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Black Box Tunguska? – Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction (Teil 3, #49)

Geschrieben von Sierra , in Sekundärliteratur, Science Fiction 01 December 2017 · 1142 Aufrufe

Tunguska Science Fiction Sorokin Hohlbein Lem

Die ersten beiden Teile dieses Artikels finden sich hier und hier.


Black Box Tunguska? – Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction (Teil 3)

Vom Waldbrand zum Weltbrand


»Der Gott des Feuers und des Donners. Der Junge glaubt, dass Ogdy sich anschickt, auf die Erde herabzusteigen. Das Licht kündigt sein Nahen an.«1


Wolfgang Hohlbein (1953–) gilt als einer der meistgelesenen deutschsprachigen Fantasy- und SF-Autoren in Deutschland. »Die Rückkehr der Zauberer« (1996) gehört leider zu den Werken Hohlbeins, die sich mehr durch Action und Geschwindigkeit als durch Handlungslogik oder Selbstironie bestimmen. »Tunguska im Griff der Superhelden« wäre durchaus ein anderer passender Titel für Hohlbeins Erzählgemisch aus Agenten-Thriller und Fantasy-Roman, dessen Motive an Filme wie Indiana Jones, Stargate und X-Men erinnern. Hohlbein setzt sich dabei recht plakativ mit den religiösen Vorstellungen und Mythen der Ur-Einwohner Sibiriens auseinander.

Die Steinerne Tunguska im Jahr 1908: Der russische Hauptmann Petrov, der sich in einer Kommandoaktion auf den Fersen einer Mörder- und Räuberbande befindet, der Schamane Tempek und der mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattete Ewenkenjunge Haiko werden zu Zeugen und Überlebenden einer geheimnisvollen Explosion, die ein riesiges Areal in Brand setzt: »Petrov sah, wie der Wald oben auf dem Berggrat aufflammte wie ein einziges trockenes Stück Papier. Er begann nicht zu brennen, sondern verwandelte sich von einer Millionstelsekunde zur anderen in eine einzige weiße Flammenwand, die in der plötzlich unbewegten Luft nahezu senkrecht nach oben loderte. Gras, Laub und trockene Tannennadeln auf dem Hang begannen zu schwelen, flammten hier und da auf und ein unsichtbarer glühender Hauch berührte Petrovs Gesicht, versengte seine Augenbrauen und verbrannte sein Haar und seine Haut. Seine Pelzjacke begann zu schwelen. Er spürte, wie die Haut in seinem Gesicht und auf seinen ungeschützten Händen rissig wurde und Blasen schlug. Die Munition in dem Gewehr, das er fallen gelassen hatte, explodierte. Sein linker Ärmel begann zu brennen. Die Bäume oben auf dem Berggrat zerfielen zu Asche. Das Unterholz löste sich in einer leuchtenden Säule aus Licht auf und dazwischen torkelten Gestalten in brennenden Kleidern und mit flammendem Haar. Es war vollkommen still.«2

In den nächsten Jahrzehnten gerät die Katastrophe in Vergessenheit. Doch als sich 90 Jahre später ein zweiter explosiver Zwischenfall in der Tunguska ereignet, steht die ganze Welt Kopf. In dieser politischen Großwetterlage liefert sich Henrik Vandermeer, Journalist einer Düsseldorfer Tageszeitung, eine gefährliche Auseinandersetzung mit russischen Geheimagenten, nachdem er auf einer Esoterikmesse in den Besitz eines geheimnisvollen Edelsteins gekommen ist. Trotz erbitterter Gegenwehr kann Vandermeer nicht verhindern, mitsamt seinen neuen Bekannten, der Esoterikfachfrau Ines und ihrer Zwillingsschwester Anja auf ein Schiff entführt zu werden. Dort eröffnet der zwielichtige Wassili ihm und einer anderen Passagierin, der Druiden-Tochter Gwynneth, dass sie Auserwählte seien, auf die eine große Aufgabe in Russland warte. Nach einem Intermezzo in Istanbul und der Vernichtung eines ausgewachsenen Zerstörers der türkischen Armee mit Hilfe einer geheimen Laserwaffe bringt sie Wassili schließlich in die sibirische Tunguska, wo sie auf den blinden Haiko stoßen, der nun ein Greis ist. Vandermeer erhält Gewissheit, dass er über die besondere Gabe verfügt, den Lauf der Dinge zu beeinflussen.
Der Kreis schließt sich in Wanawara in Sibirien, unweit der Stelle, an der 90 Jahre zuvor das Tunguska-Ereignis stattfand. Wassili gibt sich nun als Kommandant des geheimen Militärprojekts »Charon« zu erkennen, das sich bisher erfolglos mit der Ergründung des Geheimnisses einer merkwürdigen türkisblauen Pyramide beschäftigt, die an dieser Stelle gefunden wurde. Einer Deutung von Wassili zufolge soll es sich um ein Tor ins Jenseits handeln, das bei der Tunguska-Katastrophe geöffnet und von dem Kommandanten Petrov zu Unrecht betreten wurde: »Vielleicht gibt es auch eine wissenschaftliche Erklärung dafür … möglicherweise ist es die nächste Form der Evolution … eine andere Dimension, eine höhere Form des Seins … Es gibt tausend Wege es zu beschreiben. Vielleicht stimmt keiner, vielleicht stimmen alle.«3 Derjenige, der Zugang zu dem »Bereich zwischen dem Hier und der anderen Welt«4 findet, wird als ein von Gott tolerierter »Torwächter« in die Lage versetzt, enormen Einfluss auf das Weltgeschehen zu nehmen und ihm seinen persönlichen Stempel aufzudrücken. Indirekt macht Wassili den Soldaten Petrov sogar für die Kriege im 20. Jahrhundert verantwortlich.

In geheimen Höhlen tief unter Wassilis Forschungsstation kommt es zum unvermeidlichen Showdown des Romans. Nachdem die Druidin Gwynneth erfährt, dass ihr Kind von Wassili getötet wurde, spuckt sie wahrsten Sinne des Wortes Feuer und legt das gesamte Forschungsgelände in Staub und Asche. Nur um Haaresbreite gelingt Vandermeer und Ines die Flucht mit Haiko, der ihnen den Weg zu einer zweiten unterirdischen Pyramide weist. Ihre Monumentalität verschlägt Vandermeer den Atem: »Er hätte alles darum gegeben den Blick von diesem ungeheuerlichen Gebilde lösen zu können, das ihn mit seiner Schönheit und Perfektion beinahe zu verbrennen schien, aber es gelang ihm nicht. Wie auch – im Angesicht Gottes?«5 Haiko erklärt Vandermeer, dass Wassili das Kind der Druidin Gwynneth getötet hat, weil er hoffte, »es würde ihnen im Moment des Sterbens den Weg hierher weisen«.6 Dabei wurden die Spezialkräfte des Kindes in einer unmenschlichen Explosion freigesetzt, die allerdings durch »Kräfte dieses heiligen Ortes« ins Jahr 1908 (!)»abgefälscht« wurde; »Zeit ist eine Illusion – wie fast alles.«7 Mit anderen Worten: Das Flammeninferno geht nicht auf das Konto von Ogdy, sondern böser Druiden-Mächte. Als sich Haiko schließlich als religiöser Fanatiker outet und selbst das Tor zum Jenseits passieren will, um die Menschheit aus Hass gegen »ihre Welt der Dinge« auszulöschen, können Vandermeer, Ines und die tot geglaubten Anja und Wassili ihn nur um Haaresbreite und natürlich nicht ganz gewaltfrei daran hindern.8


Eis am Stiel

»Da wohnte also etwas in meinem Herzen, das nicht Herz war.«9

Im Zentrum des Romans »BRO« (2004), dem zweiten Teil der Eis-Trilogie des Russen Vladimir Sorokin (1955–), steht ein monumentaler Schöpfungsmythos, der das Projekt Menschheit für gescheitert erklärt: »Zeit ihrer Geschichte kannten die Menschen im Grunde nur dreierlei Verrichtungen: Menschen zu gebären und Menschen zu töten sowie ihre Umwelt zu missbrauchen. Menschen, die anderes zu tun vorschlugen, wurden gekreuzigt und gesteinigt. Aus dem unsteten, disharmonischen Wasser hervorgegangen, gebaren die Menschen und töteten, was sie geboren hatten. Denn der Mensch war der große Fehler. Und mit ihm alles Übrige, was auf der Erde kreucht und fleucht. Und die Erde wurde zum hässlichsten Ort im ganzen Universum.«10

Noch schwerer wiegt, dass die Menschheit die Erzeuger des Universums, nicht weniger als 23000 Lichtwesen, in sich absorbiert hat. Die göttliche Balance ist gestört, das Universum droht zu sterben, solange die Erde existiert. Und so wird ein Meteor auf die Erde herabgesandt, der am 30. Juni 1908 in der ostsibirischen Tunguska zerschellt. Der Ich-Erzähler des Romans ist Alexander Snegirjow, der zum Zeitpunkt des Meteoriteneinschlags auf die Welt gekommen ist. Fast zwanzig Jahre später wird der junge Träumer und Studienabbrecher zum Teilnehmer und Saboteur von Kuliks Expedition zum Einschlagsort des Meteors. Er erreicht als Einziger die Einschlagsstelle und fühlt sich sogleich auf symbiotische Weise zu dem Eismeteoriten hingezogen. Ist Snegirjow in den russischen Revolutionswirren ohnehin seiner bourgeoisen Vergangenheit verlustig gegangen, wird schließlich im Kontakt mit dem Eis (»Ljod«) des Meteoriten das Lichtwesen »Bro« in ihm wiedergeboren: »Vor mir hatte es die Entengrütze etwas zur Seite geschwemmt, und ich konnte es im Mondlicht funkeln sehen: das Eis! Ein Flecken reinen Eises, handtellergroß! […] Ich richtete mich auf tat einen heftigen Schritt und glitt aus. Fiel um, prallte bäuchlings, mit aller Wucht auf das leuchtende Eis. […]
Mein Herz, das all die zwanzig Jahre schlummernd im Brustkasten gesessen hatte, erwachte davon. Nicht, dass es stärker geschlagen hätte als zuvor – aber anders: es stieß mich von innen an – was zuerst wehtat, dann ungeheuer angenehm war. Und dann sprach es. Stotternd zunächst: ›Bro-bro-bro … Bro-bro-bro … Bro-bro-bro …‹
Ich begriff: Das war mein Name. Mein wirklicher.«11

Er erfährt, dass er mit Hilfe des Ljods die anderen »Lichtstrahlen« aus ihrem menschlichen Kokon befreien kann, die Rettung des sterbenden Universums scheint nicht unmöglich: »Und wird einmal der Letzte der Dreiundzwanzigtausend gefunden sein, so werdet ihr euch im Kreis aufstellen und bei den Händen fassen, und eure Herzen sprechen die dreiundzwanzig Herzensworte in der Sprache des Lichtes dreiundzwanzigmal im Chor. Dann erwacht das Ursprüngliche Licht in euch zu neuem Leben und wird sich in der Mitte des Kreises vereinen und entflammen. Und der Große Weltfehler wird ausgemerzt sein: die Erdwelt verschwunden, aufgelöst im Licht12

Sodann macht sich Bro auf die gefahrvolle Quest nach seinen 23 000 Geschwistern, die weltweit verstreut sind und (ausgerechnet!) allesamt blond und blauäugig sind. Zur Erweckung ihrer Herzen bedient sich Bro einer brutalen, an archaische Kultrituale erinnernden »Herzmassage«: Ein aus dem Ljod gefertigter Eishammer wird so lange auf den Brustkorb geschlagen, bis das Herz den wahren Namen des neuen Bruders »verkündet« oder für immer schweigt... Die Darstellung dieses Erweckungsrituals schwankt dabei zwischen Gewalt und Komik, die Parallelen zum Anwerfen eines Oldtimers sind wohl nicht unbeabsichtigt: »Zu zweit banden wir damit das Ljod an den Knüppel. Fer mit ihren kleinen, aber kräftigen Händen fetzte das Hemd auf Nikolas Brust auseinander. Ich holte aus und ließ den Hammer mit aller Kraft auf die nackte Brust niedersausen. Von dem Mordsschlag zerschellte das Ljod in viele kleine Stücke, der Stiel brach entzwei. In Nikolas Brustkasten gluckste es. Wir legten unser Ohr an. Das Glucksen hörte nicht auf, Nikolas Körper begann zu beben, die Zähne knirschten. Unsere Ohren wie auch unsere Herzen hörten die Stimme eines erwachenden Herzens.
Ep … Ep … Ep …‹«13

Bald versteht Bro, dass seine »Erweckungsbewegung« nur erfolgreich sein wird, wenn es ihm gelingt eine im wahrsten Sinne des Wortes schlagkräftige Geheimorganisation aufzubauen: »Um in Russland zum Ziel zu gelangen, mussten wir Teil des Staatsapparats werden; unter seinem Deckmantel, in der Montur seiner Bediensteten, konnten wir unser Werk vollbringen; einen anderen Weg gab es nicht.«14Sehr hilfreich bei der Geschwistersuche ist Terenti Deribas, ein leitender Beamter des Geheimdienstes GPU, der sich ihnen nach seiner Erweckung als Bruder Ig anschloss. So kann Bro bei der Suche nach seinen Brüdern und Schwestern, die offiziell als sofortig zu verhaftende Konterrevolutionäre ausgegeben werden, die Infrastruktur der GPU nutzen. Dabei wird das gesamte Ausmaß der Irrationalität der GPU deutlich, mit der sie in der UdSSR wütet: »Das Prinzip, dem Vorgesetzten nur ja keine überflüssigen Fragen zu stellen, war zur Tradition geworden. Der Strafverfolgungsapparat der GPU hatte sich landesweit in eine […] ausschließlich nach eigenen Gesetzen funktionierende Maschine verwandelt.«15 Dem steht jedoch die Unbarmherzigkeit der Sektierer kaum nach, die jeden zur »Fleischmaschine« abstrahierten Menschen, der sich ihnen in den Weg stellt, eliminieren.

Obwohl Bros Leute auf spezielle, durch das Ljod gewonnene Fähigkeiten zurückgreifen können – etwa besondere körperliche Selbstheilungskräfte und telepathische Begabungen –, merkt Bro schließlich, dass sich die Geschwistersuche in die Länge ziehen wird, weil sie einem samsarischen Katz- und Maus-Spiel gleicht: Da immer wieder Erweckte sterben und dann in anderen Körpern neugeboren werden, müssen diese wiederum aufs Neue gefunden und erweckt werden.

Eingefügtes Bild Der rasch alternde Bro findet schließlich in den Wirren des Zweiten Weltkriegs zwischen dem bolschewistischen »Ljodland«, dem faschistischen »Ordnungsland« und dem amerikanischen »Freiheitsland« eine Nachfolgerin in Chram, die – davon erzählt Sorokins vorhergehender Roman »LJOD. Das Eis« – die weitere Suche und die Unterwanderung der gesellschaftlichen Machtzirkel nach seinem Tod koordinieren wird.

In Bros vampiresk-abgründiger Sekte, die so hervorragend die totalitäre Logistik der Tscheka, des GPU und der Nazis für ihre eigenen Zwecke zu nutzen versteht, versinnbildlicht sich hinter seiner Brutalität die enttäuschte Hoffnung auf eine transzendente Fortentwicklung des Menschen. Kurz: der »Beweis dafür, daß der menschliche Anspruch auf kosmischen Universalismus einmal mehr hinfällig geworden ist.«16
»BRO« ist ein gelungenes Konglomerat aus Sektenparodie, SF und viel Zivilisationspessimismus vor dem Hintergrund des Tunguska-Rätsels. Sorokin bestätigt darin seinen Ruf als maßloser Skandalschriftsteller17, der auch zur politischen und kulturellen Lage der Nation in der Putin-Ära nicht schweigen will: Beißend ist seine Kritik an der Hammer-und-Sichel-Pathetik und dem sozialen Realismus, die in Russland seit geraumer Zeit eine Renaissance erleben.


Exkurs: »Geheimakte Tunguska«

Bedrohungen der Menschheit durch Near Earth Objects wie Asteroiden, Meteoren oder Kometen auf der Kinoleinwand erfreuen sich seit längerem besonderer Beliebtheit beim Zuschauer. Nachdem die Tunguska-Explosion eine Vielzahl von mehr oder weniger gelungenen Kino-Filmen wie Meteor (USA 1979), Armageddon (USA 1998), Deep Impact (USA 1998) zumindest anregte, und auch als Aufhänger für zwei Akte-X-Folgen (USA 1997) diente – in denen allerdings nur die missratene Handlungslogik den Zuschauer das Fürchten lehrt –, war es 2006 soweit: Kurz vor ihrem hundertsten Jubiläum fand die Katastrophe den Weg auf die Computermonitore und wurde ein großer Erfolg.

In dem von den deutschen Spielehersteller Fusionsphere Systems und Animation Arts entwickelten Point & Click-Adventure schlüpft der Spieler in die Haut von der jungen Nina Kalenkow – gesprochen von Solveig Duda, der deutschen Stimme von Angelina Jolie –, deren Ähnlichkeit mit dem Computerspiel-Pin-up Lara Croft wohl nicht zufällig sind. Ninas Vater, ein berühmter Forscher und der Leiter eines Berliner Naturkundemuseums, wurde aus seinem Büro entführt. Da sich die überarbeitete Berliner Polizei des Falls nicht annehmen will, ist Nina schon bald auf die Hilfe von Max Gruber, dem Assistenten ihres Vaters angewiesen.Er gibt nicht nur wichtige Hinweise, sondern lässt sich im Laufe des Spiels auch als zweiter Hauptcharakter steuern. Noch in Berlin findet Nina heraus, dass die Entführung mit besonderen Forschungsergebnissen ihres Vaters zu tun hat, die von seiner geheimen Tunguska-Expedition im Jahre 1958 stammen. Damals hat er in der Tunguska übernatürliches Pflanzenwachstum nachgewiesen, was sogleich von oberster Stelle zur Verschlusssache erklärt wurde. Weiterhin stößt Nina auf Berichte über eine von Kuliks Expeditionen, bei der er ein mysteriöses Objekt aus unbekanntem Material von so großer Härte fand, das jede Entnahme einer Gesteinsprobe misslang. Bei einer Folgeexpedition konnte Kulik das Gebilde nicht mehr ausfindig machen – es war plötzlich verschwunden. Die Hinweise verdichten sich, dass Ninas Vater in die Tunguska gebracht werden soll, und machen eine eigene Reise Ninas nach Sibirien notwendig – selbstverständlich inkognito.

Wie bei einem Detektivplot nicht anderes zu erwarten, stellen die Rätsel die Kombinationsfähigkeit des Spielers auf die Probe. Nur an wenigen Stellen heißt es Try-and-Error: Dass man etwa zu Spionagezwecken einer Katze ein Mobiltelefon anbinden muss, um weiterzukommen, ist dann aber wieder so skurril, dass man gerne weiterspielt. Für Abwechslung sorgen auch die Schauplätze: Die Kidnapper werden nicht nur in Berlin und Moskau, sondern auch an Bord der Transsibirischen Eisenbahn, in irischen Burgruinen, der Antarktis und natürlich der Steinernen Tunguska gejagt.


Zusammenschau

Nach diesem Querschnitt durch literarische Tunguska-Phantasien lassen sich zwei Hauptintentionen in den vorgestellten Werken unterscheiden. Zum einen eignen sich Geschichten über das spektakuläre Tunguska-Ereignis natürlich als gehobene Popcorn-Literatur. Der bis heute unaufgeklärt gebliebene Vorfall dient als mystery-Element zur Spannungssteigerung und fordert den Leser heraus, eine »Wissenslücke« in der Handlung zu füllen. Eine Einladung zum Weiterfabulieren sind auch die Rahmenbedingungen der Explosion, in erster Linie: das Fehlen eines Kraters, die Mythen der Ewenken und die Messung von Radioaktivität im Epizentrum.

Gleichzeitig dient die Katastrophe in den besprochenen Romanen als Ideensteinbruch auf einer philosophischen Metaebene, die zu optimistischen wie pessimistischen Überlegungen über den Menschen einlädt. So ist etwa Lem als überzeugtem Rationalisten klar, dass Technik einen wesentlichen Beitrag zur Lösung der drängenden zivilisatorischen Probleme moderner Gesellschaften leisten kann. Am Beispiel der Atomenergie und der in die Selbstvernichtung mündenden Kriegsspiele der Venusbewohner plädiert Lem für die Setzung moralischer Leitplanken im Sinne eines sozialen Bewusstseins, in dem sich die Kluft zwischen Technik und Ethik auflöst. Während aber bei Lem der Absturz des Venus-Raumschiffs in der Tunguska das Ende des Kapitalismus heraufbeschwört, geht Watson in der Darstellung der gescheiterten kommunistischen Kolonisierung des Weltalls mit dem »Neuen Menschen«, einem wichtigen Heilziel der sowjetischen Ideologie, ins Gericht. Nur rhetorisch fragt sich Kommandant Anton Astrow wenige Sekunden vor dem Tod, »ob jemand in Sibirien zum Himmel aufblickte und Hammer und Sichel aus der Höhe herabstürzen sah? Eine Vision künftiger Zeiten … Vielleicht sahen es ein paar Rentierhirten.«18

Ist die Rede von dem Beitrag der russischen Intelligenzija zur Karriere dieses Ideentopos, darf die spirituell verbrämte Hoffnung Nikolaj Fedorovs (1828–1903) nicht unerwähnt bleiben, der »Neue Mensch« würde eines Tages den Tod als letzte Grenze des menschlichen Fortschritts besiegen und alle Verstorbenen der Vergangenheit wiedererwecken: »Hier … sollte die Technik in das Werk des Menschen eingespannt werden, hier sollte die von Gott in der Potenz angelegte beste aller Welten als schlechthin vollkommene Schöpfung vollendet werden – und zwar nicht nur für den Menschen, sondern für die Kreatur überhaupt. Wenn alle verstorbenen Ahnen wieder zum Leben erweckt seien, dann wären auch die anderen Sterne mit Menschen bevölkert.«19 Infernalisch und mit viel bösem Mundwerk darf auch Sorokin unter den Spöttern über diesen »Neuen Menschen« nicht fehlen. Wenn Bro und seine Herzensbrüder munter gegen den Tod hämmern, bleiben hinter ihren (veget)arischen Masken und den Zuckungen der Geschwisterliebe die Zombiefratzen nicht lange verborgen. (bf)

Endnoten

1 Wolfgang Hohlbein: Die Rückkehr der Zauberer. Bergisch-Gladbach: Bastei-Verlag, 1998. S. 19.
2 Ebd., S. 54.
3 Ebd., S. 604 f.
4 Ebd., S. 605.
5 Ebd., S. 667.
6 Ebd., S. 669.
7 Ebd., S. 670.
8 Ebd., S. 673.
9 Vladimir Sorokin: BRO. Berlin: Berlin Verlag, 2006. S. 89. Die folgenden Überlegungen basieren auf meiner Rezension von Sorokins Roman für das JUNI-Magazin 39/40 [In Vorbereitung].
10 Ebd., S. 120. Im Original kursiv.
11 Ebd., S. 117 f.
12 Ebd., S. 121 f. Im Original kursiv.
13 Ebd., S. 154.
14 Ebd., S. 205.
15 Ebd., S. 239.
16 Stanisław Lem: Lokaltermin. Berlin: Volk und Welt, 1986. S. 159.
17 So stand Sorokin zwei Jahre nach Erscheinen seines Romans »Der himmelblaue Speck« (2000) unter anderem wegen angeblicher Verbreitung von Pornografie vor Gericht. Kläger waren Kreml-nahe Jugendorganisationen, die auch schon durch skurrile Bücherumtauschaktion gegen Sorokin und andere russische Kultautoren auf sich aufmerksam machten. http://www.nzz.ch/2002/02/11/fe/article7YBPH.html
18 Watson 1986, S. 126.
19 Küenzlen 1997, S. 149.

(Erstveröffentlichung: B. Figatowski: Deep Impact? Zum literarischen Nachbeben des Tunguska-Ereignisses im Jahre 1908. In: Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Heyne Science Fiction Jahr 2008, München: Heyne 2008, S. 439-467.)






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