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Metaphernpark



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Robert Deutsch: Turing (Rezension, #52)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Phantastik, Rezension 04 September 2018 · 2093 Aufrufe
Turing, Enigma, Graphic Novel und 4 weitere...
Robert Deutsch: Turing

(Rezension, #52)

Nur auf den ersten Blick erstaunt die Idee des Illustrators und Grafik-Designers Robert Deutsch, mit einem Comic über den britischen Mathematiker und Kryptoanalytiker Alan Turing (1912-1954) zu debütieren. Denn schließlich ist das Leben Turings so bemerkenswert, dass es keinesfalls auf eine typische Wissenschaftlerbiographie verkürzt werden darf.

Bis heute gilt Turing als Pionier der Computerentwicklung und Informatik, der mit seiner Turingmaschine aus dem Jahre 1936 ein frühes mathematisch fassbares Modell eines Computers entwickelte. Von Bedeutung ist auch seine Grundlagenforschung, besonders im Bereich der Software, für die ersten Computermodelle. Turing war jedoch das Gegenteil eines Elfenbein-Theoretikers. Zum einen leistete er während des Zweiten Weltkriegs entscheidende Zuarbeit in einer Arbeitsgruppe, die die deutschen Funkspruch-Codes dechiffrierte und so die Schlagkraft feindlicher Truppenmanöver schmälerte. Zum anderen lebte Turing auch nach dem Krieg nicht ganz risikolos, als er wegen seiner Homosexualität diskriminiert und bestraft wurde. Die Depressionen, die Turing in der Folge entwickelte, werden heutzutage für seinen Suizid im Jahre 1954 verantwortlich gemacht.

Hier setzt auch Deutsch` Comic wie mit einem Paukenschlag ein, indem er die Entdeckung von Turings Leichnam an den Beginn setzt. Die Handlung springt sogleich um drei Jahre zurück, um die Vorgeschichte dieser Tat zu erzählen und Turing und sein soziales Umwelt in den Blick zu nehmen: Manchester, ein Café, in das Alan seine neue und deutlich jüngere Zufallsbekanntschaft namens Arnold einlädt. Sie unterhalten sich, verlieben sich. Doch schon bald wird aus der Liebesgeschichte ein Kriminalfall, als Arnold einem Fremden den Einbruch in Turings Domizil ermöglicht. Als Turing die Angelegenheit mit der Polizei klären will, ist diese mittlerweile Arnold und seinem Komplizen auf die Spur gekommen. Turing muss seine Affäre mit Arnold eingestehen und wird zu seiner Überraschung von der Polizei als ›Sittenstrolch‹ kriminalisiert. Turing fühlt sich vom Empire ungerecht behandelt, berichtet von seinem mathematischen Partisanenkampf gegen ›Enigma‹, die Chiffriermaschine der Nazis. Doch das hilft alles nichts, er wird zu einer Hormontherapie verurteilt, die ihm die Libodo nimmt und Depressionen verursacht. Dies wird von Deutsch in einem Vorher- und Nachher-Bild versinnbildlicht, das sehr eindrücklich seine körperlichen Veränderungen verdeutlicht. Turing ist nicht mehr er selber, sondern ein Mr. Hyde, der die Blicke seiner Mitmenschen als »Messerstiche« empfindet. Unter Verwendung von teilweise sehr düsteren Märchen- und Todesmotiven der Brüder Grimm schildert Deutsch, wie der erlebte Fremdhass in Selbsthass mündet und Turing zum Suizid treibt.

Comic-Biographien liegen im Trend, wenn man an die vielen Neuerscheinungen der letzten Jahre in diesem Buchsegment denkt. Robert Deutsch ist dennoch ein ganz außergewöhnliches Werk gelungen, weil es in seiner gegenständlich-geometrischen Formensprache auf sehr sympathische Weise Turing als liebenden Menschen und nicht als ›Informatikgott‹ ins Zentrum rückt.

Gesamteindruck: +++++ (5 / 5)

Bibliografische Angaben: Robert Deutsch:Turing. Berlin: Avant Verlag, 2017. 192 S. 29,95 EUR. ISBN-13: 978-3945034552.

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Michael Görden (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2017, Berlin: Golkonda Verlag, 2017.)

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"Boys & Books" – neue Buchempfehlungen für Jungen (dritte Auswahlliste), #51

Geschrieben von Sierra , in Preise und Auszeichnungen, Phantastik, Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 26 August 2018 · 1011 Aufrufe
Kinderliteratur, Literaturpreise und 4 weitere...
Nach eine längeren Blog-Pause mache ich mal weiter. Zwischenzeitlich ist auf den Seiten von boys & books die dritte Top-Titel-Auswahl (Zeitraum: 9/2017 - 02/2018) online gegangen. Boys & books ist eine Buchempfehlungsseite für Jungen, die zweimal im Jahr jeweils fünf besonders interessante Titel für vier Altersgruppen (8+, 10+, 12+, 14+) auswählt. Die Auswahl lässt sich auch als Plakat betrachten bzw. herunterladen, eine Printversion wird bei Interesse kostenlos an Bibliotheken, Buchhandel etc. verschickt (Bestellung: kontakt@boysandbooks.de).

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Ich arbeite seit Beginn des Projekts in der Jury der Altersgruppe 10 + mit. Dies sind diesmal – teilweise mit ziemlich starkem Phantastik-Einschlag – unsere Favoriten:


Der Ameisenjunge. Der Tag, an dem ich aus Versehen in der Schrumpfmaschine landete (Band 1) - Thomas Krüger (Baumhaus) >>mehr

Hamstersaurus Rex -
Tom O'Donnell (arsEdition) >>mehr

Henry Smart. Im Auftrag des Götterchefs (Band 1) -
Frauke Scheunemann (Oetinger) >>mehr

Master of Disaster: Chaos ist mein zweiter Name (Band 1) -
Stephan Knösel (Beltz & Gelberg) >>mehr

Mist, Oma ist ein Alien (und ich bin schuld!) -
Suzanne Main (arsEdition) >>mehr

Zur ersten Top-Titel-Auswahl und einigen Informationen zum Hintergrund des Projekts geht es hier entlang. (bf)


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#26 »Weihnachtskarpfen« und »Wintermärchen« (Besprechungen)

Geschrieben von Sierra , in Phantastik, Kinder- und Jugendliteratur 30 December 2016 · 1412 Aufrufe
Andersen, Märchen, Rezension und 2 weitere...
Diese Rezensionen sollten eigentlich vor den Festtagen online gehen, arbeitsbedingt erst jetzt. Aber nach Weihnachten ist eigentlich vor Weihnachten... Zudem ist ja zumindest im Rheinland bislang kein Schnee gefallen, die passende Kulisse für das Schmökern in »Andersens Wintermärchen« ist noch gar nicht recht gegeben. Vielleicht kommen diese Tipps also doch rechtzeitig. :happy:

Marit Törnqvist, Rita Törnqvist-Verschuur: »Der Weihnachtskarpfen«

Inhaltsangabe
Thomas verbringt Weihnachten bei seinem Großvater in Prag. Auf dem Markt machen sie letzte Besorgungen. Der Junge möchte unbedingt den Festtagskarpfen kaufen. Tatsächlich ersteht er ein Prachtexemplar, das er »Peppo« nennt. Auf dem Weg nach Hause beschützt Thomas seinen Fisch, den er lebendig transportiert, vor »gefährlichen« Tieren und versorgt ihn mit Wasser. Zuhause wird dem Großvater bald klar, dass sein Enkel das Tier ins Herz geschlossen hat und damit eine lange Tradition infrage stellt.

Beurteilung
»Der Weihnachtskarpfen« erschien erstmals 1989 unter dem Titel »Julkarpen« in Schweden. Es handelt sich um eine freie Nacherzählung von Jan Procházkas Kinderbuch »Der Karpfen«. 1975 wurde die Geschichte des tschechischen Schriftstellers für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Leider findet sich im Buch selbst kein Hinweis auf den ursprünglichen Text. Hiervon erfährt man lediglich auf der Internetseite des Verlages. Bei dem Autorenteam handelt es sich um Mutter (Text) und Tochter (Illustration). In ihrer Geschichte erzählt Rita Törnqvist-Verschuur von der Tradition des Weihnachtskarpfenessens. In Mittel- und Osteuropa ist dies ein typisches Gericht an Heiligabend. Mit ihm wird der Höhepunkt der Adventszeit, die nach der christlichen Lehre Fastenzeit ist, begangen. Indirekt, durch ihre Beschreibungen und ohne dies explizit zu thematisieren, lässt die Autorin den Leser erleben, wie der Karpfen für Thomas mehr und mehr zu einem lieb gewonnenen Haustier wird. Viele Kinder begegnen Tieren mit spontaner Zuneigung, so dass sie sich gut mit den Gefühlen des Jungen identifizieren können. Gleich zu Anfang gibt Thomas dem Karpfen den Namen »Peppo« und spricht ihn persönlich an. Auf dem Nachhauseweg verteidigt er den Fisch und behütet ihn vor verschiedenen Gefahren. Zuhause füttert und spielt er mit ihm, bastelt ihm sogar schwimmende Weihnachtskerzen. Selbst die frisch gebackenen Karpfenkekse rührt Thomas nicht an. Damit verunsichert er auch seinen Großvater, der die Tradition bis dahin nie in Frage gestellt hat: »›Alle Menschen im ganzen Land tun das, murmelte Großvater. Alle. Und ich… « - Du nicht, Großvater, du nicht!‹« (S. 16), fleht der Enkel. Wie wird sich der Großvater entscheiden? Tönqvist-Verschuur macht es spannend. Der Großvater schickt den Enkel in den Hof, um die letzten Vorbereitungen zu erledigen. Als Thomas kommen darf, stürzt er ins Bad und findet die Wanne leer vor. Dieser Cliffhanger erhöht nicht nur die Spannung. Er macht es auch möglich, Kinder über die Entscheidung des Großvaters und seine Motive spekulieren zu lassen. Peppo lebt. Der Großvater hat seinem Enkel zuliebe auf die Tradition verzichtet. Er hat sogar ein Aquarium für Peppo organisiert und direkt neben dem Weihnachtstisch platziert. Auch für Zuhörer, die bei »Weihnachten« zuerst an materielle Geschenke denken, wird klar, warum es für Thomas »der schönste Heiligabend in meinem ganzen Leben« (S. 25) war. Aber das happy end folgt noch. Unter dem Weihnachtsbaum liegt auch ein Geschenk für Peppo. Thomas packt einen Zettel aus, auf dem geschrieben steht: »›Fröhliche Weihnachten, Peppo! Du darfst dir etwas wünschen!‹« (S. 21). Die zittrigen Buchstaben verraten den Großvater als Autor, was aber nicht explizit gesagt wird und Raum für Vermutungen lässt. Mit Thomas wird der Leser animiert, über diese Frage nachzudenken. Beim Finden einer Antwort wird er auch durch das Bild des großen Peppo in einem viel zu kleinen Aquarium unterstützt. Der Großvater fragt geduldig und einfühlsam nach, bis der Junge selbst die Antwort findet: »Peppo möchte frei sein, Großvater!« (S. 26) Herausragend sind die Aquarelle von Marit Törnqvist, die den Betrachter Thomas durch das weihnachtliche Prag folgen lassen: Sie überqueren die Moldau auf der Karlsbrücke, besuchen den Markt auf dem Altstadtplatz mit seinen eindrucksvollen Gebäuden und dem imposanten Weihnachtsbaum in der Mitte und kehren schließlich entlang historischer Straßenzüge in die Altbauwohnung des Großvaters zurück, wo ihn hohe Decken, Holzdielen, Kacheln und eine alte, freistehende Badewanne mit großem Boiler erwarten. Neben dem Ort transportieren die Aquarelle durch ihre zarten, durchschimmernden, fließenden Farben in besonderer Weise die weihnachtliche Stimmung. Dies wird durch den Detailreichtum der überwiegend großformatigen Bilder unterstützt, die über die Geschichte hinausweisen und den (kindlichen) Betrachter zum Entdecken und Erzählen einladen. Das besondere Verhältnis zwischen Thomas und seinem Großvater spiegelt sich in der Mimik und der Körpersprache wider. Die beiden Helden wenden sich einander zu, schauen sich intensiv an, halten sich an der Hand, sind in Beziehung. Da braucht es keine Worte, um zu erklären was einen munteren, kleinen Jungen und einen sehr betagten, gebrechlich wirkenden Mann verbindet. Die Bilder illustrieren Schlüsselszenen der Geschichte und unterstützen damit wesentlich das Textverstehen. Das blutige Messer des Fischverkäufers und die Blutlache auf seinem Tisch deuten nur an, was mit einem Festtagskarpfen passieren muss, bevor er auf dem Teller landet. Dies ist vollkommen ausreichend, um den Leser Thomas Ängste um seinen neuen Freund nachvollziehen zu lassen. Hilfreich für die Orientierung des kindlichen Betrachters und die Identifikation mit dem Protagonisten ist, dass Thomas auf seinem Weg durch Prag eine rote Mütze trägt, die ihn vertraut erscheinen und auch auf dichten Bildern sofort wiederfinden lassen. Neben der Tradition des Karpfenessens finden noch weitere (bekannte) Weihnachtsbräuche in Wort und Bild Erwähnung, was das Bilderbuch neben den genannten Vorzügen zu einer empfehlenswerten Weihnachtsvorleselektüre macht. (sb)


Gesamteindruck: ++++ (4/5)

Bibliographische Angaben: Marit Törnqvist, Rita Törnqvist-Verschuur: Der Weihnachtskarpfen. Übers. Von Angelika Kutsch. Stuttgart: Urachhaus, 2016. 32. S. ISBN 978-3825179861. EUR 15,90.


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»Andersens Wintermärchen« (bearbeitet von Arnica Esterl, illustriert von Anastassija Archipowa)

Inhaltsangabe
In der Anthologie sind vier »Wintermärchen« des dänischen Dichters zusammengefasst. »Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen« erfriert auf der Straße, als es Streichhölzer zu verkaufen versucht. »Der Tannenbaum« kann nicht glücklich sein, weil er nur sieht, was er nicht hat. »Der Engel« bringt ein verstorbenes Kind zu Gott, nachdem sie Blumen an geliebten Orten seines Lebens gesammelt haben. »Die Schneekönigin« entführt einen Jungen, der infolgedessen von seiner Spielkameradin gesucht wird.

Beurteilung
»Andersens Wintermärchen« gehören zu der Reihe »Die schönsten Märchenklassiker«, die bei Esslinger erschienen ist. Es ist ein großformatiges Märchenbilderbuch, das allein schon wegen seines ansprechend gestalteten Covers ein Blickfang ist. Dieses zeigt eine Szene aus dem Märchen »Die Schneekönigin«. Der Junge Kay sitzt neben der Schneekönigin in deren Kutsche, die über eine winterliche Flusslandschaft hinwegfliegt. Die Königin erscheint in ihrem imposanten weißen Pelzmantel und im Vergleich zu dem kleinen Jungen an ihrer Seite übermenschlich machtvoll. Ihr Gesicht ähnelt dem einer antiken Skulptur, selbst die Augen sind vollkommen weiß, wirken kalt wie schön und furchterregend zugleich. Mit silbernem Glitzer sind einige Details hervorgehoben und unterstreichen die märchenhafte Szenerie. Äußerlich wird das Buch durch seinen blauen Leinenrücken und ein Lesebändchen zusätzlich aufgewertet. Die russische Künstlerin Anastassija Archipowa illustriert die Märchen ganz klassisch in einem romantisch anmutenden Stil. Es ist ihren Bildern anzumerken, dass sie eine Vorliebe für das Genre hat und es versteht, märchenhafte Atmosphäre zu vermitteln. Sie entführt den (kindlichen) Betrachter in die längst vergangene Zeit und an die verwunschenen Orte in Andersens Geschichten, die ihm allein durch die Worte des Dichters nicht erschlossen würden. Außerdem versteht es Archipowa, die Identifikation mit Andersens Protagonisten zu fördern, indem sie deren Gefühlswelt sichtbar werden lässt. Winzig und verloren erscheint das Mädchen mit dem Schwefelhölzern auf dem Bild einer verschneiten Straßenszene (S. 8 f.). Bis auf das Mädchen, das allein an einer Straßenecke steht, sind alle Personen in warme Kleidung gehüllt und streben durch den Schneesturm einem Ziel entgegen. Durch die hell erleuchteten Fenster sind heimeliche, weihnachtlich dekorierte Zimmer zu sehen und unterstreichen die Einsamkeit und die Kälte, welche das Mädchen empfinden muss. Auch in den Bildern zu »Der Tannenbaum« arbeitet die Illustratorin mit starken Kontrasten, um die Botschaf t des Märchens verständlich zu machen Entsprechend der Etappen des Märchens ist der Tannenbaum als feiner, hellgrüner Sprößling (S. 29), dann als mächtiger Baum inmitten eines zauberhaften Winterwaldes (S. 36 f.) und im Weiteren als prachtvoll geschmückter Weihnachtsbaum (S. 40) zu sehen. Die letzten Bilder zeigen ihn braungrün zwischen anderen ausrangierten Gegenständen in einer Dachkammer (S. 48 f.) und schließlich nadellos, als bloßes Gerippe, aber noch immer mit dem schönen Goldpapierstern an der Spitze (S. 52). Die Bilder sind auch aufgrund ihres Formates wirkstark. Sie füllen häufig eine ganze, nicht selten sogar eine Doppelseite. Der Vorleser der Wintermärchen muss sich bewusst sein, dass er seine Zuhörer mit anspruchsvollen Themen konfrontiert: Das Mädchen mit den Schwefelhölzern ist bitterarm, erwartet von ihrem Vater Schläge als Strafe und erfriert am Ende - auch wenn sie ihren Tod als Wiedersehen mit der geliebten Großmutter erlebt. Ebenso spielen in dem Märchen »Der Engel« Tod und Leid von Kindern in Form von Armut und Krankheit eine Rolle, wenngleich ihre glückselige Himmelfahrt im Zentrum des Märchens steht. Auf ihrer Suche nach Kay in »Die Schneekönigin« schlagen Räuber Gerdas Kutscher und Diener Tod und sie selbst steht in Gefahr, von der Räubermutter geschlachtet zu werden (S. 72 ff.). Es obliegt dem Vorleser mit Blick auf seine Zuhörer und deren Alter, zu entscheiden, wie er diese Aspekte der Geschichten ggf. durch zusätzliche Erläuterungen, dem Weglassen bestimmter Details sowie einer offenen und fördernden Haltung gegenüber Nachfragen zugängig macht. Archipowa nimmt einen Teil der Schwere, indem sie zum Beispiel das Wiedersehen zwischen dem Mädchen mit den Schwefelhölzchen und seiner Großmutter als freudiges Ereignis betont. Vor einer frühlingshaften, idyllischen Landschaft hält die Großmutter das Kind fest im Arm, welches sich beglückt an sie schmiegt (S. 22 f.). Diese Geborgenheit kommt auch in der Darstellung des kraftvollen Engels zum Ausdruck, der das tote Kind auf seinen Flug in den Himmel zart und sicher bei sich trägt (S. 53). Szenen wie das Zersägen und Verbrennen des Tannenbaumes oder der Überfall der Räuber in »Die Schneekönigin« werden nicht dargestellt. Arnica Esterl hat Andersens Märchen kindgerecht nacherzählt und zugleich so belassen, ohne der Sprache das Märchenhafte zu nehmen. Die Sätze sind relativ kurz. Bei Nebensätzen handelt es sich oft um Aufzählungen. Nicht mehr gebräuchliches oder unbekanntes Vokabular lässt sich größtenteils durch den Zusammenhang, die Illustrationen oder kurze Erklärungen erschließen (Schwefelhölzchen, Stube, Livree, Zuckerwerk, Flittergold, Kehricht, salutieren, Herz aus Eis, reines Herz, Lappland, Finnmark). Da Hans Christian Andersen auf der letzten Seite des Buches (S. 87) beim Herstellen von Scherenschnitten zu sehen ist, wäre es wünschenswert gewesen, diese weitere Leidenschaft des Schriftstellers in der Autoreninformation (S. 86) kurz zu erwähnen.
Fazit: Durch die adressatenbezogene Sprache und die inhaltsvollen Bilder Archipowas sind
»Andersens Wintermärchen« eine empfehlenswerte Vorleselektüre in der Winter-, Advents- und Weihnachtszeit, die eine Offenheit für ›schwere‹ Themen voraussetzt, aber auch bewusst genutzt werden kann, um diese gemeinsam zu bearbeiten. (sb)
Gesamteindruck: ++++ (4/5)

Bibliographische Angaben: Andersens Wintermärchen. Bearbeitet von Arnica Esterl, illustriert von Anastassija Archipowa. Stuttgart: Esslinger, 2016. 87. S. ISBN 978-3480232918. EUR 16,99.

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[Beide Rezensionen erschienen auch in der Datenbank der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW.]


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#13 Über Roger Zelaznys »Herr des Lichts« (Besprechung)

Geschrieben von Sierra , in Phantastik, Science Fiction, Rezension 06 September 2016 · 836 Aufrufe
zelazny, Hinduismus, Buddhismus und 3 weitere...

Nach einer kleinen urlaubsbedingten Pause habe ich für den neuen Blog-Post etwas in der Schublade gegraben: Mit Blick auf den evtl. kommenden Lesezirkel im SFN zu dem Fantasy-Epos »Chronicles of Amber« (1970; dt. »Chroniken von Amber«, 1977) möchte ich einen älteren Artikel von mir über den Zelazny-Klassiker »Lord of Light« (1967; dt. »Herr des Lichts«, 1976) teilen. Zelaznys Auseinandersetzung mit hinduistischen und buddhistischen Mythenwelten in einem SF-Setting hat mir damals viel Lesefreude bereitet. Interessant finde ich bis heute Zelaznys Erkenntnisinteresse an der – im Grunde genommen – politischen Frage, wie bestimmte Eliten Herrschaft organisieren und dazu technische und ideologische Mittel einsetzen, aber auch der Problematik, ob und wie diese Herrschaft enttarnt und bekämpft werden kann.

»Lord of Light« wurde von Zelazny im Jahre 1967 veröffentlicht und brachte ihm ein Jahr später seinen zweiten Hugo Gernsback Award ein – den ersten erhielt er für den Post-Doomsday Roman »This Immortal« (»Fluch der Unsterblichkeit«, 1966). Zelaznys Roman spielt auf einem fernen Planeten in unbestimmter Zukunft, auf dem menschliche Kolonisten, die »Ersten« (S. 56), eine totale, theokratische Herrschaft über ihre Nachkommen und die indigene Planetenbevölkerung, Dämonen und Elementargeister, installiert haben, indem sie sich mit Hilfe des von ihnen wiedererfundenen hinduistischen Weltmodells göttliche Immunität verliehen haben. Die ›Ersten‹ sind durch eigene Mutation und die Hemmung des technischen Fortschritts ihrer menschlichen Nachkommen nicht nur gottgleich, sondern durch die technologisch ermöglichte Seelenwanderung (Reinkarnation) auch praktisch unsterblich geworden. Während sie in der »Himmlischen Stadt« (S. 194), ihrer von einer Glaskuppel geschützten Befestigung auf einem Bergplateau, unter Einsatz von modernen Technologien die Geschicke der Welt lenken, fristet die sie als Götter kultisch verehrende Bevölkerung in einer mittelalterlich anmutenden Welt ihr Schattendasein. Eingefügtes Bild Die Macht haben sich die ›Ersten‹ durch Kontrolle und Manipulation der Seelenwanderung, des ›Kreislaufs der Geburten‹ (samsara), dauerhaft gesichert, indem sie und ihre Helfer, die ›Meister der Karma‹, »die Anwendung von Psychotests für diejenigen obligatorisch gemacht [haben], die vor ihrer Reinkarnation stehen. […] Sie gehen [das] vergangene Leben durch, wiegen das Karma und entscheiden über [das] bevorstehende Leben – was könnte geeigneter sein, das Kastensystem aufrechtzuerhalten und die deikratische Kontrolle abzusichern.« (S. 67) Oppositionelle wie zum Beispiel die sogenannten Akzelerationisten, also diejenigen, die technische Erfindungen mit den Menschen teilen wollen, können so kaum zu einer langfristigen Bedrohung für die ›Ersten‹ werden. Bei der Darstellung der göttlichen Attribute der ›Ersten‹ wird meistens auf eine magische Explikation verzichtet und vielmehr der technische und strategische Charakter ihrer Herrschaftsinstrumente betont. »Agnis Feuerstab« (S. 69, 167) (= Laserwaffe), Schiwas »Donnerwagen« (S. 6) (= Flugzeug), Yamas »Todesblick« (S. 141) (= evolutionär vererbte Mutierung) und die Waffen und Fähigkeiten der anderen Götter sind weitgehend (pseudo-)wissenschaftlich erklärbar. Durch eine selbst an religiöse Traktate erinnernde Sprache erschafft Zelazny die sakrale Atmosphäre einer Mythenwelt, um dann auf der Handlungsebene noch schärfer die dahinter grassierende Machtpolitik und moralische Korrumpierung der ›Ersten‹ entblößen zu können.

Zelaznys Roman erzählt die Geschichte von Sam, einem ›Ersten‹, der sich von den anderen Göttern und ihrer ›deikratischen Politik‹ abgewendet hat, um sich als ›Akzelerationist‹ und eine Art moderner Prometheus für die Übergabe von Technik und Wissenschaften an die Menschen einzusetzen. Die Handlung beginnt damit, daß Sams ›Atman‹, seine Seele bzw. ›wahres Selbst‹, von dem Todesgott Yama aus einer »goldenen Wolke«, dem Nirwana, mittels einer »Gebetsmaschine« und »Hochfrequenzgebete[n]« (S. 5) zurückgeholt und in einen neuen Körper inkarniert wird, damit dieser erneut die Menschen gegen die ›Ersten‹ anführen kann. Wie an anderen Stellen auch knüpft Zelazny hier an Ereignisse im Leben des historischen Buddhas, der aus Mitleid den Einzug ins Nirwana ablehnte, um die Leiden und Schmerzen im Leben des Menschen zu mildern. In den nächsten Kapiteln (2 - 6) erfahren wir aber zunächst in einem Rückblick von der Initialisierung der buddhistischen Lehre durch Sam als einer ›Theologie der Befreiung‹ und seinem ersten Versuch der Organisation von Widerstand. Erst im siebten und letzten Kapitel wird wieder chronologisch an den Beginn der Erzählung angeknüpft.
In der Wiedererfindung des Buddhismus stiftet Sam einen Gegenmythos und opponiert so gegen den Pantheon der ›Ersten‹: »Seine Anhänger nannten ihn ›Mahasamatman‹ und einen Gott. Er selbst jedoch ließ das ›Maha-‹ und das ›-atman‹ weg und nannte sich ›Sam‹. Niemals behauptete er, ein Gott zu sein. Freilich bestritt er es auch niemals.« (S. 5) Sam versucht dabei, die Götter mit ihrer eigenen Methode zu schlagen, da er »seine Lehre, seinen Pfad zur Weisheit, seine Kenntnisse, einschließlich seiner Zeremonienkleidung, […] alles, aber auch alles aus verbotenen prähistorischen Quellen gestohlen hat. Diese Dinge waren Waffen für ihn, mehr nicht. Seine größte Stärke lag aber in der Kunst seiner Heuchelei.« (S. 12) Obwohl Sam im Laufe seiner Pilgerschaft auf der Welt immer mehr als Buddha wahrgenommen wird, nimmt er es mit seinen eigenen Lehren wie zum Beispiel dem Prinzip des Nicht-Schadens (S. 35) nicht allzu genau, wenn es um die Verfolgung des Befreiungskampfes geht: Der physischen Konfrontation mit seinen Gegnern weicht er niemals aus. Seine mächtige Streitmacht rekrutiert er aber nicht allein aus Menschen, sondern auch aus Dämonen und niederen Energiewesen.

Das Rad des Lebens
Das Rad des Lebens, Symbolische Darstellung des Kreislaufs der Wiedergeburten, ›Samsara‹ (Quelle: P. Roelli. Lizenz: CC BY-SA 3.0)








In einer unterirdischen Höhle befreit Sam die einst von ihm selbst festgesetzten Elementarwesen; wobei er er vom Dämonenfürst besessen wird. Erst indem er in ihm ein Schuldgefühl für seine Taten erweckt hat, kann Sam den Dämonenfürst bezwingen. Noch stärker geworden – die Besessenheit hat die »Flamme [s]eines Wesens« (S. 168) gehärtet – marschiert Sam mit einer Streitmacht aus Menschen, Dämonen und dem Gott Yama, der die Seiten gewechselt hat, auf die himmlische Stadt und – unterliegt. Sam wird gefangen genommen und hingerichtet. Damit er nicht zum Märtyrer wird, versuchen die ›Ersten‹ seine Lehren durch eine Umdeutung in das hinduistische Glaubenssystem zu integrieren und so unwirksam zu machen; nach seiner Rückkehr aus dem Nirwana erklärt ihm Yama: »Du wurdest für würdig befunden, ins Nirwana einzugehen, und man projizierte dein Atman – nicht in einen anderen Körper, sondern in die große magnetische Wolke, die diesen Planeten umgibt. Seitdem ist über ein halbes Jahrhundert vergangen. Offiziell giltst du nun als eine Inkarnation Wischnus, und es heißt, Wischnus Lehren seien von einigen seiner fanatischsten Anhänger falsch ausgedeutet worden«. (S. 15) Über die offensichtliche Analogie zur historischen, konfliktären Wechselbeziehung der beiden Religionen hinaus – auch in der indischen Mythologie gibt es die umstrittene Glaubenssicht, daß Buddha eine von zehn Inkarnationen des Gottes Wischnu repräsentiert –, wird hier ein ganz allgemeines Merkmal von Herrschaft sichtbar, die zuvorderst auf die Kaschierung jeglicher Konflikten zwischen der herrschenden Elite und der beherrschten Masse abzielt.
Im siebten Kapitel, das in der Gegenwart der Handlung spielt, bläst Sam nach seiner Reinkarnation erneut zum ›heiligen Krieg‹: »Wenn es nötig ist, werde ich diese Sterne vom Himmel reißen«, erklärt er, »und sie den Göttern ins Gesicht schleudern. Ich werde jeden ihrer Tempel im Land entweihen. […] Ich werde aufs neue zur Himmlischen Stadt emporsteigen, und wenn jeder Schritt auf diesem Weg eine Flamme wäre oder ein blankes Schwert, und wenn Tiger sich auf mich stürzten. Eines Tages werden die Götter vom Himmel herabblicken und mich auf den Stufen sehen, und ich werde ihnen das Geschenk bringen, das sie am meisten fürchten. An jenem Tag wird der neue Yuga beginnen.« (S. 50 f.)
Und tatsächlich kommt es schließlich zu einer letzten Schlacht, in der die ›Ersten‹, in der Zange von Sams Streitmacht und dem erratischen Schwarzmagier Nirriti, der mit einem Heer von Untoten jede andere Religion auslöschen will, diesmal eine Niederlage erleiden. Nachdem auch Nirriti vernichtet werden konnte, ist eine natürliche Entwicklung der menschlichen Kultur nunmehr möglich: »Das System der Auslese durch den Himmel begann […] zusammenbrechen. […] Das Fahrrad wurde neu erfunden. Sieben buddhistische Heiligtümer wurden errichtet. Aus Nirritis Palast machte man eine Kunstgalerie und einen Karma-Pavillon.« (S. 326) Schließlich entschwindet auch Sam aus dieser Welt, wie und wohin, ist überliefert in »vier Versionen, die die Moralisten, die Mystiker, die Sozialreformer und die Romantiker erzählen.« (S. 328)

Neben der Problematisierung von Technik im Sinne des social engineering durch Zelazny, die von den Göttern allein zur Zementierung des gesellschaftlichen status quo verwendet wird, liegen weitere Stärken des Romans vor allem in seiner politischen Aussagekraft. Es fällt es nicht schwer, Parallelen zu politischen Entwicklungen und Ideologien in westlichen Industriegesellschaften im Umgang mit Religion in Zelaznys clash of religions aufzuzeigen. Die Installation des hinduistischen Kastensystems durch die ›Ersten‹ – einerseits die wissenden Götter in der himmlischen Stadt und andererseits die in ihrem zivilisatorischen Fortschritt ausgebremsten Menschen, die doch nur zu ihrem ›Besten‹ belogen und getäuscht werden, – erinnern an einzelne Aspekte des amerikanischen Neokonservatismus. Auf der Grundlage der Überzeugung, daß die politischen Eliten um politische Lügen nicht umhinkommen, wenn sie eine stabile Regierung wollen, ist Religion mit ihrer Rechtfertigungs- und Legitimationsfunktion, insbesondere in Kriegszeiten – nicht er seit der Präsidentschaft George W. Bushs, aber da besonders (vgl. dazu einen Artikel im Inquiries Journal) – von Bedeutung.
Die Religion als Lüge mißbrauchende Herrschaft der ›Ersten‹ repräsentieren vor allem Brahma und Yama. Brahma, der im Hinduismus als Schöpfergott und als das Wesen, das in allen anderen Wesen ist, gilt, wird als neurotischer Gott desavouiert. So fühlt er sich nach einer Geschlechtsumwandlung zum Mann minderwertig – so »als ob das Zeichen seines wahren Geschlechts ihm in die Stirn eingebrannt sei« – und wünscht sich vergebens, von den Mädchen aus seinem Harem – »nicht als Gott, sondern als Mann« bewundert zu werden. Auf Sams beißende Kritik an den ›Ersten‹ wegen der Kolonisierung und der Hemmung des technischen Fortschritts ihrer Nachkommen hin – »[s]tatt dessen aber bauten wir uns ein uneinnehmbares Paradies und behandelten die Welt, als ob sie eine Mischung von Spielwiese und Bordell sei« (S. 78) – referiert Brahma den pseudo-paternalistischen Standpunkt der göttlichen Potentaten: »Sie haben eine Zivilisation in der Art ihrer Vorväter begründet. Aber sie sind noch immer Kinder, und so wie Kinder würden sie mit unseren Geschenken spielen und daran zugrunde gehen. Sie sind unsere Kinder, die Kinder unserer längst verwesten Ersten-Körper […]. Götter und Göttinnen sind im Grunde Elternfiguren – was könnte also wahrhaftiger und wohlbegründeter sein, als daß wir diese Rolle annehmen und voll ausspielen?« (S. 79)
Eine umfassendere Interpretation von Zelaznys Roman mit der Denkfigur ›politische Religion‹, im Sinne der Sakralisierung einer bestimmten Ideologie durch eine politische Bewegung zur Ausschaltung politisch anders orientierter Kräfte und die Entwicklung eines politischen Kultes zum Entzug menschlicher Autonomie, aber auch die Verknüpfung mit den Debatten über die totalitären Massenbewegungen des 20. Jahrhunderts und ihr religiöses Sendungsbewußtsein wären hier ebenfalls möglich. Zur Veranschaulichung dieser religiösen Nebelkappen der Macht im Roman sei hier der Kürze halber aus einem Gespräch zitiert, das sich zwischen Sam und Yama, dem exponiertesten ›Sozialtechnologen‹ der ›Ersten‹, um die Frage entspinnt, was ein Gott sei: »Gott zu sein« bedeutet nach Yama, »sich selbst jene Dinge zu erkennen, die wichtig sind, und dann den einen Ton anzuschlagen, der sie mit allem, was existiert, in Harmonie bringt. Dann ist man – jenseits von Moral, Logik oder Ästhetik – Wind und Feuer, das Meer, die Berge, der Regen, die Sonne und die Sterne, der Flug eines Pfeils, das Ende eines Tages, die Liebesumarmung. Ein Gott herrscht durch die Leidenschaften, die ihn beherrschen.« Diese Sakralisierung der eigenen Herrschaftsideologie, seine, im wahrsten Sinne des Wortes ›Schein‹-Heiligkeit entlarvt Sam kritisch als »poetisches Gefasel« und »Melodie, die [die ›Ersten‹] auf [ihren] faschistischen Banjos klimper[n]«. (S. 189)

Ist aber Sam, die »Ein-Mann-Antithese zum Himmel« (S. 136), nun auch derjenige, der der Herrschaft jeglicher politischen Religion ein Ende setzt? Sam gelingt zwar sein prometheisches Projekt, die Befreiung des Menschen aus der Sklaverei und die Distribution von Wissen, nicht aber seine Befreiung aus der Knechtschaft der Mythen. Vielmehr hält Sam die Mythenmaschine selbst in Gang, um sich auf seinem Feldzug die Gefolgschaft zu sichern. Ein Beispiel: Nach der Vernichtung des Gottes Mara in Anwesenheit einer mönchischen Klostergemeinschaft, was einen eklatanten Bruch des buddhistischen Nicht-Schaden-Gebots bedeutet, fordert Yama von Sam religiöse Camouflage: »[S]olange das Bild der Geschehnisse noch in ihrem Bewußtsein [der Mönche] brennt und ihre Gedanken sie peinigen, müssen wir die neue Wahrheit schmieden und in ihr Gedächtnis pressen… […] Du mußt ihnen eine Predigt halten. Du mußt jene edleren Regungen und höheren Geisteseigenschaften in ihnen erwecken, die den Menschen zum Spielball der Götter machen.« (S. 40 f.)
Trotz seiner Skepsis wendet Sam an dieser und an anderen Stellen solche ›Tricks‹ an und betreibt in seinem vermeintlich aufklärerischen Kampf gegen den Mythos doch nur Remythologisierung. Dort aber, wo eine politische Religion durch eine andere politische Religion ersetzt wird, realisiert sich ein Nullsummenspiel, in der der Mensch ein Spielstein ist und bleibt. (bf)

Gesamteindruck: +++++ (5/5)

Bibligraphische Angaben: Roger Zelazny: Herr des Lichts (orig.: Lord of Light, 1967). Übers. von Frank Clemeur. München: Heyne, 1976. TB 06/3500. Neuausg.: 1985. TB 06/45.

[Text zuerst erschienen und bearbeitet nach: B. Figatowski: When Gods Collide. In: Glaubenswelten: Götter in Science Fiction und Fantasy. Hrsg. von Thomas Le Blanc und Johannes Rüster. Wetzlar: Phantastische Bibliothek, 2005. S. 302-308.]




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#3 Nick Mamatas' »Northern Gothic« (Besprechung)

Geschrieben von Sierra , in Phantastik, Rezension, Unkategorisiert 17 May 2016 · 435 Aufrufe
Rezension, new york, phantastik

Zu meinen Lieblingsautoren gehört der New Yorker Autor Nick Mamatas, der in Romanform zuletzt 2014 eine Zombi-Dystopie namens »The Last Weekend« veröffentlichte. Hier eine ältere Besprechung seiner Schauergeschichte »Northern Gothic«, die deutschsprachig als Liebhaberausgabe in der Edition Phantasia (2007) erschienen ist, aber auch nach wie vor preisgünstig im englischspr. Original bei Soft Skull Press lieferbar ist.


Beurteilung

Wenn es um die kulturelle Bedeutung der amerikanischen Freiheitsstatue geht, wird immer wieder ein dem irischen Dramatiker George Bernard Shaw zugeschriebenes Zitat kolportiert. »Man nennt mich allenthalben einen Meister der Ironie, aber auf die Idee, ausgerechnet im Hafen von New York eine Freiheitsstatue zu errichten, wäre nicht einmal ich gekommen.« Alles andere als abwegig ist es, eine Rezension von Nick Mamatas’ »Northern Gothic«, eine New Yorker Schauergeschichte, mit Shaws Ausspruch zu beginnen. Denn Mamatas’ timeslip-Roman erzählt eine wenig ruhmreiche Geschichte New Yorks, die Shaw wohl nicht nur in ihren schroffer Ablehnung des amerikanischen Freiheitsmythos und der Mär vom selfmade man gefallen hätte.
Die beiden Handlungsstränge der Geschichte, die alternierend auf unterschiedlichen Zeitebenen spielen, werden von Mamatas in phantastischer Manier miteinander verwoben. Der erste Handlungsstrang spielt im Sommer des Jahres 1863, also 23 Jahre vor der Einweihung der Freiheitsstatue, und schildert den verhängnisvollen Amoklauf eines jungen irischen Dockarbeiters. Wie viel sein Leben wert ist, erfährt William Patten von einem Aushang der amerikanischen Regierung in New York, die alle waffentauglichen jungen Männer zum Wehrdienst ruft: brutale 300 Dollar, seinen ganzen Jahresgehalt, müsste er berappen, um den Bürgerkrieg zu verweigern. Den drohenden Fronttod vor Augen, machen die Hafenarbeiter den Sündenbock im eigenen Lager aus und rotten sich unter Pattens Anführerschaft zusammen, um gegen den Einsatz farbiger Arbeiter zu protestieren, die dieselbe Arbeit für noch weniger Gehalt machen und so angeblich die Löhne kaputtmachen. Der Streik gerät außer Kontrolle und wird zur Lynchjagd, die schließlich in die Brandsetzung eines Waisenhauses für farbige Kinder und in die Schändung und Tötung farbiger Arbeitskollegen mündet. Schließlich greift die Armee ein und Patten wird standrechtlich erschossen, um noch im Moment seines Todes seine Rechte als freier und weißer Amerikaner zu beschwören.
Die zweite Handlungsebene spielt im Juli 1998: Ahmadi Jenkins, ein schwuler Afro-Amerikaner, zieht aus South Carolina nach New York und nimmt zufällig eine Wohnung in dem Haus, in dem Patten vor hundertvierzig Jahren gelebt hat. Jenkins scheitert sowohl in seinem Versuchen, als Tänzer in New York Fuß zu fassen, als auch Freundschaften zu knüpfen – so wird er von seinem Freund Sammy ausgenutzt und brutal vergewaltigt. Die Erzählebenen vermischen sich und die Geschehnisse aus dem 19. Jahrhundert werfen ihren Schatten bis in Jenkins’ Gegenwart. Bei einem Spaziergang zum Hudson River begegnet ihm ein Afro-Amerikaner, der, in panischer Angst gelyncht zu werden, in den Fluss springt. Jenkins rettet ihn vor den Augen von Sammy, der im Wasser jedoch nichts erkennen kann. Zudem plagen Jenkins »böse Gedanken«: »Daß ich ein Sklave war, daß ich vergewaltigt wurde, daß man mir die Eier abgeschnitten hat. Nichts Unterbewußtes, weißt Du, nur... Terror, aber auch wie eine Erinnerung.« Jenkins’ Pechsträhne geht weiter, als dann ausgerechnet noch seine Wohnung abbrennt und er zu persona non grata und einem öffentlichen Ärgernis wird: »In den vergangenen Tagen hatten Ahmadis harmlose Gutmütiger-Trottel-Schwingungen nachgelassen und waren einer zunehmend ausgeprägteren Wilder-Negerstamm-Aura gewichen. Der Mann im Kiosk wusste schon, daß er ihn besser nicht anlächeln oder allzu aufdringlich anstarren sollte, wenn er zum Geldautomaten ging und sich ohne Geld herauszunehmen wieder entfernte. Gestern konnte er noch alten Damen zulächeln und die lächelten zurück. Heute hasteten sie wie auf einer Pfütze voll Murmeln an ihm vorbei und hielten schützend ihre Handtaschen fest. Gestern hatte er dazugehört. Heute bildete er die Vorhut einer Armee von Straßenräubern, Heroinsüchtigen und obdachlosen, zahnlosen Bürgersteigpissern und verkommenen Subjekten. […] Ein Stupser der Stiefelspitze eines Polizisten und er war keine quietschvergnügte Schwuchtel mehr, sondern ein muskulöser und möglicherweise derangierter analphabetischer Nigger.« Bei dem Versuch, die Stadt zu verlassen, wird Jenkins schließlich von einem Taxifahrer überfahren und muss in ein Krankenhaus eingeliefert werden. In einem Schlafsaal, den er sich mit acht älteren Patienten teilt, wird er in einer letzten Traumvision von William und seinem weißen Lynchmob aufgesucht.
Meisterhaft bedient sich Mamatas den Konventionen des timeslip-Romans, wie etwa der geisterhaften Kommunikation zwischen Jenkins und Patten, um Kontinuitäten von Rassismus in den USA aufzuzeigen, die Anschließbarkeit der Jetzt-Zeit an den blindwütigen Rassenhass der ›Gründungsväter‹ von New York. Die Darstellung des Gewaltausbruchs im New Yorker Hafen ist nicht nur ein minutiös recherchiertes und historisch verbürgtes Beispiel, wie Gewalt entsteht, wenn die Abstraktion empirischer Realität in schizophrene Phantasmagorie mündet und sich Unterbewusstes in eruptiver Gewalt entlädt, der Roman ist nicht nur Krankengeschichte, sondern auch Gesellschaftskritik: Wenn etwa bei Pattens Erschießung ein junger Soldat, noch fast ein Kind, an ihm vorbeischießt und sich mit ihm solidarisiert, wird deutlich, dass die Beseitigung des Rassenhasses dem Kampf mit der Hydra in der griechischen Mythologie ähnelt.

Eingefügtes Bild Und fast mühelos gelingt Mamatas am Beispiel Jenkins die Vermittlung der Erkenntnis, dass Afro-Amerikaner auch noch im vermeintlich liberalsten Umfeld enormen Zwängen und Abhängigkeiten ausgeliefert sind. New York wird dabei als eine Stadt der Illusionen sichtbar, die nur mangelhaft ihre weiterhin schwelenden Kämpfe, die Galgenbäume und sozialen Widersprüche kaschiert. Den Leser erschaudern lässt also weniger die phantastische Geistergeschichte als die dargestellte Fremdbestimmung, Leere und Verlogenheit der metropolitanen und metrosexuellen Gesellschaft, die immer feinere Methoden entwickelt, Schwächere auszugrenzen und zu beherrschen. Zusätzlich verstörend wirkt dabei die Teilnahmslosigkeit und blutleere Lethargie Jenkins, die etwa an die Figur Karl Rossmanns in Kafkas »Amerika«-Roman erinnert.
Der edlen Aufmachung des Romans in einer limitierten und durch ansprechende Zeichnungen von Thomas Franke und Reinhard Kleist bereicherten Sonderedition zum Trotz ist »Northern Gothic« kein Sammlerstück, das im Regal verstauben darf. Ganz im Gegenteil: Dass Literatur und Subversion heutzutage durchaus noch eine Menge miteinander zu tun haben, brachte Mamatas in einem Interview mit Joachim Körber (phantastisch! Nr. 28) selbst auf den Punkt: »Für mich sind Bücher und die amerikanische Kultur schon längst nicht mehr ein und dasselbe; Lesen, besonders Science Fiction und Fantasy ist Gegenkultur in den USA.« Wer sich von der Gültigkeit dieser Selbstauskunft überzeugen will, greife zu »Northern Gothic«. (bf)

Gesamteindruck: +++++ (5/5)

Bibliografische Angaben: Dt. Erstausgabe: Nick Mamatas: »Northern Gothic«. Eine New Yorker Schauergeschichte. Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber. Mit je fünf Illustrationen von Thomas Franke und Reinhard Kleist. Edition Phantasia 2007, 154 Seiten, ISBN 978-3-924959-78-4

[Rezension zuerst erschienen in: phantastisch! 30. April 2008. ISSN 1616-8437. Für den vorliegenden Blog-Beitrag leicht überarbeitet.]







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»Wenn man den Gerüchten glauben durfte, steckte im Kostüm des Maskottchens der Forest Shade Middle School eine 72-jährige Frau. Doris, die 72-jährige Mutter von Trainer Verde, um genau zu sein. Die Vermutung lag nahe, denn während die Maskottchen anderer Schulen Purzelbäume schlugen und zu Rockmusik tanzten, sah man unseren Waschbären oft in einem Schaukelstuhl sitzen und Hauben für Klopapierrollen stricken.«

 

(Jennifer Brown: So überlebte ich das Schuljahr trotz Aliens, Robotern und der grausamen Missy. München 2017, S. 7)

 

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