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#20 Die Dystopie des Kapitals – Über Jack Londons Alptraumroman »The Iron Heel« (Teil 2)

Geschrieben von Sierra , in Dystopie, Science Fiction, Rezension 22 November 2016 · 838 Aufrufe

Iron Heel Jack London Rezension Besprechung Dystopie USA Eiserne Ferse

Die Dystopie des Kapitals

Über Jack Londons Alptraumroman »The Iron Heel« (Teil 2)

 

Dieser Blogpost ist der zweite Teil meiner Ausführungen zu Jack London und seinem Klassiker »The Iron Heel« (1908; dt. »Die eiserne Ferse«, 1922), der den realen Klassenkampf zwischen den amerikanischen Sozialisten und den oligarchisch organisierten Kapitalisten im späten 19. Jahrhundert in eine nahe Zukunft verlegt.

 

II »Nicht Gott, nicht Mammon, sondern Macht«1

Jack Londons in 25 Kapitel gegliederte und episodisch strukturierte Dystopie handelt von dem gescheiterten Versuch einer sozialistischen Revolution in den Jahren 1912-1932. Im Mittelpunkt steht das Leben und Wirken des Sozialistenführers Ernest Everhard, der den Umsturz maßgeblich vorbereitet hat. Die Revolution, die sich vor allem in San Francisco und Umgebung abspielt, wird jedoch nicht aus dem erlebten Augenblick heraus, sondern im Rückblick von Avis Cunningham, Everhards späteren Frau, beschrieben. Kurz nach der Ermordung Ernests und vor ihrer eigenen Hinrichtung hat diese den Bericht im Jahre 1932 niedergeschrieben und versteckt. Avis’ Bericht gewinnt an Authentizität durch eine Herausgeberfiktion. Viele Jahrhunderte verschollen wurde ihr Dokument erst im Jahre 2600, einer längst sozialistischen Zukunft, entdeckt und veröffentlicht. Aus den Fußnoten geht hervor, dass nach einer zweiten gescheiterten Revolution und einer dreihundert Jahre währenden Herrschaft der Oligarchie eine dritte Revolution erfolgreich war und nun eine »Bruderschaft der Menschheit« Wirklichkeit geworden ist, die also zum Zeitpunkt der Herausgabe von Avis’ Bericht bereits vierhundert Jahre lang besteht.

Das literarische Denkmal zu Ehren Everhards beginnt Avis mit einem Bericht über die Umstände ihres ersten Kennenlernens. John Cunningham, Avis’ Vater, der an der Universität als Ökonom beschäftigt ist, lernt Everhard als Seifenkistenredner auf der Straße kennen und lädt ihn zu einer seiner politischen Abendgesellschaften ein, die von seinen Freunden aus der Oberschicht und dem Großkapital besucht werden. Eingefügtes BildEverhard, der sich bereits als Funktionär in der sozialistischen Partei engagiert hat, konfrontiert die Anwesenden mit einer scharfen Ablehnung der kapitalistischen Gesellschaft. Seine Zuhörer reagieren zunächst abwehrend, doch Everhard bleibt in seiner Argumentation faktenreich und logisch. Zufälligerweise kennt er auch die Vergangenheit eines Hausierers, der gerade an dem Cunninghamschen Haus vorbeikommt und früher als Fließbandarbeiter in den Sierra-Spinnereien einen Arm verlor: »›Es war ein Unfall. Er wurde dadurch verursacht, daß er versuchte, der Company ein paar Dollars zu ersparen. Sein Arm wurde von der gezahnten Trommel der Baumwollockermaschine erfaßt. Er hätte den kleinen Kieselstein durchlassen können. Der Stein hätte eine Doppelreihe Zinken zermalmt. Doch er langte nach dem Stein, und sein Arm wurde erfaßt und von den Fingerspitzen bis zur Schulter zerfetzt. Es geschah nachts. Die Spinnereien arbeiteten mit Überstunden. In dem Quartal wurde eine dicke Dividende gezahlt. Jackson hatte schon viele Stunden gearbeitet, und seine Muskeln hatten ihre Elastizität und Spannkraft verloren. […]Deshalb erfaßte ihn die Maschine. Er hat eine Frau und drei Kinder.

Und was tat die Company für ihn?‹ fragte ich.

Nichts. Oh, doch, etwas tat sie. Sie bekämpfte mit Erfolg die Schadenersatzklage, die er einreichte, als er aus dem Krankenhaus kam. Die Company beschäftigt ungemein tüchtige Juristen.‹« (EF, S. 26 f.)

Avis, ihr Vater und der mit ihm befreundete Bischoff Morehouse wollen die Behauptungen Everhards nun auf ihre Stichhaltigkeit überprüfen; nicht zuletzt aus eigenem Interesse, da sie ihr Geld erfolgreich in die Sierra-Spinnerei investiert und sich ebenfalls schuldig gemacht haben: »›Soviel ich weiß, haben Sie oder Ihr Vater, was dasselbe ist, Geld in die Sierra-Spinnereien investiert.‹

Was hat das damit zu tun?‹ rief ich.

Nicht viel‹, begann er langsam, ›abgesehen davon, daß das Kleid das Sie tragen, mit Blut besudelt ist. Was Sie essen, ist eine blutbefleckte Speise. Das Blut kleiner Kinder und starker Männer tropft von Ihren Dachbalken.Ich kann die Augen schließen und höre es rings um mich, tropf, tropf, tropf, tropf.‹« (EF, S. 26.) Schnell wird deutlich, dass die Oligarchie auch aus bürgerlichen Kreisen keine Schnüffeleien duldet. Dennoch gelingt es Avis in den Gesprächen mit allen Personen, die in den Fall Jackson verwickelt sind, genug Wahrheit aufzudecken: »Es schien mir ungeheuerlich, daß unsere ganze Gesellschaft auf Blut gegründet sein sollte. Und doch war da Jackson.« (EF, S. 37) Avis stellt Mr. Wickson und Mr. Pertonwaithe, die Besitzer der Sierra-Spinnerei, mit ihren Erkenntnissen zur Rede und realisiert, dass sie »eine Moral hatten, die über die der übrigen Gesellschaft erhaben war. Ich möchte sie die aristokratische Moral oder die Herrenmoral nennen. […] Sie waren überzeugt davon, daß sie die Retter der Gesellschaft seien und daß sie das Glück der großen Masse bewirkten. Und sie entwarfen ergreifende Bilder von den Leiden, die die arbeitende Klasse erdulden müßte, sorgten sie nicht – sie allein durch ihre Einsicht– dafür, daß sie Beschäftigung hätte.« (EF, S. 41)Avis übernimmt nun vollends die Sichtweise Everhards und wird zu seiner größten Bewunderin: »Ich fühlte, daß unter der Maske eines intellektuellen Eisenfressers eine zarte und empfindsame Seele verborgen war.« (EF, S. 17)

Everhard ist ein begnadeter Redner, der besondere verbale und logische Fähigkeiten kombiniert und auch die Konfrontation mit Andersdenkenden nicht scheut.

Fließbandarbeit um 1913 in einer Ford-Fabrik Highland Park, Michigan
Fließbandarbeit um 1913 in einer Ford-Fabrik Highland Park, Michigan (Quelle: Wikipedia. Lizenz: Public Domain)








Ohne zu zögern nimmt er deshalb Mr. Cunninghams Vorschlag an, im Club der Philomathen als Gastredner aufzutreten. Vor den führenden Köpfen der Oligarchie und intellektuellen Oberschicht von San Francisco zieht er selbstbewusst die Möglichkeit eines weltweiten Umsturzes durch eine 23-Millionen-starke Revolutionsarmee in Erwägung: »
Wir wollen alles haben, was Sie besitzen. Wir werden uns mit nicht weniger als allem, was Sie besitzen, zufriedengeben. Wir wünschen, daß die Zügel der Macht und das Geschick der Menschheit in unsere Hände gelegt werden.« (EF, S. 50 f.) Er begründet diese Notwendigkeit des Macht- und Systemwechsels mit der schlechten Regierung der Kapitalisten: »In den Vereinigten Staaten leben heute fünfzehn Millionen in Armut; und mit Armut ist jene Lebenslage gemeint, in der die normale Arbeitsfähigkeit aus Mangel an Nahrung und angemessener Behausung nicht aufrechterhalten werden kann.« (EF, S. 52) Während die anwesenden Unternehmer sichtlich eingeschüchtert sind, kündigt Mr. Wilckson erbarmungslosen Widerstand des Kapitals an und prägt en passant den Begriff »eiserne Ferse«: »Im Krachen von Granaten und Schrapnells, im Knattern von Maschinengewehren wird unsere Antwort enthalten sein. Wir werden euch Revolutionäre unter unserer Ferse zermalmen, und wir werden über eure Gesichter schreiten. Die Welt gehört uns, wir sind die Herren, und unser wird sie bleiben. Was das Arbeitsheer betrifft, so hat es seit Beginn der Geschichte im Staub gelegen, und ich habe die Geschichte richtig gelesen. Und im Staub wird es so lange bleiben, wie ich und meinesgleichen und jene, die nach uns kommen, die Macht haben. Das ist das Wort. Es ist das königliche Wort – Macht. Nicht Gott, nicht Mammon, sondern Macht.« (EF, S. 59) In seiner Replik auf diese Drohung kündigt auch Everhard »das Krachen von Granaten und Schrapnells und das Knattern von Maschinengewehren« (EF, S. 59) an, falls die Oligarchie die friedliche Machtübernahme durch die Sozialisten an der Wahlurne blockiert.

Auch Mr. Cunningham muss für seine Sympathie mit Everhard teuer bezahlen. Zunächst wird er wegen seines Umgangs mit Everhard abgemahnt, dann darf sein neues Werk »Ökonomie und Erziehung« nicht erscheinen und schließlich verliert er sogar seinen universitären Arbeitsplatz. Vater und Tochter Cunningham werden schließlich enteignet, sodass sie fortan in eine Absteige im Arbeiterviertel ziehen müssen. Cunninghams neuer Arbeitsplatz wird der Eingangsbereich eines Hotels, in dem er fortan als Türöffner arbeitet. Längst zu Proletariern geworden, wird von ihnen die neue Lebenssituation jedoch mit Freude angenommen. Ähnlich ergeht es auch Bischoff Morehouse, der in seiner Gemeinde die Ausbeutung der Armen durch die Reichen skandalisiert, nachdem er sich vom Wahrheitsgehalt von Everhards Gesellschaftsanalyse in den städtischen Slums überzeugt hat. Schließlich löst er seinen Besitz auf und verschenkt ihn an die Armen, worauf er für psychisch krank erklärt und weggesperrt wird. Zwischenzeitlich nimmt die Gesellschaft immer totalitärere Züge an, da die Oligarchen die Gewaltenteilung aufgehoben haben: »Sie erläßt heute die Gesetze, denn ihr gehören der Senat, der Kongreß, die Gerichte und die Landtage der Bundesstaaten. Und nicht nur das. Hinter dem Gesetz muß die Gewalt stehen, es zu handhaben. Heutzutage erläßt die Plutokratie das Gesetz, und um das Gesetz durchzuführen, stehen ihr die Polizei, das Heer, die Marine und schließlich die Miliz zur Verfügung, das heißt, Sie und ich und wir alle.« (EF, S. 95)

Als Ernest von der Regierung die »Berufung zum Vorsitzenden der Arbeitskommission der Vereinigten Staaten« (EF, S. 65) angeboten wird, lehnt er diesen Posten als Bestechungsversuch ab. Die Repressalien gegen die Sozialisten nehmen zu. Es ist nicht nur die sozialistische Presse auf Betreiben der Eisernen Ferse aufgelöst worden, auch größere Streiks werden von den paramilitärischen »Schwarzen Horden«, aber auch dem Militär brutal unterbunden. Doch Everhard gibt nicht auf und bereitet weiterhin die nächste Wahl vor, weil er an den Systemwechsel durch den Wählerwillen glaubt. Avis heiratet alsbald den Workaholic, der ihren kargen Lebensunterhalt durch die Tantiemen aus seinen Schriften sichert.

Aufgrund eines Handelsüberschusses, der aber Investitionen im Inland wegen der vielen finanzschwachen Arbeitslosen unmöglich macht, sehen die Industriebosse im Krieg mit Deutschland ein probates Mittel, das Heer der Arbeitslosen zu binden. Doch der Krieg fällt aus, da sich die Sozialisten länderübergreifend solidarisch erklären und den internationalen Generalstreik ausrufen. Während es den Sozialisten in Deutschland sogar gelingt, die Macht zu übernehmen und damit die Wirtschaft ins Gleichgewicht zu bringen, wiegelt die Oligarchie in den Vereinigten Staaten nun die arbeitenden Klassen gegeneinander auf, indem sie die Gewerkschaften der Kernindustriezweige durch höheren Lohn, bessere Arbeitsbedingungen und Zuweisungen von Wohnungen in gehobenen Vierteln bevorzugt, um sie zu entsolidarisieren und erneute Generalstreiks unmöglich zu machen.

Eingefügtes Bild

Nach den Wahlen ziehen die Sozialisten in das Parlament ein, wo sie augenblicklich von den anderen Kräften unter politische Quarantäne gestellt werden. Es dauert nicht lange und ausgerechnet das Parlament, mit dem sich für die Sozialisten die Hoffnung auf einen gewaltfreien gesellschaftlichen Wandel verknüpfte, wird zu dem Ort, an dem der erste Vernichtungsschlag gegen sie erfolgt: Bei einer Rede Ernests geht plötzlich eine Bombe hoch und er und seine Kollegen werden als angebliche Bombenleger zu lebenslangen Freiheitstrafen verurteilt, die Sozialistische Partei wird verboten. Dank Ernest, der mit dieser Entwicklung gerechnet hat, sind die Sozialisten jedoch auf den nun einsetzenden Untergrundkampf vorbereitet und können auf ein schlagkräftiges Agentennetzwerk zurückgreifen, mit dem sie die Organisationen der Eisernen Ferse unterwandert haben. So wird es schließlich auch möglich, dass Avis, Ernest und die anderen sozialistischen Anführer aus den Gefängnissen befreit werden. Für Ernest wird ein Versteck in der Hölle des Löwen, in der Jagdhütte eines Oligarchen gefunden. Dort plant Ernest die Revolution, während sich der Kampf zwischen Sozialisten und Eiserner Ferse immer mehr zuspitzt: So machen mit feindlichen Agenten auch die Sozialisten kurzen Prozess, wobei sie dazu auch das moralische Recht für sich beanspruchen: »Es war ein bitteres, blutiges Werk, aber wir kämpften um das Leben und für die Revolution, und wir mußten den Feind mit seinen eigenen Waffen schlagen. Dennoch waren wir fair. Kein Agent der Eisernen Ferse wurde ohne Gerichtsverhandlung hingerichtet.« (EF, S. 143) Und selbst Verräter aus den eigenen Reihen werden von sozialistischen Todesschwadronen, wenn es sein muss, bis an das Ende der Welt gejagt und exekutiert.

Überraschend gelingt es der Oligarchie den Sozialisten in Chicago eine zweite Falle zu stellen und einen verfrühten Beginn der Aufstände zu einem Zeitpunkt zu provozieren, als die Schlagkraft der Sozialisten noch nicht ausreichend ist. Den Sozialisten wird eine empfindliche Niederlage zugefügt, die auch Avis und Ernest, die bei den Tumulten zugegen sind, nicht verhindern können: Am meisten betroffen von den Kollateralschäden der Kämpfe sind aber nicht die Sozialisten, sondern das Subproletariat. Die Darstellung der nicht-organisierten Slumbewohner als »Bestie[n] des Abgrunds« (EF, S. 176), einen instinkt- und nicht vernunftgeleiteten Mob, der durch die Straße wütet und schließlich massenweise getötet wird, ist aus heutiger Sicht eher zynisch als prophetisch: »Der Mob war nicht mehr als fünfundzwanzig Fuß entfernt, als die Maschinengewehre das Feuer eröffneten, und vor diesem Feuerstrahl des Todes konnte nichts am Leben bleiben. Der Mob war da, konnte jedoch nicht weiter. Er häufte sich zu einem Stapel, einem Hügel, zu einer gewaltigen und wachsenden Woge von Toten und Sterbenden. […] Die Soldaten spießten die sich windenden Elendsgestalten mit dem Bajonett auf; einen sah ich freilich, der wieder auf die Beine kam und einem Soldaten mit den Zähnen an die Kehle fuhr. Zusammen gingen sie zu Boden, Soldat und Sklave, und verschwanden in dem Wirrwarr.« (EF, S. 194 f.) Besonders befremdlich ist es, wenn den Slumbewohnern jedwede Menschlichkeit abgesprochen wird und sie für die Sozialisten nur als Mittel zu einem höheren Zweck eine Daseinsberichtigung haben: »Wir verließen uns bei unserm Plan sogar in hohem Maße auf das unorganisierte Volk des Abgrunds. Es sollte auf die Paläste und Städte der Herrschenden losgelassen werden. Einerlei, ob Leben oder Besitz vernichtet wurde. Mochte die Bestie des Abgrunds brüllen und mochten Polizei und Söldlinge töten. Die Bestie des Abgrunds würde ohnehin brüllen, und die Polizei und die Söldlinge würden ohnehin töten. Es bedeutete nur, daß die verschiedenen Gefahren, die uns drohten, einander beseitigten, ohne uns Schaden zuzufügen. Inzwischen würden wir unser eigenes Werk weitgehend ungehindert vollbringen und die Herrschaft über die gesamte Maschinerie der Gesellschaft erlangen.« (EF, S. 176) Wie sind diese Phantasien zu erklären, in denen die Solidarität der Sozialisten nicht uneingeschränkt gilt und das Subproletariat ausklammert? Nach Carolyn Johnston kommt hier Londons eigene Furcht vor der Masse zum Ausdruck, aber auch seine Überlegungen, wie mit den Nicht-Organisierten und den Schwachen auf dem Weg zu einer sozialistischen Erlösung der Arbeiterklasse zu verfahren sei: »Because London never held a manual labor job long enmough to participate in union activities or strikes, he was cutt off from the militant working class. Therefore, he associated workers with the mass of unemployed hoboes, prisoners, and poor whom he had seen in the London, New York, and San Francisco slums. He feared degeneration as he feared mongrelization because of his illegitimacy. Therefore, the slaughter of ›The Chicago Commune‹ reflected London’s persistent concern about how to deal with the inheritance of inferior characteristics after the revolution; he wiped the state clean.«3 Avis’ Bericht von den Kampfhandlungen bricht ab und bleibt fragmentarisch. Den Anmerkungen ist jedoch zu entnehmen, dass die Niederlage in Chicago eine Durchführung der Revolution unmöglich machte und Ernest anschließend getötet wurde. Selbstverständlich ist ein solcher ungeklärter Tod nicht untypisch für literarische Märtyrerfiguren, die auf diese Weise zusätzlich mystifiziert werden. Zudem wird Everhard von Avis mit Jesus Christus verglichen: »Und dann stand eine andere Gestalt vor mir auf: Christus! Auch er hatte die Partei der Geringen und Unterdrückten ergriffen und gegen die festbegründete Macht der Priester und Pharisäer. Und ich dachte an Sein Ende am Kreuz, und mir zog sich vor Angst das Herz zusammen, als ich an Ernest dachte. War auch er für ein Kreuz bestimmt? – Er, mit dem Trompetensignal und Kriegsruf in der Stimme und der ganzen Kraft des Tüchtigen?«(EF, S. 38) Es ist klar, dass hinter einer solchen Verklärung eine Geschichtskonzeption steht, nach der Geschichte von großen Männern und starken Persönlichkeiten gemacht wird. Obzwar dieser Eindruck an einigen Stellen im Roman eingedämmt wird, ist der Roman ein Loblied auf das Individuum, und nicht von ungefähr kommt Everhards Charakterisierung als »Übermensch, eine blonde Bestie, wie Nietzsche sie geschildert hat«. (EF, S. 7) Wie in Londons übrigen Werk werden Nietzsches Gedanken mit seiner Interpretation des Marxismus vermischt: »Die Verbindung von Nietzsche und Marx förderte in Londons Werk Menschen zutage, die Übermenschen und zugleich Gefühlssozialisten sind. Sie sind sich ihrer Überlegenheit bewußt und wollen für die sozial Deklassierten wirken.«4

 

 

III Eine sozialistische Messiasgeschichte?

 

Londons Roman ist auch noch heute, hundert Jahre später, ein interessantes Beispiel für politische Science Fiction, die in besonderem Maße an der Verhandlung menschlicher Krisen und Konflikte interessiert ist. Auch wenn die Zukunft langfristig in der Brüderschaft der Menschheit utopisch ist, ist die Atmosphäre des Romans düster und beklemmend. Konturen der sozialistischen Utopie zeigen sich im Roman allenfalls ansatzweise in den Anmerkungen bzw. ex negativo als alles das, was die Eiserne Ferse nicht ist. Stellenweise zwingt der Roman dem Leser den Vergleich zur historischen Entwicklung förmlich auf und kann als Vorwegnahme der nationalsozialistischen Machtergreifung und der Zerschlagung der Gewerkschaften durch Hitlers braune Truppen gelesen werden: »His description of the Iron Heel's repressiveness prefigures the Red Scare of 1918-1919, the repressiveness of fascism and totalitarian regimes throughout the world, and the repression of European and American radicals during World War I and World War II.«5 Die Darstellung der Arbeitsbedingungen am Beispiel des Fabrikarbeiters Jackson ist eine der authentischsten Analysen des Buches und zeigt die Entfremdung des Arbeiters vom Arbeitsprodukt.

Dass die Figuren weniger ein Eigenleben haben als Ideenträger sind, die bestimmte politische Richtungen und Gesinnungen verkörpern, aber auch die Gestaltung der Handlung aus der Retrospektive tut der Spannung nicht unbedingt Abbruch. Schwerer verdaulich sind die Parteilichkeit und der Pathos, mit denen das Leben und die Taten Everhards von Avis geschildert werden und den Eindruck einer sozialistischen Messiasgeschichte erwecken. Und doch hinkt der Messiasvergleich, denn Everest Everhard ist nicht für alle da und die Solidarität der Sozialisten ist eingeschränkt: die Slumbewohner zum Beispiel sind nur eine Verschiebemasse oder wie beim Schach die Bauernfiguren, die als allererstes geopfert werden. Daher braucht es schon einen kritischen Leser, der den ideologischen Subtext zu dekonstruieren vermag, aber auch ein Gespür für die Ausblendungen der Ich-Erzählerin entwickelt. Zu großen Teilen wird in ihrem Porträt des »intellektuellen Eisenfressers« (EF, S. 17) Ernest Everhard ein idealisiertes Selbstporträt Jack Londons deutlich, wie Herbert W. Franke in seinem Nachwort in der Ullstein-Ausgabe der Eisernen Ferse hervorhebt: »Sowohl Everhard wie London stammen aus ärmlichen Verhältnissen, beide haben sich als Autodidakten bemerkenswerte politische Kenntnisse angeeignet, darüber hinaus aber auch ein durchaus fundiertes Wissen über Philosophie und Wissenschaft. Beide sind schriftstellerisch tätig, beide setzen sich in Vorträgen und Diskussionen leidenschaftlich für den Marxismus ein, und erst dort, wo es zur Verwirklichung der Theorie und zur großen gesellschaftlichen Umwälzung kommen soll, beginnt der Autor mit einer Extrapolation über das Bestehende hinaus.«6 Tatsächlich ist der Roman eine Warnutopie, die London an erster Stelle an die Arbeiterbewegung adressiert, ihrer möglichen Zerschlagung nicht tatenlos zuzuschauen. Andererseits darf der pessimistische Gestus des Buchs nicht mit Londons eigenen Vorstellung über die Zukunft der sozialistischen Bewegung verwechselt werden, – so hat London noch zu Lebzeiten eine Instrumentalisierung des Buchs als literarische Prophezeiung von sich gewiesen: »I didn’t write the thing as a prophecy at all. I really don't think these things are going to happen in the United States. I believe the increasing socialist vote will prevent—hope for it, anyhow. But I will say that I sent out, in »The Iron Heel«, a warning of what I think might happen if they don’t look to their votes. That’s all.«7

Dennoch erscheint der Stellenwert, den London der sozialistischen Bewegung in seinem Roman zumisst, größtenteils Wunschdenken zu sein. Denn trotz der schlechten wirtschaftlichen Lage blieb in der amerikanischen Bevölkerung um die Jahrhundertwende eine breite Solidarisierungswelle mit den Sozialisten aus, selbst als viele Arbeiterstreiks gewaltsam niedergeschlagen wurden, wie etwa die Haymarket-Demonstration in Chicago, auf die London in seinem Roman indirekt Bezug nimmt: »Als während einer Demonstration für den Achtstundentag 1886 auf dem Haymarket in Chicago eine Bombe sieben Polizisten tötete, wurden sieben als ›Anarchisten‹ polizeibekannte Demonstranten in einem politisch motivierten Indizien-Prozeß – wahrscheinlich unschuldig – zum Tode verurteilt; vier von ihnen wurden trotz heftiger öffentlicher Proteste gegen das unfaire Verfahren gehängt.Obendrein schadete die gewaltsame Haymarket-Demonstration nicht nur den wenigen militanten Anarchisten, sondern der gesamten Gewerkschaftsbewegung und den sozialistischen Gruppierungen, weil sie der Wählermehrheit zu bestätigen schien, daß die Feinde allen Privateigentums den gewaltsamen Umsturz vorbereiteten.«8


Haymarket Riot am 4. Mai 1886, Chicago, Illinois
Haymarket Riot am 4. Mai 1886, Chicago, Illinois (Quelle: Wikipedia. Lizenz: Public Domain)








Das Lesefazit bleibt also ambivalent und doch wünscht man Jack Londons vergriffener Dystopie – den ungefiltert-agitatorischen Untertönen und den ideologischen Leerstellen zum Trotz – eine kommentierte Neuauflage. Ansonsten droht in Londons Nachruhm als Abenteuerautor nicht nur eine wichtige Facette seines Gesamtwerkes, sondern auch seine Kritik an der Ausbeutung des Einzelnen vergessen zu werden, die gerade heute angesichts von wirtschaftlichen Krisen weltweit und des politischen Rechtsrucks in den USA alias »Trumpland« (Michael Moore) beachtenswert ist. (bf)

 

 

Fußnoten

1 Jack London: Die eiserne Ferse. Frankfurt a.M.: Ullstein, 1984. S. 59. Im Folgenden wird für diese Quelle die Sigle EF verwendet.

2 An anderer Stelle heißt es: »Sie hielten sich für Dompteure wilder Tiere, für die Herrscher über unvernünftiges Vieh. […] Sie waren die Retter der Menschheit, und sie hielten sich für heldenhafte und aufopfernde Diener der höchsten Güter.« (EF, S. 171)

3 Carolyn Johnston: Jack London. An American radical? Westport [u.a.]: Greenwood Press 1984, S. 19. S. 123.

4 Thomas Ayck: Jack London. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbeck b. Hamburg: Rowohlt, 1976. S. 109.

Johnston 1984, S. 126 f.

6 Herbert W. Franke: Nachwort. In: Jack London: Die eiserne Ferse. Frankfurt a.M.: Ullstein, 1984. S. 230-240, S. 236.

7 Charmian London: Book of Jack London.In: Delphi Complete Works of Jack London.Delphi 2014 [Elektronische Ressource: Epub].

8 Willi Paul Adams: Die USA im 20. Jahrhundert. München: Oldenbourg, 2000. S. 109.

 

 

[Artikel zuerst erschienen in: Science Fiction Jahr 2009 im Heyne Verlag, S. 469-487.]






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(Jennifer Brown: So überlebte ich das Schuljahr trotz Aliens, Robotern und der grausamen Missy. München 2017, S. 7)

 

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