwischen Alltag und phantastischem Arrangement

»Mein Widerstand ist der eines Schriftstellers, wie immer.«5

Schwer zu sagen, ob es ein ereignisreiches Leben braucht, um Birne-Geschichten erzählen zu können. Sicher ist, dass Günter Herburger mit fast vierzig Jahren, als »Birne kann alles« erschien, auf ein solches zurückblicken konnte. Als Sohn eines Tierarztes, der während des Kriegs umgekommen war, ist er zwischen Frauen aufgewachsen. Trotz des strengprotestantischen Umfelds und Schuldrills fand er einen Ausgleich in einer intakten Kinderwelt und Allgäuer Natur. Zuhause wurden in seiner Familie verschiedene Dialekte gesprochen: »das Alemannische, das Viehhändler-Jiddische, das Bregenzerwäldlerische, Tirolerische und ein seltsames venezianisches Idiom.«6 Diese dialektale Vielfalt wird sich später in verschiedenen Werken Herburgers widerspiegeln. Als die französischen Befreier nach Abzug der letzten deutschen Einheiten kamen und marokkostämmige Soldaten in ihr Haus einzogen, machte Herburger erste Erfahrungen der Interkulturalität und der Entgrenzung vermeintlich fester Strukturen: »Eine neue Welt tat sich auf. Herburger lernte die ersten arabischen Worte sprechen, Pfefferminztee trinken und Pfefferminztee mit Kiff. Alle Ordnungen waren zusammengebrochen, und Herburger erlebte die Jahre bis zur Währungsreform als die freiesten und abenteuerreichsten in seinem Leben. In seinen Träumen und Zukunftsentwürfen taucht diese Zeit immer wieder auf.«7 Nach einer Internatszeit in Urspring und nach einem abgebrochenen Studium der Theaterwissenschaften, Philosophie und Sanskrit in München vagabundierte Herburger mit dem Berufswunsch, Schriftsteller zu werden, mehrere Jahre durch Spanien, Frankreich und schließlich Algerien, wo er als Straßenarbeiter jobbte. Auch in Paris wollte die Auseinandersetzung mit der französischen Kulturszene nicht recht gelingen und Herburger verlebte zwei karge Jahre, in denen er in einem arabisch geprägten Viertel lebte, »und wenn ihm als Taschendieb, dieses Handwerk hatte er erlernt, kein Erfolg beschieden war, dann übernachtete er auf U-Bahnschächten.«8 Er kehrte nach München zurück, heiratete und arbeitete als Assistent und Ausstatter beim Süddeutschen Rundfunk, u.a. für das Kinderprogramm. 1964 debütierte er schließlich mit dem sehr erfolgreichen Prosaband »Eine gleichmäßige Landschaft«, der von Dieter Wellershoff lektoriert wurde und ihm manche Türen öffnete. Schon bald wurde er zu einem festen Teilnehmer der Tagungen der Gruppe 47.

Seine Entscheidung, ein Schriftsteller zu werden, führt Herburger auf die Überzeugung zurück, sich von politischen und kulturellen Großkopfeten nicht auf der Nase herumtanzen zu lassen, aber auch auf frühe, familiäre Erlebnisse: »Als ich meinem Großvater, der mich aufzog, da mein Vater im letzten Weltkrieg starb, endlich zu sagen getraute, daß ich seinen kleinen Betrieb – 50 Arbeiter, 5 Angestellte, 2 Chefs, Produktion von Reitpeitschen und Skistöcken in der Provinz – nicht übernähme, vielmehr Schriftsteller werden wollte, da setzte er sich den Rest seines Lebens in die Bahnhofswirtschaft unserer winzigen Stadt und vertrank im Verein mit Weichenstellern, Straßenarbeitern und Bauern alles, was er besaß. Diese wirre Zeit, die ich erleben durfte, machte mir weit mehr Eindruck, als wenn ich der Nachfolger meines Großvaters in seinem Fabrikchen geworden wäre. Wunderträchtige Sprache wurde damals unter den Betrunkenen laut. Diese Entwürfe an Tolldreistigkeit, aber auch rührender Schönheit werden mich nie verlassen und haben mich darin bestärkt, dem Geschäft eines Dichters nachzugehen, der spricht, wenn andere zum Schweigen verurteilt sind, oder der verächtlich weghört, sobald das offizielle Geschwätz davon redet, wie wir uns zu bescheiden hätten.«9 Bei Ausbruch der Studentenrevolten – Herburger wohnte zu diesem Zeitpunkt in Berlin – wurde er zu einem »der ersten Schriftsteller, der dem Denken und Handeln der Studenten zustimmte. Herburger sah sich durch die Revolte nochmals in seiner Poetik der Pracht und Verheerung unterstützt. Damit setzte er sich klar von der Tendenz ab. Aber es gab auch Trennendes. Der Altersunterschied war groß. Das politische Vokabular war nicht das Herburgers. Vor dem Seminarton in Diskussionen ekelte ihn10 Dennoch gewährte der Schriftsteller auch später »Freunde[n], die im politischen Kampf von Waffen sprachen« 11, Unterschlupf in seiner Wohnung.

Eingefügtes Bild
Günter Herburger
(Foto: Catherina Hess; Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des A1 Verlags)

Herburger ist ein Schriftsteller, der Alltag, Politik und Wissenschaft in seinem Werk verbindet. Ein wichtiges Anregungspotential bieten für ihn, wie er 1977 in einem Aufsatz schreibt, die »häßlichsten und schönsten Träume«12 der Armen und der Naturwissenschaftler, denen der Dichter inhaltlich und formal eine Gestalt verleihen soll.13 Zurück in München tritt Herburger Anfang der 1970er-Jahre in die KPD ein, doch seine Sympathie für diese Partei, und für die reale DDR, schmilzt bald dahin. Wie Herburger-Biograph Klaus Siblewski berichtet, klebte er sogar Plakate für die KPD, doch verdross ihn der Parteisprech und die Parteibürokratie, aber auch die Tatsache, dass die Literatur in der Politik keine Rolle spielte.14 Herburger konzentriert sich fortan mehr auf das Schreiben und die Pflege seiner Tochter Anna Katrine aus einer neuen Ehe, die mit einer schweren Körperbehinderung auf die Welt kam.

Zu seinen ›Schreibvätern‹ zählt Herburger Italo Svevo, Hermann Broch, Vladimir Nabokov, Louis-Ferdinand Céline, Witold Gombrowicz, J. R. R. Tolkien, Arno Schmidt und – für den »Birne«-Leser nicht schwer zu erraten – Stanislaw Lem.15 Sich mit den Naturwissenschaften literarisch zu beschäftigen, so wie es gerade Lem tut, sieht Herburger als höchst gewinnbringend an. Literatur brauche sich nicht in Ehrfurcht zu verstecken, sondern habe eine wichtige gesellschaftliche Korrekturfunktion zu erfüllen. Er hat deshalb kein Verständnis für seine Schriftstellerkollegen, die »gern so blank dastehen wie das Quadrat über der Hypothenuse«16 und noch nicht bemerkt haben, dass viele Wissenschaftler ihre Immunität gegen moralische Skrupel verloren haben. »Manche beugen sich in vermeintlicher Demut über ihre Lehrbücher, über denen sich auch Atombomben, Atomkraftwerke und die riesigen Proteinbäume manipulierbarer Erbeigenschaften auftürmen. Aber im Lotussitz lässt sich die entfesselte Forschung nicht mehr rückgängig machen. Diese älteren Herren, nachdem sie Nobelpreise erhalten haben für einen Peitschenschlag des Wissens über das Begreifen hinweg, entfachen zwar wieder Sanftmut, doch den Schutt, den sie hinterlassen haben, sollen wir wegräumen.«17 Deshalb seien Schriftsteller, wie er in diesem programmatischen Text aus dem Jahre 1977 schreibt, gerade nicht überflüssig, sondern können zu »emanzipierten Seelsorgern« werden und die »vor Erschöpfung und Erkenntnisfurcht weinenden Gelehrten bergen, um ihnen zu sagen, wo Durst und Hunger tatsächlich brennen«.18 Sie sind für das naturwissenschaftliche Projekt entscheidend, da sie nach Ansicht von Herburger ihren moralischen Kompass und ihre Fähigkeit, Mitleid zu empfinden, nicht verloren haben.

Neben den Birne-Büchern und der Veröffentlichung einer ganzen Reihe von Drehbüchern in den 1960er-Jahren, genießt Herburger insbesondere für seine Gedichtbände (zuletzt »Der Kuss«, 2008) und sein phantastisches Romanwerk, die »Thuja«-Trilogie, eine hohe Reputation, die nicht zuletzt in seiner Würdigung mit dem Peter-Huchel-Preis und dem Hans-Erich-Nossack-Preis zum Ausdruck kommt. Zu erwähnen ist schließlich Herburgers Begeisterung für Marathone und Ultramarathone, an denen er sich weltweit beteiligte und diese in Erzählbänden wie »Lauf und Wahn« (1988), »Traum und Bahn« (1994) und »Schlaf und Strecke« (2004) verarbeitete: »Einer wie Herburger, der Literatur als Abenteuer begreift und im exzessiven Laufen auf geistige Gewinne setzt, hält sich an die Lebenstaktik der weisen Zen-Meister: Der Weg ist das Ziel19




Gestatten: Birne!

»Toll sind Elefanten, Hühner, Seelöwen, Kühe, Pferde, Krokodile,
die alle in den Zoo gehören;
in der Natur wirken sie für ihn verloren und überflüssig.
Am tollsten ist Superman.«20

Im Vorwort der ersten Birne-Geschichtensammlung erzählt Herburger, dass es Birne ohne seinen Sohn Daniel und dessen Vorliebe für spannende Gute-Nacht-Geschichten nicht geben würde. Als Herburger nämlich eines Tages keine Geschichte mehr einfällt, hat Daniel eine folgenschwere Idee: »Er brauche unbedingt eine Geschichte, und zwar, schrie er, über Birne! Welche Birne, fragte ich. Eine eßbare Birne oder eine Thomas-Birne? Natürlich Glühbirne, rief er.«21 Daniel fordert außerdem ein, dass die Geschichten nie ausgehen dürfen und außerdem müsse Birne über innere Werte verfügen, mit anderen Worten: »Birne muß stets siegen, sie muß besser sein als alle anderen. Birne ist kein Mensch, sondern ein technischer Gegenstand mit menschlichen Eigenschaften. Birne besitzt den Mut eines Weltraumfahrers, den Gerechtigkeitssinn Jesu, die Robustheit und Langlebigkeit einer Schildkröte, die Begeisterungsfähigkeit Lenins und die Schönheit von Computerteilen.«22 Ein Held ist geboren! Einer der nachts als Straßenlampe arbeitet und tagsüber als Superbirne Abenteuer erlebt. Und weil sein Vater »nicht immer wissen [könne], was ein Kind interessiere«, bietet sich Daniel sogleich als Berater und als Zeichner an.23

Eingefügtes Bild Natürlich ist dieser Schöpfungsmythos nur die halbe Wahrheit. Schreibanlass war auch Herburgers schwierige Lebensphase Anfang der Siebziger Jahre, als seine zweite Ehe geschieden und er von seinem Sohn getrennt wurde. Das Schreiben der Birne-Geschichten hatte für ihn eine Art Ersatzfunktion, um das Alleinsein an den Wochenenden zu überbrücken.24
Neben dem Angriff auf den politischen Konservatismus, der ihn damals als progressivem Linken besonders frustrierte, schlägt sich in den Birne-Texten zudem die Unzufriedenheit über die bestehende Kinderliteratur nieder, die nach Meinung des Autors häufig nur idyllisch entrückte Kinderwelten schildere. Stattdessen möchte er die moderne und technikbezogene Kindheit in den Vordergrund rücken und damit lebensnäher darstellen: »Ich sehe die Welt der Kinder nicht mehr von Laubfröschen, Kälbchen, Mägden, Oberförstern umgeben, sondern von Weltraumschiffen, Fernsehapparaten, Düsenflugzeugen, Westernhelden, Autos, Stereoanlagen. Die Kinder von heute sind größtenteils Stadtkinder; morgen werden es alle sein.«25 (bf)



Der zweite Teil dieses Essays erscheint in Kürze im Blog. (Erstveröffentlichung: B. Figatowski: Es gibt Helden, es gibt Superhelden – und dann gibt es noch Birne. In: Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Heyne Science Fiction Jahr 2009, München: Heyne 2009, S. 370-397.)



Endnoten

1 Günter Herburger: Birne kann alles. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1982. S. 8.
2 Lutz Hagestedt: »Who the fuck is BIRNE? Helmut Kohls letztes Abenteuer«. http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=1294&ausgabe=200007 (Letzter Zugriff: 4.4.2017). 1983 erschien Peter Knorrs und Hans Traxlers »Birne. Das Buch zum Kanzler. Eine Fibel für das junge Gemüse und die sauberen Früchtchen in diesem unserem Lande.« (1983).
3 In der Geschichte »Birne auf dem Land« etwa rühmt sich eine Kuh, dass sie eine Million Grashalme pro Tage esse. Birne überprüft diese Behauptung, indem sie sich auf eine lustige Reise durch die vier Mägen der Kuh begibt.
4 Hans-Heino Ewers: Literatur für Kinder und Jugendliche. Eine Einführung. München: Fink, 2000. S. 125.
5 Günter Herburger: »Beitrag, gehalten während der Berliner Begegnung zur Friedensförderung«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 22-23, hier: S. 23. Herburger ist bisher von der Germanistik weitgehend ignoriert worden, der von Siblewski herausgegebene Autoren- und Werkband ist eine wichtige Ausnahme von der Regel.
6 Günter Herburger: »Kurze und lange Sätze. Skizze zu einer kleinen Poetik«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 31-41, hier: S. 34.
7 Klaus Siblewski: »14 Stationen aus Leben und Werk«. In: Ders. (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 43-66, S. 48.
8 Ebd., S. 54.
9 Günter Herburger: »Die Macht der Literatur«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 14-19, hier: S. 16 f.
10 Siblewski 1991, S. 60.
11 Ebd., S. 60.
12 Günter Herburger: »Die Macht der Literatur«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 14-19, hier: S. 16 f.
13 Karlheinz Kluge vergleicht Herburgers Erzählstrategie im Hinblick auf naturwissenschaftliche Wissensbereiche mit denen von Thomas Pynchon und fasst sie wie folgt zusammen: »In der Prosa muß der Erzähler gedanklichen Mehrwert schaffen, die Probleme der Wissenschaft erst benennen, bevor er sie außer Kraft setzen kann. So gelangte Herburger durch die Einseitigkeit naturwissenschaftlicher Ergebnisse hindurch zu einer eigenen Phantastik.« (Karlheinz Kluge: »Der Phantasie ein Echolot«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 104-110, hier: S. 108)
14 Vgl. Siblewski 1991, S. 63.
15 »Dazu kommen noch viele andere, die ich lese, verfluche, bewundere, wieder hervorhole, abschmecke, beiseite schiebe, erneut zu Rate ziehe.« (Günter Herburger: »Die Macht der Literatur«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 14-19, hier: S. 15)
16 Ebd., S. 17.
17 Ebd., S. 18.
18 Ebd., S. 18.
19 Michael Kohtes: »Sohlenkunde und Seelenheil«. http://www.zeit.de/2004/47/L-HerburgerTAB?page=1(Letzter Zugriff: 4.4.2017)
20 Herburger 1982, S. 7.
21 Ebd., S. 7 f.
22 Ebd., S. 8.
23 Ebd., S. 8.
24 Vgl. Siblewski 1991, S. 61.
25 Herburger 1982, S. 9.




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Bonn-Anthologie "Tanz der Kirschblüten" im Erscheinen (#37)

Geschrieben von Sierra , in In eigener Sache, Phantastik, Kulturraum Rheinland, Unkategorisiert 25 March 2017 · 302 Aufrufe
Bonn, Stories, Kurzgeschichten und 2 weitere...

In Kürze erscheint im Kid-Verlag die von mir herausgegebene Bonn-Anthologie "Tanz der Kirschblüten", die auf einer Ausschreibung aus dem vergangenen Jahr beruht. Anmerkung zum Titel: Die Bonner Altstadt ist für ihre Kirschbäume bekannt, die jedes Jahr im April aufblühen und zum Spazierengehen und Fotografieren einladen. (bf)

Klappentext des Verlags:

Ehemalige Kurfürstenresidenz und Bundeshauptstadt, heute Sitz der Vereinten Nationen, Campus City mit großzügigen Parkanlagen – Bonn ist großstädtisch und ruhig zugleich. Manch einer sagt: Heimelig. Doch auch hier gibt es Geschichten über Ereignisse, die sich nicht immer rational auflösen lassen.
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Der von Bartholomäus Figatowski herausgegebene Band enthält 12 Erzählungen über solche Ereignisse. In „Die Glocken von Beuel“ werden ebendort die Einwohner von dem Glockenspiel der Pfarrkirche St. Josef aus dem Schlaf gerissen, obwohl kein Glöckner im Kirchturm zugegen ist. Jahrzehnte später versuchen akribische Wissenschaftler dieses ‚Wunder‘ aufzuklären. In „Tanz der Kirschblüten“ wird die Altstadt zu einem Schicksalsort, an dem das Leben eines Kindes eine phantastische Wende nimmt. Am Rheinufer in Castell wird eine Leiche gefunden, die aus der Römerzeit stammt und doch kaum gealtert zu sein scheint. Und immer wieder taucht ein Namen auf: Ludwig van Beethoven.

AutorInnen und Texte: Jörg Weigand Die Glocken von Beuel / Günter Vollmer: Das Bonnzelmännchen / Monika Niehaus: Die schöne Else / Jessica Findling: Tanz der Kirschblüten / Rainer Schorm: Wasser / Karla Weigand: Ad majorem Dei gloriam/ Udo Weinbörner: Das Dornbusch Phänomen / Hans-Dieter Furrer:Sehsucht / Karsten Beuchert: Die Lanze des Mauricius / Silke Vogt: Himmel und Hölle / Diana-Isabel Scheffen: Kunst am Brückenmännchen / Jörg Weigand: Es war einmal

Bibliografische Angabe: (Hrsg.): Tanz der Kirschblüten - Phantastische Geschichten aus Bonn
Titelbild: Martin Welzel. 165 Seiten, Preis: 12,80 €, ISBN 978-3-929386-73-8.


Link zur Verlagsankündigung.




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Anmerkungen zur Nominierungsliste des Deutschen Jugendliteraturpreises 2017 (#36)

Geschrieben von Sierra , in Preise und Auszeichnungen, Bilderbuch, Kinder- und Jugendliteratur 23 March 2017 · 310 Aufrufe
Jugendliteraturpreis und 4 weitere...
Heute wurden auf der Leipziger Buchmesse die Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis bekanntgegeben. In den Sparten Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch und Sachbuch nominiert eine neunköpfige Kritikerjury, dazu kommt noch der Preis der Jugendjury. Diese Jury setzt sich zusammen aus den Vetretern von sechs bundesweiten Leseclubs.
Viele der nominierten Titel kenne ich nicht bzw. sie sind mir nur dem Namen nach bekannt, aber dafür sind Preise ja auch da, dass man den einen oder anderen Lese-Tipp erhält. Dank der relativ ausführlichen Begründungstexte kann man sich ein erstes Bild über ein Buch machen, schön finde ich, dass neben den Autoren und Illustratoren ebenso die Übersetzer mit Foto und Kurz-Vita Erwähnung finden.


Originell erscheint mir in der Kategorie für die jüngsten Leser das Bilderbuch »Hier kommt keiner durch!«, das auf spielerische Art unsinnige Befehle und Gehorsamspflichten hinterfragt. (Mit solchen Intentionen kann man wohl in der Tat nicht früh genug beginnen... :devil:.) Thé Tjong-Khings Bilderbuch will dagegen nicht Geringeres als den jungen Leser in die »Welt des Hieronymus Bosch« entführen und dabei - laut Jurybegründung - ein »kunsthistorisches Interesse« in ihm wecken. Ob das wirklich altersangemessen und gleichzeitig »generationenübergreifend« gelingen kann? Ich bin gespannt.

In der Sparte Kinderbuch sind mit Simon van der Geests Werk »Krasshüpfer« und der ungewöhnlichen Superhelden-Geschichte »Super-Bruno« zwei Titel benannt, die bereits auf den Seiten dieses Blogs sehr positiv besprochen wurden (vgl. hier und hier).
Erfreulich ist schließlich die Nominierung des Jugendromans »Im Jahr des Affen« über die Identitätssuche eines Mädchens, das sich mit der familiären Migrationsgeschichte und ihrer aktuellen deutsch-chinesischen Lebenswelt auseinandersetzt. Die Ausschnitte, die ich aus dem Roman gehört habe, aber auch das beeindruckende Interview mit der Autorin im DLF (leider ist nur noch der Transkript online) sind sehr vielversprechend.

Schauen wir mal, wer im Oktober dieses Jahres das Rennen machen wird, wenn die Sieger auf der Frankfurter Buchmesse prämiert werden.

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(Quelle: Presse-Material des Deutschen Jugendliteraturpreises)


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Abschied vom Osterhasen: »Hasenfest und Hühnerhof« (#35 Rezension)

Geschrieben von Sierra , in Sachbuch, Bilderbuch, Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 19 March 2017 · 128 Aufrufe
Sachbuch, Ostern, Kinderliteratur und 4 weitere...
Eva Sixt: »Hasenfest und Hühnerhof« (Rezension)

Inhalt
In ihrem Sachbilderbuch nimmt Eva Sixt die Osterbräuche rund um Hasen und bunte Eier zum Anlass, über Feldhasen, Kaninchen und Hühner zu informieren. Sie berichtet von Körperbau und Lebensweise sowie von besonderen Fähigkeiten dieser Tiere. Außerdem arbeitet Sixt die Unterschiede zwischen Feldhasen, Wild- und Zwergkaninchen heraus und gibt Hinweise zur Haltung von Hühnern und Kaninchen. Aber auch das Ei als solches kommt nicht zu kurz: Die Eier verschiedener Vogelarten werden gegenübergestellt.

Beurteilung
Wie es der Untertitel ihres Sachbilderbuches verspricht, liefert die Biologin und Wissenschaftsillustratorin Sixt »Naturwissen - nicht nur für Ostern«. Originell ist es, dass die Autorin von den Fragen ausgeht, die sich Kinder zu stellen beginnen, wenn der feste Glaube an den Osterhasen zu schwinden beginnt und die Unstimmigkeiten zwischen dem tradierten Mythos und einer zunehmend kritischeren Realitätswahrnehmung größer werden. Eva Sixt geht sensibel vor, wenn sie durch Sachinformationen aufklärt ohne explizit zu sagen, dass es den Osterhasen nicht gibt. Folglich überlässt sie es dem kindlichen Leser, aus ihrem Buch Schlüsse zu ziehen - oder eben (noch) nicht.
Eva Sixt schreibt in kurzen einfachen Sätzen. Die Anzahl der Fachbegriffe, z.B. Tarnkleid, Kolonien, Schalltrichter und Wurf(bau), ist Vorschulkindern zumutbar und sie sind vom erwachsenen Vorleser schnell erklärt. Hierbei helfen auch die lebendigen, detailreichen und naturgetreuen Zeichnungen, welche die verbalen Informationen sehr gut illustrieren. Text- und Bildverständnis werden zudem durch die wohlüberlegte Auswahl der Informationen und Illustrationen unterstützt, die sich auf Wesentliches konzentriert, aber spannende Fakten nicht außer Acht lässt. Wer weiterführende Informationen wünscht, findet sie in der Innenseite des Einbandes. Der Buchtext, der als Fließtext ohne Überschriften und Aufzählungen layoutet ist, erinnert in seiner Erzählweise eher an die Sachgeschichten der »Sendung mit der Maus« als an Lehrtexte aus dem Sachunterricht. Auch diesbezüglich ist der Autorin die Orientierung an der Adressatengruppe gelungen.
Sixt’ Zeichnungen offenbaren einen Blick für die Schönheit von Tier und Natur und lassen den kindlichen Betrachter daran teilhaben bzw. hierfür sensibel werden. Die großformatigen und klaren Bilder eignen sich zudem für eine Präsentation in der Kleingruppe. Wichtig - auch schon für die Gruppe der Vorschulkinder - sind die Hinweise zur Hühnerhaltung. Die bildliche und verbale Darstellung der Käfighaltung hätte m.E. etwas kritischer sein können, ohne dass die Altersgruppe überfordert worden wäre. Die Formulierung »Sie haben kein schönes Leben« verharmlost wichtige Fakten und ist wenig informativ. Ganz anders ist es mit den Vergleichen, mit denen Sixt dem kindlichen Leser Aussehen und Gestalt unterschiedlicher Vogeleier näher bringt. So ist zu erfahren, dass die Eier des Kolibris so groß sind wie Erbsen und die des Afrikanischen Straußes wie 24 Hühnereier. Wissenswert sind schließlich die Informationen zur Haltung von Hauskaninchen, die sich mancher kindliche Leser nach der Lektüre dieses Buches sicherlich wünscht. (sb)

Gesamteindruck: +++ (4 / 5)

Bibliografische Angaben: Eva Sixt: Hasenfest und Hühnerhof. Zürich: Atlantis bei Orell Füssli, 2016. 32 S. ISBN: 978-3-7152-0712-4. EUR 14,95 € [Gebundene Ausgabe].


[Rezension zuerst erschienen in der Datenbank der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW]

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»Die Gene wissen, was sie fürchten müssen.« – Peter Watts' »Blindflug« (#34 Rezension)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction, Rezension 11 February 2017 · 238 Aufrufe
Peter Watts, Science Fiction und 6 weitere...
Ist Peter Watts' »Blindflug« nicht bereits ein SF-Klassiker? Mir fällt es schwer darauf eine Antwort zu geben, obwohl der Roman 2007 für den Hugo nominiert wurde. Die Lektüre liegt für mich auch schon ein paar Jahre zurück. Dennoch denke ich gerne an das Werk zurück, fand die von Peter Watts beschriebene Erstkontakt-Geschichte ungewöhnlich, faszinierend und bezugsreich. Leider ist das Buch im Deutschen vergriffen bzw. nur als ePUB erhältlich – man wird sehen, ob und wann der Roman nochmal eine Neuauflage / Neuausgabe erfährt. Im englischsprachigen Original sieht die Situation besser aus, zudem hält der Autor den Roman auf seiner Webpage – wie auch schon seine andere Werke – zum kostenlosen Creative-Commons-Download bereit (wobei Watts eine wichtige Einschränkung macht: »please don't edit my actual prose, at least not without asking me first. I put all these words in a specific order for a reason.« :devil: ).

Beurteilung

Die Handlung des Hard-SF-Romans »Blindflug« des kanadischen Autors und Meeresbiologen Peters Watts setzt in medias res ein. Die menschliche Welt ist im späten 21. Jahrhundert zu einer Welt der Simulationen geworden; der künstlich-intelligente Maschinenapparat ermöglicht eine Existenz in der Virtualität, im sogenannten »Himmel«, die viele Menschen der Wirklichkeit vorziehen. Im Jahre 2082, kurz vor der »Ankunft des Großen Digitalen Uploads«, wird die Menschheit jedoch von einem höchst realen Ereignis aus ihrem digitalen Freudetaumel geholt: Rund um den Erdball erscheinen feuerwerkähnliche Irrlichter in der Atmosphäre und geben Anlass zu den wildesten Spekulationen, etwa dass es sich um eine Fotoaufnahme der Erde handele, die eine außerirdische Macht zu einem unbekannten Zweck angefertigt habe. Zwei Jahre später werden erneut ähnliche Signale aus der Oort’schen-Wolke, jenseits der Plutobahn, empfangen. Das hochentwickelte Raumschiff Theseus wird zu der Signalquelle entsendet. Es ist vollautomatisiert und hat nur deswegen eine fünfköpfige Besatzung an Bord, »weil bislang noch niemand eine geeignete Software für den Erstkontakt entwickelt hatte.«

Wie in Watts Tiefsee-Thriller »Abgrund« (1999), dessen Protagonisten sich ebenfalls aus Psychopathen rekrutieren, besteht auch in »Blindflug« die Mannschaft aus menschlichen Grenzgängern. Ihr Anführer ist der Vampir Jukka Sarasti – in der Zukunft sind Vampire aus uraltem Genmaterial rekonstruiert worden –, der als einziges Besatzungsmitglied im direkten Kontakt mit Theseus steht. Die Funktion jedes Einzelnen an Bord ist klar umrissen: »Isaac Szpindel, der die Fremden erforschen sollte. Die Vierergang – Susan James und ihre Sekundärpersönlichkeiten –, um mit ihnen zu sprechen. Majorin Amanda Bates, um im Notfall gegen sie zu kämpfen. Und Jukka Sarasti, mit dem Oberbefehl über uns alle, um uns wie Schachfiguren auf einem mehrdimensionalen Spielbrett hin und her zu schieben, das nur ein Vampir sehen konnte.« Die Handlung des Romans wird aus der Ich-Perspektive des sogenannten Synthesisten Siri Keeton vermittelt, der vor der Mission als KI-Forscher am Kurzweil-Institut angestellt war. Nach einer schweren Gehirnoperation in seiner Kindheit ist er zu der Empfindung von Gefühlen nicht mehr in der Lage. Gleichzeitig kann er dank besonderer Fähigkeiten zur Mustererkennung sowohl menschliches Handeln deuten als auch die Konsequenzen wissenschaftlicher Entdeckungen vorhersehen, - ohne diese selbst verstehen zu müssen. Die Forscher stoßen auf ein unförmiges Objekt nicht-irdischen Ursprungs in der Nähe eines Planeten: »Rundungen und Zacken waren zu erkennen, keinerlei glatte Kanten. Ich konnte nicht genau sagen, was von der Gestalt echt war und was von den Brechungen der Wolkendecke darunter herrührte. Doch das Objekt schien die Form eines Torus zu besitzen. […] Dieses Ding, das sich im Schatten von zehn Jupitermassen verbarg, hatte etwa dreißig Kilometer Durchmesser.« Der Linguistin Susan James gelingt eine Kontaktaufnahme mit dem Objekt, das sich scheinbar mühelos des menschlichen Begriffs- und Vorstellungssystems zur Kommunikation bedient und sich selbst »Rorschach« nennt. Obwohl es ihnen verständlich macht, dass sie sich ihm lieber nicht weiter nähern sollen, betreten die Astronauten Rorschach und stoßen dort sogleich auf die »Scrambler«, menschengroße Tentakelwesen, die ihr Selbstvertrauen einer harten Belastungsprobe aussetzen. Die Riesen-»Blutkörperchen mit Armfortsätzen« leben in einer Symbiose mit Rorschach und sind in der Lage, die menschlichen Sinnesorgane zu stören. Die Gefangenahme zweier Scrambler führt zu einer gefährlichen Kettenreaktion, in der schließlich nicht nur das Alien-Artefakt, sondern auch der Super-KI Theseus den Machbarkeitswahn und die Kontrollillusion der menschlichen Konquistadoren ad absurdum führen. Der Synthesist Siri stellt sich im Laufe der Handlung als höchst unzuverlässiger Erzähler heraus, der überdies in der Begegnung mit dem Ganz-Fremden schnell seiner Rolle als nicht-teilnehmender Beobachter verlustig geht.

Auf ungewöhnliche Art spielt Watts Roman mit dem Motiv der Konfrontation mit Außerirdischen und erinnert dabei an die berühmten Lem-Romane »Stimme des Herrn« und »Der Unbesiegbare«, und vor allem »Solaris«, in dem ein absolut fremdartiger Ozeanplanet die menschlichen Forscher zum Narren hält. Wie Lems Ozean ist auch Rorschach in der Lage menschliches Bewusstsein zu manipulieren, obwohl er selbst aus Einheiten besteht, die kein eigenes Bewusstsein haben und aus dem Zusammenspiel von physischen und chemischen Strukturen entstanden sind.
Ungewöhnlich ist natürlich auch die Verwendung von Vampir-Figuren im Weltraum. Ohne über Gebühr die Pseudowissenschaft zu bemühen, versteht es Watts vorzüglich das dramatische Potential der Vampir-Mensch-Polarität auszuloten und so dem altbekannten Erst-Kontakt-Szenario seinen ganz eigenen Stempel aufzudrücken. Bereits in der Exposition der Mannschaftsmitglieder aus der Sicht Siris wird die evolutionäre Dimension des Antagonismus deutlich, der über den harmlosen Grusel vieler Gothic-Romane hinausgeht: »Wenn Sarasti mich mit blossen Augen ansah, die nicht von einem Visor verdeckt wurden, schienen sich eine halbe Million Jahre einfach in Luft aufzulösen. Die Tatsache, dass seine Spezies ausgestorben war, spielte dann keine Rolle mehr. Dass wir so weit gekommen und in der Lage waren, unsere schlimmsten Albträume aus dem Grab wiederaufstehen zu lassen … bedeutete nichts. Die Gene lassen sich nicht täuschen. Sie wissen, was sie fürchten müssen.«

Wie Lem macht es Watts Spaß die Grenzen der menschlichen Wahrnehmungskraft aufzuzeigen, die auch vom modifizierten Menschen nicht überschritten werden können. Sein Roman überzeugt vor allem in der faszinierenden Diskussion der Möglichkeiten fremder Intelligenzformen, die ausdrücklich nicht auf Bewusstsein fußen und sich wie die Scrambler ohne Gene entwickelt haben. So phantastisch diese Alien-Phantasien manchmal sind, bleiben sie dennoch – dies ist das erklärte Ziel von Watts – »in biologischer Hinsicht plausibel« und werden in sinnvoller Weise mit der spannenden Rahmenhandlung verbunden. Auch die insgesamt recht pessimistisch anmutende Extrapolation der sozialen und psychologischen Facetten des Kurzweilschen Menschen, der trotz seiner künstlichen Bauteile und chirurgischen Modifikationen im Kosmos das Scheitern lernt, kann man als überaus gelungen bezeichnen. Spaß macht die Lektüre schließlich dank vieler literarischer und cineastischer Querverweise innerhalb und außerhalb des SF-Genres. Diese Inspirationsquellen und Referenzen mindern dabei keineswegs die Tatsache, dass Watts einen eigenen Stil gefunden hat, der auf weitere SF-Meilensteine hoffen lässt. (bf)

Gesamteindruck: ++++ (4,5 / 5)

Bibliografische Angaben: Peter Watts: Blindflug [Blindsight]. Übers. aus dem Englischen von Sara Riffel. München: Heyne, 2008. 494 S. ISBN: 978-3453523647. EUR 9,99.

[Rezension zuerst erschienen im Heyne Science Fiction Jahr 2009.]

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»Linkslesemut oder Die Sache mit dem Versiebtlein« von Anja Janotta (#33, Rezension)

Geschrieben von Sierra , in Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 28 January 2017 · 209 Aufrufe
Lese-Rechtschreibschwäche, LRS und 7 weitere...
»Linkslesemut oder Die Sache mit dem Versiebtlein«

Inhalt:

Mira ist genervt: Alle ihre Freunde sind verliebt. In Miras Leben aber hat die Liebe nichts zu suchen. Schließlich ist sie durch ihre Lese-Rechtschreibschwäche mehr als genug gefordert. Doch in der Schülerzeitungs-AG, der sie nur widerwillig beitritt, trifft das Mädchen auf Maurice, den ›Maulaufreißer‹. Im gemeinsamen Kampf für die Pressefreiheit gegen die oberstrenge Schulleiterin kommt sie dem Jungen näher. Und am Ende steht fest: Auch Mira ist gegen den ›peinlichen Quatsch‹ nicht im-muhen.


Beurteilung:

»Linkslesemut oder Die Sache mit dem Versiebtslein« ist Anja Janottas zweites Buch über ihre sympathische Heldin Mira, die sich nicht nur mit einer Lese-Rechtschreibschwäche (LRS), sondern auch mit der Schwierigkeit herumschlägt, sich Namen nicht merken zu können.
Janotta versteht es sehr gut dem Leser zu vermitteln, wie sich eine LRS ›anfühlt‹. Dies gelingt ihr, indem sie Mira aus der Ich-Perspektive mit altersentsprechenden Bildern und Wörtern erzählen lässt: »Für Leute wie meinen längsten Freund Felix oder meinen schlauen Bruder Linus sind Wörter immer alte Bekannte – sie wissen, wer das ist und wie man sie schreibt. Ich hingegen muss sie immer wieder neu kennenlernen, ihnen brav die Hand schütteln und von dem ganzen Geschüttel geraten die Buchstaben dann immer wieder durcheinander« (S. 63). Selbst der Hinweis auf einfache Ableitungs- und Verlängerungsregeln (Wald – Wälder, Fahrrad – fahren) kann ihr zur tiefen Verzweiflung der Mutter keine Hilfe sein (S. 59). Die Identifikation mit Mira wird zudem dadurch gefördert, dass Janotta ihre Protagonistin nicht als ›graues Mäuschen‹ darstellt. Mira erscheint als temperamentvolles, aufgewecktes und durchsetzungsstarkes Mädchen, das mit ihren Schwächen – zumindest im zweiten Band – offensiv umzugehen weiß, aber auch zum Ausdruck bringt, wie anstrengend dies sein kann. Damit liefert die Autorin ein ermutigendes Vorbild für den Umgang mit ähnlichen Problemen.
Janottas Figuren und deren Dialoge sind überwiegend authentisch gezeichnet und mit viel Witz geschrieben: »›Was is'n das?‹, fragte also Papa beim Abendessen und deutete auf den roten Punkt. ›Hast du Masern?‹ ›Nein, das ist ein Zeichen für meine indische Weisheit.‹ (…) ›So, so. Und das ist dir nicht peinlich?‹ ›Wieso peinlich?‹ ›Na, du bist doch keine Inderin oder so. Oder Hinduistin. Du bist doch eh-wann-Gel-lösch.‹ ›Ja und?‹, gab ich trotzig zurück. ›Magst du das nicht lieber wegmachen?‹, fragte Papa. ›Warum sollte ich?‹ (…) ›Weil man sich hier nicht im Gesicht anmalt.‹ ›Und Mama? Was ist mit Mama? Mama trägt auch jeden Tag Merk-ab (…)‹«. (S. 110) Etwas überzeichnet und klischeehaft wirkt die Darstellung der Schulleitung, die als gemeinsames Feindbild, als eine Art »Fräulein Rottenmeier« daherkommt. Zudem wären der von Janotta gewählten Jugendsprache m.E. stellenweise ein paar weniger Kraftausdrücke zuträglich gewesen ohne an Authentizität zu verlieren.

Die Autorin spricht in ihrer Geschichte unterschiedliche Themen an, die ältere Grundschulkinder beschäftigen wie Umgang mit Anderssein, Freundschaften, erstes Verliebtsein, Bewusstsein für eigene Rechte oder Auseinandersetzung mit Regeln. Die einzelnen Handlungsstränge verbindet sie zu einem schlüssigen Plot – wobei es am Ende keine wirkliche Überraschung ist, dass das Verliebtsein Mira selbst erwischt. Realistisch und humorvoll zugleich sind die Gefühle und das Verhalten verliebter Grundschüler aus Miras Sicht beschrieben: Initialen mit einem Pluszeichen verbunden und einem Herz umrandet sorgen für Glückseligkeit und Ärger zugleich. Mira begründet ihre Abwehr gegen Verliebtsein direkt zu Anfang: »Ich will immer noch angucken, wen und solange ich das will. Will allen möglichen Quatsch quasseln, ohne darüber nachdenken zu müssen. (…) Mich mit Schneematsch als Indianer bemalen und mir Schneelockenwickler drehen ohne schauen zu müssen, ob's nicht vielleicht doch beknackt aussieht« (S. 8). Hinter diesen Worten verbirgt sich gleichzeitig die ermutigende Aufforderung, sich selbst treu zu bleiben und sich nicht zu verstellen. Dies gilt noch mehr für Miras Schülerzeitungsartikel »Warum manche Regeln blöd sind« (S. 112), den Janotta in berührende, altersentsprechende Worte zu fassen versteht.

Äußerst gelungen ist m.E., dass die Autorin das problemgeladene Thema LRS durch die beschriebenen Wort- und Satzbildungsspiele sowie die bildlich dargestellten Kapitelüberschriften und eingebauten Mira-Wörter – »schick-an-Nieren«, »Komm-säg-wenn-zehen«, »Sehr-Minis Nächst Topf Modell«, »tu Matsch« u.v.m. – mit einer Aufforderung zum spielerischen, kreativen Umgang mit Schriftsprache verbindet. Die comichaften, witzigen Illustrationen von Stefanie Jeschke geben den Figuren Janottas ein entsprechendes Gesicht und spiegeln vor allem die freche, natürlich-sympathische Art der Protagonistin wider. (sb)


Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)


Bibliografische Angaben: Anja Janotta: Linkslesemut oder Die Sache mit dem Versiebtslein. Mit Illustrationen von Stefanie Jeschke. München: cbj, 2016. 237 S. ISBN: 978-3-570-16340-5. EUR 12,99 (Hardcover).

[Rezension zuerst erschienen in: Datenbank der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW.]

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Nachlaufspiele und Spielplatzgeschichten (#32, Bilderbuch-Besprechungen)

Geschrieben von Sierra , in Bilderbuch, Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 28 January 2017 · 324 Aufrufe
Spiel, Tiere, Gewicht und 7 weitere...
»So leicht so schwer«

Inhalt:

Die Spielplatzgeschichte von Susanne Straßer erzählt von einem Elefant, der gerne wippen möchte. Alleine geht das gar nicht. Der Pinguin macht mit, aber er ist zu leicht. Nach und nach unterstützen ihn immer mehr Tiere und klettern auf seine Seite der Wippe. Erst als ein Nilpferd dazuplumpst, setzt sich die Wippe in Bewegung ohne jedoch zu wippen. Die Tiere sind zusammen genauso schwer wie der Elefant. Am Ende kommt ein Kind mit einer Überraschung und der Wippspaß kann endlich beginnen.

Beurteilung:

In ihrem Bilderbuch stellt Susanne Straßer ein Spielgerät – auch bildlich – in den Mittelpunkt, das schon ganz kleinen Kindern aus eigener Erfahrung vertraut und zumeist sehr positiv besetzt ist: die Wippe. Vielleicht hat das ein oder andere Kind schon einmal erlebt, dass die Wippe nicht immer (gleich gut) wippt, z.B. wenn Mama und Papa auf der anderen Seite gesessen haben und es einfach in der Luft hängen geblieben ist. Straßer greift diese Erlebnisse in einer einfachen und witzigen Geschichte auf und erklärt ganz nebenbei, warum dies so ist. Dabei spielen die Begriffe »leicht« und »schwer« eine zentrale Rolle. Durch die Art und Weise, wie die Wippe dargestellt ist, wird auch die Vorstellung von der Funktionsweise einer Waage unterstützt.
Straßers Helden sind bekannte und beliebte Tiere, offensichtlich unterschiedlicher Gewichtsklassen. Ihre Bilder sind äußerst klar und deutlich gezeichnet und einfach komponiert. Obwohl das Buch nicht groß ist, lässt es sich aus diesem Grund dennoch in der Gruppe präsentieren. Reduziert und pointiert ist auch Straßers Text. Sie arbeitet mit Halbsätzen und sich wiederholenden Sätzen bzw. Satzmustern, die sich selbst kleinen Kindern schnell einprägen bzw. sie zum Mitsprechen einladen. Alliterationen und lautmalerische Wörter verstärken diesen Effekt. Letztere sind schräg gestellt und fett gedruckt, wodurch eine erste Auseinandersetzung mit Wort und Schrift angeregt wird. Die Tiere sind lebendig gezeichnet. Mimik und Gestik fördern das Textverständnis und geben Anlass zum Lachen. Dies gilt auch für die Zwischenfälle bzw. Überraschungen, durch die Straßer den sehr einfachen Plot durchbricht: Ein Krokodil mit großem Maul hat zum Glück keine Zeit beim Wippen dabei zu sein. Ein Kind bringt die Wippe am Ende – mit lauter Tröte und einem Dinosaurier an der Leine – endlich in Schwung.
Das Buch ist eine empfehlenswerte Bereicherung für jede U3-Gruppe und könnte im Rahmen von basalen Projekten zum Thema Gewicht sinnvoll zum Einsatz kommen. (sb)

Gesamteindruck: +++ (4 / 5)


Bibliografische Angaben:
Susanne Straßer: So leicht so schwer. Mit Illustrationen von Henrike Wilson. Wuppertal: Peter Hammer, 2016. 22 S. ISBN: 978-3-7795-0538-9. EUR 14,90 (Hartpappe)

[Rezension zuerst erschienen in: Datenbank der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW.]

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»Das Schaf Charlotte und das Kätzchen«

Inhalt:

»So etwas Wildes wie unsere Charlotte gibt's nicht noch mal!«, sagen die Schafe. Aber sie sollten sich täuschen. In dem neuen Bilderbuch-Abenteuer des Schafs Charlotte von Stohner und Wilson taucht plötzlich der kleine Kater Michel auf, der mindestens genauso ungestüm ist wie sein wolliges Pendant. Der quirlige Vierbeiner stört die Tiere in ihrer Ruhe und Gemächlichkeit. Nur Charlotte erkennt, dass Michel »nur spielen« will und »eben ein bisschen wild« ist.


Beurteilung:


»Das Schaf Charlotte und das Kätzchen« ist nach »Das Schaf Charlotte« (2005), »Das Schaf Charlotte und die Wölfe« (2009) und »Das Schaf Charlotte und seine Freunde« (2011) das vierte gemeinsame Werk der Autorin Anu Stohner und der Illustratorin Henrike Wilson. Die sympathische kleine Heldin Charlotte tobt sich schnell in die Herzen der jungen Leser und ihrer Begleiter. Welches Kind zwischen zwei und fünf Jahren hat nicht auch schon einmal den Satz »Jetzt sei doch nicht so wild!« hören müssen. In der Figur der Charlotte steht Wildsein für etwas Positives, für pure Lebenslust, die auch erwachsene Vorleser in Schwung zu setzen vermag. Charlotte zeigt zudem, dass es auch wilde Mädchen gibt und geben darf. Aus der eigenen Lebenswirklichkeit wird der Adressatengruppe das »Nachlaufspiel« bekannt sein, welches sich zwischen Charlotte und Michel automatisch entspinnt. Kern des Spiels – welcher sich vielen Erwachsenen nicht mehr erschließt – ist nicht das Gefangennehmen. Der eigentliche Spaß liegt im Prozess selbst, im wechselseitigen Hintereinanderherlaufen.
Anu Stohner zeigt mit ihrer Geschichte nicht nur ein tiefes Verständnis für das Spielverhalten der adressierten Altersgruppe, sondern auch für ihr Bedürfnis nach Spannung und ihren spezifischen Humor. Dieser wird nicht nur durch Charlottes Verhalten, sondern auch durch lustige Wörter wie »Modderpampe« bedient. Sprachlich kommt den jüngeren Lesern zudem entgegen, dass Stohner mit sich wiederholenden und parasprachlichen Äußerungen arbeitet, wie z.B. »Tz-tz-tz«, die Lust zum Nachsprechen bzw. Mitlesen erzeugen. Getragen wird die Geschichte zweifellos durch die großformatigen, farbintensiven Bilder Henrike Wilsons, die sich fast immer über eine Doppelseite erstrecken. Dies macht ein Betrachten in einer größeren Gruppe auch ohne technische Hilfsmittel möglich. Die Emotionen der Tiere lassen sich leicht an ihrer Mimik und Körperhaltung ablesen, ebenso die Dynamik der Handlung und in eindrucksvoller Weise die Größenverhältnisse. Letztere führen vor Augen, wie widersinnig und daher witzig es eigentlich ist, dass der winzige Michel selbst die riesigen Tiere wie Eber und Stier aus der Ruhe bringt. Da mag man es vertreten, dass Text und Bild nicht immer übereinstimmen. Alles in allem ist »Das Schaf Charlotte und das Kätzchen« eine echte Bereicherung für jede Kita-Bibliothek und liefert viele Anhaltspunkte über die Themen Wildsein, Spiel und Freundschaft zu sprechen sowie Verständnis für unterschiedliche persönliche Bedürfnisse und Grenzen zu wecken. (sb)


Gesamteindruck: +++ (4 / 5)


Bibliografische Angaben:
Anu Stohner: Das Schaf Charlotte und das Kätzchen. Mit Illustrationen von Henrike Wilson. München: Hanser, 2015. 23 S. ISBN: 978-3-446-24752-9. EUR 14,90 (Hardcover, Großformat).

[Rezension zuerst erschienen in: Datenbank der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW.]

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#31 »Anna und der Schwalbenmann« von Gavriel Savit (Besprechung)

Geschrieben von Sierra , in Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 22 January 2017 · 225 Aufrufe
Nationalsozialismus und 8 weitere...
Inhalt

Krakau 1939. Annas Vater, ein Professor, verschwindet. Schlagartig ist das siebenjährige Mädchen auf sich gestellt. In dieser hilflosen Situation begegnet es dem »Schwalbenmann«. Er beherrscht nicht nur viele menschliche Sprachen wie ihr Vater, sondern auch die der Vögel. Zum Trost lockt er für Anna eine Schwalbe an. Obwohl Anna den Mann auch unheimlich findet, weicht sie ihm nicht mehr von der Seite. Auf ihrer Wanderschaft erfährt Anna, wie man in einer bedrohlichen, gnadenlosen Welt überlebt.


Beurteilung

»Anna und der Schwalbenmann« ist kein Jugendroman, der sich nebenbei lesen lässt. Dies ist zum einen in einer anspruchsvollen Sprache, zum anderen in dem breiten Spektrum philosophischer und moralisch-ethischer Aspekte und Fragen begründet, die durch Savits Figuren thematisiert werden. Es geht um die Bedeutung und Grenzen von Sprache, Vertrauen und Menschlichkeit – der Mensch ist dem Menschen Wolf und Retter zugleich –, das Leben und den Umgang mit Ungewissheit, Überlebensstrategien verfolgter Menschen, das Verhältnis von Mittel und Zweck, den Antagonismus von Fragen und Wissen, Weg und Ziel sowie die Koexistenz von Grauen und Schönheit. Diese Vielfalt tiefgründiger Themen wird meines Erachtens zu häufig durch den Schwalbenmann doziert, ohne sich auf natürliche Weise aus der beschriebenen Handlung oder den Gesprächen mit Anna zu ergeben. Hierunter leiden zuweilen Authentizität und Spannung.

Der Zweite Weltkrieg dient vor allem als Aufhänger der Erzählung. Bezüge zu historischen Ereignissen gibt es nur wenige (Sonderaktion Krakau 1939, Unternehmen Barbarossa 1941). Savits Roman ist damit weniger ein historischer Jugendroman, sondern beschäftigt sich v.a. mit den menschlichen Fragen, die eine Extremsituation wie der Zweite Weltkrieg aufwerfen. Dabei lässt sich das Buch nur schwer einem bestimmten Genre zuordnen. Es vereint Elemente der problemorientierten Literatur und des Roadmovies, hat aber auch etwas märchenhaft Mystisches. Savits Sprache ist komplex und poetisch. Er bedient sich häufig metaphorischer Bilder, um die Gemütszustände und Erlebnisse seiner Figuren zu beschreiben. Sie sind zumeist treffend und sensibel gewählt, manchmal aber überladen und schwer zugänglich: »Nach den heftigen Schluchzern der letzten Nacht, die ihren Körper fast hatten bersten lassen, begrüßte Anna die neuen Tränen wie tiefblaue Schmetterlinge, die durch den sonnendurchfluteten Raum ihrer Brust gaukelten« (S. 146). Trotzdem findet Savit viele starke Formulierungen und Bilder, die unter die Haut gehen. Dies gilt besonders für die wenigen, aber umso eindringlicheren Darstellungen von Gewalt. Gleich zu Anfang wird Anna Zeugin, wie drei Soldaten einen alten, gebrechlichen Mann demütigen, indem sie ihn nötigen, vor ihnen auf und ab zu springen. Bereits in dieser Szene offenbaren sich Anna und mit ihr dem Leser die alltägliche Grausamkeit der Zeit ganz unmittelbar.
Die Geschichte ist aus der Perspektive von Anna geschrieben. Für ein siebenjähriges Mädchen wirkt sie schon äußerst erwachsen und intellektuell. Auch wenn dies ihrer Biographie geschuldet sein mag – sie hat früh die Mutter verloren, ihr Vater, ein Linguistikprofessor, hat sie bereits viele Sprachen gelehrt, steht es der Identifikation mit ihr auch im Wege. Meines Erachtens hat Savits Erzählung keinen Spannungsbogen mit eindeutigem Höhepunkt. Dies liegt auch daran, dass der Autor viele Fragen offen und den Leser bewusst im Ungewissen lässt. Auch nach der Lektüre bleibt die Identität des Schwalbenmannes ungeklärt. Diesbezüglich eingestreute Informationen verstärken eher das Geheimnisvolle und Rätselhafte an seiner Person. Damit hält sich Savit an die Botschaft seines Schwalbenmannes, wonach Fragen viel wertvoller sind als Antworten. Manchen Leser mag dies aber nicht zufriedenstellen.


Fazit: Savits Roman ist sowohl thematisch als auch sprachlich sehr ambitioniert und stellt hohe Anforderungen an den jugendlichen Leser. Für den Unterricht mit älteren Schülern könnten einzelne Szenen oder Lektionen des Schwalbenmannes als Diskussionsimpuls genutzt werden, um über die Lebensrealität verfolgter Menschen zu sprechen. (sb)

Gesamteindruck: +++ (3,5 / 5)


Bibliografische Angaben: Gavriel Savit: Anna und der Schwalbenmann (Orig.: Anna and the Swallow Man). Übers. aus dem Engl. von Sophie Zeitz-Ventura, München: cbt, 2016. 272 S. ISBN: 978-3570164044. EUR 16,99 (gebundene Ausgabe).

[Rezension zuerst erschienen in: Datenbank der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW]

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