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#21 »Die Verteidigung des Paradieses« von Thomas von Steinaecker (Besprechung)

Geschrieben von Sierra , in Dystopie, Science Fiction 16 December 2016 · 928 Aufrufe

science fiction Rezension Von Steinaecker Flüchtlinge Flucht Besprechung Dystopie
Wenn man bedenkt, dass es noch nicht allzulange her ist, als Millionen Deutsche im Verlauf des Zweiten Weltkriegs ihr Zuhause verloren haben, ist es erklärungsbedürftig, dass diese historischen Erfahrungshorizonte in der aktuellen Diskussion über Flüchtlinge beinahe keine Rolle spielen. Thomas von Steinaecker gehört zu den Schriftstellern, die sich mit der in Deutschland grassierenden Fremdenangst auseinandersetzen wollen. In seinem Roman »Die Verteidigung des Paradieses« blickt er dabei jedoch nicht in die Vergangenheit zurück, sondern entwirft eine literarische Dystopie, die in der Zukunft spielt. Seine Genrewahl ist folgerichtig, denn zumindest in anspruchsvolleren Werken übt sich die Dystopie nicht wie der Hollywood-Film im Thrill der Katastrophenästhetik, sondern zeigt ein Interesse an den Folgen der Katastrophe für den Menschen.
Die Binsenwahrheit, dass die Apokalypse jeden treffen kann, verdeutlicht von Steinaecker bereits durch sein Setting, indem er seine Geschichte auf einer bayrischen Alm in der Nähe von Berchtesgaden situiert. Einen Zugang zu dieser Welt erhält der Leser durch die im jugendtypischen Denglisch verfassten Tagebücher von Heinz, dem fünfzehnjährigen Ich-Erzähler, der als Waisenkind in einer Wohngemeinschaft auf einem Bauernhof lebt. Heinz hat ein gutes Verhältnis zu der gutmütigen Anne, der »Gemeinschaftsoma«, und Özlem, die wie Chang, ihr Partner, früher in der Medienbranche tätig war. Während er sich vor Jorden, einem ehemaligen Soldaten fürchtet, hält er große Stücke auf Cornelius, der vormals Politiker war: »Regelmäßig hat Cornelius mir eingeschärft, es seien nicht zuletzt vermeintlich läppische Wörter wie bitte und danke, die einen selbst nach dem Weltuntergang noch Mensch bleiben ließen.« Mühsam hält sich die Gruppe dank Viehzucht über Wasser. Glück im Unglück haben sie, weil der Bauernhof in einer Urlaubsregion liegt, in der dank eines noch intakten Schutzschildes Strahlung und Umweltgifte absorbiert werden. Im Verlauf der Handlung erfährt der Leser, dass in Europa eine Natur- und Klimakatastrophe stattgefunden hat, die mittelbar durch Sonnenstürme ausgelöst wurde. Im Nachgang der Katastrophe wurden zudem einige Gebiete – auch in Deutschland – atomar verseucht. Als Xiwang, Changs und Özlems Tochter, auf die Welt kommt, entschließt sich die Gemeinschaft, dem Gerücht auf den Grund zu gehen, dass in Frankreich ein großes Auffanglager für die Überlebenden existiere. Nach kurzer Zeit stellt sich der Fussmarsch über verlassene Autobahnen und Schienennetze zu dem angeblichen Paradies jedoch als gerader Weg in die »Hölle« heraus: Die Umwelt ist lebensfeindlich, materielle Ressourcen sind nirgendwo mehr vorhanden, sodass alle Hunger und Durst erleiden. Verschärft wird die persönliche Situation von Heinz durch seine pubertären Bedürfnisse. Die Herstellung von Harmonie zwischen seiner Persönlichkeit und seinem sozialen Umfeld ist unmöglich, wenn er etwa mitansehen muss, wie Jorden nicht einmal vor der Tötung von Kindern zurückschreckt, um ihrer Gruppe einen Überlebensvorteil zu verschaffen. Die Notgemeinschaft kann kein Familienersatz für Heinz sein: So wird Özlem kaltblütig von Cornelius und Jorden an eine Schlepperbande ausgeliefert, damit für die Übriggebliebenen eine Weiterfahrt auf einem Flüchtlingsschiff möglich wird. In Frankreich angekommen, ist auch dort Solidarität mit den Flüchtlingen Fehlanzeige. Von Steinaecker mutet dem Leser also einiges zu, wobei nicht nur einzelne grausame Details der Reise gemeint sind. Nicht minder verstörend ist die Lethargie von Heinz angesichts des Weltenbruchs. Und doch kann für ihn als einem jungen Menschen der Freitod keine Alternative sein. Das Schreiben wird stattdessen zum Sinnstifter für Heinz, weil er sich nur in seinen Heften ansatzweise von der Unmenschlichkeit seiner Umgebung zu distanzieren vermag.

Ob die ›Boot-ist-voll‹-Mentalität des Stammtischs oder das verlogene Zweck-Nutzen-Denken der Eliten, die zwischen nützlichen und schädlichen Migranten unterscheiden wollen, – anspielungsreich und literarisch anspruchsvoll spiegelt sich die jüngste Migrationspolitik in Thomas von Steinaeckers dystopischem Tableau wider. Obwohl die Tragik der Figur und seiner Lebensumstände eine Identifikation mit Heinz selten zulassen, kann man das Buch dennoch kaum aus der Hand legen. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt freilich: Einige aus der Science Fiction bekannte Themen wie etwa das Verhältnis zwischen künstlicher Intelligenz und Religion werden im Roman manchmal nur unbefriedigend ausgeführt und wirken an die Handlung herangetragen – um dem Werk noch mehr Komplexität zu verleihen? Hier wäre eine straffere Komposition der Geschichte sicherlich nicht von Nachteil gewesen. (bf)


Gesamteindruck: ++++ (4/5)

Bibliografische Angaben: Thomas von Steinaecker: Die Verteidigung des Paradieses, Frankfurt a.M.: Fischer, 2016. 416 S. ISBN: 978-3100014603. EUR 24,99 (gebundene Ausgabe).
[Rezension zuerst erschienen in: Das Science Fiction Jahr 2016 im Golkonda Verlag]


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