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Metaphernpark



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Jeff Lemire & Dustin Nguyen: Descender, Bd. 2 + 3 (Rezension, #53)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Phantastik, Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 30 September 2018 · 2511 Aufrufe
Comic, Rezension, Besprechung und 5 weitere...
Anmerkung: Zwischenzeitlich wurden auch die Bände 4 und 5 ins Deutsche übersetzt.


Jeff Lemire & Dustin Nguyen: Descender, Bd. 2 + 3

(Rezension, #53)

Die SF-Comic-Reihe Descender des US-amerikanischen Autors Jeff Lemire handelt von dem Androidenkind Tim-21, das mit seinesgleichen ums Überleben in einem Universum kämpft, in dem künstliche Wesen zum Abschuss freigegeben sind. Die Ursache liegt in der Vergangenheit: Eine gewaltige Angriffswelle bis dahin unbekannter Roboter-Raumschiffe – Harvester genannt – hat die Hauptwelten des Vereinten Galaktischen Rates (UGC) zerstört. In der Folge kam es zu einer planetenübergreifenden Vernichtung der eigenen Roboter, die als Sündenböcke für die wieder spurlos verschwundenen Harvester herhalten mussten.
Der erste Band der Descender-Serie schilderte die letzten Endes erfolgreiche Suche von Captain Tesla und des Kybernetikers Dr. Quon nach Tim-21, der über denselben Maschinencode wie die Harvester verfügen soll. Bevor Tim-21 über die Herkunft und etwaige Rückkehr der Harvester befragt werden kann, wird Telsas Gruppe von Roboter-Kopfgeldjägern (›Schrottern‹) angegriffen und auf den Planeten Gnish gebracht, dem Epizentrum der Roboterverfolgung.
Band 2 setzt diese Handlungslinie fort und beginnt mit einer Kommandoaktion des Roboters Psius, der mit seinem Roboter-Bund namens Hardwire Tim-21 und seine Gefährten befreit – und eine Brutalität an den Tag legt, die der der Gnishianer in nichts nachsteht. Psius bringt sie zum ›Maschinenmond‹, Hardwires Geheimbasis in einem Asteroidenfeld. Er hofft über das »Neuro-Netz« von Tim-21 die mächtigen Harvester zu kontaktieren, um den Spieß umzudrehen und Hardwire die Herrschaft über die Menschheit zu sichern. Schon bald wissen Tim-21 und seine Freunde nicht mehr, ob sie noch Psius‘ Gäste sind oder schon seine Gefangenen.

In einer Parallelhandlung steht Andy im Mittelpunkt, ein Schrotter, der aus ganz eigenen Motiven Tim-21 sucht: In seiner Kindheit ist er mit dem Androidenjungen aufgewachsen – seine Mutter hat Tim-21 als »Gefährten-Bot« für Andy angeschafft – und betrachtet ihn darum als seinen Bruder. Um Tim-21 zu orten, nimmt Andy Kontakt zu seiner Ex-Frau auf, die ihm ihre Hilfe aber zunächst verweigert, weil sie sich von Andy und den Schrottern insgesamt losgesagt hat. Schließlich ist da auch noch Tim-22, Psius‘ Sohn. Anders als der baugleiche Tim-21, der sich sehr positiv an Andy zurückerinnert, hasst Tim-22 menschliche Wesen und ist zudem auf Tim-21 eifersüchtig, weil dieser für den Roboter-Widerstand so wichtig sein soll. Sehr eindrücklich werden in einem Splash-Panel die unterschiedlichen Charaktere der beiden Androiden in Szene gesetzt, als sie ein VR-Spiel spielen. Während Tim-21 vor einem Drachen das Weite sucht, kauft sich sein misanthroper Doppelgänger eine titanisch anmutende Axt, mit er das Ungeheuer in Stücke haut.

Im dritten Descender-Band wird der Fortschritt der Handlung etwas verzögert, indem in Rückblicken die Vergangenheit ausgewähler Figuren beleuchtet wird. Dadurch gewinnt die gesamte Geschichte an Komplexität und wird noch unterhaltsamer. Und auch der Aspekt, wie mit den Robotern umzugehen ist, wird differenzierter behandelt, so dass zu fragen ist: Sollte man künstliche Wesen, die mit den Menschen aufgrund ihrer Intelligenz gleichwertig sind, nicht auch ›menschlich‹ – d.h. eben nicht als Sklaven und Ersatzteillager – behandeln?

Insgesamt ziehe ich folgendes Fazit: Der zweite und dritte Band der Descender-Serie bleiben empfehlenswert. Die Serie ist weiterhin spannend und inhaltlich anspruchsvoll, auch weil sie dem Erzählmotiv des künstlichen Wesens interessante Facetten abgewinnt.

Gesamteindruck für beide Bände: +++++ (5 / 5)


Bibliographische Angaben:

Jeff Lemire (Text), Dustin Nguyen (Zeichnungen): Descender. Buch 2: Maschinenmond. Bielefeld: Splitter, 2016. Hardcover. 120 S. 19,80 EUR. ISBN: 978-3958391673.

Jeff Lemire (Text), Dustin Nguyen (Zeichnungen): Descender. Buch 3: Singularitäten. Bielefeld: Splitter, 2017. Hardcover.
Bielefeld,
Splitter: 2017. 120 S. 22,80 EUR. ISBN: 978-3958391680.

(Erstveröffentlichung dieser Sammelrezension in: Michael Görden (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2017, Berlin: Golkonda Verlag, 2017. Und hier geht es zu meiner Rezension von Band 1: Blogpost #43.)

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"Boys & Books" – neue Buchempfehlungen für Jungen (dritte Auswahlliste), #51

Geschrieben von Sierra , in Preise und Auszeichnungen, Phantastik, Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 26 August 2018 · 740 Aufrufe
Kinderliteratur, Literaturpreise und 4 weitere...
Nach eine längeren Blog-Pause mache ich mal weiter. Zwischenzeitlich ist auf den Seiten von boys & books die dritte Top-Titel-Auswahl (Zeitraum: 9/2017 - 02/2018) online gegangen. Boys & books ist eine Buchempfehlungsseite für Jungen, die zweimal im Jahr jeweils fünf besonders interessante Titel für vier Altersgruppen (8+, 10+, 12+, 14+) auswählt. Die Auswahl lässt sich auch als Plakat betrachten bzw. herunterladen, eine Printversion wird bei Interesse kostenlos an Bibliotheken, Buchhandel etc. verschickt (Bestellung: kontakt@boysandbooks.de).

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Ich arbeite seit Beginn des Projekts in der Jury der Altersgruppe 10 + mit. Dies sind diesmal – teilweise mit ziemlich starkem Phantastik-Einschlag – unsere Favoriten:


Der Ameisenjunge. Der Tag, an dem ich aus Versehen in der Schrumpfmaschine landete (Band 1) - Thomas Krüger (Baumhaus) >>mehr

Hamstersaurus Rex -
Tom O'Donnell (arsEdition) >>mehr

Henry Smart. Im Auftrag des Götterchefs (Band 1) -
Frauke Scheunemann (Oetinger) >>mehr

Master of Disaster: Chaos ist mein zweiter Name (Band 1) -
Stephan Knösel (Beltz & Gelberg) >>mehr

Mist, Oma ist ein Alien (und ich bin schuld!) -
Suzanne Main (arsEdition) >>mehr

Zur ersten Top-Titel-Auswahl und einigen Informationen zum Hintergrund des Projekts geht es hier entlang. (bf)


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"Boys & Books" – neue Buchempfehlungen für Jungen (zweite Auswahlliste), #50

Geschrieben von Sierra , in Rezension, Kinder- und Jugendliteratur, Preise und Auszeichnungen 20 January 2018 · 800 Aufrufe
Kinderliteratur, Juryarbeit und 4 weitere...
Der Verein boys & books hat eine gleichnamige Buchempfehlungsseite für Jungen ins Leben gerufen, die zweimal im Jahr jeweils fünf besonders interessante Titel für vier Altersgruppen (8+, 10+, 12+, 14+) auswählt. Seit Dezember ist die zweite Top-Titel-Auswahl (Herbst 2017) vollständig online. Sie lässt sich sowohl als Plakat (pdf) betrachten als auch herunterladen.
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Die Mitarbeit in der Jury der Altersgruppe 10 + hat mir wieder viel Spaß gemacht. Dies sind unsere Favoriten, die sicher guten Anklang bei jungen Lesern finden werden:

Zombie-Zahnarzt
David Walliams >>mehr

Luzifer Junior – Zu gut für die Hölle
Jochen Till >>mehr


Evil Hero – Superschurke wider Willen,
Sandra Grauer >>mehr


Der magische Faden
Tom Llewellyn >>mehr

Ich bin einfach zu genial
Stuart David >>mehr

Zur ersten Top-Titel-Auswahl (und einigen Informationen zum Hintergrund des Projekts) geht es hier entlang. (bf)


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Der Blackthorn-Code: Das Vermächtnis des Alchemisten (Rezension, #48)

Geschrieben von Sierra , in Preise und Auszeichnungen, Phantastik, Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 17 July 2017 · 1292 Aufrufe
Abenteuerroman, Blackthorn und 7 weitere...
Ein todesmutiger Held, der sich mit einer Alchemisten-Sekte anlegt, viel Old-London-Flair und Rätsel en masse, der »Blackthorn-Code« war beim ersten Durchgang der boys & books-Juryarbeit mein Favorit. Dabei mache ich einen weiten Bogen um Apotheker-Romane und um Werke mit »Vermächtnis« im Untertitel ... normalerweise.


Der Blackthorn-Code: Das Vermächtnis des Alchemisten (Rezension, #48)

Inhalt:

Christopher Rowe, ein vierzehnjähriges Waisenkind, lebt beim legendären Londoner Apotheker und Alchemisten Benedict Blackthorn. Christopher könnte eigentlich nicht glücklicher sein, denn sein Meister lehrt ihn nicht nur das gängige Apothekerhandwerk, sondern auch die Entzifferung von Geheim-Botschaften und Rätseln. Doch leider sind es unruhige Zeiten im Jahr 1665: Mörder treiben an der Themse ihr Unwesen und fast immer sind es Apotheker, die getötet werden. Obwohl Lord Richard Ashcombe, der Beschützer des Königs, und seine Leute den Verbrechern dicht auf den Fersen sind, fällt auch Blackthorn der Mordserie zum Opfer. Zusammen mit Tom Bailey, einem befreundeten Bäckersjungen, bleibt Christopher nur wenig Zeit, um die von Blackthorn hinterlassenen Geheimcodes zu entschlüsseln und die Mörder zu enttarnen. Dabei gerät Christopher in den Dunstkreis eines mächtigen Geheimbunds um den Alchemisten Oswyn, der eine Verschwörung gegen den Hofstaat von König Charles‘ plant und dazu eine hochexplosive Substanz – das sogenannte Feuer des Erzengels – herstellen will. In letzter Sekunde kommt Christopher Oswyns Plan auf die Schliche und auf einem abgelegenen Friedhofsgelände entbrennt ein Kampf auf Leben und Tod.


Beurteilung:

»Geheimnisse über Geheimnisse. Codes innerhalb von Codes« (S. 314) – Dieser Abenteuerroman, der im historischen London des 17. Jahrhunderts spielt, ist ausgesprochen spannend! Kevin Sands gelingt es in der unterhaltsamen Geschichte bravourös rätselhafte, actionreiche und humorvolle Handlungselemente zu verbinden, sodass der junge Leser das Buch vermutlich gar nicht aus der Hand legen will. Christopher, der die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt, ist ein sympathischer Protagonist, der in vielen brenzligen Situationen List und alchemistisches Wissen an den Tag legt. Obwohl er ein Waisenkind ist und vielen Lesern diese Lebenslage möglicherweise nicht vertraut ist, eignet sich Christopher dennoch gut als Identifikationsfigur. Sein Freund Tom übernimmt dabei die Rolle des unterstützenden Begleiters. Obwohl er nur ein »Möchtegerne-Soldat« (S. 11) ist, vermittelt er Christopher – und damit auch dem Leser – selbst an besonders geheimnisvollen Orten und in gefährlichen Situationen ein Stück Geborgenheit. Außerdem ist Tom immer für einen lustigen Wortwechsel mit Christopher gut, sodass der Humor in der Geschichte nicht zu kurz kommt.

Der »Blackthorn Code« greift eine ganze Reihe von interessanten Themen auf: Neben dem Kriminalplot, der natürlich sogleich an Arthur Conan Doyles Geschichten um »Sherlock Holmes« denken lässt, werden durch die Themen Freundschaft und die Alchemie – als eine spannende Geheim- und Grenzwissenschaft – weitere Leseanreize geschaffen. Die Geschichte ist aber auch wegen der Überschneidungen zum Mystery-Genre originell. Denn die Rätsel, die Blackthorn seinem Lehrling hinterlassen hat, sind sehr stimmig mit der Handlung verwoben und werden nur schrittweise gelöst. Zum einen wird der Leser aufgefordert, die Codes gemeinsam mit Christopher zu entschlüsseln und so auf beinahe interaktive Weise Anteil am Handlungsfortschritt zu nehmen. Zum anderen dienen die Rätsel als retardierende Elemente, um den dramatischen Höhepunkt der Handlung, die insgesamt nur wenige Tage umfasst, hinauszuzögern.

Der Roman lässt sich flüssig lesen und trumpft mit einem buchstäblich explosiven Showdown auf, bei dem die Verschwörer ihre geballte Ruchlosigkeit an den Tag legen. Für sensible Leser könnten allerdings einige der Kampfdarstellungen womöglich zu einer kleinen Belastungsprobe werden. Andererseits obsiegt Christopher letzten Endes immer dank seiner Cleverness und nicht wegen seiner Kampfkraft. (bf)


Gesamteindruck: ++++ (5 / 5)


Bibliografische Angaben: Kevin Sands: Der Blackthorn-Code. Band 1: Das Vermächtnis des Alchemisten. München: dtv, 2016. S. 330. ISBN: 978-3-423-76148-2. EUR 15,99.

Quelle: boys & books, Juli 2017

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"Boys & Books" – eine neue Buchempfehlungsseite für Jungen (Top-Titel 09/16 – 2/2017), #47

Jugendliteratur, Kinderliteratur und 3 weitere...
"Boys & Books" – eine neue Buchempfehlungsseite für Jungen (Top-Titel 09/16 – 2/2017)

Der Verein boys & books hat eine gleichnamige Buchempfehlungsseite ins Leben gerufen, die zweimal im Jahr aus den Neuerscheinungen des deutschsprachigen Buchmarkts je fünf Top-Titel für die vier Altersgruppen (8+, 10+, 12+, 14) präsentiert. Das Projekt geht zurück auf eine Initiative der Literaturwissenschaftlerin Professorin Dr. Christine Garbe und ihren MitarbeiterInnen an der Universität Köln. Nachdem die Webpage nach ihrer Erstellung im Jahr 2012 zunächst ein reines Rezensionsportal war – mit dem Ziel der Leseförderung von Jungen –, hat sie nun mehr den Charakter eines Literaturpreises.

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Die Jury-Mitglieder sichten die Neuerscheinungen für ihre Altergruppe und wählen ihre Favoriten anhand eines kriteriengeleiteten Bewertungsbogens aus, in zweimal jährlich stattfindenden Treffen wird die Vorauswahl diskutiert und es werden dann endgültig die "Top-Titel" festgelegt.
Ich habe im Frühjahr dieses Jahres mit viel Spaß an der Sache bei dem Auswahlprozess in der Jury der Altersgruppe 10 + mitgearbeitet. Trotz der vielen Neuerscheinungen haben wir uns sehr einvernehmlich – Christian Dudas Roman "Gar nichts von allem" bildete die Ausnahme von der Regel :devil: – auf unsere "Top-Liste" festgelegt:

So überlebte ich das Schuljahr trotz Aliens, Robotern und der grausamen Missy
Jennifer Brown >>mehr

Broccoli-Boy rettet die Welt
Frank Cottrell Boyce >>mehr


Jack, der Monsterschreck. Band 1: Den Letzten beißen die Zombies,
Max Brallier >>mehr


Der Blackthorn-Code. Band 1: Das Vermächtnis des Alchemisten
Kevin Sands >>mehr

Game Over. Wir retten die Welt
Susanne Rauchhaus>>mehr

Zu meiner "Vorgeschichte" mit dem Projekt: Als ich gefragt wurde, ob ich an einer Mitarbeit Interesse hätte, habe ich gar nicht lange gefackelt und sogleich zugesagt. Ich finde es sympathisch, dass boys & books – im Unterschied zu manchen anderen Literaturpreisen – keine Berührungsängste mit Genre- und Unterhaltungsliteratur für junge Leser hat. Ganz im Gegenteil erkennt boys & books ihr Potential für die Leseförderung von Jungen an, sieht aber angesichts der Vielzahl der Neuerscheinungen auch die Notwendigkeit der Orientierung und Auswahl.
Ich erhoffe mir zudem von dem Projekt Impulse für eine Neubewertung der phantastischen Literatur im Rahmen der Leseförderung, etwa in Schulen oder Bibliotheken. Dass bei unserem ersten Durchgang u.a. neben Rauchhaus' SF-Comicroman "Game Over – Wir retten die Welt" auch die Anti-(Super)heldengeschichte "Broccoli Boy", die Dystopie "Stone Rider" mit Anklängen an "Mad Max" und Morton Rhues dystopisches Seefahrerabenteuer "Creature – Gefahr aus der Tiefe" eine Empfehlung bekamen, nehme ich als positives Signal wahr. Kinder und Jugendliche selbst müssen von diesen phantastischen Lesestoffen wohl kaum überzeugt werden, schließlich sind Phantastik und Science Fiction (Collins' "Tribute von Panem", Dashners "Maze Runner" etc.) nach wie vor recht beliebt bei jungen Lesern. (bf)


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Wale können Planeten fressen (»Weltraumkrümel«, Rezension, #42)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur 12 May 2017 · 469 Aufrufe
Comic, Weltraumkrümel und 3 weitere...
Wale können Planeten fressen
Craig Thompson: »Weltraumkrümel« (Rezension)

Der vielfach preisgekrönte Comic-Zeichner Craig Thompson entwirft in seinem Werk »Weltraumkrümel« eine märchenhafte Welt der Zukunft, in der die Raumfahrt selbstverständlich geworden ist und auch Außerirdische weitgehend friedlich mit den Menschen koexistieren. Trotz des technischen Fortschritts ist jedoch das Energieproblem nicht gelöst, denn die Vorkommen an Erdöl, Uran und »Sternstaub« (!) sind versiegt. Und so ist die Menschheit – eine sehr weitreichende Erzählprämisse – auf die Tierwelt zurückgeworfen: Durch das Weltall streifen riesenhafte Wale, die sich von Himmelskörpern und Weltraummüll jedweder Art ernähren. Ihre energiereichen Exkremente sind die Energieträger, die die Menschheit notgedrungen zur Aufrechterhaltung ihrer Infrastruktur braucht. Diese alternative Form der Energienutzung hat allerdings den Schönheitsfehler, dass Wale auch bewohnte Planeten auf ihrem Speiseplan haben.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Violet, die mit ihren Eltern in bescheidenen Verhältnisse in einer interstellaren Wohnwagensiedlung lebt. Ihre Mutter arbeitet als Näherin in der »Fashion Factory«, ihr Vater, Müllwerker und Energietechniker in einem, schippert in seinem Raumschiff durch den Weltraum und sammelt Wal-Exkremente ein. Als der Alt-Rocker bei einem Arbeitseinsatz verschollen geht, macht sich Violet unverzüglich auf die Suche nach ihm. Unterstützung erhält sie von einem hochintelligenten wie vorwitzigen Hühnchen namens Elliot und Zachäus, einer orangen Alien-Ameise (?), die sie auf der Fahrt in einem Space-Trike begleiten. Obwohl Violet anfangs von niemandem ernst genommen wird, stellen sich nach den ersten Recherchen und Abenteuern Erfolge heraus. So findet Violet heraus, dass das Verschwinden ihres Vaters mit einer riskanten Spezialaufgabe zu tun hat, die darin bestand, dass er ein Walbaby einfängt. Da diese Mission alles andere als erfolgreich war, macht sich Violet nun selbst todesmutig auf die Suche nach ihm in den Revieren der Weltraum-Wale.
Craig Thompsons »Weltraumkrümel« richtet sich als Comic an eine altersgemischte Leserschaft. Das wird nicht nur durch die Erzählprämisse der Weltraum-Wale und dem damit verbundenen skatologischen Humor (Stichwort: Verdauungsprodukte) deutlich. Neben der kindlichen Hauptfigur, deren lustigen Sidekicks Elliot und Zachäus soll viel Slapstick-Action jüngeren Lesern Leseanreize bieten. Gleichzeitig adressiert Craig Thompson den erwachsenen Leser, was sich beispielsweise in der Kritik an der kapitalistischen Geschäfts- und Arbeitswelt, der Rocker-Ästhetik des Bandes und einigen intertextuellen Verweisen spiegelt.

Thompsons Grundkonzept ist sicherlich gut durchdacht und liegt durchaus im Trend, wenn man an die gegenwärtige Zunahme von All-Age-Titeln denkt, und doch kann es nicht gänzlich überzeugen. Die Story krankt daran, dass sie auf den oben angesprochenen Adressatenebenen nur unzureichend ausbalanciert wirkt, sodass kein organisches Erzählgebilde geschaffen wird. Dies wird offensichtlich, wenn einige Handlungsteile komplett ins Skurrille abdriften – man denke etwa an den Kampf zwischen Violet und Zuccinus, Zachäus' Bruder und Nachwuchs-Ninja, der zu ihren Gunsten ausgeht, weil sie ihn mit ihrer Zahnseide (!) lassoartig zu fesseln vermag. In anderen Panelsequenzen ist fraglich, ob der junge Leser angesichts der überbordenden und unruhigen Farbwahl und dem »Primat der Niedlichkeit« ernst genommen wird, sodass gar der Eindruck von Anbiederung erweckt wird. (bf)

Gesamteindruck: ++ (2,5 / 5)


Bibliografische Angabe: Craig Thompson: Weltraumkrümel. Übers. von Matthias Wieland. Berlin: Reprodukt, 2015. 320 S. 22,80 EUR. ISBN 978-3956400513.

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Sascha Mamczak und Hannes Riffel (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2016, Berlin: Golkonda 2016.)

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Es gibt Helden, es gibt Superhelden – und dann gibt es noch »Birne« (Teil 2, #39)

Geschrieben von Sierra , in Phantastik, Kinder- und Jugendliteratur 14 April 2017 · 831 Aufrufe
Günter Herburger, Birne und 7 weitere...

Der erste Teil dieses Essays, in dem ich auch auf die Biographie Günter Herburgers eingehe, erschien am 6.4.2017 in meinem Blog.


Es gibt Helden, es gibt Superhelden und dann gibt es noch »Birne«
Über die phantastischen Kinderromane Günter Herburgers
(Teil 2, #39)

Das Birne-Herz schlägt links

Bereits in der ersten Geschichte dreht die sprechende Birne voll auf und vereitelt einen Flugzeugabsturz, indem sie eine ausgefallene Scheinwerferlampe ersetzt. In anderen Geschichten rettet Birne einen Astronauten, der bei einem Weltraumspaziergang wegzutreiben droht, oder verhindert eine Ölkatastrophe und ein riesiges Fischsterben im Rhein. Es irrt, wer nun glaubt, Birnes Taten würden sich lediglich auf das Katastrophenmanagement konventioneller Superhelden beschränken. Birne hilft nicht nur Benachteiligten, sondern setzt sich mit ihrer Lebenssituation auf politische und sogar philosophische Weise auseinander.

Sie ist die Sozialarbeiterin unter den Superhelden und will immer wissen, wie es dazu kommt, dass jemand plötzlich auf die Hilfe eines Superhelden angewiesen ist. Unter den Birne-Bedürftigen finden sich einsame Kinder, deren Eltern ganztägig arbeiten und keine Zeit für sie haben, Arbeiter, die auf unmenschliche Weise ausgebeutet werden, oder Kybernetiker, die wegen eines technischen Defekts ihrer Rechenanlage verzweifeln. Und auch Gesetzesbrecher sind nicht ausgenommen, gemäß der Wilde’schen Definition der Moral als einer »Haltung, die wir gegen Leute einnehmen, von denen wir persönlich nicht erbaut sind1 Als Birne in der Geschichte »Birne und die Räuber« zwei Kriminelle vertreibt, die in einem leer stehenden Haus einen Tresor knacken wollen, beichten diese, dass sie bloß aus Hunger stehlen. Auf Birnes spontanen Vorschlag, eine alte Autobatterie aus dem Garten mitgehen zu lassen und diese zu verkaufen, reagieren die Räuber wenig begeistert und misstrauisch:
»›Ich soll eine Batterie stehlen‹, sagt der Räuber, ›damit du es dann der Polizei erzählen kannst.‹
Ich sage nichts‹, beruhigt Birne den Räuber. ›Wer Hunger hat, darf ein bißchen stehlen, er muß nur sagen, weshalb er es tut.‹«2

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Birne - Superheld und Beichtvater in Personalunion
[Abbildung: Wikipedia, Pko: Neogotischer Beichtstuhl, Lizenz: CC BY 2.5]

Um dieser Grenzüberschreitung etwas von ihrer Schwere zu nehmen, lässt Herburger die Geschichte mit einem antiautoritären Schabernack enden und Birne »einem Polizisten, der gerade Streife geht, ein klein wenig leuchtende Birnenkacke auf die Mütze fallen3
Noch vor der ökologischen Wende engagiert sich Birne für die Umwelt, wenn sie den Bauern die Ausbeutung von Nutztieren ausredet, die Jagd auf Wildschweine und Rehe sabotiert, das Leck eines Öl-Tankers auf dem Rhein verschweißt oder den Holzfällern eine der Grundregeln des sustainable development einbläut: »Wer abholzt, muß auch wieder pflanzen4

Birnes Herz schlägt also links. Doch woher speist sich eigentlich Birnes Hoffnung, dass ihre Vorschläge tatsächlich umsetzbar und nachahmenswert sind? Hier ist erstens der Glaube an die Vorteile neuer Technologien aufzuführen, mit denen Birne die Arbeiterschaft quasi volkspädagogisch beglücken will. Als sie bei einem Tunnelbau Zeuge wird, wie der Bohrer einer Bohrmaschine zerbricht, leistet Birne schnelle Hilfe. Indem sie sich mit einem Stahlmantel und einem »Überzug aus Wolfram, Tantal und Molybdän«5 ausrüstet und sich als lebendiger Bohrer an der Bohrmaschine befestigt, gelingt es ihr, den Tunnel zu erweitern und die Überlegenheit technologischen Know-Hows zu demonstrieren. Bei einem Wochenendausflug ans Mittelmeer trifft Birne auf arbeitslose Fischer, »während überall an den Küsten die Hotelbesitzer und Inhaber von Campingplätzen immer mehr Geld scheffeln.«6 Gemäß dem Motto, dass die Zukunft im Wasser liege, lernen die Fischer von Birne die Kunst des Tauchens und des Bewirtschaftens von Algengärten. Beim Sommerfest nach der Ernte könnte die Laune bei Groß und Klein nicht besser sein: »Selbst Kinder dürfen Wein trinken, und niemand schimpft, wenn sie betrunken herumtorkeln.«7
Wichtig ist zweitens, und das ist ausführlicher darzustellen, die Vorstellung, dass die Selbstermächtigung des Arbeiters zu einem Motor des sozialen Wandels werden könnte, wozu Streiks und (Zwangs-)Kollektivierungen von Fabriken und Arbeitsstätten besonders nützlich sind.


Wenn Birnen streiken

Birne will Salz in die sozialen Wunden der kapitalistischen Verhältnisse streuen, und die Verbesserung der Lage der Arbeiter weltweit liegt ihr besonders am Herzen. Diese Handlungsmaxime lässt an die oben erwähnte Selbstauskunft Herburgers aus dem Jahr 1977 denken, in der er das Schicksal des Arbeiters für jede literarische Wirklichkeitserkundung als elementar ansieht: »Sie [Die armen Leute] beherbergen einen immensen Schatz an peinigender Erfahrung, der immer wieder darauf dringt, sich den Widersprüchen und krassen Vertragsbrüchen zu stellen. Wer als Schriftsteller von den Armen keine Hilfe verlangt, hat seinen Beruf verfehlt. Er mißachtet die grausamste und fruchtbarste Quelle an Erkenntnis, gibt klein bei, fügt sich der Regie des Übereinkommens und fürchtet sich vor der Angst, die ihm, dem Produzenten von erstrebenswerter Wahrheit, teuer sein müßte bis hinein in den eigenen Untergang.«8

Welche Wahrheiten und Utopien schürft Birne nun aber ans Tageslicht? Ortstermin in einer Kleiderfabrik: Obwohl Birne mit Hilfe der Erfindung eines Flüssigfadens und einer neuartigen Bügelmaschine die Kleiderherstellung automatisiert hat, währt die Freude der Näherinnen über die Arbeitserleichterung nicht lange. Denn der Fabrikdirektor will nun, dass die Arbeiterschaft mehr arbeitet, um seinen Profit zu steigern. Als sich die Näherinnen jedoch weigern und ihm zu verstehen geben, wie sehr er von ihrer Arbeitskraft abhängig ist, überrascht der Chef mit einer utopischen Einsicht: »Ich bin auf euch angewiesen. Ohne euch steht die Fabrik leer. Wißt ihr was? Die Fabrik gehört uns allen zusammen, und alles, was wir verdienen, verteilen wir gleichmäßig an alle.«9 Und der Leser muss diese unerwartete Wendung erstmal zusammen mit den Näherinnen verdauen: »Du bist der erste Direktor der Stoffindustrie, der nicht habgierig ist.«10

Birne ist allgegenwärtig und agiert international. So reformiert er auch die chinesische Betriebswirtschaft, sodass Arbeiter und Bauern nunmehr gemeinsam mit den Chefplanern entscheiden dürfen, »welches Korn gepflanzt werden soll und wie lange die Schweine Mastfutter erhalten.«11 Doch nicht überall geht die Kollektivierung von Fabriken so leicht von der Hand. Ruft Birne dann den Betriebsrat auf den Plan? Weit gefehlt: In diesen Fällen wird die Fabrik zu einer Art Boxring, in dem es durchaus schlagkräftig zugeht und Gewalt – nicht unproblematisch – durchaus ultima ratio ist. Ein anderes Beispiel aus dem Band »Birne kann noch mehr«: Bei dem Besuch einer Autofabrik trifft Birne auf eine ausgebeutete Arbeiterschaft und verlangsamt als erstes das Fließband, womit sie für ein chaplineskes Tohuwabohu sorgt, bei dem nicht nur eine Milchtüte auf der Nase des Werkmeisters zerplatzt. Beim Übergang zur Selbstverwaltung ist staatliche Einflussnahme unerwünscht: »Die Polizei hat kein Recht, in die Fabrik zu kommen, nur weil die Arbeiter eine Versammlung abhalten. Ohne Arbeiter gäbe es gar keine Fabrik. Werkmeister und Direktoren allein können keine Autos bauen.

Eingefügtes Bild Ich schlage vor, wir gehen zur Teststrecke und untersuchen einmal, wie gut die Autos sind, die in der Fabrik hergestellt werden.«12 Gesagt getan, und natürlich überzeugt der anschließende Auspufftest von tausend Neuwagen die Führungsetage vollends, da Kohlenmonoxid einfach das bessere Argument ist: »Die Arbeiter kurbeln die Fenster hoch. Die Ingenieure und der Direktor rufen um Hilfe. Sie sind blau im Gesicht, so wenig Luft bekommen sie zum Atmen.
Wer Kinder hat, soll hupen‹, sagt Birne.
Ein Hupkonzert ertönt auf dem Platz. Die Ingenieure und der Direktor halten sich die Ohren zu.
Kapiert‹, ruft Birne, ›verstanden, begriffen?‹
Die Ingenieure und der Direktor fallen nach ein paar Atemzügen um. Sie sind ohnmächtig geworden. Jetzt werden sie endlich einsehen, daß die Autos bessere Auspuffanlagen und sauberes Benzin brauchen.«13

Die denkwürdigste von Birnes Fabrikutopien beginnt mit einer Vollversammlung aller Glühbirnen (»Birne in der Birnenfabrik«). Anlass ist eine Art Marktversagen: Obwohl Glühbirnen widerstandsfähiger und langlebiger produziert werden könnten, verschließt sich die Industrie der Innovation und produziert aus Profitgründen mangelhafte Birnen. »Die Fabrikbesitzer werden immer reicher, weil die Leute immer wieder neue Birnen kaufen müssen. Und die Birnen […] glauben, sie würden ewig leben[,] und strahlen vor Freude, aber nach wenigen Monaten brechen oder schmelzen ihre Glühfäden.«14 Wieder ist es nicht der Staat, der eingreift, sondern natürlich Birne, die fortan mit einem cleveren Vorarbeiter Energiesparbirnen in Eigenregie herstellt. Um durch Nachrüstung mit unschmelzbaren Glühfäden unsterblich zu werden, schrauben sich die alten Birnen aus ihren Fassungen und begeben sich in die Fabrik: »[D]ie ganze Stadt wird dunkel. Wer Auto fährt, muß stehenbleiben. Wer liest, kann nur noch gähnen. Wer auf der Toilette sitzt, muß stillhalten. Auch die Fernsehapparate verlöschen, weil die Röhren ebenfalls erneuert werden sollen. Die Leute in der Stadt sind machtlos.«15

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass gerade in den ersten beiden »Birne«-Büchern die unverbrüchliche Überzeugung deutlich wird, dass Technik auf der Seite der Schwachen steht und selbst utopische Ziele erreichbar macht. Doch auch Solidarität und Organisation sind wichtig, wie »Birne in der Birnenfabrik« zeigt: selbst der Streik eines scheinbar unwichtigen Elements des Arbeitsprozesses kann dann für einen echten Blackout sorgen, vor dem niemand nirgendwo sicher ist.


Birne vs. Superman

»Wer dumm regiert, in die Pension marschiert!«16

Die ersten starken Zweifel an den Fähigkeiten der Politiker kommen Birne bei einer chaotisch verlaufenden Versammlung im Bundestag (?), in der die Notwendigkeit der Aufrüstung diskutiert wird. Zeugin geworden, wie einzelne Protestler des Saales verwiesen werden, sabotiert Birne das Lautsprechersystem und deklamiert zusammen mit der aufgebrachten Menge antikapitalistische und selbstermächtigende Reime: »Wer nicht zufrieden mit den Parteien […] wählt jemand aus den eigenen Reihen! Wir machen mit, solange er uns vertritt.«17 Der Protest der aufgebrachten Menge gipfelt schließlich darin, dass alle vom Bürgermeister den Bau von Schulen und Schwimmbädern einfordern, was dieser auch prompt ausführt, »denn was die Mehrheit beschließt, wird ausgeführt18
Birnes Weltverbesserungsmaschine läuft bald heiß und nimmt keinerlei Rücksicht auf Idole und Ikonen, ganz gleich, ob sie der christlichen Glaubenswelt oder der westlichen Populärkultur entstammen.19 Kaum werden bei einem Autounfall Menschen verletzt, ruft Birne schon Jesus aus einer nahen Kirche herbei. Der kommt wirklich, leistet erste Hilfe und belebt den Verletzten durch Mund-zu-Mund-Beatmung. Doch als die Menschen ihn wieder zurück in die Kirche bringen und ans Kreuz nageln wollen, weigert sich Jesus: »›Ich will nicht mehr ans Kreuz! Wollt ihr denn immer einen Verletzten als Vorbild? Ich bin wie ihr! Ich will mich freuen und anderen helfen, die in Not sind.‹«20 Fortan »hängt kein Verletzter mehr am Kreuz. Die Kreuze wurden abgeschafft21

Warum Superman keine echte Alternative zur Birne ist, erfährt der Leser in einer amüsanten Geschichte, die auf die Studentenrevolten von 1968 anspielt. Nachdem Birne Superman aus seinem Comicheft befreit hat, möchte Birne, dass Superman zum Dank eine Demonstration gegen die Polizei verteidigt. Superman outet sich jedoch als kronloyal und stockkonservativ, gibt aber schließlich doch nach: »›Ich kenne nichts Besseres als unsere Regierung‹, sagt Superman, ›ich kämpfe für sie und gegen das Verbrechen.‹
Du bist stark, aber dumm‹, sagt Birne. ›Solche Leute mag die Regierung, sie sind für sie bequem. Sie fragen nicht, sie arbeiten geduldig für wenig Geld, damit die Reichen noch reicher werden.‹
Von einer Glühbirne lasse ich mir keine Unverschämtheiten gefallen‹, sagt Superman. ›Ich bin Superman, ich bin für die Gerechtigkeit.‹
Das freut mich‹, sagt Birne. ›Bei uns machen die Studenten eine Demonstration, weil sie schlechte Schulen haben. Verkleide dich als Polizist und nimm mich mit.‹«22

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Und tatsächlich erfüllt Superman diese Bitte und vermöbelt zum Schutz der Demonstranten die gesamte Polizei: »Zwei Reihen legt er auf die Straße. Dem Wasserwerfer biegt er die Spritze krumm, so daß er sich selbst bespritzt und die Fahrer nichts mehr sehen. Pferde, auf denen Polizisten sitzen, stellt er auf Balkone. […] Polizisten schießen Tränengasgranaten, doch Superman bläst den Nebel wieder zurück, so daß die Polizisten weinen müssen und nichts mehr sehen.«23 So weit, so gut. Doch leider schießt Superman etwas über das Ziel hinaus und droht in seinem Zerstörungswerk die gesamte Stadt zu vernichten. Bevor der stärkste Mann Amerikas seiner gesamten moralischen Autorität verlustig geht, schreitet Birne ein und befördert ihn in sein Comicheft zurück.

Wie es sich in der nächsten Geschichte herausstellt, ist Supermans Ausraster nur die Ouvertüre zu einer viel größeren Katastrophe, nämlich einem echten Weltkrieg (»Birne und der Krieg«): Wer gegen wen kämpft, weiß man nicht. Birne erklärt lediglich wie ein Naturgesetz: »›Die Leute sind unzufrieden, fangen an zu streiten, schließlich schießen sie‹, sagt Birne. ›Im Krieg gehen Soldaten aufeinander los und versuchen, sich zu töten.‹«24 – Und dann kommt’s dicke. Es fliegen Giftgasgranaten, Atomraketen, auch Phosphor wird eingesetzt; der Krieg lässt weder Menschen noch Märchen- und Comicfiguren wie Winnetou, Pippi Langstrumpf und Flipper unversehrt. Und auch der zwischenzeitlich wieder vernünftig gewordene Superman kapituliert angesichts des Ernstes der Lage. Schließlich hat Birne keine Wahl mehr, als die Weltherrschaft zu übernehmen, indem sie eine künstliche Eiszeit herbeiführt, die den Menschen den Spaß am Kämpfen nimmt: »Den Generälen, die immer sitzen und beratschlagen, wachsen Eiszapfen an den Hintern. Selbst eine Zigarettenmarke, die Roth-Händle heißt und an Wärme erinnert, ändert plötzlich ihre Schrift und heißt Schnee-Händle. Der Tabak hängt bleich und traurig aus dem Papier. Der Krieg ist endgültig aus.«25


Zombie-Alarm in Liechtenstein!

»Wo ist der Reichtum der westlichen Welt geblieben?«26

Der dritte Band mit Birne-Abenteuern beginnt unerfreulich. Denn Birnes Weltherrschaft währt nicht allzu lange, da den Menschen und Märchenfiguren das Leben in Birne-Utopia keinen richtigen Spaß macht; es fehlen die Unterschiede und Klassen und die sogenannte Selbstverwirklichung. Ihr Statusdrang und ihre Langeweile widern Birne an und sie erklärt das Birne-Zeitalter kurzerhand für beendet; die Gesellschaft wird wieder kapitalistisch und die Probleme kapital.

Da die Wirtschaft den Bach runtergeht, sind nicht mal Superhelden vor der Arbeitslosigkeit ausgenommen. Es dauert nicht lange, und die Lampen werden auf Notbeleuchtung umgestellt, mit einem Mal wird auch Birne entbehrlich und aus ihrer Fassung herausgeschraubt. Auf dem Arbeitsamt hat man für Birne keine Verwendung, zudem fehlen ihr Zertifikate und akademische Titel, ohne die es heutzutage nicht mehr geht. Frustriert und immer noch fassungslos nimmt Birne Reißaus und begibt sich auf eine ausgedehnte Reise durch ferne Länder, den Kosmos, die Vergangenheit und die Zukunft und sogar das Jenseits. Meistens bewegt sich Birne durch Fliegen fort, was aber nicht nur den Konventionen des Superheldenmotivs geschuldet ist. Fliegen ist auch an anderen Stellen in Herburgers Werk ein Element mit hoher Symbolkraft: »Nur im Flug kann das Wahnsystem der Realität überwunden werden, nur das Fliegen öffnet jenen Raum des Phantastischen, den Herburger mit seinen Gedichten, Romanen und Erzählungen besiedeln will.«27

War es früher besser? Pustekuchen! Schon bald muss Birne feststellen, dass die Vergangenheit niemals rosiger und unschuldiger war, und Menschen seit jeher von Menschen ausgebeutet wurden. Anschauliche Beweise liefern ihr die unerfreuliche Bekanntschaft Ludwigs XIV., der sein Volk zu seinem Privatvergnügen bluten lässt, ein Besuch der Stadt Esslingen zur Zeit der Hexenverbrennung und der Bau eines Pharaonengrabmals im Alten Ägypten. Auf ihrer Reise muss Birne eine Notlandung in der Zukunft machen, im Fürstentum Liechtenstein, wo sie einige besonders gruselige Erfahrungen sammelt.

In dem ehemaligen »Spielcasino unter freiem Himmel mit schönen Häusern, gepflegten Bäumen, Rabatten und Swimmingpools«28 ist es für Milliardäre nicht mehr so gemütlich wie noch im 20. / 21. Jahrhundert, was aber nichts mit einer verbesserten Steuerfahndung zu tun hat: »Da in der Zukunft der Reichtum weniger immer noch zunahm, die Armut der meisten jedoch über alle Maßen, haben sich sämtliche Milliardäre nach Liechtenstein geflüchtet, um in gewohnter Umgebung zu überleben.
Platz ist sehr knapp geworden. Die Milliardäre und Milliardärinnen wohnen in goldenen Vogelbauern, die dicht nebeneinander stehen. Im Innern der Häuschen gibt es vor Enge keine Betten mehr, nur noch Hängeschlaufen aus Damast oder Diamantplüsch zum Schlafen. Die Swimmingpools mußten zu Edelsteinnäpfchen verkleinert werden, und wo früher Bäume und Büsche, Blumen und Gräser wuchsen, wird deren Form, Farbe und Geruch von flutenden Fernsehspiegelungen dargestellt.«29

Aufgrund von Raumnot vertreiben sich die Milliardäre die meiste Zeit mit klaustrophobischen Geschicklichkeitsspielen, die viele Todesopfer verlangen. Als Birne ihnen verrät, dass Zärtlichkeiten ihr Leben lebenswerter machen könnten, beginnen die Milliardäre sogleich, sich hohe Dosen von Streicheleinheiten zu verabreichen. Doch wie so häufig zeitigen Birnes gutgemeinte Verbesserungsvorschläge böse Folgen: »Ein Seufzen und Stöhnen steigt zu den Fadenscheinwerfern der Sportarena auf, das jedoch bald in Klagen, Wimmern, Ächzen und Schreien übergeht. Denn die Reichen betragen sich nicht vorsichtig genug, was für Zärtlichkeit eine wichtige Voraussetzung ist, damit sie sich zu entfalten vermag. Die Milliardäre und Milliardärinnen wollen alles und sofort. Sie beißen sich, würgen sich, reißen sich gegenseitig Stücke aus den Backen, kugeln Gelenke aus. Fäuste stoßen zu, Blut beginnt zu fließen. Statt daß sanfte Wonnen wie ein gemeinsames Lied erklängen, ertönt Kreischen und Knurren aus Hast und Gier. Die Arena gleicht bald einem Zoo, in dem wild gewordene Tiere sich zerfleischen.«30

Birne gibt wieder Fersengeld. Die restliche Zukunftsreise Birnes ist nicht weniger deprimierend, beim Leser werden Erinnerungen an den Film Soylent Green und an reale Katastrophen der Gegenwart wach: Planet Erde ist heruntergewirtschaftet, kaputt und ausgebeutet; es herrscht Platznot, sodass die Toten nicht mehr begraben, sondern nur noch verbrannt werden. Und auch Birnes Fortschrittsoptimismus, der sonst jede Situation rettet, bietet keinen Trost mehr; unser Superheld muss sich gar von einer anderen Birne anhören: »Ich kann diese Fortschrittsgläubigkeit, diese verrottete Hoffnung in die Technik nicht mehr hören. Zu viele Menschen. Sie essen alles auf, erdrücken jeden Entschluß. Wo einer zugreift, machen gleich hundert mit und zerstören alles wieder. Nichts läßt sich mehr bewahren.«31

Zuviel Dystopie tut weh – verständlich, dass Birne sich nun im Weltraum umschaut. Dort trifft sie auf ein schwarzes Loch, das sich mit einem Akronym bezeichnet, das Birne als Science-Fiction-Leserin nicht unbekannt ist.


Birne trifft auf LEM

»›Wo ist die Sonne‹, fragte Birne.
Ich habe sie gegessen‹, antwortete die Stimme.«32

Birne ist irritiert, – und das will was heißen –: Ein schwarzes Loch, das nur mal so eine Sonne verschluckt hat und dazu noch ausgerechnet »LEM« heißt: »›Meines Wissens nennt sich zurzeit ein polnischer Schriftsteller so. Er schreibt die besten Science-Fiction-Bücher der Welt.‹
Zeit spielt keine Rolle‹, dröhnt es zurück. ›In mir sind Geschwindigkeit und Dauer aufgehoben. Zuerst war ich ein Weißer Riese, dann ein Roter Zwerg und wurde noch dichter, bis ich vor eigener Schwere in mich zusammenstürzte. Alle Orgelwerke der Welt sind in mir wie ein einziger Ton, alle Gebirge wie ein flüchtiges Sandkorn. LEM heißt Lästerlich Entwickelte Masse oder Long Emphasized Memory, was wieder mit Längst Entschiedenes Memento übersetzt werden könnte.‹«33

Vor so viel kosmischer Entität wird Birne Bange, doch der weise LEM lässt sie erst gehen, nachdem er sie davon überzeugt hat, dass Vergangenheit und Zukunft nur unzureichende Fluchtwelten sind: »Flucht nützt nichts. In der Vergangenheit findest du nicht die Verklärung, nach der du dich sehnst, eher empfangen dich dort die vergessenen Schrecken. In der Zukunft erwartet dich nicht die erhoffte Erlösung, vielmehr sammeln sich dort die Versäumnisse der Gegenwart. Man kann zwar manchmal dem Schicksal ausweichen, wenn man genügend Geld hat, nie aber der Logik der Möglichkeiten.«34 Birne tut wie ihr geheißen und reist zurück, um sich wieder den sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten der Gegenwart zu widmen.

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Stanislaw Lem, 1966
[Abbildung: Wojciech Zemek, Wikipedia. Lizenz: CC BY-SA 3.0]

Es liegt nahe, in dieser Birne-Geschichte eine Hommage an den berühmten polnischen Schriftsteller Stanislaw Lem zu sehen, der zeitweise Herburgers Briefpartner war.35 Mehrere Male hat Herburger Lems Werk gelobt und betont, dass er es »an wissenschaftlichem Kalkül, Sensibilität, Vorstellungskraft und hinreißender Erzählmethodik«36 für unvergleichlich und nobelpreiswürdig hält: »Sie [Lems Dichtung] ist […] der Aufbruch aus der Mitte der Menschen zu Schärfe der Gedanken, umfassenden Empfindungen und dem Anspruch, jederzeit einzigartig für das Gleichgewicht auch mit den Tieren, Pflanzen, Mineralien und Maschinen einzutreten, ohne die wir nicht zu überleben vermögen, wie die Gegenwart schon grausam zeigt.«37 Und warum sollte Lem nicht als fiktive Figur auftreten, die auch Birne, Herburgers alter ego, erleuchtet? Herburgers Lem-Begeisterung jedenfalls hat bis heute angehalten und spiegelt sich auch in seinen jüngsten lyrischen Texten wider.38


Ein Rückblick nach vorn

»Andrea laut: Unglücklich das Land,
das keine Helden hat! […]
Galilei: Nein. Unglücklich das Land,
das Helden nötig hat!«39

Birne stößt an, natürlich auch bei Literaturkritikern. So hinterfragt Peter Bekes den Realitätsbezug der Birne-Geschichten und postuliert, den (jungen) Lesern würden nur »Ersatzwelten« geboten: »Das den meisten Geschichten zugrunde liegende Konzept, die Probleme des Alltags bloß als technische Defekte auszuweisen, die vom Einzeltäter Birne mittels entsprechender Supertechnologien behoben werden, erinnert doch sehr an die klischeehaften Handlungsmuster geläufiger Abenteuerromane.«40 Diese Kritik kann nicht ganz überzeugen. Zwar gesteht Herburger im Vorwort zum dritten Birne-Buch »Birne brennt durch« übergroßen Technikoptimismus sowie seinen Irrtum ein, die unterschiedlichen ökonomischen Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen, nicht ausreichend wahrgenommen zu haben, doch unterzieht er in seinen beiden letzten Birne-Büchern die Idee des technischen Fortschritts einer Generalrevision und lässt ihren Widerspruch zur sozialen Fortentwicklung deutlicher hervortreten.

Andere Leser stört der ideologische Impetus der Geschichten. So kritisiert Paul Ludwig Sauer ihre »ideologisch[e] Borniertheit, die stets einhergeht mit einer unglaublichen anthropologischen Naivität«.41 Wirken viele politische Forderungen Birnes, die sie gerne gemäß der Pumuckl-Philosophie »Ich kann mit schönen Reimen die Welt zusammenleimen«42 vorträgt, auch schon für damalige Verhältnisse geradezu provokativ blauäugig, kommt im dritten und vierten Birne-Band eine immer skeptischere Grundstimmung auf. Dies zeigt etwa die Geschichte »Birne und der Stadtschwan«. Nachdem Birne den Selbstmord einer Teenagerin vereitelt hat, fragt sie das Mädchen nach ihren Motiven: »Es gebe kaum mehr Lehrstellen, selbst in Fabriken nicht. Sie habe nicht mehr aus noch ein gewußt, denn auch ihre Eltern hätte die Verzweiflung gepackt. Sie habe nur noch den einen Ausweg gesehen, von dem man nicht mehr zurückkehre.
Doch, kann man‹, sagt Birne. ›Wenn Birne kommt.‹
Nicht immer ist gerade eine Birne unterwegs, und auch noch so eine wie du‹, entgegnet Susanne.
Da habe sie auch wieder recht, muß Birne zugeben.«43

Gerhard Köpf hat in Herburgers Schreiben auf die Utopie einer Versöhnung aufmerksam gemacht: »Deshalb fällt es ihm leicht, Jesus und Lenin in ›Birne‹, in Gedichten und im ›Flug ins Herz‹ beim Namen und nebeneinander zu nennen. Wunsch und Wirklichkeit, Wunsch und Angst, Wunsch und Nutzlosigkeit, Maßlosigkeit und Disziplin, Lust und Fleiß sind also nicht adversativ getrennt, sondern explikativ und versöhnend verbunden.«44 Dieses Streben nach Versöhnung und Ausgleich ist auch aus dem vierten Band der Birne-Bücher nicht verschwunden, sondern hinein ins Private und in die Auseinandersetzung mit der Natur transformiert. Die Stimmung ist pessimistischer geworden, die Hoffnung auf eine bessere Welt kaum vernehmbar. Das hätte Birne in den ersten Birne-Büchern kaum passieren können: »›Gerechtigkeit für die Armen‹, ruft sie mehrmals, aber niemand heißt ihre Parole gut oder empört sich darüber.«45

Aber noch immer gilt in der Birne-Welt das Prinzip, dass das bessere Argument gewinnt, nur vermittelt Birne ihre Verbesserungsvorschläge geduldiger, altersmilder und vor allem leiser. Vom homo technicus ist kaum noch die Rede, und in Birnes Abenteuern überwiegt die Beobachtung, die nicht-teilnehmend bleibt: In Geschichten, in denen Birne eine obdachlose, alte Frau in eine Normalfamilie zu integrieren versucht oder sich auf der Suche nach Liebe mit einem Elefanten anfreundet, wird deutlich, dass Birne die Bürde der All-Verantwortlichkeit nicht mehr tragen möchte.

Eingefügtes Bild Der lebendig gewordenen Maria-Figur in einer Kirche vertraut sie an: »
›Ich kann meinen Zustand auch nicht mehr ertragen‹, sagt Birne. ›Immer soll ich helfen, egal, ob ich einer Schnecke begegne, einem sprechenden Fensterladen oder einer magersüchtigen Maus, der es vor dem Fressen graust.‹«46

Es zeigt sich also im Laufe der »Birne«-Geschichten eine Tendenz zur Verinnerlichung, auf die auch von der Literaturkritik hingewiesen wurde, nicht zuletzt im Zusammenhang mit der politisch-weltanschaulichen Entwicklung des Schriftstellers vom »entschieden klassenkämpferisch gesonnene[n] Linke[n]«47zum politisch Enttäuschten, der die Möglichkeit des Scheiterns der politischen und ökologischen Entwicklung des Menschen in seinem Schreiben nicht ausblendet: »Irgendwann wird es nur noch Klumpen aus Kohle um den Erdball geben«, schreibt Herburger in der letzten Strophe seines Gedichts »Das Wasser«.48

Herburger traut nun Birne und den Kindern nicht mehr ganz so viel zu, in die er in seinen ersten zwei Birne-Büchern noch so große Hoffnung legte: »Die selbstbewußte Forderung des Autors, daß die Sehnsucht unbedingt die Praxis einhole, wird hier dementiert. Selbst die Kinder, ehemals die Hoffnungsträger Herburgerscher Poesie, entgehen den Entfremdungs- und Normierungssystemen der gesellschaftlichen Praxis nicht mehr. Gleichwohl will der Autor noch immer – selbst oder gerade im Angesicht von Ohnmacht und Verlust – mit der kindlichen Weltaneignung ein Stück Zukunft retten.«49 Und doch bleibt die Ermutigung des jungen (und erwachsenen) Lesers zum Unangepasst-Sein und Selberdenken. Dieser Spaß an der Infragestellung von Regeln ist nicht ganz unsympathisch in einer pädagogischen Gegenwart, in der die RTL-Supernanny für Einschaltquoten sorgt oder Prominente wie Bernhard Bueb, der ehemalige Rektor des Elite-Internats Salem, wie selbstverständlich erklären: »Der lange Arm Hitlers hindert uns noch immer daran, Disziplin selbstverständlich einzufordern. Doch die Zukunft Deutschlands hängt von der Rückkehr zur Disziplin ab.«50

Schließlich hat Birne deswegen so wenig Patina angesetzt, weil sie sich selbst kaum ernst nimmt und um die eigene Beschränktheit und Naivität, auch die ihres Schöpfers, weiß. Diese seltene Fähigkeit zu Selbstkritik bezeugt ein sich selbst persiflierendes Gespräch zwischen Birne und Herburger in der Geschichte »Birne holzt«. Herburger tritt darin selbst als Figur auf und gibt über seine miserablen Arbeitsbedingungen Auskunft. Obwohl Birne so freundlich ist, einen Schreiner dazu zu überreden, das alte Bett ihres Schöpfers zu reparieren, kommt es zwischen den beiden zu einem Streit über die Freiheit Birnes als einem literarischen Ich. Birne behauptet, sie würde schon längst nicht mehr das machen, was Herburger ihr »vorschreibt«: »Einige Abenteuer, die du dir ausgedacht hast, waren nicht gut. Ich habe sie nur widerwillig ausgeführt, weil ich nicht undankbar sein wollte.«51

Im Vergleich zu vielen multimedialen Helden auf der Kinoleinwand und im Comic, die trotz endloser Wiederholungen und Selbstzitate wenig extramediale Relevanz haben, erscheint die Bescheidenheit und Alltäglichkeit des Birne-Helden, der Menschen nicht nur retten, sondern auch verstehen will, nicht unangenehm. Herburgers Birne-Texte sind daher von vielen politischen Werken aus den 1970er-Jahren abzugrenzen, die durch plakative Sozialismusbeschwörung und ideologische Verkrustung unlesbar geworden sind. Herburger ist weniger an geschlossenen Utopien als an Skizzen interessiert, die zeigen, wie eine inhumane Lebenssituation ins Utopische gewendet werden kann, ohne dabei selbst autoritär zu werden. Und natürlich sind viele der Probleme von Birne bzw. der Menschen in der Birne-Welt auch heute noch aktuell. Dafür spricht im übrigen nicht nur die Renaissance politischer Comic-Superhelden, wie der Watchmen, The Dark Knight, Neo aus Matrix oder dem Anarcho-Bombenleger V in V for Vendetta, der besonders extrem die Frage stellt, wie stark man die Grenzen der Legalität im Kampf gegen unmenschliche Zustände verletzen darf.

Und auch außerhalb der populärkulturellen Verarbeitung scheint sich bis heute ein gewisses Bedürfnis nach dem Sozialarbeiter im Superheldenkostüm gehalten zu haben, wenn man etwa an die Entstehung zahlreicher linker Spaßguerillagruppen in den letzten Jahren bedenkt. Sie nennen sich ironisch »Die Überflüssigen«, »Rebel Clown Army« oder »Die prekären Superhelden« und üben sich in karnevalesker Subversion. »Die Superhelden« fanden im Mai 2005 einige mediale Aufmerksamkeit, als sie kostümiert ein Hamburger Nobelrestaurant überfielen und ihre Provianttüten mit teuersten Delikatessen füllten, um sie anschließend an Ein-Euro-Jobber zu verschenken. In einem Interview mit dem »Stern« rechtfertigt einer der Mundraubaktivisten ihr Handeln folgendermaßen: »Wir wollen zeigen, es ist möglich, sich zu wehren. Wir wollen aus der Passivität heraus. Jeden Tag höre ich, wir leben über unsere Verhältnisse, wir sollen flexibler sein, länger arbeiten für weniger Geld. Gequatsche. Uns geht es noch zu gut! Zu gut? Ich muss mir überlegen, ob ich mir den Zahnarzt leisten kann, ich gehe an Schaufenstern vorbei und sehe Dinge, die für mich unerreichbar sind. Ich schaffe an diesem Reichtum mit in dieser Stadt – aber ich habe nix davon. Nur Angst, noch weiter abzusinken.«52 Man kann sich vorstellen, dass Birne gegen so motivierten Mundraub wenig einzuwenden gehabt hätte, im Gegensatz zu der Hamburger Justiz, die die Aktionen der Spaßguerilla weniger spaßig fand und Geldstrafen wegen gemeinschaftlichen Diebstahls verhängte. (bf)

(Erstveröffentlichung: B. Figatowski: Es gibt Helden, es gibt Superhelden – und dann gibt es noch Birne. In: Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Heyne Science Fiction Jahr 2009, München: Heyne 2009, S. 370-397.)


Endnoten

1 Werner Scholze-Stubenrecht (Hrsg.): Der Duden: Zitate und Aussprüche. Herkunft und aktueller Gebrauch. Mannheim u.a.: Dudenverlag, S. 685.
2
Günter Herburger: Birne kann alles. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1982, S. 22.
3 Ebd., S: 22 f.
4 Ebd., S. 85.
5 Ebd., S. 30.
6 Ebd., S. 74.
7 Ebd., S. 75. Generell kommt in den Birne-Geschichten ein sehr freizügiges Verhältnis zu Alkohol zum Ausdruck. Vgl. auch Birnes Begegnung mit dem Fuchs, der gerne Bier trinkt: »Für einen Fuchs ist es ziemlich schwierig, Bier zu kriegen. Einmal habe ich eine halbvolle Flasche gefunden. Ich habe sie ausgetrunken, dann konnte ich kaum mehr gehen. Ich bin immer wieder umgefallen. Es war ein lustiger Zustand.« (Ebd., S. 83)
8 Günter Herburger: »Die Macht der Literatur«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 14-19, hier: S. 17.
9 Herburger 1982, S. 43.
10 Ebd., S. 43.
11 Ebd., S. 52.
12 Günter Herburger: Birne kann noch mehr. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1987. S. 15.
13 Ebd., S. 17.
14 Herburger 1982, S. 91.
15 Ebd., S. 92. Es sei nur nebenbei notiert, dass dieser Konflikt nicht ganz wirklichkeitsfremd ist, wie zuletzt der Gesetzgeber bewies, der EU-weit ab September 2009 den Verkauf aller herkömmlichen Birnen mit 100 Watt Leistung untersagt hat.
16 Ebd., S. 121.
17 Ebd., S. 122.
18 Ebd., S. 123.
19 Brita Steinwendtner bemerkt zum Stellenwert Gottes in Herburgers Werk: »Es gibt biblische Namen, Motive, Anspielungen; sie sind Steinbrüche, aus denen der Autor Material sammelt, um die Fülle des Lebens zu zeigen. Aber Gott bleibt tot.« (Brita Steinwendtner: »Angela verheißt Glück, so traurig es ist«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 151-163, hier: S. 159)
20 Herburger 1982, S. 98.
21 Ebd., S. 99.
22 Herburger 1987, S. 24.
23 Ebd., S. 26.
24 Ebd., S. 118.
25 Ebd., S. 124.
26 Günter Herburger: Birne brennt durch. Reinbek bei Darmstadt und Neuwied: Luchterhand, 1975. S. 75.
27 Michael Braun: »Luftschiff für Übersicht und Mut.« http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/einefliegendefestung-r.htm
[eingesehen am 14.4.2017]
28 Herburger 1975, S. 73.
29 Ebd., S. 73.
30 Ebd., S. 75.
31 Ebd., S. 76 f.
32 Ebd., S. 82.
33 Ebd., S. 82.
34 Ebd., S. 82.
35 Vgl. Gerhard Köpf: »Phantasie und Hoffnung«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 115-140, hier: S. 122.
36 Günter Herburger: »Vom Sterben. Stanislaw Lems erster Roman Das Hospital der Verklärung.« In: Werner Berthel (Hrsg.): Über Stanislaw Lem. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1981. S. 183-187, hier: S. 183.
37 Ebd., S. 187.
38 So findet sich auch in seinem jüngsten Gedichtband »Der Kuss« ein Gedicht mit dem Titel »Solaris«, das mit den Versen beginnt: »Ein Kind, zehn Meter groß, / bis zum Nabel in einer Ozeanmasse steckend, / die sich über den Horizont wellte, es hatte / blaue Augen und einen unguten Mund.« (Günter Herburger: Der Kuss. Gedichte. München: A1 Verlag, 2008. S. 42)
39 Bertolt Brecht: »Leben des Galilei. Der gute Mensch von Sezuan«. In: Ders.: Gesammelte Werke, Bd. 3. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1962. 167 f.
40 Peter Bekes: »Günter Herburger. Essay«. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – Das KLG auf CD-ROM. München: edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, 2007.
41 Paul Ludwig Sauer: »Die neue Welt der klugen Kinder.« In: Karl Ernst Maier: Phantasie und Realität in der Jugendliteratur. Bad Heilbrunn/ Obb.: Klinkhardt, 1976. S. 139-160, hier: S. 153.
42 Torsten Harmsen: »Dem Vetter auf den Leim gegangen«.
http://www.berliner-zeitung.de/meister-eder-ist-tot--sein-kobold-nicht---pumuckl-und-sein-zirkusabenteuer--dem-vetter-auf-den-leim-gegangen-15665258 [eingesehen am 14.4.2017]
43 Ebd., S. 93.
44 Köpf 1991, S. 130.
45 Günter Herburger: Birne kehrt zurück. München: Luchterhand, 1975. S. 12.
46 Ebd., S. 119.
47 Werner Ross: »Ich bin ein Mann, der sich oft irrt... Aus Glas und Grammatik«.
http://www.zeit.de/1973/18/aus-glas-und-grammatik [eingesehen am 14.4.2017].
48 Herburger 2008, S. 108.
49 Bekes 2007.
50 Martin Doerry / Katja Thimm: »Disziplin ist das Tor zum Glück«. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,druck-436592,00.html
[eingesehen am 14.4.2017].
51 Herburger 1982, S. 115.
52 Arno Luik: »Wir suchen Orte des Reichtums heim. Aber uns geht es nicht ums Klauen«.http://www.stern.de/politik/deutschland/:Protestaktion-Uns/563642.html
[eingesehen am 14.4.2017].




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Es gibt Helden, es gibt Superhelden – und dann gibt es noch »Birne« (Teil 1, #38)

Geschrieben von Sierra , in Phantastik, Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur 06 April 2017 · 1177 Aufrufe
Kinderliteratur, Birne und 4 weitere...

Heute feiert der Schriftsteller Günter Herburger Geburtstag (* 6. April 1932). Ein willkommener Anlass an ihn und seine famosen »Birne«-Bücher zu erinnern.


Es gibt Helden, es gibt Superhelden – und dann gibt es noch »Birne«
Über die phantastischen Kinderromane Günter Herburgers


Jahrzehnte bevor ein gelber Schwammkopf mit breiten Vorderzähnen namens Spongebob und die Teletubbies in den Medien ubiquitär wurden, ist in München eine auf den ersten Blick nicht minder skurrile Heldin auf die Welt gekommen. »Sie sei klug, könne mit jedem sprechen, mit Tieren, Maschinen, Steinen, Todesstrahlen, sie habe kleine Düsenmotoren, ausklappbare Hubschrauberflügel und eine winzige Atombatterie an Bord ihrer Fassung.«1 Anfang der 1970er-Jahre erkannte der in Isny im Allgäu geborene Schriftsteller und Dichter Günter Herburger (*6. April 1932), dass eine Glühbirne durchaus zur Heldin taugt, und schrieb drei Birne-Bücher (»Birne kann alles«, 1971, »Birne kann noch mehr«, 1971, »Birne brennt durch«, 1975), die, erstmals bei Luchterhand erschienen, vor allem als Rotfuchs-Taschenbücher Neuauflagen von mehreren hunderttausend Exemplaren erreichten. In den 1980er-Jahren gerieten Herburgers Geschichten aber beinahe wieder in Vergessenheit, und mit einer »Birne« wurde nur noch Helmut Kohl assoziiert, den das Titanic-Magazin in seinen Satiren »als korruptes, machtgeiles, häßliches, dummes Gemüse imaginierte2 Doch 1996, als Kohl innenpolitisch immer unpopulärer wurde, bescherte Herburger Birne, weitgehend unbemerkt von der Literaturkritik, ein Comeback (»Birne kehrt zurück«, 1996), wobei er sich auf sprachlicher Ebene durch eine stärkere Subjektivität der Geschichten immer mehr seinem lyrischen Werk annähert.

Eingefügtes Bild Zum ersten Verständnis der Birne-Serie, die insgesamt aus hundert Geschichten besteht, ist ein Blick auf die Betitelung aufschlussreich. Richten sich Band eins und zwei laut Untertitel ausschließlich an »Kinder«, verschiebt sich die anvisierte Leserschaft im Untertitel des dritten Bandes auf »Kinder und Erwachsene«, um im vierten Band schließlich gar nicht mehr spezifiziert zu werden. Es ist bloß noch von »Neuen Abenteuergeschichten« die Rede. Diese Schwerpunktsetzungen hängen nur vordergründig mit dem Älterwerden von Herburgers Sohn Daniel zusammen, den der Autor laut eigener Aussage beim Schreiben immer als Leser und Adressaten mitgedacht hat. Gleichzeitig sind die Untertitelungen ein erster Hinweis auf einen Rückzug des Schriftstellers ins Private und eine langmütigere Auseinandersetzung mit der Umwelt jenseits des Didaktischen und des plakativen Frei-heraus-Sprechens, wie sie noch die ersten zwei Geschichtensammlungen prägen.

Noch ganz ohne Werbung und Merchandising eroberten Herburgers »Birne-Bücher« viele Kinderzimmer der Republik. Obzwar »Birne« niemals zu einem echten Klassiker der Kinderliteratur geworden ist, wurde sie auch in der Schule gelesen, wovon die didaktische Sekundärliteratur und eigene Texte von Schülern zeugen, die neue Birne-Abenteuer erfunden haben. Der große Erfolg »Birnes« kann nicht bloß dadurch erklärt werden, dass die Serie lediglich Kindern gefiel, denn auch viele Erwachsene wurden durch die Geschichten angesprochen.

Der junge (unerfahrene) Leser findet neben Herburgers spontanem und unprätentiösem Sprachstil vor allem an der Abenteuerhandlung Gefallen, aber auch an der kinder- und jugendgemäßen Themenwahl, die Unanständiges, Konfliktbeladenes und Spaß am Unsinn nicht ausschließt. Die Aufmerksamkeit des erwachsenen (erfahrenen) Lesers gilt eher dem politischen Provokationspotential der Geschichten, aber auch Herburgers grotesk-humoriger Aufarbeitung gesellschaftlicher Thematiken und menschlicher Eigenheiten. Für die Lektüre des Erwachsenen ist sicherlich förderlich, dass Herburger trotz vieler märchenhafter Züge und Paramythen an dem Kriterium der technischen Erklärbarkeit seiner Welt festhält. Hierdurch wird aber an den kindlichen Leser Wissen vermittelt, da Birne vielen Alltagsrätseln in »Sendung-mit-der-Maus«-Manier auf den Grund geht.3 So gesehen sind die Birne-Geschichten ein gutes Beispiel für doppelsinnige Lektüren, indem sie »zwei implizite (eigentliche) Leser aufweisen und damit zwei verschiedene Lektüren, eine kindliche bzw. jugendliche und eine erwachsene, zulassen«.4

Der Artikel will Herburgers Geschichtenzyklus Revue passieren lassen und dabei auf einige denkwürdige und typische Episoden aus dem Leben Birnes eingehen. Interessant ist die Entwicklung Birnes: Wie wird aus der »Kann-alles-Birne«, die unbeirrbar für eine sozialere Welt kämpft, eine enttäuschte »Durchbrenn-Birne«, die schließlich aus der regenbogenfarbenen Utopie in die graue Gegenwart zurückkehrt, in der die Weltverbesserung kleinschrittig ist? Bei diesem Rundgang durch die Birne-Welt stellt sich auch die Frage, welche Aussagekraft die Birne-Bücher damals hatten und heute noch beanspruchen können.




Zwischen Alltag und phantastischem Arrangement

»Mein Widerstand ist der eines Schriftstellers, wie immer.«5

Schwer zu sagen, ob es ein ereignisreiches Leben braucht, um Birne-Geschichten erzählen zu können. Sicher ist, dass Günter Herburger mit fast vierzig Jahren, als »Birne kann alles« erschien, auf ein solches zurückblicken konnte. Als Sohn eines Tierarztes, der während des Kriegs umgekommen war, ist er zwischen Frauen aufgewachsen. Trotz des strengprotestantischen Umfelds und Schuldrills fand er einen Ausgleich in einer intakten Kinderwelt und Allgäuer Natur. Zuhause wurden in seiner Familie verschiedene Dialekte gesprochen: »das Alemannische, das Viehhändler-Jiddische, das Bregenzerwäldlerische, Tirolerische und ein seltsames venezianisches Idiom.«6 Diese dialektale Vielfalt wird sich später in verschiedenen Werken Herburgers widerspiegeln. Als die französischen Befreier nach Abzug der letzten deutschen Einheiten kamen und marokkostämmige Soldaten in ihr Haus einzogen, machte Herburger erste Erfahrungen der Interkulturalität und der Entgrenzung vermeintlich fester Strukturen: »Eine neue Welt tat sich auf. Herburger lernte die ersten arabischen Worte sprechen, Pfefferminztee trinken und Pfefferminztee mit Kiff. Alle Ordnungen waren zusammengebrochen, und Herburger erlebte die Jahre bis zur Währungsreform als die freiesten und abenteuerreichsten in seinem Leben. In seinen Träumen und Zukunftsentwürfen taucht diese Zeit immer wieder auf.«7 Nach einer Internatszeit in Urspring und nach einem abgebrochenen Studium der Theaterwissenschaften, Philosophie und Sanskrit in München vagabundierte Herburger mit dem Berufswunsch, Schriftsteller zu werden, mehrere Jahre durch Spanien, Frankreich und schließlich Algerien, wo er als Straßenarbeiter jobbte. Auch in Paris wollte die Auseinandersetzung mit der französischen Kulturszene nicht recht gelingen und Herburger verlebte zwei karge Jahre, in denen er in einem arabisch geprägten Viertel lebte, »und wenn ihm als Taschendieb, dieses Handwerk hatte er erlernt, kein Erfolg beschieden war, dann übernachtete er auf U-Bahnschächten.«8 Er kehrte nach München zurück, heiratete und arbeitete als Assistent und Ausstatter beim Süddeutschen Rundfunk, u.a. für das Kinderprogramm. 1964 debütierte er schließlich mit dem sehr erfolgreichen Prosaband »Eine gleichmäßige Landschaft«, der von Dieter Wellershoff lektoriert wurde und ihm manche Türen öffnete. Schon bald wurde er zu einem festen Teilnehmer der Tagungen der Gruppe 47.

Seine Entscheidung, ein Schriftsteller zu werden, führt Herburger auf die Überzeugung zurück, sich von politischen und kulturellen Großkopfeten nicht auf der Nase herumtanzen zu lassen, aber auch auf frühe, familiäre Erlebnisse: »Als ich meinem Großvater, der mich aufzog, da mein Vater im letzten Weltkrieg starb, endlich zu sagen getraute, daß ich seinen kleinen Betrieb – 50 Arbeiter, 5 Angestellte, 2 Chefs, Produktion von Reitpeitschen und Skistöcken in der Provinz – nicht übernähme, vielmehr Schriftsteller werden wollte, da setzte er sich den Rest seines Lebens in die Bahnhofswirtschaft unserer winzigen Stadt und vertrank im Verein mit Weichenstellern, Straßenarbeitern und Bauern alles, was er besaß. Diese wirre Zeit, die ich erleben durfte, machte mir weit mehr Eindruck, als wenn ich der Nachfolger meines Großvaters in seinem Fabrikchen geworden wäre. Wunderträchtige Sprache wurde damals unter den Betrunkenen laut. Diese Entwürfe an Tolldreistigkeit, aber auch rührender Schönheit werden mich nie verlassen und haben mich darin bestärkt, dem Geschäft eines Dichters nachzugehen, der spricht, wenn andere zum Schweigen verurteilt sind, oder der verächtlich weghört, sobald das offizielle Geschwätz davon redet, wie wir uns zu bescheiden hätten.«9 Bei Ausbruch der Studentenrevolten – Herburger wohnte zu diesem Zeitpunkt in Berlin – wurde er zu einem »der ersten Schriftsteller, der dem Denken und Handeln der Studenten zustimmte. Herburger sah sich durch die Revolte nochmals in seiner Poetik der Pracht und Verheerung unterstützt. Damit setzte er sich klar von der Tendenz ab. Aber es gab auch Trennendes. Der Altersunterschied war groß. Das politische Vokabular war nicht das Herburgers. Vor dem Seminarton in Diskussionen ekelte ihn10 Dennoch gewährte der Schriftsteller auch später »Freunde[n], die im politischen Kampf von Waffen sprachen« 11, Unterschlupf in seiner Wohnung.

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Günter Herburger
(Foto: Catherina Hess; Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des A1 Verlags)

Herburger ist ein Schriftsteller, der Alltag, Politik und Wissenschaft in seinem Werk verbindet. Ein wichtiges Anregungspotential bieten für ihn, wie er 1977 in einem Aufsatz schreibt, die »häßlichsten und schönsten Träume«12 der Armen und der Naturwissenschaftler, denen der Dichter inhaltlich und formal eine Gestalt verleihen soll.13 Zurück in München tritt Herburger Anfang der 1970er-Jahre in die KPD ein, doch seine Sympathie für diese Partei, und für die reale DDR, schmilzt bald dahin. Wie Herburger-Biograph Klaus Siblewski berichtet, klebte er sogar Plakate für die KPD, doch verdross ihn der Parteisprech und die Parteibürokratie, aber auch die Tatsache, dass die Literatur in der Politik keine Rolle spielte.14 Herburger konzentriert sich fortan mehr auf das Schreiben und die Pflege seiner Tochter Anna Katrine aus einer neuen Ehe, die mit einer schweren Körperbehinderung auf die Welt kam.

Zu seinen ›Schreibvätern‹ zählt Herburger Italo Svevo, Hermann Broch, Vladimir Nabokov, Louis-Ferdinand Céline, Witold Gombrowicz, J. R. R. Tolkien, Arno Schmidt und – für den »Birne«-Leser nicht schwer zu erraten – Stanislaw Lem.15 Sich mit den Naturwissenschaften literarisch zu beschäftigen, so wie es gerade Lem tut, sieht Herburger als höchst gewinnbringend an. Literatur brauche sich nicht in Ehrfurcht zu verstecken, sondern habe eine wichtige gesellschaftliche Korrekturfunktion zu erfüllen. Er hat deshalb kein Verständnis für seine Schriftstellerkollegen, die »gern so blank dastehen wie das Quadrat über der Hypothenuse«16 und noch nicht bemerkt haben, dass viele Wissenschaftler ihre Immunität gegen moralische Skrupel verloren haben. »Manche beugen sich in vermeintlicher Demut über ihre Lehrbücher, über denen sich auch Atombomben, Atomkraftwerke und die riesigen Proteinbäume manipulierbarer Erbeigenschaften auftürmen. Aber im Lotussitz lässt sich die entfesselte Forschung nicht mehr rückgängig machen. Diese älteren Herren, nachdem sie Nobelpreise erhalten haben für einen Peitschenschlag des Wissens über das Begreifen hinweg, entfachen zwar wieder Sanftmut, doch den Schutt, den sie hinterlassen haben, sollen wir wegräumen.«17 Deshalb seien Schriftsteller, wie er in diesem programmatischen Text aus dem Jahre 1977 schreibt, gerade nicht überflüssig, sondern können zu »emanzipierten Seelsorgern« werden und die »vor Erschöpfung und Erkenntnisfurcht weinenden Gelehrten bergen, um ihnen zu sagen, wo Durst und Hunger tatsächlich brennen«.18 Sie sind für das naturwissenschaftliche Projekt entscheidend, da sie nach Ansicht von Herburger ihren moralischen Kompass und ihre Fähigkeit, Mitleid zu empfinden, nicht verloren haben.

Neben den Birne-Büchern und der Veröffentlichung einer ganzen Reihe von Drehbüchern in den 1960er-Jahren, genießt Herburger insbesondere für seine Gedichtbände (zuletzt »Der Kuss«, 2008) und sein phantastisches Romanwerk, die »Thuja«-Trilogie, eine hohe Reputation, die nicht zuletzt in seiner Würdigung mit dem Peter-Huchel-Preis und dem Hans-Erich-Nossack-Preis zum Ausdruck kommt. Zu erwähnen ist schließlich Herburgers Begeisterung für Marathone und Ultramarathone, an denen er sich weltweit beteiligte und diese in Erzählbänden wie »Lauf und Wahn« (1988), »Traum und Bahn« (1994) und »Schlaf und Strecke« (2004) verarbeitete: »Einer wie Herburger, der Literatur als Abenteuer begreift und im exzessiven Laufen auf geistige Gewinne setzt, hält sich an die Lebenstaktik der weisen Zen-Meister: Der Weg ist das Ziel19




Gestatten: Birne!

»Toll sind Elefanten, Hühner, Seelöwen, Kühe, Pferde, Krokodile,
die alle in den Zoo gehören;
in der Natur wirken sie für ihn verloren und überflüssig.
Am tollsten ist Superman.«20

Im Vorwort der ersten Birne-Geschichtensammlung erzählt Herburger, dass es Birne ohne seinen Sohn Daniel und dessen Vorliebe für spannende Gute-Nacht-Geschichten nicht geben würde. Als Herburger nämlich eines Tages keine Geschichte mehr einfällt, hat Daniel eine folgenschwere Idee: »Er brauche unbedingt eine Geschichte, und zwar, schrie er, über Birne! Welche Birne, fragte ich. Eine eßbare Birne oder eine Thomas-Birne? Natürlich Glühbirne, rief er.«21 Daniel fordert außerdem ein, dass die Geschichten nie ausgehen dürfen und außerdem müsse Birne über innere Werte verfügen, mit anderen Worten: »Birne muß stets siegen, sie muß besser sein als alle anderen. Birne ist kein Mensch, sondern ein technischer Gegenstand mit menschlichen Eigenschaften. Birne besitzt den Mut eines Weltraumfahrers, den Gerechtigkeitssinn Jesu, die Robustheit und Langlebigkeit einer Schildkröte, die Begeisterungsfähigkeit Lenins und die Schönheit von Computerteilen.«22 Ein Held ist geboren! Einer der nachts als Straßenlampe arbeitet und tagsüber als Superbirne Abenteuer erlebt. Und weil sein Vater »nicht immer wissen [könne], was ein Kind interessiere«, bietet sich Daniel sogleich als Berater und als Zeichner an.23

Eingefügtes Bild Natürlich ist dieser Schöpfungsmythos nur die halbe Wahrheit. Schreibanlass war auch Herburgers schwierige Lebensphase Anfang der Siebziger Jahre, als seine zweite Ehe geschieden und er von seinem Sohn getrennt wurde. Das Schreiben der Birne-Geschichten hatte für ihn eine Art Ersatzfunktion, um das Alleinsein an den Wochenenden zu überbrücken.24
Neben dem Angriff auf den politischen Konservatismus, der ihn damals als progressivem Linken besonders frustrierte, schlägt sich in den Birne-Texten zudem die Unzufriedenheit über die bestehende Kinderliteratur nieder, die nach Meinung des Autors häufig nur idyllisch entrückte Kinderwelten schildere. Stattdessen möchte er die moderne und technikbezogene Kindheit in den Vordergrund rücken und damit lebensnäher darstellen: »Ich sehe die Welt der Kinder nicht mehr von Laubfröschen, Kälbchen, Mägden, Oberförstern umgeben, sondern von Weltraumschiffen, Fernsehapparaten, Düsenflugzeugen, Westernhelden, Autos, Stereoanlagen. Die Kinder von heute sind größtenteils Stadtkinder; morgen werden es alle sein.«25 (bf)



Der zweite Teil dieses Essays erscheint in Kürze im Blog. (Erstveröffentlichung: B. Figatowski: Es gibt Helden, es gibt Superhelden – und dann gibt es noch Birne. In: Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Heyne Science Fiction Jahr 2009, München: Heyne 2009, S. 370-397.)



Endnoten

1 Günter Herburger: Birne kann alles. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1982. S. 8.
2 Lutz Hagestedt: »Who the fuck is BIRNE? Helmut Kohls letztes Abenteuer«. http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=1294&ausgabe=200007 (Letzter Zugriff: 4.4.2017). 1983 erschien Peter Knorrs und Hans Traxlers »Birne. Das Buch zum Kanzler. Eine Fibel für das junge Gemüse und die sauberen Früchtchen in diesem unserem Lande.« (1983).
3 In der Geschichte »Birne auf dem Land« etwa rühmt sich eine Kuh, dass sie eine Million Grashalme pro Tage esse. Birne überprüft diese Behauptung, indem sie sich auf eine lustige Reise durch die vier Mägen der Kuh begibt.
4 Hans-Heino Ewers: Literatur für Kinder und Jugendliche. Eine Einführung. München: Fink, 2000. S. 125.
5 Günter Herburger: »Beitrag, gehalten während der Berliner Begegnung zur Friedensförderung«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 22-23, hier: S. 23. Herburger ist bisher von der Germanistik weitgehend ignoriert worden, der von Siblewski herausgegebene Autoren- und Werkband ist eine wichtige Ausnahme von der Regel.
6 Günter Herburger: »Kurze und lange Sätze. Skizze zu einer kleinen Poetik«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 31-41, hier: S. 34.
7 Klaus Siblewski: »14 Stationen aus Leben und Werk«. In: Ders. (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 43-66, S. 48.
8 Ebd., S. 54.
9 Günter Herburger: »Die Macht der Literatur«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 14-19, hier: S. 16 f.
10 Siblewski 1991, S. 60.
11 Ebd., S. 60.
12 Günter Herburger: »Die Macht der Literatur«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 14-19, hier: S. 16 f.
13 Karlheinz Kluge vergleicht Herburgers Erzählstrategie im Hinblick auf naturwissenschaftliche Wissensbereiche mit denen von Thomas Pynchon und fasst sie wie folgt zusammen: »In der Prosa muß der Erzähler gedanklichen Mehrwert schaffen, die Probleme der Wissenschaft erst benennen, bevor er sie außer Kraft setzen kann. So gelangte Herburger durch die Einseitigkeit naturwissenschaftlicher Ergebnisse hindurch zu einer eigenen Phantastik.« (Karlheinz Kluge: »Der Phantasie ein Echolot«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 104-110, hier: S. 108)
14 Vgl. Siblewski 1991, S. 63.
15 »Dazu kommen noch viele andere, die ich lese, verfluche, bewundere, wieder hervorhole, abschmecke, beiseite schiebe, erneut zu Rate ziehe.« (Günter Herburger: »Die Macht der Literatur«. In: Klaus Siblewski (Hrsg.): Günter Herburger. Texte, Daten, Bilder. Hamburg: Luchterhand, 1991. S. 14-19, hier: S. 15)
16 Ebd., S. 17.
17 Ebd., S. 18.
18 Ebd., S. 18.
19 Michael Kohtes: »Sohlenkunde und Seelenheil«. http://www.zeit.de/2004/47/L-HerburgerTAB?page=1(Letzter Zugriff: 4.4.2017)
20 Herburger 1982, S. 7.
21 Ebd., S. 7 f.
22 Ebd., S. 8.
23 Ebd., S. 8.
24 Vgl. Siblewski 1991, S. 61.
25 Herburger 1982, S. 9.




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Anmerkungen zur Nominierungsliste des Deutschen Jugendliteraturpreises 2017 (#36)

Geschrieben von Sierra , in Preise und Auszeichnungen, Bilderbuch, Kinder- und Jugendliteratur 23 March 2017 · 872 Aufrufe
Jugendliteraturpreis und 4 weitere...
Heute wurden auf der Leipziger Buchmesse die Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis bekanntgegeben. In den Sparten Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch und Sachbuch nominiert eine neunköpfige Kritikerjury, dazu kommt noch der Preis der Jugendjury. Diese Jury setzt sich zusammen aus den Vetretern von sechs bundesweiten Leseclubs.
Viele der nominierten Titel kenne ich nicht bzw. sie sind mir nur dem Namen nach bekannt, aber dafür sind Preise ja auch da, dass man den einen oder anderen Lese-Tipp erhält. Dank der relativ ausführlichen Begründungstexte kann man sich ein erstes Bild über ein Buch machen, schön finde ich, dass neben den Autoren und Illustratoren ebenso die Übersetzer mit Foto und Kurz-Vita Erwähnung finden.


Originell erscheint mir in der Kategorie für die jüngsten Leser das Bilderbuch »Hier kommt keiner durch!«, das auf spielerische Art unsinnige Befehle und Gehorsamspflichten hinterfragt. (Mit solchen Intentionen kann man wohl in der Tat nicht früh genug beginnen... :devil:.) Thé Tjong-Khings Bilderbuch will dagegen nicht Geringeres als den jungen Leser in die »Welt des Hieronymus Bosch« entführen und dabei - laut Jurybegründung - ein »kunsthistorisches Interesse« in ihm wecken. Ob das wirklich altersangemessen und gleichzeitig »generationenübergreifend« gelingen kann? Ich bin gespannt.

In der Sparte Kinderbuch sind mit Simon van der Geests Werk »Krasshüpfer« und der ungewöhnlichen Superhelden-Geschichte »Super-Bruno« zwei Titel benannt, die bereits auf den Seiten dieses Blogs sehr positiv besprochen wurden (vgl. hier und hier).
Erfreulich ist schließlich die Nominierung des Jugendromans »Im Jahr des Affen« über die Identitätssuche eines Mädchens, das sich mit der familiären Migrationsgeschichte und ihrer aktuellen deutsch-chinesischen Lebenswelt auseinandersetzt. Die Ausschnitte, die ich aus dem Roman gehört habe, aber auch das beeindruckende Interview mit der Autorin im DLF (leider ist nur noch der Transkript online) sind sehr vielversprechend.

Schauen wir mal, wer im Oktober dieses Jahres das Rennen machen wird, wenn die Sieger auf der Frankfurter Buchmesse prämiert werden.

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(Quelle: Presse-Material des Deutschen Jugendliteraturpreises)


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Abschied vom Osterhasen: »Hasenfest und Hühnerhof« (#35 Rezension)

Geschrieben von Sierra , in Sachbuch, Bilderbuch, Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 19 March 2017 · 579 Aufrufe
Sachbuch, Ostern, Kinderliteratur und 4 weitere...
Eva Sixt: »Hasenfest und Hühnerhof« (Rezension)

Inhalt
In ihrem Sachbilderbuch nimmt Eva Sixt die Osterbräuche rund um Hasen und bunte Eier zum Anlass, über Feldhasen, Kaninchen und Hühner zu informieren. Sie berichtet von Körperbau und Lebensweise sowie von besonderen Fähigkeiten dieser Tiere. Außerdem arbeitet Sixt die Unterschiede zwischen Feldhasen, Wild- und Zwergkaninchen heraus und gibt Hinweise zur Haltung von Hühnern und Kaninchen. Aber auch das Ei als solches kommt nicht zu kurz: Die Eier verschiedener Vogelarten werden gegenübergestellt.

Beurteilung
Wie es der Untertitel ihres Sachbilderbuches verspricht, liefert die Biologin und Wissenschaftsillustratorin Sixt »Naturwissen - nicht nur für Ostern«. Originell ist es, dass die Autorin von den Fragen ausgeht, die sich Kinder zu stellen beginnen, wenn der feste Glaube an den Osterhasen zu schwinden beginnt und die Unstimmigkeiten zwischen dem tradierten Mythos und einer zunehmend kritischeren Realitätswahrnehmung größer werden. Eva Sixt geht sensibel vor, wenn sie durch Sachinformationen aufklärt ohne explizit zu sagen, dass es den Osterhasen nicht gibt. Folglich überlässt sie es dem kindlichen Leser, aus ihrem Buch Schlüsse zu ziehen - oder eben (noch) nicht.
Eva Sixt schreibt in kurzen einfachen Sätzen. Die Anzahl der Fachbegriffe, z.B. Tarnkleid, Kolonien, Schalltrichter und Wurf(bau), ist Vorschulkindern zumutbar und sie sind vom erwachsenen Vorleser schnell erklärt. Hierbei helfen auch die lebendigen, detailreichen und naturgetreuen Zeichnungen, welche die verbalen Informationen sehr gut illustrieren. Text- und Bildverständnis werden zudem durch die wohlüberlegte Auswahl der Informationen und Illustrationen unterstützt, die sich auf Wesentliches konzentriert, aber spannende Fakten nicht außer Acht lässt. Wer weiterführende Informationen wünscht, findet sie in der Innenseite des Einbandes. Der Buchtext, der als Fließtext ohne Überschriften und Aufzählungen layoutet ist, erinnert in seiner Erzählweise eher an die Sachgeschichten der »Sendung mit der Maus« als an Lehrtexte aus dem Sachunterricht. Auch diesbezüglich ist der Autorin die Orientierung an der Adressatengruppe gelungen.
Sixt’ Zeichnungen offenbaren einen Blick für die Schönheit von Tier und Natur und lassen den kindlichen Betrachter daran teilhaben bzw. hierfür sensibel werden. Die großformatigen und klaren Bilder eignen sich zudem für eine Präsentation in der Kleingruppe. Wichtig - auch schon für die Gruppe der Vorschulkinder - sind die Hinweise zur Hühnerhaltung. Die bildliche und verbale Darstellung der Käfighaltung hätte m.E. etwas kritischer sein können, ohne dass die Altersgruppe überfordert worden wäre. Die Formulierung »Sie haben kein schönes Leben« verharmlost wichtige Fakten und ist wenig informativ. Ganz anders ist es mit den Vergleichen, mit denen Sixt dem kindlichen Leser Aussehen und Gestalt unterschiedlicher Vogeleier näher bringt. So ist zu erfahren, dass die Eier des Kolibris so groß sind wie Erbsen und die des Afrikanischen Straußes wie 24 Hühnereier. Wissenswert sind schließlich die Informationen zur Haltung von Hauskaninchen, die sich mancher kindliche Leser nach der Lektüre dieses Buches sicherlich wünscht. (sb)

Gesamteindruck: +++ (4 / 5)

Bibliografische Angaben: Eva Sixt: Hasenfest und Hühnerhof. Zürich: Atlantis bei Orell Füssli, 2016. 32 S. ISBN: 978-3-7152-0712-4. EUR 14,95 € [Gebundene Ausgabe].


[Rezension zuerst erschienen in der Datenbank der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW]

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»Wenn man den Gerüchten glauben durfte, steckte im Kostüm des Maskottchens der Forest Shade Middle School eine 72-jährige Frau. Doris, die 72-jährige Mutter von Trainer Verde, um genau zu sein. Die Vermutung lag nahe, denn während die Maskottchen anderer Schulen Purzelbäume schlugen und zu Rockmusik tanzten, sah man unseren Waschbären oft in einem Schaukelstuhl sitzen und Hauben für Klopapierrollen stricken.«

 

(Jennifer Brown: So überlebte ich das Schuljahr trotz Aliens, Robotern und der grausamen Missy. München 2017, S. 7)

 

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