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Metaphernpark



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Kernschmelze einer Familie (Matthias Nawrats »Unternehmer«; Rezension, #44)

Geschrieben von Sierra , in Dystopie, Science Fiction 19 May 2017 · 1069 Aufrufe
Dystopie, Umweltzerstörung und 3 weitere...
Matthias Nawrat: Unternehmer

Rezension

Große Aufmerksamkeit hat die weißrussische Schriftstellerin Swetlana A. Alexijewitsch mit der These erlangt, dass die Menschheit Tschernobyl bis heute nicht verstanden habe. Denn bis heute dominiert die Philosophie des Weiter-so, ungeachtet der regelmäßigen kleineren und größeren Störfälle. Und auch der nunmehr eingeleitete Atomausstieg in Deutschland nach Fukushima sei nur eine Ausnahme von der Regel. In Gesprächen mit Tschernobyl-Überlebenden versuchte Alexijewitsch die emotionale Seite der Katastrophe zu beleuchten. Obwohl Vergleiche zwischen Romanen und Sachbüchern schwierig sind, ist es bemerkenswert, dass Matthias Nawrat in seiner Dystopie »Unternehmer« ähnliche Intentionen wie Alexijewitsch verfolgt.

Im Mittelpunkt seines Romans steht die 13-jährige Lipa, die mit ihren Eltern und ihrem einarmigen, jüngeren Bruder in einem Schwarzwalddorf wohnt. Obwohl im Zuge der nicht näher beschriebenen Umweltkastrophe ein technischer Rückschritt stattgefunden hat, ist den Menschen ein Mindestmaß an Infrastruktur erhalten geblieben. Lipas Vater ist ein Tagelöhner, täglich auf der Suche nach Rohstoffen und Metallen, um sie auf einem »Paradies« genannten Schrottplatz zu verkaufen. Er nimmt seine Kinder mit auf die Schrottsuche in den Industrieruinen, obwohl es dort wegen der hohen Unfallgefahr und Toxizität lebensgefährlich ist. Kann eine Familie ein solches Leben führen? Können Kinder in einer solchen Welt erwachsen werden? Anstatt einfache Antworten zu suchen, provoziert Nawrat den Leser bereits mit der Erzählweise. Lipa ist eine unzuverlässige Ich-Erzählerin, die das familiäre Zusammenleben zunächst als Idylle und die Arbeit als Abenteuer für alle schildert: So ist Berti für das Ausschlachten der Industriemaschinen zuständig, während Lipa die Betriebskalkulation übernimmt. Die väterliche Metapher des »Unternehmens« ähnelt einem pädagogischen Beruhigungsmittel, weil sie mit der Heile-Welt-Sehnsucht der Kinder harmoniert. Als sich etwa Lipa in einen Nachbarsjungen verliebt, sieht sie ihre gemeinsame Zukunft rosarot, eben weil sie wie ihre Eltern Unternehmerin ist: »Mutter ist in Wahrheit glücklich […], dass wir jetzt ein Unternehmen haben […]. Und ich bin auch Unternehmerin und ich bin froh, den langen Nasen-Timo zu haben.« Dass dieses familiäre Rollenspiel aber nicht nur eine gutgemeinte Lüge ist, merkt der Leser spätestens, als sich Bertis Behinderung als folgenschwerer 'Arbeitsunfall' herausstellt, der vom Vater als 'Betriebsrisiko' in Kauf genommen wurde. Und auch das Ausleben der ersten Liebe ist für Lipa als Betriebsangehörige nicht vorgesehen. Als das Geschäft des Vaters wegen eines Konkurrenzunternehmens unter Druck gerät, wagt er mit den Kindern eine Rohstoffbergung in einem havarierten Kernkraftwerk, weil dort das »große Klimpergeld liegt«. Dem familiären Unternehmertum droht aber nun im wahrsten Sinne des Wortes die Kernschmelze.

Insgesamt gesehen vermittelt Nawrats Roman gerade wegen seines gemächlichen Tempos und der Ästhetik der einfachen Sprache eindrücklich und psychologisch feinsinnig die Perspektive eines Kindes auf den Weltzerfall. Auf der Metaebene gelingt Nawrat aber auch eine originelle Stellungnahme zu Wesenszügen des Kapitalismus – etwa dem Primat des Profits vor der Moral und dem Umweltschutz –, die dank des dystopischen Setting besonders deutlich hervortreten. Schade nur, dass der Roman so kurz ist – über Lipas Welt gäbe es sicherlich noch so viel mehr zu erzählen. (bf)


Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)

Bibliografische Angaben: Matthias Nawrat: Unternehmer. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt: 2015. 137 S. 9,90 EUR. ISBN-13: 978-3499269806.

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Sascha Mamczak und Hannes Riffel (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2016, Berlin: Golkonda 2016.)


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#22 Zwischen Fatalismus und Feuermachen – Edan Lepuckis »California« (Besprechung)

Geschrieben von Sierra , in Dystopie, Science Fiction, Rezension 19 December 2016 · 459 Aufrufe
Dystopie, Science Fiction und 3 weitere...
Abgeschlossene und durch private Sicherheitsdienste bewachte Wohnkomplexe, sogenannte »Gated Communities«, sind keine Besonderheit der amerikanischen Gesellschaft mehr. Sie haben längst auch in vielen anderen Ländern Einzug gehalten. Die US-amerikanische Autorin Edan Lepucki wählt in ihrem Roman »California« ein dystopisches Setting, um sich mit der Kluft zwischen Reich und Arm auseinanderzusetzen.
Lepuckis Roman, der wegen seiner langsamen Erzählweise wenig mit den populären action-orientierten Dystopien zu tun hat, schildert die USA in naher Zukunft. Globale Erwärmung, Erdbeben und Grippe-Epidemien haben einen hohen Tribut an Menschenleben gefordert. Ganze Regionen sind reindustrialisiert, und der Staat ist zusammengebrochen. Die Überlebenden leben in der bitteren Armut der Städte oder – das nötige Handgeld vorausgesetzt – in den luxuriösen »Communities«. Dazwischen, in der Wildnis, treiben als »Piraten« bezeichnete Marodeure ihr Unwesen. Dennoch hat das junge Paar Calvin 'Cal' Friedman und Frida Ellis Los Angeles verlassen. Sie beziehen eine leer stehendes Haus in der Wildnis und freunden sich mit den Millers an, einer Familie von Einsiedlern. Obwohl Frida schwanger wird, fühlt sich das Paar in der Wildnis immer wohler, – bis zu dem Tag, als sie die Millers tot in ihrem Haus auffinden. Schockiert über deren Selbstmord verlassen Frida und Cal sofort ihr Haus, um in einem nahe gelegenen Dörfchen namens »The Land« Zuflucht zu finden. Dort erwartet sie eine große Überraschung, als sie Micah, Fridas Bruder, wiedersehen. In Rückblenden erfuhr der Leser zuvor, dass Micah Mitglied einer kapitalismusfeindlichen Terrorgruppe war. Nach einem Selbstmordanschlag in einer Mall, den Micah selbst verübt haben soll, war er jedoch verschwunden. Überrascht, dass keine Kinder in »The Land« leben, erzählt Frida nur Micah und seinen Vertrauten von der Schwangerschaft. Erst später erfährt Frida, dass Micah die Bürger von »The Land« unter Druck gesetzt hat, ihre Kinder – angeblich zu ihrem eigenen Schutz – für die Adoption in einer Luxus-Community freizugeben. Während einer Abstimmung der »Land«-Bewohner über die endgültige Aufnahme des Paars in ihre Gemeinschaft, verkündet Frida öffentlich ihre Schwangerschaft. Doch bereits diese Ankündigung stellt für die Anwesenden einen so unglaublichen Frevel dar, dass Frida und Cal im selben Moment zu Feinden werden, die beseitigt werden müssen.
Unterm Strich kann Lepuckis Roman nicht vollends überzeugen, – trotz der interessanten Schilderung, wie schnell Menschen dazu bereit sind, ihre persönliche Freiheiten aufzugeben und sich in den Dienst inhumaner Ideologien zu stellen. Dies liegt zum einen an der widersprüchlichen Figurenzeichnung. So heißt es beispielsweise zu Romanbeginn über Fridas Angst in der Wildnis: »Es hatte sie all ihre Kraft gekostet, nicht laut zu sagen: Wir werden hier sterben, oder«. Doch schon zwei Seiten weiter schildert der Erzähler Fridas Freude am Feuermachen: »Sie fand es beinahe romantisch.« Zum anderen vermag der Roman nicht die Katastrophe glaubwürdig und differenziert zu erzählen. Stattdessen heißt es etwa pauschal: »Die Welt ging den Bach runter, aber das tat sie schon seit Generationen. Überbevölkerung, Umweltschäden, Dürre und Seuchen, Ölknappheit und Terrorismus […].« Angesichts dieses Fatalismus wird die Lesefreude wohl selbst von eingefleischten Dystopie-Fans empfindlich getrübt. (bf)

Gesamteindruck: ++ (2,5 / 5)

Bibliografische Angaben: Edan Lepucki: California, Berlin: Aufbau, 2016. 415 S. ISBN: 978-3351050191. EUR 20,00 (gebundene Ausgabe).

[Rezension zuerst erschienen in: Das Science Fiction Jahr 2016 im Golkonda Verlag]

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#21 »Die Verteidigung des Paradieses« von Thomas von Steinaecker (Besprechung)

Geschrieben von Sierra , in Dystopie, Science Fiction 16 December 2016 · 703 Aufrufe
science fiction, Rezension und 5 weitere...
Wenn man bedenkt, dass es noch nicht allzulange her ist, als Millionen Deutsche im Verlauf des Zweiten Weltkriegs ihr Zuhause verloren haben, ist es erklärungsbedürftig, dass diese historischen Erfahrungshorizonte in der aktuellen Diskussion über Flüchtlinge beinahe keine Rolle spielen. Thomas von Steinaecker gehört zu den Schriftstellern, die sich mit der in Deutschland grassierenden Fremdenangst auseinandersetzen wollen. In seinem Roman »Die Verteidigung des Paradieses« blickt er dabei jedoch nicht in die Vergangenheit zurück, sondern entwirft eine literarische Dystopie, die in der Zukunft spielt. Seine Genrewahl ist folgerichtig, denn zumindest in anspruchsvolleren Werken übt sich die Dystopie nicht wie der Hollywood-Film im Thrill der Katastrophenästhetik, sondern zeigt ein Interesse an den Folgen der Katastrophe für den Menschen.
Die Binsenwahrheit, dass die Apokalypse jeden treffen kann, verdeutlicht von Steinaecker bereits durch sein Setting, indem er seine Geschichte auf einer bayrischen Alm in der Nähe von Berchtesgaden situiert. Einen Zugang zu dieser Welt erhält der Leser durch die im jugendtypischen Denglisch verfassten Tagebücher von Heinz, dem fünfzehnjährigen Ich-Erzähler, der als Waisenkind in einer Wohngemeinschaft auf einem Bauernhof lebt. Heinz hat ein gutes Verhältnis zu der gutmütigen Anne, der »Gemeinschaftsoma«, und Özlem, die wie Chang, ihr Partner, früher in der Medienbranche tätig war. Während er sich vor Jorden, einem ehemaligen Soldaten fürchtet, hält er große Stücke auf Cornelius, der vormals Politiker war: »Regelmäßig hat Cornelius mir eingeschärft, es seien nicht zuletzt vermeintlich läppische Wörter wie bitte und danke, die einen selbst nach dem Weltuntergang noch Mensch bleiben ließen.« Mühsam hält sich die Gruppe dank Viehzucht über Wasser. Glück im Unglück haben sie, weil der Bauernhof in einer Urlaubsregion liegt, in der dank eines noch intakten Schutzschildes Strahlung und Umweltgifte absorbiert werden. Im Verlauf der Handlung erfährt der Leser, dass in Europa eine Natur- und Klimakatastrophe stattgefunden hat, die mittelbar durch Sonnenstürme ausgelöst wurde. Im Nachgang der Katastrophe wurden zudem einige Gebiete – auch in Deutschland – atomar verseucht. Als Xiwang, Changs und Özlems Tochter, auf die Welt kommt, entschließt sich die Gemeinschaft, dem Gerücht auf den Grund zu gehen, dass in Frankreich ein großes Auffanglager für die Überlebenden existiere. Nach kurzer Zeit stellt sich der Fussmarsch über verlassene Autobahnen und Schienennetze zu dem angeblichen Paradies jedoch als gerader Weg in die »Hölle« heraus: Die Umwelt ist lebensfeindlich, materielle Ressourcen sind nirgendwo mehr vorhanden, sodass alle Hunger und Durst erleiden. Verschärft wird die persönliche Situation von Heinz durch seine pubertären Bedürfnisse. Die Herstellung von Harmonie zwischen seiner Persönlichkeit und seinem sozialen Umfeld ist unmöglich, wenn er etwa mitansehen muss, wie Jorden nicht einmal vor der Tötung von Kindern zurückschreckt, um ihrer Gruppe einen Überlebensvorteil zu verschaffen. Die Notgemeinschaft kann kein Familienersatz für Heinz sein: So wird Özlem kaltblütig von Cornelius und Jorden an eine Schlepperbande ausgeliefert, damit für die Übriggebliebenen eine Weiterfahrt auf einem Flüchtlingsschiff möglich wird. In Frankreich angekommen, ist auch dort Solidarität mit den Flüchtlingen Fehlanzeige. Von Steinaecker mutet dem Leser also einiges zu, wobei nicht nur einzelne grausame Details der Reise gemeint sind. Nicht minder verstörend ist die Lethargie von Heinz angesichts des Weltenbruchs. Und doch kann für ihn als einem jungen Menschen der Freitod keine Alternative sein. Das Schreiben wird stattdessen zum Sinnstifter für Heinz, weil er sich nur in seinen Heften ansatzweise von der Unmenschlichkeit seiner Umgebung zu distanzieren vermag.

Ob die ›Boot-ist-voll‹-Mentalität des Stammtischs oder das verlogene Zweck-Nutzen-Denken der Eliten, die zwischen nützlichen und schädlichen Migranten unterscheiden wollen, – anspielungsreich und literarisch anspruchsvoll spiegelt sich die jüngste Migrationspolitik in Thomas von Steinaeckers dystopischem Tableau wider. Obwohl die Tragik der Figur und seiner Lebensumstände eine Identifikation mit Heinz selten zulassen, kann man das Buch dennoch kaum aus der Hand legen. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt freilich: Einige aus der Science Fiction bekannte Themen wie etwa das Verhältnis zwischen künstlicher Intelligenz und Religion werden im Roman manchmal nur unbefriedigend ausgeführt und wirken an die Handlung herangetragen – um dem Werk noch mehr Komplexität zu verleihen? Hier wäre eine straffere Komposition der Geschichte sicherlich nicht von Nachteil gewesen. (bf)


Gesamteindruck: ++++ (4/5)

Bibliografische Angaben: Thomas von Steinaecker: Die Verteidigung des Paradieses, Frankfurt a.M.: Fischer, 2016. 416 S. ISBN: 978-3100014603. EUR 24,99 (gebundene Ausgabe).
[Rezension zuerst erschienen in: Das Science Fiction Jahr 2016 im Golkonda Verlag]


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#20 Die Dystopie des Kapitals – Über Jack Londons Alptraumroman »The Iron Heel« (Teil 2)

Geschrieben von Sierra , in Dystopie, Science Fiction, Rezension 22 November 2016 · 714 Aufrufe
Iron Heel, Jack London, Rezension und 4 weitere...

Die Dystopie des Kapitals

Über Jack Londons Alptraumroman »The Iron Heel« (Teil 2)

 

Dieser Blogpost ist der zweite Teil meiner Ausführungen zu Jack London und seinem Klassiker »The Iron Heel« (1908; dt. »Die eiserne Ferse«, 1922), der den realen Klassenkampf zwischen den amerikanischen Sozialisten und den oligarchisch organisierten Kapitalisten im späten 19. Jahrhundert in eine nahe Zukunft verlegt.

 

II »Nicht Gott, nicht Mammon, sondern Macht«1

Jack Londons in 25 Kapitel gegliederte und episodisch strukturierte Dystopie handelt von dem gescheiterten Versuch einer sozialistischen Revolution in den Jahren 1912-1932. Im Mittelpunkt steht das Leben und Wirken des Sozialistenführers Ernest Everhard, der den Umsturz maßgeblich vorbereitet hat. Die Revolution, die sich vor allem in San Francisco und Umgebung abspielt, wird jedoch nicht aus dem erlebten Augenblick heraus, sondern im Rückblick von Avis Cunningham, Everhards späteren Frau, beschrieben. Kurz nach der Ermordung Ernests und vor ihrer eigenen Hinrichtung hat diese den Bericht im Jahre 1932 niedergeschrieben und versteckt. Avis’ Bericht gewinnt an Authentizität durch eine Herausgeberfiktion. Viele Jahrhunderte verschollen wurde ihr Dokument erst im Jahre 2600, einer längst sozialistischen Zukunft, entdeckt und veröffentlicht. Aus den Fußnoten geht hervor, dass nach einer zweiten gescheiterten Revolution und einer dreihundert Jahre währenden Herrschaft der Oligarchie eine dritte Revolution erfolgreich war und nun eine »Bruderschaft der Menschheit« Wirklichkeit geworden ist, die also zum Zeitpunkt der Herausgabe von Avis’ Bericht bereits vierhundert Jahre lang besteht.

Das literarische Denkmal zu Ehren Everhards beginnt Avis mit einem Bericht über die Umstände ihres ersten Kennenlernens. John Cunningham, Avis’ Vater, der an der Universität als Ökonom beschäftigt ist, lernt Everhard als Seifenkistenredner auf der Straße kennen und lädt ihn zu einer seiner politischen Abendgesellschaften ein, die von seinen Freunden aus der Oberschicht und dem Großkapital besucht werden. Eingefügtes BildEverhard, der sich bereits als Funktionär in der sozialistischen Partei engagiert hat, konfrontiert die Anwesenden mit einer scharfen Ablehnung der kapitalistischen Gesellschaft. Seine Zuhörer reagieren zunächst abwehrend, doch Everhard bleibt in seiner Argumentation faktenreich und logisch. Zufälligerweise kennt er auch die Vergangenheit eines Hausierers, der gerade an dem Cunninghamschen Haus vorbeikommt und früher als Fließbandarbeiter in den Sierra-Spinnereien einen Arm verlor: »›Es war ein Unfall. Er wurde dadurch verursacht, daß er versuchte, der Company ein paar Dollars zu ersparen. Sein Arm wurde von der gezahnten Trommel der Baumwollockermaschine erfaßt. Er hätte den kleinen Kieselstein durchlassen können. Der Stein hätte eine Doppelreihe Zinken zermalmt. Doch er langte nach dem Stein, und sein Arm wurde erfaßt und von den Fingerspitzen bis zur Schulter zerfetzt. Es geschah nachts. Die Spinnereien arbeiteten mit Überstunden. In dem Quartal wurde eine dicke Dividende gezahlt. Jackson hatte schon viele Stunden gearbeitet, und seine Muskeln hatten ihre Elastizität und Spannkraft verloren. […]Deshalb erfaßte ihn die Maschine. Er hat eine Frau und drei Kinder.

Und was tat die Company für ihn?‹ fragte ich.

Nichts. Oh, doch, etwas tat sie. Sie bekämpfte mit Erfolg die Schadenersatzklage, die er einreichte, als er aus dem Krankenhaus kam. Die Company beschäftigt ungemein tüchtige Juristen.‹« (EF, S. 26 f.)

Avis, ihr Vater und der mit ihm befreundete Bischoff Morehouse wollen die Behauptungen Everhards nun auf ihre Stichhaltigkeit überprüfen; nicht zuletzt aus eigenem Interesse, da sie ihr Geld erfolgreich in die Sierra-Spinnerei investiert und sich ebenfalls schuldig gemacht haben: »›Soviel ich weiß, haben Sie oder Ihr Vater, was dasselbe ist, Geld in die Sierra-Spinnereien investiert.‹

Was hat das damit zu tun?‹ rief ich.

Nicht viel‹, begann er langsam, ›abgesehen davon, daß das Kleid das Sie tragen, mit Blut besudelt ist. Was Sie essen, ist eine blutbefleckte Speise. Das Blut kleiner Kinder und starker Männer tropft von Ihren Dachbalken.Ich kann die Augen schließen und höre es rings um mich, tropf, tropf, tropf, tropf.‹« (EF, S. 26.) Schnell wird deutlich, dass die Oligarchie auch aus bürgerlichen Kreisen keine Schnüffeleien duldet. Dennoch gelingt es Avis in den Gesprächen mit allen Personen, die in den Fall Jackson verwickelt sind, genug Wahrheit aufzudecken: »Es schien mir ungeheuerlich, daß unsere ganze Gesellschaft auf Blut gegründet sein sollte. Und doch war da Jackson.« (EF, S. 37) Avis stellt Mr. Wickson und Mr. Pertonwaithe, die Besitzer der Sierra-Spinnerei, mit ihren Erkenntnissen zur Rede und realisiert, dass sie »eine Moral hatten, die über die der übrigen Gesellschaft erhaben war. Ich möchte sie die aristokratische Moral oder die Herrenmoral nennen. […] Sie waren überzeugt davon, daß sie die Retter der Gesellschaft seien und daß sie das Glück der großen Masse bewirkten. Und sie entwarfen ergreifende Bilder von den Leiden, die die arbeitende Klasse erdulden müßte, sorgten sie nicht – sie allein durch ihre Einsicht– dafür, daß sie Beschäftigung hätte.« (EF, S. 41)Avis übernimmt nun vollends die Sichtweise Everhards und wird zu seiner größten Bewunderin: »Ich fühlte, daß unter der Maske eines intellektuellen Eisenfressers eine zarte und empfindsame Seele verborgen war.« (EF, S. 17)

Everhard ist ein begnadeter Redner, der besondere verbale und logische Fähigkeiten kombiniert und auch die Konfrontation mit Andersdenkenden nicht scheut.

Fließbandarbeit um 1913 in einer Ford-Fabrik Highland Park, Michigan
Fließbandarbeit um 1913 in einer Ford-Fabrik Highland Park, Michigan (Quelle: Wikipedia. Lizenz: Public Domain)








Ohne zu zögern nimmt er deshalb Mr. Cunninghams Vorschlag an, im Club der Philomathen als Gastredner aufzutreten. Vor den führenden Köpfen der Oligarchie und intellektuellen Oberschicht von San Francisco zieht er selbstbewusst die Möglichkeit eines weltweiten Umsturzes durch eine 23-Millionen-starke Revolutionsarmee in Erwägung: »
Wir wollen alles haben, was Sie besitzen. Wir werden uns mit nicht weniger als allem, was Sie besitzen, zufriedengeben. Wir wünschen, daß die Zügel der Macht und das Geschick der Menschheit in unsere Hände gelegt werden.« (EF, S. 50 f.) Er begründet diese Notwendigkeit des Macht- und Systemwechsels mit der schlechten Regierung der Kapitalisten: »In den Vereinigten Staaten leben heute fünfzehn Millionen in Armut; und mit Armut ist jene Lebenslage gemeint, in der die normale Arbeitsfähigkeit aus Mangel an Nahrung und angemessener Behausung nicht aufrechterhalten werden kann.« (EF, S. 52) Während die anwesenden Unternehmer sichtlich eingeschüchtert sind, kündigt Mr. Wilckson erbarmungslosen Widerstand des Kapitals an und prägt en passant den Begriff »eiserne Ferse«: »Im Krachen von Granaten und Schrapnells, im Knattern von Maschinengewehren wird unsere Antwort enthalten sein. Wir werden euch Revolutionäre unter unserer Ferse zermalmen, und wir werden über eure Gesichter schreiten. Die Welt gehört uns, wir sind die Herren, und unser wird sie bleiben. Was das Arbeitsheer betrifft, so hat es seit Beginn der Geschichte im Staub gelegen, und ich habe die Geschichte richtig gelesen. Und im Staub wird es so lange bleiben, wie ich und meinesgleichen und jene, die nach uns kommen, die Macht haben. Das ist das Wort. Es ist das königliche Wort – Macht. Nicht Gott, nicht Mammon, sondern Macht.« (EF, S. 59) In seiner Replik auf diese Drohung kündigt auch Everhard »das Krachen von Granaten und Schrapnells und das Knattern von Maschinengewehren« (EF, S. 59) an, falls die Oligarchie die friedliche Machtübernahme durch die Sozialisten an der Wahlurne blockiert.

Auch Mr. Cunningham muss für seine Sympathie mit Everhard teuer bezahlen. Zunächst wird er wegen seines Umgangs mit Everhard abgemahnt, dann darf sein neues Werk »Ökonomie und Erziehung« nicht erscheinen und schließlich verliert er sogar seinen universitären Arbeitsplatz. Vater und Tochter Cunningham werden schließlich enteignet, sodass sie fortan in eine Absteige im Arbeiterviertel ziehen müssen. Cunninghams neuer Arbeitsplatz wird der Eingangsbereich eines Hotels, in dem er fortan als Türöffner arbeitet. Längst zu Proletariern geworden, wird von ihnen die neue Lebenssituation jedoch mit Freude angenommen. Ähnlich ergeht es auch Bischoff Morehouse, der in seiner Gemeinde die Ausbeutung der Armen durch die Reichen skandalisiert, nachdem er sich vom Wahrheitsgehalt von Everhards Gesellschaftsanalyse in den städtischen Slums überzeugt hat. Schließlich löst er seinen Besitz auf und verschenkt ihn an die Armen, worauf er für psychisch krank erklärt und weggesperrt wird. Zwischenzeitlich nimmt die Gesellschaft immer totalitärere Züge an, da die Oligarchen die Gewaltenteilung aufgehoben haben: »Sie erläßt heute die Gesetze, denn ihr gehören der Senat, der Kongreß, die Gerichte und die Landtage der Bundesstaaten. Und nicht nur das. Hinter dem Gesetz muß die Gewalt stehen, es zu handhaben. Heutzutage erläßt die Plutokratie das Gesetz, und um das Gesetz durchzuführen, stehen ihr die Polizei, das Heer, die Marine und schließlich die Miliz zur Verfügung, das heißt, Sie und ich und wir alle.« (EF, S. 95)

Als Ernest von der Regierung die »Berufung zum Vorsitzenden der Arbeitskommission der Vereinigten Staaten« (EF, S. 65) angeboten wird, lehnt er diesen Posten als Bestechungsversuch ab. Die Repressalien gegen die Sozialisten nehmen zu. Es ist nicht nur die sozialistische Presse auf Betreiben der Eisernen Ferse aufgelöst worden, auch größere Streiks werden von den paramilitärischen »Schwarzen Horden«, aber auch dem Militär brutal unterbunden. Doch Everhard gibt nicht auf und bereitet weiterhin die nächste Wahl vor, weil er an den Systemwechsel durch den Wählerwillen glaubt. Avis heiratet alsbald den Workaholic, der ihren kargen Lebensunterhalt durch die Tantiemen aus seinen Schriften sichert.

Aufgrund eines Handelsüberschusses, der aber Investitionen im Inland wegen der vielen finanzschwachen Arbeitslosen unmöglich macht, sehen die Industriebosse im Krieg mit Deutschland ein probates Mittel, das Heer der Arbeitslosen zu binden. Doch der Krieg fällt aus, da sich die Sozialisten länderübergreifend solidarisch erklären und den internationalen Generalstreik ausrufen. Während es den Sozialisten in Deutschland sogar gelingt, die Macht zu übernehmen und damit die Wirtschaft ins Gleichgewicht zu bringen, wiegelt die Oligarchie in den Vereinigten Staaten nun die arbeitenden Klassen gegeneinander auf, indem sie die Gewerkschaften der Kernindustriezweige durch höheren Lohn, bessere Arbeitsbedingungen und Zuweisungen von Wohnungen in gehobenen Vierteln bevorzugt, um sie zu entsolidarisieren und erneute Generalstreiks unmöglich zu machen.

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Nach den Wahlen ziehen die Sozialisten in das Parlament ein, wo sie augenblicklich von den anderen Kräften unter politische Quarantäne gestellt werden. Es dauert nicht lange und ausgerechnet das Parlament, mit dem sich für die Sozialisten die Hoffnung auf einen gewaltfreien gesellschaftlichen Wandel verknüpfte, wird zu dem Ort, an dem der erste Vernichtungsschlag gegen sie erfolgt: Bei einer Rede Ernests geht plötzlich eine Bombe hoch und er und seine Kollegen werden als angebliche Bombenleger zu lebenslangen Freiheitstrafen verurteilt, die Sozialistische Partei wird verboten. Dank Ernest, der mit dieser Entwicklung gerechnet hat, sind die Sozialisten jedoch auf den nun einsetzenden Untergrundkampf vorbereitet und können auf ein schlagkräftiges Agentennetzwerk zurückgreifen, mit dem sie die Organisationen der Eisernen Ferse unterwandert haben. So wird es schließlich auch möglich, dass Avis, Ernest und die anderen sozialistischen Anführer aus den Gefängnissen befreit werden. Für Ernest wird ein Versteck in der Hölle des Löwen, in der Jagdhütte eines Oligarchen gefunden. Dort plant Ernest die Revolution, während sich der Kampf zwischen Sozialisten und Eiserner Ferse immer mehr zuspitzt: So machen mit feindlichen Agenten auch die Sozialisten kurzen Prozess, wobei sie dazu auch das moralische Recht für sich beanspruchen: »Es war ein bitteres, blutiges Werk, aber wir kämpften um das Leben und für die Revolution, und wir mußten den Feind mit seinen eigenen Waffen schlagen. Dennoch waren wir fair. Kein Agent der Eisernen Ferse wurde ohne Gerichtsverhandlung hingerichtet.« (EF, S. 143) Und selbst Verräter aus den eigenen Reihen werden von sozialistischen Todesschwadronen, wenn es sein muss, bis an das Ende der Welt gejagt und exekutiert.

Überraschend gelingt es der Oligarchie den Sozialisten in Chicago eine zweite Falle zu stellen und einen verfrühten Beginn der Aufstände zu einem Zeitpunkt zu provozieren, als die Schlagkraft der Sozialisten noch nicht ausreichend ist. Den Sozialisten wird eine empfindliche Niederlage zugefügt, die auch Avis und Ernest, die bei den Tumulten zugegen sind, nicht verhindern können: Am meisten betroffen von den Kollateralschäden der Kämpfe sind aber nicht die Sozialisten, sondern das Subproletariat. Die Darstellung der nicht-organisierten Slumbewohner als »Bestie[n] des Abgrunds« (EF, S. 176), einen instinkt- und nicht vernunftgeleiteten Mob, der durch die Straße wütet und schließlich massenweise getötet wird, ist aus heutiger Sicht eher zynisch als prophetisch: »Der Mob war nicht mehr als fünfundzwanzig Fuß entfernt, als die Maschinengewehre das Feuer eröffneten, und vor diesem Feuerstrahl des Todes konnte nichts am Leben bleiben. Der Mob war da, konnte jedoch nicht weiter. Er häufte sich zu einem Stapel, einem Hügel, zu einer gewaltigen und wachsenden Woge von Toten und Sterbenden. […] Die Soldaten spießten die sich windenden Elendsgestalten mit dem Bajonett auf; einen sah ich freilich, der wieder auf die Beine kam und einem Soldaten mit den Zähnen an die Kehle fuhr. Zusammen gingen sie zu Boden, Soldat und Sklave, und verschwanden in dem Wirrwarr.« (EF, S. 194 f.) Besonders befremdlich ist es, wenn den Slumbewohnern jedwede Menschlichkeit abgesprochen wird und sie für die Sozialisten nur als Mittel zu einem höheren Zweck eine Daseinsberichtigung haben: »Wir verließen uns bei unserm Plan sogar in hohem Maße auf das unorganisierte Volk des Abgrunds. Es sollte auf die Paläste und Städte der Herrschenden losgelassen werden. Einerlei, ob Leben oder Besitz vernichtet wurde. Mochte die Bestie des Abgrunds brüllen und mochten Polizei und Söldlinge töten. Die Bestie des Abgrunds würde ohnehin brüllen, und die Polizei und die Söldlinge würden ohnehin töten. Es bedeutete nur, daß die verschiedenen Gefahren, die uns drohten, einander beseitigten, ohne uns Schaden zuzufügen. Inzwischen würden wir unser eigenes Werk weitgehend ungehindert vollbringen und die Herrschaft über die gesamte Maschinerie der Gesellschaft erlangen.« (EF, S. 176) Wie sind diese Phantasien zu erklären, in denen die Solidarität der Sozialisten nicht uneingeschränkt gilt und das Subproletariat ausklammert? Nach Carolyn Johnston kommt hier Londons eigene Furcht vor der Masse zum Ausdruck, aber auch seine Überlegungen, wie mit den Nicht-Organisierten und den Schwachen auf dem Weg zu einer sozialistischen Erlösung der Arbeiterklasse zu verfahren sei: »Because London never held a manual labor job long enmough to participate in union activities or strikes, he was cutt off from the militant working class. Therefore, he associated workers with the mass of unemployed hoboes, prisoners, and poor whom he had seen in the London, New York, and San Francisco slums. He feared degeneration as he feared mongrelization because of his illegitimacy. Therefore, the slaughter of ›The Chicago Commune‹ reflected London’s persistent concern about how to deal with the inheritance of inferior characteristics after the revolution; he wiped the state clean.«3 Avis’ Bericht von den Kampfhandlungen bricht ab und bleibt fragmentarisch. Den Anmerkungen ist jedoch zu entnehmen, dass die Niederlage in Chicago eine Durchführung der Revolution unmöglich machte und Ernest anschließend getötet wurde. Selbstverständlich ist ein solcher ungeklärter Tod nicht untypisch für literarische Märtyrerfiguren, die auf diese Weise zusätzlich mystifiziert werden. Zudem wird Everhard von Avis mit Jesus Christus verglichen: »Und dann stand eine andere Gestalt vor mir auf: Christus! Auch er hatte die Partei der Geringen und Unterdrückten ergriffen und gegen die festbegründete Macht der Priester und Pharisäer. Und ich dachte an Sein Ende am Kreuz, und mir zog sich vor Angst das Herz zusammen, als ich an Ernest dachte. War auch er für ein Kreuz bestimmt? – Er, mit dem Trompetensignal und Kriegsruf in der Stimme und der ganzen Kraft des Tüchtigen?«(EF, S. 38) Es ist klar, dass hinter einer solchen Verklärung eine Geschichtskonzeption steht, nach der Geschichte von großen Männern und starken Persönlichkeiten gemacht wird. Obzwar dieser Eindruck an einigen Stellen im Roman eingedämmt wird, ist der Roman ein Loblied auf das Individuum, und nicht von ungefähr kommt Everhards Charakterisierung als »Übermensch, eine blonde Bestie, wie Nietzsche sie geschildert hat«. (EF, S. 7) Wie in Londons übrigen Werk werden Nietzsches Gedanken mit seiner Interpretation des Marxismus vermischt: »Die Verbindung von Nietzsche und Marx förderte in Londons Werk Menschen zutage, die Übermenschen und zugleich Gefühlssozialisten sind. Sie sind sich ihrer Überlegenheit bewußt und wollen für die sozial Deklassierten wirken.«4

 

 

III Eine sozialistische Messiasgeschichte?

 

Londons Roman ist auch noch heute, hundert Jahre später, ein interessantes Beispiel für politische Science Fiction, die in besonderem Maße an der Verhandlung menschlicher Krisen und Konflikte interessiert ist. Auch wenn die Zukunft langfristig in der Brüderschaft der Menschheit utopisch ist, ist die Atmosphäre des Romans düster und beklemmend. Konturen der sozialistischen Utopie zeigen sich im Roman allenfalls ansatzweise in den Anmerkungen bzw. ex negativo als alles das, was die Eiserne Ferse nicht ist. Stellenweise zwingt der Roman dem Leser den Vergleich zur historischen Entwicklung förmlich auf und kann als Vorwegnahme der nationalsozialistischen Machtergreifung und der Zerschlagung der Gewerkschaften durch Hitlers braune Truppen gelesen werden: »His description of the Iron Heel's repressiveness prefigures the Red Scare of 1918-1919, the repressiveness of fascism and totalitarian regimes throughout the world, and the repression of European and American radicals during World War I and World War II.«5 Die Darstellung der Arbeitsbedingungen am Beispiel des Fabrikarbeiters Jackson ist eine der authentischsten Analysen des Buches und zeigt die Entfremdung des Arbeiters vom Arbeitsprodukt.

Dass die Figuren weniger ein Eigenleben haben als Ideenträger sind, die bestimmte politische Richtungen und Gesinnungen verkörpern, aber auch die Gestaltung der Handlung aus der Retrospektive tut der Spannung nicht unbedingt Abbruch. Schwerer verdaulich sind die Parteilichkeit und der Pathos, mit denen das Leben und die Taten Everhards von Avis geschildert werden und den Eindruck einer sozialistischen Messiasgeschichte erwecken. Und doch hinkt der Messiasvergleich, denn Everest Everhard ist nicht für alle da und die Solidarität der Sozialisten ist eingeschränkt: die Slumbewohner zum Beispiel sind nur eine Verschiebemasse oder wie beim Schach die Bauernfiguren, die als allererstes geopfert werden. Daher braucht es schon einen kritischen Leser, der den ideologischen Subtext zu dekonstruieren vermag, aber auch ein Gespür für die Ausblendungen der Ich-Erzählerin entwickelt. Zu großen Teilen wird in ihrem Porträt des »intellektuellen Eisenfressers« (EF, S. 17) Ernest Everhard ein idealisiertes Selbstporträt Jack Londons deutlich, wie Herbert W. Franke in seinem Nachwort in der Ullstein-Ausgabe der Eisernen Ferse hervorhebt: »Sowohl Everhard wie London stammen aus ärmlichen Verhältnissen, beide haben sich als Autodidakten bemerkenswerte politische Kenntnisse angeeignet, darüber hinaus aber auch ein durchaus fundiertes Wissen über Philosophie und Wissenschaft. Beide sind schriftstellerisch tätig, beide setzen sich in Vorträgen und Diskussionen leidenschaftlich für den Marxismus ein, und erst dort, wo es zur Verwirklichung der Theorie und zur großen gesellschaftlichen Umwälzung kommen soll, beginnt der Autor mit einer Extrapolation über das Bestehende hinaus.«6 Tatsächlich ist der Roman eine Warnutopie, die London an erster Stelle an die Arbeiterbewegung adressiert, ihrer möglichen Zerschlagung nicht tatenlos zuzuschauen. Andererseits darf der pessimistische Gestus des Buchs nicht mit Londons eigenen Vorstellung über die Zukunft der sozialistischen Bewegung verwechselt werden, – so hat London noch zu Lebzeiten eine Instrumentalisierung des Buchs als literarische Prophezeiung von sich gewiesen: »I didn’t write the thing as a prophecy at all. I really don't think these things are going to happen in the United States. I believe the increasing socialist vote will prevent—hope for it, anyhow. But I will say that I sent out, in »The Iron Heel«, a warning of what I think might happen if they don’t look to their votes. That’s all.«7

Dennoch erscheint der Stellenwert, den London der sozialistischen Bewegung in seinem Roman zumisst, größtenteils Wunschdenken zu sein. Denn trotz der schlechten wirtschaftlichen Lage blieb in der amerikanischen Bevölkerung um die Jahrhundertwende eine breite Solidarisierungswelle mit den Sozialisten aus, selbst als viele Arbeiterstreiks gewaltsam niedergeschlagen wurden, wie etwa die Haymarket-Demonstration in Chicago, auf die London in seinem Roman indirekt Bezug nimmt: »Als während einer Demonstration für den Achtstundentag 1886 auf dem Haymarket in Chicago eine Bombe sieben Polizisten tötete, wurden sieben als ›Anarchisten‹ polizeibekannte Demonstranten in einem politisch motivierten Indizien-Prozeß – wahrscheinlich unschuldig – zum Tode verurteilt; vier von ihnen wurden trotz heftiger öffentlicher Proteste gegen das unfaire Verfahren gehängt.Obendrein schadete die gewaltsame Haymarket-Demonstration nicht nur den wenigen militanten Anarchisten, sondern der gesamten Gewerkschaftsbewegung und den sozialistischen Gruppierungen, weil sie der Wählermehrheit zu bestätigen schien, daß die Feinde allen Privateigentums den gewaltsamen Umsturz vorbereiteten.«8


Haymarket Riot am 4. Mai 1886, Chicago, Illinois
Haymarket Riot am 4. Mai 1886, Chicago, Illinois (Quelle: Wikipedia. Lizenz: Public Domain)








Das Lesefazit bleibt also ambivalent und doch wünscht man Jack Londons vergriffener Dystopie – den ungefiltert-agitatorischen Untertönen und den ideologischen Leerstellen zum Trotz – eine kommentierte Neuauflage. Ansonsten droht in Londons Nachruhm als Abenteuerautor nicht nur eine wichtige Facette seines Gesamtwerkes, sondern auch seine Kritik an der Ausbeutung des Einzelnen vergessen zu werden, die gerade heute angesichts von wirtschaftlichen Krisen weltweit und des politischen Rechtsrucks in den USA alias »Trumpland« (Michael Moore) beachtenswert ist. (bf)

 

 

Fußnoten

1 Jack London: Die eiserne Ferse. Frankfurt a.M.: Ullstein, 1984. S. 59. Im Folgenden wird für diese Quelle die Sigle EF verwendet.

2 An anderer Stelle heißt es: »Sie hielten sich für Dompteure wilder Tiere, für die Herrscher über unvernünftiges Vieh. […] Sie waren die Retter der Menschheit, und sie hielten sich für heldenhafte und aufopfernde Diener der höchsten Güter.« (EF, S. 171)

3 Carolyn Johnston: Jack London. An American radical? Westport [u.a.]: Greenwood Press 1984, S. 19. S. 123.

4 Thomas Ayck: Jack London. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbeck b. Hamburg: Rowohlt, 1976. S. 109.

Johnston 1984, S. 126 f.

6 Herbert W. Franke: Nachwort. In: Jack London: Die eiserne Ferse. Frankfurt a.M.: Ullstein, 1984. S. 230-240, S. 236.

7 Charmian London: Book of Jack London.In: Delphi Complete Works of Jack London.Delphi 2014 [Elektronische Ressource: Epub].

8 Willi Paul Adams: Die USA im 20. Jahrhundert. München: Oldenbourg, 2000. S. 109.

 

 

[Artikel zuerst erschienen in: Science Fiction Jahr 2009 im Heyne Verlag, S. 469-487.]




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#19 Die Dystopie des Kapitals - Über Jack Londons Alptraumroman »The Iron Heel« (Teil 1)

Geschrieben von Sierra , in Dystopie, Sekundärliteratur, Science Fiction, Rezension 19 November 2016 · 885 Aufrufe
Jack London, Todestag und 7 weitere...

Obwohl Jack Londons Gesamtwerk aus über 150 Kurzgeschichten und über 50 Romanen und Sachbüchern besteht, verdankt sich seine anhaltende Popularität in Deutschland wohl vor allem dem Kinderbuchklassiker »Wolfsblut« und dem Roman »Der Seewolf« und ihren Verfilmungen. Zum hundertsten Todestag von Jack London (*12. Jan. 1876 in San Francisco; † 22. Nov. 1916 in Glen Ellen, Kalifornien) möchte ich an seinen Klassiker »The Iron Heel« (1908; dt. »Die eiserne Ferse«, 1922) erinnern, der den realen Klassenkampf zwischen den amerikanischen Sozialisten und den oligarchisch organisierten Kapitalisten im späten 19. Jahrhundert in eine nahe Zukunft verlegt.1 Dieser Roman hat unter den phantastischen Werken Londons durchaus eine Ausnahmestellung – so bezeichnen John Clute und Peter Nicholls »The Iron Heel« sogar als »JL’s finest achievement in sf, and perhaps his masterpiece« 2 –, wurde aber leider auf dem deutschen Buchmarkt seit geraumer Zeit nicht mehr neu aufgelegt; die letzte von Herbert W. Franke herausgegebene Ausgabe stammt aus dem Jahr 1984. Angesichts der Textlänge werde ich meinen Artikel (erstmals im »Heyne-SF-Jahr 2009« erschienen) auf zwei Blogbeiträge aufteilen. Der zweite Blogbeitrag folgt voraussichtlich in wenigen Tagen.


Die Dystopie des Kapitals

Über Jack Londons Alptraumroman »The Iron Heel« (Teil 1)


I Ein Leben für den Leser

Jack London wurde am 12. Januar 1876 in San Francisco, Kalifornien, als ungewolltes Kind von Flora Wellman und dem umherziehenden Astrologen William Henry Chaney geboren. Bald darauf heiratete seine Mutter den Bürgerkriegsveteranen John London. Nachdem dieser mit der Bewirtschaftung einer Farm in Alameda keinen Erfolg hatte, zog die Familie nach Oakland zurück, wo London vor und nach der Schule als Zeitungsjunge arbeitete und zum Auskommen der Familie beitrug. Die Jobs und Arbeitsstellen wechselten ständig. Schon als Vierzehnjähriger war für ihn ein 16-Stunden-Arbeitstag in der Konservenfabrik keine Seltenheit. Frustriert von der Plackerei, lieh er sich Geld und kaufte das Boot Razzle Dazzle, ein halbes Wrack, um fortan als Austernräuber in der Bucht von San Francisco sein Glück zu versuchen. London zeigte Talent und wurde bald so erfolgreich, dass ihn die Polizei abwarb und auf ihren eigenen Booten einsetzte, worüber London später in seinen »Tales of the Fish Patrol« (1905; dt. »Die Austernpiraten und andere Erzählungen«, 1922) berichtete. Bald wurde er dieser Arbeit überdrüssig, und auch als Schiffsjunge auf dem Robbenschoner Sophie Sutherland hielt er es nicht lange aus. Nach sieben Monaten kehrte er nach Oakland zurück, weitere Versuche, sesshaft zu werden, misslangen. London schloss sich Jacob S. Coxeys Arbeitslosenheer an und nahm an seinem Protestmarsch nach Washington teil. Das Heer wurde jedoch in Washington ohne Ergebnis aufgelöst, und London versuchte sich nun in einem chaplinesken Dasein als Tramp, über das er später seinen Roman »The Road« (1907; dt. »Abenteurer des Schienenstranges«, 1924) schrieb. Besonders schmerzhaft und prägend waren für ihn die Schikanen der Obrigkeit, als er im Staat New York wegen Vagabundierens wochenlang ins Gefängnis geworfen wurde.

Jack London um 1900
Jack London um 1900 (Quelle: Wikipedia. Lizenz: Public Domain)








Diese Erlebnisse motivierten ihn, einen Schulabschluss am Oaklander Gymnasium nachzuholen, um anschließend Anglistik und Geschichte zu studieren. Die Erfahrung menschlichen Elends der Tramps und der Ausbeutung der Arbeiter regten frühzeitig seine Sehnsucht nach einer alternativen, gerechteren Gesellschaft an und führten zu einer vortheoretischen Auseinandersetzung mit sozialistischen Ideen: »Genauso wie ich ein Individualist war, ohne mir darüber theoretisch Gedanken zu machen, genauso war ich plötzlich ein Sozialist, ohne daß irgendwelche wissenschaftlichen Ergebnisse mir zur Verfügung gestanden hatten. […] Ich war auf jeden Fall schon ›etwas‹, und mit Hilfe der Bücher entdeckte ich, daß dieses ›etwas‹ der Sozialist war. Seitdem habe ich viele Bücher gelesen, aber kein wirtschaftliches Argument, kein logischer Beweis von der Notwendigkeit des Sozialismus hat mich so sehr beeinflußt wie die Erkenntnis, daß ich selbst dem gesellschaftlichen Abgrund zusauste und als Schlachtvieh behandelt wurde.« 3 In der Lokalzeitung erscheinen erste Artikel und Briefe von London zu politischen Themen, dennoch bricht er das Studium an der University of California in Berkeley wegen Geldmangels bereits nach dem ersten Semester ab, obwohl er sich von seinen Studien eine nützliche Grundlage für die ersehnte Schriftstellerkarriere versprach. Nun muss er in der Wäscherei der Universität arbeiten, um den Lebensunterhalt für sich und seine verwitwete Mutter zu besorgen. Während eines einjährigen Intermezzos als Goldsucher am Klondike-River in Alaska im Jahre 1897 widmete London seine Zeit weniger dem Goldschürfen als Gesprächen mit Veteranen und las mitgebrachte Werke von Milton, Marx, Darwin, Haeckel.



Aufstieg am Chilkoot Pass, 1898
Aufstieg am Chilkoot Pass, 1898 (Quelle: Cantwell, George G.; Library University Washington. Lizenz: Public Domain)








Zurück in Oakland verschickte London seine Kurzgeschichten an verschiedene Zeitungen und Magazine, wobei ihn lediglich die Frage interessiert: »Wieviel Wörter mußte er schreiben, um einen Dollar zu verdienen?«4 Literarische Vorbilder dieser Zeit sind »Dickens, Poe, George Eliot, Whitman, Stephen Crane, insbesondere Kipling und Stevenson.«5 Der erhoffte Durchbruch gelingt schließlich, als der Verlag Houghton Mifflin & Company den ersten Kurzgeschichtenband Londons unter dem Titel »The Son of the Wolf« (1900; dt. »Der Sohn des Wolfs«, 1927) veröffentlicht, der von der Kritik mit den Werken Kiplings verglichen wird. London entschied sich Schriftsteller zu werden und lehnte einen Job im Postdienst ab. Schon zu Beginn seiner Laufbahn zehrt er von seinen Erlebnissen in der Natur und der Arbeitswelt und findet sich »immer wieder in der Zwickmühle dieser Gedanken: ›Er wünschte sich den großen finanziellen Erfolg, Ruhm als Schriftsteller, den Beweis dafür, daß er nach der Darwinschen Theorie zu den ›Starken‹ gehörte. Zugleich wollte er als Arbeiter und Sprecher der Arbeiterschaft die sozial Deklassierten, die ›Schwachen‹, schützen, ihnen helfen.‹«6 Diesen vermeintlichen Widerspruch deutet London-Biograph Thomas Ayck als »Vorwegnahme des Wohlfahrtsstaates7 Gleichzeitig ist aber zu sehen, dass sich London vom Aufstieg der Arbeiterklasse auch seinen eigenen Aufstieg aus der Arbeiterklasse versprach.8 Ebenfalls im Jahre 1900 heiratete London die Lehrerin Elizabeth (›Bessie‹) Maddern und zog mit ihr nach Oakland. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor, doch sie währte nicht lange. Bereits 1905 ließ sich London scheiden und heiratete seine Geliebte Charmian Kittredge.

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Schnell eroberte London mit seinen packenden Spannungsromanen ein Millionenpublikum, und stieg nicht nur in den Kreis der berühmtesten und bestbezahltesten Autoren Amerikas auf, sondern wurde selbst zu einer von den Massen und der Boulevardpresse verehrten celebrity, was dem Absatz seiner Romane natürlich keinen Abbruch tat: »Frauen schwärmten für ihn, Männer bewunderten ihn. Jack London war eine Marke. Er gab seinen Namen für eine Zigarre, warb für Atemdrops, stand Modell für einen Schneider aus New York. Seine Bestseller wurden verfilmt, schon zu seinen Lebzeiten. Er […] wurde eine frühe Ikone der entstehenden Populärkultur.«9 Zwar waren schon damals einige Kritiker der Meinung, London habe seine eigenen Lebenserlebnisse romantisiert, dennoch hat der Autor zweifelsohne viele Male extreme physischen und psychische Herausforderungen angenommen, die mit einem hohen Risiko verbunden waren, so »[a]ls hätte er sein Leben für den Leser aufs Spiel gesetzt, als hätte er sich wie in einem Experiment selbst ausprobiert. Und darüber Buch geführt. Bis zu seinem Tode.«10 In seiner Erzählprosa war London frei von jeder Genre-Fixierung und besaß einen weiten thematischen Gedankenkreis. Die Schreibarbeit an vielen seiner längeren Romane, wie zum Beispiel von »The Iron Heel«, refinanzierte er durch kurze Artikel, um schnelles Geld zu verdienen. Zu seinen wiederkehrenden Themen gehören der Sieg der Humanität über den Individualismus und die Brutalität der Natur (z.B. in den Bestsellern »The Call of the Wild«, 1900, dt. »Ruf der Wildnis«, 1907, »The Sea Wolf«, 1904, dt. »Der Seewolf«, 1926, »White Fang«, 1905, dt. »Wolfsblut«, 1928), der Sozialismus (»The Iron Heel«, »Martin Eden« 1909; dt. 1927) und schließlich, in seinen letzten Lebensjahren, das Lob des Landlebens (z.B. in den Romanen »Burning Daylight«, 1910, »Lockruf des Goldes«, 1926, »The Valley of the Moon«, 1913, dt. »Das Mondtal«, 1929). London schrieb Reportagen für Zeitungen und Magazine – unter anderem berichtete London vom Russisch-Japanischen Krieg im Jahre 1904, aber auch über ein Erdbeben am 18. April 1906. Unter den Sachtexten ragt bis heute die Sozialreportage »The People of the Abyss« (1903; dt. »Menschen am Abgrund«, 1928) heraus, die London selbst zu seinen Lieblingsbüchern zählt.11 Darin verarbeitet er seine Erlebnisse im Rahmen eines mehrmonatigen Aufenthalts in den Slums von London im Jahre 1902. Wie zuvor in seiner Zeit als Tramp erklärt London seine volle Sympathie mit den Unterprivilegierten.

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Seit 1896 engagierte sich London in der sozialistischen Arbeiterpartei, die ab 1901 von der Sozialistischen Partei abgelöst wurde, und hielt in den nächsten Jahren eine Vielzahl politischer Reden in der Öffentlichkeit. Nachdem er als Bürgermeisterkandidat in Oakland scheitert, verlegte er sich zunehmend auf die Publikation sozialistischer Theorie; 1905 erschien seine Essaysammlung »Krieg der Klassen«. London ist an einer engagierten Literatur gelegen, und doch bleiben seine literarischen Texte widersprüchlich: »Der präzisen Beschreibung des Arbeiterlebens steht die Lehre vom Überleben des Tüchtigsten, das Lob der Muskelkraft und Männlichkeit, zur Seite. Die Ideen der Sozialisten werden von London mit darwinistischen Vorstellungen verbunden.«12 Tatsächlich war London davon überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis die sozialistische Revolution obsiegen werde, wie er auf seiner Vortragsreise im Jahre 1906 Studenten der Universität Yale mitteilte: »Vor dreitausend Zuhörern sprach er pathetisch über die kommende Revolution, über den internationalen Sozialismus, über Wahlen und die Möglichkeit der Gewaltanwendung, falls die Sozialisten mit Gewalt angegriffen würden. Die Bewegung werde von den Arbeitern getragen, sagte London. Sie wollten den Kapitalismus zerstören, jene Gesellschaftsform, die inhuman sei, da sie Arbeitslosigkeit und Hunger hervorrufe. Tatsächlich sei aber bei dem technischen Standard der Moderne kein Grund für Hunger und Armut gegeben. […] Der Mittelklasse gestand London nur noch eine Nebenrolle in der sozialen Entwicklung zu.«13

London war ein fleißiger Schriftsteller, was für ihn einen Arbeitsalltag bedeutete, der von Disziplin, wenig Schlaf und mitunter Alkohol geprägt war. Literatur war für ihn immer Ausdruck harter Arbeit: »So etwas wie Inspiration gibt es nicht. Ich dachte das mal – und machte mich selbst lächerlich. Schürfen ist das Geheimnis der Literatur.«14 Vergegenwärtigt man sich die Bedeutung dieses Ausspruchs, wird deutlich, wie sehr Jack London von seinen Reisen und Abenteuern als literarischen Goldgruben seiner Imagination profitiert haben muss.
Die Erfolge ermöglichten ihm die Realisierung einiger langgehegter Träume, wie etwa die eigenhändige Konstruktion einer Segelyacht. Mit der Snark unternahm er eine 27-monatige Reise auf dem Süd-Pazifik, von der er in »The Cruise of the Snark« (1911) berichtete. Auf der Reise schrieb er auch seinen Roman »Martin Eden«, der in Deutschland wegen seiner sozialistischen Tendenzen den Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten zum Opfer fiel. In seinen letzten Lebensjahren zog er sich auf eine Farm im kalifornischen Sonoma Valley zurück, wo sein gesellschaftlich-politisches Engagement abnahm, das mit seinem Lebensstil – so beschäftige London etwa selbst Diener – ohnehin kaum noch vereinbar war. Der Autor wurde in seinen politischen Haltungen konservativer und isolierte sich immer mehr von seinen sozialistischen Mitstreitern: »Der frühere Antimilitarist Jack London begann Sozialisten, die sich gegen eine US-Intervention äußerten, zu verachten und zu verteufeln. London glaubte einmal wieder, daß die Überlegenheit der angelsächsischen Rasse bewiesen werden müsse.«15 Dies muss auch berücksichtigt werden, wenn man Londons spätere Sympathie für die amerikanische Einmischung in die mexikanische Revolution ebenso wie seine Unterstützung des Eintritts der USA in den Ersten Weltkrieg nachvollziehen will, mit der er sich in der Sozialistischen Partei noch weiter isoliert hatte: »London’s support of American imperialism in the case of the Mexican Revolution reflected his Anglo-Saxonism and steadfast belief in social Darwinism. Although his stance in Mexico angered many of his comrades, his estrangement from his fellow socialists was sealed by his support of the United States‘ intervention in World War I on behalf of England.«16

London widmete sich nun der Tierzucht, die er mit den Tantiemen aus neuen Veröffentlichungen finanzierte. Bevor er in sein neugebautes Luxushaus, sein »Wolfshaus«, umzog, brannte dieses ab, was ihn finanziell und persönlich – Brandstiftung kann bis heute nicht ausgeschlossen werden – hart traf.17 London litt in seinen letzten Jahren an einer Niereninsuffizienz und starb am 22. November 1916 an einer Harnvergiftung und nicht durch eigene Hand, wie dies von einigen London-Biographen lange Zeit angenommen wurde. (bf)

Fußnoten
1 Oligarchie ist als eine Gesellschaftsform zu definieren, in der die Macht im Staat von einer Elite ausgeübt wird.
2 John Clute / Peter Nicholls: Jack London. In: Dies.: The Grolier Science Fiction: The Multimedia Encyclopedia of Science Fiction. Danbury, CT: Grolier, 1995.
3 Thomas Ayck: Jack London. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbeck b. Hamburg: Rowohlt, 1976, S. 30.
4 Ebd., S. 61.
5 Ebd., S. 62.
6 Ebd., S. 51,
7 Ebd., S. 51.
8 Johnston 1984, S. 19. »Although he genuinely sympathized with the oppressed workers, London’s strongest ambition was to escape the working class himself.«
9 Rüdiger Barth und Marc Bielefeld: Jack London. In: Ders.: Wilde Dichter. Die größten Abenteurer der Weltliteratur. München: Piper, 2005. S. 67-136, hier: S. 78.
10http://www.wasistwas.de/archiv-sport-kultur-details/die-jack-london-legende.html (Hervorhebung entfernt; B.F.)
11 Vgl. Ayck 1976, S. 81.
12 Ebd., S. 8. Ayck diagnostiziert: »Jack London ist in seinen Schriften nicht selten in der Gefahr, dem Sozialdarwinismus das Wort zu sprechen, etwa in bezug auf die Indianer, die gegen Weiße unterliegen.« (Ebd., S. 58.)
13 Ebd., S. 104.
14 Barth / Bielefeld 2005, S. 68.
15 Vgl. Ayck 1976, S. 129.
16 Johnston 1984, S. 157.
17 Vgl. http://www.jack-london.org/jackbio.htm

[Artikel zuerst erschienen in: Science Fiction Jahr 2009 im Heyne Verlag, S. 469-487.]



Weiterlesen: Teil 2 des Artikels





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