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#31 »Anna und der Schwalbenmann« von Gavriel Savit (Besprechung)

Geschrieben von Sierra , in Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 22 January 2017 · 725 Aufrufe

Nationalsozialismus Jugendliteratur Jugendroman Besprechung Roman Gavriel Savit Faschismus Rezension Zweiter Weltkrieg
Inhalt

Krakau 1939. Annas Vater, ein Professor, verschwindet. Schlagartig ist das siebenjährige Mädchen auf sich gestellt. In dieser hilflosen Situation begegnet es dem »Schwalbenmann«. Er beherrscht nicht nur viele menschliche Sprachen wie ihr Vater, sondern auch die der Vögel. Zum Trost lockt er für Anna eine Schwalbe an. Obwohl Anna den Mann auch unheimlich findet, weicht sie ihm nicht mehr von der Seite. Auf ihrer Wanderschaft erfährt Anna, wie man in einer bedrohlichen, gnadenlosen Welt überlebt.


Beurteilung

»Anna und der Schwalbenmann« ist kein Jugendroman, der sich nebenbei lesen lässt. Dies ist zum einen in einer anspruchsvollen Sprache, zum anderen in dem breiten Spektrum philosophischer und moralisch-ethischer Aspekte und Fragen begründet, die durch Savits Figuren thematisiert werden. Es geht um die Bedeutung und Grenzen von Sprache, Vertrauen und Menschlichkeit – der Mensch ist dem Menschen Wolf und Retter zugleich –, das Leben und den Umgang mit Ungewissheit, Überlebensstrategien verfolgter Menschen, das Verhältnis von Mittel und Zweck, den Antagonismus von Fragen und Wissen, Weg und Ziel sowie die Koexistenz von Grauen und Schönheit. Diese Vielfalt tiefgründiger Themen wird meines Erachtens zu häufig durch den Schwalbenmann doziert, ohne sich auf natürliche Weise aus der beschriebenen Handlung oder den Gesprächen mit Anna zu ergeben. Hierunter leiden zuweilen Authentizität und Spannung.

Der Zweite Weltkrieg dient vor allem als Aufhänger der Erzählung. Bezüge zu historischen Ereignissen gibt es nur wenige (Sonderaktion Krakau 1939, Unternehmen Barbarossa 1941). Savits Roman ist damit weniger ein historischer Jugendroman, sondern beschäftigt sich v.a. mit den menschlichen Fragen, die eine Extremsituation wie der Zweite Weltkrieg aufwerfen. Dabei lässt sich das Buch nur schwer einem bestimmten Genre zuordnen. Es vereint Elemente der problemorientierten Literatur und des Roadmovies, hat aber auch etwas märchenhaft Mystisches. Savits Sprache ist komplex und poetisch. Er bedient sich häufig metaphorischer Bilder, um die Gemütszustände und Erlebnisse seiner Figuren zu beschreiben. Sie sind zumeist treffend und sensibel gewählt, manchmal aber überladen und schwer zugänglich: »Nach den heftigen Schluchzern der letzten Nacht, die ihren Körper fast hatten bersten lassen, begrüßte Anna die neuen Tränen wie tiefblaue Schmetterlinge, die durch den sonnendurchfluteten Raum ihrer Brust gaukelten« (S. 146). Trotzdem findet Savit viele starke Formulierungen und Bilder, die unter die Haut gehen. Dies gilt besonders für die wenigen, aber umso eindringlicheren Darstellungen von Gewalt. Gleich zu Anfang wird Anna Zeugin, wie drei Soldaten einen alten, gebrechlichen Mann demütigen, indem sie ihn nötigen, vor ihnen auf und ab zu springen. Bereits in dieser Szene offenbaren sich Anna und mit ihr dem Leser die alltägliche Grausamkeit der Zeit ganz unmittelbar.
Die Geschichte ist aus der Perspektive von Anna geschrieben. Für ein siebenjähriges Mädchen wirkt sie schon äußerst erwachsen und intellektuell. Auch wenn dies ihrer Biographie geschuldet sein mag – sie hat früh die Mutter verloren, ihr Vater, ein Linguistikprofessor, hat sie bereits viele Sprachen gelehrt, steht es der Identifikation mit ihr auch im Wege. Meines Erachtens hat Savits Erzählung keinen Spannungsbogen mit eindeutigem Höhepunkt. Dies liegt auch daran, dass der Autor viele Fragen offen und den Leser bewusst im Ungewissen lässt. Auch nach der Lektüre bleibt die Identität des Schwalbenmannes ungeklärt. Diesbezüglich eingestreute Informationen verstärken eher das Geheimnisvolle und Rätselhafte an seiner Person. Damit hält sich Savit an die Botschaft seines Schwalbenmannes, wonach Fragen viel wertvoller sind als Antworten. Manchen Leser mag dies aber nicht zufriedenstellen.


Fazit: Savits Roman ist sowohl thematisch als auch sprachlich sehr ambitioniert und stellt hohe Anforderungen an den jugendlichen Leser. Für den Unterricht mit älteren Schülern könnten einzelne Szenen oder Lektionen des Schwalbenmannes als Diskussionsimpuls genutzt werden, um über die Lebensrealität verfolgter Menschen zu sprechen. (sb)

Gesamteindruck: +++ (3,5 / 5)


Bibliografische Angaben: Gavriel Savit: Anna und der Schwalbenmann (Orig.: Anna and the Swallow Man). Übers. aus dem Engl. von Sophie Zeitz-Ventura, München: cbt, 2016. 272 S. ISBN: 978-3570164044. EUR 16,99 (gebundene Ausgabe).

[Rezension zuerst erschienen in: Datenbank der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW]

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lapismont
Jan 23 2017 07:27

Ich find auch das Cover sehr hübsch.

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....dito! Verantwortlich zeichnet sich übrigens die Keramikerin und Illustratorin Laura Carlin:

 

https://www.thenewcr...ra-carlin-shop/

http://www.itsniceth...-carlin-updates

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