Zum Inhalt wechseln






Foto

#24 »Die Sprache des Wassers« von Sarah Crossan (Besprechung)

Geschrieben von Sierra , in Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 23 December 2016 · 919 Aufrufe

Kinderliteratur Jugendliteratur Rezension Migration Adoleszenz Adoleszenzroman Mobbing Lyrik Erste Liebe
Migration und Mobbing, Trennung der Eltern und erste Liebe - wer in Sarah Crossans Jugendroman »Die Sprache des Wassers« eintaucht, dem offenbart sich gleich ein ganzes Spektrum unterschiedlicher Themen und Probleme, Konflikte und Träume, die Menschen auf dem Weg zum Erwachsenwerden belasten, herausfordern, bewegen oder auch stärken können. Crossan transportiert dies auf nur 228 Seiten in einer minimalistischen wie poetischen Sprache. Nicht umsonst wurde Die Sprache des Wassers im Jahre 2014 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Eingefügtes Bild


Inhalt
Im ersten Teil des Romans erfährt der Leser, wie die zwölf-, fast 13-jährige Ich-Erzählerin Kasienka von ihrer Heimat Danzig in das englische Coventry aufbricht, wo ihre Mutter Kasienkas Vater suchen will, der die Familie verlassen hat. Kasienka steht diesem Vorhaben kritisch gegenüber, schweigt aber, weil sie spürt, wie wichtig es ihrer Mutter ist. »Ja. Ich nicke, obwohl ich Tata [poln. Papa] gar nicht suchen will -/ denn Tata will nicht gefunden werden« (S. 54). In Coventry beziehen Mutter und Tochter eine ärmliche Einzimmerwohnung, in der sie sich ein Bett teilen müssen. In der lärmenden und feindlichen Nachbarschaft erscheint allein Kanoro als Lichtblick. Der aus Kenia immigrierte Kinderarzt jobbt wie Kasienkas Mutter in einem Krankenhaus. Obwohl Kasienka fast dreizehn ist, wird sie aufgrund ihrer sprachlichen Schwierigkeiten in die fünfte Klasse eingeschult, was sie als Erniedrigung empfindet, weil sie sich mit dieser Altersgruppe nicht mehr identifizieren kann und will: »Ich bin zwölf./ Fast dreizehn./ Meine Brüste sprießen und/ ich habe schon/ meine Tage./ Aber ich gehe in eine Klasse/ mit lauter Elfjährigen« (16). Im Unterricht langweilt sich Kasienka und in der Mittagspause »verkriecht sie sich« (S. 20), um der Ablehnung und Ausgrenzung durch ihre Mitschüler zu entgehen. »Mit mir will keiner spielen./ Denn ich bin zu weiß./ Keiner kann zu weiß leiden,/ Osteuropaweiß,/ Polnisch Winterweiß,/ Vampirweiß.« (S. 20). Während eines Schwimmbadbesuches lernt Kasienka William kennen, der die siebte Klasse ihrer Schule besucht. Er lobt sie als »tolle Schwimmerin« (S. 52) und ermutigt das Mädchen, der Schulmannschaft beizutreten. Doch die Mutter braucht Kasienka für die Suche nach dem Vater, die sie immer verbissener verfolgt. Daher spürt sie nicht, dass Schwimmen für ihre Tochter weitaus mehr ist als ein bloßer Zeitvertreib. »Das Wasser ist (…) / ein Land mit einer eigenen Sprache,/ und die spreche ich fließend« (S. 213). Aufgrund ihrer guten Leistungen wechselt Kasienka bald in die sechste Klasse. Dort wird sie jedoch von einer Gruppe Mädchen, die von ihrer Mitschülerin Clair angeführt wird, gemobbt. »Ich finde einen Zettel in meinem Spind./ FYI: Du riechst nach Gammelfleisch./ Ich renne zur Toilette, um an mir zu schnuppern, und während ich dort bin, kommen Clair und Marie/ mit ihrer schnatternden Schar./ 'Riechst du das?', will Clair wissen/ und Marie hält sich die Nase zu./ Und die anderen Mädchen auch« (S. 87 f.). Das Mobbing erreicht einen Höhepunkt, als Clair Kasienka, die sich ihr kurzes Haar aufgrund der Beleidigungen wachsen lässt, unbemerkt einzelne Haarsträhnen abschneidet (S. 127 f.). Dieses Ereignis bestärkt das Mädchen darin, aus der Rolle der »braven Kasienka« auszubrechen. Während sie von ihrer Mutter keine Unterstützung erwarten kann, weil diese gerade das »Bravsein« von ihrer Tochter erwartet und von den eigenen Problemen völlig absorbiert ist, findet sie in Kanoro einen empathischen Zuhörer und Vertrauten. Schließlich bahnt sich auch zwischen William und ihr ein zarter Kontakt an.

Im zweiten Teil des Buches erhält Kasienka von Kanoro die Adresse ihres Vaters. Sie macht sich allein - ohne ihre Mutter zu informieren - auf den Weg zu ihm und erfährt, dass ihr Vater inzwischen eine neue Familie gegründet hat. Der Vater und das beschauliche Leben, das er führt, sind ihr fremd. Die erste Begegnung hinterlässt vor allem ein Gefühl großer Wut und Enttäuschung bei dem Mädchen. »Ich bin so wütend, dass mein Magen zu einem Stein geworden ist,/ den ich am liebsten nach Tata werfen würde« (S. 152). Trotzdem besucht Kasienka ihn weiterhin. Als sie ihrer Mutter schließlich doch die Wahrheit erzählt, fühlt diese sich schmerzhaft hintergangen und bricht den Kontakt zu ihrer Tochter ab. »Sie schaut mich nicht an/ abends im Bett, und wenn wir uns aus Versehen berühren,/ schüttelt sie mich ab/ wie ein Insekt,/ als sei ich giftig« (S. 168). Gleichzeitig reift die Verbindung mit William zu einer partnerschaftlichen Beziehung, in der sich Kasienka angenommen und wertgeschätzt fühlt. »William berichtigt mein Englisch./ Behutsam./ (…)/ Und zum ersten Mal/ in meinem Leben/ darf ich etwas falsch machen/ und es ist okay./ Besser noch -/ es ist süß« (S. 140).

Im dritten Teil des Buches verliert Kasienkas Mutter mehr und mehr den Halt. »Ich kann Mama nicht wieder ganz machen./ Tata hat/ Bruchstücke/ von/ ihr/ gestohlen/ und nun ist sie/ scharfkantig - angeknackst […] Manchmal trinkt sie/ eine halbe Flasche [Wein],/ und vielleicht sogar/ noch mehr,/ und dann schläft sie ein,/ ohne mir/ Gute Nacht/ zu sagen« (S. 198 f.). Als sich Kasienka für einen landesweiten Schwimmwettbewerb in London qualifiziert, verwehrt ihr die Mutter die Einverständniserklärung. Kasienka, die nach und nach erkennt, dass eine Wettbewerbsteilnahme die große Chance ist, sich aus der Mobbingopferrolle freizuschwimmen, setzt sich mit Williams Unterstützung gegen das Verbot der Mutter hinweg. »Zuhause in ihrer Sprache« gewinnt sie tatsächlich. Es kommt zur Annäherung zwischen ihr und ihrem Vater, der ohne Kasienkas Wissen, dem Wettbewerb zugeschaut hat. Vor diesem Hintergrund findet das Mädchen auch gegenüber Clair deutliche Worte, als diese ihr erneut zusetzen will. »Ich trete an Clair heran und zische/ in einer Sprache, die sie wie ich denke,/ verstehen wird:/ 'Warum verpisst du dich nicht einfach'« (S. 215). Damit beendet sie zumindest die ständige Schikane, auch wenn sie von der Mädchengruppe weiter ignoriert wird. Jedoch ist dies für Kasienka weniger dramatisch als zu Beginn der Geschichte: Zum einen hat sich die Beziehung zu William weiter vertieft. »(…)/ und dass wir uns unsere Gefühle anvertrauen,/ bedeutet mir mehr, als ein Kuss je könnte« (185). Zum anderen hat Kasienka in Dalilah eine Freundin gefunden. Sie kommt neu in die Klasse und ist als Schleier tragendes Mädchen ebenfalls mit Vorurteilen konfrontiert. Durch die ähnlichen Erfahrungen verstehen sie einander in besonderer Weise. Auch die häusliche Situation verbessert sich ein wenig. Durch Kanoros heilsamen Einfluss zeigt sich die Mutter der Tochter gegenüber versöhnlich und beginnt sich dem Leben wieder zu öffnen. »Mama ist wieder lebendig,/ ein kleines bisschen jedenfalls./ Sie singt nicht,/ aber hin und wieder/ summt sie, / unbewusst« (S. 221).

Im Epilog bringt Crossan auf den Punkt, wie ihre Protagonistin durch ihre Erfahrungen und Erlebnisse, die positiven wie die leidvollen, ein Stück weit erwachsen geworden ist: »Beim Training,/ auf dem Startblock/ habe ich keine Angst:/ Ich stehe für mich allein,/ und das/ hat sich noch nie so gut angefühlt« (S. 228).


Beurteilung
Meines Erachtens darf der Adoleszenzroman von Sarah Crossan in einer aktuellen Schülerbücherei nicht fehlen. Aber auch für den Einsatz als Klassenlektüre überzeugen – abgesehen von der überschaubaren Länge – sowohl Inhalt als auch Sprache des Buches. Hierzu im Einzelnen:

Die Sprache: Herausragend an Crossans Werk ist vor allem die Ästhetik ihrer Sprache, die in besonderer Weise dazu beiträgt, dass sich der Leser von Kasienka und ihrer Geschichte berührt fühlt und in sie hineingezogen wird. Die Metaphern, mit denen die Autorin arbeitet, das Motiv des Wassers, das sich wie ein roter Faden durch die Handlung zieht, der Einsatz von Wiederholungen, Aufzählungen, Absätzen, typographischen Hervorhebungen, Lautmalerei und die Wahl der Kapitelüberschriften bieten vielfältige Impulse, um über literarische Stilmittel zu sprechen, lassen viel Raum für persönliche Deutungen und Interpretationen oder geben einfach Gelegenheit, die Macht literarischer Sprache gemeinsam zu erleben und zu genießen. Es ist vor allem die freie Versform, mit der Crossan den Inhalt ihrer Geschichte wirkkräftig vermittelt. Zum einen gibt sie auf diese Weise einen Eindruck vom Denken und Sprechen in einer fremden Sprache. Die Worte und oft unvollständigen Sätze kommen stockend hervor, sind unterbrochen, nicht im Fluss. Smalltalk ist nicht möglich. Dafür ist jedes artikulierte Wort sorgfältig ausgewählt und hat Gewicht. Kein Wort erscheint zu viel. Als Kasienka ihr Gefühl von Isolation und Einsamkeit zum Ausdruck bringt, heißt es: »Als Mama sagte:/ 'Wir gehen nach England',/ dachte ich nicht, ich würde/ mutterseelenallein/ sein« (S. 49). Das Wort »mutterseelenallein« steht - alleine in einer Zeile und nach oben und unten hin deutlich abgesetzt - tatsächlich wie verloren dar. Die Beschreibung des Regens an anderer Stelle lässt den Leser an fallende Wassertropfen denken und mit Kasienka die Monotonie und Trostlosigkeit des englischen Wetters spüren. »Es regnet unerbittlich./ Regen./ Regen./ Regen./ Den./ Ganzen./ Tag« (S. 33). Dies sind nur zwei Beispiele die Schüler auch motivieren können, selbst mit Sprache zu experimentieren oder sich in kreativem Schreiben zu versuchen. Crossan nimmt Bezug auf aktuelle Jugendsprache. Dies zeigt sich nicht nur in der Wortwahl, sondern auch in der Art der Formulierungen, die jugendlichen Trotz geradezu hörbar machen. Als die Mutter zwischen Kasienkas Wunsch, sich zu schminken, und sexueller Freizügigkeit einen Zusammenhang herstellt, ist die Reaktion der Tochter: »Jetzt erklär mir mal jemand -/ wie kann man von Wimperntusche/ schwanger werden?« (S. 134). Schließlich führt Crossan dem Leser Kasienkas mehrsprachige Wirklichkeit vor Augen, indem sie für Familienmitglieder und klassische Gerichte die entsprechenden polnischen Begriffe benutzt.

Die Protagonistin: Die Protagonistin Kasienka ist vielschichtig und authentisch dargestellt und liefert jugendlichen Lesern ab ca. 14 Jahren eine breite Identifikationsfläche. Da Crossan ihre Heldin ohne Geschlechterklischees präsentiert, eröffnet sie auch Jungen die Möglichkeit, sich in Kasienka hineinzuversetzen. Überzeugend ist in diesem Zusammenhang auch die Ich-Perspektive, in der Crossan erzählt und die den Leser zur Anteilnahme zwingt. Kasienka ist eine Heldin mit Schwächen und Fehlern. Wie es typisch für die Pubertät ist, betrachtet sie ihr Äußeres sehr kritisch, verbunden mit Scham, Unsicherheit und Versuchen, sich der Peergroup anzupassen. »In der Umkleidekabine/ mustere ich mich im Spiegel./ Ich will sichergehen,/ dass ich ganz normal aussehe./ Tu ich nicht:/ (…)/ Ich bestehe nur aus Geraden, / ohne Rundungen./ […]/ Ich schleiche mich zum Schwimmbecken,/ verstecke mich hinter meinem Handtuch« (S.94). Um Anerkennung und Zugehörigkeit zu erreichen, lässt sie sich die Haare wachsen, versucht sie zu glätten und beginnt, sich zu rasieren. Aus derselben Motivation heraus lacht sie verlegen über ein „Happy slapping“-Video von Clair, bevor sie selbst zum Mobbingopfer wird (S. 71). Auch erkennt sie selbstkritisch: „Wenn wir noch in Danzig wären,/ würde ich mich auch nicht/ mit der Neuen anfreunden./ Wenn ich noch Magdalena hätte,/ (…)/ würde ich die Neue auch ignorieren“ (S. 82). Attraktiv macht Kasienka auch, dass sie die familiäre Situation und das Mobbing zwar äußerst belasten und verzweifeln lassen, aber ihre trotzigen, widerständigen, zum Teil sarkastischen Gedanken schon zu Beginn das Bild eines willensstarken, sehr reflektierten Mädchens entstehen lassen, das weder Engel noch Opfer sein will. „Zudem habe ich keine Gummistiefel./ Daher trage ich in der Schule meine Winterstiefel,/ um meine Füße trocken zu halten./ Die anderen Kinder gaffen mich an./ Mir egal. Hauptsache, ich habe trockene Füße“ (S. 33). Dadurch ist Kasienka auch Vorbild. Trotz der Angriffe ihrer Mitschüler und der Abkehr der Mutter von ihr zieht sie sich nicht zurück. Sie sucht den Kontakt zu den ihr wohlgesonnenen Menschen in ihrer Umgebung Kanoro, William, Dalilah, gibt nicht auf und beißt sich durch. Dies zeigt sie vor allem in ihrem Element - im Wasser. „Als ich die Pfeife höre,/ hechte ich so wild entschlossen ins Wasser,/ wie ich es selbst nicht erwartet habe,/ und das Verlangen nach dem ersten Platz/ treibt mich/ durchs Wasser“ (S. 188). Entschlossenheit, Beharrlichkeit und Mut führen sie schließlich zum Ziel. Am Ende des Romans trainiert Kasienka „Schmetterling“. Sie hat sich aus einem Kokon von Unsicherheit, Selbstzweifel und widerwilliger Anpassung befreit und erstrahlt in neuer Ichstärke. Jetzt steht Kasienka zu sich selbst. Crossans Protagonistin bietet viele Ansatzpunkte, um über Ich-Identität, Gruppen- und Erwartungsdruck, Außenseiter- und Fremdheitserfahrungen, den Wert von Freundschaft und eigener Talente sowie Resilienz zu sprechen.

Trennung der Eltern: Viele Schüler wachsen wie Kasienka in zerrütteten Familien auf, sind den Streitereien ihrer Eltern ausgesetzt, fühlen sich verlassen oder zwischen Vater und Mutter hin- und hergerissen. Wie Kasienka sind sie durch die Trennung in der Situation, von ihren belasteten, mit sich selbst beschäftigten Eltern weniger Unterstützung und Hilfe erwarten zu können, sind stärker auf sich selbst gestellt und zu eigenen Lösungen gezwungen. Nicht selten geraten sie wie Kasienka in die Rolle, dem verlassenen Elternteil Partner sein zu müssen und erleben dies als Überforderung. Crossan findet hierfür eindringliche Worte: »Mama, weint immer noch./ Babcia [poln. Oma] ist nicht hier, um sie zu halten./ Und meine Arme sind zu kurz dafür« (S. 32).
Migration: Das Thema Migrationist aktueller denn je und sicherlich in fast jeder Schulklasse konkret spürbar. Crossan stellt das Thema breit auf und spricht dadurch auch Leser an, die (noch) nicht persönlich von Einwanderung betroffen sind. Die Autorin trägt zum einen ›klassische‹ Probleme an den Leser heran wie Vorurteile dem Herkunftsland gegenüber, Heimweh und sprachliche Hürden. »Ich weiß, dass ich nicht zu Hause bin,/ wenn mir die Vorstellung, etwas zu sagen,/ den Magen zuschnürt/ und ich das, was ich sagen muss, probe/ wie den Text eines Theaterstücks« (S. 10). Viele von Kasienkas Fremdheits- und Außenseitererfahrungen sind jedoch allgemeinerer Art und stehen in einem eher indirekten Bezug zu ihrem Migrationshintergrund. Sie betreffen ihr Aussehen, ihre prekäre soziale Situation und damit verbunden ihre Kleidung, ihre Wohnverhältnisse sowie das (pubertäre Lebens-)Gefühl, nicht verstanden zu werden. Schließlich problematisiert Crossan das Thema Migration nicht nur auf der persönlichen Ebene, sondern spricht auch seine gesellschaftliche Dimension an: In einer Radiomeldung wird von einem fremdenfeindlich motivierten Anschlag berichtet (S. 73). In einer Versammlung zum Gedenken des 7. Juli kommt das Problem der Islamophobie zur Sprache (S. 180). Crossan lässt Kasienka selbst eine ghettoisierende Wohnungspolitik (S. 26) und die unterschiedliche Behandlung von Einwanderern kritisieren: »Aber ich dachte, ich wäre vielleicht exotisch./ (…)/ Wie ein englisches Mädchen in Danzig./ Aber ich bin kein englisches Mädchen in Danzig./ Ich bin eine Polin in Coventry./ Und das ist nicht dasselbe,/ überhaupt nicht« (S. 49).

Mobbing: Ebenso wie das Thema Migration ist auch das des Mobbings in der Schule äußerst präsent. Realistisch erscheint Crossans Spannungsbogen, den sie von demonstrativer Ignoranz über hinterhältige und offene Diffamierungen bis zu einem physischen Angriff spannt. Ebenso sind Kasienkas Reaktionen darauf authentisch und nachvollziehbar. Sie fühlt sich verunsichert, isoliert, stellt sich selbst in Frage. Überzeugend dargestellt ist auch das Dilemma von Mobbingopfern, in den Augen ihrer Täter nichts richtig machen zu können, egal wie sehr sie versuchen, ihren vermeintlichen Erwartungen zu entsprechen. »Heute habe ich erfahren, dass ich die falsche Tasche habe./ […]/ Ich habe mir die/ anstößige Tasche genau angesehen./ Es ist eine ganz normale Schultasche/ (…)/ Ich schaue sie an. Ich wünschte, ich wüsste,/ was daran falsch ist« (S. 81).

Kritik an Lehrern / an dem System Schule: Besonders interessant erscheint Crossans Roman als Unterrichtslektüre auch deshalb, weil die Autorin durch ihre Protagonistin den Umgang der Lehrer bzw. des Systems Schule mit Migration und Mobbing heftig kritisiert. Kasienkas Klassenlehrerin macht sich gar nicht erst die Mühe, ihren Namen korrekt auszusprechen. Ohne das Mädchen zu fragen, macht sie aus ihr »Cassie« (15). Aus ihrer Freundin Dalilah wird einfach »Lily« (S. 178). Dieses Fehlen von interkulturellem Feingefühl zeigt sich auch bei Gruppenarbeiten und anderen Situationen, in denen die Lehrer den Schülern die Gruppenwahl überlassen und damit unbeliebte Schüler einer öffentlichen Demütigung aussetzen (S. 50 f.). Crossan problematisiert zudem die Entscheidung der Schule, Kasienka allein aufgrund ihrer sprachlichen Schwierigkeiten einer Jahrgangsstufe zuzuordnen, die ihre tatsächlichen kognitiven Fähigkeiten und ihre sozial-emotionale Entwicklung völlig außer Acht lässt (S. 16 f.). Empört ist Kasienka auch über die Zuschreibung von »besonderen Bedürfnissen«, durch die sie sich ausgegrenzt und erniedrigt fühlt. »Niemand will in der Schule besonders sein./ Ich will einfach nur sein wie alle anderen auch./ Niemand will besondere Bedürfnisse haben« (S. 59). So wie sie ihre Lehrer erlebt, glaubt sie nicht daran, dass sie sie gegen Ausgrenzung und Mobbing schützen können. »Warum sehen die nicht, was läuft?/ Warum bemerken die die Blicke nicht/ und das hämische Grinsen, die verdrehten Augen? […] Die sehen nur, was sie sehen wollen,/ denn wenn sie es anders machen würden,/ hätten sie eine Menge mehr Arbeit/ und dafür haben sie keine Zeit« (S. 131). Dies sind harte Worte, aber für manche Schüler in Not sicherlich bittere Realität und bieten reichlich Diskussionsstoff.

Freundschaft / erste Liebe: Crossan gibt in ihrer Geschichte auch den Themen ›Erste Liebe‹ und ›Freundschaft‹ Raum. Dabei kommt zur Sprache, wie diese sein sollten, um Kraft und (Ich-)Stärke aus ihnen ziehen zu können und was Menschen ausmacht, in deren Nähe man sich unverstellt geben und sich wohl und sicher fühlen kann. Die Suche und die Sehnsucht nach solchen außerfamiliären Beziehungen beschäftigen gerade jugendliche Leser in ihrem eigenen Alltag. Die Liebesbeziehung zwischen William und Kasienka - die ersten Begegnungen mit ihrem aufwühlenden Nachhall, das Herantasten an den Anderen, erste Zärtlichkeiten und schließlich das wachsende Vertrauen zueinander - entfaltet sich nachvollziehbar vor den Augen des Lesers ohne Kitsch und Pathos. Crossan betont vor allem die Bedeutung ausgewogener Machtverhältnisse in freundschaftlichen Beziehungen. Kasienka und Dalilah stehen »Seite an Seite« (S. 222). William bestärkt Kasienka, sich gegen Clair zu wehren, anstatt selber aktiv einzugreifen. »William ist in der Siebten./ Er könnte mich vor der Meute retten,/ aber das will er gar nicht:/ Er weiß,/ dass ich/ mich selbst/ retten kann./ Und das lässt mich erstrahlen/ und ihn noch mehr lieben« (S. 187).

Fazit: Obschon die Romanheldin erst zwölf bzw. fast dreizehn Jahre alt ist, stellt die Lektüre des Buches für die meisten Gleichaltrigen eine Überforderung da. Dies gilt zum einen wegen einiger literarischer Bezüge (Jane Austen, Sylvia Plath), (gesellschafts-)politischer Anspielungen (Einwanderungsgeschichte, Gedenktag 7. Juli) und Stellungnahmen, vor allem aber wegen der Gefühls- und Erlebniswelt Kasienkas, deren Nachvollzug vermutlich erst älteren Lesern möglich ist. Etwas kritisch zu betrachten ist, dass sich am Ende fast alle Probleme bzw. Konflikte in ein happy end aufzulösen scheinen. Dennoch bewegt Kasienkas Geschichte den Leser bis zum Schluss. Ihre Sogwirkung entsteht vor allem durch die Sprache, deren pointierte Worte und Bilder, die Aufmerksamkeit fesseln und das Nachdenken über Themen des Erwachsenwerdens geradezu erzwingen. (sb)

Gesamteindruck: ++++ 4,5 / 5

Bibliographische Angaben: Sarah Crossan: Die Sprache des Wassers. München: mixtvision-verlag, 2013. 228 S. (2012 unter dem englischen Titel The Weight of Water erstmals erschienen). ISBN-13 978-3939435846. 15,90 EUR (Hardcover).




Trackbacks für diesen Eintrag [ Trackback URL ]

Dieser Eintrag hat noch keine Trackbacks

__

PngMeta2.png?dl=1

 

Redaktion:

Bartholomäus Figatowski (bf

Susanne Bünker (sb)
  
Kontakt

metaphernpark@gmail.com

 

Twitter: @Metaphernpark

 

© Alle Rechte vorbehalten.

Datenschutzerklärung

Diese Blog-Seite ist Teil des www.scifinet.org. Die Datenschutzerklärung von www.scifinet.org findet sich hier.

Zitat des Monats

»Wenn man den Gerüchten glauben durfte, steckte im Kostüm des Maskottchens der Forest Shade Middle School eine 72-jährige Frau. Doris, die 72-jährige Mutter von Trainer Verde, um genau zu sein. Die Vermutung lag nahe, denn während die Maskottchen anderer Schulen Purzelbäume schlugen und zu Rockmusik tanzten, sah man unseren Waschbären oft in einem Schaukelstuhl sitzen und Hauben für Klopapierrollen stricken.«

 

(Jennifer Brown: So überlebte ich das Schuljahr trotz Aliens, Robotern und der grausamen Missy. München 2017, S. 7)

 

320px-Moravsk%C3%A1_galerie_02_-_Thonet-

 

(Quelle: Wikipedia:Dominik Matus: A Thonet rocking chair. Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Letzte Veröffentlichungen: Sekundärliteratur

androSF79cover250.jpg

 

 

51a6vaFARRL._SX346_BO1,204,203,200_.jpg

 

 

 

Impressum

Dieses Impressum gilt für

das Blog “Metaphernpark” unter
sowie die dazugehörige Twitter-Präsenz
 

Impressum

Angaben gemäß § 5 TMG:

Jolanta Figatowski

Rodderstr. 16
53842 Troisdorf
Telefon:
022419055974
E-Mail: rheinantho@gmail.com
 

Verantwortlich für den Inhalt nach § 55 Abs. 2 RStV:

Jolanta Figatowski

Rodderstr. 16
53842 Troisdorf

 
Redaktion: Bartholomäus Figatowski (bf), Susanne Bünker (sb)
Redaktionskontakt:
rheinantho@gmail.com
 

Haftungsausschluss (Disclaimer)

Haftung für Inhalte

Als Diensteanbieter sind wir gemäß § 7 Abs.1 TMG für eigene Inhalte auf diesen Seiten nach den allgemeinen Gesetzen verantwortlich. Nach §§ 8 bis 10 TMG sind wir als Diensteanbieter jedoch nicht verpflichtet, übermittelte oder gespeicherte fremde Informationen zu überwachen oder nach Umständen zu forschen, die auf eine rechtswidrige Tätigkeit hinweisen. Verpflichtungen zur Entfernung oder Sperrung der Nutzung von Informationen nach den allgemeinen Gesetzen bleiben hiervon unberührt. Eine diesbezügliche Haftung ist jedoch erst ab dem Zeitpunkt der Kenntnis einer konkreten Rechtsverletzung möglich. Bei Bekanntwerden von entsprechenden Rechtsverletzungen werden wir diese Inhalte umgehend entfernen.

 

Haftung für Links

Unser Angebot enthält Links zu externen Webseiten Dritter, auf deren Inhalte wir keinen Einfluss haben. Deshalb können wir für diese fremden Inhalte auch keine Gewähr übernehmen. Für die Inhalte der verlinkten Seiten ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber der Seiten verantwortlich. Die verlinkten Seiten wurden zum Zeitpunkt der Verlinkung auf mögliche Rechtsverstöße überprüft. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten ist jedoch ohne konkrete Anhaltspunkte einer Rechtsverletzung nicht zumutbar. Bei Bekanntwerden von Rechtsverletzungen werden wir derartige Links umgehend entfernen.

 

Urheberrecht

Die durch die Seitenbetreiber erstellten Inhalte und Werke auf diesen Seiten unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung des jeweiligen Autors bzw. Erstellers. Downloads und Kopien dieser Seite sind nur für den privaten, nicht kommerziellen Gebrauch gestattet. Soweit die Inhalte auf dieser Seite nicht vom Betreiber erstellt wurden, werden die Urheberrechte Dritter beachtet. Insbesondere werden Inhalte Dritter als solche gekennzeichnet. Sollten Sie trotzdem auf eine Urheberrechtsverletzung aufmerksam werden, bitten wir um einen entsprechenden Hinweis. Bei Bekanntwerden von Rechtsverletzungen werden wir derartige Inhalte umgehend entfernen.

 

Datenschutzerklärung:

Datenschutz

Die Betreiber dieser Seiten nehmen den Schutz Ihrer persönlichen Daten sehr ernst. Wir behandeln Ihre personenbezogenen Daten vertraulich und entsprechend der gesetzlichen Datenschutzvorschriften sowie dieser Datenschutzerklärung.

Die Nutzung unserer Webseite ist in der Regel ohne Angabe personenbezogener Daten möglich. Soweit auf unseren Seiten personenbezogene Daten (beispielsweise Name, Anschrift oder E-Mail-Adressen) erhoben werden, erfolgt dies, soweit möglich, stets auf freiwilliger Basis. Diese Daten werden ohne Ihre ausdrückliche Zustimmung nicht an Dritte weitergegeben.

Wir weisen darauf hin, dass die Datenübertragung im Internet (z.B. bei der Kommunikation per E-Mail) Sicherheitslücken aufweisen kann. Ein lückenloser Schutz der Daten vor dem Zugriff durch Dritte ist nicht möglich.

 

Datenschutzerklärung für die Nutzung von Twitter

Auf unseren Seiten sind Funktionen des Dienstes Twitter eingebunden. Diese Funktionen werden angeboten durch die Twitter Inc., 1355 Market Street, Suite 900, San Francisco, CA 94103, USA. Durch das Benutzen von Twitter und der Funktion "Re-Tweet" werden die von Ihnen besuchten Webseiten mit Ihrem Twitter-Account verknüpft und anderen Nutzern bekannt gegeben. Dabei werden auch Daten an Twitter übertragen. Wir weisen darauf hin, dass wir als Anbieter der Seiten keine Kenntnis vom Inhalt der übermittelten Daten sowie deren Nutzung durch Twitter erhalten. Weitere Informationen hierzu finden Sie in der Datenschutzerklärung von Twitter unter http://twitter.com/privacy.

Ihre Datenschutzeinstellungen bei Twitter können Sie in den Konto-Einstellungen unter href="http://twitter.com/account/settings">

 

Widerspruch Werbe-Mails

Der Nutzung von im Rahmen der Impressumspflicht veröffentlichten Kontaktdaten zur Übersendung von nicht ausdrücklich angeforderter Werbung und Informationsmaterialien wird hiermit widersprochen. Die Betreiber der Seiten behalten sich ausdrücklich rechtliche Schritte im Falle der unverlangten Zusendung von Werbeinformationen, etwa durch Spam-E-Mails, vor.