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Metaphernpark



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Der Blackthorn-Code: Das Vermächtnis des Alchemisten (Rezension, #48)

Geschrieben von Sierra , in Preise und Auszeichnungen, Phantastik, Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 17 July 2017 · 300 Aufrufe
Abenteuerroman, Blackthorn und 7 weitere...
Ein todesmutiger Held, der sich mit einer Alchemisten-Sekte anlegt, viel Old-London-Flair und Rätsel en masse, der »Blackthorn-Code« war beim ersten Durchgang der boys & books-Juryarbeit mein Favorit. Dabei mache ich einen weiten Bogen um Apotheker-Romane und um Werke mit »Vermächtnis« im Untertitel ... normalerweise.


Der Blackthorn-Code: Das Vermächtnis des Alchemisten (Rezension, #48)

Inhalt:

Christopher Rowe, ein vierzehnjähriges Waisenkind, lebt beim legendären Londoner Apotheker und Alchemisten Benedict Blackthorn. Christopher könnte eigentlich nicht glücklicher sein, denn sein Meister lehrt ihn nicht nur das gängige Apothekerhandwerk, sondern auch die Entzifferung von Geheim-Botschaften und Rätseln. Doch leider sind es unruhige Zeiten im Jahr 1665: Mörder treiben an der Themse ihr Unwesen und fast immer sind es Apotheker, die getötet werden. Obwohl Lord Richard Ashcombe, der Beschützer des Königs, und seine Leute den Verbrechern dicht auf den Fersen sind, fällt auch Blackthorn der Mordserie zum Opfer. Zusammen mit Tom Bailey, einem befreundeten Bäckersjungen, bleibt Christopher nur wenig Zeit, um die von Blackthorn hinterlassenen Geheimcodes zu entschlüsseln und die Mörder zu enttarnen. Dabei gerät Christopher in den Dunstkreis eines mächtigen Geheimbunds um den Alchemisten Oswyn, der eine Verschwörung gegen den Hofstaat von König Charles‘ plant und dazu eine hochexplosive Substanz – das sogenannte Feuer des Erzengels – herstellen will. In letzter Sekunde kommt Christopher Oswyns Plan auf die Schliche und auf einem abgelegenen Friedhofsgelände entbrennt ein Kampf auf Leben und Tod.


Beurteilung:

»Geheimnisse über Geheimnisse. Codes innerhalb von Codes« (S. 314) – Dieser Abenteuerroman, der im historischen London des 17. Jahrhunderts spielt, ist ausgesprochen spannend! Kevin Sands gelingt es in der unterhaltsamen Geschichte bravourös rätselhafte, actionreiche und humorvolle Handlungselemente zu verbinden, sodass der junge Leser das Buch vermutlich gar nicht aus der Hand legen will. Christopher, der die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt, ist ein sympathischer Protagonist, der in vielen brenzligen Situationen List und alchemistisches Wissen an den Tag legt. Obwohl er ein Waisenkind ist und vielen Lesern diese Lebenslage möglicherweise nicht vertraut ist, eignet sich Christopher dennoch gut als Identifikationsfigur. Sein Freund Tom übernimmt dabei die Rolle des unterstützenden Begleiters. Obwohl er nur ein »Möchtegerne-Soldat« (S. 11) ist, vermittelt er Christopher – und damit auch dem Leser – selbst an besonders geheimnisvollen Orten und in gefährlichen Situationen ein Stück Geborgenheit. Außerdem ist Tom immer für einen lustigen Wortwechsel mit Christopher gut, sodass der Humor in der Geschichte nicht zu kurz kommt.

Der »Blackthorn Code« greift eine ganze Reihe von interessanten Themen auf: Neben dem Kriminalplot, der natürlich sogleich an Arthur Conan Doyles Geschichten um »Sherlock Holmes« denken lässt, werden durch die Themen Freundschaft und die Alchemie – als eine spannende Geheim- und Grenzwissenschaft – weitere Leseanreize geschaffen. Die Geschichte ist aber auch wegen der Überschneidungen zum Mystery-Genre originell. Denn die Rätsel, die Blackthorn seinem Lehrling hinterlassen hat, sind sehr stimmig mit der Handlung verwoben und werden nur schrittweise gelöst. Zum einen wird der Leser aufgefordert, die Codes gemeinsam mit Christopher zu entschlüsseln und so auf beinahe interaktive Weise Anteil am Handlungsfortschritt zu nehmen. Zum anderen dienen die Rätsel als retardierende Elemente, um den dramatischen Höhepunkt der Handlung, die insgesamt nur wenige Tage umfasst, hinauszuzögern.

Der Roman lässt sich flüssig lesen und trumpft mit einem buchstäblich explosiven Showdown auf, bei dem die Verschwörer ihre geballte Ruchlosigkeit an den Tag legen. Für sensible Leser könnten allerdings einige der Kampfdarstellungen womöglich zu einer kleinen Belastungsprobe werden. Andererseits obsiegt Christopher letzten Endes immer dank seiner Cleverness und nicht wegen seiner Kampfkraft. (bf)


Gesamteindruck: ++++ (5 / 5)


Bibliografische Angaben: Kevin Sands: Der Blackthorn-Code. Band 1: Das Vermächtnis des Alchemisten. München: dtv, 2016. S. 330. ISBN: 978-3-423-76148-2. EUR 15,99.

Quelle: boys & books, Juli 2017

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"Boys & Books" – eine neue Buchempfehlungsseite für Jungen (Top-Titel 09/16 – 2/2017), #47

Jugendliteratur, Kinderliteratur und 3 weitere...
"Boys & Books" – eine neue Buchempfehlungsseite für Jungen (Top-Titel 09/16 – 2/2017)

Der Verein boys & books hat eine gleichnamige Buchempfehlungsseite ins Leben gerufen, die zweimal im Jahr aus den Neuerscheinungen des deutschsprachigen Buchmarkts je fünf Top-Titel für die vier Altersgruppen (8+, 10+, 12+, 14) präsentiert. Das Projekt geht zurück auf eine Initiative der Literaturwissenschaftlerin Professorin Dr. Christine Garbe und ihren MitarbeiterInnen an der Universität Köln. Nachdem die Webpage nach ihrer Erstellung im Jahr 2012 zunächst ein reines Rezensionsportal war – mit dem Ziel der Leseförderung von Jungen –, hat sie nun mehr den Charakter eines Literaturpreises.

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Die Jury-Mitglieder sichten die Neuerscheinungen für ihre Altergruppe und wählen ihre Favoriten anhand eines kriteriengeleiteten Bewertungsbogens aus, in zweimal jährlich stattfindenden Treffen wird die Vorauswahl diskutiert und es werden dann endgültig die "Top-Titel" festgelegt.
Ich habe im Frühjahr dieses Jahres mit viel Spaß an der Sache bei dem Auswahlprozess in der Jury der Altersgruppe 10 + mitgearbeitet. Trotz der vielen Neuerscheinungen haben wir uns sehr einvernehmlich – Christian Dudas Roman "Gar nichts von allem" bildete die Ausnahme von der Regel :devil: – auf unsere "Top-Liste" festgelegt:

So überlebte ich das Schuljahr trotz Aliens, Robotern und der grausamen Missy
Jennifer Brown >>mehr

Broccoli-Boy rettet die Welt
Frank Cottrell Boyce >>mehr


Jack, der Monsterschreck. Band 1: Den Letzten beißen die Zombies,
Max Brallier >>mehr


Der Blackthorn-Code. Band 1: Das Vermächtnis des Alchemisten
Kevin Sands >>mehr

Game Over. Wir retten die Welt
Susanne Rauchhaus>>mehr

Zu meiner "Vorgeschichte" mit dem Projekt: Als ich gefragt wurde, ob ich an einer Mitarbeit Interesse hätte, habe ich gar nicht lange gefackelt und sogleich zugesagt. Ich finde es sympathisch, dass boys & books – im Unterschied zu manchen anderen Literaturpreisen – keine Berührungsängste mit Genre- und Unterhaltungsliteratur für junge Leser hat. Ganz im Gegenteil erkennt boys & books ihr Potential für die Leseförderung von Jungen an, sieht aber angesichts der Vielzahl der Neuerscheinungen auch die Notwendigkeit der Orientierung und Auswahl.
Ich erhoffe mir zudem von dem Projekt Impulse für eine Neubewertung der phantastischen Literatur im Rahmen der Leseförderung, etwa in Schulen oder Bibliotheken. Dass bei unserem ersten Durchgang u.a. neben Rauchhaus' SF-Comicroman "Game Over – Wir retten die Welt" auch die Anti-(Super)heldengeschichte "Broccoli Boy", die Dystopie "Stone Rider" mit Anklängen an "Mad Max" und Morton Rhues dystopisches Seefahrerabenteuer "Creature – Gefahr aus der Tiefe" eine Empfehlung bekamen, nehme ich als positives Signal wahr. Kinder und Jugendliche selbst müssen von diesen phantastischen Lesestoffen wohl kaum überzeugt werden, schließlich sind Phantastik und Science Fiction (Collins' "Tribute von Panem", Dashners "Maze Runner" etc.) nach wie vor recht beliebt bei jungen Lesern. (bf)


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Black Box Tunguska? – Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction und Fantasy (Teil 2, #46)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction 11 July 2017 · 250 Aufrufe
science Fiction, Watson, Bensen und 1 weitere...

Teil 1 dieses Artikels findet sich hier.


Black Box Tunguska? – Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction und Fantasy (Teil 2)

Friendly Fire oder vom Nutzen des Krieges

»›Und Metahistorie ist vermutlich Metaquatsch‹, sagte der Mann.«1

Dass sich das Tunguska-Ereignis als Aufhänger für einen im höchsten Maße satirischen und witzigen Plot eignet, beweist Donald R. Bensen (1927-1997) mit seinem SF-Roman »Zwischenhalt« (1978), der ein Jahr später für die John W. Campbell Memorial Awards nominiert wurde. Im Mittelpunkt des Romans stehen vier humanoide Außerirdische, die beim Anflug auf die Erde eine Havarie mit ihrem Raumschiff erleiden. Bevor »Wanderer« im Jahre 1908 als vermeintlicher Meteorit über der Tunguska-Region explodiert, rettet Valmis, der als »Integrator« mit der Untersuchung der »geistige[n] und physikalische[n] Muster einer Welt« betraut ist 2, das Raumschiff per »Wahrscheinlichkeitsversetzer« in eine Parallelwelt: »Wenn dieses Gerät in einem Augenblick aktiviert wurde, in dem für das Eintreten eines Ereignisses ein hoher Grad von Wahrscheinlichkeit bestand, versetzte es den Benützer auf eine alternative Ebene, in der das hochwahrscheinliche Ereignis nicht stattfand, die aber – zumindest theoretisch – bis auf dieses eine Geschehnis der ›Realität‹ aufs Haar glich.«3

Obwohl Kapitän Dark einen Teil der Kontrolle über die Steuerung zurückgewinnt, stürzt das Schiff in den Pazifischen Ozean in der Nähe von San Francisco und wird stark beschädigt. Die unversehrt gebliebenen Außerirdischen werden gefangen genommen und zu den kalifornischen Behörden gebracht, wo sie unter anderem H.G. Wells kennen lernen, der – wer könnte sich dafür besser eignen? – zwischen den Außerirdischen und den Amerikanern vermitteln soll. Da gerade Wahlkampf herrscht, führt bereits der Presse-Aufruhr über die Ankunft der Außerirdischen dazu, dass Thomas Alva Edison anstatt William Howard Taft zum 27. US-Präsidenten gewählt wird, weil nur er allein in den Augen seiner Landsleute über die notwendige Genialität verfügt, Amerika durch diese seltsamen Zeiten zu führen.

Aufgrund des niedrigen technologischen Levels der Erde, der eine baldige Reparatur des Raumschiffs illusorisch macht, birgt nach Ansicht des Metahistorikers der Außerirdischen lediglich ein militärischer Großkonflikt Chancen auf eine Rückkehr, weil Kriege mittelbar das technologische Niveau erhöhen können. Da Aris Analyse der irdischen Geschichte nach den Regeln der »Metahistorie« ohnehin einen sich nahenden Weltkrieg ankündigt, ist der Kriegseintritt aller führenden Nationen zu forcieren, um »den Vorteil der Beschleunigung in den Naturwissenschaften und so weiter mit« auszunutzen.4

Dank der Hilfe Roosevelts gelingt es den Außerirdischen aus dem militärisch bewachten Grundstück zu fliehen, an dem sie Edison festhält, um technisches Know-how aus ihnen herauszupressen. Eingefügtes BildUnter dem Deckmantel, Forscher im diplomatischen Dienst zu sein und ein einflussreiches Imperium zu vertreten, reisen sie nun – verfolgt von einer Spezialeinheit amerikanischer Marines – nach Europa, um andere politische Würdenträger von der Notwendigkeit eines Krieges zu überzeugen. Ihre Gespräche und Erlebnisse mit den überzeichnet dargestellten Monarchen König Eduard VII. von Großbritannien, Kaiser Wilhelm II. und Zar Nikolaus II. bilden die unterhaltsamsten Teile des Romans. Bei ihren Besuchen beeindrucken die Außerirdischen die Staatsoberhäupter weniger mit den Vorausdeutungen der Metahistorie als mit ihren Gadgets. König Eduard VII. etwa ist so entsetzt über Aris nüchterne Prophezeiung, er würde den Ausbruch des 1. Weltkriegs aufgrund seiner Herzkrankheit nicht mehr erleben, dass er, wie ein geölter Blitz, in Ohnmacht fällt. Dank einer Wunderpille gelingt es den Außerirdischen ihn wiederzubeleben und zu verjüngen. Und doch will Eduard VII. – nicht anders geht es den anderen Monarchen – von einem Krieg nichts wissen: »Ihren Vorschlag, die Nationen der Welt sollten sich schleunigst an die Kehle fahren, um Ihnen mit einigen wissenschaftlichen Fortschritten, die daraus entstehen könnten, einen Gefallen zu tun, finde ich, das muß ich Ihnen ganz offen sagen, widerwärtig kaltblütig – obwohl ich zugeben muß, daß unsere Welt dazu einige Parallelen vorweisen kann«.5

Nach den folgenden ebenfalls erfolglosen Deutschland- und Russland-Besuchen werden die außerirdischen Kriegswerber von den Marines gefangen genommen. Zurück in den USA stellt sie Präsident Edison zur Rede, der noch immer seine Hoffnung auf epochemachende Erfindungen nicht begraben hat. Erst als Dark tatsächlich die Möglichkeit einer neuen Energieform skizziert, sieht Edison ein, dass ein solch ambitionierter Techniktransfer den Wirtschaftskreislauf der USA kollabieren lassen würde. »Beinahe kostenlose Energie für alle, morgen verfügbar, ist das nicht großartig? Keine Notwendigkeit mehr, Kohle, Benzin, Öl, Holz oder sonst etwas zu kaufen? Und keine Notwendigkeit mehr, die Bergmänner, die Ölleute, die Tankstellen und so weiter zu bezahlen. Meiner Rechnung nach würde es ungefähr sechs Wochen dauern, dann wäre das Land eine heulende Wildnis verhungernder Massen, die die kostenlose Energie dazu benützen würden, an Orte zu kommen, wo sie Nahrungsmittel stehlen könnten, um am Leben zu bleiben.«6

Von Edison nun in Ruhe gelassen, entschließen sich die Außerirdischen, eine Extra-Mütze Kälteschlaf zu nehmen, weil sie nicht länger auf den Krieg warten wollen. Sie staunen nicht schlecht, als sie schon im Jahr 1933 aufgeweckt werden und von Wells erfahren, dass auch ohne den Gang zu den Waffen »Wissenschaft und Technologie in großem Maßstab aufgeblüht waren, zusammen mit vielen sozialen und politischen Veränderungen, und daß man aus diesem Grunde in den letzten paar Monaten die Wanderer hatte finden, heben und instandsetzen können.«7 Als internationalen Friedenstifter identifiziert der Schriftsteller den Besuch der Außerirdischen selbst, der die Horizonterweiterung und (innere) Abrüstung der Menschheit mit sich bracht: »Es hat einige Zeit gedauert, aber als Sie auftauchten, verlor man an solchen Dingen irgendwie die Lust. Zum erstenmal überhaupt bekamen die Leute eine klare Vorstellung davon, was es heißt, ein Mensch zu sein und auf einem Planeten im Weltraum zu leben.«8 Da nunmehr auch das Triebwerk der »Wanderer« repariert wurde, treten die Außerirdischen endlich die Heimreise an – nicht ohne ein gewisses Schamgefühl zu verspüren, da sie in ihrem Kriegsstreben so daneben lagen.

Der Ausgang von Bensens Roman lehrt, dass sich die Weltverbesserung weniger durch Techniktransfer als durch eine Wandlung des Menschen von innen bewerkstelligen lässt. Dazu könnte bereits die bewiesene Existenz von Außerirdischen hilfreich sein, da sie die Anthropozentrik des Menschen beseitigen hilft und eine Grundlage für eine echte menschliche Weltgemeinschaft schafft. Eigentlich sehr schade, wird sich da der Leser denken, dass Bensens Außerirdische nicht in unserer Dimension Zwischenhalt machten, und Valmis’ wehmütige Gewissensbisse wegen des Einsatzes des »Wahrscheinlichkeitszersetzers« kaum nachvollziehen können: »Aber wißt ihr, es hätte eine Welt gegeben, fast genau wie die da, in der im Jahre 1908 ein Raumschiff auf die Tunguska-Region gestürzt und wahrscheinlich explodiert ist wie ein Meteorit und dort hätte es keine Forschungsreisenden gegeben, die mit Roosevelt und Oxford und Wells gesprochen und den Kaiser und den Sohn des Zaren und so weiter geheilt haben. Die Leute dort hätten ihren Weg selbst finden müssen, versteht ihr das nicht? […] Was hätte nicht alles aus ihnen werden können – ohne uns?«9


Tungusische Trance

»Eine Trance ist tatsächlich ein weitaus aktiverer Geisteszustand als das gewohnte Leben eines Wachenden. So werden wir Ihre ›Über-Wahrnehmung‹ an die Oberfläche bringen und dabei Tschechow wiedererschaffen.«10

Der britische Autor Ian Watson (* 1943) hat sich in seinem Gesamtwerk immer wieder Gedanken über das Wechselverhältnis von Sprache, Geschichte und Bewusstsein gemacht, wovon auch der Hollywood-Film Artificial Intelligence: AI (USA 2001) zeugt, an dessen Manuskript er zusammen mit Stanley Kubrick arbeitete. In seinem 1983 erschienenen Roman »Tschechows Reise« greift er Kasanzews Idee des »Tunguska-Raumschiffs« auf und verbindet sie mit dem Zeitreise-Motiv.

Aufhänger des Romans ist die berühmte Reise des Schriftstellers Anton Tschechow zur russischen Gefangeneninsel Sachalin im Jahr 1890, in deren Verlauf er trotz seiner Tuberkulose-Erkrankung weite Teile Sibiriens durchquerte. In seinem ein paar Jahre später erschienenen Reisebericht dokumentierte er das Leben der Verbannten und reflektiert über Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde. Watsons Roman schildert den Versuch von sowjetischen Filmemachern der Stanislawskij-Filmgruppe11, Tschechows Reise anlässlich ihrer hundertsten Jährung neu zu dokumentieren. Für ihr Filmexperiment ziehen sie sich in ein Künstlerheim in den Bergen von Krasnojarsk zurück und engagieren den Hypnotiseur Kirilenko. Es ist seine neuartige Technik der »Reinkarnation durch Hypnose«, die den ausgewählten Hauptdarsteller Michail Petrow glauben lässt, er sei in Wirklichkeit Tschechow.

In Trance rekonstruiert Michail jedoch zum Erstaunen aller Anwesenden eine ganz andere Reise: Eingefügtes BildAnstatt einem Besuch der Sträflingsinsel initiiert Tschechow eine Expedition in die ostsibirische Tunguska, nachdem er von einer merkwürdigen Explosion in diesem Gebiet hörte. Dies bereitet den Filmemachern noch größere Kopfzerbrechen, hat die Explosion bekanntlich erst 1908 stattgefunden, – vier Jahre nach Tschechows Tod. Noch rätselhafter werden Michails Trance-Zustände, als er auch noch Anton Astrow, Kommandant des russischen Zeitschiffs »K.E. Ziolkowskij« im Jahr 2090, zu sein vorgibt. Seine durch den neuartigen »Flux«-Antrieb möglich gemachte Pionierfahrt ins Weltall steht unmittelbar bevor, um dort fremde Welten zu kolonisieren: »Wir springen einhundert Jahre rückwärts durch die Zeit, und das bringt uns hundert Lichtjahre stromab von der Sonnenbewegung durch die Galaxis.«12 2090 ist der Machtkonflikt zwischen Amerikanern und Russen auch im Weltall präsent: Zu Provokationszwecken und da »es keinerlei Notwendigkeit gab, ein Raumschiff stromlinienförmig zu bauen, hatte ihr Schiff die Gestalt eines riesigen Emblems: Hammer und Sichel.«13

Dem Hypnotiseur Kirilenko ist Michails Transformation seiner Rolle zutiefst suspekt: »Gewiß, er phantasiert, daß er Tschechow sei – im psychologischen Sinne. […] Er kann nur um die bekannten Tatsachen herum erfinden, hat aber nicht die Freiheit, beliebige Eigenerfindungen hineinzubringen. Ich muß sagen, nichts dergleichen ist mir im Laufe meiner Erfahrungen bisher untergekommen.«14 In weiteren Trance-Sitzungen schreitet die Fiktion fort: Während Tschechow mühevoll, aber letzten Endes erfolgreich durch die sibirischen Wälder zur Tunguska vorstößt, misslingt der Zeitsprung der »K.E. Ziolkowskij«, weil das Fluxfeld des Schiffes mit einem amerikanischem Flux-Schutzschirm auf der Erdoberfläche interferiert: »Zwischen beiden entstand eine Resonanz. Sie hatte die Wirkung, daß der größte Teil unserer Fortbewegungsenergie abgezogen wurde. Wir klebten Kilometer um Kilometer, Jahr um Jahr an der Weltlinie der Erde fest.«15 Anstatt durch die Vergangenheit hinaus in den Kosmos zu gelangen, droht das Zeitschiff so im Jahre 1908 über der Tunguska auseinanderzubrechen – und mit ihm die hehren Illusionen von der Weltallbesiedlung.

Doch das Raumschiff stürzt nicht ab, sondern stürzt weiter, noch mal zwanzig Jahre zurück durch die Zeit: »›[D]ie temporale Beschleunigung, die wir durch den Schild verloren, muß sich von unserem Ausgangspunkt rückwärts durch die Geschichte entladen haben. Versuchen wir es uns als eine Gezeitenwelle vorzustellen, die gegen die Strömung eines Flusses aufwärts vordringt und allmählich an Antriebskraft verliert. Ich glaube, die Welle hat uns vorhin – im Jahr 1908 – eingeholt. Sie entlud ihre verbleibende Antriebskraft und stellte unser Flux-Feld wieder her. Ergebnis: wir wurden über 1908 hinaus weiter zurückgeworfen.‹
Aber wir starben alle! Ich bin sicher, daß ich starb‹, sagte Anna Aksakowa.
Gewiß, da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Dann aber veränderte sich die Geschichte; und wir waren doch nicht gestorben. Was jetzt geschieht, ist klar: wir werden im Jahre 1888 explodieren.‹«16
Dass sich diese Prophezeiung erfüllte, kann Anton Tschechow bezeugen, als er schließlich auf der Erzählebene des Jahres 1890 zum Epizentrum der Explosion gelangt und »in stummer Ehrfurcht« der immensen Verwüstung gewahr wird: »[S]o weit das Auge reichte, war in diesem Gebiet alles verbrannt und zu Boden geworfen. Ostwärts, weit entfernt auf der Leeseite einiger felsiger Höhen, hatten vereinzelte Waldstücke unversehrt überlebt, wo sie vor der Stoßwelle geschützt gewesen waren. In der äußersten Entfernung am Osthorizont konnten sie den Randbereich der lebenden Taiga ausmachen…«17
Die Reinkarnation einer Alternativgeschichte bleibt schließlich auch für die Gegenwart der Filmgruppe nicht folgenlos, in der sie ihr Experiment durchführt; die »1908er-Welt« wird zu einer »1888er-Welt«.18 Aus einer Enzyklopädie erfahren die Filmleute, dass Anton Tschechow andere und anders betitelte Dramen geschrieben hat – aus dem Drama »Der Kirschgarten« wurde »Der Apfelgarten«, »Die Taube« heißt nun »Die Schneegans« – und seine Tunguska-Reise einen nicht unerheblichen Einfluss auf die sowjetische Wissenschaftsgeschichte entfaltete: Dank Tschechows Reisebericht fand sein Reisepartner, der Wissenschaftler K.E. Ziolkowskij, »Unterstützung für seine theoretischen Arbeiten über kosmische Flüge, die am Anfang eines Weges standen, welcher zur sowjetischen Mondlandung geführt hat«.19

Es zeigt sich, dass Watsons Roman über eine Allegorie auf die Vergeblichkeit des menschlichen Fortschrittsstrebens und eine damit verbundene Hommage an den russischen Meister für menschliche Tragikkomik hinaus geht.

 

 

Der echte Anton Pawlowitsch Tschechow  

 

[Wikipedia. Lizenz: Public Domain]

 

Seine geschichtsphilosophischen Überlegungen gehen wirkungsvoll und originell mit dem Aufbrechen der Erzählhaltung einher. Die drei Handlungsstränge der Romane, die auf unterschiedlichen Zeitebenen spielen, bleiben durch inhaltliche Parallelen und Bezugnahmen miteinander verwoben: Das Band in die Vergangenheit wird zwar schon bald durch die Ereignisse in der Zukunft recht eindeutig aufgeklärt, die Erklärung der Zukunftsepisode gestaltet sich – vor allem durch die verschiedenen Implikationen der Zeitreise – schon schwieriger. Die Art und Weise der Auseinandersetzung mit Tschechows historischer Reise legen einen etwaigen Versuch Watsons, das Subjekt Tschechow beziehungsweise das Tunguska-Ereignis zu entmythologisieren, nicht nahe. Anders verhält es sich jedoch mit Watsons Abgesang auf das sowjetische Ideologem des »Neuen sozialistischen Menschen«, den er in Gestalt Anton Astrows über der Tunguska abstürzen lässt.20

Der inner-space-Autor reüssiert in seinem Bestreben, Geschichte als Erfindung und kollektive Fiktion zu verdeutlichen, was für sein Romanwerk nicht untypisch ist, das er als »dialect of history and transcendence« charakterisiert hat.21 Im »Tschechow«-Roman bringt Felix Levin, der künstlerische Leiter der Stanislawskij-Filmgruppe, dieses Wechselverhältnis auf den Punkt: »Vergangene Ereignisse können verändert werden. Die Geschichte wird immer wieder umgeschrieben. Nun, wir haben gerade entdeckt, daß dies auch für die wirkliche Welt gilt. […] Vielleicht unterliegt die wirkliche Geschichte der Menschheit ständigen Veränderungen! Und warum? Weil Geschichte eine Fiktion ist. Sie ist ein Traum im Bewusstsein der Menschheit, das sich stets strebend bemüht … wohin? Zur Vollkommenheit.«22 (bf)


Endnoten

1 Donald R: Bensen: Zwischenhalt. München: Heyne, 1984. S. 135.
2 Ebd., S. 8.
3 Ebd., S. 15.
4 Ebd., S. 130
5 Ebd., S. 175.
6 Ebd., S. 237 f.
7 Ebd., S. 259.
8 Ebd., S. 261.
9 Ebd., S. 270 f.
10 Ian Watson: Tschechows Reise. München: Heyne, 1986. S. 27.
11 Der russische Theaterreformer Konstantin Sergejewitsch [Stanislawski] (1863-1938) »verlangte vom Theater die detailgenaue Rekonstruktion der Wirklichkeit. Wirklichkeitstreue und Lebensechtheit des Spiels sollten durch Nachahmung und Einbringen korrespondierender Eigenerfahrungen garantiert werden. Sein Credo: ›Die Rolle muss man erleben, das heißt analog mit ihr Gefühle empfinden‹«. http://www.asfh-berlin.de/theaterpaed-wb/index.phtml?action=anzeigen&id=16
12 Watson 1986, S. 70 f.
13 Ebd., S. 72.
14 Ebd., S. 51.
15 Ebd., S. 110.
16 Ebd., S. 179.
17 Ebd., S. 185.
18 Ebd., S. 181.
19 Ebd., S. 195.
20 »Wo die – bislang gefesselten – Urkräfte des Volkes und die Wissenschaft zueinanderkämen, da beginne die Stunde eines neuen Zeitalters. Ein Neuer Mensch mit bislang ungeahnten Kräften werde geboren. Mit ihm werde der Weg der Menschheit in bislang nicht vorstellbare Höhen führen.« Gottfried Küenzlen: Der Neue Mensch. Eine Untersuchung zur säkularen Religionsgeschichte der Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1997. S. 141.
21 http://www.suite101.com/article.cfm/sf_and_society/ 69819
22 Watson 1986, S. 198.



(Erstveröffentlichung: B. Figatowski: Deep Impact? Zum literarischen Nachbeben des Tunguska-Ereignisses im Jahre 1908. In: Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Heyne Science Fiction Jahr 2008, München: Heyne 2008, S. 439-467.)




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Black Box Tunguska? – Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction (Teil 1, #45)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction 30 June 2017 · 429 Aufrufe
Tunguska, Lem, Venus und 4 weitere...

Alle Jahre wieder ist am 30. Juni "Tunguska-Stichtag". Ein älterer Artikel von mir aus dem Heyne SF-Jahr in drei Teilen. Teil 2 folgt in Kürze.


Black Box Tunguska? – Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction

Die gewaltige Explosion, die sich vor hundert Jahren mit der vielfachen Sprengkraft einer Atombombe in der mittelsibirischen Tunguska ereignete, ist bis heute ungeklärt geblieben. Von hunderten Zeugen wurde ein leuchtendes Objekt am Morgenhimmel des 30. Juni 1908 gesichtet, die Detonationen waren bis ins entfernte Moskau hörbar und seismische Wellen des Erdbebens weltweit messbar. Die Explosionswelle verwüstete über 2000 km2 Waldfläche, 200 km2 verbrannten augenblicklich.1

Aufgrund der Unzugänglichkeit des sibirischen Berglandes gelang es dem Geologen Professor Leonid Alexejewitsch Kulik (1883–1942), Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Moskau, erst im Jahre 1927, mit seiner Expedition zum Epizentrum der Explosion vorzudringen. Außer Millionen entwurzelter, »umgeknickter« Bäume fand Kulik jedoch weder stoffliche Spuren meteoritischen Ursprungs noch den erwarteten Krater, der ein eindeutiger Beweis für den Niedergang eines Meteoriten gewesen wäre. Kulik ließ jedoch nicht locker und sammelte eine Vielzahl von Daten auf weiteren Expeditionen bis 1938 – drei Jahre vor seinem Tod in deutscher Kriegsgefangenschaft.

An Tunguska-Hypothesen mangelte es schon zu Kuliks Lebzeiten nicht und die Mythenmaschine wurde zusätzlich durch die unbewiesen gebliebene Behauptung angeheizt, die Explosion wäre von nuklearen Reaktionen und entsprechenden Mutationen der Flora und Fauna begleitet gewesen. Bis heute werden Tunguska-Expeditionen unternommen, Forscher stellen regelmäßig neue Theorien auf, die begierig von den Medien aufgenommen und weiterverbreitet werden. Das Spektrum der Vermutungen reicht »von einem in der Erdatmosphäre verdampfenden Kometen – gar einem, der mit schwerem Wasser angereichert war und als natürliche Wasserstoffbombe detonierte – über Antimaterie, kleine Schwarze Löcher bis hin zu einem havarierten außerirdischen Raumschiff«.2 Letztere Hypothese wurde vor allem durch den Ingenieur, Kriegsforscher und SF-Schriftsteller Alexander Kasanzew (1906–2002) propagiert. Die auf Kuliks Luftbildaufnahmen festgehaltenen Tunguska-Phänomene wie die parallele Ausrichtung umgeknickter Baumstämme oder stehen gelassene entastete Bäume erinnerten ihn an den amerikanischen Kernwaffeneinsatz in Hiroshima, das er nach dem Krieg besucht hatte. Er erklärte dies mit der Havarie eines reaktorgetriebenen Raumschiffs über der Tunguska, das in einer Höhe von einigen Kilometern in der Luft explodierte.

 

 

Waldschäden durch das Tunguska-Ereignis (1929) 

 

[Wikipedia. Lizenz: Gemeinfrei]

 

Nahezu unvermeidlich ist auch eine muntere Diskussion über die Auswirkungen des Tunguska-Ereignisses; die Behauptung, die Explosion wäre für die Klimaerwärmung verantwortlich zu machen, gehört dabei noch zu den harmloseren Ideen.3 Folgerichtig ist der Geograph Christoph Brenneisen der Ansicht, dass ein Ende der Beschäftigung mit dem Tunguska-Ereignis noch lange nicht abzusehen ist: »Es mutet wie eine Provokation an, daß es bis heute, fast hundert Jahre nach dem Ereignis, noch immer nicht gelungen ist, auch nur ein Gramm jener vermuteten Materie des Tunguskaobjektes zu sichern. Bei der Katastrophe handelt es sich aber um ein überaus kompliziertes Ereignis, und offensichtlich finden Anhänger aller Hypothesen immer wieder Indizien, um ihren jeweiligen Forschungsansatz zu untermauern. Bei unvoreingenommener Gesinnung muß man einsehen, daß jede Hypothese doch auch ihre Schwachstellen hat und eine Art Modetrend für die jeweilige Popularität verantwortlich ist.«4


Es liegt auf der Hand, dass Ereignisse solcher Größenordnungen auch die Vorstellungskraft der Menschen beflügeln. Und so inspirierte der Impakt nicht nur Forscher und Esoteriker, sondern auch Künstler, Filmemacher und Literaten. Gerade die literarische Science Fiction bildete mit ihrem Faible für apokalyptische Szenarien einen guten Nährboden für Phantasien über das Tunguska-Ereignis. In welchen Verwendungszusammenhängen dieses Ereignis zur Darstellung gebracht wird, soll in diesem Beitrag exemplarisch an Texten von Stanislaw Lem, Donald R. Bensen, Ian Watson, Wolfgang Hohlbein und Vladimir Sorokin gezeigt werden. Nicht selten werden rationale Aufklärungsabsichten dabei hintenan gestellt zugunsten einer Mythologisierung der Tunguska-Thematik, die eine spannende Handlung in Gang setzen soll. Andererseits bietet die Naturkatastrophe für einige Autoren die Chance, die Grenzen der Menschen aufzuzeigen – mögen sie physischer Natur sein oder die menschlichen Erkenntnismöglichkeiten betreffen.



Von der Tunguska zur Venus

»Sie wollten das Leben vernichten
und das Leblose erhalten.«5

In seinem Roman »Der Planet des Todes« (1951)6 entfaltet Stanisław Lem (1921–2006) die Idee eines sensationellen Fundes, der bei Bauarbeiten in der Tunguska im Jahre 2003 gemacht wird: »Anfänglich glaubte man, einen Meteor vor sich zu haben.

Eingefügtes Bild Dieser entpuppte sich jedoch als ein Basaltblock irdischen Ursprungs, in dem eine an beiden Enden zugespitzte Walze eingeschmolzen war. Sie erinnerte in Größe und Gestalt an eine Granate und setzte sich aus zwei unlösbar ineinander-verschraubten Teilen zusammen. Man mußte den Mantel durchschneiden, um an das Innere heranzukommen. Erst nach langen Bemühungen [...] gelang es den Wissenschaftlern, das Geheimnis dieser Metallhülle zu lüften. Es befand sich darin eine Spule aus porzellanähnlichem Schmelzgut, um die ein fast fünf Kilometer langer Draht aus einer stahlähnlichen Legierung gewickelt war. Nichts weiter.«7 Wie es sich bald herausstellt, ist die metallische Spule nicht etwa wild entsorgter Elektronikschrott aus der Vergangenheit, sondern die Black Box eines außerirdischen Raumschiffs von der Venus. Die Freude über die Auflösung des Tunguska-Rätsels währt freilich nur so lange, bis der eilig einberufenen Übersetzungskommission die Entschlüsselung des logbuchartigen »Rapports« gelingt, dessen Sprache »weniger an gesprochene Laute als vielmehr an eine ungewöhnliche Musik erinnerte«8. Die dekodierte Botschaft lässt schlimmste Befürchtungen wahr werden: Es ist die Rede von der Vernichtung der Menschheit durch »Bestrahlung des Planeten« und einer darauf folgenden Invasion (die »Große Bewegung)«9.

Donald Trump hätte sicher anders gehandelt, die vereinte und waffentechnisch omnipotent gewordene Menschheit verzichtet jedoch auf einen preemptive strike: »Sollen wir die Drohung, die von einem anderen Planeten ausging, mit einem Schlag, der die Angreifer vernichtet, beantworten? Wir könnten das um so leichter und unbehinderter, als wir es mit Wesen zu tun haben, die gänzlich verschieden von uns sind, denen wir weder menschliche Gefühle und Empfindungen noch geistige Fähigkeiten in unserem Sinne zusprechen können. Und dennoch haben wir […] den Frieden gewählt. In dieser Entscheidung erblicke ich das feste Band, das den Menschen mit dem Weltall verbindet. Die Epoche, in der wir die Erde für ein vor allen anderen auserwähltes Gestirn betrachteten, ist vorüber.«10

Im »Kosmokrator« schickt die Menschheit also ein Expertenteam, darunter den berühmten indischen Mathematiker Professor Chandrasekar, zur Venus. Dort bleibt jedoch der erwartete first contact – nicht untypisch für Lems gesamtes erzählerisches Schaffen – erstmal aus. Ein anscheinend ausgestorbener Planet, wären nicht die bald von den Astronauten vorgefundenen Artefakte und beobachteten Naturphänomene. Die geographischen Absonderlichkeiten der Venuslandschaft und die beharrlichen Experimente zu ihrer Untersuchung werden dabei in einer solchen Ausführlichkeit geschildert, dass sich fast meditative Effekte beim Lesen einstellen. Nicht unsympathisch ist da das Kopfschütteln des Piloten Robert Smith über seine Wissenschaftlerkollegen: »Ich begreife schon gar nichts mehr. Meine Gefährten werden für mich geheimnisvoller als die Venusbewohner!«11

Während sich Lems Protagonisten in seinen späteren Romanen mit der Erforschung fremder Planeten schwer tun – man denke etwa an Kris Kelvin, der an dem Mysterium von »Solaris« zerbricht – können die Venusbesucher fast alle Geheimnisse lüften. Sie entdecken nicht nur eine Anlage, die durch die künstliche Aufhebung der Gravitation das »interplanetare« Abfeuern von Geschossen ermöglicht, sondern auch eine Computersimulation in einer Leitzentrale, die die bösen Absichten der Venusbewohner bestätigt: »Auf einmal zuckte ein blendendheller Strahl von der Venus empor, erreichte die Erde und überflutete mit grausigem Flammenschein das Wolkenmeer.«12

Nun ist es nur noch ein kleiner Schritt für Lems Professoren-Astronauten zur Rekonstruktion des unglückseligen Endes der Venusbewohner: Bevor sie ihre Angriffspläne in die Tat umsetzen konnten, kam es unter den Möchtegern-Invasoren zu einem für alle tödlichen Zerwürfnis »um das Recht der Ansiedlung auf der Erde«13. Und auch der Tunguska-Körper war kein Kontakt-Raumschiff, sondern ein unbemannter Aufklärer zum Aufspüren von irdischen »Einrichtungen, die imstande gewesen wären, die vernichtenden Ladungen abzufangen und auf die Venus zurückzuschleudern.«14

Auf dem Rückflug zur Erde zieht Professor Chandrasekar ein Reisefazit und vergleicht die traurige Geschichte der Venus mit ähnlichen Vorkommnissen auf der Erde, als man die Phase der kapitalistischen Ausbeutung noch nicht überwunden hatte: »Professor Arsenjew ist der Meinung, daß Maschinen die Bewohner der Venus in den Abgrund trieben. Das steht noch nicht fest; aber nehmen wir an, daß es tatsächlich so gewesen ist. Ja, wurden denn nicht auch die Menschen durch eine Maschinerie in das Verderben gestürzt, durch die tollgewordene, rasende, chaotische Maschinerie der kapitalistischen Gesellschaftsordnung? Wissen wir, wieviele Beethovens, Mozarts, Newtons und ihren blinden Schlägen umkamen, ehe sie zum Schaffen unsterblicher Werke und Werte heranreifen konnten? Gab es […] bei uns keine Händler des Todes, die beiden kämpfenden Parteien dienten und ihnen Waffen verkauften?«15 Sowohl der Absturz des Tunguska-Raumschiffs als auch die Selbstvernichtung der Venus-Bewohner in der eigenen Rüstungsspirale dienen Chandrasekar als Exempel für seine wie ein Naturgesetz formulierte These über das zwangsläufige Schicksal jedes Imperialisten: »Wesen aber, die sich die Vernichtung anderer zum Ziel setzten, tragen den Keim des eigenen Verderbens in sich – und wenn sie noch so mächtig sind.«16

Wie weit lässt sich nun der heutige Geltungsanspruch von Lems Roman umschreiben? Hilfreich sind hier eigene Aussagen des Autors: Aktualität bescheinigt Lem auch 25 Jahre nach dem Erscheinen des Romans dem »Problem der atomaren Bedrohung, denn die Geschichte der Vernichtung des Lebens auf dem Planeten Venus stellt ja nur eine Allegorie der irdischen Probleme dar.«17 Gleichzeitig gesteht er aber wissenschaftliche, technische und literarische Mängel ein – letztere sind seiner Ansicht nach »nie durch irgend etwas gerechtfertigt und werden sich immer als ungenügende Arbeit erweisen«.18 Durchaus vergleichbar ist Lems »Astronauten«-Roman mit anderen frühen Werken Lems wie dem Roman »Gast im Weltraum« (1955) und dem Kurzgeschichtenband »Sezam i inne Opowiadania« (1954), die zwar zur schnellen Etablierung des Autors in Polen führten, aber noch sehr von seiner Parteinahme für den Staatssozialismus polnischer Machart zeugen. In seinem autobiographischen Essay »Mein Leben« (1983) äußert Lem sein Befremden gegenüber der Idee einer funktionierenden utopischen Erdengesellschaft und der Feier des Kommunismus als ultimativem Friedensbringer: »Meinen ersten SF-Romanen spreche ich heute jeden Wert ab [...]. Ich habe diese ersten Romane wie z.B. Die Astronauten aus Beweggründen geschrieben, die ich auch heute gut begreife, obzwar sie allen meinen damaligen Lebenserfahrungen zuwiderliefen – in ihrem Handlungsverlauf und in der in ihnen geschilderten Welt. Die ›böse‹ Welt sollte sich in eine ›gute‹ verwandeln.«19



Endnoten
 

1 Vgl. die lesenswerte Dokumentation der zweiten deutsch-russischen Tunguska Expedition im September 2000. http://cmbrenneisen.de/tunguska/tunguska.html
2 Ulf von Rauchhaupt: Tunguska-Asteroid: Feuerwerk über der Taiga. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.12.2007, Nr. 52. S. 65.
3 http://www.physorg.com/news11710.html
4 http://cmbrenneisen.de/tunguska/tunguska.html
5 Stanisław Lem: Der Planet des Todes. Berlin/Ost: Volk und Welt, 1954. S. 428. In Westdeutschland erschien der Roman unter dem Titel »Die Astronauten«.
6 Lems Roman war in der DDR mit sechs Neuauflagen durchaus erfolgreich. Dies gilt auch für die Verfilmung durch Kurt Maetzig, die den 26. Rang in der Liste der erfolgreichsten DDR-Filme einbrachte. Vgl. Karsten Kruschel: Leim für die Venus. Der Science-Fiction-Film in der DDR. (HEYNE SF-JAHR 2007).
7 Lem 1954, S. 23 f.
8 Ebd., S. 30.
9 Ebd., S. 39.
10 Ebd., S. 56 f.
11 Ebd., S. 260.
12 Ebd., S. 400.
13 Ebd., S. 429.
14 Ebd., S. 432.
15 Ebd., S. 434.
16 Ebd., S. 434.
17 Stanisław Lem: Die Astronauten. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1979. S. 8.
18 Ebd., S. 8.
19 Stanisław Lem: Mein Leben. In: Franz Rottensteiner: Polaris 8. Ein Science-fiction-Almanach. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1985. S. 9-30, hier S. 17.n Kruschel: Leim für die Venus. Der Science-Fiction-Film in der DDR. (HEYNE SF-JAHR 2007).


(Erstveröffentlichung: B. Figatowski: Deep Impact? Zum literarischen Nachbeben des Tunguska-Ereignisses im Jahre 1908. In: Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Heyne Science Fiction Jahr 2008, München: Heyne 2008, S. 439-367.)




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Kernschmelze einer Familie (Matthias Nawrats »Unternehmer«; Rezension, #44)

Geschrieben von Sierra , in Dystopie, Science Fiction 19 May 2017 · 257 Aufrufe
Dystopie, Umweltzerstörung und 3 weitere...
Matthias Nawrat: Unternehmer

Rezension

Große Aufmerksamkeit hat die weißrussische Schriftstellerin Swetlana A. Alexijewitsch mit der These erlangt, dass die Menschheit Tschernobyl bis heute nicht verstanden habe. Denn bis heute dominiert die Philosophie des Weiter-so, ungeachtet der regelmäßigen kleineren und größeren Störfälle. Und auch der nunmehr eingeleitete Atomausstieg in Deutschland nach Fukushima sei nur eine Ausnahme von der Regel. In Gesprächen mit Tschernobyl-Überlebenden versuchte Alexijewitsch die emotionale Seite der Katastrophe zu beleuchten. Obwohl Vergleiche zwischen Romanen und Sachbüchern schwierig sind, ist es bemerkenswert, dass Matthias Nawrat in seiner Dystopie »Unternehmer« ähnliche Intentionen wie Alexijewitsch verfolgt.

Im Mittelpunkt seines Romans steht die 13-jährige Lipa, die mit ihren Eltern und ihrem einarmigen, jüngeren Bruder in einem Schwarzwalddorf wohnt. Obwohl im Zuge der nicht näher beschriebenen Umweltkastrophe ein technischer Rückschritt stattgefunden hat, ist den Menschen ein Mindestmaß an Infrastruktur erhalten geblieben. Lipas Vater ist ein Tagelöhner, täglich auf der Suche nach Rohstoffen und Metallen, um sie auf einem »Paradies« genannten Schrottplatz zu verkaufen. Er nimmt seine Kinder mit auf die Schrottsuche in den Industrieruinen, obwohl es dort wegen der hohen Unfallgefahr und Toxizität lebensgefährlich ist. Kann eine Familie ein solches Leben führen? Können Kinder in einer solchen Welt erwachsen werden? Anstatt einfache Antworten zu suchen, provoziert Nawrat den Leser bereits mit der Erzählweise. Lipa ist eine unzuverlässige Ich-Erzählerin, die das familiäre Zusammenleben zunächst als Idylle und die Arbeit als Abenteuer für alle schildert: So ist Berti für das Ausschlachten der Industriemaschinen zuständig, während Lipa die Betriebskalkulation übernimmt. Die väterliche Metapher des »Unternehmens« ähnelt einem pädagogischen Beruhigungsmittel, weil sie mit der Heile-Welt-Sehnsucht der Kinder harmoniert. Als sich etwa Lipa in einen Nachbarsjungen verliebt, sieht sie ihre gemeinsame Zukunft rosarot, eben weil sie wie ihre Eltern Unternehmerin ist: »Mutter ist in Wahrheit glücklich […], dass wir jetzt ein Unternehmen haben […]. Und ich bin auch Unternehmerin und ich bin froh, den langen Nasen-Timo zu haben.« Dass dieses familiäre Rollenspiel aber nicht nur eine gutgemeinte Lüge ist, merkt der Leser spätestens, als sich Bertis Behinderung als folgenschwerer 'Arbeitsunfall' herausstellt, der vom Vater als 'Betriebsrisiko' in Kauf genommen wurde. Und auch das Ausleben der ersten Liebe ist für Lipa als Betriebsangehörige nicht vorgesehen. Als das Geschäft des Vaters wegen eines Konkurrenzunternehmens unter Druck gerät, wagt er mit den Kindern eine Rohstoffbergung in einem havarierten Kernkraftwerk, weil dort das »große Klimpergeld liegt«. Dem familiären Unternehmertum droht aber nun im wahrsten Sinne des Wortes die Kernschmelze.

Insgesamt gesehen vermittelt Nawrats Roman gerade wegen seines gemächlichen Tempos und der Ästhetik der einfachen Sprache eindrücklich und psychologisch feinsinnig die Perspektive eines Kindes auf den Weltzerfall. Auf der Metaebene gelingt Nawrat aber auch eine originelle Stellungnahme zu Wesenszügen des Kapitalismus – etwa dem Primat des Profits vor der Moral und dem Umweltschutz –, die dank des dystopischen Setting besonders deutlich hervortreten. Schade nur, dass der Roman so kurz ist – über Lipas Welt gäbe es sicherlich noch so viel mehr zu erzählen. (bf)


Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)

Bibliografische Angaben: Matthias Nawrat: Unternehmer. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt: 2015. 137 S. 9,90 EUR. ISBN-13: 978-3499269806.

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Sascha Mamczak und Hannes Riffel (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2016, Berlin: Golkonda 2016.)


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Descender. Sterne aus Blech (Lemire / Nguyen 2015, Bd. 1; Rezension, #43)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Science Fiction 13 May 2017 · 535 Aufrufe
Comic, Science Fiction, Descender und 4 weitere...
Descender. Sterne aus Blech (Lemire / Nguyen 2015)
Rezension

Der nunmehr auf Deutsch vorliegende erste Band des SF-Comics »Descender« von dem US-amerikanischen Autor Jeff Lemire war nach den Maßstäben der Bücherwelt bereits überaus erfolgreich. Denn kaum war die Originalausgabe in den Läden, bekamen Lemire und sein Zeichner Dustin Nguyen Besuch von Hollywood-Vertretern, die sich um die Filmrechte bewarben. Sony Pictures erhielt den Zuschlag und es verdichten sich seitdem die Gerüchte, dass tatsächlich irgendwann ein Film unter der Ägide des Produzenten Josh Bratman in die Kinos kommt. Diese Vorgeschichte ist recht ungewöhnlich, bedenkt man, dass nicht erst seit Steven Spielbergs Spielfilm »A.I. - Künstliche Intelligenz« Geschichten mit einem Roboterkind als Hauptfigur alles andere als neu sind. Somit stellt sich die Frage, ob und wie es dem Duo Lemire und Nguyen gelungen ist, der Roboter-Thematik neue Facetten abzugewinnen.

»Descender« spielt in einem fernen Sternensystem mit dem Planeten Niyrata als seinem kulturellem Mittelpunkt. Die Menschheit und diverse Alien-Völker haben sich in dem Vereinten Galaktischen Rat zusammengeschlossen. Als eines Tages gigantische Roboter-Raumschiffe – Harvester genannt - über den Hauptwelten der Menschen auftauchen und sogleich zum Angriff übergehen, sind diese trotz ihrer fortgeschrittenen Technik machtlos. Da die Harvester so schnell verschwinden, wie sie gekommen waren, richtet sich der Hass der überlebenden Menschen gegen die eigenen Roboter als Sündenböcke. In der Folge werden sie in einer als Robocaust bezeichneten Vergeltungsmaßnahme vollständig ausgelöscht – beinahe vollständig. Denn zehn Jahre später – hier setzt die Handlung des Comis ein – erfährt der Roboter-Forscher Dr. Quon von Militärs der Regierung, dass ein Abgleich von Maschinencodes einen Zusammenhang zwischen den Harvestern und seinen eigenen Geschöpfen, den Tim-Androiden, hergestellt hat. Zudem soll ein junger Androide namens Tim-21 noch existieren. Er soll Lebenszeichen von dem Bergbau-Planeten Dirishu gesendet haben, obwohl dort alle Kolonisten bei einem Gas-Unfall umgekommen sein sollen. Bevor die Regierungsagenten den Androiden bergen können, wird Tim-21 von sogenannten Schrottern, radikalen Roboterfeinden, aufgespürt. Schwer verletzt überlebt der Android ihren Angriff, weil ihm der Bergbau-Droide ›Bohrer‹ – deus ex machina – zu Hilfe kommt. Der zwischenzeitlich eingetroffene Dr. Quon vermag Tim-21 zu reparieren und für Tesla, die Anführerin des Rettungskommandos, besteht die Hoffnung, dass sie von Tim erfährt, »was die Harvester sind – oder ob sie zurückkommen«. Doch kaum treten der Android und seine Retter die Rückreise an, werden sie von einer Elite-Einheit der Schrotter abgefangen: Tim-21 ist wieder mal in höchster Gefahr.

Diese Inhaltsangabe macht deutlich, dass Lemire auf der narrativen Ebene des Comics auf wichtige Motive der Science Fiction, aber auch Kinderliteratur – zum Beispiel das unschuldige Kind als Menschheitsretter – Bezug nimmt. Da Hintergrundinformationen meistens über die Dialoge vermittelt werden, ist die Erzählweise flüssig und stellenweise humorvoll. So kann Bohrer, der Beschützer von Tim-21, sicherlich nicht für sich beanspruchen, die hellste ›Glühbirne‹ im Weltraum zu sein. Und doch sorgt er durch wortkarge wie glasklare Ansagen à la Bud Spencer für manch einen Lacher. Besonders gelungen ist »Descender« auf der grafischen Ebene. Nguyens originelle Aquarellzeichnungen werden sicherlich bei vielen, nicht zuletzt erwachsenen SF-Fans gut ankommen. Die Bildgestaltung setzt zudem inhaltliche Akzente, wenn z.B. durch eine rosafarbene Tönung des Panelhintergrunds kritische Zustände und Emotionen der Hauptfigur zur Geltung gebracht werden. Und als Tim-21 nach einem Laserangriff der Schrotter mit einem Systemschaden k.o. geht, spiegelt sich sein bisheriges Leben in kleinen wabenförmigen Bildern wider, die über seinem Kopf aufsteigen. Schließlich entwickelt Nguyen in der Darstellung der Schrotter eine eigene Ästhetik der Hässlichkeit, die die klare Gut-Böse-Unterscheidung der Handlung durch die Groteske des anspruchsvollen Horrors bereichert. Es sind neben der Grundthematik des Bandes solche gestalterischen Umsetzungsideen, die neugierig machen auf den Fortlauf der »Descender«-Serie. (bf)

Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)

Bibliografische Angaben: Jeff Lemire (Text), Dustin Nguyen (Zeichnungen): Descender. Sterne aus Blech. Bielefeld: Splitter, 2015. 144 S.. 22,80 EUR. ISBN-13: 978-3958391666.

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Sascha Mamczak und Hannes Riffel (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2016, Berlin: Golkonda 2016.)


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Wale können Planeten fressen (»Weltraumkrümel«, Rezension, #42)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur 12 May 2017 · 207 Aufrufe
Comic, Weltraumkrümel und 3 weitere...
Wale können Planeten fressen
Craig Thompson: »Weltraumkrümel« (Rezension)

Der vielfach preisgekrönte Comic-Zeichner Craig Thompson entwirft in seinem Werk »Weltraumkrümel« eine märchenhafte Welt der Zukunft, in der die Raumfahrt selbstverständlich geworden ist und auch Außerirdische weitgehend friedlich mit den Menschen koexistieren. Trotz des technischen Fortschritts ist jedoch das Energieproblem nicht gelöst, denn die Vorkommen an Erdöl, Uran und »Sternstaub« (!) sind versiegt. Und so ist die Menschheit – eine sehr weitreichende Erzählprämisse – auf die Tierwelt zurückgeworfen: Durch das Weltall streifen riesenhafte Wale, die sich von Himmelskörpern und Weltraummüll jedweder Art ernähren. Ihre energiereichen Exkremente sind die Energieträger, die die Menschheit notgedrungen zur Aufrechterhaltung ihrer Infrastruktur braucht. Diese alternative Form der Energienutzung hat allerdings den Schönheitsfehler, dass Wale auch bewohnte Planeten auf ihrem Speiseplan haben.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Violet, die mit ihren Eltern in bescheidenen Verhältnisse in einer interstellaren Wohnwagensiedlung lebt. Ihre Mutter arbeitet als Näherin in der »Fashion Factory«, ihr Vater, Müllwerker und Energietechniker in einem, schippert in seinem Raumschiff durch den Weltraum und sammelt Wal-Exkremente ein. Als der Alt-Rocker bei einem Arbeitseinsatz verschollen geht, macht sich Violet unverzüglich auf die Suche nach ihm. Unterstützung erhält sie von einem hochintelligenten wie vorwitzigen Hühnchen namens Elliot und Zachäus, einer orangen Alien-Ameise (?), die sie auf der Fahrt in einem Space-Trike begleiten. Obwohl Violet anfangs von niemandem ernst genommen wird, stellen sich nach den ersten Recherchen und Abenteuern Erfolge heraus. So findet Violet heraus, dass das Verschwinden ihres Vaters mit einer riskanten Spezialaufgabe zu tun hat, die darin bestand, dass er ein Walbaby einfängt. Da diese Mission alles andere als erfolgreich war, macht sich Violet nun selbst todesmutig auf die Suche nach ihm in den Revieren der Weltraum-Wale.
Craig Thompsons »Weltraumkrümel« richtet sich als Comic an eine altersgemischte Leserschaft. Das wird nicht nur durch die Erzählprämisse der Weltraum-Wale und dem damit verbundenen skatologischen Humor (Stichwort: Verdauungsprodukte) deutlich. Neben der kindlichen Hauptfigur, deren lustigen Sidekicks Elliot und Zachäus soll viel Slapstick-Action jüngeren Lesern Leseanreize bieten. Gleichzeitig adressiert Craig Thompson den erwachsenen Leser, was sich beispielsweise in der Kritik an der kapitalistischen Geschäfts- und Arbeitswelt, der Rocker-Ästhetik des Bandes und einigen intertextuellen Verweisen spiegelt.

Thompsons Grundkonzept ist sicherlich gut durchdacht und liegt durchaus im Trend, wenn man an die gegenwärtige Zunahme von All-Age-Titeln denkt, und doch kann es nicht gänzlich überzeugen. Die Story krankt daran, dass sie auf den oben angesprochenen Adressatenebenen nur unzureichend ausbalanciert wirkt, sodass kein organisches Erzählgebilde geschaffen wird. Dies wird offensichtlich, wenn einige Handlungsteile komplett ins Skurrille abdriften – man denke etwa an den Kampf zwischen Violet und Zuccinus, Zachäus' Bruder und Nachwuchs-Ninja, der zu ihren Gunsten ausgeht, weil sie ihn mit ihrer Zahnseide (!) lassoartig zu fesseln vermag. In anderen Panelsequenzen ist fraglich, ob der junge Leser angesichts der überbordenden und unruhigen Farbwahl und dem »Primat der Niedlichkeit« ernst genommen wird, sodass gar der Eindruck von Anbiederung erweckt wird. (bf)

Gesamteindruck: ++ (2,5 / 5)


Bibliografische Angabe: Craig Thompson: Weltraumkrümel. Übers. von Matthias Wieland. Berlin: Reprodukt, 2015. 320 S. 22,80 EUR. ISBN 978-3956400513.

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Sascha Mamczak und Hannes Riffel (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2016, Berlin: Golkonda 2016.)

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Das Schloss in den Sternen (Rezension, #41)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Science Fiction, Rezension 04 May 2017 · 653 Aufrufe
Alex Alice, Steampunk, Hetzel und 7 weitere...
Alex Alice: Das Schloss in den Sternen – 1869: Die Eroberung des Weltraums, Buch 1 (Rezension)

Gott – oder besser gesagt – Jules Verne sei Dank herrscht im Genre der literarischen Phantastik seit jeher kein Mangel an Abenteuerromanen, die die Sehnsucht des Menschen nach den Sternen und anderen unbekannten Gefilden abbilden. Auf sehr sympathische wie spannende Weise spiegelt sich dieses urmenschliche Bestreben in Alex Alices ambitioniertem Comic-Abenteuer »Das Schloss in den Sternen«. Im Zentrum der Geschichte, die im 19. Jahrhundert spielt, steht ein Junge namens Seraphin, der im nordfranzösischen Courrière in die Schule geht. Seraphins Eltern sind Naturwissenschaftler und Seraphin wünscht sich nichts so sehr, wie in ihre Fußstapfen zu treten. Besonders interessiert sich die Forscherfamilie an dem Phänomen des Äthers, eines Urstoffs, der jenseits der Erdatmosphäre vorkommen soll und dem Menschen gänzlich phantastische Unternehmen ermöglichen soll. Und doch ist dieses Forschungsgebiet alles andere als ungefährlich. Die Handlung setzt damit ein, dass Claire, Seraphins Mutter, einen riskanten Heißluftballonflug in extremer Höhe unternimmt und nach der Konfrontation mit unbekannten elektromagnetischen Phänomenen verschollen geht. Ihrem Tod zum Trotz gibt sich Seraphin weiterhin seinen Tagträumen hin, etwa von einem Flug zur Venus mit einer Äthermaschine. Als Seraphins Vater, Professor Archibald, ein Jahr später einen ungewöhnlichen Brief aus Bayern erhält, in dem der anonyme Absender behauptet, im Besitz des Logbuchs seiner Frau zu sein, reisen Vater und Sohn nach Füssen in Bayern, um dies zu überprüfen. Ihre Hoffnung wird nicht enttäuscht, aber noch eine größere Überraschung bedeutet für sie die Person des Absenders, es ist niemand geringerer als König Ludwig von Bayern. Der König beauftragt Professor Archibald, ein Ätherschiff auf Schloss Neuschwanstein zu bauen. Dies führt sogleich zu einem Disput mit dem Architekten König Ludwigs, der das Fluggerät lieber auf barocke Weise austatten will, anstatt seine Flugsicherheit zu gewährleisten. Während der Professor diesen Streit mit der Kraft des besseren Arguments lösen kann, geht für ihn und Seraphin eine ernsthafte Gefahr von einem Spion aus, der im Auftrag Bismarcks handelt. Indem er eine politische Intrige in Gang setzt, die auf die Entmachtung von König Ludwig abzielt, wird der Entwicklungsprozess des Ätherschiffs empfindlich gestört. Für den Professor und seinen Jungen beginnt nun ein Wettlauf mit der Zeit.

Alex Alices Comic überzeugt hinsichtlich verschiedener Aspekte. Zum einen ist die Handlung hervorzuheben, in der eigentlich altbekannte Versatzstücke des Steampunks und der Abenteuerliteratur – zum Beispiel die Ballonfahrt als halsbrecherisches Wagnis oder der um den Äther als mysteriöses Energie-Substrat aufgebaute Spionage-Plot – auf originelle Weise verknüpft werden. Zum anderen hat Alice, der bereits die Nibelungensage als Heroic Fantasy gezeichnet hat, ein Händchen dafür, Figuren Tiefe zu verleihen, indem er mit den historischen Fakten spielt. So ist König Ludwig – der realiter im Jahre 1886 für geisteskrank erklärt und entmündigt wurde – bei Alex Alice kein Wahnsinniger, sondern ein Visionär, der an die Kraft der Mythen glaubt. An einer Stelle bringt er dies gegenüber Seraphin wie folgt zum Ausdruck: »Seht ihr, die Wahrheit, die uns die Mythen lehren ist nicht, dass Drachen existieren, sondern dass man sie besiegen kann.« Bemerkenswert ist der Band schließlich dank des graphischen Handlungsgerüstes, das sich zwar den Erzählsträngen der Texte unterordnet, aber immer wieder durch großformatige, perspektivreiche Splash-Panels und actionbetonte Panelsequenzen Akzente setzt. Ausschmückungen wie die zweiseitige Projektskizze des Ätherschiffs sorgen für eine zusätzliche Authentizität der Geschichte. Passend ist auch die Covergestaltung des Bandes, die auf angenehme Weise Pierre-Jules Hetzels Ausgaben der »Voyages extraordinaires« von Jules Verne Reverenz erweist. Insgesamt betrachtet ist das »Schloss in den Sternen« durch und durch empfehlenswert und wird als zeichnerisches Schmuckstück viele Freunde unter den Comiclesern – und auch den Comicsammlern! – finden. (bf)

Gesamteindruck: +++++ (5 / 5)


Bibliografische Angaben: Alex Alice: Das Schloss in den Sternen – 1869: Die Eroberung des Weltraums. Übers. von Swantje Baumgart aus dem Französischen. Bielefeld: Splitter, 2015. 72 S. (inkl. Bonusmaterial).15,80 EUR. ISBN 978-3958390706.

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Sascha Mamczak und Hannes Riffel (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2016. Berlin: Golkonda 2016.)

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Lesekultur (er)leben! Ein Rückblick auf das Literaturcamp Bonn 2017 (#40)

Geschrieben von Sierra , in Veranstaltung, Kulturraum Rheinland 16 April 2017 · 599 Aufrufe
Barcamp, Literaturcamp, Bonn und 6 weitere...

Lesekultur (er)leben! Ein Rückblick auf das Literaturcamp Bonn 2017

Ich muss zugeben, dass ich vor meiner Teilnahme am Literaturcamp Bonn 2017, das am 8. April in der VHS Bonn stattfand, recht skeptisch war, ob mir diese Veranstaltung gefallen würde. Dies hatte vor allem damit zu tun, dass ich keinerlei Erfahrungen mit dem Veranstaltungstyp »Barcamp« mitbrachte. Klar habe ich in der Vergangenheit an diversen universitären Tagungen und einigen wenigen Fan-Conventions im Phantastikbereich teilgenommen. Aber diese zeichneten sich meist dadurch aus, dass sie inhaltlich minutiös vorgeplant waren, sodass die vorab festgelegten thematischen Inhalte und die
ausgewählten Redner im Zentrum der Veranstaltung standen.

Das Literaturcamp Bonn verfolgt ein anderes Konzept. Der von Uschi Fuchs, Christine Krauß und Ute Lange bereitgestellte infrastrukturelle Sockel (Veranstaltungsort, Technik, Verpflegung, Tickets u.a.) diente einer Veranstaltung, die sich inhaltlich – typisch Barcamp – selbst um das Rahmenthema »Literatur« organisieren sollte. Als ich am Samstag nach dem Check-In im großen Saal der VHS Bonn Platz nahm, wurde meine Skepsis nicht unbedingt kleiner. Tatsächlich sind die über hundert angekündigten Menschen auch alle gekommen und ich fragte mich insgeheim: Wie sollte man sich binnen einer Stunde gescheit vorstellen und auch noch auf inhaltliche Workshops (»Sessions«) einigen?


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Bild: Literaturcamp Bonn

Nach der sehr freundlichen Begrüßung durch das Orga-Team begann dann schon die Vorstellungsrunde (hier ein Schnappschuss), indem jedefrau und jedermann per Mikrofon Auskunft geben sollte, warum er sich für Literatur interessiere, was er zurzeit lese und was ihn sonst noch so beschäftige. Die Vorstellungsrunde war angesichts der vielen Teilnehmer erwartungsgemäß etwas mühsam – und rief doch eine wichtige Gemeinsamkeit zwischen den TeilnehmerInnen in Erinnerung: Natürlich ist Deutschland ein Fernsehland, aber es ist auch ein Land der Lesekultur, der viele Menschen gerne in ihrer Freizeit frönen.

Im Vergleich zur Vorstellungsrunde war die folgende Sessionplanung eine erstaunlich kurzweilige Angelegenheit. Flugs stellten sich viele TeilnehmerInnen der Reihe nach auf und präsentierten auf der Bühne ihre Session-Ideen. Mit einer kleinen Verspätung ging es dann anschließend in die Gruppen.


Versteckte Vergangenheit – Biografisches Schreiben über Euthanasie (Session 1)

Die Wahl der ersten Session, die ich besuchen wollte, fiel mir leicht. Die Frage, wie literarisch an den Holocaust erinnert wird (werden kann), interessiert mich seit meinem Studium. Dass im Rahmen des Literaturcamps eine Session mit einem so starken historisch-politischen Schwerpunkt angeboten wurde, war für mich eine erste positive Überraschung.

Im Anschluss an die Hinführung des NGO-Beraters Martin Georgi zu dem Thema »Euthanasie-Morde in der Zeit des Nationalsozialismus« wurde via Skype Gunnar Sohn, Wirtschaftspublizist und Blogger aus Bonn, dazugeschaltet. Sohn berichtete von seinen Nachforschungen zu seinem Großvater Wilhelm Sohn, der von den Nazis als Psychiatriepatient in der Anstalt Bendorf-Sayn (bei Koblenz) ermordet wurde. (Ein längerer Vortrag Gunnars über seinen Großvater, aber auch über das Erstarken diskriminierender, weil deutschtümelnder Identitätspolitiken in der Gegenwart findet sich hier.)

Danach erzählte die Journalistin Johanna Herzing von ihrer Urgroßtante Gertrud Ferchland, die im Jahre 1943 in der Heil- und Pflegeanstalt Meseritz-Obrawalde ermordet wurde, – bei ihren Recherchen für ihr Radio-Feature korrespondierte Herzing mit Archiven in Deutschland und Polen und dem Historiker Götz Aly. Gunnars und Johannas Berichte waren packend und reizten die TeilnehmerInnen zum Nachfragen. Gerne hätte ich einen längeren Ausschnitt aus der Sendung gehört, um mehr über ihre konzeptionellen Überlegungen bei der Gestaltung des Radiobeitrags zu erfahren.

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Interessant war die von Martin herum gereichte Broschüre über den 2014 errichteten Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde in Berlin aufmerksam (Memo an mich selbst: Beim nächsten Berlin-Besuch unbedingt besuchen!). An der Berliner Tiergartenstraße 4 waren Ärzte und Verwaltungskräfte der Nazis für den Massenmord an Menschen mit geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen verantwortlich.


Es blieb leider kaum Zeit für eine vertiefte Auseinandersetzung mit den gezeigten Büchern, die das Thema »NS-Euthanasiemorde« in literarischer bzw. autobiographischer Form verarbeiteten. Vielleicht wäre es daher keine schlechte Idee, wenn dieser Workshop bei einem etwaigen Literaturcamp Bonn 2018 noch mal angeboten und fortgesetzt werden könnte (zweites Memo an mich selbst: demnächst zu lesen: Elisabeth Zöllers Kinderroman über Anton, der wegen seiner Behinderung von den Nazis drangsaliert wird).


»Seid nett zueinander« oder: Netzwerken in den sozialen Medien (Session 2)

Ein inhaltlicher Kontrapunkt zu meiner ersten Session war der Workshop der Autorin und Bloggerin Jasmin Zipperling. Sie schaffte es auf unterhaltsame Weise das Thema »Netzwerken in den sozialen Medien« und dabei jede Menge Internet-Knigge zu vermitteln: So empfahl Jasmin etwa humorvoll und freundlich zu bleiben, auch wenn der Gesprächspartner noch ein Neuling sei und nur wenige Veröffentlichungen vorweisen könne.
Eingefügtes Bild Die sogenannten Sekundärtugenden und ein Quäntchen Demut sind also auch im Zeitalter des Web 2.0 Pflicht. Selbstverständlich sind das Selbstverständlichkeiten, bedenkt man aber die zunehmende Problematik von Hass-Postings in Foren, in Kommentarbereichen von Online-Zeitungen, bei Twitter oder Facebook, gewinnen viele Ratschläge aus Jasmins Workshop – beispielsweise im Sinne der Aktion »Organisierte Liebe« von Kübra Gümüşay – zusätzlich an Bedeutung.

Netzwerken beschränkt sich aber nicht nur auf Twitter und Facebook. Ausdrücklich erwähnte Jasmin die Mitwirkung in Autorengruppen, auf Autorenplattformen (z.B. der »Autorenwelt«) und Literaturmagazinen wie der »Federwelt«, mit denen sie gute Erfahrungen gemacht hat. Für den Phantastik-Bereich würde ich das Magazin »phantastisch« aus dem Hause Atlantis ergänzen, das ich als ein Medium kennengelernt haben, das auch Newcomern Veröffentlichungsmöglichkeiten bietet.



Sesamöl-Intermezzo (Session-Pause)

Nach diesen Eindrücken war ich groggy und beschloss, mir nach einer Portion Möhrensuppe erstmal die Beine zu vertreten... (Das war bei dem strahlenden Sonnenschein nicht die schlechteste Idee, zumal ich mich in einem nahegelegenen Geschäft endlich mit Glasnudeln und Sesamöl eindecken konnte, wichtigen Zutaten für den leckeren koreanischen Glasnudelsalat, der bei uns zuhause zur Zeit hoch im Kurs steht.)


Blogger auf Book-Walk (Session 3: #ProjektBücherschrank)

Noch ein Käffchen und ich war bereit für Session 3, bei der vorab meine Entscheidungskraft auf die Probe gestellt wurde. Sowohl die Session von Stephanie Braun über »Leseprojekte« als auch der Workshop zum »Kreativen Schreiben« machten neugierig.


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Den Ausschlag für ersteres Angebot gab vermutlich, dass ich Stephanies Bücherblog »Kleiner Komet« kenne, in dem sie u.a. die »Perry-Rhodan«-Romane bespricht, eine Science-Fiction-Serie, die ich damals als junger Leser verschlungen habe.

Die Zahl der TeilnehmerInnen an der Session war zwar – vergleichsweise – überschaubar, dafür war bei allen das Interesse an einem kreativen Umgang mit Literatur unübersehbar. Alle hatten einen eigenen Blog und erzählten sehr sympathisch von den Hintergründen und den Antrieben für ihre Internetaktivitäten (vgl. den Blogroll unten). Doch es sollte nicht bei einem Erfahrungsaustausch bleiben, als Stephanie erwähnte, dass sie schon seit längerem Bücher in ihrem Blog vorstellt, die aus den offenen Bücherschränken in Bonn stammen.

Wissenswert ist in diesem Zusammenhang, dass offene Bücherschränke eine große Tradition in Bonn haben. Denn der im Jahr 2003 aufgestellte Bücherschrank an der Poppelsdorfer Allee war der erste offene Bücherschrank seiner Art in Deutschland. Er war das Werk der damaligen Architekturstudentin Trixy Royeck, die mit dem Prototyp einen Ideenwettbewerb der Bürgerstiftung Bonn gewann.
Neben den Unmengen an Büchern, die dank der Bücherschränke – mittlerweile zehn an der Zahl – getauscht wurden, ist sicherlich die einfache Benutzung der Bücherschränke ein Grund für ihre Beliebtheit: »Die Bücher können problemlos mitgenommen, gelesen und zurückgebracht oder auch gegen andere Bücher eingetauscht werden – ganz ohne Leihfristen oder sonstige Bestimmungen. Alle sind herzlich eingeladen, ihre Bücher mitzubringen. Jedes Buch ist willkommen: Lustiges und Spannendes, Poesie und Fachliteratur. Das unterste Fach ist für Kinderbücher reserviert.« (Quelle: Bürgerstiftung Bonn) Ich hatte wie die anderen auch spontan Lust, bei Stephanies Leseprojekt mitzumachen.

Somit fehlten eigentlich nur die Bücher, die wir demnächst in unseren Blogs besprechen wollen. Wir packten darum unsere Siebensachen und machten uns auf den Weg zum Bücherschrank am Haus der Stiftungen (Budapester Str. 4), der von der VHS Bonn fußläufig in wenigen Minuten zu erreichen ist. Eingefügtes Bild Ich gebe zu, dass ich etwas Bammel hatte, dass ich womöglich – ein bisschen Zufall war ja bei der Aktion im Spiel – doch mit einem Konsalik-Wälzer à la die »Airport-Klinik« nach Hause gehen könnte.
Doch Stephanie zeigte sich sehr flexibel und wir einigten uns darauf, dass wir nicht blind ins Regal greifen mussten, sondern uns ein Buch aussuchen durften, das tatsächlich unser Interesse weckt.

Ich fackelte nicht lange und entschied mich für Denis Ronald Sehmans Jugendroman »Gefährten des Meeres«, eine Abenteuergeschichte, die auf der tropischen Insel Mahé im Indischen Ozean spielt und eine Freundschaft zwischen einem behinderten Jungen und einem Delfin schildert. Ich bin gespannt, wie mir der »in einer an Hemingway geschulten Diktion erzählt[e]« Roman – so behauptet der Klappentext – gefallen wird.


Nachdem wir nun alle ein Buch gefunden haben, fehlte nur noch das obligatorische Gruppenfoto, das eine Passantin besorgte, et voilà!

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Gruppenbild mit ... Büchertauschschrank


Fazit und Blogroll

Nach eine Stippvisite in einer vierten Session zum Thema »Elektronisches Publizieren« musste ich auch schon nach Hause, – dankbar für die tollen Erlebnisse an diesem Tag. Gerne nehme ich wieder an einem solchen Barcamp teil, das so vielfältige Zugänge zum Lesen und zur Literatur bieten kann.

Besonders freue ich mich, dass sich aus der Veranstaltung heraus ein Leseprojekt entwickelt hat, in dem ich das Herumstöbern in Bücherschränken mit dem Bloggen verbinden kann.

Der Vollständigkeit halber möchte ich nun alle bisher im #ProjektBücherschrank vertretenen Blogs erwähnen (drittes Memo an mich selbst: die KollegInnen scheinen viel disziplinierter zu arbeiten als ich, ihre Literaturcamp-Berichte sind längst online :blush:):

  • In dem Buchblog »Buchstabenträumerei« veröffentlicht Anna Buchrezensionen aus den Bereichen Liebesroman, Mystery, der Kinder- und Jugendliteratur und – siehe beispielsweise die Rezension zu »Das Herz der verlorenen Dinge« von Tad Williams – der Fantasy. Außerdem informiert sie über Neuigkeiten aus der Bloggerszene.
  • Denise rezensiert in »Kitsune´s Welt der Bücher« vornehmlich literarische Werke, zu ihren Lieblingsgenres gehören Fantasy, sie rezensiert aber auch Kinder- und Jugendliteratur bzw. die sog. Young adult fiction (YA), Chic-Lit u.a. In ihrem Rückblick auf das Literaturcamp 2017 habe ich mit Erstaunen gelesen, dass es einige Besucher des Literaturcamps negativ aufgenommen haben, dass Denise und Martin ihre Kids mitgebracht haben: »Böse Blicke« für Kinder auf einer Literaturveranstaltung und dann noch in den Räumen einer Volkshochschule sind mir wirklich unerklärlich.
  • In Mélinas Blog namens »Mit Charme und Melone« geht es vor allem um Interkulturalität und Vielfalt, die sich in den Bereichen Kunst, Mode, Essen oder Literatur widerspiegelt. Etwas Wehmut überkam mich beim Anschauen ihres »Cologne Million City Story«-Videos, meine Kölner Jahre sind ja auch schon wieder... einige Jahre her. Aber doch, ich stimme zu, Köln – bei mir vor allem der Stadtteil Ehrenfeld – ist eine Welt für sich, die man niemals so ganz hinter sich lassen kann.
  • Bei dem Titel von Silvias Blog »Leckere Kekse« muss ich spontan an das Krümelmonster denken: Denn neben genreübergreifenden Buchrezensionen finden sich hier Keksrezepte. Interessant und persönlich fand ich das Interview mit Birgit Rabisch, die manchem Science-Fiction-Leser wegen ihres Jugendromans »Duplik Jonas 7« bekannt ist, der in dunklen Tönen die Instrumentalisierung von jugendlichen Klonen als menschliche Ersatzteillager schildert.
  • Stephanies Literaturblog »Kleiner Komet« habe ich oben bereits erwähnt, deswegen beschränke ich mich hier auf folgende Stichwörter, die ich ihrer Seite entnommen habe: Phantasie, Traumwelt Lesen, Lichtspiele, Reality – Lesen, News. (bf)



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Es gibt Helden, es gibt Superhelden – und dann gibt es noch »Birne« (Teil 2, #39)

Geschrieben von Sierra , in Phantastik, Kinder- und Jugendliteratur 14 April 2017 · 368 Aufrufe
Günter Herburger, Birne und 7 weitere...

Der erste Teil dieses Essays, in dem ich auch auf die Biographie Günter Herburgers eingehe, erschien am 6.4.2017 in meinem Blog.


Es gibt Helden, es gibt Superhelden und dann gibt es noch »Birne«
Über die phantastischen Kinderromane Günter Herburgers
(Teil 2, #39)

Das Birne-Herz schlägt links

Bereits in der ersten Geschichte dreht die sprechende Birne voll auf und vereitelt einen Flugzeugabsturz, indem sie eine ausgefallene Scheinwerferlampe ersetzt. In anderen Geschichten rettet Birne einen Astronauten, der bei einem Weltraumspaziergang wegzutreiben droht, oder verhindert eine Ölkatastrophe und ein riesiges Fischsterben im Rhein. Es irrt, wer nun glaubt, Birnes Taten würden sich lediglich auf das Katastrophenmanagement konventioneller Superhelden beschränken. Birne hilft nicht nur Benachteiligten, sondern setzt sich mit ihrer Lebenssituation auf politische und sogar philosophische Weise auseinander.

Sie ist die Sozialarbeiterin unter den Superhelden und will immer wissen, wie es dazu kommt, dass jemand plötzlich auf die Hilfe eines Superhelden angewiesen ist. Unter den Birne-Bedürftigen finden sich einsame Kinder, deren Eltern ganztägig arbeiten und keine Zeit für sie haben, Arbeiter, die auf unmenschliche Weise ausgebeutet werden, oder Kybernetiker, die wegen eines technischen Defekts ihrer Rechenanlage verzweifeln. Und auch Gesetzesbrecher sind nicht ausgenommen, gemäß der Wilde’schen Definition der Moral als einer »Haltung, die wir gegen Leute einnehmen, von denen wir persönlich nicht erbaut sind1 Als Birne in der Geschichte »Birne und die Räuber« zwei Kriminelle vertreibt, die in einem leer stehenden Haus einen Tresor knacken wollen, beichten diese, dass sie bloß aus Hunger stehlen. Auf Birnes spontanen Vorschlag, eine alte Autobatterie aus dem Garten mitgehen zu lassen und diese zu verkaufen, reagieren die Räuber wenig begeistert und misstrauisch:
»›Ich soll eine Batterie stehlen‹, sagt der Räuber, ›damit du es dann der Polizei erzählen kannst.‹
Ich sage nichts‹, beruhigt Birne den Räuber. ›Wer Hunger hat, darf ein bißchen stehlen, er muß nur sagen, weshalb er es tut.‹«2

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Birne - Superheld und Beichtvater in Personalunion
[Abbildung: Wikipedia, Pko: Neogotischer Beichtstuhl, Lizenz: CC BY 2.5]

Um dieser Grenzüberschreitung etwas von ihrer Schwere zu nehmen, lässt Herburger die Geschichte mit einem antiautoritären Schabernack enden und Birne »einem Polizisten, der gerade Streife geht, ein klein wenig leuchtende Birnenkacke auf die Mütze fallen3
Noch vor der ökologischen Wende engagiert sich Birne für die Umwelt, wenn sie den Bauern die Ausbeutung von Nutztieren ausredet, die Jagd auf Wildschweine und Rehe sabotiert, das Leck eines Öl-Tankers auf dem Rhein verschweißt oder den Holzfällern eine der Grundregeln des sustainable development einbläut: »Wer abholzt, muß auch wieder pflanzen4

Birnes Herz schlägt also links. Doch woher speist sich eigentlich Birnes Hoffnung, dass ihre Vorschläge tatsächlich umsetzbar und nachahmenswert sind? Hier ist erstens der Glaube an die Vorteile neuer Technologien aufzuführen, mit denen Birne die Arbeiterschaft quasi volkspädagogisch beglücken will. Als sie bei einem Tunnelbau Zeuge wird, wie der Bohrer einer Bohrmaschine zerbricht, leistet Birne schnelle Hilfe. Indem sie sich mit einem Stahlmantel und einem »Überzug aus Wolfram, Tantal und Molybdän«5 ausrüstet und sich als lebendiger Bohrer an der Bohrmaschine befestigt, gelingt es ihr, den Tunnel zu erweitern und die Überlegenheit technologischen Know-Hows zu demonstrieren. Bei einem Wochenendausflug ans Mittelmeer trifft Birne auf arbeitslose Fischer, »während überall an den Küsten die Hotelbesitzer und Inhaber von Campingplätzen immer mehr Geld scheffeln.«6 Gemäß dem Motto, dass die Zukunft im Wasser liege, lernen die Fischer von Birne die Kunst des Tauchens und des Bewirtschaftens von Algengärten. Beim Sommerfest nach der Ernte könnte die Laune bei Groß und Klein nicht besser sein: »Selbst Kinder dürfen Wein trinken, und niemand schimpft, wenn sie betrunken herumtorkeln.«7
Wichtig ist zweitens, und das ist ausführlicher darzustellen, die Vorstellung, dass die Selbstermächtigung des Arbeiters zu einem Motor des sozialen Wandels werden könnte, wozu Streiks und (Zwangs-)Kollektivierungen von Fabriken und Arbeitsstätten besonders nützlich sind.


Wenn Birnen streiken

Birne will Salz in die sozialen Wunden der kapitalistischen Verhältnisse streuen, und die Verbesserung der Lage der Arbeiter weltweit liegt ihr besonders am Herzen. Diese Handlungsmaxime lässt an die oben erwähnte Selbstauskunft Herburgers aus dem Jahr 1977 denken, in der er das Schicksal des Arbeiters für jede literarische Wirklichkeitserkundung als elementar ansieht: »Sie [Die armen Leute] beherbergen einen immensen Schatz an peinigender Erfahrung, der immer wieder darauf dringt, sich den Widersprüchen und krassen Vertragsbrüchen zu stellen. Wer als Schriftsteller von den Armen keine Hilfe verlangt, hat seinen Beruf verfehlt. Er mißachtet die grausamste und fruchtbarste Quelle an Erkenntnis, gibt klein bei, fügt sich der Regie des Übereinkommens und fürchtet sich vor der Angst, die ihm, dem Produzenten von erstrebenswerter Wahrheit, teuer sein müßte bis hinein in den eigenen Untergang.«8

Welche Wahrheiten und Utopien schürft Birne nun aber ans Tageslicht? Ortstermin in einer Kleiderfabrik: Obwohl Birne mit Hilfe der Erfindung eines Flüssigfadens und einer neuartigen Bügelmaschine die Kleiderherstellung automatisiert hat, währt die Freude der Näherinnen über die Arbeitserleichterung nicht lange. Denn der Fabrikdirektor will nun, dass die Arbeiterschaft mehr arbeitet, um seinen Profit zu steigern. Als sich die Näherinnen jedoch weigern und ihm zu verstehen geben, wie sehr er von ihrer Arbeitskraft abhängig ist, überrascht der Chef mit einer utopischen Einsicht: »Ich bin auf euch angewiesen. Ohne euch steht die Fabrik leer. Wißt ihr was? Die Fabrik gehört uns allen zusammen, und alles, was wir verdienen, verteilen wir gleichmäßig an alle.«9 Und der Leser muss diese unerwartete Wendung erstmal zusammen mit den Näherinnen verdauen: »Du bist der erste Direktor der Stoffindustrie, der nicht habgierig ist.«10

Birne ist allgegenwärtig und agiert international. So reformiert er auch die chinesische Betriebswirtschaft, sodass Arbeiter und Bauern nunmehr gemeinsam mit den Chefplanern entscheiden dürfen, »welches Korn gepflanzt werden soll und wie lange die Schweine Mastfutter erhalten.«11 Doch nicht überall geht die Kollektivierung von Fabriken so leicht von der Hand. Ruft Birne dann den Betriebsrat auf den Plan? Weit gefehlt: In diesen Fällen wird die Fabrik zu einer Art Boxring, in dem es durchaus schlagkräftig zugeht und Gewalt – nicht unproblematisch – durchaus ultima ratio ist. Ein anderes Beispiel aus dem Band »Birne kann noch mehr«: Bei dem Besuch einer Autofabrik trifft Birne auf eine ausgebeutete Arbeiterschaft und verlangsamt als erstes das Fließband, womit sie für ein chaplineskes Tohuwabohu sorgt, bei dem nicht nur eine Milchtüte auf der Nase des Werkmeisters zerplatzt. Beim Übergang zur Selbstverwaltung ist staatliche Einflussnahme unerwünscht: »Die Polizei hat kein Recht, in die Fabrik zu kommen, nur weil die Arbeiter eine Versammlung abhalten. Ohne Arbeiter gäbe es gar keine Fabrik. Werkmeister und Direktoren allein können keine Autos bauen.

Eingefügtes Bild Ich schlage vor, wir gehen zur Teststrecke und untersuchen einmal, wie gut die Autos sind, die in der Fabrik hergestellt werden.«12 Gesagt getan, und natürlich überzeugt der anschließende Auspufftest von tausend Neuwagen die Führungsetage vollends, da Kohlenmonoxid einfach das bessere Argument ist: »Die Arbeiter kurbeln die Fenster hoch. Die Ingenieure und der Direktor rufen um Hilfe. Sie sind blau im Gesicht, so wenig Luft bekommen sie zum Atmen.
Wer Kinder hat, soll hupen‹, sagt Birne.
Ein Hupkonzert ertönt auf dem Platz. Die Ingenieure und der Direktor halten sich die Ohren zu.
Kapiert‹, ruft Birne, ›verstanden, begriffen?‹
Die Ingenieure und der Direktor fallen nach ein paar Atemzügen um. Sie sind ohnmächtig geworden. Jetzt werden sie endlich einsehen, daß die Autos bessere Auspuffanlagen und sauberes Benzin brauchen.«13

Die denkwürdigste von Birnes Fabrikutopien beginnt mit einer Vollversammlung aller Glühbirnen (»Birne in der Birnenfabrik«). Anlass ist eine Art Marktversagen: Obwohl Glühbirnen widerstandsfähiger und langlebiger produziert werden könnten, verschließt sich die Industrie der Innovation und produziert aus Profitgründen mangelhafte Birnen. »Die Fabrikbesitzer werden immer reicher, weil die Leute immer wieder neue Birnen kaufen müssen. Und die Birnen […] glauben, sie würden ewig leben[,] und strahlen vor Freude, aber nach wenigen Monaten brechen oder schmelzen ihre Glühfäden.«14 Wieder ist es nicht der Staat, der eingreift, sondern natürlich Birne, die fortan mit einem cleveren Vorarbeiter Energiesparbirnen in Eigenregie herstellt. Um durch Nachrüstung mit unschmelzbaren Glühfäden unsterblich zu werden, schrauben sich die alten Birnen aus ihren Fassungen und begeben sich in die Fabrik: »[D]ie ganze Stadt wird dunkel. Wer Auto fährt, muß stehenbleiben. Wer liest, kann nur noch gähnen. Wer auf der Toilette sitzt, muß stillhalten. Auch die Fernsehapparate verlöschen, weil die Röhren ebenfalls erneuert werden sollen. Die Leute in der Stadt sind machtlos.«15

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass gerade in den ersten beiden »Birne«-Büchern die unverbrüchliche Überzeugung deutlich wird, dass Technik auf der Seite der Schwachen steht und selbst utopische Ziele erreichbar macht. Doch auch Solidarität und Organisation sind wichtig, wie »Birne in der Birnenfabrik« zeigt: selbst der Streik eines scheinbar unwichtigen Elements des Arbeitsprozesses kann dann für einen echten Blackout sorgen, vor dem niemand nirgendwo sicher ist.


Birne vs. Superman

»Wer dumm regiert, in die Pension marschiert!«16

Die ersten starken Zweifel an den Fähigkeiten der Politiker kommen Birne bei einer chaotisch verlaufenden Versammlung im Bundestag (?), in der die Notwendigkeit der Aufrüstung diskutiert wird. Zeugin geworden, wie einzelne Protestler des Saales verwiesen werden, sabotiert Birne das Lautsprechersystem und deklamiert zusammen mit der aufgebrachten Menge antikapitalistische und selbstermächtigende Reime: »Wer nicht zufrieden mit den Parteien […] wählt jemand aus den eigenen Reihen! Wir machen mit, solange er uns vertritt.«17 Der Protest der aufgebrachten Menge gipfelt schließlich darin, dass alle vom Bürgermeister den Bau von Schulen und Schwimmbädern einfordern, was dieser auch prompt ausführt, »denn was die Mehrheit beschließt, wird ausgeführt18
Birnes Weltverbesserungsmaschine läuft bald heiß und nimmt keinerlei Rücksicht auf Idole und Ikonen, ganz gleich, ob sie der christlichen Glaubenswelt oder der westlichen Populärkultur entstammen.19 Kaum werden bei einem Autounfall Menschen verletzt, ruft Birne schon Jesus aus einer nahen Kirche herbei. Der kommt wirklich, leistet erste Hilfe und belebt den Verletzten durch Mund-zu-Mund-Beatmung. Doch als die Menschen ihn wieder zurück in die Kirche bringen und ans Kreuz nageln wollen, weigert sich Jesus: »›Ich will nicht mehr ans Kreuz! Wollt ihr denn immer einen Verletzten als Vorbild? Ich bin wie ihr! Ich will mich freuen und anderen helfen, die in Not sind.‹«20 Fortan »hängt kein Verletzter mehr am Kreuz. Die Kreuze wurden abgeschafft21

Warum Superman keine echte Alternative zur Birne ist, erfährt der Leser in einer amüsanten Geschichte, die auf die Studentenrevolten von 1968 anspielt. Nachdem Birne Superman aus seinem Comicheft befreit hat, möchte Birne, dass Superman zum Dank eine Demonstration gegen die Polizei verteidigt. Superman outet sich jedoch als kronloyal und stockkonservativ, gibt aber schließlich doch nach: »›Ich kenne nichts Besseres als unsere Regierung‹, sagt Superman, ›ich kämpfe für sie und gegen das Verbrechen.‹
Du bist stark, aber dumm‹, sagt Birne. ›Solche Leute mag die Regierung, sie sind für sie bequem. Sie fragen nicht, sie arbeiten geduldig für wenig Geld, damit die Reichen noch reicher werden.‹
Von einer Glühbirne lasse ich mir keine Unverschämtheiten gefallen‹, sagt Superman. ›Ich bin Superman, ich bin für die Gerechtigkeit.‹
Das freut mich‹, sagt Birne. ›Bei uns machen die Studenten eine Demonstration, weil sie schlechte Schulen haben. Verkleide dich als Polizist und nimm mich mit.‹«22

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Und tatsächlich erfüllt Superman diese Bitte und vermöbelt zum Schutz der Demonstranten die gesamte Polizei: »Zwei Reihen legt er auf die Straße. Dem Wasserwerfer biegt er die Spritze krumm, so daß er sich selbst bespritzt und die Fahrer nichts mehr sehen. Pferde, auf denen Polizisten sitzen, stellt er auf Balkone. […] Polizisten schießen Tränengasgranaten, doch Superman bläst den Nebel wieder zurück, so daß die Polizisten weinen müssen und nichts mehr sehen.«23 So weit, so gut. Doch leider schießt Superman etwas über das Ziel hinaus und droht in seinem Zerstörungswerk die gesamte Stadt zu vernichten. Bevor der stärkste Mann Amerikas seiner gesamten moralischen Autorität verlustig geht, schreitet Birne ein und befördert ihn in sein Comicheft zurück.

Wie es sich in der nächsten Geschichte herausstellt, ist Supermans Ausraster nur die Ouvertüre zu einer viel größeren Katastrophe, nämlich einem echten Weltkrieg (»Birne und der Krieg«): Wer gegen wen kämpft, weiß man nicht. Birne erklärt lediglich wie ein Naturgesetz: »›Die Leute sind unzufrieden, fangen an zu streiten, schließlich schießen sie‹, sagt Birne. ›Im Krieg gehen Soldaten aufeinander los und versuchen, sich zu töten.‹«24 – Und dann kommt’s dicke. Es fliegen Giftgasgranaten, Atomraketen, auch Phosphor wird eingesetzt; der Krieg lässt weder Menschen noch Märchen- und Comicfiguren wie Winnetou, Pippi Langstrumpf und Flipper unversehrt. Und auch der zwischenzeitlich wieder vernünftig gewordene Superman kapituliert angesichts des Ernstes der Lage. Schließlich hat Birne keine Wahl mehr, als die Weltherrschaft zu übernehmen, indem sie eine künstliche Eiszeit herbeiführt, die den Menschen den Spaß am Kämpfen nimmt: »Den Generälen, die immer sitzen und beratschlagen, wachsen Eiszapfen an den Hintern. Selbst eine Zigarettenmarke, die Roth-Händle heißt und an Wärme erinnert, ändert plötzlich ihre Schrift und heißt Schnee-Händle. Der Tabak hängt bleich und traurig aus dem Papier. Der Krieg ist endgültig aus.«25


Zombie-Alarm in Liechtenstein!

»Wo ist der Reichtum der westlichen Welt geblieben?«26

Der dritte Band mit Birne-Abenteuern beginnt unerfreulich. Denn Birnes Weltherrschaft währt nicht allzu lange, da den Menschen und Märchenfiguren das Leben in Birne-Utopia keinen richtigen Spaß macht; es fehlen die Unterschiede und Klassen und die sogenannte Selbstverwirklichung. Ihr Statusdrang und ihre Langeweile widern Birne an und sie erklärt das Birne-Zeitalter kurzerhand für beendet; die Gesellschaft wird wieder kapitalistisch und die Probleme kapital.

Da die Wirtschaft den Bach runtergeht, sind nicht mal Superhelden vor der Arbeitslosigkeit ausgenommen. Es dauert nicht lange, und die Lampen werden auf Notbeleuchtung umgestellt, mit einem Mal wird auch Birne entbehrlich und aus ihrer Fassung herausgeschraubt. Auf dem Arbeitsamt hat man für Birne keine Verwendung, zudem fehlen ihr Zertifikate und akademische Titel, ohne die es heutzutage nicht mehr geht. Frustriert und immer noch fassungslos nimmt Birne Reißaus und begibt sich auf eine ausgedehnte Reise durch ferne Länder, den Kosmos, die Vergangenheit und die Zukunft und sogar das Jenseits. Meistens bewegt sich Birne durch Fliegen fort, was aber nicht nur den Konventionen des Superheldenmotivs geschuldet ist. Fliegen ist auch an anderen Stellen in Herburgers Werk ein Element mit hoher Symbolkraft: »Nur im Flug kann das Wahnsystem der Realität überwunden werden, nur das Fliegen öffnet jenen Raum des Phantastischen, den Herburger mit seinen Gedichten, Romanen und Erzählungen besiedeln will.«27

War es früher besser? Pustekuchen! Schon bald muss Birne feststellen, dass die Vergangenheit niemals rosiger und unschuldiger war, und Menschen seit jeher von Menschen ausgebeutet wurden. Anschauliche Beweise liefern ihr die unerfreuliche Bekanntschaft Ludwigs XIV., der sein Volk zu seinem Privatvergnügen bluten lässt, ein Besuch der Stadt Esslingen zur Zeit der Hexenverbrennung und der Bau eines Pharaonengrabmals im Alten Ägypten. Auf ihrer Reise muss Birne eine Notlandung in der Zukunft machen, im Fürstentum Liechtenstein, wo sie einige besonders gruselige Erfahrungen sammelt.

In dem ehemaligen »Spielcasino unter freiem Himmel mit schönen Häusern, gepflegten Bäumen, Rabatten und Swimmingpools«28 ist es für Milliardäre nicht mehr so gemütlich wie noch im 20. / 21. Jahrhundert, was aber nichts mit einer verbesserten Steuerfahndung zu tun hat: »Da in der Zukunft der Reichtum weniger immer noch zunahm, die Armut der meisten jedoch über alle Maßen, haben sich sämtliche Milliardäre nach Liechtenstein geflüchtet, um in gewohnter Umgebung zu überleben.
Platz ist sehr knapp geworden. Die Milliardäre und Milliardärinnen wohnen in goldenen Vogelbauern, die dicht nebeneinander stehen. Im Innern der Häuschen gibt es vor Enge keine Betten mehr, nur noch Hängeschlaufen aus Damast oder Diamantplüsch zum Schlafen. Die Swimmingpools mußten zu Edelsteinnäpfchen verkleinert werden, und wo früher Bäume und Büsche, Blumen und Gräser wuchsen, wird deren Form, Farbe und Geruch von flutenden Fernsehspiegelungen dargestellt.«29

Aufgrund von Raumnot vertreiben sich die Milliardäre die meiste Zeit mit klaustrophobischen Geschicklichkeitsspielen, die viele Todesopfer verlangen. Als Birne ihnen verrät, dass Zärtlichkeiten ihr Leben lebenswerter machen könnten, beginnen die Milliardäre sogleich, sich hohe Dosen von Streicheleinheiten zu verabreichen. Doch wie so häufig zeitigen Birnes gutgemeinte Verbesserungsvorschläge böse Folgen: »Ein Seufzen und Stöhnen steigt zu den Fadenscheinwerfern der Sportarena auf, das jedoch bald in Klagen, Wimmern, Ächzen und Schreien übergeht. Denn die Reichen betragen sich nicht vorsichtig genug, was für Zärtlichkeit eine wichtige Voraussetzung ist, damit sie sich zu entfalten vermag. Die Milliardäre und Milliardärinnen wollen alles und sofort. Sie beißen sich, würgen sich, reißen sich gegenseitig Stücke aus den Backen, kugeln Gelenke aus. Fäuste stoßen zu, Blut beginnt zu fließen. Statt daß sanfte Wonnen wie ein gemeinsames Lied erklängen, ertönt Kreischen und Knurren aus Hast und Gier. Die Arena gleicht bald einem Zoo, in dem wild gewordene Tiere sich zerfleischen.«30

Birne gibt wieder Fersengeld. Die restliche Zukunftsreise Birnes ist nicht weniger deprimierend, beim Leser werden Erinnerungen an den Film Soylent Green und an reale Katastrophen der Gegenwart wach: Planet Erde ist heruntergewirtschaftet, kaputt und ausgebeutet; es herrscht Platznot, sodass die Toten nicht mehr begraben, sondern nur noch verbrannt werden. Und auch Birnes Fortschrittsoptimismus, der sonst jede Situation rettet, bietet keinen Trost mehr; unser Superheld muss sich gar von einer anderen Birne anhören: »Ich kann diese Fortschrittsgläubigkeit, diese verrottete Hoffnung in die Technik nicht mehr hören. Zu viele Menschen. Sie essen alles auf, erdrücken jeden Entschluß. Wo einer zugreift, machen gleich hundert mit und zerstören alles wieder. Nichts läßt sich mehr bewahren.«31

Zuviel Dystopie tut weh – verständlich, dass Birne sich nun im Weltraum umschaut. Dort trifft sie auf ein schwarzes Loch, das sich mit einem Akronym bezeichnet, das Birne als Science-Fiction-Leserin nicht unbekannt ist.


Birne trifft auf LEM

»›Wo ist die Sonne‹, fragte Birne.
Ich habe sie gegessen‹, antwortete die Stimme.«32

Birne ist irritiert, – und das will was heißen –: Ein schwarzes Loch, das nur mal so eine Sonne verschluckt hat und dazu noch ausgerechnet »LEM« heißt: »›Meines Wissens nennt sich zurzeit ein polnischer Schriftsteller so. Er schreibt die besten Science-Fiction-Bücher der Welt.‹
Zeit spielt keine Rolle‹, dröhnt es zurück. ›In mir sind Geschwindigkeit und Dauer aufgehoben. Zuerst war ich ein Weißer Riese, dann ein Roter Zwerg und wurde noch dichter, bis ich vor eigener Schwere in mich zusammenstürzte. Alle Orgelwerke der Welt sind in mir wie ein einziger Ton, alle Gebirge wie ein flüchtiges Sandkorn. LEM heißt Lästerlich Entwickelte Masse oder Long Emphasized Memory, was wieder mit Längst Entschiedenes Memento übersetzt werden könnte.‹«33

Vor so viel kosmischer Entität wird Birne Bange, doch der weise LEM lässt sie erst gehen, nachdem er sie davon überzeugt hat, dass Vergangenheit und Zukunft nur unzureichende Fluchtwelten sind: »Flucht nützt nichts. In der Vergangenheit findest du nicht die Verklärung, nach der du dich sehnst, eher empfangen dich dort die vergessenen Schrecken. In der Zukunft erwartet dich nicht die erhoffte Erlösung, vielmehr sammeln sich dort die Versäumnisse der Gegenwart. Man kann zwar manchmal dem Schicksal ausweichen, wenn man genügend Geld hat, nie aber der Logik der Möglichkeiten.«34 Birne tut wie ihr geheißen und reist zurück, um sich wieder den sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten der Gegenwart zu widmen.

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Stanislaw Lem, 1966
[Abbildung: Wojciech Zemek, Wikipedia. Lizenz: CC BY-SA 3.0]

Es liegt nahe, in dieser Birne-Geschichte eine Hommage an den berühmten polnischen Schriftsteller Stanislaw Lem zu sehen, der zeitweise Herburgers Briefpartner war.35 Mehrere Male hat Herburger Lems Werk gelobt und betont, dass er es »an wissenschaftlichem Kalkül, Sensibilität, Vorstellungskraft und hinreißender Erzählmethodik«36 für unvergleichlich und nobelpreiswürdig hält: »Sie [Lems Dichtung] ist […] der Aufbruch aus der Mitte der Menschen zu Schärfe der Gedanken, umfassenden Empfindungen und dem Anspruch, jederzeit einzigartig für das Gleichgewicht auch mit den Tieren, Pflanzen, Mineralien und Maschinen einzutreten, ohne die wir nicht zu überleben vermögen, wie die Gegenwart schon grausam zeigt.«37 Und warum sollte Lem nicht als fiktive Figur auftreten, die auch Birne, Herburgers alter ego, erleuchtet? Herburgers Lem-Begeisterung jedenfalls hat bis heute angehalten und spiegelt sich auch in seinen jüngsten lyrischen Texten wider.38


Ein Rückblick nach vorn

»Andrea laut: Unglücklich das Land,
das keine Helden hat! […]
Galilei: Nein. Unglücklich das Land,
das Helden nötig hat!«39

Birne stößt an, natürlich auch bei Literaturkritikern. So hinterfragt Peter Bekes den Realitätsbezug der Birne-Geschichten und postuliert, den (jungen) Lesern würden nur »Ersatzwelten« geboten: »Das den meisten Geschichten zugrunde liegende Konzept, die Probleme des Alltags bloß als technische Defekte auszuweisen, die vom Einzeltäter Birne mittels entsprechender Supertechnologien behoben werden, erinnert doch sehr an die klischeehaften Handlungsmuster geläufiger Abenteuerromane.«40 Diese Kritik kann nicht ganz überzeugen. Zwar gesteht Herburger im Vorwort zum dritten Birne-Buch »Birne brennt durch« übergroßen Technikoptimismus sowie seinen Irrtum ein, die unterschiedlichen ökonomischen Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen, nicht ausreichend wahrgenommen zu haben, doch unterzieht er in seinen beiden letzten Birne-Büchern die Idee des technischen Fortschritts einer Generalrevision und lässt ihren Widerspruch zur sozialen Fortentwicklung deutlicher hervortreten.

Andere Leser stört der ideologische Impetus der Geschichten. So kritisiert Paul Ludwig Sauer ihre »ideologisch[e] Borniertheit, die stets einhergeht mit einer unglaublichen anthropologischen Naivität«.41 Wirken viele politische Forderungen Birnes, die sie gerne gemäß der Pumuckl-Philosophie »Ich kann mit schönen Reimen die Welt zusammenleimen«42 vorträgt, auch schon für damalige Verhältnisse geradezu provokativ blauäugig, kommt im dritten und vierten Birne-Band eine immer skeptischere Grundstimmung auf. Dies zeigt etwa die Geschichte »Birne und der Stadtschwan«. Nachdem Birne den Selbstmord einer Teenagerin vereitelt hat, fragt sie das Mädchen nach ihren Motiven: »Es gebe kaum mehr Lehrstellen, selbst in Fabriken nicht. Sie habe nicht mehr aus noch ein gewußt, denn auch ihre Eltern hätte die Verzweiflung gepackt. Sie habe nur noch den einen Ausweg gesehen, von dem man nicht mehr zurückkehre.
Doch, kann man‹, sagt Birne. ›Wenn Birne kommt.‹
Nicht immer ist gerade eine Birne unterwegs, und auch noch so eine wie du‹, entgegnet Susanne.
Da habe sie auch wieder recht, muß Birne zugeben.«43

Gerhard Köpf hat in Herburgers Schreiben auf die Utopie einer Versöhnung aufmerksam gemacht: »Deshalb fällt es ihm leicht, Jesus und Lenin in ›Birne‹, in Gedichten und im ›Flug ins Herz‹ beim Namen und nebeneinander zu nennen. Wunsch und Wirklichkeit, Wunsch und Angst, Wunsch und Nutzlosigkeit, Maßlosigkeit und Disziplin, Lust und Fleiß sind also nicht adversativ getrennt, sondern explikativ und versöhnend verbunden.«44 Dieses Streben nach Versöhnung und Ausgleich ist auch aus dem vierten Band der Birne-Bücher nicht verschwunden, sondern hinein ins Private und in die Auseinandersetzung mit der Natur transformiert. Die Stimmung ist pessimistischer geworden, die Hoffnung auf eine bessere Welt kaum vernehmbar. Das hätte Birne in den ersten Birne-Büchern kaum passieren können: »›Gerechtigkeit für die Armen‹, ruft sie mehrmals, aber niemand heißt ihre Parole gut oder empört sich darüber.«45

Aber noch immer gilt in der Birne-Welt das Prinzip, dass das bessere Argument gewinnt, nur vermittelt Birne ihre Verbesserungsvorschläge geduldiger, altersmilder und vor allem leiser. Vom homo technicus ist kaum noch die Rede, und in Birnes Abenteuern überwiegt die Beobachtung, die nicht-teilnehmend bleibt: In Geschichten, in denen Birne eine obdachlose, alte Frau in eine Normalfamilie zu integrieren versucht oder sich auf der Suche nach Liebe mit einem Elefanten anfreundet, wird deutlich, dass Birne die Bürde der All-Verantwortlichkeit nicht mehr tragen möchte.

Eingefügtes Bild Der lebendig gewordenen Maria-Figur in einer Kirche vertraut sie an: »
›Ich kann meinen Zustand auch nicht mehr ertragen‹, sagt Birne. ›Immer soll ich helfen, egal, ob ich einer Schnecke begegne, einem sprechenden Fensterladen oder einer magersüchtigen Maus, der es vor dem Fressen graust.‹«46

Es zeigt sich also im Laufe der »Birne«-Geschichten eine Tendenz zur Verinnerlichung, auf die auch von der Literaturkritik hingewiesen wurde, nicht zuletzt im Zusammenhang mit der politisch-weltanschaulichen Entwicklung des Schriftstellers vom »entschieden klassenkämpferisch gesonnene[n] Linke[n]«47zum politisch Enttäuschten, der die Möglichkeit des Scheiterns der politischen und ökologischen Entwicklung des Menschen in seinem Schreiben nicht ausblendet: »Irgendwann wird es nur noch Klumpen aus Kohle um den Erdball geben«, schreibt Herburger in der letzten Strophe seines Gedichts »Das Wasser«.48

Herburger traut nun Birne und den Kindern nicht mehr ganz so viel zu, in die er in seinen ersten zwei Birne-Büchern noch so große Hoffnung legte: »Die selbstbewußte Forderung des Autors, daß die Sehnsucht unbedingt die Praxis einhole, wird hier dementiert. Selbst die Kinder, ehemals die Hoffnungsträger Herburgerscher Poesie, entgehen den Entfremdungs- und Normierungssystemen der gesellschaftlichen Praxis nicht mehr. Gleichwohl will der Autor noch immer – selbst oder gerade im Angesicht von Ohnmacht und Verlust – mit der kindlichen Weltaneignung ein Stück Zukunft retten.«49 Und doch bleibt die Ermutigung des jungen (und erwachsenen) Lesers zum Unangepasst-Sein und Selberdenken. Dieser Spaß an der Infragestellung von Regeln ist nicht ganz unsympathisch in einer pädagogischen Gegenwart, in der die RTL-Supernanny für Einschaltquoten sorgt oder Prominente wie Bernhard Bueb, der ehemalige Rektor des Elite-Internats Salem, wie selbstverständlich erklären: »Der lange Arm Hitlers hindert uns noch immer daran, Disziplin selbstverständlich einzufordern. Doch die Zukunft Deutschlands hängt von der Rückkehr zur Disziplin ab.«50

Schließlich hat Birne deswegen so wenig Patina angesetzt, weil sie sich selbst kaum ernst nimmt und um die eigene Beschränktheit und Naivität, auch die ihres Schöpfers, weiß. Diese seltene Fähigkeit zu Selbstkritik bezeugt ein sich selbst persiflierendes Gespräch zwischen Birne und Herburger in der Geschichte »Birne holzt«. Herburger tritt darin selbst als Figur auf und gibt über seine miserablen Arbeitsbedingungen Auskunft. Obwohl Birne so freundlich ist, einen Schreiner dazu zu überreden, das alte Bett ihres Schöpfers zu reparieren, kommt es zwischen den beiden zu einem Streit über die Freiheit Birnes als einem literarischen Ich. Birne behauptet, sie würde schon längst nicht mehr das machen, was Herburger ihr »vorschreibt«: »Einige Abenteuer, die du dir ausgedacht hast, waren nicht gut. Ich habe sie nur widerwillig ausgeführt, weil ich nicht undankbar sein wollte.«51

Im Vergleich zu vielen multimedialen Helden auf der Kinoleinwand und im Comic, die trotz endloser Wiederholungen und Selbstzitate wenig extramediale Relevanz haben, erscheint die Bescheidenheit und Alltäglichkeit des Birne-Helden, der Menschen nicht nur retten, sondern auch verstehen will, nicht unangenehm. Herburgers Birne-Texte sind daher von vielen politischen Werken aus den 1970er-Jahren abzugrenzen, die durch plakative Sozialismusbeschwörung und ideologische Verkrustung unlesbar geworden sind. Herburger ist weniger an geschlossenen Utopien als an Skizzen interessiert, die zeigen, wie eine inhumane Lebenssituation ins Utopische gewendet werden kann, ohne dabei selbst autoritär zu werden. Und natürlich sind viele der Probleme von Birne bzw. der Menschen in der Birne-Welt auch heute noch aktuell. Dafür spricht im übrigen nicht nur die Renaissance politischer Comic-Superhelden, wie der Watchmen, The Dark Knight, Neo aus Matrix oder dem Anarcho-Bombenleger V in V for Vendetta, der besonders extrem die Frage stellt, wie stark man die Grenzen der Legalität im Kampf gegen unmenschliche Zustände verletzen darf.

Und auch außerhalb der populärkulturellen Verarbeitung scheint sich bis heute ein gewisses Bedürfnis nach dem Sozialarbeiter im Superheldenkostüm gehalten zu haben, wenn man etwa an die Entstehung zahlreicher linker Spaßguerillagruppen in den letzten Jahren bedenkt. Sie nennen sich ironisch »Die Überflüssigen«, »Rebel Clown Army« oder »Die prekären Superhelden« und üben sich in karnevalesker Subversion. »Die Superhelden« fanden im Mai 2005 einige mediale Aufmerksamkeit, als sie kostümiert ein Hamburger Nobelrestaurant überfielen und ihre Provianttüten mit teuersten Delikatessen füllten, um sie anschließend an Ein-Euro-Jobber zu verschenken. In einem Interview mit dem »Stern« rechtfertigt einer der Mundraubaktivisten ihr Handeln folgendermaßen: »Wir wollen zeigen, es ist möglich, sich zu wehren. Wir wollen aus der Passivität heraus. Jeden Tag höre ich, wir leben über unsere Verhältnisse, wir sollen flexibler sein, länger arbeiten für weniger Geld. Gequatsche. Uns geht es noch zu gut! Zu gut? Ich muss mir überlegen, ob ich mir den Zahnarzt leisten kann, ich gehe an Schaufenstern vorbei und sehe Dinge, die für mich unerreichbar sind. Ich schaffe an diesem Reichtum mit in dieser Stadt – aber ich habe nix davon. Nur Angst, noch weiter abzusinken.«52 Man kann sich vorstellen, dass Birne gegen so motivierten Mundraub wenig einzuwenden gehabt hätte, im Gegensatz zu der Hamburger Justiz, die die Aktionen der Spaßguerilla weniger spaßig fand und Geldstrafen wegen gemeinschaftlichen Diebstahls verhängte. (bf)

(Erstveröffentlichung: B. Figatowski: Es gibt Helden, es gibt Superhelden – und dann gibt es noch Birne. In: Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Heyne Science Fiction Jahr 2009, München: Heyne 2009, S. 370-397.)


Endnoten

1 Werner Scholze-Stubenrecht (Hrsg.): Der Duden: Zitate und Aussprüche. Herkunft und aktueller Gebrauch. Mannheim u.a.: Dudenverlag, S. 685.
2
Günter Herburger: Birne kann alles. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1982, S. 22.
3 Ebd., S: 22 f.
4 Ebd., S. 85.
5 Ebd., S. 30.
6 Ebd., S. 74.
7 Ebd., S. 75. Generell kommt in den Birne-Geschichten ein sehr freizügiges Verhältnis zu Alkohol zum Ausdruck. Vgl. auch Birnes Begegnung mit dem Fuchs, der gerne Bier trinkt: »Für einen Fuchs ist es ziemlich schwierig, Bier zu kriegen. Einmal habe ich eine halbvolle Flasche gefunden. Ich habe sie ausgetrunken, dann konnte ich kaum mehr gehen. Ich bin immer wieder umgefallen. Es war ein lustiger Zustand.« (Ebd., S. 83)
8 Günter Herburger: »Die Macht der Literatur«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 14-19, hier: S. 17.
9 Herburger 1982, S. 43.
10 Ebd., S. 43.
11 Ebd., S. 52.
12 Günter Herburger: Birne kann noch mehr. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1987. S. 15.
13 Ebd., S. 17.
14 Herburger 1982, S. 91.
15 Ebd., S. 92. Es sei nur nebenbei notiert, dass dieser Konflikt nicht ganz wirklichkeitsfremd ist, wie zuletzt der Gesetzgeber bewies, der EU-weit ab September 2009 den Verkauf aller herkömmlichen Birnen mit 100 Watt Leistung untersagt hat.
16 Ebd., S. 121.
17 Ebd., S. 122.
18 Ebd., S. 123.
19 Brita Steinwendtner bemerkt zum Stellenwert Gottes in Herburgers Werk: »Es gibt biblische Namen, Motive, Anspielungen; sie sind Steinbrüche, aus denen der Autor Material sammelt, um die Fülle des Lebens zu zeigen. Aber Gott bleibt tot.« (Brita Steinwendtner: »Angela verheißt Glück, so traurig es ist«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 151-163, hier: S. 159)
20 Herburger 1982, S. 98.
21 Ebd., S. 99.
22 Herburger 1987, S. 24.
23 Ebd., S. 26.
24 Ebd., S. 118.
25 Ebd., S. 124.
26 Günter Herburger: Birne brennt durch. Reinbek bei Darmstadt und Neuwied: Luchterhand, 1975. S. 75.
27 Michael Braun: »Luftschiff für Übersicht und Mut.« http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/einefliegendefestung-r.htm
[eingesehen am 14.4.2017]
28 Herburger 1975, S. 73.
29 Ebd., S. 73.
30 Ebd., S. 75.
31 Ebd., S. 76 f.
32 Ebd., S. 82.
33 Ebd., S. 82.
34 Ebd., S. 82.
35 Vgl. Gerhard Köpf: »Phantasie und Hoffnung«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 115-140, hier: S. 122.
36 Günter Herburger: »Vom Sterben. Stanislaw Lems erster Roman Das Hospital der Verklärung.« In: Werner Berthel (Hrsg.): Über Stanislaw Lem. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1981. S. 183-187, hier: S. 183.
37 Ebd., S. 187.
38 So findet sich auch in seinem jüngsten Gedichtband »Der Kuss« ein Gedicht mit dem Titel »Solaris«, das mit den Versen beginnt: »Ein Kind, zehn Meter groß, / bis zum Nabel in einer Ozeanmasse steckend, / die sich über den Horizont wellte, es hatte / blaue Augen und einen unguten Mund.« (Günter Herburger: Der Kuss. Gedichte. München: A1 Verlag, 2008. S. 42)
39 Bertolt Brecht: »Leben des Galilei. Der gute Mensch von Sezuan«. In: Ders.: Gesammelte Werke, Bd. 3. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1962. 167 f.
40 Peter Bekes: »Günter Herburger. Essay«. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – Das KLG auf CD-ROM. München: edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, 2007.
41 Paul Ludwig Sauer: »Die neue Welt der klugen Kinder.« In: Karl Ernst Maier: Phantasie und Realität in der Jugendliteratur. Bad Heilbrunn/ Obb.: Klinkhardt, 1976. S. 139-160, hier: S. 153.
42 Torsten Harmsen: »Dem Vetter auf den Leim gegangen«.
http://www.berliner-zeitung.de/meister-eder-ist-tot--sein-kobold-nicht---pumuckl-und-sein-zirkusabenteuer--dem-vetter-auf-den-leim-gegangen-15665258 [eingesehen am 14.4.2017]
43 Ebd., S. 93.
44 Köpf 1991, S. 130.
45 Günter Herburger: Birne kehrt zurück. München: Luchterhand, 1975. S. 12.
46 Ebd., S. 119.
47 Werner Ross: »Ich bin ein Mann, der sich oft irrt... Aus Glas und Grammatik«.
http://www.zeit.de/1973/18/aus-glas-und-grammatik [eingesehen am 14.4.2017].
48 Herburger 2008, S. 108.
49 Bekes 2007.
50 Martin Doerry / Katja Thimm: »Disziplin ist das Tor zum Glück«. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,druck-436592,00.html
[eingesehen am 14.4.2017].
51 Herburger 1982, S. 115.
52 Arno Luik: »Wir suchen Orte des Reichtums heim. Aber uns geht es nicht ums Klauen«.http://www.stern.de/politik/deutschland/:Protestaktion-Uns/563642.html
[eingesehen am 14.4.2017].








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