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#16 Bruderkriege – Simon van der Geests »Krasshüpfer« (Hörbuchbesprechung)

Geschrieben von Sierra , in Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 18 October 2016 · 712 Aufrufe

Rezension Besprechung Außenseiter Freundschaft Insekten Adoleszenzroman Hörbuch

Inhalt

Zwischen dem 11-jährigen Hidde und seinem älteren Bruder herrscht Krieg. Es geht um einen Keller, in dem Hidde begeistert Insekten hält. Doch Jeppe beansprucht den Ort zum Schlagzeugspielen. Er setzt seinen jüngeren Bruder, den ›Spinnerling‹, unter Druck. Die Mutter ist kaum präsent, ein guter Freund fehlt. Daher führt Hidde ein Heft über den eskalierenden Streit. Ein schlimmes Geheimnis, das mit dem Tod des ältesten Bruders zu tun hat, scheint hinter den dramatischen Entwicklungen zu stecken.

Beurteilung

Der Jugendroman »Krasshüpfer« von Simon van der Geest wird von Martin Baltscheit kurzweilig, mitreißend und einfühlsam vorgetragen. Seine Stimme ist äußerst facettenreich und lässt die Emotionen und Eigenheiten von van Geests Figuren sehr spürbar werden. Dies gilt vor allem für den Protagonisten Hidde, in dessen Gefühlswelt zwischen Verzweiflung und Hoffnung, Begeisterung und Enttäuschung sich Baltscheit hervorragend hineinzuversetzen weiß.
Das Hörbuch umfasst 4 CDs mit einer Gesamtspielzeit von 302 Minuten. Die instrumentalen Zwischenspiele erinnern an Insektengeräusche, wirken bedrohlich und untermalen den ›Kriegszustand‹ der Brüder spannungsvoll. Außerdem wird Jeppes Schlagzeug- und E-Gitarrenspiel vertont und gibt einen authentischen Eindruck von dessen erdbebenhafter Lautstärke, unter der Hidde und seine Insekten im Keller leiden. Etwas künstlich wirkt dagegen das Einspiel zweier Frauenstimmen, mit denen die Telefonate von Hiddes Schwarm Lieke und seiner Mutter dargestellt werden. Vor allem die Stimme der Lieke ist nicht altersentsprechend. Van Geest erzählt eine Geschichte, die zugleich Spannung und Tiefgang hat. Mit der Figur des Hidde nimmt er auf überzeugende Weise die Perspektive eines 11-jährigen Jungen ein. Dies gelingt ihm zuweilen so authentisch – insbesondere wie er Hiddes Wahrnehmung der Mutter beschreibt oder die Gefühle und Gedanken des Jungen dem toten Bruder gegenüber in Worte fasst –, dass er den Leser bzw. Hörer tief berührt, ohne jemals kitschig oder sentimental zu werden. Die Betroffenheit wird einfach dadurch erzeugt, dass Hidde so echt erscheint. »Jetzt merkt man kaum noch, dass es Ward früher gegeben hat. Sein Stuhl ist auf Mams Wunsch am Tisch stehen geblieben. Darauf liegen immer Prospekte und Zeitschriften, dann sieht er weniger leer aus.«
Geschickt gewählt ist auch die Form der Darstellung: Hidde wendet sich in seinem tagebuchähnlichen Heft direkt an den Leser. Eingefügtes Bild Und was er zu Anfang beschwörend ankündigt, nämlich dass er den Leser in den Krieg mit Jeppe hineinziehen wird, bewahrheitet sich im Laufe der Geschichte. Ein weiterer Kniff in Bezug auf den Spannungsbogen ist, dass van Geest Hidde bereits zu Beginn des Romans ein dunkles Geheimnis andeuten lässt, welches hinter dem Familiendrama zu stehen scheint. Dessen Auflösung wird durch ›kriegsbedingte‹ Zwischenfälle immer wieder verschoben und die Spannung fast unerträglich. Clever ist meines Erachtens, dass van Geest Hidde in die Welt der Insekten flüchten lässt, mit deren Erscheinungsformen und Verhaltensweisen sich der Junge ihm rätselhafte menschliche Phänomene erklärt. »Wir sind wie Ameisen, denke ich manchmal [] Ameisen tippen sich an und schlagen sich auf die Schulter, so geben sie weiter, wo Futter liegt. Mam macht nur eine Handbewegung und sagt: Im Kühlschrank ist Eintopf. Oder sie schreibt es auf einen Zettel.« Die Tiere geben Hidde Sicherheit, Selbstbewusstsein und lassen ihn Worte für seine Wünsche finden. »Mein (Insekten-)Labor ist das Schönste, was ich habe.« Um im Kampf gegen Jeppe zu bestehen, wünscht er sich einen Stechrüssel, giftige Härchen oder Boxarme wie die Gottesanbeterin. Auch die Art und Weise, wie van Geest Hiddes Verliebtsein gegenüber Lieke oder die sich langsam anbahnende Freundschaft zu dem Nachbarjungen Bor darstellt, ist realistisch. Trotz aller Dramatik bringt van der Geest den Leser immer wieder zum Schmunzeln – über den aberwitzigen ›Krieg‹ der Brüder, Hiddes ungeschickte Annäherungsversuche oder sein skurriles Interesse für Insekten und Weichtiere. Beispielsweise schmiert Hidde zur Verteidigung das Kellergeländer mit dem Schleim von Nacktschnecken ein und beschreibt dem Leser genau, wie man diesen sammelt.
Das Hörbuch ist – gerade auch für Jungen – sehr zu empfehlen und kann eine Lektüre des Romans von 240 Seiten äußerst sinnvoll unterstützen. (sb)

Gesamteindruck: +++++ (5/5)

Simon van der Geest: Krasshüpfer. Übers. von Mirjam Pressler. Igel Records, 2016. ISBN 978-3-7313-1127-0. EUR 22,99. [Anmerkung: 4 CDs mit einer Gesamtlänge von 302 min., empfohlenes Lesealter: 10 bis 13. J.]


[Rezension zuerst erschienen in: Datenbank der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW. Für den vorliegenden Blog-Beitrag leicht überarbeitet.]






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