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Thomas Hofmanns Phantastische Ansichten



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Der Sommer ist vorbei in Hofmanns Leseliste

Geschrieben von T.H. , in Leseliste ab 2013 05 September 2020 · 146 Aufrufe
Alan Moore, Polidori, James Blish und 1 weitere...
Der Lesemonat hielt ein paar schöne Überraschungen für mich bereit, lässt mich einen innigen Wunsch äußern und eine Lanze für einen fast vergessenen Autoren brechen, der selber zur Romanfigur wurde – mehrfach sogar.

40 – James Blish: „Triumpf der Zeit“
Der kurze Roman ist der letzte Teil des Vierteilers „Die fliegenden Städte“, von denen ich bisher den ersten und die Hälfte des zweiten Teils gelesen hatte. Nun also separat den vierten Teil. Warum? Na ja, leider quasi doppelt gekauft und halt nicht bedacht, dass das ja „nur“ ein Teil ist.
Den Anfang der Serie fand ich leider damals nicht so toll, daher nicht durchgehalten. Mir war das zu profan, zu sehr an den ökonomischen Verhältnissen der USA zu Blishs Zeit (und davor) orientiert. Mir ist haften geblieben, dass Blish da vor allem ökonomisch „argumentierte“, was mich einfach nicht abholte.
Der vierte Teil ist nun aber auch völlig anders. Hier sind wir – ähnlich wie Moorcock – am Ende der Zeiten. Aufgrund physikalischer, astronomischer Beobachtungen wird festgestellt, dass das Universum, das in Wirklichkeit ein positives und ein anti-positives Universum gleichzeitig ist, halt Materie und Antimaterie, nunmehr wieder zur Singularität wird. Bei Blish heißt das übrigens „Monoblock“ und ist zwar auch sehr dicht, aber auch ziemlich groß. So ein auf einen Punkt reduziertes Universum war dem Autor dann wohl doch zu unheimlich.
Wenn man das absolute Zentrum des Universums erreicht, kann man – vielleicht – dem singulären Ereignis – dem Tod des aktuellen und der Geburt des neuen Universums – nicht nur beiwohnen sondern auch überstehen. Das ist nun der Plan der Menschen. Die Menschen entscheiden sich: Wagen sie dieses Abenteuer, oder ergeben sie sich dem universellen Tod? Das mit dem „Überleben“ ist dann auch eher metaphorisch gemeint. Auch unter günstigsten Bedingungen kann man das wohl nicht, aber man kann was für das neue Universum tun. Auch wenn hier kein göttlicher Plan erstellt wird – so etwas ähnliches ist das dann doch.
Mir gefiel die Melancholie, diese seltsame Stimmung aus Untergang und vorsichtigem Optimismus, der dem Leben doch noch einen Sinn gibt. Das alles ist so ganz anders als das verrückte und dekadente Endzeit-Universum Moorcocks; und nun weiß ich nicht so genau, welches mir besser gefällt…
Es wird viel Bezug genommen auf die drei vorherigen Teile, aber man kann das Büchlein auch separat lesen und verstehen.
Der große, kosmologische Rahmen hat mir großartig gefallen; Ökonomie, familiäre und beziehungstechnische Verwerfungen gibt es dennoch, die mir hier irgendwie auch fehl am Platze erschienen, aber dann doch nicht so sehr störten (also mich störten).
So mag ich Blish! 8 / 10 Punkte

41 – Warren Ellis: „Gun Machine“
Ich möchte dringend darum bitten, dass Herr Ellis mehr Romane schreibt! Auch das Teil hier war wieder absolut stark. Dabei ein fast ganz normaler Krimi. Im Laufe der Erzählung dachte ich schon, es gibt einen phantastischen Kern, der mit den amerikanischen Ureinwohnern zu tun hat, hier speziell der Indianer, die auf der Insel des heutigen Manhattans lebten. Am Ende ist es nur der ganz normale Wahnsinn.
Es ist also ein normaler hard boiled Krimi. Sehr gewalttätig, mit viel schwarzem Humor. Der Protagonist ist ein herunter gekommener Polizist, der eingangs gleich mal seinen Kollegen verliert. Bei einer Schießerei mit einem durchgeknallten Bewohner eines Mietshauses, das einer Mietspekulation zum Opfer gefallen ist, kommt er um. Dabei entdeckt er eine Art Waffenlager, das aber mehr ist – nämlich eine Art indianisches Heiligtum, ein magischer Ort, der aus Waffen erstellt wurde, die alle für Morde in den letzten 20 Jahren benutzt wurden. Alles unaufgeklärte Fälle. Na klar, ist eine riesengroße Schweinerei die dahintersteckt, die in die höchsten Kreise des New Yorker Establishment reicht.
Ellis ist ein Meister der spannenden, action-betonten Unterhaltung. Hier stimmen Plot, Tempo, Dialoge, Stimmungen und Botschaften. Nun bin ich echt Fan von Ellis!
10 / 10 Punkte

42 – Federico Andahazi: „Lord Byrons Schatten“
Auf der Suche nach Geschichten, die für den nach meiner Auffassung oftmals Unrecht getanem Dr. Polidori eine Lanze brechen, stieß ich auf diesen kurzen Roman. Der Autor hat wohl schon einen „skandalumwitterten“ Bestseller verfasst, der dem Titel nach (Im Land der Venus) vor allem eines thematisiert. So auch hier. Was wir hier an Enthüllungen von und über John William Polidori erfahren, geht vor allem unter die Gürtellinie. Und es stellt sich heraus, wer der wahre Autor seiner weltbekannten Story „Der Vampir“ ist.
Polidori kommt hier charakterlich nicht gut weg, aber die anderen großen Dichter, Byron, Shelley, und sogar Mary Shelley auch nicht. Das Buch ist frech und frisch verfasst, das mit dem Sex etwas seltsam. Dazu kommt ein sehr außergewöhnlicher Vampir. So habe ich das noch nirgends gelesen. Insgesamt aber war das alles nicht sehr erhellend für mich.
7 / 10 Punkte

43 – Mario Vargas Llosa: „Der Traum des Kelten“
Das Buch hatte ich schon mal 2013, im November (50). Hatte es auch damals auf meiner Leseliste, siehe hier:
http://www.scifinet....mber-leseliste/
Das Buch war ja der Hit für mich in diesem Jahr 2013. Nun, jetzt halt noch mal – gehört übrigens – auch damals als Hörbuch.
Die Gestalt des Roger Casement ist nach wie vor faszinierend. Und wieder habe ich mit Faszination und Erschrecken von den Erlebnissen dieses interessanten Mannes gehört. Als Kind begeisterten ihn Geschichten von Entdeckern und Forschern, die fremde Länder und Ozeane erkundeten. Er las von Livingstone und Stanley in Afrika; dann ging ein Kindertraum für ihn in Erfüllung: Er lernte Stanley kennen und nahm an einer seiner Expeditionen teil. Nun, er musste ihn allerdings auf einer ganzen anderen Art kennenlernen…
Casement war ein Fan des britischen Imperialismus – bis er ihn in Aktion erlebte. Casement war im Kongo, am Amazonas, und dann als Freiheitskämpfer für Irland unterwegs.
Was mir beim diesmaligen Hören so nebenbei auffiel: Der Autor legte seine Erzählung so an, dass alles aus der Erinnerung des zum Tode verurteilten Casement erzählt wird. Die Rückblicke laufen nicht immer chronologisch ab. Dadurch entstehen Dopplungen, was natürlich einen gewissen Lerneffekt hat, aber so eine Redundanz kann auch etwas ermüden.
Ansonsten ist es – wie ich 2013 schon bemerkte – alles recht nüchtern erzählt, mit vielen Datumsangaben. Das erleichtert die historische Einordnung, kann aber auch etwas zu nüchtern und fachsprachlich erscheinen. Aber nach wie vor gehört das Buch zu meinen absoluten Lieblingen; werde es sicher nicht das letzte Mal genossen haben. (Mit dem erhobenen Zeigefinger: Sollte man sich mal zu Gemüte führen, wenn man meint, dass es uns hier und heute so schlecht ginge. Was Casement so sah und erlebte und gegen was er ankämpfte, ist einfach nur die Hölle, die Menschen sich gegenseitig zufügen.)
– ohne neue Wertung –

44 – Tom Holland: „Der Vampir“
Hach, das war auch mal so ein Lieblingsbuch von mir. Damals, als die Vampir-Welle wogte. Anne Rice hatte ich nie gelesen, dafür aber Tom Holland. Na, ich nehme mal an, das nimmt sich nicht. Höchstens insofern, als dass Anne Rice besser schreibt als Tom Holland – und natürlich viel berühmter wurde.
Dass ich noch mal zu dem Schmöker griff, hat seine Ursache darin, dass ich diesen Sommer u.a. damit verbrachte, eine Lanze für den Doktor Polidori zu brechen. Polidori, der Mann, der den modernen Vampir „erfand“ – und sich neben der berühmteren Mary Shelley die zweite bleibende Geschichte in der berühmten Nacht am Genfer See ausdachte.
Wer war dieser Dr. Polidori? Der Frage gehe ich also nach und erinnerte mich, dass es in diesem Vampir-Roman auch um die Dichter-Gruppe um Lord Byron ging. Polidori kommt hier auch drin vor und leider sehr schlecht weg. Sein Neid auf den großen Dichter, der er auch gern sein wollte, macht ihn fertig.
Holland, von Hause aus Historiker, verknüpft sehr geschickt die biografischen und historischen Fakten um Byron und seine Genossen, zu denen (hier) am Rande auch Polidori gehörte, mit einem Vampirstoff, der mir jetzt, beim zweiten Lesen, ziemlich schmonzettenhaft erschien. Na, ist irgendwie auch ein wild-romantischer Stoff. Und die Liebe zum Blut, die in Gier und todbringende Wut umschlägt, paart sich mit der Liebe und Zuneigung zu Menschen und Vampiren. Das wird dann schon mal mitunter ziemlich schwülstig.
Kann man den Roman heute noch lesen? Warum nicht. Ich gebe mal 7 / 10 Punkte.

45 – Alan Moore, Dave Gibbon: „Watchmen“
Ist ein Comic-Buch, aber ein mächtig dickes und wird auch als „Comic-Roman“ angepriesen. Insofern wage ich es, mal (wieder) ein Comic in meine Leseliste aufzunehmen. Habe auch in etwa so lange wie an einem richtigen (vielleicht nicht zu umfangreichen) Roman dran gesessen.
Weil ich ja den Film kenne und mir mal wieder ansehen wollte und weil ich gerade die Serie gesehen habe, die die Story des Comics fortsetzt, musste ich jetzt auch mal das Original lesen.
Geniales Zeitbild des Kalten Krieges in den 80er Jahren, vom Leben unter der Gefahr der atomaren Vernichtung der Menschheit. Ich habe die Zeit ja selbst miterlebt, aber als junger Mensch. Muss sagen, dass ich sie nicht so bedrückend in Erinnerung habe, wie sie hier rüberkommt. Aber das schreibe ich in erster Linie meiner Naivität zugute. Die Zeit was gefährlich, in der Tat. Auch ohne maskierte Rächer und Superhelden, übrigens.
An der Stelle will ich mal mit der Story etc. nicht langweilen, kennt ja inzwischen jede/r.
Eines ist mir beim Lesen und auch beim Sehen der Serie besonders aufgefallen. Etwas, was heute sehr aktuell und akut geworden ist: Rorschach ist ja echt mal der Prototyp eines antiliberalen, rechten Volks-Helden. Darauf wurde ich erst richtig aufmerksam, als ich die Serie sah und mitbekam, welche Leute sich die Rorschach-Masken überziehen. Rorschach selbst meint es ja durchaus ehrlich, ihn kotzt die Verlogenheit und Korruptheit der (aus seiner Sicht und von ihm so benannten liberalen) Elite an, aber was daraus werden kann, ist (mir) heute klarer als damals, als ich den Film das erste Mal sah. – Schön, dass ich immer noch was dazulernen kann.
Einen Punkt ziehe ich ab, weil mir die langen Prosatexte zwischendrin nicht wirklich immer gefielen. Aber wenigstens sind sie hier lesbarer als in den Providence-Bänden (dort in Schreibschritt).
9 / 10 Punkte


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Gelesen - der halbe Juni und der ganze Juli 2020

Geschrieben von T.H. , in Leseliste ab 2013 31 July 2020 · 1226 Aufrufe
Frank Herbert, Borges, Polidori und 1 weitere...
32 – J.L. Borges: „Die Bibliothek von Babel“
Das ist der 1. Band der vierbändigen Ausgabe aus der DDR, hg. v. Fritz Rudolf Fries, 1987. Ich hatte diese Bände kurz nach ihrem Erscheinen, also so 1988 (?) gelesen; und jetzt also wieder, nach über 30 Jahren. War wohl Zeit, zumal ich seitdem Borges als einen meiner Lieblingsschriftsteller bezeichne.
Dabei bleibt es auch! Auch wenn ich mich oftmals bei ihm frage, was er mir damit sagen will, faszinieren mich diese Kurzerzählungen nach wie vor. Bei ihm ist erst einmal fast egal, worüber er schreibt, er vermittelt mir immer so etwas wie „größere Geheimnisse“, die hinter den Dingen lauern. Die sind ja so ganz anders als die nordamerikanischen Short Stories, denn oftmals hat man nicht mal einen richtigen Plot. Manche lesen sich eher wie Aufsätze zu fiktiven Themen, wie Darstellungen oder Berichte. Andere sind Parabeln.
Na, wie auch immer, das gibt satte 10 / 10 Punkte

33 – H.G. Wells: „Die Insel des Dr. Moreau“
Der Klassiker als Vorbereitung für die Lektüre des neuen Comics von Adams und Rodriguez gelesen. Aber nicht nur deshalb. Schuld daran trägt auch Borges, der ja Fan von Wells war und der einen guten Kumpel hatte: Casares, der nun wiederum mehrere Texte schrieb, für die Wells‘ Roman als Vorlage diente.
Der Roman hielt ein paar Überraschungen für mich bereit. Details, die ich nach 30 Jahren einfach mal vergessen hatte. Diese Auffrischung tat jedenfalls sehr gut; hier kann man nur vergeben:
10 / 10 Punkte

34 – Frank Herbert: „Dune – der Wüstenplanet“
Als Hörbuch. Darf ich das so zugeben: Habe nie vorher Dune gelesen. Den Film von Lynch gesehen, klar, mehrmals. Danach hatte ich gar nicht den Trieb, das dicke Buch noch zu lesen. Was soll denn da noch Interessantes drin stehen, was der Film nicht erzählt hat? Auch wenn man sicher davon ausgehen kann, dass Film und Buchvorlage nicht zu 100 % übereinstimmen.
Na, jetzt also nachgeholt, als Hörbuch. Und? Ja, es ist anders. Was fiel mir da an (für meine Begriffe wesentlichen) Unterschieden auf?
Paul Atreides ist schon früh eine gebrochene Figur, er ahnt, dass er mit seinen „Reformen“ Schlimmes heraufbeschwört. Seiner Mutter Jessica hat eine viel größere Bedeutung als im Film (ist mir so zumindest in Erinnerung). Das Gewürz ist zwar total wichtig, aber wird nicht so sehr in den Vordergrund für die Gilde der Raumfahrer gerückt, die ja ohne das Zeug ihren Job gar nicht ausführen könnte. Na ja, irgendwie stimmt das schon, denn es verstärkt ja die Kraft, die Zukunft zu sehen, also können sie so den Weg durch das All finden.
Im Roman nervten mich zunächst die echt altertümlichen, feudalen Familien-Macht-Verhältnisse, um die es ja fast ausschließlich geht. Aber ich habe mich beim Hören dran gewöhnt.
Was mir beim Sehen des Filmes jetzt nach der Lektüre auffiel: Die Gedankengänge, die Herbert seinen Figuren in den Kopf legt, sind um ein Vieles komplexer als dann im Film. Dort denken die Leute ja auch laut, aber meist belangloser und kürzer als im Buch. Das war dann schon eine echte Bereicherung.
Insgesamt hatte das Buch für mich ein paar Längen, die mich vielleicht beim Lesen abgeschreckt hätten und zu einem vorzeitigen Lektüreabbruch führen könnten. Aber so beim Laufen durch die morgendliche Stadt war das schon schön.
8 / 10 Punkte

35 – Adolfo Bioy Casares: „Morels Erfindung“
Auf den Spuren von Wells‘ Dr. Moreaus führte mich der Argentinier auf eine Nachbarinsel, die von Morel. Hier begegnen wir keinen Tier-Mischwesen, dafür so einer Art untoter Hologramm-Menschen. Ziemlich geniales Setting, aber schon gewöhnungsbedürfte Verarbeitung. Anfangs ging es nur um die Liebe des Protagonisten, den es auf die Insel verschlagen hatte. Er hat sich in eine Frau verliebt, aber irgendwie kam er nicht an sie ran. Das hat seine Gründe. In der Mitte des Romans entpuppt sich die Geschichte als echte SF; ab da hatte er mich dann auch wirklich gepackt.
8 / 10 Punkte

36 – Guy Adams: „Sherlock Holmes. Die Armee des Dr. Moreau“
Eine Fortsetzung von „Die Insel des Dr. Moreau“ in Form einer Sherlock-Holmes-Pastiche. Geniale Idee? Ja, vielleicht, aber die Umsetzung hat mich nicht überzeugt.
Der Roman ist eine geradlinig erzählte Abenteuerstory, die bei Wells ansetzt, dem Vorgänger aber nicht gerecht wird. Auch wird das „Gesetz“, auf das die Tier-Mensch-Gesellschaft eingeschworen wurde, hier auf den Kopf gestellt.
Okay, für so zwischendurch und zur Unterhaltung (das will der Autor, wie er in seiner Nachbemerkung selbst schreibt, auch so erreichen) ist es nicht schlecht. Wer wissen will, was aus Dr. Moreaus Ideen geworden ist, auch was aus dem einzigen menschlichen Überlebenden, Prendick, geworden ist, wer für die schrecklich verstümmelten Leichen in der Themse verantwortlich ist und was Sherlock Holmes und Dr. Watson am Ende dazu rausbekommen, dem sei das Buch empfohlen.
6 / 10 Punkte

37 – Warren Ellis: „Gott schütze Amerika“
Nachdem mir seine Comic-Novelle „Frankensteins Schoß“ so gut gefallen hat, habe ich mich einfach mal auf seinen Romanerstling eingelassen. War eine gute Entscheidung! Habe mich trefflich unterhalten bei der Lektüre. Das Buch zeichnet sich nun zwar nicht gerade durch einen überkomplexen Plot aus, konnte mich aber durch seinen schwarzen, oft unter der Gürtellinie verlaufenden Humor, seine Schnoddrigkeit und dystopischen Verrücktheiten begeistern. Erst dachte ich, das sei ein Alternativ-Welt-Roman, ist es aber nicht. So richtig ernst gemeint ist das Ganze aber auch nicht – hoffe ich zumindest. Den Lese-Spaß erzeugt der Autor vor allem durch witzige-spritzige Dialoge, gefährliche und auch eklige Situationskomik und viele Sex-Gags.
Dabei gibt es sogar einen phantastischen Aufhänger: Ein Detektiv (so richtiges Noir- oder Hardboiled-Klischee: Ex-Polizist, kein Geld, keine Frau, keine Jobs, Alkoholproblem) kriegt von einem durchgeknallten, drogenabhängigen Staatsbeamten einen Job und einen Haufen Geld. Er soll ein Buch finden. Natürlich ein besonderes Buch: Die Verfassung der USA – mit den 23 unsichtbaren (sic!) Zusatzartikeln. Dabei muss er ordentlich im Sex- und Drogensumpf der US-Eliten graben und sich so einiges ansehen, anhören und über sich ergehen lassen. Dabei hilft ihm eine bezaubernde, aber auch nicht so ganz einfache junge Dame. Die Handlung zieht sich von Nummer zu Nummer, dem wertvollen Buch immer ein Stückchen näher kommend, hin. Ein happy end gibt es auch noch.
Hab lange kein Buch mehr so in einem Ritt und mit so viel Amüsement durchgelesen. Klasse Unterhaltung, und dann sogar noch mit einem angedeuteten Diskurs zum Thema Wert der Freiheit im Konflikt zum sittlichen und moralischen Verfall der US-Gesellschaft.
Für mich waren das mal glatte 10 / 10 Punkten.

38 – Frank Herbert: „Der Herr des Wüstenplaneten“
Hörbuch
Frank Herbert, ja? Nun, ich muss gestehen, das hat mir jetzt gar nicht mehr zugesagt. Wenn der erste Teil - also der Klassiker schlechthin – schon eigentlich eher ein Familiendrama vor nahöstlich-mittelalterlichem Hintergrund ist – mit etwas SF, aber auch mit Fantasy-Elementen – dann ist es dieser zweite Teil erst recht.
So gelesen (vorgelesen bekommen) kann ich nicht nachvollziehen, warum dieses Werk so einflussreich war und noch immer ist. Mir war es ziemlich langweilig. Es geht ja fast nur noch um Machterhalt innerhalb eines zutiefst feudalistischen Gesellschaftssystems. Interessant ist noch die Selbstreflektion Pauls, der erkennen muss – nach zig Milliarden Todesopfern! – dass er zum Gewaltherrscher mutiert ist, was er immer verhindern wollte.
In dem Roman passiert eigentlich sehr wenig, wird nur über vergangene Zeiten und Ereignisse reflektiert, über das, was in „Dune“ passierte und danach, aber ansonsten? Ist wohl nur so ein Zwischenstück, ehe der neue Leto an die Macht kommt.
6 / 10 Punkte

39 – Reinhard Kaiser: „Der kalte Sommer des Doktor Polidori“
Alle reden über Mary Shelley und ihren Frankenstein! Aber was ist mit dem anderen Topos der modernen Phantastik, dem edlen, adligen Blutsauger, der in dem gleichen kalten Sommer 1816 geschaffen wurde und seinem Schöpfer?
Außerdem war ich immer skeptisch, ob der Dr. Polidori in dem Film „Gothic“ wirklich so ein unsympathischer Typ ist, wie er dort dargestellt wird.
Nach der Lektüre dieses Buches: Nein ist er nicht, obwohl… Er hat es halt schwer im Schatten seiner Majestät, des Großfürsten der Dichtkunst und des Nonkonformismus, Lord Byrons, zu bestehen. Das Buch ist aufschlussreich und locker und leicht geschrieben; eine Wohltat und Anregung, weiter auf den Spuren Polidoris zu wandeln…
9 / 10 Punkte


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Leseliste - der ganze Mai und der halbe Juni

Geschrieben von T.H. , in Leseliste ab 2013 12 June 2020 · 346 Aufrufe
Christopher Priest und 2 weitere...
Na ja, das mit dem monatlichen Rhythmus hat dann mal gerade nicht geklappt. Kann dann in Zukunft nur besser werden. Aber jetzt erst mal: Was bisher geschah...

23 – Manuela Lenzen: „Künstliche Intelligenz. Was sie kann & was uns erwartet“
Eine sicher gut recherchierte und historisch fundierte Zusammenfassung zum Thema. Mir bot das Buch aber schon zu wenig an Neuem, oder an Sichtweisen, die mir neu wären. Mit anderen Worten: Es hat mich gelangweilt.
Deshalb muss es nicht schlecht sein! Im Gegenteil, wer sich umfassend mit dem Phänomen befassen will, dem sei es empfohlen, aber man „darf“ quasi nicht allzu viel Vorwissen haben. Die Autorin fängt teilweise sehr beim Urschleim an – aber die „historischen Grundlagen“ hatte ich in dem Transhumanismus-Kritik-Buch besser zusammengefasst und präsentiert bekommen, vor allem die, auf die es ankommt; eine wiederholte Darstellung der Entwicklung von Computern und Robotern brauchte ich jetzt gerade nicht.
Die Autorin geht sehr nüchtern an die Angelegenheit ran, will sie weder vergöttern, noch verdammen – und hält bewusst den Ball flach, wie man so schön sagt. Vielleicht sollten wir nicht allzu viel erwarten (Singularität und so…). Ich vermisste den klaren Standpunkt. Im Grunde bleibt sie in der Konsequenz schwammig – vielleicht ist das aber auch eben realistisch, denn niemand kann in die Zukunft sehen…
6 / 10 Punkte

24 – Christopher Priest: „Der Traum von Wessex“
Etwas Geografie vorweg: Wessex ist keine Stadt – in unserer Welt. Hatte ich erst mal so oberflächlicher Weise gedacht. Es ist aber eher eine Landschaft, und historisch: Ein mittelalterliches Königreich auf britischem Boden, südwestlich von London, bis Wales runter.
Da wir den Ort geklärt haben, müssen wir nun über die Zeit reden. Darum geht es auch in dem Roman. Ich behaupte mal, das ist ein Priest-Roman im Rohschliff. Dadurch ist er viel mehr SF, als seine anderen Parallelwelt-Romane.
Das ist unverständlich? Okay, ich bemühe mich um eine Aufklärung des Sachverhalts.
Es gibt in den 80er Jahren des 20. Jh. ein Institut in Südengland, das sich mit einer Simulation der Zukunft befasst. Diese Erkenntnis offenbart der Autor nicht gleich zu Beginn, da lässt uns Leser erst einmal schmoren. Das ist ja auch typisch für Priest und fördert den sense of wonder. Allerding – deshalb „roh“ – klärt er uns ziemlich schnell auf, dass wir es hier mit 2 Ebenen zu tun haben, die in einem direkten und gut unterscheidbaren Maße miteinander zu tun haben: Die Realität und die Simulation. Allerdings ist die Simulation für die handelnden (simulierenden) Personen nicht immer als solche erkennbar. Daher braucht man als Leser zunächst auch etwas, um sich dort zurecht zu finden.
Das ist also schon ungewöhnlich für Priest, der ansonsten gern seine Leser darüber im Unklaren lässt, was „echt“ und was „geträumt“, fantasiert, ausgesponnen, simuliert ist.
Die Simulation ist eine Welt der Zukunft. Die Probanden erleben diese, ja, leben regelrecht in dieser Zukunftswelt. Großbritannien ist zerfallen, die Sowjetunion ist dominierende Macht in Europa, Wessex ist wohl sowas wie eine Sowjet-Republik; allerdings schmückt der Autor diesen gesellschaftlich-politischen Zustand nicht sehr aus. Vieles wird nur angedeutet. Obwohl diese politische Entwicklung den Leser schockieren dürfte, scheint man aber durchaus dadurch in der Lage gewesen zu sein, andere drängende Probleme, wie z.B. die Umweltverschmutzung, in den Griff bekommen zu haben.
Ziel des Instituts, das diese Simulation – übrigens durch Kopplung der Vorstellungswelten der Probanden – erstellt hat, ist es herauszubekommen, wie es zu dieser möglichen Zukunft gekommen ist. Man ist halt in den 80er Jahren des 20. Jh. ziemlich am Ende mit seinem Latein, daher erdenkt man sich eine Welt, in der wichtige Probleme gelöst sind und will nun wissen, wie man zu diesem – leidlich – idealen Zustand gelangen kann.
Das müsste doch nicht so schwer sein. Allerdings wissen die Probanden gar nichts von ihrer Aufgabe, wenn sie in der Simulation „erwachen“, sie denken eben nicht daran, mal „vor Ort“ nachzuforschen, wie die Geschichte in den letzten 100 Jahren verlaufen ist.
Das alles ist der Rahmen; nun kommt – auch typisch für Priest – eine konkrete Beziehungsgeschichte hinzu. Die ist noch nicht mal uninteressant, da die Personen ziemlich starke, vielleicht etwas eindimensionale, aber handfeste Charaktere sind. Julia hat sich von Paul getrennt, Paul ist ein A., na ja… auf jeden Fall macht er seiner Ex das Leben zu Hölle. Julia trifft in Wessex ihren Traummann. Usw. Der Plot ist dann aber doch interessanter, als ich es hier andeute! Lesen lohnt! Wobei ein Trick, den der Autor dann anwendet, nämlich die Möglichkeit, in der Simulation, also in dem zukünftigen Wessex, wiederum eine Simulation anzuregen, nicht wirklich bis zu einem (bitteren?) Ende ausgemalt wird. Da hat der Autor nach meinem Dafürhalten etwas Potential verschenkt, zugunsten seiner Story um Liebe & Kabale.
8 / 10 Punkte

25 – James Blish: „Auch sie sind Menschen…“
Wie (mir selbst) versprochen: Ich lese weiter kurze Texte von Blish, da mir „Irgendwann“ so gut gefallen hat. Dieses Buch hier firmiert – zumindest in der Ausgabe, die mir vorliegt – als Roman. Aber es ist kein Roman, höchstens eine Sammlung von Stories, die ein gemeinsamer Grundgedanke eint. Dennoch sind die einzelnen Stories als „Bücher“ deklariert. Das ist spätestens mit dem „Vierten Buch“ albern, denn das umfasst ganze 8 Seiten…
Das Buch ist in einer Reihe „SF für die Jugend“ erschienen, hat ultradickes Papier, fast Pappe (für Kleinkinder?), aber leider keine Illustrationen. Nun, wie jung die Jugend sein darf, die das lesen kann, weiß ich nicht, aber „Jugend“ ist ja mitunter ein weiter Begriff. Superkomplex sind die Stories aber eher nicht, man muss sich nur bei der starken, fast überbordenden Phantasie des Autors, auf Schilderungen und Beschreibungen gefasst machen, die man erst mal erfassen muss. Dadurch haben wir es aber mit phantasievoll-farbenprächtigen Alien-Schilderungen zu tun, die … äh, stimmt ja gar nicht, denn: Auch sie sind Menschen!
Darum geht’s: Es werden in vier „Kapiteln“ Einblicke in eine Entwicklung der Menschheit gewährt, die zeigen, wie sie sich über die Galaxis ausbreiten kann. Dabei werden nicht die Planeten terraformt, sondern die Menschen passen sich an die fremden Lebensbedingungen an. Das erfolgt zunächst quasi im Widerstand zum gesellschaftlichen Mainstream, später planmäßig. Es gibt da einen richtigen „Aussaatplan“ (Däniken würde sich freuen und das vielleicht als Sachbuch lesen?), das Fachwort dazu hat Blish auch parat: Pantropie
8 / 10 Punkte

26 – Eugene Thacker: „Im Staub dieses Planeten. Horror der Philosophie“
Hach, was fange ich mit diesem Buch an? Gelockt hat mich der Titel und das Thema. Aber nach der Lektüre muss ich gestehen, dass es mich eher nicht so hinter dem Ofen hervorlockt.
Ein Buch mit philosophischen Essays, die Bezug zur dunklen Phantastik, bzw. zur phantastischen Literatur und Filmkunst nehmen. Dass Philosophen sich mitunter um Dinge kümmern, die ein „Normalsterblicher“ kaum nachvollziehen kann, war mir schon bewusst, aber ich hatte schon die Hoffnung, dass mir dieses Gemenge aus (Horror) Phantastik und Philosophie relevant erscheint.
Die Referenzen sind schon so ganz mein Ding: Lovecraft (natürlich), Ballard, Fritz Leiber, James Blish (sic!), Fred Hoyle u.a. Ich lerne etwas über die Dämonen der Hölle, über kosmischen Pessimismus (könnte ruhig intensiver und ausführlicher behandelt werden) und okkulte Philosophie, über die verborgene und sichtbare Welt, über den Zusammenhang von Leben, Tod und Aussterben (das war dann aber mir wirklich zu abstrakt und unfasslich).
Es waren aber auch schöne und inspirierende Wendungen enthalten. So z.B. die Überlegung, dass das Grauen weniger mit der Angst vor dem Tode, denn mit der Angst vor dem Leben zu tun hat.
Punkte? Hach, weiß nicht, will ich mal nicht vergeben, weil ich mich hier einfach nicht für kompetent genug halte, das Buch wirklich wertzuschätzen. Vielleicht kann das ja als Einladung an Euch verstanden werden: Wer will, kann mir gern auf die Sprünge helfen!

27 – Ina Elbracht: „Der Todesengel“
Ein Grusel-Thriller, Blitz-Verlag, 2020
- siehe hier -
9 / 10 Punkte

28 – Anna von Münchhausen: „Der Lügenbaron. Mein phantastischer Vorfahr und ich“
Als ich mitbekam, dass der reale Freiherr v. Münchhausen am 11.05.2020 seinen 300. Geburtstag feierte und ich einen interessanten Artikel in einer Tageszeitung darüber las, die genau dieses Buch zur Lektüre empfahl, erwarb ich es spontan. Tatsächlich las ich in diesem besagten Artikel so viel mir Unbekanntes zur Biografie des real-existierenden Barons und zur Publikationsgeschichte der Bücher, dass ich mich darin etwas vertiefen wollte. Da erschien mir dieses kleine Büchlein einer Verwandten des Herrn eine gute Wahl.
Nun, war sie auch, also eine gute Wahl, wenn auch keine sehr gute. Das Büchlein ist ein Sammelsurium verschiedenster Texte, bzw. Textchen, in denen die Autorin selbst und weitere Familienangehörige über ihre persönlichen Erfahrungen mit ihrem berühmt-berüchtigten Namen erzählen, in denen die wenigen bekannten biografischen Informationen zum Lügenbaron noch mal rekapituliert werden, die interessante und spannende Publikationsgeschichte (Raspe, Bürger), zu den Filmen und den Leuten, die sich heute mit der Person und dem Phänomen Münchhausens beschäftigen, vorgestellt werden.
Ein paar Münchhausiaden erzählt die Autorin auch noch; okay, darauf hätte ich gut und gerne verzichten können.
7 / 10 Punkte

29 – Stephen Hawking & Leonard Mlodinow: „Der große Entwurf“
Hörbuch, gelesen von Ranga Yogeshwar
Ich hoffe, niemand verlangt von mir jetzt eine kurze Inhaltsangabe und vor allem Wertung hinsichtlich der Richtigkeit des Inhaltes. Ich merkte beim Hören, dass ich so unbegabt bin als Physiker; mich interessierte da mehr die philosophische und kosmologische Dimension. Ist ja auch zu einem Großteil eine Geschichte der Erkenntnistheorie, eine Geschichte der Evolution des Wissens und der Erkennbarkeit des Universums. Und tatsächlich fand ich, dass der bekannte Wissenschaftsjournalist und -Popularisator (gibt es das?) aus dem Fernsehen das Buch ganz wunderbar liest. Sehr kurzweilig das Ganze und dafür geschaffen, mehrfach zu hören (teilweise getan), um da richtig mitzukommen.
(Keine Wertung, kann ich hier nicht vergeben)

30 – Daniel Kehlmann: „Die Vermessung der Welt“
Ein Zweitlesen, besser: Lesenlassen – Hörbuch, gelesen von Ulrich Noethen.
Wollte das Buch schon lange mal wieder lesen, wie übrigens alles von D.K. Jedes Mal, wenn ich was von ihm lese, geschieht das mit großem Gewinn, auch beim wiederholten Lesen.
Die Doppelbiografie dieser beiden großen Wissenschaftler, die charakterlich so unterschiedlich waren und sich wohl freundschaftlich zueinander verhielten, ist absolut faszinierend. Es gibt so nebenbei auch ein paar tolle Anknüpfungspunkte für den Phantastik-Fan. Allein die Idee vom Orinoko, die den jungen Humboldt zu seiner abenteuerlichen Forschungs-Reise bewegte, ist im Grunde genau dasselbe, was einen Lovecraft zu seinen abenteuerlichen Geistes-Reisen veranlasste. So erschien es mir jedenfalls.
Vergnüglicher ist natürlich das Verhalten und Ins-Benehmen-Setzen des griesgrämigen Gauß. Und sein Sohn Eugen tut mir jedes Mal immer wieder leid. Dessen Erlebnisse mit der nationalen Studentenbewegung und einem (wohl falschen) Turnvater Jahn sind in ihrer Kehlmann‘schen kondensierten Schilderung so aufschlussreich – immer wieder.
10 / 10 Punkte (was sonst!)

31 – Michael Moorcock: „Die Zeitmenagerie“
Der erste Teil der Endzeit-Saga von Moorcock und mein x-ter Versuch, das Buch zu lesen. Ja, irgendwie kann ich mich immer noch gut verstehen, dass ich es mehrmals abgebrochen habe. Aber diesmal bis zum Schluss durchgehalten! Und dann war es auch gar nicht mal so übel.
Anfangs hat mich die Schilderung dekadenter Beliebigkeit am Ende der Zeiten gelangweilt. Fand ich auch diesmal wieder nicht so prickelnd. Wenn dann aber der Endzeit- Mensch seine große Liebe aus dem 19. Jahrhundert trifft, verehrt und in deren Zeit verfolgt, nimmt das Buch für meinen Geschmack an Fahrt auf. Spätestens dann, als der unbedarfte Zukunftianer in der Epoche seiner Sehnsucht war und so gar nicht mir den Gefahren dieser Zeit umgehen konnte, hatte mich die Geschichte erfasst. Also, ich werde dann wohl auch die anderen beiden Teile lesen müssen...
8 / 10 Punkte


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Ina Elbracht: „Der Todesengel“

Geschrieben von T.H. , in Leseliste ab 2013, Meine Empfehlung 17 May 2020 · 625 Aufrufe
Ina Elbracht
Noch ist der Mai nicht zu Ende, aber ich habe schon mal ein Lieblingsbuch in meinem Lektüre-Monat gefunden. Damit will ich mal nicht hinterm Berg halten.

Ina Elbracht: „Der Todesengel“
Ein Grusel-Thriller, Blitz-Verlag, 2020

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So ein bisschen liege ich gerade auf der Lauer; ich warte auf ein Buch von Ina Elbracht, das bei Wurdack in einer auf 100 Stück limitierten Auflage erscheinen wird und das für Leser & Leserinnen des NEUEN STERNs durchaus eine kleine Überraschung parat hält, denn es ist – ich denke mal, das ist wirklich so, weiß es aber erst, wenn ich es gelesen habe – die lange Fassung der Geschichte, die die Autorin für uns, für den NEUEN STERN, geschrieben hatte, illustriert von Daniel Bechthold: „Pentimenti“, Heft 43. Diese bewerte Kooperation wird in der Langfassung fortgesetzt.
Das Jahr 2020 ist aber das Jahr der Ina Elbracht, denn neben diesem zu erwartenden Buch ist gerade noch eines von ihr erschienen, beim Blitzverlag, in der Reihe „Ein Grusel-Thriller“, die erst aus zwei Büchern besteht.
Ähnlich wie in ihrem „Klunga“ spielt der Roman wieder in Köln und er spielt mit der Kölner Sagenwelt. Ihre Geschichte bezieht sich auf eine Sage aus dem 14. Jahrhundert, eine sog. Wandersage, die wohl ursprünglich aus Flandern kam und auch in anderen Städten, z.B. auch in Magdeburg, eine Ausschmückung erfuhr. Kann man gern in der Wikipedia nachlesen, aber vielleicht erst nach der Lektüre des Romans, dann hat man noch ein paar Aha-Effekte zusätzlich.
Der kurze Roman weist drei Zeit- und Handlungsebenen auf. Die Autorin bringt damit die mittelalterliche Sage in die Neuzeit und Gegenwart.
Es beginnt in einem Bombenkeller am Ende des II. Weltkrieges in Köln, Ein kleines Mädchen hat gerade ihren Vater verloren, doch eine etwas wunderliche „Tante“ kümmert sich rührend um sie.
Natürlich wird der Beginn der Geschichte erzählt, als in Köln die Pest wütete und der Tod allgegenwärtig war.
In der Jetztzeit lernen wir eine erfolglose und mit manchmal unlauteren Mitteln operierende Immobilienmaklerin kennen. Nach einer anhaltenden Pechsträhne scheint sie nun den großen Fisch am Haken zu haben.
Die drei Zeitebenen gehören zusammen, personell – wenn auch nicht wirklich durch die gleiche Person(ein), auch wenn dies erst einmal so scheint. Ist es eine Art Vampirgeschichte? Vielleicht… Die Sagenfigur heißt Richmodis von Aducht; ist sie so etwas wie eine Kölner Elisabeth Báthory? Hmm, vielleicht… Und wer sind diese seltsamen Bediensteten der alten Dame? Tauchen die auch schon im Mittelalter auf? Scheint so… Aber auf alle Fälle gibt es da noch welche, die im und aus dem mysteriösen Untergrund Kölns (den wir ja eigentlich schon aus „Klunga“ gut kennen) agieren: Der Hinkende und der Bucklige. Was können die denn?
Die Geschichte ist nicht nur spannend und einfach mal gut erzählt, sondern auch so ein bisschen ein Plädoyer für Frauen-Power.
Ach nee, ich verrate nichts und empfehle die sehr kurzweilige Lektüre – als Taschenbuch oder, wie ich diesmal, als eBook.
9 / 10 Punkte


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Gut gelesen im April 2020

Geschrieben von T.H. , in Leseliste ab 2013 30 April 2020 · 481 Aufrufe
Sebastian Guhr, Michael Moorcock und 4 weitere...
Leseliste, diesmal wieder pünktlich zum Monatsende. Ich scheine meine alte Form, also LL-Report allmonatlich, wiedergefunden zu haben. Aber noch kommt es mir eher zufällig vor.
Es wird wieder etwas ausführlicher. Aber, hey, kommt: Ihr habt doch Zeit! Wohin wollt Ihr auch? Also, lest ruhig…

16 - Michael Moorcock: „Der Herr der Lüfte“
Erster Roman aus dem Sammelband „Zeitnormaden“ um den unfreiwilligen Zeitreisenden Captain Oswald Bastable. Neben Una Persson einer der bekannteren Zeitnomaden, die zwischen den Welten und Zeiten hin und her switchen. Una Persson ist in den Zeitnomaden-Romanen auch eine wichtige Figur. Das freute mich; ich mag sie – irgendwie. Sie taucht ja, wie der gute Oswald auch, in anderen Werken Moorcocks auf. Schön ist hier, dass der Autor nicht gleich wieder lange Vorträge zu seinem Multiversum hält.
Bastable weiß auch gar nicht, was mit ihm passiert (vielleicht bekommt er es ja noch heraus in einem der Folgebände; ich werde lesen). Als Offizier der britischen Kolonialtruppen auf dem indischen Subkontinent begibt er sich 1903 mit einer Expedition in eine unheimliche Gegend, nahe Tibet. In den uralten Gemäuern einer alten Tempelanlage, oder eines Palastes geschieht es. Wenn ich hier „alt“ schreibe, so ist das auch so gemeint. Hier hat Moorcock ein bisschen bei Meister Lovecraft über die Schulter geschaut. Es wird nicht erklärt, wie alt die Anlage ist und wer sie wirklich gebaut und genutzt hat, aber den Andeutungen der Eingeboren zufolge muss sie sehr, sehr alt sein. Huu, das reicht für einen unheimlichen Schauer.
Nach einem Erdbeben wacht unser Captain in seiner fernen Zukunft auf – 1973. Was er nicht weiß, aber der Leser schon: Das ist nicht unsere Welt von 1973. Wobei: Ich weiß natürlich auch nicht, ob das Bastables Welt von 1973 ist. Für ihn ist es einfach „die“ Zukunft, für uns Leser eine alternative Vergangenheit; für den Autor übrigens eine alternative Gegenwart.
Der Imperialismus des späten 19. und beginnenden 20. Jh. konnte sich erhalten und hat aus der Sicht des Captains ein Utopia geschaffen, denn alle Nationen, in mächtigen Imperien geordnet, leben in stabilen Gesellschaften. Okay, es gibt noch Kolonialismus und strenge Hierarchien, aber alles hat seine Ordnung und es herrscht weitestgehend Frieden auf der Welt. Die Weltkriege fanden nicht statt, auch nicht die Revolutionen. Onkel Lenin gibt es, der heißt aber nach wie vor Uljanov und ist so ein bisschen ein alter, sozialistischer Träumer. Der trifft dann auch mit Dutschke zusammen – Graf v. Dutschke! Auch ein Revoluzzer, was sonst, aber adlig.
Ach ja, Reagan kommt auch vor. Herrlich, wie der von Moorcock „behandelt“ wird. Eine Lachnummer, aber unangenehme.
Der Frieden trügt. Es gibt in den kolonial unterdrückten Völkern Unabhängigkeitsbestrebungen, nationale Befreiungsbewegungen. Für mich interessant war, dass die nationalistische Ausrichtung dieser Befreiungsbewegungen betont wird; das war ja in „unserer“ Geschichtsschreibung und Gesellschaftsbetrachtung nicht so im Fokus; da sahen „wir“ ja gern proto-sozialistische Volksbewegungen.
Unserem jungen imperialistischen Captain wird das Weltbild ordentlich zerrüttet, als er Protagonisten des Widerstands kennen lernte. Erst einmal einen Polen, namens Korzeniowski. Hmm, tja, kenne ich nicht – oder doch? Wenn man weiß, dass das Joseph Conrad war…
Nicht nur die politische, auch die technische Entwicklung nahm in der Alternativ-Welt einen etwas anderen Verlauf. Interessanterweise einen verzögerten, denn das vornehmliche Luftfahrzeug ist das Luftschiff, Flugzeuge sind hier Exoten und quasi eine Geheimwaffe. Auch die Erfindung der Atombombe hat sich verzögert; tja, wozu Kriege so alles gut sind…
Bastable wird auf abenteuerlichen Wegen in den antikolonialen Kampf, vor allem durch den „Herrn der Lüfte“ in China hineingezogen und zu einem schlimmen Kriegsverbrechen verführt. Der Roman endet damit sehr unlustig. Aber: feiner, interessanter, mitunter vielleicht etwas lahm erzählter Alternativwelt-Abenteuer-Garn; satte 8 / 10 Punkte

17 – Michael Moorcock: „Der Landleviathan“
Jetzt kommt Michael Moorcock erst einmal selbst zu Wort, also nicht der Autor des Buches, sondern dessen Opa. Der fand ja einst das Manuskript von Oswald Bastable und will nun nachforschen, ob da was dran ist, was der so hinterlassen hat. MM reist nach China, auf der Suche nach dem geheimnisvollen Tal, wo der Herr der Lüfte sein Utopia aufbaute, äh, aufbauen wird.
Und wem begegnet er dort? Na klar, Una Persson! Und ihren „Rittern“ – oder Räubern – auf alle Fälle tragen sie auf ihren Gewändern so seltsame Zeichen: Kreuz aus 8 Pfeilen. Oh, das kennt man doch... Aber auch hier gilt: MM, der Autor, lässt es mit einem Herumreiten auf seiner Multiversum-Theorie. Dafür geht’s mehr in die Praxis.
O.B. hat wieder ein Manuskript, diesmal also direkt von ihm, aus seiner Hand, hinterlassen, das wir hier in diesem Buch einsehen dürfen.
Die Zukunft ist – aus Sicht von Oswald – nicht allzu fern, also so Zeit des Ersten Weltkrieges. Der findet auch statt. U.a. ist Großbritannien völlig am Boden, zerstört, verseucht, verwildert.
Ganz Europa ist hin. Aber in Südafrika hat so ein indischer Rechtsanwalt was gemacht. Man liest hier, dass es gut sei, dass er dort aktiv wurde, nicht etwa in Indien: Ghandi. Bantustan ist eine Utopie.
Ein Dystopia scheint es auch zu geben, errichtet von einem „schwarzen Attila“, der fast den ganzen Rest der Welt erobert hat, bzw. am Erobern ist. Ihn treibt der Hass auf die „weiße Rasse“. Also ein umgekehrter Rassismus? Oder eine Art historischer Gerechtigkeits-Ausgleich? Das wird im Grunde im und durch den Roman diskutiert – und ziemlich unentschieden (nicht) geklärt.
Auf alle Fälle kommt der Landleviathan, ein unmöglich riesiges, kanonenbewehrtes Panzer-Landfahrzeug in Nordamerika zum Einsatz. Dort herrscht der blanke Südstaatenrassismus, den will der Schwarze Attila bekämpfen und die schwarze, versklavte Bevölkerung befreien.
Das Schema der beiden Romane gleicht einander; was im Titel des jeweiligen Romans genannt wird, kommt im in beiden Fällen erst in der zweiten Hälfte zum „Einsatz“. Beide Romane sind in erster Linie Abenteuer und gleichzeitig Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichen Problematiken und dadurch so etwas wie Sozial- (Anti-) Utopien. Hätte ich erst mal gar nicht gedacht. Moorcock schreibt, weil er was „sagen“ will. Find ich gut!
8 / 10 Punkte

18 – Michael Moorcock: „Der Stahlzar“
Okay, jetzt habe ich es begriffen. Das Schema, der Romanaufbau, ist wieder dasselbe. Moorcock, diesmal der richtige Moorcock, also Michael jr., bekommt ein Manuskript, diesmal auch direkt von Bastable. Opa Moorcock, so schätzt es Bastable ein, kann der Geschichte nicht die seiner Meinung nach notwenige Verbreitung verschaffen. Also soll der Schriftsteller M.M. ruhig aus dem Tatsachenbericht einen Roman machen, Hauptsache er wird gelesen.
Also habe ich ihn natürlich auch gelesen. War wieder gut, aber: Ist wieder Schema F. Dazu gehört, dass die Titel-Figur erst wieder ziemlich zum Schluss die Bühne betritt. Dazwischen wird ein von Krieg und Gewalt gezeichnetes alternatives 20. Jahrhundert entworfen, es werden auch ideologisch-politische Systeme „bewertet“ und deren herkömmliche Bewertungen in Frage gestellt. Bastable, der seiner englischen Majestät und gegenüber dem Britischen Imperium loyale Offizier, wird mit anderen Denk- und Gesellschaftsmodellen konfrontiert. Er entwickelt sich eher zum pazifistischen Humanisten, der aber auch „das Notwenige“ erledigen kann. Aktiv wird er wieder in der Luftschifffahrt, die auch in dieser Welt-Alternative dominiert. Die Luftschiffe sind richtige Schlachtschiffe, stabil und wohl nicht so leicht zu zerstören.
Diesmal geht es erst nach Fernost, nach Indochina, 40er Jahre. Da tobt sowas wie ein Weltkrieg, dort vor allem zwischen den alten britischen (und auch niederländischen) Kolonialverwaltungen und den eroberungswütigen Japanern. Später geht es nach Russland, wo bereit 1905 die Revolution erfolgreich war, Kerenski ein moderates, sozialistisches Regime führt, das aber durch nationalistische, anarchistische und radikal-sozialistische Kräfte bedroht wird, und gleichzeitig sich gegen Japan behaupten muss. Russland hat aber dafür ganz Osteuropa eingeheimst. Der Stahlzar ist – na, wird man sicher ahnen, wer das ist. Hier aber hat er einen glänzenden Helm auf, der sein ganzes Gesicht bedeckt. Seine priesterliche Herkunft spielt eine größere Rolle als in der Realität, die wir kennen. Er ist aber genauso ein mörderischer Schweinhund, wie im „richtigen“ Leben.
Es gibt aber auch „gute“ Sozialisten und Anarchisten, die Bastable wohlgesonnener sind und denen er Sympathie entgegenbringen kann.
Leider gibt es auch die Gefahr der Atombombe, diesmal in der Hand des Stahlzaren. Deren erneuter Einsatz (in Hiroshima wurde sie jedoch bereits abgeworfen) muss verhindert werden. Das ist das Ziel meiner Lieblingsfigur in dem Zeitnomaden-Universum: Una Persson.
Am Ende wird Bastable endlich in den Reigen der Zeitschiffer aufgenommen, allerdings gibt es daher auch keine weiteren Manuskripte mehr, wegen Geheimhaltung und so.
Ja, wieder sehr erfrischend, unterhaltsam, nachdenklich machend. Daher satte 9 / 10 Punkte.

19 – Sebastian Guhr: „Im Boxring meines Kopfes hau ich jeden um“
Jetzt habe ich doch so ziemlich alles, was es an Romanen von Sebastian Guhr gibt, gelesen. Oder? Na, denke schon. Und dieser hier, wenn auch gar keine Phantastik, war wieder richtig gut!
Interessant für mich ist die Beobachtung, dass bei „Mainstream-Romanen“ mitunter es kein richtiges Ende gibt. So viel Lese-Erfahrung habe ich auf dem Sektor gar nicht, aber genau das ist mir schon des Öfteren aufgefallen. Auch bei kürzeren Texten, Erzählungen etc. Vielleicht liegt es ja daran, dass es im „richtigen Leben“ eben auch kein Ende gibt – außer natürlich dem einen Ende.
Hier also eine vertrackte Liebesgeschichte, zwischen zwei Großstadt-Pflanzen, die irgendwie nirgends ankommen können. Ihre Sehnsüchte können sie nicht verwirklichen.
Die Spannung zieht die Story aus der Konstellation der Personen, also aus dem, wie sie zueinanderstehen, wie sie (die Protagonisten, also das potentielle, vermeintliche, verunglückte Liebespaar) zueinanderkommen oder auch nicht.
Ach, und erzähltechnisch ist das Ganze noch toll und interessant: Es gibt keine Kapitel oder andere Unterteilungen; es wird in einem Stück erzählt, aber trotzdem wechselt die Perspektive zwischen den Haupt- und Nebenfiguren. Muss man manchmal ein bisschen aufpassen, aber ist auch nicht kompliziert; kriegt man gut mit. Das fand ich dann auch sehr spannend.
Ja, und ein happy end gibt es nicht, kann es wohl nicht geben, tja…
9 / 10 Punkte

20 – Ralph C. Doege: „Yume. Träumen in Tokio“
Meine Ostersonntags-Balkon-Lektüre. Im Sonnenlicht, in der Wärme genossen. Wenn ich schon selbst nicht nach Japan fahren kann (derzeit, außerdem ist es ja auch nicht gleich um die Ecke). Japan ist so ein Sehnsuchtsort für den Autor, das spürt man nicht zuletzt beim Lesen. Allerdings hat er ein „Problem“: Er reist nicht gern. Tja, und dann gleich soweit. Das macht ihn fertig, Jetlag-Müdigkeit – alles verschwimmt zu einem Traum-Trauma. Und eine reale Reiseerfahrung verschmilzt der Autor mit einem zaghaften SF-Plot und einer Familiengeschichte.
Was ist real, fragte ich mich beim Lesen; dass er wirklich kürzlich in Japan war, weiß ich ja, aber stimmt auch was am „Familien-Plot“? Das mit dem Zwillingsbruder? Der in Japan lebt und einen Unfall erlitt?
Laut Buch ereignet sich der Unfall im Jahre 2025; das wäre dann also SF. Die Reise des Erzählers erfolgte auch nicht – hier im Buch – aus touristischen Gründen. Es geht um ein spezielles Verfahren (Yume) der Gehirn-Weckung aus dem Koma, zu der ein naher Verwandter, ein Zwillingsbruder, gut gebraucht werden kann.
Ob dieses seltsame, Traum-Experiment glückt? Und wie hilft dies dem Reisenden, der sich – nicht nur auf der Reise – über die Unzulänglichkeiten seines Lebens bewusst wird – auch ein Teil der komplexen Geschichte, von der ich hoffe, dass sie so nicht wirklich autobiografisch ist.
9 / 10 Punkte

21 – Tom Hillenbrand: „Hologrammatica“
Hörbuch, gelesen von Oliver Siebeck
Ach ja war schön – und lang. An dem Teil höre ich seit Januar… Heißt aber nicht, dass es aus Missfallen so lange bei mir gedauert hat, es ist halt eine Frage der Gelegenheiten. Leider leidet unter diesem auseinandergezerrten Hören der Zugang. Aber das Buch macht es einem auf der anderen Seite sehr leicht, denn es ist gut und spannend und superinteressant. Thematisch fällt es bei mir gerade auf fruchtbarem Boden, denn…
Kurz zum Inhalt:
Wir sind etwas in der Zukunft, nicht ganz nahe, aber auch nicht allzu fern von heute. Die Menschheit ist arg dezimiert; Schuld trägt eine – Achtung: Pandemie! Na ja, aber keine, die Menschen tötet, sondern „nur“ unfruchtbar macht.
Die Mikroelektronik hat enorme Fortschritte gemacht, äußerlich macht sich das sehr deutlich bemerkbar durch eine permanente, fast vollständige Holografie-Sphäre, die alles übertüncht: schmutzige Straßen, angeranzte Fassaden, die Kleidung der Menschen. Hat so seine Vorteile, finde ich; kann man gut mit leben, auch wenn man die Frage: „Ist das echt?“ sich echt sparen kann, zumindest im Alltag; für die Ermittlungen eines Detektivs ist sie aber oftmals entscheidend.
Die Menschheit ist auch ins All, in das Sonnensystem vorgedrungen. Spielt aber nur am Rande eine Rolle.
Unser Held ist ein Privat-Ermittler, der in unserem Falle eine verschwundene Top- Programmiererin finden soll. Dabei stößt er natürlich auf ein Riesen-Geheimnis, in dem eine „tot“ gewähnte KI, eine seltsame Lichtdom-Erscheinung möglicherweise außerirdischer Herkunft auf Knossos, mörderische Schwertkämpfer, die natürlich nicht sind, was sie scheinen und noch viele andere Verwicklungen, und natürlich etwas Liebe und Kabale eine Rolle spielen.
Für mich war halt interessant, dass hier das transhumanistische Problem einer singulären KI, das unter Transhumanisten und ihren Gegnern diskutierte Value-Loading-Problem und eine mögliche Herangehensweise einer übermächtigen KI an ein sog. existentiales Risiko eine wichtige Rolle spielen – und vor allem, wie der Autor diese Frage am Ende beantwortet.
Für mich ein echter Genuss, vielleicht ein paar zufällige Verwicklungen und plotmäßige Verrenkungen, aber doch satte 9 / 10 Punkte.

22 – James Blish: „Irgendwann“
Zur Zeit, also, „zur Zeit“, lese ich ja gern systematisch – so irgendwie alles von einem Autor. Gern abwechselnd zu einem anderen Autor. Allerdings stelle ich jetzt gerade fest, dass Zeit wohl doch sehr relativ ist; deshalb ja die Gänsefüßchen.
Wer meine Leseliste so im Auge hat, wird sicher ein paar Namen registriert haben: Christopher Priest, Mark Fisher, Michael Moorcock, und in jüngerer Vergangenheit: L. Sprague de Camp und James Blish. Tja, „jüngere“… Ich habe mal hier im Blog nahgesehen, das letzte Mal habe ich von Blish was 2013 gelesen. Hey, das ist schon wieder 7 Jahre her! Ich fasse es nicht!
Dabei habe ich ein paar Bücher noch auf Halde (genannt: der SUB) und nun mache ich mal einfach da weiter, wo ich 2013 aufgehört habe.
Beim Rekapitulieren fällt mir auf, dass ich seine damaligen Highlights sogar schon wieder gerne lesen würde, vor allem inspiriert durch eine andere Lektüre, der ich gerade fröne: Eugene Thacker: „Im Staub dieses Planeten“, in dem der Horror-Philosoph eben auch auf Blish, und zwar sein Werk „Hexenmeister“, Bezug nimmt. Ja, ich muss dann wohl wieder mal…
Aber jetzt erst mal diese Erzählungen.
Noch ein 2. Wort vorweg: Ganz früher, zur Wende, habe ich von Blish ja mal ein Enterprise-Bändchen gelesen, bzw. angefangen zu lesen. War mir damals echt zu … schlecht. Aber die Story habe ich ja schon mal erzählt. (klick)
Wenn ich jetzt diese Stories dagegenhalte: Was für ein phänomenaler, fundamentaler, sehr erstaunlicher Unterschied! Das ist vom gleichen Autor? Kaum zu glauben.
Aber leichte Lektüre ist das dann auch nicht mehr. Gleich die erste, ziemlich lange (50 Seiten) Story ist irgendwie doch ziemlich sperrig.
Nun, ich denke, das wird jetzt dann doch zu ausführlich. Mal wieder eine gute Gelegenheit, auf unser Fanzine aus Halle zu verweisen: NEUER STERN, da könnt ihr den Rest meiner Vorstellung dieses Erzählungsbandes lesen.

9 / 10 Punkte


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Leseliste März 2020 - blöde Zeit, aber gute Bücher

Geschrieben von T.H. , in Leseliste ab 2013 28 March 2020 · 468 Aufrufe
Sebastian Guhr, Mark Fisher und 1 weitere...
Der Monat war – was die Lektüre anbelangt, the rest is a nightmare – ergiebig und gut für mich. Ohne Schnörkel, hier also einfach meine Leseliste für März:

10 – Adrian Tchaikovsky: „Die Kinder der Zeit“
Nach den eher destillierten, komprimierten, aber absolut fantastischen Romanen von Sebastian Guhr, auch nach den durchaus auch konzentriert erzählten – zu heute vergleichsweise kurzen – Romanen von Michael Moorcock wollte ich doch mal wieder zum Ausgleich einen schönen, dicken SF-Schmöker konsumieren.
Okay, reicht dann auch mal wieder. Irgendwie bin ich wohl inzwischen durch meine übrige Lektüre „verdorben“: Ehe ich kurz zusammenfasse, dass der Roman gar nicht schlecht ist, muss ich als erstes einfach loswerden: Der ist zu dick, zu ausufernd, zu redundant, zu… dick.
Die Ideen sind schon großartig. Dabei holt der Autor auch recht weit aus, was bei der Dicke des Buches sicher angemessen ist.
Die Menschheit hat sich zu den Sternen aufgemacht, aber auch selbst vernichtet und ein Erbe auf der Erde hinterlassen, dass es den Überlebenden, die eine neue Zivilisation gründen, unmöglich macht, auf der Erde zu bleiben. Also werden Archen entsandt, auf einer davon finden wir uns als Leser wieder.
Parallel wird – konsequent Kapitel für Kapitel alternierend zum Archen-Plot – von einer wunderbaren, superinteressanten Evolution auf einer fremden Welt erzählt. Es wurden nämlich von der alten Erde initiierte Terraforming-Programme auf fremden Welten angestoßen. U.a. wurden modifizierte Viren ausgesetzt, die bei extra eingeführten Tieren eine beschleunigte Evolution initiieren sollen. In unserem Fall waren aber keine Affen oder andere Säuger die Empfänger des Virus, sondern Spinnen und Insekten.
Deren Evolution zu vernunftbegabten Wesen, die eine Zivilisation aufbauen, verlief dann auch ganz anders als bei uns Säugern. Da der Autor u.a. auch Biologe ist, kann man sicher davon ausgehen, dass das Geschilderte Hand und Fuß hat – bei aller großartigen, phantasievollen Beschreibung.
Irgendwie darf ich nicht zu viel verraten, damit potentiellen Lesern der Spaß nicht genommen wird; ich hör schön auf, ist gut.
Aber natürlich treffen die hochentwickelten Spinnen am Ende, die gerade dabei sind, auf ihren Seidenfäden den nahen Weltraum zu erobern, mit den Menschen der Arche zusammen, denen der Po auf Grundeis geht, weil ihr Schiff nun schon Jahrtausende unterwegs ist, langsam zerbröselt und sie wohl endlich irgendwo ankommen müssen, wenn sie nicht alle umkommen wollen.
Es gibt so viele interessante Aspekte: Z.B. die Rolle der Ameisen u.a. Insekten auf der Spinnenwelt, oder wie das mit dem Alter der Archen-Menschen ist, die immer mal „aufgetaut“ werden, um was zu machen, dann aber partiell wieder in Hyperschlaf versetzt werden, Jahrhunderte später wieder aufwachen. Man kommt da schon etwas durcheinander.
Der menschliche Plot überzeugte mich dabei nicht so wie der mit den Spinnen. Was bei der Spinnenerzählung allerdings komisch war, waren die Namen: Bianca, Viola, Fabian – sie sind so anders als wir Menschen und haben solche Namen?
Auch die Art und Weise der Wissensvermittlung bei den Spinnen ist interessant, da der Autor ja davon ausgeht, dass Spinnen keine Brutpflege betreiben, also sowas wie Schulen eher nicht erfunden werden.
Und am Ende gibt es zwar eine Endschlacht, wo ich schon dachte: Okay, jetzt machen wir hier wieder die 08/15-Krieg-der-Welten-Show, aber am Ende gibt es ein versöhnliches, utopisches Ende. Vielleicht nicht unumstritten, denn im Hintergrund schwebt die Grundfrage: Was ist entscheidend im Zusammenleben vernunftbegabter Wesen: Sozialisierung oder Vererbung?
Wenn das Ganze nicht so ausufernd, mitunter schon etwas zäh und zu ausführlich, bis fast langweilig erzählt gewesen wäre, wären es satte 10 Punkte, so aber „nur“:
7 / 10 Punkte

11 – Mark Fisher: „Gespenster meines Lebens“
Weiter auf meinem Pfad der „Ich lese alles von Mark Fisher“-Challange. Oh, nee, das klingt zu… modern. Außerdem gibt es so viel auf Deutsch auch gar nicht, als dass dies eine Herausforderung wäre.
Das Buch fasst seine Essays zur Musik zusammen, vor allem zur Musik, aber nicht nur. Nun hat er durchaus einen anderen Musikgeschmack als ich, aber das macht die Lektüre nicht schlechter. Fast im Gegenteil: Ich habe ein paar Sachen kennen gelernt, die mir vorher nicht bekannt waren – und die ich durchaus mögen könnte.
Das Stück „Ghosts“ von Japan z.B. – sicher eines der für die Essaysammlung titelgebende Inspiration: Ich kann es zurzeit täglich mehrere Male hören. Großartig. Hatte ich, obwohl ein „Kind der 80er“ damals gar nicht wahrgenommen; oder es ist nicht haften geblieben.
So eine Entdeckung befeuert natürlich auch weitere Recherchen. David Sylivan und seine Kooperationen, die durchaus später sehr schnulzig wurden, haben es mir nun auch angetan.
Schwieriger ist es mit dem, was aus Rave und Hip-Hop wurde. Das sind nicht unbedingt meine Musik-Felder – obwohl, so ganz stimmt das auch schon lange nicht mehr. Trip-Hop von U.N.K.L.E, Massive Attack und Archive gehören nun schon seit Jahren zu meinem Repertoire.
Aber Fisher meint noch was anderes. Na ja, BURIAL kannte ich vorher auch nicht, jetzt schon. Ist interessant, aber ob ich es in meinen persönlichen Kanon übernehme? Oder die Arbeiten des Labels Ghost Box – das ist dann auch Zeug, das man absolut nicht einfach mal so hört, oder hören kann. Und es ist auch das, was Hauntology am Ehesten meint.
Auf alle Fälle schreibt Fisher nur selten einfach so über Musik, seine Eindrücke, journalistisches Beiwerk dazu. Er ordnet ein, seine Sicht auf die Welt, auf die neoliberale Gesellschaft sind omnipräsent – das reicht allemal für mich, um „mit dem Textmarker zu lesen“.
Er entwickelt, na ja, skizziert zumindest (könnte für meinen Geschmack ausführlicher und begründeter erzählt werden) seine besondere Sicht auf die (Musik-) Kultur der 90er, Nuller und 10er Jahre, die mehr aus der Vergangenheit recycelt und damit Gespenster weckt und wach hält – was da passiert, nennt er, anknüpfend an andere Philosophen; Hauntology. Und so ist auch der Untertitel: „Depression, Hauntology und die verlorene Zukunft“. (So nebenbei liefert er auch die Begründung dafür, dass wir als Elterngeneration gar nicht mal mehr „abgeschreckt“ sind von der Musik unserer Kinder. Das ist ja ein Umstand, der neu ist in der Moderne. Pop und Rock waren für meine Eltern jedenfalls noch ein Unding. – Interessant wäre die Frage, wie „die Jugend“ von heute damit umgehen kann, denn sie können sich schwerer von den „Alten“ abgrenzen.)
Okay, ein Buch voller Inspirationen, Anregungen – zum Denken, Nachschlagen, Weiterrecherchieren, Einordnen. Und wieder: Schade, dass es ihn nicht mehr gibt!
9 / 10 Punkte

12 – Sebastian Guhr: „Philpots Reise“
Jetzt also doch gelesen! Das war ja dann so ein toller Zufall – der ja nicht wirklich ein Zufall war, wenn man anerkennt, dass das SF- und Phantastik-Fandom einfach mal nicht so riesig ist, und ich das Buch unter den Angeboten eines Mitgliedes dieses Forums hier in einer Buchverkaufsplattform im Netz fand. Dabei gilt: Das Buch ist schwer zu bekommen.
Ich hatte schon gedacht, dass der gelernte Philosoph Sebastian Guhr diese Swift-Gulliver-Hommage „philosophischer“ ausnutzt. Ich hatte das sogar befürchtet: Würde ich da überhaupt alle Anspielungen verstehen? Wäre das Ganze am Ende zu akademisch? Aber nein, diese Befürchtung hat sich nicht bestätigt, das Buch ist eher eine locker erzählte Geschichte, die ihre Komik aus den Situationen bezieht, die nun mal entstehen, wenn so ein Winzling in die Welt seiner einst angebeteten Riesen gerät, die sich als gar nicht so überlegen und göttlich erweisen.
Mehr dazu dann im NEUEN STERN, wie so oft 😊
7 / 10 Punkte

13 – Mark Fischer: „Das Seltsame und das Gespenstische“
Spätestens jetzt hätte mich der Autor voll auf seiner Seite. Hier widmet sich Mark Fisher vor allem phantastischen Werken (Literatur, Film) und seine Auswahl – so ein Zufall – trifft bei mir voll ins Schwarze! Bei dem Thema fängt er natürlich bei Lovecraft an. Der Essayband ist diesmal offensichtlich als solcher konzipiert gewesen; sonst werden ja eher thematisch passende Artikel von ihm zusammengestellt. Hier scheinen sie originär für den Band geschrieben worden zu sein, oder wurden von ihm zumindest noch mal angepasst. Er beginnt daher mit einer Einführung, in der er auf die Begrifflichkeiten eingeht, also auf das Seltsame und das Gespenstische. Nun ja, muss man vielleicht nicht unbedingt haben, schon gar nicht so eine dezidierte Unterscheidung dieser Begriffe und deren Wiederspiegelung in den Werken. Dazu überschneiden sie sich inhaltlich zu sehr, finde ich. Allerdings hat er mich mit seinen Worten, was denn nun „gespenstisch“ ist, bzw. was eine Situation zu einer gespenstischen macht, für sich gewonnen. Auf den Punkt gebracht (nee, verrate ich hier nicht).
Aber die Auswahl! Ich war schon etwas sehr erstaunt, wie weit ich mit meinen Vorlieben auf dem Gebiet der Phantastik mich bei ihm wiederfinden kann.
Da nennt er z.B. H.G. Wells – eine Erzählung – und zwar eine, die ich schon vor 30 Jahren las und die ich seitdem zu einer meiner Lieblingsstories überhaupt zähle; und genau die wählt er aus: „Die Tür in der Mauer“!
Dann: China Miéville! Christopher Priest! Tim Powers! P.K. Dick sowieso. Daphne du Mauriers „Vögel“ und „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (letzteres insbesondere). Aber auch Sachen, die ich nicht so im Fokus hatte, die mir aber Inspiration sein sollen: M.R. James (zu meiner Schande muss ich dies gestehen), die Quatermass-Filme, D.M. Thomas‘ „Das weiße Hotel“. Andere haben mich weniger abgeholt: David Lynch, The Fall (einer der wenigen Musik-Aspekte in dem Buch, der andere beschäftigt sich mit Brian Eno – das hatte mich dann wieder mehr interessiert), Fassbinder („Welt am Draht“), Alan Garner (doch, interessant, aber wird mich nicht animieren, ihn zu lesen), M. Atwood (ja, okay, hat mich angestachelt, nun doch die Serie „Report einer Magd“ zu sehen – und die ist sooo gut, bedrückend…). Tolles, kurzweiliges Buch, wieder voller Inspirationen.
Also: 11 / 10 Punkte!

14 - Max Franz Johann Schnetker: „Transhumanistische Mythologie“
Ein Buch, das ich las, weil mich a) das Thema sowieso interessiert und b) weil mich Titel und Untertitel provozierten. Der Untertitel lautet: „Rechte Utopien einer technologischen Erlösung durch künstliche Intelligenz“. – Echt? Transhumanismus ist „rechts“? Ich fühlte mich ertappt, denn ich liebäugle mit deren Ideen.
Im Buch wird durchaus plausibel und nachvollziehbar (mit Abstrichen) nachgewiesen, dass es im TH durchaus diese Tendenz gibt. Vor allem ist es eine Kollektivistische Ausformung des TH, die unter diesen Verdacht fällt, die aber auch im „Mutterland“ des TH eine große Rolle spielt, im Silicon Valley, bei den Machern der Zukunft. Insofern ist diese Tendenz nicht zu unterschätzen. Es sind dann durchaus den Menschen als Individuum und Person negierende Tendenzen, richtig ekelhaft sozialdarwinistische Gedanken etc., die auch für mich nachvollziehbar diese Idee in die rechte Ecke stellt. Der Autor hat aber nach meinem Eindruck schon ein Problem mit dem Gedanken, dass Interessen der Menschheit, also des Kollektivs, über die des Individuums gestellt werden. Angesichts globaler und alle Menschen bedrohender Gefahren scheint es aus meiner Sicht aber diskussionswürdig zu sein, über Problemlösungen nachzudenken, die eben nur durch und im Kollektiv möglich sind. Und da bietet der TH ziemlich verrückte, utopische, futuristische Lösungen an – die aber, durchaus Hand und Fuß haben; finde ich…
Okay, dem Buch widme ich mich mal wieder im NEUEN STERN und auch in der APA FAN. Meinen APA-Beitrag kann man auch gern als PDF kostenlos und frei Haus elektronisch von mir bekommen, falls Interesse besteht – das lädt dann natürlich auch zur Diskussion ein!
7 / 10 Punkte

15 – Christopher Priest: „Die Stadt“
Dieser Roman von Mr. Priest erschien kürzlich auf Deutsch zum X-ten Male. Komischer Weise unter einem „neuen“ Titel; so, dass ich erst mal dachte: Hey, endlich mal was Neues vom Meister! Aber Pustekuchen. „Die Stadt“ ist gleich „Der steile Horizont“ ist gleich „Inversion“. Der „neueste“ Titel kommt dem Originaltitel „Inverted World“ am nächsten, aber auch die anderen passen inhaltlich.
Eigentlich scheint das ein „normaler“ Roman zu sein, völlig untypisch für Chris Priest? Wir sind da auch einer fremden Welt, irdische Kolonisten steuern ein Riesengefährt, genannt die Stadt „Erde“, auf Schienen, die ständig verlegt werden müssen, durch einen ihnen fremde Landschaft. Irgendwie haben sie vergessen, wieso sie das machen, und die Gesellschaft ist in eine so quasi postfeudalistische Stände-Republik zurückgefallen. Gilden bestimmen, wer was machen und wer was wissen darf.
Verrückt wird es aber dann doch noch. Wenn der Protagonist in die Richtung reist, aus der die Stadt kommt, verschiebt sich zumindest in seiner Wahrnehmung die Landschaft ins Bizarre. Hier wären mathematische Kenntnisse hilfreich; ich musste mein Vorstellungsvermögen ziemlich strapazieren. Grundsätzlich habe ich es schon verstanden, aber so richtig schlüssig und überzeugend fand ich diese „Verwerfungen“ nicht.
Am Ende sind sie es auch nicht, wie sich herausstellt. Der Roman zielt dann auch nur noch auf die Auflösung des Rätsels um die Kolonisten, ihre Stadt und ihre Mission, und um die Plausibilität der Physik und Mathematik, die hier verwendet werden. Fand ich als Inhalt fast schon etwas dürftig; andere Romane des Meisters sind für meine Begriffe geheimnisvoller, psychologisch interessanter. Vielleicht auch deswegen, weil sie weniger erklären als er es hier tut. Erzählen kann der Autor aber, das beweist er hier auch, es gibt hinreichend interessante menschliche Konflikte, zwei verunglückte Liebesgeschichten und einen bizarr-interessanten Weltenentwurf.
8 / 10 Punkte


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Der Februar in der Leseliste: da lacht das Alien (und tanzt natürlich)

Geschrieben von T.H. , in Leseliste ab 2013 28 February 2020 · 913 Aufrufe
Mark Fisher, Ellen Norten
Im Februar scheinbar nicht viel gelesen, aber die Wahrheit ist, ich lese gerade noch an drei Büchern, von denen zwei kurz vor dem Abschluss stehen. Und ich lese gerade viel "Drumherum" - weil mich ein neuer Themenkomplex gerade dolle fasziniert. Das fing an mit einem Artikel, den mir ein Freund empfahl und der eine philosophische Denkrichtung, die ich zuvor nur am Rande wahrnahm, unter dem Aspekt beleuchtet, inwieweit diese Denke Fuß in rechter Ideologie gefasst hat. Es geht um den Akzelerationismus (siehe unten). Interessant ist sie, weil sie u. a. auch direkt an Science Fiction anknüpft. Was nun dran ist, was draus wurde und wie sie heute dasteht, ist ein weites Feld.
Neben akzelerationistischen Texten und Artikeln waren es dann weitere Referenzen, die mich an den leider schon verstorbenen Mark Fisher "verwiesen". Und das war dann schon eine ganz wunderbare Erfahrung für mich! Ist so schade, dass ich auf ihn so spät aufmerksam wurde und noch sehr viel mehr schade, dass es ihn nicht mehr gibt...

Aber erst mal was erfreuliches. Sehr aufmunternde und empfehlenswerte Lektüre:

Eingefügtes Bild

Ellen Norten (Hrsg.): „Das Alien tanzt Polka“
Jetzt war ich doch mal neugierig. Ich weiß ja, dass Ellen bei einigen Plattformen mitmischt, auf denen Geschichten erzählt werden. Dabei nicht nur Phantastik und SF.
Das hier ist aber eine astreine SF-Anthologie, Teil einer Serie, die fortgesetzt wird – wie lange eigentlich? Ich glaube, derzeit ist man im Hause p.machnery beim 3. Band.
Lohnt sich das denn nun, so eine SF-Anthologie? Ich denke, nur dann, wenn sie ein „Alleinstellungsmerkmal“ aufweist. Hier ist es der Humor! Das ist echt wohltuend bei der doch überwiegend miesepetrigen Zukunftsschau, die uns so oft zwischen den Buchdeckeln erwartet; Dystopie rules, immer noch.
Mit dem Humor ist es aber auch so eine Sache; um es zusammen zu fassen: Mir haben nicht alle Geschichten wirklich gefallen. Mitunter war es halt so ein Schenkelklopferhumor, oder wenn man SF-mäßig Alltagssituationen von heute in eine fremde, Alien-Welt projiziert oder in die Zukunft. Ja, das ist auch durchaus komisch, holt mich aber nicht immer ab.
Eine andere Gruppe der Stories, die ich für mich beim Lesen ausgemacht habe, ist die, die irgendwie an bekannte Film-Geschichten erinnern.
Und es gibt dann noch die, die – für meine Begriffe – eine gute Idee umsetzen und daraus Witz und Humor ziehen, und / oder mit Witz davon erzählen.
Ein Autor hat mich dabei richtig überrascht – ich denke mal, von ihm wurden sogar zwei Erzählungen untergebracht, eine halt unter Pseudonym geschrieben? Hubert Katzmarz. Er hat da eine tolle Zeitreisestory hinterlassen. Ja, klar, auch die verweist auf längst Erzähltes, aber sehr kurzweilig und konsequent.
Also, wer ist dieser Herr Eberhard Entensterz? Der Mann kann doch unmöglich so heißen, oder? Sein Beitrag war auch ein Fest für mich. Das Ganze war so eine Art Raumfahrtstory-LARP-Fantasy-Verarsche. Eigentlich ohne tieferen Sinn. Okay, erinnert dann auch an bestimmte Filmvorlagen, hat mir aber sehr gefallen.
Es wären noch viele andere zu nennen, aber das wird dann langweilig. Ich darf das Buch auf jeden Fall empfehlen. Habe hinreichend oft gelacht, geschmunzelt und wirklich nur so ca. 2 Stories überblättert. Reiche Ernte, finde ich.
8 / 10 Punkte

Armen Avanessian (Hrsg.): #Akzeleration
Gar keine SF. Oder doch? Auf jeden Fall bin ich über einen Artikel, der SF mit dieser – tja, was ist das eigentlich? – gesellschaftswissenschaftlichen, sozial-philosophischen Denkweise, Weltanschauung verbindet. SF als Quelle für ein Weltbild, das auf Beschleunigung beruht, diese befördert und fordert.
In dem besagten Artikel konzentriert sich der Autor auf einen Protagonisten dieser Lehre: Nick Land. Der Mann erscheint mir durchaus interessant, verrückt genug, was er in den 90ern angestellt hat. Allerdings findet der Artikel-Autor – und ich auch – dass Land inzwischen den progressiven Pfad verlassen hat.
Auf jeden Fall war meine Neugier geweckt und ich wollte mich einfach mal mit Akzeleration – im gesellschaftswissenschaftlichen Sinne – befassen. Leider bot mir der kleine Band nicht wirklich tiefen Einblick. Das Grundprinzip habe ich erfasst, denke ich. Es ist ein Appell an die (intellektuelle) Linke, sich dem Fortschrift, vor allem in Wiss. u. Fortschritt, nicht zu verschließen, sich nicht in lokale und irgendwelche Retro-Strategien zu verlieren. Aber das „Wie“ ist hier für meine Begriffe nach wie vor unklar… Aber das nur am Rande.
7 / 10 Punkte

Mark Fisher: „Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?“
DAS ist nun aber wirklich ein Autor, den ich bei meiner Recherche zum Thema Akzelerationismus für mich entdeckt habe, worüber ich sehr, sehr froh bin! Leider, wie ich dann schnell feststellen musste, lebt er nicht mehr. Er ist in etwa der gleiche Jahrgang wie ich, aber schon tot – durch Selbstmord, wegen Depression.
Das Tema Depression spielt auch in diesem kleinen Buch – einer „Flugschrift“ – eine gewissen Rolle. Er findet für dieses psychologische Phänomen gesellschaftlich Ursachen.
Seine Bücher öffnen mir neue Welten – der Welt-Betrachtung. Ich bin absolut beeindruckt. So wie er dann auch Filme, Musik etc. rezensiert, möchte ich es auch können! Er erkennt gesellschaftliche und ökonomische Entwicklungen in Werken der Popkultur, zeigt auf, was da wie zusammenhängt und zusammengehört. Für mich ziemlich überzeugend, überraschend, faszinierend. Na ja, und großartig formulieren kann er auch noch.
Mark Fisher – sollte es eigentlich schon lange sein, ist es aber erst jetzt für mich – eine faszinierende Inspirationsquelle.
12 / 10 Punkte


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Erste Bücher in 2020 gelesen

Geschrieben von T.H. , in Leseliste ab 2013 31 January 2020 · 588 Aufrufe
Michael Moorcock, Moorcock und 1 weitere...
Erste Bücher in 2020 gelesen 2020
Das Lesejahr beginnt abwechslungsreich - also, wenn man unter Abwechslung versteht, dass 2 Autoren sich gegenseitig abwechseln. Ich mache weiter mit meiner Moorcock-Komplett-Lesung (ja, das ist jetzt zu hoch gestochen, niemals schaffe ich da alles von ihm...) und einer absolut faszinierenden Neuentdeckung für mich: Sebastian Guhr! Hier im Forum tauchte der Name bereits auf (und eigentlich hätte ich ihn längt "kennen" müssen - siehe hier), aber jetzt erst weiß ich, was ich bisher verpasst habe.

1 – Michael Moorcock: „Die goldene Barke“
Laut eigenem Vorwort ist das der erste vollendete Roman des Autors, geschrieben 1958. Erschienen ist er aber erst Mitte der 70er. Warum der so lange in der Schublade lag, weiß ich nicht, kann ich nach der Lektüre auch nicht sagen. Denn der ist nicht schlecht. Vielleicht noch etwas ungelenk? Aber nicht ungelenker als z.B. „Der schwarze Korridor“.
Interessant, dass es in der Ende der 60er erschienen Storysammlung „Die Zeitbewohner“ (siehe meine Leseliste vom Vorjahr) eine gleichnamige Geschichte gab. Dies scheint ja der Meister des Öfteren gemacht zu haben: Stoffe mehrmals, sogar unter gleichem Titel, veröffentlicht.
Bleibt der Hintergrund in der Kurzgeschichte noch weitestgehend unbestimmt, hat sich der Autor im Roman schon mehr ausgelassen, aber so richtig kann man weder Zeit noch Raum bestimmen.
Ein paar Namen erinnern an spätere Ortsnamen, z.B. gibt es einen Stadt namens Melibone.
In beiden, Story und Roman, begibt sich der Protagonist auf eine Bootsreise. Er sah eine goldene Barke vorbeifahren und meint ihr folgen zu müssen. Grund, Motivation bleiben völlig im Unklaren, werden aber besonders im Roman stark thematisiert: Dem „Helden“ ist selbst unklar, was ihn antreibt, aber der Trieb ist enorm. Er geht dabei auch über Leichen, wenn es sein muss. Die goldene Barke ist sicherlich so etwas wie die blaue Blume der Romantiker.
Also, man kann da sicher viel aus Moorcocks späteren Werken, gerade um den Ewigen Helden, heraus lesen. Am meisten wird der Protagonist hier noch mit dem späteren Cornelius zu tun haben. (Das muss ich aber erst noch mal selbst „herausbekommen“; mal sehen, ob ich diesmal länger durchhalte, denn die Cornelius-Sachen habe ich schon mehrmals begonnen und abgebrochen).
Schön ist, dass im Roman eine Karte vorhanden ist, an der man die Reise des Jephraim Tallow verfolgen kann. Alle relevanten Orte sind eingezeichnet.
Eine wichtige Station ist seine Begegnung mit der Superfrau Miranda. Das ist ja auch Hauptthema der Short Story gleichen Titels. Im Roman ist seine Beziehung zu ihr aber weit weniger devot. Seine Emanzipation von ihr gelingt ihm viel einfacher und am Ende auch sehr viel „konsequenter“ (tödlich), als in der Story. Dabei ist sie so eine tolle Frau, gutmütig, wohlwollend, unterhaltsam, sexy, gutaussehend. Eine wahre Traumfrau. Und Tallow ist bei weitem kein Traummann. Er ist wohl eher hässlich, kleinwüchsig und seelisch arm – unterkühlt, empathisch, in sich gekehrt. – Nun ja, irgendwie erinnerte er mich auch so ein wenig David Bowie in „Der Mann, der vom Himmel fiel“ – gleiche Zeit, gleicher Zeitgeist…
Ihre Liebe zu ihm engt ihn aber ein – das ist ja auch das Thema der kurzen Geschichte. Im Roman erweitert Moorcock die Aussage, Tallow fühlt sich von Wohlmeinenden und Wohltätern, als auch von der anhänglichen Miranda in seiner Freiheit eingeschränkt.
Der Roman ist wie ein klassischer Fantasyroman aufgebaut: Eine Quest, mit verschiedenen Stationen, auch mal wechselnden Begleitern (weniger) und Abenteuern. Da gibt es den seltsamen, verfolgen und angebeteten Prediger Ophum Mesmers, ein gefundenes Baby, das Tallow aber schnell wieder loswerden will, halbverhungerte Bewohner verbrannter Dörfer, Revolutionäre, denen er sich zwangsweise anschließt. Er wird inhaftiert, leider auch mal gefoltert. Und immer glaubt man ihm nicht. Die goldene Barke scheint nur er zu sehen. Nur ganz zum Schluss gelangt er auf eine Insel, auf der auch andere Sucher nach der goldenen Barke gestrandet sind. Auch sie begegnen ihm feindlich. Denn sie scheinen neidisch zu sein, dass er seinen Enthusiasmus bewahrt, seine Suche noch nicht aufgegeben hat, wie sie.
Interessant sind dann noch die Hüter – offensichtlich menschliche Wesen einer anderen Dimension, später würde Moorcock sie in seinem Multiversum einsortieren.
Mit diesem kleinen Roman hat Moorcock mir mal wieder sehr eindrucksvoll bewiesen, dass er mehr ist als „nur“ der Schwert&Zauberei-Onkel (der er ja nicht wirklich jemals nur war)!
Das Jahr beginnt sehr gut mir satten 9 / 10 Punkten.

2 – Sebastian Guhr: „Die langen Arme“
Großartige Ode an die Andersartigkeit, zeigt aber auch, wie problematisch so ein anderes Leben ist – in der absterbenden DDR, aber auch in der „neuen“ Gesellschaft. Ein traurig-schönes Buch, sehr kurzweilig und humoristisch, trotz der Dramatik. Ausführlich dazu, auch wenn es gar keine SF ist, nicht mal wirklich Phantastik, im NEUEN STERN.
10 / 10 Punkte

3 – Michael Moorcock: „Eiszeit 4000“
Ich glaube, Moorcocks Jahr 1969 ist „mein Moorcock-Jahr“! Da erscheinen drei Romane, die ich inzwischen als faszinierend und großartig empfinde: "I.N.R.I oder Die Reise mit der Zeitmaschine", "Der schwarze Korridor" und der hier kurz zu besprechende. Auf Deutsch erschienen sie natürlich etwas später. Ach, und die Storysammlung „Die Zeitbewohner“ erschien da auch im Original. Wow! Geht noch mehr? Na ja, auf dem Fantasysektor ist es „nur“ das 4. Runenstab-Buch. Ich denke mal, da durfte der Meister sich mal den ihm wirklich am Herzen liegenden Stoffen zuwenden. Es wird ja oft kolportiert, dass er zum Broterwerb Elric & Konsorten erfand und schrieb, um die New Wave SF fördern zu können.
„Eiszeit 4000“ ist allerdings kein New Wave Stoff. Eher ein handwerklich einwandfreier, vielleicht etwas geradliniger und damit schmalspuriger Abenteuer-Garn. Aber es liest sich ausgenommen flüssig, flüssiger als „Der schwarze Korridor“.
Also die ferne Zukunft der Erde. Es gab den großen Knall und danach eine neue Eiszeit, die wohl mehr oder weniger die ganze Erde heimsuchte, d.h., fast alles ist mit dickem Eis überzogen. Die menschliche Zivilisation konnte sich erhalten, fiel aber in so eine Art Postdoomsday-Mittelalter zurück. Die Beschreibung der gesellschaftlichen Strukturen, des vorindustriellen Niveaus des Handwerks, der Kleidung, des Weltbildes der Menschen erinnert an das europäische Spätmittelalter / Beginn der Neuzeit.
Der „Broterwerb“ der Menschen wird vor allem durch Walfang realisiert. Wale sind nunmehr Land- bzw. Eisflächenbewohner. Dass sie sich so schnell dahin entwickeln konnten, wie andere Tiere auch, wird irgendwann mal kurz im Nebensatz begründet. Immerhin: Moorcock hat das nicht vergessen und suggeriert uns nicht, dass jetzt mal auf die Schnelle natürliche Evolution dafür verantwortlich sei.
„Große“ Familien bestimmen das Geschehen der 8 Städte in der Region. Die Städte selbst sind sich untereinander nicht wirklich grün und konkurrieren vor allem um die Jagdgründe. Der Walfänger an sich ist der Mann der Stunde.
Aber es gibt Gerüchte, dass es im Süden wärmer wird und die Wale wandern.
Die Geschichte steigt in einen Moment ein, wo ein hochangesehener Kapitän der Flotte der einen Stadt einen hohen Potentaten einer verfeindeten Stadt Friesgalt sterbend auf dem Eis findet und ihm das Leben rettet. Der Mann lebt immerhin so lange, bis er ihm, seinem Retter, ein Erbe vermacht: Das beste Schiff aus seinem Haus und die Aufgabe, New York zu finden.
Ah, New York! – Ist nur noch eine Legende, der Hort, wo die Mutter des Eises thront. Die Religion, der Glaube an das einst alles auslöschende Eis, beherrscht das Denken der Leute.
Konrad Arflane nimmt das Erbe an, verliebt sich in die Frau eines Angehörigen des gerade Verstorbenen, was aber nicht der einzige Konflikt-Anlass sein wird. Er sucht sich eine Walfänger-Mannschaft zusammen, u.a. ein ganz besonders großartiges Exemplar dieser Gilde.
Arflane wird – so habe ich das zumindest gelesen – nicht unbedingt als Sympath vorgestellt. Er ist reaktionär, haarscharf am religiösen Fanatismus vorbei glaubend (härter drauf ist nur sein Super-Walfänger-Kollege). Mit der leicht dekadenten, aber weltoffenen Haltung des friesgaltischen Adels, die wissenschaftliche Erkenntnisse vom langsamen Erwärmen nicht einfach vom Tisch wedeln und dadurch Zweifel an der Lehre der Mutter des Eises zum Ausdruck bringen, kann er nichts anfangen. Er ist dann auch mal unleidlich, als Kapitän fast unzumutbar zu seinen Untergebenen. Der Autor macht es dem Leser nicht leicht, mit seinem Helden warm zu werden.
Die Fahrt nach New York ist dann eine 08/15-Abenteuer-Reise, mit Konflikten zwischen den Besatzungsmitgliedern des ICE SHOONER, Angriffen von Barbaren, widrigen Wetterwendungen, Spalten im Eis und am Ende mit einer SF-lastigen Auflösung, die aber noch sehr an die Frühzeit der SF erinnert, auch wie sie der Autor abhandelt: Man findet da jemanden, der einem alles fein erklärt.
9 / 10 Punkte

4 – Sebastian Guhr: „Die Selbstlosen“
Ein Frühwerk des Autors, sozusagen. Ein kurzer Roman voller Ideen und mit vielen Genre-Andockungsversuchen. Das ist ein bisschen aus SF, Krimi, Mystery, viel Familiendrama und Psycho-Zeug. Für mich war es zu gedrängt und zu wenig ausgeführt, manches mutete mir an, als hätte ich es mit einem Exposé zu tun, das erst noch ausgeschrieben werden muss.
Der Stil mundete mir diesmal auch nicht, zu viel Schachtelsatz.
Die Ausgangsidee: In naher Zukunft gibt es keine Tierhaltung mehr, dafür einen Menschenzoo, in dem sich Menschen in Tierkostümen gegen Eintrittsgeld anschauen lassen. Aber das ist wirklich nur ein kleiner Aspekt, ansonsten geht es um eine fast mafiöse Familiengeschichte, Mord und Totschlag; und der Teufel mischt auch mit.
6 / 10 Punkte

5 – Michael Moorcock: „Rituale der Unendlichkeit“
Ein SF-Roman aus dem Jahre 1967 (also 2 Jahre vor „seinem“ großen Jahr, siehe weiter oben). Ich würde ihn als „klassischen“ SF-Roman bezeichnen, also eher keine New Wave. Obwohl, es gibt da so ein paar surrealistische Anstriche, die an Verrücktheiten seiner Jerry Cornelius und Endzeit-Romane erinnern (sind die allergings New Wave?).
Diesmal hat mich der gute Mr. Moorcock nicht 100%ig überzeugt. Die Personage ist recht überschaubar, und das bei so einem weltenüberspannenden Thema! Das ist schon mal was, was ich für unglaubwürdig halte und erinnert eher an naive Superhelden-Stoffe: Eine Handvoll Guter und Böser entscheidet über Wohl und Wehe ganzer Welten – hier: Erden. Ja, Mehrzahl. Also, es gibt sie, die gute alte Mutter Erde, in vielfacher Ausführung. Dem Protagonisten, unserem guten Helden, Professor Faustaff, sind so ca. 16 bekannt. Später erfahren er und die Leser, dass es davon 1000 gab. Ein Agent der Bösen – na ja, ist er denn überhaupt böse? – verplappert sich und nennt diese Erd-Variationen aus den Parallel-Realitäten „Simulationen“.
Faustaff? Erinnert an Faust? Das mag kein Zufall sein. Der Roman erschein unter zwei verschiedenen Titeln, sowohl im Englischen, als auch im Deutschen: The Wrecks of Time / The Rituals of Infinity (Zerschellt in der Zeit / Rituale der Unendlichkeit). Der ganze Titel lautete sogar: „Zerschellt in der Zeit - Die neuen Abenteuer des Doktor Faustus“. Nun, hat er was mit DEM Faust zu tun? Würde ich jetzt so nicht wirklich behaupten. Jedenfalls schließt er keinen Pakt mit Mephisto (oder einer SF-Variante dessen) ab. Im Gegenteil, er ist tatsächlich ein Guter, er begibt sich nicht auf Glatteis, bei aller Neugier und Forscherdrang, er bleibt standhaft, auch angesichts der wahren Strippenzieher, die natürlich hinter all dem stecken.
Was all das nun ist? Kurz: Faustaff ist der Sohn eines Forschers, der auf die Spur der verschiedenen Parallel-Erden kam und ein Team von Erden-Rettern gründete, weil er – und Faustaff später auch – erfahren mussten, dass diese Erden in ihrer Existenz gefährdet sind.
Ihre Gegenspieler und offensichtliche Weltenvernichter sind das Z-Schwadron und dann auch spezielle Agenten einer fremden Macht, die Falstaff umbringen wollen. Um ihn am Weltenretten zu hindern.
Was das alles soll, und wie es endet? Verrate ich hier nicht. Ist aber tatsächlich eben keine so große Überraschung. Es endet halt sehr „klassisch“ – eher einfallslos: Man begegnet Ihnen und Sie verraten dann alles. Es geht um ein großes utopisches Experiment. Nur sind die „Götter“ auch nicht perfekt und von daher müssen fehlerhafte Ergebnisse auch mal beseitigt werden…
Lange habe ich mich gefragt, was das nun mit den titelgebenden Ritualen zu tun hat. Tatsächlich kommt der Autor noch darauf zu sprechen. Zwar nicht sehr plausibel, aber Rituale sollen helfen, eine neue Erde zu etablieren. Auch wenn das so nicht im Text gesagt wird, kommt es mir so vor, als würden dadurch sozusagen Mythen für die neuen Bewohner der jeweiligen Erde geschaffen-.
Bei der Beschreibung dieser Rituale gibt Moorcock erzählerisch Gas. Das wirkt alles wie in verrückter Alb-Traum. Auch die Schilderung dessen, was auf so einer gerade neu simulierten Erde sich vorfindet, wird bewusst un- oder über-realistisch geschildert.
Insgesamt ist es ein mäßig spannender und wenig innovativer Roman, mit ein ganz wenig Tiefgang (wenn über Sinn und Unsinn des Lebens orakelt wird, z.B. – die Frage diskutiert Faust(aff) mit einem Androiden).
7 / 10 Punkte

6 – Sebastian Guhr: „Die Verbesserung unserer Träume“
Das Sahnestück aus meiner Guhr-Lektüre. Also, neben „Die langen Arme“ eigentlich gleich oben auf, aber da „echte“ SF, ein Ticken besser für mich.
Im 26. Jh. haben irdische Siedler auf dem Planten Rheit eine Stadt gegründet. Wir sehen, wie ihre Nachkommen so 200 Jahre später ihre Zivilisation verlieren. Grund dafür sind rätselhafte Träume. Wobei es fraglich ist, ob das, was sie sich als Zivilisation aufgebaut haben, Wert ist zu erhalten. Einiges ist tatsächlich utopisch, aber am Ende ergeben sie sich einem sinnenleerten Alltag, in dem sie sich lediglich selbst optimieren wollen und sollen. Das macht sie nicht gerade fit für die ansonsten unwirtlichen Lebensbedingungen auf diesem Planeten, der so viele Geheimnisse und Mysterien birgt.
So, nun habe ich versucht, ganz kurz was zum Inhalt zu schreiben. Ich denke mal, das dürfte weitestgehend unverständlich sein. Mehr dazu schrieb ich im NEUEN STERN, aber ob das dann verständlicher wird? kann man ja ausprobieren…
Der Roman ist jedenfalls großartig.
11 / 10 Punkte


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...und Schluss mit 2019 (Lese-Liste)

Geschrieben von T.H. , in Leseliste ab 2013 29 December 2019 · 629 Aufrufe
Rolf Kauka, Rolf Krohn, Granada
Abschluss meiner Leseliste 2019.
Diesmal - zufällig - 3 x Historisches. Wobei 1 Buch ja SF ist, aber es spielt aus heutiger Sicht in der Vergangenheit.
(Damit würde es sich ja für die Lese-Challange 2020 hier im Forum (Punkt 5) qualifizieren; na ja, habe ich ja nun schon weg...)

47 – Rolf Kauka: „Roter Samstag, oder: Der Dritte Weltkrieg findet nicht statt“
Na ja, der Untertitel verspricht ja fast so etwas wie eine gute Botschaft. Sollte man die von dem Erfinder so lustiger Comicfiguren wie Fix & Foxi und dem Bussibär nicht auch erwarten? Also, ich lass mich hier nicht über dieses „Werk“ aus, dafür im NEUEN STERN ausführlich, auch zu dem nächsten Buch von ihm…
4 / 10 Punkte

48 – Rolf Kauka: „Luzifer. Roman einer Seelenwanderung“
War weitaus weniger schlecht als der andere Roman von ihm. Eine esoterisch bemäntelte Sammlung historischer Erzählungen. Mit nur (aus meiner Sicht) wenigen bedenklichen Aussagen (der Mensch hat sich aus dem Tierreich dadurch erhoben, dass er in der Lage war, seinesgleichen zu töten…). Ansonsten sind die Stories interessant, spannend, regen zum Weiterlesen (recherchieren) an. Auch die Erzählweise und Stilistik ist wesentlich besser als beim „Roten Samstag“.
8 / 10 Punkte

49 – Rolf Krohn: „Der Stern von Granada“
Zum Schluss noch ein richtiger Hit! Sehr empfehlenswert! Für Phantasten – ein bisschen – und für Geschichts-Fans – ziemlich viel. Rolf Krohn war ja schon immer ein Wanderer zwischen den Welten, und historische Stoffe sozusagen sein erstes Standbein. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, hat er bisher auch keinen SF-Roman (1), aber dafür halt Historische Romane geschrieben. Allerdings gönnt der Autor sich in seinen historischen Erzählungen und Romanen gern auch eine Portion Spekulation, d.h., er denkt laut – schreibend – darüber nach, wie es hätte sein und kommen können, oder wie es hätte gewesen sein können. Dabei sind seine Hintergründe hervorragend recherchiert, so dass der „reine“ Historienfreund voll auf seine Kosten kommt.
So auch hier: Wir werden ins maurische Spanien des 14. Jh. entführt. Der muslimische Herrschaftsbereich (Andalusien) sieht sich dem Vordringen der christlichen Reconquista (vornehmlich Kastilien) ausgesetzt.
Das fällt beim Lesen als Erstes auf: Der Autor hat ganz genau recherchiert und darüber nachgedacht, wie das damals funktioniert hat – also sozusagen alles. Alltägliche Dinge in Seefahrt, am Hofe des Sultans, im Denken der Menschen etc. werden sehr genau beschrieben. Es scheint dem Autor augenscheinlich großen Spaß gemacht zu haben, diese Welt vor seinem und des Lesers geistigem Auge wieder auferstehen zu lassen.
Und bei aller Präzession und Genauigkeit der historischen Schilderung spekuliert der Autor: Was wäre, wenn da nur eine Kleinigkeit anders gelaufen wäre? Wäre es denkbar, dass die muslimische Hochkultur sich hätte behaupten können gegen die Ungläubigen und Barbaren, die die Christen ja in den Augen der Muslimischen Hochschicht waren? Was hätte passieren müssen? Nun, Rolf Krohn dreht nur an scheinbar kleinen Drehschaltern. Da kommen bei einem Attentat, das es wirklich gegeben hat, nicht nur der Sultan von Granada um, sondern auch die Söhne, die ihm – in unserer Realität – auf den Thron folgten. Dafür kommt ein fernerer Verwandter auf diesen „Posten“.
Und der ist eben nicht der schwache, wenn auch kulturell und künstlerisch Interessierte (wie in der Realität), sondern der weiterdenkende, weise Herrscher. Er kann sich eines kriegerischen Angriffs der Christen erwehren und mit juristischen Reformen das Reich stabilisieren. Und er fördert die Seefahrt – was hier nur am Rande angedeutet wird, hat Riesen-Auswüchse, die der Autor in einem kleinen Ausblick darstellt; Stichwort „Amerika“ (das dann natürlich nicht so heißt).
Ach ja, der „Stern von Granada“: Ein Meteorit, der die Erde streift und von den Protagonisten als himmlisches Zeichen gewertet wird. Sie handeln nach der Sichtung anders als sie es zuvor wollten. Das reicht dann schon (fast). Das Potential, wenn ich den Autor richtig verstehe, war sozusagen vorhanden.
Interessant auch, dass durch dieses „himmlische Zeichen“ die Inquisition in Kastilien früher eingeführt wurde. Die hat dann auch schön dafür gesorgt, dass das Land geschwächt wurde – durch die Angst und den Terror, den sie verbreitete und durch Flucht der Leute aus dem Land, die dann sogar lieber in den muslimischen Teil Spaniens wechselten, also sich diesen Teufeln auszusetzen.
Wie liest sich das Buch? Nun, der Autor passt sich etwas einer altertümlichen Erzählweise an. Ich brauchte etwas, um mich daran zu gewöhnen. Seine Sprache ist oftmals metaphorisch, bildgewaltig und bildhaft, zum Teil einfach wunderschön. Wenn man sich eingelesen hat, macht es großen Spaß. Vielleicht hätte die Erzählung mehr gerafft werden können, wie schon angedeutet: Der Autor hat sichtlich Freude am Schwelgen in der Historie.
Also, für mich ein sehr guter Abschluss des Lesejahres.
9 / 10 Punkte

Infos zum Buch von Rolf Krohn bei TES: https://tes-erfurt.jimdofree.com/

(1) Rolf Krohn hat meinen Blog-Eintrag entdeckt, was mich natürlich auch freute. Und er wies darauf hin, dass er sehr wohl schon einen SF-Roman veröffentlichte. Habe ich glatt unterschlagen, obwohl ich den Roman sogar einst las: "Das dunkle Bild der Liebe". Ich kann mich aber rausreden: Zum einen ist es ein Weilchen her und in meiner Erinnerung war es in erster Linie ein Krimi, in dem dann auch noch sehr stark das Thema Stasi / DDR-Vergangenheit eine Rolle spielt. Vor dem Hintergrund der Biografie des Autors fand ich damals, und heute auch noch, sehr staunenswert, dass er einen Menschen mit Stasi-Vergangenheit nicht einfach pauschal abkanzelt und verurteilt. - Aber ja, es war eine SF-Roman.


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Mein Lese-Jahr 2019

Geschrieben von T.H. , in Statistik, Leseliste ab 2013 28 December 2019 · 581 Aufrufe
2019
So eine Rückschau ist was Feines. Letztens meinte ich noch so: Dies Jahr war ja irgendwie gar kein Rausreißer bei „meinen“ Büchern dabei. Tja, dann habe ich mal in die von mir selbst erstellte Leseliste geschaut und war echt überrascht: Ach ja, das habe ich dies Jahr auch gelesen. Klar, das war großartig!
Also, es gab da schon so ein paar echte Glanzlichter für mich! Hier ist die Liste.
Und ich konnte noch einmal Revue passieren lassen, welche Themen mich so faszinierten. Da gab es ja auch einiges:
Einmal meine „Lanze für Christopfer Priest“, die ich für ihn vor allem im NEUEN STERN brach – was mich nun daran erinnert, dass hier noch ein paar Bücher von ihm darauf warten, von mir gelesen zu werden.
Oder meine Bulgakow-Lesereihe; dann das, was ich für unser E.A.Poe-Spezial-Heft gelesen habe; oder das, was ich als Anregung aus der Musik vom Claypool Lennon Delirium entnahm, vornehmlich zu Jack Parsons.
Auch ein Schwerpunkt für mich war das Werk und Leben von Arnolt Bronnen. Dazu sollte es ja ein Spezialheft geben, also, nicht nur zu ihm, aber das hat Zeit…
Und zu guter Letzt, auch noch nicht „abgeschlossen“, meine Obsession für Michael Moorcock.
Okay, jetzt aber die Liste:

Überragende 11 von 10 Punkte
Christopher Priest: „Der weiße Raum“
Christopher Priest: „Der Traumarchipel“

Großartige 10 von 10 Punkte
Adam Hülseweh: „KLUNGA und die Ghule / Köln“
Arnolt Bronnen: „Arnolt Bronnen gibt zu Protokoll“
Christopher Priest: „Das Kabinett des Magiers“
Michael Moorcock: „Der schwarze Korridor“
Michael Moorcock: „Der Zeitbewohner“
Michael Moorcock: „Die ewige Schlacht“
Michael Moorcock: „Tochter der Traumdiebe“

Sehr Gutes mit 9 von 10 Punkten
Albert Sánchez Piñol: „Im Rausch der Stille“
Albert Sánchez Piñol: „Pandora im Kongo“
Christoph Hein: „Gegenlauschangriff“
Christopher Priest: „Der schöne Schein“
Christopher Priest: „Die stille Frau“
Erik R. Andara: „Im Garten Numen“
Joel Rose: „Kein Rabe so schwarz“
John Carter: „Raumfahrt, Sex und Rituale“
Max Czollek: „Desintegriert Euch!“
Michael Bulgakow: „Arztgeschichten“
Michael Moorcock & Rodney Matthews: "Elric am Ende der Zeit"
Michael Moorcock: „Das ewige Schwert“
Michael Moorcock: „Der Phönix im Obsidian“
Michael Moorcock: „Die See des Schicksals“
Michael Moorcock: „Elric von Melniboné“
Philip K. Dick: „Ubik“
Rolf Krohn: „Der Stern von Granada“

Faszinierend, gut zu lesen etc., 8 von 10 Punkte
Kersten Knipp: „Die Kommune der Faschisten“
Alan Dean Foster: „Die denkenden Wälder“
Angela & Karlheinz Steinmüller: „Traummeister“
Arnolt Bronnen: „Aisopos“
Jack Williamson: „Geschöpfe der Nacht“
Jonathan Littell: „Die Wohlgesinnten“
Martin Amis: „Im Vulkan“ Essays, hg. v. Daniel Kehlmann
Michael Bulgakow: „Hundeherz“
Rolf Kauka: „Luzifer. Roman einer Seelenwanderung“
W. H. Pugmire: „Der dunkle Fremde“

Nicht mehr ganz so überragende 7 von 10 Punkte
Rudy Rucker: „Hohlwelt“
China Miéville: „Die letzten Tage von Neu-Paris“
Dan Abnett: „Doctor Who – und stumme Sterne ziehn vorüber“
Ingo Scharnewski bei TES
Michael Bulgakow: „Die verfluchten Eier“
Michael Moorcock: „Das Bordell in der Rosengasse“
Sybille Berg: GRM“

Was mir dann nicht mehr dolle gefiel…
Helmut Krausser: „Geschehnisse während der Weltmeisterschaft“
Louis-Ferdinand Céline: „Reise ans Ende der Nacht“
Rolf Kauka: „Roter Samstag, oder: Der Dritte Weltkrieg findet nicht statt“

…und wo ich aus Gründen keine Wertung gab:
Christopher Priest: „Schwarze Explosion“ - ohne Wertung, weil thematisch …seltsam…
Hermann Dreßler: „Die Künste des Doktor Incubus“ - ohne Wertung, weil das Buch erst noch kommt, ich las das Manuskript - das fand ich übrigens super!


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Moorcocklastige Leseliste, die Ewige Fortsetzung

Geschrieben von T.H. , in Leseliste ab 2013 05 December 2019 · 411 Aufrufe
Michael Moorcock, Moorcock
44 – Michael Moorcock: „Der Zeitbewohner“
Luchterhand hat mal eine echt interessante Reihe – Sammlung Luchterhand – herausgebracht, in der echt interessante SF-Titel erschienen sind. Ich hatte ja schon die Traumarchipel-Stories von Chris Priest entdecken dürfen, und jetzt halt die kleine Story-Sammlung von Moorcock.
„Der Zeitbewohner“ und „Flucht aus dem Abend“ gehören direkt zusammen. Sie spielen am Ende der Zeit, haben zwar unterschiedliche Protagonisten, doch taucht z.B. der Protagonist der ersten als Nebenfigur in der zweiten Story auf, ebenso andere Figuren.
Es geht in Moorcocks bizarrer Endzeitwelt, einer Ebene seines Multiversums, um das Phänomen Zeit und wie der Mensch allgemein eventuell außerhalb der Welt, die ja für ihn immer lebensuntauglicher wird, weiterleben kann. Dabei entwickelt Moorcock einen absolut interessanten kosmologisch-physikalisch-philosophischen Gedanken. Insgesamt haben mir die beiden Zeit-Ende-Stories großartig gefallen.
„Der große Fix“ ist eine richtige Inner -Space-New-Wave-Story. Die Welt gerät in den Strudel des Wahnsinns. Drogen, bewusstseinsmanipulierende Maschinen – all das deutet schon in eine spezielle Richtung: Was der Protagonist da erlebt, erträumt er wohl nur.
Mit „Die goldene Barke“ geht’s weiter in die verrückteren, wenig greifbaren Welten des Herrn Moorcock. Auch wenn der Titel gern auch für eine Elric-Story passen würde, sind wir hier wieder voll in einer nicht näher bezeichneten, völlig unbestimmten Welt. Der Held der Stunde folgt besagter Barke und wird auf seiner Queste von einer verführerischen Dame aufgehalten. Die schafft es aber am Ende nicht, ihn von seiner Mission abzuhalten.
„Verzehrleidenschaft“ – in der Ich-Form verfasstes Bekenntnis eines Pyromanen. Der kann dann sogar Feuer per Gedankenkraft (im Zorn) erzeugen und fühlt sich übermächtig. Geht natürlich schief, als er sich selbst entzündet.
„Der Lustgarten des Felipe Sagittarius“ – Na, das ist ja mal eine verrückte Alternativ-Welt-Geschichte. Ein Krimi. Ein Toter im Garten des Polizeichefs von Berlin, Otto v. Bismarck. Berlin ist übrigens eine Ruinenstadt – wobei mir unklar bliebt, wer oder was das bewirkt hat.
„Der Berg“ ist der Ort, an dem der Mensch zu sich findet, endlich eins ist mit dem Universum. Also, Moorcock kann das viel, viel schöner formulieren. Die Story ist ein Fest – aber auch gleichzeitig todtraurig, denn sie spielt nach dem Atomkrieg, der die Menschheit ausgerottet hat.
10 / 10 Punkte

45 – Michael Moorcock: „Der schwarze Korridor“
Der Roman hat mal gerade so 120 Seiten, ist aber so vollgepackt, als hätte er 800. Es beginnt wie klassische SF: Ein Raumschiff ist auf dem Weg durch das unendliche und finstere Universum. An Bord schläft die Besatzung im Tiefschlaf, nur einer wacht. Er überwacht die Konsolen und füttert den Computer mit Berichten, der Computer ihn mit immer den gleichen Analysen. Der Tagesablauf des Wachhabenden ist weitestgehend ereignislos. Nur Drogen lassen ihn zur Ruhe kommen, schlafen, dann wieder wach und aufmerksam sein. Aber dazwischen träumt und erinnert er sich – und halluziniert.
Die öde Raumfahrt wird durch Erinnerungsfetzen die Erzählung, wie die Besatzung des Raumschiffs überhaupt zu ihrer Reise gekommen ist, ergänzt.
10 / 10 Punkte.

Beide Bücher haben es mir dolle angetan: meine Moorcock-Begeisterung reißt nicht ab. Ich muss mich da ausführlicher zu äußern, auch zu den politisch-gesellschaftlichen Gedanken, die M. gerade hier in „Der schwarze Korridor“ anspricht. Aber das mache ich dann – mal wieder – im NEUEN STERN.

46 – Michael Moorcock: „Tochter der Traumdiebe“
Was ist denn das? Ein Fantasy-Opus mit schwertschwingenden Anti-Helden oder ein historischer Roman? Eine Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus oder die Liebeserklärung eines Briten an die humanistische Tradition der deutschen Kultur? Ist das E oder U? – Die Antwort fällt leicht: Alles zusammen.
Ich bin schlicht begeistert von diesem Spätwerk des Meisters! Fängt schon gut an, weil einer deren von Bek die Hauptfigur ist, eher nicht Elric, obwohl das Buch zur neuen Elric-Saga zählt. Von dieser Trilogie gibt es auf Deutsch nur diesen einen Band. Warum denn das?
Also, Ulric v. Bek, sächsischer Adliger, lebt sein Denker- und Philosophenleben im Deutschland des gerade an die Macht gekommenen Faschismus. Ein naher Verwandter und Großkopf aus dem fiktiven mitteleuropäischen Mirenburg (siehe „Das Bordell in der Rosengasse“) hat sich opportunistischer Weise den Nazis an den Hals geworfen und sieht seine große Stunde kommen. Dazu braucht er aber das Schwert „Rabenbrand“ aus dem Hause Bek und den Gral. Dann könnte es mit der Weltherrschaft losgehen. Ulric will aber all das nicht hergeben, den Gral hat er sowieso nicht, denkt er. Seine Haltung führt ihn ins KZ der Nazis.
Wir Leser erfahren viel von der Haltung und Liebe zum Vaterland derer von Bek, von seiner tiefen Abneigung gegen die neuen unmenschlichen Machthaber und sehen gleichzeitig, dass er versteht, wie es dazu kommen konnte, aber doch nur traurig darüber ist.
Ehe er sich zum aktiven Kämpfer gegen das Naziregime aufraffen kann, muss er erst noch durch die Hölle. Die Verquickung okkulter Anliegen mit der realen Geschichte Deutschlands führt u.a. dazu, dass andere Kräfte anderer Ebenen des Multiversums aufmerksam werden und eingreifen.
Elric ist so etwas wie eine andere Form des Ewigen Helden (wissen wir ja) und damit ein alter ego Ulrics, aber eben auch charakterlich völlig anders.
Zudem gerät der Kampf zwischen Ordnung und Chaos aus dem Ruder, denn die Vertreter der Ordnung werden wahnsinnig. Das ist dann auch ein interessanter Aspekt, denn das Nazi-Regime stellt sich sozusagen als Vertretung der Ordnung dar, aber eben welcher Ordnung…
Alles schon sehr komplex und gleichzeitig spannend. Klar, es bleibt Kolportage, und vieles scheint mir nur „behauptet“. Leider leidet auch die Handlung unter der quasi-philosophischen Überfrachtung gerade im Fantasy-Mittelteil (ein Reich unter der Erde). Da wird zum 100sten Male erklärt, wie das mit dem Multiversum funktioniert, mit Chaos und Ordnung, mit dem Ewigen Helden. Die Passagen, die in der uns real erscheinenden Welt der 30er Jahre des 20. Jh, in D. spielen, fand ich stringenter und griffiger.
Elric und Ulric sind dann auch mal Eins, dann wieder zwei Personen. Auf jeden Fall kann sich ab einem bestimmten Zeitpunkt Ulric daran erinnern, was er als Elric getan und gefühlt hat. Die Erzählperspektive ändert sich auch dadurch im Buch, wobei das dann ja auch keine Rolle mehr spielt, da beide Eins sind/waren. So erfahren wir auch, dass der deutsche Buchtitel doch gar nicht so falsch ist, wie viele Rezensenten meinten: Da steht ja Tochter der Traumdiebe, sie meinten: Es müsse heißen, Tochter der Traumdiebin. Ja, wäre nicht falsch, aber es wird im Buch erklärt, dass auch Elric ein Traumdieb ist, insofern…
Es ließe sich noch so viel über dieses vielschichtige Buch sagen, und vielleicht mache ich das auch noch, aber dann nicht hier… (Ihr wisst schon, wo).
10 / 10 Punkte


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Herbstliche Leseliste, etwas ausführlicher

Geschrieben von T.H. , in Leseliste ab 2013 29 October 2019 · 505 Aufrufe
Moorcock, Michael Moorcock und 2 weitere...
Achtung, Achtung jetzt kommt viel Text. Hat sich so angesammelt. Muss jetzt mal raus.

32 - China Miéville: „Die letzten Tage von Neu-Paris“
Lanng erwartet, ersehnt sogar! Als ich dann noch mitbekam, dass Jack Parsons eine der Figuren in dem Roman ist, war ich noch gespannter. Ja, genau der Jack Parsons aus „Raumfahrt, Sex und Rituale“, auch besungen vom The Lennon Claypool Delirium. Das muss doch was sein!
Nun ja, so richtig zünden wollte der Roman bei mir nicht. Die Idee, dass durch ein Ereignis, an dem besagter Jack Parsons maßgeblich mitschuldig war und das die ganzen Kreaturen und phantastischen Gegenstände der surrealistischen Kunstwerke zum Leben erweckte, und das Paris der 40er und 50er Jahre unsicher machen, ist recht amüsant. Auch vermag der Autor das hervorragend und sprachgewaltig umzusetzen, aber auf Dauer trägt das nicht. Mir wurde es da schnell langweilig. Auch ärgerte es mich, dass der Autor diesen surrealistischen Manifestationen ausschließlich aggressives Verhalten unterstellt.
In dem alternativ-historischen Paris sitzen die Nazis 1950 immer noch in Paris. Die Résistance kämpft gegen sie, aber auch gegen die Manifestationen.
Interessanter empfand ich die Kapitel, die 1941 spielen und aufzeigen, wie es dazu kam und welche Rolle Parsons dabei spielt.
7 / 10 Punkte

Eigentlich wollte ich endlich meinen „Russen-Block“ abarbeiten. Der liegt geschlossen seit Weihnachten 2018 auf dem SUB, ziemlich weit oben. Ein Paar Bücher, im Grunde ein ziemlicher Brocken, auf den ich mich aber freute und immer noch freue. Aber vor dem ich mich auch etwas fürchte, denn die Bücher erwarten von mir, dem Phantastik-Fan, viel Ausdauer im Reich der Un-Phantastik. – Na ja, jetzt könnte ich noch lang & breit ausführen, wieso jetzt eben noch nicht die Zeit für meinen literarischen Ausflug nach Russland gekommen ist, sondern doch erst mal ins Moorcock’sche Multiversum, aber wer will das denn schon wissen? Moorcock war aber auch schon lange mal (wieder) auf meiner Lektüre-Wunschliste. Mal sehen, wie die alten Geschichten so munden…

33 – Michael Moorcock: „Elric von Melniboné“
Elric ist der letzte der Herrscher über die Träumende Stadt. Er hat keine Lust auf Politik und aufs Herrschen. Er grübelt lieber – d.h., er grübelt, aber auch das tut er wohl nicht gerne.
Er ist kränklich und schwach; nur Drogen halten in aufrecht, später sein Schwert Sturmbringer (dessen Zwilllingsschwert wir auch kennen lernen und das von Elrics Erzfeind geführt wird).
Freunde hat er auch kaum, nur den Lord der Drachenhöhlen, Dyvim Tvar und Großadmiral Magum Colim. Und natürlich seine Cousine und Geliebte Cymoril, deren Bruder, Yykoon, Elric den Thron streitig macht.
Darum geht es auch primär in dem ersten Buch, um den Streit zwischen Elric und Tyrkoon um den Rubinthron. Elric löst den Streit salomonisch und weicht einer endgültigen Entscheidung durch Flucht aus – indem er sich auf Weltreise begibt, was den Leser natürlich freut, da man die bunte, gefährliche Welt um das Inselreich Melniboné kennen lernen kann.
Irgendwie kam ich früher nicht so richtig an diese Fantasy-Saga heran. Immer nur kleine Portionen. Jetzt will ich mit mal den großen Zusammenhang erarbeiten (mal sehen, wie lange ich das durchhalte). So punktuell (zuletzt 2011!) fand ich das auch richtig gut. Aber…
Elric fetzt! Er muss so oft irgendetwas, auch wenn er nicht will. Das bringt ihn einem näher. Er ist schwach und stark zugleich. Er hat Macht zur Verfügung, die ihn zum Monster macht, aber eben auch seine Schwäche überwinden lässt. Will man das für sich selbst auch? Ja und nein, oder?

34 – Michael Moorcock: „Die See des Schicksals“
Elric ist unterwegs. Er will die Jungen Königreiche, die dem alten Melniboné den Schneid abkaufen wollen, erforschen. Vielleicht kann er von den Jungspunden was lernen, was seiner dekadenten und dem Untergang geweihten Heimat Inspiration sein könnte. Ja, das gute alte Melniboné – 10.000 Jahre alt. Das muss man erst mal schaffen – die Römer haben nur 1000 Jahre durchgehalten. Kann das jemand überbieten?

„Fahrt in die Zukunft“ – Vier Inkanationen des Ewigen Helden werden zusammengerufen, um einer außerirdischen Bedrohung Herr zu werden: Elric, Hawkmoon, Erekosë und Corum, dazu ein paar Neben-Helden. Es geht gegen Agak und Gagak, die irgendwie in einer zerstörten Variation von Tarnelon leben, eigentlich DEM Ziel vieler „Ewiger Helden“. Das Abenteuer ist ziemlich psychodelisch.

„Fahrt in die Gegenwart“ – Elric muss mit seinem neuen Kumpel und Reisegefährten (natürlich wider Willen), Graf Smiorgan Kahlschädel von den Purpurnen Städten einen historischen Streit um eine Dame zweier Edelleute aus einer vorherigen Epoche schlichten. Einer der eifersüchtigen Streithähne ist auch aus Melniboné, was durchaus ungewöhnlich ist, da diese dekadenten Faulpelze überhaupt nicht gerne reisen: Saxif D’Aan. Das mit den Zeiten löst Moorcock durch die verschiedenen Ebenen der Welt. Hier ist man in einer, in der die Sonne blau scheint.
Interessantes Detail (für mich): Es gibt da eine Stelle, in der Elric auf einen Trupp verwegen-verlorener Söldner stößt, die alle aus verschiedenen Epochen stammen. Es sind nur die Epochenbezeichnungen, die genannt werden, die aber allein durch ihre Nennung so viel mitschwingen lassen:
Lomyrische Republik (vor 200 Jahren – aus Elrics Sicht, versunken), Chalaliten (etwa zeitgleich zu Elric), Ilmioranier (letztes Jahrhundert), Filkharier, Tarkeshiten, Shazarier, Vilmirier.

„Fahrt in die Vergangenheit“ – Ein Herzog Avan nimmt die beiden, Elric und Smiorgan auf seinem Schiff mit, er will sie wieder in ihre Welt-Ebene bringen, wer sie ihm helfen, die mythische Urstadt der Melnibonéer im Westen, R’lin K’ren A’a zu finden. Dort soll es Schätze geben. Elric glaubt nicht mal, dass es sie überhaupt je gab, geschweige denn, dass sie noch zu finden sei. Immerhin ist es 10.000 Jahre her, dass seine Urahnen die Stadt verlassen haben sollen. Und seitdem soll die Stadt auch nie wieder bewohnt gewesen sein.
Nun, zum Teil stimmt das auch. Das fremde Land ist von undurchdringlichem Dschungel bewachsen. Es gibt dort keinerlei Fauna, keine Menschen. Aber eine sehr aggressive und fast unbesiegbare Reptilien-Armee, und einen Unsterblichen Ureinwohner der Stadt, der nichts mehr ersehnt, als seinen Tod. Das Abenteuer wird mit vielen Menschenleben bezahlt. Der Chaos-Gott Arioch ist auch keine große Hoffnung, Sturmbringer zeigt sich nicht von seiner besten Seite, denn es frisst auch befreundete Seelen.

35 – Hermann Dreßler: „Die Künste des Doktor Incubus“
Ein verschollener Klassiker, neu für die interessierte Phantastikszene entdeckt von Lars Dangel. Ich las das Manuskript des im Privatdruck entstehenden Buches – und bin recht angetan davon.
Es ist eine faustische Geschichte, die so zwischen Renaissance und Barock in Amsterdam spielt. Ein Student der Naturwissenschaften lernt einen „mad scientist“ kennen, der ihn in seine Geheimnisse einweiht. Unser Student ist zudem dolle verknallt in eine Nachbarstochter. Beides – die unbändige Liebe und die Macht der Naturwissenschaften – bilden eine unheilige Allianz.
Mehr verrate ich mal noch nicht. Und eine Wertung gibt es auch nicht (würde aber ziemlich hoch ausfallen…).

36 - Michael Moorcock: „Das Bordell in der Rosengasse“
Da dachte ich doch mal, nach der Lektüre von „Die Kriegsmeute“, es gäbe keine weiteren Bek-Romane auf Deutsch. Na, was weiß ich schon von Moorcock!? Also, es gibt da durchaus mehr auf Deutsch. U.a. diesen Roman, der im Grunde – fast – keine Phantastik ist. Der Roman kommt ohne phantastische Elemente aus, spielt aber in einem fiktiven mitteleuropäischen Land, vor dem 1. Weltkrieg. Wäldenstein mit seiner Hauptstadt Mürenburg, liegt zwischen Deutschland, Österreich, Böhmen. Irgendwie so richtig mittendrin. Damit muss es sich auch mit den imperialen Gelüsten und Anfeindungen der Großmächte auseinandersetzen. Es kann aber – noch – seine Unabhängigkeit bewahren und gilt als Oase für Dissidenten, Künstler, Kulturschaffende und Lebemänner und -Frauen aus ganz Europa.
Zentrum dieses illustren, leicht – bis schwer – dekadenten Kulminationspunktes ist das im Titel benannte Bordell. Da geht halt die feine und halbseidene Gesellschaft ein und aus.
Unser Herr von Bek (Richard) ist liiert mit einer Sechzehnjährigen. Nun, das schrammt hart am ethisch Zulässigen. Dem ist sich v. Bek auch bewusst und verheimlicht seine Liebschaft so ein bisschen. Es geht in dem Roman um viel Sex, wobei es jetzt kein Porno-Roman ist. Sexuelle Praktiken, auch mit anderen Huren aus dem Bordell, werden aber durchaus verbal ausgemalt.
Aber alles, der Sex, aber auch die Politik, der Bürgerkrieg, der ausbricht, zwischen der prodeutschen und proösterreichischen Fraktion der Bürgerschaft und ihrer adligen Anführer, bleibt so ein wenig im Nur-Angedeuteten. Irgendwie ist der ganze Roman weder Fisch noch Fleisch.
Zudem ist er formal schwierig: Der Text sind kaum durch Absätze gegliedert. Innerhalb eines Mega-Absatzes kommt es zu mehreren Zeitsprüngen. Die Story wird nämlich vom inzwischen am Bett gefesselten v. Bek als Erinnerung, Memoiren aufgeschrieben und damit uns erzählt. Dass es sich hier um verschieden Zeitebenen handelt, habe ich tatsächlich erst richtig nach ca. 50 Seiten überhaupt kapiert. Aber mal liest sich ein und es liest sich so weg – wobei ich mich bis zum Schluss fragte, was der Dichter mir damit sagen wollte.
7 / 10 Punkte

Die folgenden Romane habe ich in Form des Sammelbands von Michael Moorcock: „Der ewige Held“ gelesen:

38 – Michael Moorcock: „Die ewige Schlacht“
Das Buch (also der Sammelband mit 3 Romanen um den ewigen Helden Erekosë / John Daker (mit bürgerlichem Namen) liegt schon so lange auf meinem SUB. Immer, wenn ich mal in Moorcock-Laune war, habe es aber doch immer wieder gekonnt ignoriert. Ist ja auch fetter Brocken. Nun aber…
Und? Ja, ist ein dicker Brocken, liest sich aber weg wir nix. Das erste Buch ist einfach großartig – bin schlichtweg begeistert. Es ist episch, spannend, wortgewandt, tragisch, melancholisch.
Den Intellektuellen, bescheiden lebende John Daker aus London, 20. Jh. (geb. 1941), verschlägt es – wie, wird gar nicht weiter ausgeführt, seine Reise gleicht eher einem traumatischen Erlebnis – in eine fremde Welt. Wenn man es mit der irdischen – hier sollte man vielleicht besser von der gegenwärtigen, bekannten – Zivilisation vergleicht, dann befinden sich die Menschen im Zustand des Spätmittelalters: Ritterrüstungen und eher primitive Kanonen gibt es da (mit Alltags-Beschreibungen hält Moorcock sich ja nicht gerade auf.) Aber ist das überhaupt die Erde? Irgendwie erscheint sie im Laufe des Buches wie ein Ort des Multiversums. Aber am Schluss richtet unser Held sein Wort direkt an seine zukünftigen Leser, also an uns / mich. Also ist die Welt, in die es ihn verschlug, irgendein vorzeitlicher Zustand unserer Erde?
Die Menschheit ist nicht die einzige vernunftbegabte Art auf dieser Erde, da gibt es noch die Alten. Wer zuerst da war? Das wird diskutiert, aber bleibt im Unklaren. Sie werden von den Menschen als Bestien beschrieben, die nur eines wollen: die Menschen vernichten. Dazu wenden sie auch List und Betrug an. Erekosë wird von dem König der Menschen beschworen, denn er hatte bereits mal den Krieg gegen die Alten entschieden, aber nicht zu Ende geführt. Die Menschen fühlen sich weiterhin bedroht und wollen die Fremden endgültig auslöschen. Erekosë ist ihre Geheimwaffe. Erekosë kann sich nur sehr langsam und unvollständig an seine frühere Helden-Existenz erinnern, von seiner anderen Identität, John Daker, ist nicht sehr viel da, aber die kann er dann doch schnell in den Hintergrund drängen, denn sie wäre ja dieser kriegerischen, archaischen Welt überhaupt nicht gewachsen.
Na ja, im Grunde skizziert Moorcock hier eine Art Proto-Faschismus, der auf einem extremen Rassismus beruht. Das zu lesen ist sehr befremdlich. Interessanter Weise ist Erekosë ja der Held der Menschen und so versteht er sich auch. Aber was Moorcock da beschreibt, stößt mich zumindest gleich ab. Und natürlich stellt sich heraus, dass die Alten gar nicht die Monster sind, für die die Menschen sie hinstellen. Eher im Gegenteil: Sie sind die Zivilisierteren, die Frieden wollen, ohne die andere Rasse vernichten zu wollen. Sie sind auch einfach die schöneren Wesen, eher feengleich, würde ich mal sagen. Vor meinem geistigen Auge sehe da immer Tolkien’sche Elben…
Apropos: Halblinge gibt es hier auch: Das sind Humanoide aus einer anderen Parallelwelt des Multiversums – hier: die Geisterwelten -, die immer mal durch eine magische, aber nur temporäre Verbindung her gelangen. Sie kämpfen auf der Seite der Alten. Außerdem haben die Alten noch ein Arsenal alter Waffen, die sie unter Verschluss halten, weil sie einfach zu mörderisch sind und aus moralischen Gründen von den Alten nicht mehr genutzt werden sollen. Es kommt aber anders, dank Erekosë. Die Waffen muten in diesem quasi mittelalterlichen Ambiente futuristisch an, sogar wenn man unseren gegenwärtigen Stand der Technologie als Maßstab ansetzt (Strahlenkanonen). Ja, die Welt dreht sich im Kreise…
Erekosë wird da hineingeworfen, verführt von beiden Seiten, vor allem durch die Frauen, in die er sich verliebt. Und jeweils in der Phase des Krieges, in der er sich für eine der beiden Seiten entschied, sorgt er als unbesiegbarer ewiger, unsterblicher Held mit Superschwert für genozidgartigen Kahlschlag unter der jeweils gegnerischen Partei. Und er leidet darunter.
Überhaupt plagen ihn Albträume, in denen er mit der Tatsache konfrontiert wird, dass er eine Inkarnation des Ewigen Helden ist und im Grunde viele Personen auf vielen Welten ist, oder sein könnte… Eine Erklärung findet er nicht, und er fühlt sich getrieben und erstickt seine Depressionen in Aggressionen. Am Ende entscheidet er sich für die Alten und gegen die Menschen. Er erkannt, dass die Welt nur Frieden hat, wenn es keine Menschen gibt. Hmm, eine schlimme Schlussfolgerung --- für uns.
10 / 10 Punkte

39 – Michael Moorcock: „Der Phönix im Obsidian“
Erekosë lebt nun im Paradies, bei seinen Alten, den elfengleichen Ur-Menschen, die vor dem barbarischen Homo Sapiens diese eine Erde bewohnten und nun wieder, dank Erekosë, beherrschen. Es könnte also alles gut sein, aber…
Erekosë wird in die nächste Welt gezerrt. Seine Träume vom Ewigen Helden kehren zurück, andere Zeichen mehren sich. Die Alten, seine neuen Freunde, wissen, dass er gehen muss.
Er wacht in einem Eismeer auf einem Wagen, gezogen von Eisbären, auf. Und nun weiß ich auch, dass das Cover des Buches kein einfach so mal hergenommenes Bild ist, sondern wirklich den Helden dieses 2. Buches des Ewigen Helden darstellt.
Erekosë ist nun Urlik Skarsol und soll mal wieder hier eine Menschheit retten.
Das Muster ist allerdings ähnlich wie in dem 1. Buch.
Die Erde ist hier am Ende der Zeit. Die Sonne wird kleiner und kälter. Das Meer ist so voller Salz, dass es schon zähflüssig wird. Das macht die Schifffahrt dann auch „spannend“ (eher ein Gleiten, denn ein Schwimmen).
Die Einwohner von Rowenarc sind völlig dekadent, geben sich sinnlosen Orgien und Gelagen hin. Sie wissen, dass die Erde nur noch wenig Zeit hat, ehe sie völlig unbewohnbar ist. Also, was sollen sie sich kümmern? Moorcock beschreibt die Dekadenz relativ ausführlich (also, für meinen Geschmack hätte er das nur ausführlicher tun können). Auch die Bedrohung durch die Silbernen Krieger stört die Leute nicht.
Auf einer Jagd nach einem seltsamen Meeresmonster wird unser Held ausgetrickst. Der fette Priesterherrscher, Belphig, lässt Urlik auf der Insel des Monsters allein zurück, in der Hoffnung, dass er dort umkommt. Aber doch nicht unser Held!
Urlik, den das Ganze überhaupt nicht schmeckt, der auch wieder bös träumt und dem dauernd anheimgestellt wird, das Schwarze Schwert, auch das Kalte Schwert, an sich zu nehmen, um die Feinde der Menschen, die Silbernen Krieger zu schlagen, will das einfach nicht. Er will Frieden, keinen Krieg. Aber wenn er das Schwert führt, lacht er und der Blutzoll… Ja, das kennen wir ja schon.
Apropos „Blutzoll“ – das ist diesmal sogar wörtlich gemeint. Denn es gibt eine Intrige, und die Silbernen Krieger sind nicht so böse, wie sie dem Helden und dem Leser vorgestellt wurden. Alles hängt mit einer gefangenen Königin, einem Rufenden Kelch und der Verquickung aller mit dem Schwarzen Schwert und sicher auch mit den Mächten des Chaos zusammen.
Am Ende gibt es mehr Opfer, als es für ein happy end gut wäre, aber unser Held wird aus seinen Verpflichtungen erst einmal entlassen.
Irgendwie ist Urlik noch einen Zacken trauriger und tragischer als Erekosë. Hat mir wieder auf seine ganz spezielle Weise gefallen!
9 / 10 Punkte

40 – Michael Moorcock: „Das ewige Schwert“
Der dickste Roman aus der Trilogie. Leider auch der streckenweise drögeste. Das war dann etwas viel schicksalhafte Schwurbelei. Jetzt ist ja echt langsam klar, was und wer alles der Ewige Held ist!
Hier gerät Daker in einen Teil des Multiversums, das Maaschanheem heißt, Dort trifft er zuerst mal Ulrich von Bek, was mich überaus freute! Und das war auch der Grund – ich wusste das ja, dass der da mitspielt – dass ich mir den dicken Wälzer genau jetzt zu Gemüte führte. Die beiden finden in Freundschaft zueinander und begeben sich infolge auch auf die Suche nach Artefakten, die jeweils nur sie auch nutzen können: Daker sein ewiges Schwert und von Bek den Heiligen Gral. Des einen Gabe nützt dem anderen.
Maaschanheem heißt auch Mittelmark. Das Land wird von riesigen fahrenden Städten beherrscht und durchfahren. Oha, das kennen wir doch irgendwoher. Aber Moorcock ist sicher nicht derjenige, der abgeschrieben hat.
Von Bek entfloh übrigens aus einem Nazi-KZ. In der Mittelmark geraten sie auf so einen Riesendampfer. Dort herrscht eine Art Diktatur und es ist wenig gemütlich. Der Dampfer ist auf dem Weg zu einem Treffen der sechs Reiche, wo man sich nach langen Kriegen endlich friedlich zu Handel und Verhandlungen trifft. Der Frieden der sechs Reiche ist labil. Der Herrscher der Mittelmark erkennt in Daker den Prinzen eines anderen Reiches, Flamadin und hofft, dass der ihm nun beisteht. Daker weiß von nix.
Also Intrigen und Verwechslungen. Außerdem träumt Daker wieder viel, u.a., dass man ihn in Form einer Frau ruft – die Zwillingsschwester Flamadin: Sharadim.
Sharadim ist aber eher eine Hexe, die sich mit dem Chaos gegen die sechs Reiche verbündet. Da Ihr Zwillingsbruder – im Umkehrschluss – dem Ewigen Helden ähnelt, hofft sie, dass der das Ewige Schwert führen kann – eine Art Superwaffe. Allerdings hatte sie ihn, als den echten Flamadin, kurz zuvor umgebracht. Okay, nichts ist so endgültig wie der Tod, insofern…
Bei dem großen Treffen der sechs Reiche werden Daker die Geisterfrauen vorgestellt. Sie sind übrigens Verwandte der Alten, also seiner Liebsten die er nun zurücklassen musste. Eine davon ähnelt seiner Geliebten so sehr, dass er mitunter in Eifersucht verfällt, wenn diese seinem Freund von Bek zugeneigt ist. Die Alten sind ja – wenn ich das richtig verstanden habe – die Melnibonéer. Sie haben ihn jedenfalls durch Raum & Zeit gerufen, denn sie sind im falschen Reich, wollen zurück und nur der Ewige Held kann das Tor öffnen, dazu braucht er das Schwert.
Die Queste führt dann Daker, von Bek und Gefährten u.a. auch ins Nazi-Reich, in die geheimen Gewölbe unter der Nürnberger Burg, wo Hitler, Göring und Göbbels ihrerseits finstere Mächte beschwören. Dort kann ihnen noch mal gerade so der Hl. Gral entwendet werden. Wer weiß, wie der Lauf der Geschichte… Allerdings entnehmen die Nazis den Zeichen, die sie da erkennen wollen, dass sie ihre Eroberung gen Osten führen müssen… Auch nicht besser. Daker kann von Bek beruhigen, insofern, dass er ihm sagt, dass die Nazis besiegt werden. Er weiß es, denn er ist ja auf der Erde 1941 geboren worden.
Daker kann mit dem Schwert einen Riss im Raum-Zeit-Gefüge öffnen und mit den beschworenen Armeen vom Abgrund der Zeit die Armeen des Chaosfürsten Balarizaaf besiegen.
Bei den Geisterfrauen zerbricht der Ewige Held das Schwert und daraus entschlüpft eine Drächin, die den Frauen den Weg in ihre alte Heimat zeigt.
Daker kann auf dem Schwarzen Schiff in seine Heimat, nach London zurück.
Mächtig gewaltig das alles. Fast ein wenig zu viel und unübersichtlich. Aber dann am Ende doch großartiger Stoff.
9/10 Punkte

Ich schreibe das alles nur, um mich vielleicht selbst später besser erinnern zu können. Ich befürchte, man (ich) vergisst einfach zu viel von den Details dieses Epos, wenn man die Erinnerung daran nicht ständig frisch hält. Die Wirkung der Meta-Story, die Moorcock da schuf, lebt nun mal von den vielen Verwicklungen seiner Helden untereinander, von dem riesigen, schier unendlichen Reich der Phantasie, das er da entfaltet. Irgendwie hat er es echt geschafft, dass man nicht genug davon kriegen kann – so geht es mir gerade damit…

41 – Christoph Hein: „Gegenlauschangriff“
Nach einer Radiosendung mit dem Autor über dieses Buch war ich neugierig. Bei einem SF-Stammtisch kam ich mit einem SF-Fan darüber ins Gespräch, der das Buch gelesen hatte. Er borgte es mir aus. Also las ich mein erste Christoph-Hein-Buch.
Im Grunde sollte ich ruhig mehr Hein lesen, warum auch nicht? Wer wie ich an der Geschichte Europas im 20. Jh. interessiert ist, sollte Heins Bücher zur Illustrierung auf jeden Fall wahrnehmen.
Das kleine Büchlein geht aber als Einstieg und Kurz-Form des Lebens des Herrn Hein im Deutschland des Kalten Krieges durchaus sehr gut. Die superkurzen Texte sind wie Extrakte. Sie bestätigten mir viel, gaben aber auch neue Eindrücke (z.B. die ostdeutsche Politik unter Ulbricht bis 1951, der gern die von Polen besetzten deutschen Gebiete zurück haben wollte; oder dass der Film „Das Leben der Anderen“ Bruchstücke aus Heins Leben verwertete, sie aber so dramaturgisch „bearbeitet“, dass Hein sich dagegen verwahrte und diesen dazu bewog, den Film richtig schlecht und historisch für völlig falsch zu halten – das fand ich dann sehr bemerkenswert…).
9 / 10 Punkte

42 – Max Czollek: „Desintegriert Euch!“
Eine politische Kampfschrift. Ja, sehr kämpferisch formuliert. Es geht um die Frage, inwieweit sollen und können „die Juden“ sich in D integrieren – vor dem Hintergrund der Shoa. Das dass das Thema nicht vom Tisch ist, wie dieses Integrationsidee suggeriert, beweist der wieder auflodernde Antisemitismus in D. – Halt, ich mache gerade den Fehler, den der Autor dem hiesigen Integrationstheater zuschanzt: Der Gedanke, dass die Shoa „vom Tisch“ sei, weist er nämlich strickt zurück. Und er lässt sich das auch nicht einreden, von niemanden – und daher ist die geforderte, gewünschte, erhoffte „Integration“ nicht möglich – und aus seiner Sicht auch nicht nötig.
Was sie – und da fühle ich mich auch direkt angesprochen – ebenso unmöglich macht, ist die Frage, worin man sich denn als benannter Fremder integrieren soll. Die Frage steht ja vor jedem Menschen, der in unsere Gesellschaft hineingerät, also auch für Migranten*innen (Ich nehme mal seine Schreibweise, die er übrigens im Buch argumentativ begründet). Da sind wir beim Leitbild etc. Spätestens da muss ich ihm zustimmen: Was dem einen ein Leitbild, ist dem anderen ein Leid-Bild. Es sind dann wohl eher konservative Kräfte, die solche für die gesamte Gesellschaft geltenden Leitbilder entwerfen und den anderen oktroyieren wollen. Da muss ich sagen: Das ist auch nicht mein Ding.
Nicht nur deshalb war das Buch für mich ein Gewinn. Es liest sich nebenbei auch sehr gut, da es eben keinen politisierenden Duktus hat und mit gewundenen Sätzen langweilt. Das Buch hat der Autor mit Verve und Wut im Herzen geschrieben.
9 / 10 Punkte

43 – Michael Moorcock & Rodney Matthews: "Elric am Ende der Zeit"
Weiter mit Moorcock, hab ihn mir noch nicht übergelesen… Zur Auffrischung der Eindrücke lese ich das hier ein 2. Mal. Das erste Mal 2011. Damals schrieb ich schon was für meinen Blog. Als ich jetzt noch mal meine Worte las, merkte ich, dass sich mein damaliger Eindruck zu 100 % heute bestätigt. Also, was soll’s, hier noch mal (leicht überarbeitet) meine Worte von damals:

„Es sollte nicht lustig, sondern bedeutungsvoll werden“ (S. 115) beschwert sich eine Figur fast am Ende des Abenteuers. Das deckt sich mit meinem Eindruck: Die Elric-Stories, die ich bis dato las, sind eher episch, halt „bedeutungsvoll“; hier kommt ein deutlich ironischer Ton dazu. Das Ganze wird nicht ernst genommen vom Autor, so auch nicht vom Leser. Das kulminiert darin, dass zum Schluss den Helden ein wenig die Erinnerung an das Geschehen genommen wird; Elric soll sich nur im Traum daran erinnern, ohne ausdrücken zu können, was da passierte. Dies ist allerdings für ihn nicht wirklich ungewöhnlich, da er ohnehin seine Abenteuer und Erlebnisse beim Wechsel zwischen den Ebenen des Multiversums, und Wechsel der Inkarnationen des Ewigen Helden immer sehr viel vergisst, sich nur noch in Träumen daran erinnern kann.
Verrückte Geschichte, die mit deutlichem Hinweis vor der Trilogie unter dem dt. Titel „Am Ende der Zeit“ angesiedelt ist.
Schon allein die Namen der Protags sprechen Bände: Werther de Goethe (der schlechteste Dichter aller Zeiten, der letzte Romantiker), Mistress Christia, der goldhaarige Graf vom weinenden Pferd, Herzog von Queens (ok, das geht ja noch). Auch Arioch hat einen Auftritt, d.h., eigentlich doch nicht... Die Rahmenerzählung beschreibt einen Einsatz einer Agentin des Städtischen Zeitzentrums, Mrs. Persson, die eine Störung im Megafluss registriert und deren Ursache aufspüren und beseitigen soll. Die Störung heißt dann wohl Elric, der aber für nix kann, außer dass er in echter Bredouille steckt und mit Hilfe seines Stormbringers und einer Anbetung Ariochs daraus entfliegen möchte.
Elric wird in eine Zeitebene, ganz am Ende der Zeiten versetzt. Verantwortlich dafür ist Una Persson (aus dem Jerry Cornelius-Universum), die Elric als Chaoskönigin Xiombarg identifiziert. Irgendwie soll er dafür sorgen, dass das Universum fortbesteht. Die anderen Typen (dekadent bis über beide Ohren) sind nur an Abwechslung interessiert, auch wenn Elric von ihnen meint, sie seien Chaoslords. Elric will nur wieder zurück. Irgendwie geht das gut aus, mit etwas Hokuspokus...
Es ist nur eine Erzählung, reich illustriert. Der Grafiker hat auch andere Moorcock-Bücher mit Covern versorgt. Sei Elric auf diesem Cover entspricht zu 100% der Moorcock'schen Beschreibung. Ansonsten sind die Zeichnungen sehr rund, fast zu „lustig“ für meinen Geschmack; andererseits entspricht ihr Charakter in diesem Falle am ehesten dem Inhalt.
9 / 10 Punkte


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Leseliste 2019 - Sommerupdate

Geschrieben von T.H. , in Leseliste ab 2013 31 August 2019 · 448 Aufrufe
Arnolt Bronnen, Edgar Allan Poe
Leseliste 2019 - Sommerupdate Das Foto ist von diesem Jahr, geknipst in Triest. Zufälle gibt’s, denn es scheint direkt zu Entrag 30 zu passen. (Für einen Besuch der Ausstellung hatte ich aber keine Zeit)

28 – Arnolt Bronnen: „Aisopos“
Eine Jugend-Erinnerungs-Auffrischung. Dieser historische Roman hatte mich in jungen Jahren mächtig beeindruckt, weniger wegen des Plots – der auch – vielmehr wegen des Schreibstils. Der Expressionismus des Theater-Skandal-Autors der frühen 20er schimmert ja noch durch, auf jeden Fall geht der Autor frisch und frech an den altehrwürdigen Stoff ran. Und so ein Fabeldichterleben ist gar nicht langweilig.
Sicher, es war nicht mehr dasselbe, inzwischen kann ich meine frühe Über-Begeisterung nicht so ganz nachvollziehen, aber immerhin:
8 / 10 Punkte

29 - Joel Rose: „Kein Rabe so schwarz“
Ein Roman mit und über Edgar Allan Poe. Allerdings beginnt er als geradliniger historischer Krimi, der authentische Mord-Fälle im New York der 40er Jahre des 19. Jh. aufgreift. Bei der Darstellung der Fälle, aber auch der Lebensumstände der Menschen in dieser Stadt, der teilweise anarchistischen Zustände dort, des Elends und der Kriminalität, besticht der Roman für meine Begriffe durch große Authentizität.
Der Roman verquickt sehr geschickt Realität und Fiktion. Poe wird dorrt nicht mehr zum Beobachter und literarischen Kommentator, sondern scheinbar auch direkt in die Kriminalfilme verwickelt.
9 /10 Punkte

30 – Kersten Knipp: „Die Kommune der Faschisten“
Nachdem ich den Autor des Buches auf der LBM 2019 erleben durfte und er mich mit seiner eloquenten und charmanten Art faszinierte, aber auch durch das Thema seines Buches, habe ich nun das besagte Buch auch gelesen. Zur LBM siehe hier: http://www.scifinet....ericht-lbm2019/
Bei der Faszination ist es geblieben. Darf man davon fasziniert sein? Sind ja immerhin „Faschisten“! Na ja, da fängt es schon an: Im Grunde sind es vom Krieg entwurzelte Männer, die nach den Fronterfahrungen nicht mehr so richtig ins normale zivile Leben zurückfanden. Dazu kam eine Portion überzogenen Patriotismus und Nationalismus. Es waren aber auch revolutionäre Romantiker, Futuristen, Abenteuer, die sich von dem Super-Dichter Gabriele D'Annunzio angesprochen fühlten. Die waren nicht mal alle „rechts“, manche sogar explizit links, oder anarchistisch (man hat z.B. Schiffe überfallen, die Material nach Russland bringen sollten, die die Konterrevolutionäre dort unterstützen sollten; man tat dies natürlich, um sich selbst zu versorgen, aber auch, um den Revolutionären in Russland zu helfen). D'Annunzio führte sie nach Fiume, einem Hafenstädtchen an der kroatischen Adria-Küste, das nach Vorstellung nationalistischer Italiener zu Italien gehören sollte.
Das Buch erzählt eher die Biografie, den Charakter und den ideologisch-künstlerischen Werdegang des Dichters; der Teil, der Fiume behandelt, also die „Kommune der Faschisten“, ist mir dann fast zu kurz. In seiner Veranstaltung auf der LBM hat der Autor dem viel mehr Platz eingeräumt.
Interessant war das allemal, als der Faschismus in seiner äußeren Erscheinungsform (Uniformen, kultische Dinge, Massen-Aufmärsche, Redenschwingerei) quasi erfunden wurde.
8,5 / 10 Punkte

Abgerundet habe ich den Ausflug nach Fiume durch den Comic:
David B.: „Auf dunklen Pfaden“
Interessanter Weise scheinen die Leute in dieser Geschichte, die es in die Republik Fiume verschlagen hat, weit weniger begeistert von dem Brimborium des überkandidelten Dichters begeistert zu sein. Es gab Kriminalität, Straßenschlägereien, von dem las ich in dem Buch von Knipp nichts. Nun ja…

31 – Rudy Rucker: „Hohlwelt“
Im Zuge meiner „Zu Ehren Edgar Allen Poes Lektüre Exkursion“ las ich dieses Buch ein 2. Mal. Damals, Ende der 90er, fand ich es nicht so pralle. Auch diesmal erinnerte mich die Lektüre daran, was mir wohl damals auch nicht so gefiel: Es wird viel erzählt, aber das Ganze wirkt irgendwie beliebig und austauschbar. – Aber nicht alles!
Es erzählt ein junger weißer Farmer. Im Ersten Teil muss er zusammen mit einem Sklaven und seinem Hund in die Stadt, um Whiskey zu verkaufen. Das geht schief und er begibt sich auf die Flucht.
Als Leseratte und Fan von Edgar Allan Poe ist er begeistert, diesen in Richmond zu treffen und eine Anstellung beim Southern Literary Messenger zu erhalten, wo Poe als Redakteur arbeitet.
Poe bereitet mit einem gewissen Mr. Reynolds eine Reise zum Südpol vor. Dabei werden unlautere Mittel eingesetzt. Ziel ist es, die Passage ins Innere der Erde zu finden. Eine gewaltige Eismauer hindert einen dran, so hörten sie. Die Lösung? Ein Ballon. Ist ja einfach.
Die Geschichte in der realen Welt der 30er Jahre des 19. Jh. erinnerte vom Flair an Mark Twain und hat mir erst einmal sehr gefallen, auch die leichten Andeutungen ins Geheimnisvolle und die Vorbereitung der Expedition. Man erfährt viel von dem – gelinde gesagt – schrägen Charakter des großen dunklen Dichters.
Die Abenteuer in der Edre – also der Gegen-Erd-Seite im Inneren unseres Planeten – sind bunt und exotisch und voller physikalischer Wundersamkeiten, aber eben auch beliebig und austauschbar. Zum Ende dieses 2. Teils wird es noch mal spanend, nämlich dann, wenn die Geheimnisse der Inneren Anomalie, also des wahren Kerns der Erde, erkundet werden. Über diesen gelangen die Helden auch wieder an die Erd-Oberfläche. Doch besagte Anomalie ist eben nicht normal und mit etwas einsteinscher Physiktrickserei sind wir in einer Parallel-Erde. Nur weiß man schon vorher, was unsere und was wirklich die Spiegel-Erde ist.
Der 3. Teil ist dann wieder „realistischer“, der hat mich dann auch gepackt und erschien mir relevant. Insgesamt habe ich mich doch recht gut unterhalten. Daher…
7 / 10 Punkte


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Hofmanns Leseliste, so ca. nach Ostern bis Sommerferien, mit einem Haupttreffer

Geschrieben von T.H. , in Leseliste ab 2013 30 July 2019 · 768 Aufrufe
GRM, Christopher Priest, Klunga und 5 weitere...
Hofmanns Leseliste, so ca. nach Ostern bis Sommerferien, mit einem Haupttreffer 26 - Adam Hülseweh: „KLUNGA und die Ghule von Köln“
Auf knapp 350 Seiten erfahren wir sehr viel von den Umständen, wie aus Menschen Ghule werden, in den letzten 2000 Jahren. Der titelgebende Haupt-Ghul, Klunga, ist seit dem späten Römischen Reich Ghul. Er wurde als Sklave von einem besonderen Sklavenhändler, wie sich herausstellt, einem Troll, in die germanische Provinz des Römischen Reiches, nach dem Ort, der heute Köln heißt, verschleppt worden. Anfänglich war er noch Mensch, aber in der Schlacht gestorben und doch wieder aufgestanden: Da stimmt doch was nicht…
Der Käufer in Köln, ein römischer Bürger, brauchte genau so ein besonderes Geschöpf, um selbst eines zu werde, aber ein anderes.
Neben Klunga und seinem neuen Herrn, Gaius, sind es weitere Figuren, die „der“ Autor vorstellt, Leute, die zu Ghulen wurden. Der Roman verwebt die Entstehungs-Episoden (1288 / 1803, 1813 / 1804, 1844 / 1945 / 1948) mit einer Haupthandlung, die ihrerseits in zwei Zeitebenen spielt und sich um ein Gebäude in Köln dreht. Die nach dem 2. Weltkrieg, von dem Architekten Wilhelm Riphahn entworfene und 1954 gebaute Kölner Oper soll so um 2009 abgerissen werden. Der Abriss fand übrigens nicht statt, und wenn man dem Roman folgen darf, ist das ganz gut so. Der Architekt kommt im Roman übrigens auch vor, so nebenbei auch ein anderer berühmter Kölner: Konrad Adenauer.
Köln ist eine Stadt der Vampire, zumindest bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Neben den Ghulen sind es noch andere Unterwelt-Wesen, die die Stadt Köln auf ihre ganz besondere Art bereichern: Troglodyten – Höhlenbewohner. Ein wenig erinnert der Plot an die „Underworld“-Filmreihe, ist aber raffinierter und unblutiger – also, bis auf ein paar Ausnahmen, z.B. gleich zu Beginn, als sich ein amerikanischer Vampir – ein Rockstar – nach Köln verirrt. Hätte er lieber bleiben lassen sollen…
Die Haupthandlungsebenen und in den Rückblicken lassen die Autoren nicht nur literarisches Geschick und einfach großartige Erzählkunst, sondern auch sehr viel historisches Kolorit und Detailwissen erkennen. So macht Lektüre Spaß! Das alles auf 350 Seiten? Ja, geht, wenn man so dicht und spanend und abwechslungsreich erzählt wie Ina (ich denke mal, sie hat die Literatur zu verantworten) und so auf den Punkt genau historische Ereignisse Revue passieren lässt wie der benannte Historiker. Da stimmte einfach alles. Klingt übertrieben? Nein, ich gebe hier schon mal satte 10 von 10 Punkte.
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16 – Christopher Priest: „Die stille Frau“
Irgendwie bin ich froh, dass ich zu diesem Buch keine Rezension schreiben „muss“. Das „muss“ bezieht sich auf den NEUEN STERN. In den letzten Ausgaben fröne ich meiner neuen Leidenschaft, „eine Lanze für Christopher Preist“ zu brechen. Sehr spät habe ich seine faszinierende Phantastik für mich entdeckt, begonnen bei den Werken, die zum Traumarchipel-Zyklus gezählt werden (teilweise vermeintlich, da stimmt die Aufzählung in der deutschen Wikipedia gar nicht) lese ich mich jetzt wohl durch das Gesamtwerk.
Inzwischen konnte ich noch jemanden mit meiner „Mission“ anstecken. So hat Karsten Kruschel eine schon ältere Rezi von sich für den NEUEN STERN zur Verfügung gestellt („Amok-Schleife“) und nunmehr hat auch Peter Schünemann etwas von ihm gelesen und für den NEUEN STERN rezensiert: eben „Die stille Frau“.
Ausführlich also dort. Hier nur sei angemerkt, dass mir das Buch wieder absolut gefallen hat, auch wenn ich am Ende nicht genau weiß, wie sich all das, was da an Plot-Fäden und Problematiken angehäuft wird, auch auflöst.
In einer Mail hat mir Herr Priest geschrieben, dass er derzeit an einem Roman sitzt, der die Geschichte von „Die stille Frau“ wieder aufgreift und die er jetzt mit dem Traumarchipel verknüpft. Es ist so schade, dass wir das Werk auf Deutsch sicher nicht lesen werden; seit gut 15 Jahren ist von ihm nichts mehr bei uns erschienen…
Wer ist eigentlich „die stille Frau“? Die Protagonistin, eine in einem von radioaktivem Niederschlag verseuchten Gebiet im Südwesten Englands lebende Schriftstellerin, oder die Ermordete, ihre Freundin und ehemalige Schriftstellerin und Anti-Atomkraft-Aktivistin?
Es geht um einen Mord, es geht um das Geheimnis eines Manuskripts über sechs Frauen, das der Autorin insofern ein Rätsel ist, dass sie partout nicht nachvollziehen kann, warum die „Behörden“ das Manuskript kassierten und deren Veröffentlichung untersagen. Es geht um die Gefahren des Datensammelns und –manipulierens.
Es geht um einen vertuschten Nuklear-Unfall und es geht – wie immer bei Preist – um die sehr unterschiedliche Wahrnehmung der Wirklichkeit durch die handelnden Personen. Da gibt es sogar eine gute Stelle, wo er – nach meiner Auffassung – am Traumarchipel-Zyklus anknüpfen könnte. Der unsympathische Sohn der Ermordeten hat sich in jungen Jahren schon eine eigene Traum- und alternative Vorstellungswelt in seinem Kopf gebastelt, um mit der Realität, in der der nicht zurechtkam, leben zu können.
Ein sehr komplexer, dabei aber bis zum Schluss spannender Roman, der weder richtige SF, noch ein richtiger Krimi, auch kein dezidiert gesellschaftskritischer Roman sein will, sondern eine Mischung aus allem – und rätselhaft.
9 / 10 Punkte

17 – Jonathan Littell: „Die Wohlgesinnten“
Hörbuch.
Wow, ich habe es geschafft! Was mir als Buch – lesend – nicht gelang, konnte ich jetzt in Form eines Hörbuches nachholen: Dieses Riesenwerk (Umfang) durchgehört. Das hat mich glatte 4 Monate gekostet, denn ich höre nur zu bestimmen Anlässen (meiste lange Autofahrten allein, meist aber die Fußgänge zur und von der Arbeit). Und 1500 Seiten vorgelesen dauert halt.
Aber ich habe es geschafft und muss gestehen, dass man in diese Lebens-Abschnitts-Schilderung eines SS-Mannes, der an vielen Brennpunkten des II. Weltkrieges teilnahem, bzw. involviert oder zumindest zugegen war, schon reingezogen wird.
Der Erzähler ist dabei nicht immer so zuverlässig. Die historischen Hintergründe scheinen aber stimmig und plausibel und wahrhaftig zu sein, all diese Mörder-Bürokratie, die unsäglichen Grausamkeiten, dieser „Alltag des Krieges“. Dazu kommen eher traumhafte Sequenzen, die schon an waschechte Phantastik erinnern (Delirium nach Kopfschuss), oder an eine Groteske (Hitler in die Nase beißen).
8 / 10 Punkte

18 - Erik R. Andara: „Im Garten Numen“

20 – Louis-Ferdinand Céline: „Reise ans Ende der Nacht“
Die schönste, mehrmals wiederholte Passage aus dem Stück, könnte ich mir einrahmen – also, habe ich mir eingerahmt:

„Unser Leben ist eine Reise durch den Winter und die Nacht,
wir suchen, was den Weg uns weise
am Himmel, wo kein Stern uns lacht.“

Und sonst? Also, um ehrlich zu sein, ich komme mit dem lakonisch, distanzierten, leicht ironischen (?) Stil des Autors nicht so gut zurecht. Ich hätte mir mehr Tragik und sogar schwülstige Poesie gewünscht. Aber so ist das mit diesen Erwartungshaltungen…
Die Reise durch die Nacht in der ersten Hälfte (dem ersten Drittel gar) des 20. Jh. ist auch eine Reise durch verschieden Dschungel: Den des I. Weltkrieges, durch die Schützengräben in Frankreich, dann durch die Zentralafrikas (hier fühlte ich mich natürlich ganz dolle an Conrads „Herz der Finsternis“ erinnert), dann durch den anonymen und menschlich-kalten Großstadtdschungel New Yorks, wo der Ich-Erzähler nur ans F#@+*n denkt. Und immer fragt er sich, was er da eigentlich macht, was er da soll, was das alles soll – oder so ähnlich. Der Roman ist eher ein Bericht über eine Lebenseinstellung, die Handlung ist nebensächlich. Für mich nicht so das Wahre.
6 / 10 Punkte

21 – Dan Abnett: „Doctor Who – und stumme Sterne ziehn vorüber“
Hörbuch, gelesen von Tobias Nath
Dr. Who zum lesen (oder vorlesen lassen)? Warum nicht mal probieren?
Anfänglich wollte sich Enttäuschung breit machen. Der Autor ahmt die lockere, leichte, frohstimmende Atmosphäre der Filme nach. Im Plauderton werden da ja gern große Pläne geschmiedet, große Entscheidungen getroffen und Welten gerettet. Mir gefällt diese Atmosphäre – in den Filmen. Aber gelesen? Na ja, ich gebe zu, hätte ich es selbst gelesen, hätte ich vielleicht abgebrochen. Der Anfang war mir zu beliebig, zu unverbindlich, zu wenig relevant.
Aber die Story entwickelt sich – zu einer interessanten, spannenden SF-Story, die mit Sicherheit auch ohne den Doctor und seine Begleiter, Amy und Rory, funktioniert hätte.
Natürlich schweben einem die Gesichter aus den Filmen vor dem geistigen Auge beim Zuhören – und das funktioniert; ja passt, meiner Meinung nach.
Die Story selbst ist dabei nicht so komplex: Die Nachkommen irdischer Terraformer (Morphener) sehen sich einer schnell verlaufenden Klimaveränderung auf dem erdähnlichen Planeten ausgesetzt: Es wird kälter, ewiger Winter droht. Schuld daran tragen die Nachkommen der ausgestobenen Marszivilisation, die Eiskrieger. Die wollen auch den Planeten für sich, aber mögen es halt kalt.
Schön, aber wahrscheinlich immer das Unrealistischste an den Serien-Erzählungen: Der Doctor versucht eine friedliche Lösung. Auch den scheußlichsten und brutalsten Monstern begegnet er vorbehaltlos und freundlich, scheint sie gar nicht ernst zu nehmen.
Okay, war unterhaltsam, aber so ein Dr.-Who-Leser werde ich wohl nicht.
7 / 10 Punkte

22 – Albert Sánchez Piñol: „Im Rausch der Stille“
Viele meinen, das ist ein Horrorroman. Tatsächlich mutet der Anfang weird und lovecraftian an. Aber ich denke, dass ist eher eine First-Contact-Story, die an die Lost-Race-Stories des 19. und der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts anknüpft; also waschechte SF.
Ich war jedenfalls absolut positiv überrascht und froh, nach so langer Zeit die Lektüreerfahrung nachgeholt zu haben. Im Abgleich mit dem Film, „Cold Skin“, ist das Buch auch um Klassen besser, reichhaltiger (Figurenaufbau, philosophische Dichte).
9 / 10 Punkte

23 – Sybille Berg: "GRM“
Ja, okay, ich hab’s begriffen: Die Welt ist Scheiße, die Zukunft auch, trotz BGE. Wobei die Autorin wahrscheinlich Recht hat, mit allem. Ich will es nur nicht hoffen, besonders was den „utopischen“ Teil anbelangt. BGE kann m.M.n. Teil der Lösung der Probleme werden.
Die Story – welche Story? – ist in GB angesiedelt. Dass es dort bereits zu so enormen sozialen Verwerfungen kommt, zeigt die Autorin übrigens immer mal wieder bei Facebook in Form von Links zu Zeitschriftenartikeln. Die sind fast noch beeindruckender – im deprimierenden Sinne – als ihre sehr gekonnte Fiktion. Es ist schlimm! Und das im hochentwickelten Westen.
Aber die Story: Kaum vorhanden. Daher erlahmte bei mir der Lesedrang dann doch. Zum Schluss fast nur durchgequält. Daher leider nur
7 / 10 Punkte

24 - Ingo Scharnewski bei TES
Alle 9 Hefte von diesem Autor aus der Reihe bunTES Abenteuer, hg. v Gerd-Michael Rose in seinem Kleinverlag gelesen. Das wollte ich schon lange einmal tun. Von dem Autor findet man woanders – nach meinem Kenntnisstand – kaum was, was aber durchaus unverständlich ist. Damit dürfte TES hier etwas ganz Eigenes haben. Nicht alle Stories sind so gut, aber ein paar haben was. Der Autor schreibt „kleinteilig“, lenkt mit unwichtigen Details vom Wesentlichen ab. Auf die Dauer kann das nerven, aber er erzeugt damit Authentizität, verankert seine Stories in der Realität. Dann aber gibt es immer ein phantastisches Element, das die Story kippen lässt, auch wenn man sich z.B. bei der „Kiki“-Story schon an den Umstand gewöhnt hat, dass man hier ja eigentlich eine Liebesgeschichte serviert bekommt. Scharnewski ist ein Grenzgänger zwischen den Genres. Und unter dieser Rubrik stelle ich dann im NEUEN STERN auch alle Hefte mal vor.
Die Frau in der Bücherei, 5 / 2010
Der Hund, der auf zwei Namen hörte, 8 / 2011
Tätowierte Haut, 1. Teil, 4 / 2012
Tätowierte Haut, 2. Teil 5 / 2012
Curtis Anserina, 28 / 2014
Mademoiselle Kiki, Nr. 34 / 2016
1800, Nr. 41 / 2017
Uneinholbarer Vorsprung, Kiki 2, Nr. 44 / 2018
Zwei Seelen, ach, in einer Brust, Kiki 3, Nr. 48 / 2019
7 / 10 Punkte

25 - Albert Sánchez Piñol: „Pandora im Kongo“
Irgendwie knüpft dieses Buch an sein berühmteres „Im Rausch der Stille“ an, zumindest findet man viele Elemente daraus hier wieder: Die kleine Gruppe Europäer in einem ihnen fremden und unwirtlichen Umfeld (afrikanischer Urwald statt ferne Insel), einen humanoide, fremde Art (so zwischen Alien und Lost Race, hier: große, schlanke, weißhäutige, sechsfingrige und im Erdreich lebende Tektoner statt „Amphibienmenschen“), Liebesstory zwischen dem /den Europäer/n und einem weiblichen Wesen dieser fremden Art, kriegerische Auseinandersetzung zwischen den Arten und sogar der Zeitrahmen ist derselbe (I. Weltkrieg).
Diesmal haben wir aber noch eine Erweiterung – um das Schicksal von Trivial-Ghostwritern und um eine perfide Krimi- & Gerichts-Geschichte. Am Ende hat man dann auch ein ganz anderes Ergebnis als zuvor erahnt. Ich bin begeistert.
9 / 10 Punkte

27 – Arnolt Bronnen: „Arnolt Bronnen gibt zu Protokoll“
Faszinierende Autorbiografie eines faszinierenden Literaten und Menschen. Auch wenn er politisch, weltanschaulich nicht gerade „zuverlässig“ war und mit den Extremen „spielte“ – aber zu einer Zeit, da man nicht unbedingt wissen konnte, was mal aus solchen „Meinungen“ wie Faschismus entstehen kann (es zumindest nicht die „Erfahrung“ 3. Reich und 2. Weltkrieg gab) ist es halt schwer über jemanden den Stab zu brechen. Der Mann rechnet hier mit sich selbst ab, das liest sich wie ein Politthriller – vom Jugend-Bewegten (Wandervogel), über Theater-Expressionist und Theater-Skandal-Macher (Zusammen mit Bert Brecht), zum Frauen-Helden (2 seiner Angebeteten nahmen sich das Leben), Freund von Ernst Jünger und Joseph Goebbels, Radio-Macher der ersten Stunde, zum Widerständler gegen das NS-Regime. Nur sein Lebensabschnitt in der DDR lässt er leider aus. (Das Buch erschien aber auch schon 1954 und in die DDR übersiedelte er erst 1955.)
10 / 10 Punkte


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Hofmanns Leseliste bis kurz vor Ostern 2019

Geschrieben von T.H. , in Leseliste ab 2013 17 April 2019 · 424 Aufrufe
Christopher Priest, Bulgakow und 1 weitere...
Was hat denn der Hofmann so in letzter Zeit gelesen?
Den Bulgakow habe ich jetzt ziemlich durch, für Christopher Priest muss ich wieder eine Lanze brechen, "alte Bekannte" habe ich auch wieder getroffen...

7 – Angela & Karlheinz Steinmüller: „Traummeister“
Endlich mal nachgeholt (aus gegebenem Anlass). Das Buch ist eines der wenigen Fantasy-Bücher der DDR. Es erschien aber auf den letzten Metern, und ich denke mal, es ging etwas unter. Ich kann mich aber an die Erwartungshaltung an das Erscheinen des Romans erinnern, denn Teile, Erzählungen erschienen im Vorfeld (Lichtjahr) und die machten ja neugierig.
Na ja, jetzt also gelesen, weil ja demnächst bei Golkonda der Roman als eine der nächsten Gesamtwerk-Ausgaben erscheint. Und es hat gemundet. Die Analogien zur DDR sind erkennbar, aber nicht so eindeutig, finde ich. Es geht wohl um die Kraft und Verwirrung der Ideologie, die das Handeln der Menschen beeinflusst, dabei ausgenutzt und gelenkt werden kann. Traum = Ideologie, Utopie, Warnung etc. Am Ende geht es um die Macht, so lange, bis durch Revolution normales Leben fast unmöglich wird. Was mich nicht so ansprach, war die Sprache, die irgendwie auf altertümlich getrimmt ist, entsprechend des Entwicklungsstandes der Menschen auf diesem einst von irdischen Raumfahrern besiedelten Planeten. Schön sind die Traumsequenzen, in denen Dämonen und anderes traumatisches Gewürm über die Menschen herfällt.
8 / 10 Punkte

8 – Christopher Priest: „Der schöne Schein“
Das soll ja ein weiterer Traumarchipel-Roman sein. Hmm, nun ja, ob das mal stimmt? Auf der deutschen Wiki-Seite steht es so. Aber es gab keinen Hinweis auf diese Fantasy-Welt in dem Buch.
Allerdings ist der Roman schon sehr verwandt, denn es wird wieder geheimnisvoll mit der realen Welt gespielt. Und es ist wieder formal eine Liebesgeschichte, gebrochen durch einen Unfall und Gedächtnisverlust. Es ist ein Spiel der Manipulation und Realitätssicht; aber es gibt auch einen phantastischen Einfall, den der Autor aber in die reale Welt ganz selbstverständlich integriert. Mehr wundere ich dann im NEUEN STERN rum…
9 / 10 Punkte

9 – Michael Bulgakow: „Arztgeschichten“
Als der Schriftsteller noch jung war, war er Arzt, ein junger Arzt. Frisch von der Uni wurde er aufs Land „verschickt“, so um 1916 / 17, in die absolute russische Pampa.
Dort führte er eine Arztpraxis – ohne jede Erfahrung, und voller Ängste und Unsicherheiten.
Die satirische Ader des Autors kommt natürlich auch zum Tragen, die Dinge, die er da erlebt hat, sind mitunter auch komisch, aber meist doch eher tragisch. Die Unwissenheit und Naivität seiner Patienten hat was Komisches.
Aber zwei Dinge fielen mir bei der Lektüre besonders auf, bzw. halte ich für wichtig.
Die erste Sache, die mir die Stories und den Menschen Bulgakow auch absolut sympathisch machen: Der Medizinstudiumabsolvent ist sich seiner Sache absolut unsicher, er muss seine Unsicherheit aber verbergen. Er bricht fast unter der Verantwortung zusammen, kann es aber nicht zeigen; die Stories schrieb er ja 10 Jahre später. Das ist – so schlimm für den Mann und am Ende aber nicht für seine Patienten, denn er wusste sich und seinen Patienten dann doch zu helfen – so wohltuend zu lesen. Kommt es mir nur so vor: junge Menschen von heute mit viel Selbstbewusstsein ausgestattet, die sofort alles können (was man ihnen auch zumutet, bzw. von ihnen verlangt), die alles besser wissen, alles können – aber irgendwie von nix eine Ahnung haben, nerven mich.
Ich war total erstaunt und berührt von der Lektüre.
Ein 2. kleines Detail: Die bäuerliche Kundschaft des seines Standes wegen hochangesehenen Arztes sind gar nicht so devot, wie ich es ihnen unterstellen würde. Sie zeigen Selbstbewusstsein, lehnen (mitunter aus Unwissenheit und Angst) eine Behandlung (erst mal) ab. Reagieren also so, wie man es heute von mündigen Bürgern erwartet. Fand ich bemerkenswert.
Ansonsten erzählt der Autor im Grund eine Story mehrmals, immer anders ausgeschmückt.
Die letzte, „Morphium“, erzählt von der Rauschgiftsucht, die einen anderen (aber im Grunde war es doch auch autobiografisch) jungen Arzt befällt, als er sich mal an das Schmerzmittel Morphium gewöhnt hat. Seinen alter ego treibt die Sucht in den Selbstmord. Das ist ja dann auch mal eine ordentliche Warnung.
Großartige, kurzweilige Einblicke in eine fremde, und doch irgendwie vertraute Welt.
9 / 10 Punkte

10 – Michael Bulgakow: „Die verfluchten Eier“
Die Novelle (Powest?) wurde von Alexander Nitzberg neu übersetzt, daher auch der etwas andere Titel. Auch bekannt als „Die verhängnisvollen Eier“.
Nun muss ich gestehen, das Büchlein in der DDR-Zeit gar nicht gelesen zu haben. Mit der satirischen, „typisch russischen“ Art und Weise der Erzählung konnte ich – so meine Erinnerung – nicht viel anfangen. Die Alltagsbezüge zur jungen Sowjetunion lenkten mich damals zu sehr vom phantastischen Inhalt ab. Heute sehe ich das anders. Doch daher weiß ich nicht, ob die ziemlich bissigen Spitzen gegen die Revolution, gegen die Bolschewiki, gegen das Leben in der Sowjetunion auch in der DDR-Ausgabe standen. Z.B. spielt, wie in „Meister und Margarita“, die Wohnungssituation, die ja in der SU eher prekär „gelöst“ wurde (Gemeinschaftswohnungen), eine gewisse Rolle. Aber auch insgesamt ist der Professor, der den lebenspendenden Strahl entdeckt, nicht gerade Pro-Sowjet. eingestellt.
Die „Wells’sche Phantasie“ besteht im Grunde „nur“ in der eher zufälligen Erfindung dieses Strahls, der Tiere schnell und übermäßig wachsen, sich vermehren und aggressiv werden lässt. Als dann eine Eier-Krise ausbricht und alle Hühner sterben, will ein ehrgeiziger Genosse den Strahl entsprechend einsetzten. Zu dumm, dass man die Eierlieferungen verwechselt (Hühner gegen Reptilien). Der apokalyptische Riesen-Tier-Ansturm wird recht schnell abgehandelt und ihr Ede kommt doch sehr überraschend und nicht sehr überzeugend.
7 / 10 Punkte

11 – Michael Bulgakow: „Hundeherz“
Den Klassiker Bulgakowscher Phantastik musste ich nun auch endlich mal lesen. Ich kann wenigstens sagen, dass ich den Stoff als Theaterstück bereits in den 90ern gesehen habe, in Dresden, im Theaterkahn, mit Uwe Steimle. Nun also das „Original“.
Der Plot hat mich nicht mehr überrascht. Ein – im Grunde ziemlich nerdiger, dem Alltag abgewandter – mad scientist versieht einen streunenden Hund mit menschlichem Herz und Gehirnteilen. Es setzt eine rasante Verwandlung ein, der Hund wird Mensch. Unser Professor Filipp Filippowitsch Preobrashensk ist ein naher Verwandter des Wells’schen Dr. Moreau, wie es aussieht. Auch Filipp Filippowitsch will schauen, ob man hier was verbessern kann.
Klappt nicht. Wobei mir persönlich bei der Lektüre nicht mal die Schlechtigkeit des „Hundes“ auffiel, sondern eher die sicher verständliche Ablehnung der revolutionären neuen Sowjetordnung durch den bürgerlichen Professor. Die Frage der Akzeptanz der neuen Ordnung bricht sich – wie schon in „Meister und Margarita“ und auch in den „Verhängnisvollen Eiern“ thematisiert – an der Frage des knappen Wohnraums. Der wird durch quasi-verbeamtete proletarische Ordnungskräfte gleichmacherisch aufgeteilt, was am Ende irgendwie mehr Elend als Gerechtigkeit erzeugt. Aber muss so ein Prof denn wirklich 5 Zimmer für sich haben? Na ja…
Unser „Hundeherz“ reiht sich in die proletarische Revolutions-Garde ein, der Prof und sein Gehilfe ziehen die Reißleine.
8 / 10 Punkte

12 – Jack Williamson: „Geschöpfe der Nacht“
Buch 1 einer Lesung verschiedener Quellen zur Erkundung seltsamer Persönlichkeiten, die allesamt in einem Musik-Album auftauchen. Wovon ich hier spreche? Hmm, verrate ich mal noch nicht. Das kommt dann im NEUEN STERN.
Dieses kleine Horror-Büchlein, aus dem Jahre 1940, auf Deutsch in der Ullstein-Reihe „Visionen des Schreckens“ 1979 erschienen, war eine Inspiration für eine sehr interessante und obskure Persönlichkeit der Geschichte: Jack Parsons.
Ob ich hier wirklich nachvollziehen konnte, was Herr Parsons da zu finden glaubte?
Die Story ist ziemlich einfach. Ein Forscherteam kommt ziemlich verstört von einer jahrelangen Expedition rund um die Welt zurück und wird Mann für Mann gemeuchelt. Wer der oder die Täter sind, ist im Grunde klar. Es geht hier um einen evolutionären Ausrutscher, den die Forscher entdeckten. Also, der Ausrutscher ist übrigens: Der Mensch – also du und ich. Die Ur-Menschen gibt es aber auch noch, bzw. ihre Gene in uns, so mehr und weniger. Und je nachdem wie ausgeprägt sie wirken, sind wir zu Dingen fähig, die unsere Vorfahren konnten. Das erklärt dann vieles, z.B. das Phänomen der Werwölfe.
Hübsch, kurzweilig, 8 / 10 Punkte

13 – John Carter: „Raumfahrt, Sex und Rituale“
Der Untertitel lautet: „Die okkulte Welt des Jack Parsons“. Das wäre dann das 2. Werk zur Erklärung der Songs des oben bereits angedeuteten Musikwerkes. Hier geht es direkt um eine besungene Person, den Raketenforscher und Okkultisten Jack Parsons.
Also, von wegen „Jack“, er nutzte verschiedene Vornamen, das gehört sicher zum Gesamtbild dieser irgendwie mehrfachen Persönlichkeit. Schizophren war er nicht, aber eben sehr vielschichtig. Das das so zusammenging: rationaler Forscher und tatkräftiger Bastler und gleichzeitig okkulter Führer, überzeugt von esoterischen Dingen und charismatischer Leiter okkulter Zirkel, Kulminationspunkt einer obskuren Szene, die aus Okkultisten und SF-Autoren bestand. Er verband seine Interessen und sammelte interessante Menschen um sich. In seinem Umfeld tauchte z.B. ein gewisser Herr Hubbard auf.
Leider wurde er nicht alt; er erlitt einen Unfall mit Sprengstoff. Die Umstände sind nicht genau geklärt… Ausführlich im NEUEN STERN.
9 / 10 Punkte (vor allem wegen der interessanten Inhalte)

14 – Christopher Priest: „Schwarze Explosion“
Auf meiner Mission „Eine Lanze für Christopher Preist“ stoße ich auf einen ersten Widerstand. Also, das ist jetzt schon etwas kompliziert. Nein, nicht der Roman, der dürfte einer der am wenigsten mysteriösen Romane des Autors sein, sein Zweitling wohl, auch wenn die Komposition des Romans anfänglich für Verwirrung sorgen kann – nein, ich meine das Buch, gelesen im heutigen gesellschaftlichen, politischen Kontext Europas.
Heute so gelesen, wie der Autor das Anfang der 70er schrieb, kann es absolut missverstanden werden. Aber andererseits: Was weiß ich schon? Vielleicht kann man das Buch gar nicht missverstehen?
Fakt ist, dass der Autor es 2011 überarbeitet noch mal rausbrachte. Leider kenne ich diese überarbeitete Fassung nicht – wenn jemand diese Notiz hier von mir liest und die neue Version kennt, wäre ich über ein paar aufklärende Worte sehr, sehr dankbar!
ohne Wertung

15 – Helmut Krausser: „Geschehnisse während der Weltmeisterschaft“
Es handelt sich um SF, um Nah-SF, um eine Dystopie. Europa wird rechtspopulistisch regiert, aber es gibt öffentliche Sex-Sport-Meisterschaften. Die Sportler sind Profis und treten paarweise gegen andere Mannschaften anderer Länder (wo dieser Sport noch zugelassen ist) an. Der Roman ist dabei keineswegs pornografisch, spricht aber auch nicht das Kopfkino an. Das ist halt Leistungssport. Vergnügen daran kann jemand haben, der gern Sportberichte liest. Dazu gehöre ich leider nicht.
Dieser Gag hat sich für meine Begriffe schnell abgenutzt. Die übrige Handlung konnte mich nicht locken, weder der eingeflochtene Krimi um einen ermordeten Ex-Sportler, ein bisschen nur der E-Mail-Dialog zwischen einer Sportlerin und einem ihrer Fans. Das hatte was!
Der Autor kann ja witzig schreiben, aber auch die Witze wollte nicht bei mir zünden.
6 / 10 Punkte






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Motto

„Die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nigthmare.“ 

Arno Schmidt

Thomas Hofmann, ein Phantastik-Fan

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© Thomas Hofmann

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Als Freund der phantastischen Künste artikuliere ich mich seit ca. 1988. Vielleicht kennen einige von Euch meine Zeichnungen. War auch als Rezensent im Fandom unterwegs, einst vor allem im leider nicht mehr existenten Fanzine SOLAR-X, neuerdings im NEUEN STERN (kein Fanzine, nur ein "Rundbrief...")
Dieses Blog soll den geneigten Leser auf Tipps und Termine in Sachen Phantastik aus dem Raum Halle / Leipzig hinweisen. Einer alten SOLAR-X-Tradition folgend möchte ich auch Berichte zu von mir besuchten SF / Phantastik-Veranstaltungen einstellen.
Ich will immer mal wieder auf die Stammtisch-Termine meines Heimat-SF-Clubs, des ANDROMEDA SF CLUB Halle und auf die Veranstaltungen des Freundeskreis SF Leipzig hinweisen.

Man wird hier auch die eine oder andere Rezension zur Phantastik aus alten Tagen von mir finden, von denen zumindest ich meine, dass sie nicht völlig dem Vergessen anheim fallen sollen.

Mehr als Merkhilfe für mich, aber vielleicht auch als Anregung für den einen oder die andere Leser/in wird hier meine kommentierte Leseliste zu finden sein.


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Impressum

Thomas Hofmann

Kontakt: 
Telefon: 0345-7764072
E-Mail: phantastische.ansichten@web.de

Verantwortlich für den Inhalt nach § 55 Abs. 2 RStV:
Thomas Hofmann 
Kurt-Freund-Str. 18
06130 Halle 

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Archiv

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Bücher, die weitestgehend von mir illustriert wurden:
Sagen der Oberlausitz, Nordböhmens und angrenzender Gebiete; Oberlausitzer Verlag A. Nürnberger, 1990

Sagen der Oberlausitz..., Band II, ebd., 1991
Oberlausitzer Kochbuch mit historischen Betrachtungen, ebd., 1991
Märch. d. Bergwelt, ebd., 1991
Wilko Müller jr. & Renald Mienert: Die Zeitläufer, Solar-X-Prod., 1994
Das große Dorfhasser-Buch, Aarachne, Wien, 2000
Christian v. Aster: Nachmieter gesucht, midas 2000
Von dunklen Kräften und alten Mächten, Rollenspielbuch, Caedwyn, Hannover 2001
Das große Verwandtenhasserbuch, Aarachne, Wien 2001
N. Rensmann: Ariane, Bastian, Luzifee und Co., K&C Buchoase,Solingen, 2001
Felten & Streufert: Gänsehautgeschichten, K&C Buchoase, Solingen, 2001
Spinnen spinnen. Die Anthologie zu nützlichen Tieren, Aarachne, Wien 2002
Peter Brandtstätter: Von Schmetterlingen und der Liebe..., Wien, 2002
Feenmond, Rollenspielbuch, Caedwyn, Hannover 2002
Ruf der Ferne, Rollenspielbuch, Caedwyn, Hannover 2003
Frank Haubold: Das Geschenk der Nacht. Phantastische Erzählungen, EDFC e.V., Passau, 2004
Das Mirakel, Phantastische Erzählungen, EDFC e.V., Passau, 2007
Rose Noire, Anthologie im Voodoo-Press, 2009
Michael Knoke: Das Tal des Grauens, Voodoo-Press, 2010
Michael Siefener: Die Entdeckung der Nachtseite, Verlag Lindenstruth, 2011

A.G.Wolf: Die weissen Männer, VP 2013
■ Tobias Bachmann, "Liebesgrüße aus Arkham", Edition CL, 2016
■ A.G.Wolf: Die weissen Männer, KOVD 2020 (Neuauflage)

Bücher, an denen ich mich beteiligen durfte:
Der Abenteuerwald. Phantastische Nachwuchsanthologie, Kreutziger Verlag, 1996
Das Herz des Sonnenaufgangs, Eine Alien Contact Anthologie, 1996
Liber XIII und andere unerwünschte Nachlässe, Goblin Press, 1999
Lichtjahr 7, Freundeskreis SF Leipzig e.V., 1999
Von kommenden Schrecken, Buch zum ElsterCon, Leipzig, 2000
Der Erstkontakt. Stories und Bilder aus dem Perry-Rhodan-Wettbewerb, Berlin, 2001
Phantastik 2002, Taschenkalender, 2001
Michael Lohr, Gemurmel aus dem Buch der Drachen, 2001 [/font
Hysterisch funktionieren, Aarachne, Wien. 2002
C. Bomann: Anthrins Kind, Abendstern-Verlag, Parchim, 2002
C. Bomann, Parchimer Hexengeschichten, Abendstern-Verlag, Parchim, 2002
Des Todes bleiche Kinder, Abendstern-Verlag, Parchim 2002
Geschichten von Phönix und Sperling. Buch zum ElsterCon, Leipzig, 2002
Cover: Wilko Müller jr.: Operation Asfaras, Ed. Solar-X, 2003
Alien Contact Jahrbuch 1 für 2002, Shayol, 2003
Alien Contact Jahrbuch 2 für 2003, Shayol, 2004
Alien Contact Jahrbuch 3 für 2004, Shayol 2005
Cover: Carl Grunert: Der Marsspion, DvR, 2005
G. Arentzen: Christoph Schwarz, Detektiv des Übersinnlichen, Bd. 1 bis 6, Romantruhe, 2005
M. Borchard: Der Zeitarzt, SF Blues Bd. 4, edfc, 2005
Cover: Wilko Müller jr. & Renald Mienert: Die Zeitläufer, Ed. Solar-X, 2005
Cover: Carl Grunert: Im irdischen Jenseits, DvR, 2005
Cover: Carl Grunert: Zukunfts-Novellen, DvR, 2005
Markus Kastenholz: Tiamat 1 - Asche zu Asche, VirPriV-Verlag, 2005
Welt der Geschichten 1, Web-Site-Verlag, Mai 2006
Cover: Wilko Müller jr.: Mandragora, Ed. Solar-X, 2006
Kastenholz, Ippensen: Tiamat 2 - Die Stunde Null, VirPriV-Verlag, 2006
Nocturno 6, VirPriV-Verlag, 2006
Alien Contact Jahrbuch 4 für 2005, Shayol, 2006
Welt der Geschichten 2, 2006 (alte Ausgabe; in der Nachauflage von 2008 sind keine Bilder von mir enthalten)
Welt der Geschichten 3, 2008 (neue Ausgabe)
Cover: Bernd Rothe & Astrid Pfister (hg.): Gequälte Seelen; Welt der Geschichten Sonderausgabe, 2008
Robert N. Bloch: Michael Siefener. Eine kommentierte Bibliographie, Verlag Lindenstruth, 2011
Frank W. Haubold: Der Puppenmacher von Canburg, Edition Lacerta(eBook) und CreateSpace Ind. Pub. Platform, 2012

"Saramees Blut", Atlantis 2012

M. Kastenholz: Projekt Hexenhammer, Printausgabe, 2013

Simon & Steinmüller: Die Wurmloch-Odyssee, Shayol, 2014
■  Richard Kühle: Alraune und der Golem, Goblin-Press, 2015
■ Ine Dippmann und Uwe Schimunek: Leipzig mit Kindern, Jaron 2015
■ Leipzig - Visionen. Gestern und heute, FKSFL & Edition Solar-X 2015
■ Simon & Steinmüller: Die Wurmloch-Odyssee, Memoranda, 2017

■ Simon & Steinmüller: Leichter als Vakuum, Memoranda, 2017
■ Uwe Lammers, „Mein Freund, der Totenkopf“, Teil 1, 2017
■ IF Magazin für angewandte Fantastik # 666, Okt. 2017

■ Angela & Karlheinz Steinmüller: Andymon, Memoranda, 2018
■ Ferne Welten, Buch zum 14. ElsterCon, 2018
■ Angela & Karlheinz Steinmüller: SPERA, Memoranda, 2018
■ Angela & Karlheinz Steinmüller: Sphärenklänge, Memoranda, 2019
■ Angela & Karlheinz Steinmüller: Der Traummeister, Memoranda, 2020

 

Magazine und SmallPress
Alien Contact, Kopfgeburten, GOTHIC, The Gothic Grimoire, Vanitas, Tanelorn, Fleurie, Bonsai 6 / Zimmerit 5, 1995, Tumor (Sonderheft 8), Andromeda SF Magazin des SFCD 143 / 144, EXODUS 15 / 16 / 17 / 18 / 19 (mit Galerie v. mir, 2006) / 20 / 21 / 22 / 24 / 25 / 27
einblicke. Zeitschrift der Krebsforschung, August 2005,
Watchtower 8 / 9
Die Ruhrstadt-Zeitung 41
ARCANA 6 (2005)
Andromeda Nachrichten 216, 218 / 219, 220, 222, 223, 224
Nova 16 (2010)
Fantastic Artzine 1, Fantastic Artzine. Halb-Zeit, beide 2012

Nova 22 (2014)
Der lachende Totenschädel, Nr. 3 (10 / 2015)
Cthulhu Libria Neo, BuCon-Ausgabe 10/2015

Cthulhu Libria Neo 1, April 2016

Cthulhu Libria Neo 2, Oktober 2016
Cthulhu Libria Haunted Houses, März 2017
EXODUS 36, Juni 2017

Der lachende Totenschädel Nr. 4, Jan.2018

!Time Machine, Januar 2018
IF #7, März 2018

EXODUS 38, 09 / 2018
!Time Machine 2, Januar 2019
!Time Machine 3, April 2020

Fanzines

Solar-X, Fiction Post, Goblin Press Hefte

TERRAsse 27 (zum 60. FörsterCon, April 2019)
TERRAsse zum PentaCon 2019

CD-Cover
The Beat Of Black Wings: Nightfall; 1999
Syngularity: The Four Horsemen; 2000
Gothica: Within A Dream; 2000
Gothica: Into The Mystic; 2000
The Beat Of Black Wings: Black Love; 2000
■ Gothica, Workbook 1995, 2003

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