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#28 Wie hoch ist dein Woppel? – Cory Doctorow: »Backup« (Besprechung)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction, Rezension 14 January 2017 · 782 Aufrufe

Backup Rezension Besprechung Persönlichkeitsupload symbolisches kapital Vergnügungspark Disney Science Fiction Erlebnisgesellschaft Doctorow
»We have already prepared a bust of President-elect Trump to go into our Hall of the Presidents at Disney World.« (Robert Iger, Disney CEO, wenige Tage nach dem Wahlsieg Trumps)

»When I was attacked viciously by those women, of course, it's very hard for them to attack me on looks, because I'm so good looking« [Donald Trump im US-Wahlkampf]

Eine interessante Perspektive auf die moderne Erlebnisgesellschaft und indirekt auch auf die heranrückende Zeit mit Donald Trump wirft Cory Doctorows Roman »Backup«, der nunmehr einige Jährchen auf dem Buckel hat und in der deutschsprachigen Übersetzung vergriffen ist. Im englischsprachigen Original ist er aber nach wie vor erhältlich und steht auch auf der Seite des Autors – Doctorow ist bekanntlich ein großer Befürworter von Creative Commons Lizenzenzum kostenfreien Download bereit.


Beurteilung

In seinem Debüt-Roman entwirft der Schriftsteller, Blogger und Internet-Aktivist Cory Doctorow eine scheinbar vollkommene Utopie in nicht allzu ferner Zukunft, in der Energie unbegrenzt vorhanden ist und die Datenübermittlung eine zentrale Rolle einnimmt. Es ist das 22. Jahrhundert und die Erde wird beherrscht von der Bitchun Society, die es dem Menschen erlaubt, seinen Geist als Backup abzuspeichern und in einen neuen, geklonten Körper zu laden. Der Tod ist auf diese Weise besiegt, denn bei einem tödlichen Unfall oder dem Alterstod kann das letzte Backup des Geistes hochgeladen werden. Die Menschen können sich angenehmeren Dingen zuwenden, außerdem haben fast alle bisherigen Statussymbole ihren Wert verloren bzw. sind durch »Woppel«-Punkte ersetzt. Diese haben weniger mit Whoppern oder Moppeln zu tun als mit dem aus der Sozialphilosophie bekannten Begriff des »symbolischen Kapitals«. Darunter versteht der Soziologie Pierre Bourdieu den Grad der Bekanntheit und Anerkennung eines Menschen, der ihm Zugang zu sozialen Gütern wie Prestige, Privilegien oder gesellschaftlichen Positionen ermöglicht. In Doctorows Zukunftsvision sind Woppel sichtbar und richtig sexy, denn dank technischem Fortschritt ist jedermann in der Lage, den Woppel-Stand seines Mitmenschen online »anzupingen« und in Erfahrung zu bringen.

Was macht man nun in einer solchen Welt, in der alles machbar und erreichbar geworden ist? Weil ihnen die Decke vor Langeweile auf den Kopf fällt, sind für viele Menschen auf Dauer der Freitod oder ein jahrhundertlanger Kälteschlaf die Mittel der Wahl. Nicht unbeliebt ist aber auch der postmodern anmutende Versuch, sich »neu zu erfinden«. So auch Doctorows Protagonist Julius, der sich nach dem Erlernen von zehn Sprachen, der Komposition von drei Symphonien und vier Doktoraten etwas – scheinbar – sehr Praktischem zuwendet. Der Überhundertjährige ist seiner Freundin Lil, die in Disney World aufgewachsen ist und dort arbeitet, dabei behilflich, einige der dortigen Attraktionen, insbesondere das Geisterhaus, noch attraktiver zu machen. Wie in einem SB-Restaurant gilt es vor allem noch mehr Besucher anzulocken und sie durch die Attraktionen in möglichst kurzer Zeit hindurch zu schleusen. Neben verbesserten Warteschlangen-Management plant Julius zudem, den Geisterhaus-Fan durch webunterstützte Interaktivität noch stärker in das Geschen einzubinden. Julius ist ein Scharlatan und Menschenfänger der Unterhaltungsindustrie, der das nötige Menschenbild für diese Aufgabe von Haus aus mitbringt: »Ich mag zwar ein heller Kopf sein, aber, ehrlich gesagt, bin ich alles andere als ein Genie. Besonders, wenn es um Menschen geht. Wahrscheinlich kommt das daher, dass ich immer schneller sein wollte als Menschenmengen. Also habe ich nie die einzelnen Personen gesehen, sondern nur die Masse – den Feind der Effizienz.«

Unterstützung erhalten Lil und Julius dabei von Freund Dan, einem ehemaligen Missionar der Bitchun Society. Dan leidet an ziemlichen Minderwertigkeitskomplexen, da sein Woppel in den Keller gestürzt ist, weil es auf der Erde keinen Ort mehr gibt, an dem Menschen noch von der rechten Backup-Lebensweise überzeugt werden müssten. Doch selbst für einen Selbstmord hält Dan seinen sozialer Status für nicht mehr ausreichend und ist schließlich mit Lils Vorschlag einverstanden: »Er [Dan] muss wieder nach oben kommen. Er muss sich zusammenreißen, auf Vordermann bringen, produktive Arbeit leisten. Sein Woppel wieder hochbringen. Dann kann er sich mit Würde von der Welt verabschieden
Der Erfolg ihres Teamworks gibt ihnen Recht und ruft gleichzeitig ihre Konkurrenten auf den Plan. Schließlich wird ein Anschlag auf Julius verübt und sein Geist wird dank eines Backups in einen neuen Körper transferiert. Dadurch wird das gesamt Projekt zurückgeworfen, seine Mannschaft verliert Woppel-Punkte. Alles deutet darauf hin, dass der Mord der Sabotage dienen sollte.
Das Geheimnis des eigentlichen Täters wird erst am Romanende gelüftet, was »Backup« Züge einer Detektivgeschichte verleiht. Und doch ist Doctorows Roman kein typischer »Whodunit«-Krimi. Dazu erzählt Julius zu unzuverlässig und verrennt sich häufig in Details, die einem Menschen eigentlich schnuppe sein müssten, wenn er gerade heimtückisch ermordet worden wäre und eine Chance erhielte, seine Widersacher zu schnappen.

Die Vision einer Welt, die an einer »etwas deprimierenden Gleichförmigkeit« leidet, spiegelt sich auf gelungene Weise in der melancholischen Atmosphäre des Romans wider. Auch die Situierung der Handlung in Disney World, die Auseinandersetzung mit dem Woppelsystem und seinen sozialen Folgen und das – keineswegs neue – Thema Persönlichkeitsupload sind nicht gänzlich witzlos, sodass der Roman sicherlich seine Leser findet wird. Interessanter ist es aber wohl, Doctorows Roman als literarische Momentaufnahme der in den USA seit geraumer Zeit um sich greifenden »Disneyisierung« (Alan Bryman) aller Lebensbereiche zu lesen, wozu insbesondere die Verknüpfung von Produkten, Orten oder Dienstleistungen mit bestimmten Themen und die Aufladung von Konsum mit Erlebnissen dazuzuzählen sind. Und es sieht nicht so aus, als würde sich der Trend zur Erlebnisgesellschaft bald umkehren: Je mehr das Mängelwesen Mensch und seine Lebensbedingungen verbessert werden, desto mehr braucht es die Transformation der Welt zur Disney World, um noch Grenzsituationen zu erleben. Die große Faszinationskraft Disney Worlds auf Julius wirkt vor diesem Hintergrund nur auf den ersten Blick befremdlich: »Als ich Disney World das nächste Mal besuchte, nach Abschluss der Highschool, war ich fasziniert vom Detailreichtum, dem Prunk und der Herrlichkeit des Ganzen. Völlig überwältigt verbrachte ich dort eine ganze Woche und grinste über beide Ohren, während ich von Ecke zu Ecke schlenderte. Eines Tages, daran hatte ich keine Zweifel, würde ich hier leben.« (bf)

Gesamteindruck: +++ (3,5/5)

Bibliographische Angaben: Cory Doctorow: Backup. Übers. Von Michael Iwoleit. München: Heyne, 2007. 287. S. ISBN 978-3453522978. EUR 7,95. [vergriffen]

[Rezension zuerst erschienen in: Heyne Science Fiction Jahr 2008]

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(Jennifer Brown: So überlebte ich das Schuljahr trotz Aliens, Robotern und der grausamen Missy. München 2017, S. 7)

 

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