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#23 Fieberträume und Fabelwesen – Phantastik aus der Edition TES (Besprechungen)

Geschrieben von Sierra , in Phantastik, Fantasy, Rezension 23 December 2016 · 798 Aufrufe

Phantastik Maya Phönix Rezension Hartmann Scharnewski Fantasy
Beurteilung

Nach meiner Rezension der SF-Erzählung»Auf dem Titan« von Stanley G. Weinbaum möchte ich nun zwei weitere Heftromane aus dem TES-Verlag besprechen, die der literarischen Phantastik zuzuordnen sind. Autor der Erzählung »Cutis Anserina« ist Ingo Scharnewski (Jahrgang 1942), der auf eine vielfältige Berufsbiographie – vom Jobcoach über Bühnenbildner bis zum Kaufmann – zurückblicken kann. Spät berufen zum literarischen Schreiben – seine erste Erzählung »Die Frau in der Bücherei« erschien erst im Jahr 2010 – , hat er sich seit längerem im Magazin »Arcana« literaturkritisch zu Wort gemeldet.
Scharnewskis Erzählung spielt im nördlichen Teil Guatemalas, im Departmenent Petén, in den 1950er-Jahren. Im dortigen Regenwald sollen sich bislang unentdeckte Maya-Bauten befinden. Den Erzählrahmen bildet ein Soiree bei dem Mediziner und Ethnologen Dr. Antonio Sanchez, der mehrere amerikanische, Maya-interessierte Wissenschaftler in seine Hacienda im mexikanischen Cenote Azul eingeladen hat. Zu dem Essen kommt auch Steve Holden als besonderer Gast dazu, um von seinen Erlebnissen in den Wäldern im Norden Guatemalas zu erzählen. Vorgestellt wird Holden von seinem Freund Brian, der ihn auf der Expedition begleitet hat. Steves Bericht nimmt als Binnenerzählung den größten Teil des Romans ein. Zunächst werden von Steve die Hintergründe der illegalen Unternehmung beleuchtet, die von dem esoterischen wie exzentrischen Professor Clement organisiert wurde, um »nach versunkenen oder vom Dschungel verschluckten Bauwerken zu suchen« (S. 7) . Zunächst geht der Plan des Professors auf: Kaum überschreitet die Reisegruppe die Grenze, teilt sie sich. Brian und Steve und ein paar andere Mitglieder der Reisegesellschaft begeben sich in ein Strohhüttendorf der Kekchi-Indianer, um sich dort vorgeblich der Insektenforschung zu widmen, in Wahrheit aber die »Kontroll-Patrouillen der Amerikaner oder der Guatemalteken von der wahren Mission des Professors« abzulenken (S. 13). Nachdem jedoch Steve nach einem Schlangenbiss lebensbedrohlich erkrankt, gerät er in die Einflusssphäre des zwielichtig anmutenden Gonzales Mendoza, des Medizinmanns im Dorf und Sohns eines mexikanischen Indianerforschers: »Sechzehn Tage und Nächte lag ich im Delirium, hatte Fieberträume, Wahnvorstellungen und Halluzinationen, die vermutlich durch die mir verabreichte Drogen verursacht wurden. Mitunter schien ich bewegunsunfähig zu sein, dann drehten mich rauhe Hände auf die Seite, wieder zurück und auf die andere Seite. […] Durch viele Schichten vernebelten Bewußtseins nahm ich hypnotisch-monotonen Gesang wahr. Unverdünntes Gegengift, unsagbar bitter, strich Gonzales auf kleine Fruchtstücke, die er mir auf die Zunge legte.« (S. 23) Der mysteriöse Heilungsprozess ist von Erfolg gekrönt und Steve rekonvalesziert. Die echte Grenzerfahrung soll er jedoch noch vor sich haben. Nachdem Brian zwischenzeitlich abgereist ist, will Steve nun ebenfalls zurück in die Heimat, d.h. zunächst zur Grenze nach Britisch Honduras. Gonzales erfüllt Steve diesen Wunsch und nimmt ihn mit auf eine reale wie spirituelle Reise, die Steve radikal verwandeln soll.

Scharnewkis Story ist ein spannendes Dschungel-Abenteuer zwischen Wahn und Wirklichkeit, Missgunst und Neid. Bereits die lateinische Titelbezeichnung »Cutis Anserina« (dt. Gänsehaut) weist auf die Wirkungsabsicht des Gruseln hin, und tatsächlich steht die Geschichte in Tradition der Schwarzen Romantik, indem sie die irrationalen Abgründe menschlichen Daseins im Verhältnis zwischen Gonzales und Steve thematisiert. Die Erzählweise gefällt dabei durch die Liebe zum Detail, besonders in der Beschreibung des Regenwaldes, und an manchen Stellen eine feine Ironie, wenn der Erzähler – vor dem Hintergrund möglicher Erwartungshaltungen des Lesers an die Geschichte – den Aberglauben des westlichen Menschens auf Korn nimmt (S. 21). Daher vergeht die Lektüre wie im Flug und man bedauert an ihrem Ende möglicherweise wie der Rezensent, dass die Erzählung nicht zu einem Roman verlängert wurde. (bf)

Gesamteindruck: ++++ 4 / 5

Bibliografische Angaben und Bezugsquelle:
Ingo Scharnewski: Cutis Anserina. Erfurt: Edition TES, 2014. 4. Jg., Heft 28. 39
S. EUR 2,50 (Heftroman). Bezugsquelle: TES-Verlag.

Eingefügtes Bild

(Abbildung des Covers mit freundlicher Genehmigung der Edition TES)


Beurteilung
Nicht minder exotisch mutet Petra Hartmanns Fantasy-Novelle »Vom Feuervogel« an, in der die niedersächsische Autorin und Literaturwissenschaftlerin (Jahrgang 1970) den aus altägyptischer Zeit stammenden Mythos um den Phoenix verarbeitet, ein Fabelwesen, das bekanntlich an seinem Lebensende verbrennt, um aus der Asche wiederaufzuerstehen.
Hartmanns Novelle nimmt ihren Ausgangspunkt mit der Reise des Ich-Erzählers in einem Nachtzug von Rom nach Kopenhagen. Obwohl der Erzähler eigentlich mit einer schlaflosen Nacht in einem menschenleeren Abteil gerechnet hat, setzt sich nach einem Halt doch noch ein alter, weißbärtiger Mann in den Sitz gegenüber. Verrückt genug, dass ihn diese Person als »Salamander« anspricht und sich selbst als »Adler« ausgibt, verwundert sein Verhalten vollends, als ihn der Sonnenaufgang am nächsten Tag aus dem Gleichgewicht bringt und zu Tränen rührt. Auf Nachfrage erklärt er er, dass er Adler genannt werde, weil dieser einem Mythos gemäß »direkt in die Sonne hineinsehen kann« (S. 7) und dass er todtraurig darüber sei, dass der Feuervogel aus der Welt verschwand. In einer Binnenerzählung erfährt der Leser, dass der Adler aus einem südlichen Land kommt, wo er sein Dasein als Ziegennomade gefristet hat. Als er eines Tages einen Feuervogel in der hellen Mittagssonne erblickt, erblindet er fast und denkt doch, dass er von dem Vogel ausgewählt wurde: »Mir hatte jeder dunkle Ruf des Feuervogels gegolten, und es war an mir, ihm zu folgen, wohin auch immer unter der Sonne er geflogen war…« (S. 9) Der Adler hört von einem Phoenix-Tempel, der sich weit weg befinden soll. Um dorthin zu gelangen, unternimmt er eine beschwerliche Reise durch die Wüste, auf der ihm ein Freund – anscheinend ein Bruder im Geiste – begegnet: »Sehen Sie, dem Adler, habe ich Ihnen gesagt, ist die Gabe verliehen, direkt in die Sonne hinein zu blicken. Aber einen Salamander nennt man ein Wesen, das im Feuer leben kann, ohne jemals verbrannt zu werden.« (S. 19 f.)
Dem Tod in der Wüste entronnen und im Tempel angekommen – diesen Erfolg führt der Adler auf ihre große Entschlossenheit zurück –, werden sie dort als »Diener des Feuervogels« in die Mönchsgemeinschaft aufgenommen und auf eine schmerzliche Bewährungsprobe gestellt: »Und eines Tages dann wir er aus der Abendsonne kommen, der letzte Feuervogel aus dem letzten schwachen Schein des Tages. Überlegt es euch gut, wie ihr das ertragen werdet. Denn auch dies bedeutet der Dienst im Tempel des Feuervogels: zusehen zu müssen beim Tode des Phönix« (S. 25).

Diese kurze inhaltliche Skizze zeigt, dass Hartmann durchwegs eine erfrischende Neuinterpretation des Phönix-Mythos gelingt, indem sie eigene literarische und sogar philosophische Akzente setzt. Die hymnisch anmutende Sprache der Erzählung korrespondiert im Kern gut mit dem Phönix-Plot, wennauch stellenweise eine Spur weniger Pathos in der Erzählweise nicht von Nachteil gewesen wäre. Besonders für Freunde von Fantasy-Stories, die klassische Mythen aufgreifen, kann der »Feuervogel« wärmstens empfohlen werden. (bf)

Gesamteindruck: +++ 3,5 / 5


Bibliografische Angaben und Bezugsquelle:
Ingo Scharnewski: Cutis Anserina. Vom Feuervogel. Erfurt: Edition TES, 2014. 4. Jg., Heft 28. 39 S. EUR 2,50 (Heftroman). Bezugsquelle:
TES-Verlag

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(Abbildung des Covers mit freundlicher Genehmigung der Edition TES)




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(Jennifer Brown: So überlebte ich das Schuljahr trotz Aliens, Robotern und der grausamen Missy. München 2017, S. 7)

 

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