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#30 Fahrten zum Licht – Herbert W. Franke: »Der grüne Komet«, AndroSF 46 (Besprechung)

Geschrieben von Sierra , in Sekundärliteratur, Science Fiction, Rezension 21 January 2017 · 685 Aufrufe

Herbert W. Franke Rezension Werkausgabe Besprechung Science Fiction Hard-SF Kurzgeschichten Stories Österreich Der grüne Komet
Beurteilung

Die Zahl deutschsprachiger SF-Autoren, die mit einer Werkausgabe gewürdigt wurden, ist bis heute überschaubar. Auch haftet der wissenschaftlichen Erschließung von Genreliteratur immer noch etwas Abseitiges an, als ob man diese als ›Literatur der Massen‹ nur auf ihren Gebrauchscharakter reduzieren könnte. Der Österreicher Herbert W. Franke (* 1927) ist so ein Autor, dessen teilweise vergriffene Werke schon längst einer leserfreundlichen und literaturwissenschaftlich aufbereiteten Textausgabe bedurft haben. Die der Hard-SF zuzurechnende Literatur des promovierten Physikers ist vielfach preisgekrönt, seine Sachbücher über Höhlenforschung und Computerkunst verdeutlichen sein facettenreiches Schaffen. Daher sind Vorschusslorbeeren für Professor Hans Esselborn und Ulrich Blode mehr als berechtigt, die die 30-bändige Franke-Werkausgabe ab 2014 im Verlag p.machinery herausgeben. Frankes 1961 erschienener Storyband »Der grüne Komet« bildet den Auftakt der Veröffentlichungsreihe. Dass die darin enthaltenen 65 Kürzestgeschichten – die interessanterweise jedes Mal durch Vorbemerkungen des Autors eingeleitet werden – auch heute noch empfohlen werden können, lässt sich wie folgt begründen:

1. Franke setzt sich mit den Motiven und Themen der SF realitätsbezogen und gleichzeitig ästhetisch anspruchsvoll auseinander. Hier ist beispielsweise der Kosmos noch eine echte terra incognita. Eindrücklich transportiert die Kurzgeschichte »Meteoriten« die Erkenntnis, dass das Überleben im Weltall schnell zur Zufallssache wird, wenn sich etwa ein Raumschiff im Meteoritenhagel in einen Schweizer Käse verwandelt... Und doch wird in vielen Geschichten die Hoffnung spürbar, dass der raumfahrende Mensch eine Zukunft hat, wenn er seine Menschlichkeit zu bewahren vermag. Vom Kurs abgekommen überlebt ein fieberkranker Raumfahrer die »Fahrt ins Ungewisse« (so auch der Geschichtentitel) nur dank des ›Theaterspiels‹ seines Kollegen, der ihm den Funkkontakt mit dem Zielplaneten vorgaukelt. Möglicherweise kann der Raumfahrer auf Gott verzichten, aber sicherlich nicht auf mitmenschlichen Trost und Mitgefühl.

2. Ob die Erstbegegnung im Weltall oder denkwürdige evolutionäre Prozesse auf anderen Planeten, – Aliens dienen nicht als Klischeefiguren, sondern veranschaulichen elementare Wesenszüge des Menschen. Immer noch Sklave seiner (Ur-)Angst vor allem Fremden stellt er sich beim Versuch, mit anderen Lebewesen zu kommunizieren, mitunter selbst ein Bein. So droht den Raumfahrern in der Story »Misstrauen« ein ›Kommunikations-Gau‹, weil sie sich den Außerirdischen aus übertriebener Vorsicht nicht selbst zu erkennen geben, sondern lieber ihre Roboter vorschicken.

3. Trotz seines naturwissenschaftlich-philosophischen Interesses vergisst Franke nie, dass der Leser unterhalten werden will. Einige Geschichten fallen dabei erstaunlich actionlastig aus. In der Invasionstory »Das Ei« wird man aus der Ich-Perspektive Zeuge einer Kommandoaktion, bei der ein Agent eine Luftwaffenbasis auf den Kopf stellt, um dort mittels militärischer Strahlentechnik außerirdisches Leben ›freizusetzen‹. Andere Stories bestechen durch Witz und Skurrilität à la Douglas Adams. In der Story »Die Pfauen« geht es um eine seltsame Form der Vogelfütterung. Obzwar seine Dienstordnung Kontakte mit Außerirdischen verbietet, widmet sich ein Astronaut auf dem Planeten Cassia mit Begeisterung der ›Vogelkunde‹. Als er beim Herausschrauben einer Glühbirne einen kleinen Stromschlag erleidet, erfährt er am eigenen Leib, dass Federvieh nicht gleich Federvieh ist...

Unterm Strich ist das Lesefazit sehr positiv: Frankes Kurzgeschichten begeistern auch noch heute und machen Lust auf die Lektüre der kommenden Werkbände. Zu einer echten Liebhaberausgabe wird der Band schließlich durch die Sekundärtexte im Anhang. Den Anfang machen obligatorische editorische Anmerkungen von Ulrich Blode und farbige Abbildungen der Titelbilder der bisherigen Buchausgaben, welche von Eyke Volkmer, Andreas Nottebohm und Tom Breuer gestaltet wurden. Es folgt der Wiederabdruck eines Artikels von Herbert W. Franke zur »Bewertung von Science Fiction«, in dem dieser Stil, Handlungslogik, Spannung, »wissenschaftlich-technisch[e] Wahrscheinlichkeit« (S. 197) und Originalität in der Auseinandersetzung mit den klassischen SF-Motiven und -Ausgangssituationen als Beurteilungskriterien gelungener SF-Literatur hervorhebt. Abgerundet wird der Anhang durch einen informativen Überblicksartikel über die Biographie und das Werk Herbert W. Frankes.
Lesenswert ist weiterhin der letzte Sekundärtext, ebenfalls von Hans Esselborn, der sich zum einen den Entstehungsbedingungen der Kurzgeschichten Frankes widmet. Eine besondere Bedeutung hat hierbei die Wiener Kulturzeitschrift »Neue Wege«, in der Franke in den 1950er-Jahren – als junger Physiker zunächst eigene Aufsätze zu technischen Sachthemen veröffentlichen konnte. Esselborn zitiert hierbei aus einem aus einem bisher unveröffentlichen Franke-Manuskript, in dem in Frankes Wunsch, auch literarisch zu schreiben, eine naturwissenschaftliche Wissenspopularisierung als Schreibintention aufscheint: „Wie sieht die Welt von Morgen aus? Wie werden die Menschen leben? Ich war sehr stolz über dieses Angebot, das ich natürlich annahm. […] Ich […] schlug später vor, einige der zukunftsbezogenen Überlegungen in kleine Geschichten zu kleiden, da man auf diese Weise viel mehr Verständnis finden würde. Daraufhin wurden zwei oder drei meiner extra kurzen Texte in den Neuen Wegen veröffentlicht – meine ersten Publikationen im Genre Science Fiction.“ (S. 217) Und auch die Skizze der folgenden Zusammenarbeit Frankes mit dem Goldmann-Verlag, der Franke die Veröffentlichung eines ganzen Kurzgeschichtenbandes unter dem Titel »Der grüne Komet« ermöglichte, ist dank interessanter Zitate und Erläuterungen aufschlussreich und mitunter etwa hinsichtlich der von Franke gewählten Schreiborte überraschend. Zum anderen untersucht Esselborn Frankes Erzählweise, wobei er den Modell- und Experimentcharakter der Geschichten unterstreicht: Dann würden die einleitenden Worte eine hypothetische Aussage über die Welt und menschliches Verhalten darstellen und die folgende Handlung würde diese in einem Gedankenexperiment illustrieren und verifizieren.“ (S. 221)
Frankes Stories als Einladung des Lesers zu einer Art literarischem Symposium, bei dem der Leser der Überprüfung von Hypothesen hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Mensch und Technik beiwohnen darf? – Diese Deutungsperspektive auf den »Grünen Kometen« erscheint alles andere als unwahrscheinlich. (bf)

Gesamteindruck: +++++ (5/5)

Bibliografische Angaben: Herbert W. Franke: Der grüne Komet. Science-Fiction-Erzählungen. Murnau am Staffelsee: p.machinery, 2014. 235 S. ISBN: 978-3-95765-0191. EUR 11,90. [SF-Werkausgabe Herbert W. Franke, Bd. 1. Hrsg. von Ulrich Blode und Hans Esselborn. Titelbild: Thomas Franke].

[Rezension zuerst erschienen im Golkonda Science Fiction Jahr 2015. Für den vorliegenden Blog-Beitrag überarbeitet und erweitert.]

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(Jennifer Brown: So überlebte ich das Schuljahr trotz Aliens, Robotern und der grausamen Missy. München 2017, S. 7)

 

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