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Hellboy: Seltsame Orte [Cross Cult/2006]

Geschrieben von yiyippeeyippeeyay , 11 June 2015 · 2835 Aufrufe

Cross Cult Dark Horse 21.Jhdt. *Mignola *Byrne

Im SFN wurde diese bahnbrechende Horror-/Steampunk-Serie in der Comicform bisher so gut wie nie konzentriert besprochen. :o Deren Schöpfer Mike Mignola arbeitete öfter in irgendwelchen Off-Titeln der großen US-Verlage - u.a. Guardians of the Galaxy, wo er einen eigenen Rocket-Raccoon-Zweig gestalten durfte! - und seine Zeichnerei war auffallend gut, aber evtl. ein wenig zu "cute", damals. Was niemand wusste: Mignola ist ein Gothic-Novel-Fan und Student & Bewunderer der viktorianischen Epoche Großbritanniens.

 

Als er dann das Ensemble-Comic HELLBOY in den Neunzigern konzipierte, war sein Hirn wohl vollgestopft mit Hintergründen zum fertigen Grundplot - über Hellboys 1. Erscheinen auf der Erde der Menschen im II. Weltkrieg - aber er traute sich nicht, das Comic zu texten. Und wand sich an den damaligen "rising star" John Byrne, der Mignolas Story in Szenen/Dialoge umsetzte. (Wobei Byrnes eigene Einführung zum ersten kompletten Kern-Band^, den Mignola zeichnete, klar macht, dass Byrne das als den leichtesten Job ansah, den er je angeboten bekam - weil Mignola ihm fast alles auf einem ständig nachgefüllten Teller verabreicht hätte. M.E. hat aber Byrne gleich zweifach - nämlich dem Comic & seinem zentralen Helden - sehr sinnvolle Geburtshilfe geleistet.)

 

Der hier besprochene letzte Kern-Band, den "storyteller" Mignola komplett selbst zeichnete ist also der bis inkl. 2010 letzte einer Reihe, die er dann zum allergrößten Teil auch selber textete:

  •   1. Saat der Zerstörung (Texte: Byrne)
  •   2. Der Teufel erwacht
  •   3. Sarg in Ketten
  •   4. Die rechte Hand des Schicksals
  •   5. Sieger Wurm

 

Warum nun diese ausholende Einführung? Weil der vorliegende 6. Kern-Band das thematische Ende von Hellboys "Zeit auf Erden", also unter Menschen, als eine Art sonderbarer Mensch verkleidet, darstellt! Als der 1. Kinofilm kurz vor der Premiere stand, wollte Mignola laut seinen Kommentaren* im Band der "Erste" sein, der das Filmende hintergrundstechnisch sozusagen an der Quelle vorweg nimmt.

 

Wir erlernen also nun so gut wie alle verbleibenden Herkunfts-Geheimnisse... Über den siebenfachen Ur-Drachen im Weltraum, der nur darauf wartet befreit zu werden und endlich die Erde für seinesgleichen einzunehmen - die klassische "Backstory" vieler Lovecraft-Erzählungen. Welche Beziehung die riesenhafte steinerne rechte Hand Hellboys zu diesem weltzerstörungsfähigen Multi-Ungetüm hat. Und dass H. eben wirklich kein (etwas kräftigerer) Mensch ist. Und das kapiert - endlich? - auch er selbst. (Die Ur-Hexe Hekate nennt ihn an einer Stelle "Bruder"...)

 

Neben vielen tollen Extras - u.a. 8 vollkolorierte Zusatzseiten ohne Text! - am Ende besteht der Band nur aus 2 längeren Erzählungen:

  Der 3. Wunsch - in Afrika wird H. von einem weisen alten Traummeister ins Meer geschickt, wo er prompt von 3 Meerjungfrauen in eine violette Palastruine am Meeresboden verfrachtet wird nachdem sie ihm einen goldenen Nagel in einen Hornstumpf treiben; was die 3 nicht wissen ist, dass sie damit auch ihr eigenes Schicksal besiegeln, wobei H. immerhin der 3. & jüngsten ein wenig helfen kann...
  Die Insel - nachdem H. lange im Meer herumtreibt, landet er auf einer kleinen britischen Insel... mit einer Abteiruine, in der er sich einer gewaltigen Simulation einer der 7 Drachen - und, nach einer fatalen Verwundung durch diesen, seiner eigenen Sterblichkeit - stellen muss...

 

Die erste ist eine meiner "top 5" Lieblings Mignola-gezeichneten Hellboy-Geschichten: Eine offensichtliche Hommage an H.C. Andersen, aber natürlich wesentlich dunkler. (Überhaupt gibt's in diesem Band mal ausnahmsweise fast gar nichts zu lachen.) Die fremdartige Beleuchtung des Unterseepalasts ist großartig ausgeführt worden von Std.-HELLBOY-Kolorist Dave Stewart, der dafür auch eine Eisner-Auszeichnung bekam. Das letztendliche Schicksal der klein(st)en Meerjungfrau fand ich rührend geschildert; wer Andersens Nixenmärchen gelesen hat, merkt: So war es wohl wirklich - kein Prinz, sondern ein großer roter Jung' im knittrigen Ledermantel, der auch nicht lange bleibt.

 

Die zweite Erzählung ist grafisch großartig, und voll gestopft mit signifikanten Ereignissen - nebenbei der Entstehung der Welt, der Menschen & Hellboys Steinhand - aber wirkt weniger gelungen auf mich. Da scheint mir Mignola nicht genug Zeit für gehabt zu haben - der karge Dialogstil, den er sonst perfekt für H. pflegt, weicht stellenweise Zitaten aus bekannten alten Filmen, z.B. Moby-Dick mit Peck als Ahab. Warum zum Teufel würde aber H. sowas in einer maximal lebensbedrohenden Krise von sich geben? -- Auch ist einfach zuviel rapide auflaufender Detail drin, so dass man nicht alles mitbekommt, auch nicht nach zweimaligem Lesen. (Nochmal soviel hilft. :P)

 

Umwerfend sind allerdings die Konsequenzen der Erkenntnisse dieses 6. Kern-Bandes - wenn man sich den Bogen der 5 Bände davor vor Augen führt (& Mignola zitiert eine Menge dieser alten Geschichten im 6. Band - es hilft also, die Anderen vorm Leseversuch intus zu haben), wird klar, dass das ganze bisherige Leben Hellboys nur eine Art Pubertät in der menschlichen Welt war. Nun hat er alles Menschliche beiseite gelegt, und bereitet sich auf seine eigentliche Mission vor - die mächtige Hand im Griff zu behalten & den Krieg gegen die Unterwelt der Feen, Hexen & Dämonen, die das Ende der (auch ihrer) Welt scheinbar herbei sehnen, anzugehen - inzwischen mehr oder weniger alleine.

 

Man stelle sich vor, das "cinematic universe" traut sich auch zu einem solchen "Ende" vor!

 

Fazit: Ich, möglicherweise einer der größten Horror-Meider der westlichen Welt (q;)), empfehle wärmstens dieses erstaunlich effektiv gestaltete lange phantastische** Melodram des menschenfreundlichen Sohn des Teufels, präsentiert in umwerfenden minimalistisch-meisterhaften Tintenbildern. Mit das dauerhaft Beste, das die Comic-Welt je zustande gebracht hat. Und ich - der den ganzen Zusatzbänden (meist von anderen Zeichnern, aber unter der Ägide Mignolas) seit diesem damals auch späten Band nicht mehr folgte - habe den Eindruck vor 4 Jahren gab es doch noch einen weiteren Kern-Band, wo es um einen gewissen Abstieg geht... Mal sehen!

 
(^ Der "Kern", den ich hier meine, ist Mignolas zusammenhängende Entwicklung von Hellboys Leben seit seiner Geburt, also bar den vielen "stand-alone"-Geschichten, die es im Umfeld der nur von ihm gezeichneten 6 Bände gibt. / * Fast jeder Band besteht aus 2 oder mehr einigermaßen abgeschlossenen Erzählungen, die Mignola immer mit einer kleinen Entstehungsgeschichte inkl. Quellgedanken dazu versieht. / ** Nie war der Sinn dieses Wortes wahrer. :qdevil:)




Hellboy rules!!! Immer noch, kann mich auch nie an ihm satt sehen!

Danke für deine Erinnerung!

Ich möchte aber sanft und sicher irgendwie unbescheiden folgenden Satz in Frage stellen: "Im SFN wurde diese bahnbrechende Horror-/Steampunk-Serie in der Comicform bisher so gut wie nie konzentriert besprochen." - naja, "konzentriert" mag stimmen, aber es gibt da ein paar Stellen im SFN, wo Hellboy erwähnt wird.

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yiyippeeyippeeyay
Jun 12 2015 21:33

Ich werde jetzt nicht das Suchfeld bemühen - das würde ja weniger Spaß machen! :D q;) Ich hatte vor allem meinen uralten Film-Thread im Visier & darin wurden die Comics wenig besprochen. Wo denn noch (länger als 1 Satz :qdevil:) im SFN?

 

P.S.: Mir ging es bei dem etwas lang gewordenen Blog-Post auch darum, die "story arc" der 1. 6 Hauptbände zu thematisieren. Die graduelle Entwicklung in den Comics ist nämlich durchaus interessant - von Elisabeth z.B. hat H. im Gegensatz zu den Filmen schon längst Abschied genommen...

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yiyippeeyippeeyay
Jun 13 2015 13:24

Klar zähl ich die dazu! Deine Krumme-Rezension hatte ich sogar gelesen & dann wieder verdrängt (:P) - ich finde den Band einen der gelungeneren Nicht-Mignola-Zeichnereien. q:)d

 

Den anderen Eintrag mit der Mutter kannte ich weder, noch kenn ich den Band! Bin gespannt!

 

Danke!

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