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PetraHartmann



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Jahresrückblick IV: Oktober bis Dezember 2019

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 31 December 2019 · 625 Aufrufe
Jahresrückblick
Vierter Teil meines Lese-Rückblicks auf das Jahr 2019. Es ist wieder viel Haskala-Literatur dabei, Bücher über Goslar, Phantastik, etwas über Luftfahrt-Pioniere. Viel Spaß beim Lesen!

Die anderen Quartale: Januar bis März, April bis Juni, Juli bis September

Oktober

Christoph Marzi: Charing Cross

Alexandra Kui: Der Nebelfelsen
Die Verfasserin hat vor meiner Zeit bei der Goslarschen Zeitung gearbeitet und im Buch den Redaktionsalltag geschildert und ein paar Kollegen abkonterfeit. Als mir eine Kollegin das erzählte, war natürlich klar, dass ich mir den Roman anschaffen musste. Wobei es nicht um die Goslar-Redaktion ging, in der ich sitze, sondern um eine Außenredaktion, die in dem fiktiven Harzort "Grauen" angesiedelt ist.
Das Buch hat mir hat eine sehr schöne, eingängige Sprache und einen guten Erzählfluss, und auch wenn ich nicht viel aus meiner aktuellen Umgebung wiedererkannte, kann ich mir doch vorstellen, dass sie die Kollegen gut getroffen hat. Es geht um eine neblige Klippe, von der sich immer mal wieder ein Selbstmörder hinabstürzt. Ein zwiespältiges Besitztum der Gemeinde Grauen. Denn einerseits will natürlich niemand Menschenleben in Gefahr bringen, doch andererseits lebt fast die gesamte Bevölkerung vom Tourismus, und die regelmäßigen Berichte über die unheimliche Sogwirkung, die von diesem nebligen Felsen ausgeht, erweisen sich als grandioser Besuchermagnet. Busladungen vor Touristen strömen regelmäßig nach Grauen, um den Grusel der Klippe hautnah zu spüren. Als die Heldin des Romans erfährt, dass sich ihre Freundin hier umgebracht haben soll, reist sie nach Grauen. Es geht nicht nur um Spurensuche. Die hochqualifizierte Starfotografin, deren Aufnahmen sonst in Hochglanzmagazinen abgedruckt werden, befindet sich offenbar in einer massiven Midlife-Crisis. Gerade hat sie ihrem Freund den Laufpass gegeben, und im Job kriselt es. Da kommt ihr das Angebot eines Grauener Zeitungsredakteurs, für ihn als Fotografin zu arbeiten, gerade recht. Zwischen Fotografin und Redakteur beginnt es zu knistern. Was eine kriminaltechnische Ermittlung hätte werden sollen, wird zur Liebesgeschichte. Aber dann erfährt die Frau doch noch, was an der Nebelklippe geschah.
Wie gesagt: Eine echt gut geschriebene Story. Einen halben Punkt Abzug gibts für den Etikettenschwindel: Es steht "Krimi" auf dem Buch. Dabei ist es eine waschechte Liebesgeschichte, in der am Rande auch gestorben wird. Ansonsten: Empfehlenswert, nicht nur für GZ-Redakteure.

Hans Baumann: Redleg. Der Piratenjunge im Schottenrock
Ein antiquarisches Buch, gefunden bei Amazon Marketplace. Redleg, der Titelheld, ist ein Junge aus Schottland, der stets einen Schottenrock trägt, auch im Winter. Weil die nackten Beine dann der Kälte und dem Wind ausgesetzt sind, frieren sie rot, daher der Name. Redleg ist Waisenkind und träumt eigentlich davon, eine Mühle zu besitzen. Aber dann wird er von Piraten gefangen und verschleppt. Fliehen kann der rotbeinige Schiffsjunge von dem Schiff nicht. Aber ein gleichfalls verschleppter Schiffsarzt gibt ihm einen Tipp: Der Weg nach draußen führt über die Karriereleiter. Nach und nach arbeitet sich der gewitzte Schottenjunge in der Hierarchie des Schiffs nach oben, wird Ausguck, Proviantpirat, Pulverfachmann, Kassenchef. Schließlich bringt er es bis zum Kapitän. Aber auch das ist nur ein weiterer Zwischenschritt auf seinem Weg zu seinem Lebensziel: Müller zu werden. Heiteres, amüsantes Kinderbuch, nett geschrieben. Hat mir Spaß gemacht. Wenn ich auch die Bemerkung im Klappentext, das Buch sei darum erst so spät fertig geworden, weil der Illustrator sich immer wieder halbtot gelacht hat, doch etwas übertrieben finde.

Gerd Bedszent: Im Auge des Chaac, Teil 1 und 2 (BunTES Abenteuer 23 und 24)
Mich hatte im vergangenen Jahr in der Anthologie "Heimkehr - Thüringen morgen und übermorgen" die Geschichte "Finklbergs Plan" von Gerd Bedszent sehr beeindruckt. Darum musste ich mir auf dem BuCon unbedingt die beiden TES-Hefte des Autors anschaffen. Wobei es nicht zwei Heftromane sind, sondern eine Story, die wegen ihres Umfangs auf zwei Hefte verteilt ist.
Der Ich-Erzähler ist derselbe Journalist wie in "Finklbergs Plan", zu dem dieser Roman gewissermaßen die Vorgeschichte bildet. Es geht um illegalen Handel mit Maya-Artefakten, um brandgefährliche Banditenbanden und skrupellose Kunsthändler, außerdem um eine junge indigene Widerstandskämpferin und ihren Kampf für den Erhalt ihrer Kultur und gegen den Ausverkauf archäologischer Schätze. Als die Banditen ein steinernes Relief einer bisher unbekannten Maya-Pyramide verscherbeln wollen, sind die junge Frau und der Journalist vor Ort und dokumentieren den Fall - eine todgefährliche Reportage ... Sehr spannend und gut geschrieben. Daumen hoch.

Bergrat Dr. Ing. Hans-Hermann von Scotti
Biografie eines für Goslar bedeutenden Menschen, der den Bergbau im Rammelsberg - und nicht nur dort - geprägt hat. Das Buch erschien als Jahresgabe des Fördervereins Weltkulturerbe Rammelsberg. Ich habe es für meine Zeitung gelesen, rezensiert und ziemlich böse verrissen. Ziemlich fragwürdig fand ich das Kapitel über von Scotti als Chef des Rammelsberges in der Nazizeit, über den Einsatz von Zwangsarbeitern in den Bergwerken und die Art, wie er im Zweiten Weltkrieg in eroberten Ländern kriegsnotwendige Rohstoffe requirierte. Im Artikel habe ich geschrieben:
"Erschütternd undistanziert schildert der Autor die Probleme bei der Beschaffung der Arbeitskräfte. 200.000 Jugoslawen waren als Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter nach Deutschland gebracht worden. 'Dadurch war das Arbeitskräftereservoir in dieser Gegend eigentlich bereits erschöpft' (S.132), heißt es im Tonfall eines modernen Managers, der den Fachkräftemangel beklagt. Eichhorn erwähnt die 'Bereitstellung von 10.000 ungarischen Juden' (S.133). Man könnte fast Mitleid haben mit den Bergbau-Organisatoren, wenn es heißt: 'Die Inbetriebnahme der Werke, die an der Grenze zu Kroatien und Albanien lagen, wurde von Anfang an durch Sabotageakte der Partisanen erschwert. Trotz dieser starken Beeinträchtigungen schaffte es die Preußag, nahezu den gesamten deutschen Antimonbedarf zu decken.'
Beinahe zynisch klingt die Beschreibung, wie Deutschland lange versuchte, die Gruben und Hüttenbetriebe im jugoslawischen Bor zu erlangen: 'Trotzdem waren die französischen Eigentümer erst nach der Kapitulation Frankreichs bereit, ihre Aktien an deutsche Interessenten zu verkaufen', notiert Eichhorn (S. 130). Auch wenn er nachschiebt, dieser Verkauf sei nicht auf politischen Druck geschehen – ein bitterer Nachgeschmack bleibt."
Zum Thema Zwangsarbeiter:
"In einem Bericht aus dem Jahr 1942 heißt es: 'Nachdem jedoch eine Anzahl hartnäckiger Bummelanten der Geheimen Staatspolizei gemeldet und von dieser in ein Arbeitserziehungslager oder Konzentrationslager gebracht worden war, haben die pflichtwidrigen Arbeitsverhältnisse fast völlig aufgehört.' Was er selbst damals dachte, bleibt weitgehend außen vor." (...)
"Erst im Schlusswort stellt Eichhorn die Fragen, die sich anlässlich des NS-Kapitels dem Leser stellen. Was dachte der Bergrat? Was sagte sein Gewissen? Der Mann wurde nach dem Krieg bald entnazifiziert, war wieder in leitender Position im Bergbau tätig. Er starb erst 1966, eine kritische Aufarbeitung scheint es nicht gegeben zu haben. Eichhorn versucht, von Scottis Handeln aus soldatischer Tradition und preußischer Pflichterfüllung zu erklären. Im Prinzip sei er Technokrat gewesen. Es sei ihm um das Erfüllen von Aufgaben, die technische Abwicklung, das Funktionieren des Betriebs gegangen. Das klingt logisch. Doch hätte man sich gewünscht, dass der Autor in der Technokraten-Eigenschaft dem Forschungs-Objekt nicht gefolgt wäre."
Meine vollständige Rezension zum Buch findet ihr hier (allerdings hinter der Bezahlschranke). Wer sich für das Buch selbst interessiert, findet eine kostenlosen Download hier.

November

Fabienne Siegmund: MoonBird

Manas. Dargestellt von Theodor Herzen. Erzählt von Samar Mussajew. Russische bearbeitet von Michail Rudow.
Den "Manas" wollte ich schon seit mindestens 20, wohl eher seit 30 Jahren lesen, aber bisher habe ich keine ordentliche Textausgabe die riesigen Epos gefunden (gibt es die überhaupt?).
Auch dies ist keine Ausgabe des Epentextes, sondern ein sehr schönes Kunstbuch. Es enthält die Illustrationen, die Theodor Herzen gemacht hat. Sehr beeindruckende Bilder in unterschiedlichen Techniken und aus unterschiedlichen Schaffensperioden, ein Lebenswerk. Dazu gibt es eine kurze Inhaltsangabe, jeweils auf Russisch und Deutsch, in der die einzelnen dargestellten Stationen der Geschichte kurz erläutert werden. Optisch grandios. Aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, einmal den kompletten Manas in einer deutschen Übersetzung zu lesen.

George Saunders: Fuchs 8
Ein liebenswürdiges, herzerwärmendes Büchlein über einen Fuchs, der die Sprache der Menschen so wunderschön findet, dass er sie lernt und dann auch zu schreiben beginnt. Fuchs 8, wie der kleine Held dieser Geschichte heißt, hat nicht nur einen freundlichen, naiven Blick auf alles, was die Menschen tun, sondern er hat auch eine Rechtschreibung, die man geradezu als rührend bezeichnen kann. Getreu dem Motto: "Schreib, was du hörst" setzt er seine Gedanken in Buchstaben um. Er erzählt von seinen ersten Begegnungen mit Menschen, vom Zauber ihrer Sprache, die in seine Ohren wie eine wunderschöne Musik klingt. Aber auch von dem schweren Leid, das die Menschen über die Fuchsfamilie gebracht haben, als sie den Wald zerstörten, um ein Einkaufszentrum zu bauen. In der Sprache von Fuchs 8 klingt das so:
"Wenn ir oich so schlecht fülen wollt wi di Fükse jezz dann 1) Wochen lang kaum was fressen, 2) seen, wi vile Froinde, du auch, jeden Tag dünner und dünner werden, 3) seen, wi merere von deinen gelibten Froinden immer dünner werden, bis si sterben."
Fuchs 8 fasst sich ein Herz: Zusammen mit seinem Freund Fuchs 7 schleicht er sich in die "Mall", um etwas zu essen zu finden. Beide sind begeistert. Doch dann passiert das Schreckliche, Undenkbare: Die von Fuchs 8 geliebten und verehrten Menschen entpuppen sich als blutrünstige Mörder und bringen seinen Freund Fuchs 7 um. Fuchs 8 kann fliehen. Lange braucht er, um seinen Schock zu überwinden. Aber dann schreibt er den Menschen einen Brief und fragt sie, warum sie so böse und gemein sind und warum sein Freund sterben musste.
Ganz große kleine Literatur. Wer an diesen Fuchs 8 nicht sein Herz verliert, der hat keines zu verlieren.

Maja Nielsen: Abenteuer! Pioniere der Lüfte
Ich liebe ja Maja Nielsens Abenteuer-Reihe. Bisher habe ich mir die einzelnen Teile immer als Hörbücher beziehungsweise Hörspiele im Auto gegönnt. Dieses hier war Urlaubslektüre und obendrein als Hintergrundmaterial für einen Flieger-Roman bestimmt, da war dann mal die Print-Ausgabe fällig. Erzählt wird darin die Geschichte der Brüder Wright und ihres Flyers. Sehr lehrreich und pädagogisch gut und lebendig aufgebaut. Man kommt gut in die Gedankenwelt der Brüder und die technischen Fragen hinein, und durch die großzügige Bebilderung wird das Ganze auch sehr fasslich. Wie immer bei Maja Nielsen ist auch in diesem Abenteuer die Historie nicht abgeschlossen. Die Autorin erzählt auch über einen aktuellen Pionier der Luftfahrt. Sie stellt den Schweizer Bertrand Piccard vor, der über energiesparende Flugmaschinen nachdenkt und der mit seiner solarbetriebenen Flugmaschine "Solar Impulse" die Erde umrundete. Sehr beeindruckend.

Sabine Fitz: Die bedeutendsten Pioniere der Lüfte
Noch ein Buch über Luftfahrt-Pioniere, diesmal nicht speziell über die Wrights, sondern in jeweils ca. achtseitigen Kapiteln über sehr unterschiedliche Flieger und Konstrukteure. Darunter sind Otto Lilienthal und Graf Zeppelin, aber auch der Schneider von Ulm und Leonardo da Vinci. Es geht um Charles Lindbergh, die Brüder Montgolfier, um Fockes Hubschrauber, um die Rekordpilotin Amelia Earhart und die Langstreckenfliegerin Amy Johnson. Das Ganze reich bebildert, optisch sehr gut und übersichtlich aufgemacht, mit Skizzen, Steckbriefen und mit einem kleinen pädagogisch wertvollen Multiple-Choice-Test nach jedem Kapitel. Sehr lehrreich, ich werde es gern wieder zu Rate ziehen für meinen Roman.

Andreas Zwengel: Panoptikum
Eine Sammlung mit zwölf Kurzgeschichten des Autors. Die Storys sind, bis auf zwei Ausnahmen, bereits in Anthologien veröffentlicht worden und entstammen den unterschiedlichsten Subgenres der Phantastik - von Horror über Science-Fiction zu klassischen Vampirgeschichten und Steampunk. Einen Teil davon kannte ich bereits aus anderen Sammlungen. Mein Favorit war die Steampunk-Geschichte "Volldampf", in der der "eiserne" Kanzler in einem Zug auf den magischen Schutzschild Prags zurast ... Sehr schön.

Antonia Michaelis: Das Institut der letzten Wünsche
Zauberhaft-liebenswürdiger Roman über zwei Frauen, die mit ihrem Unternehmen Sterbenden ihre letzten Herzenswünsche erfüllen wollen. Wer die Dienste des Instituts in Anspruch nehmen will, darf jeden, auch den absurdesten Wunsch aussprechen, und die beiden Frauen setzen alles daran, ihn zu erfüllen. Bedingung: Der Kunde muss eine ärztliche Bescheinigung vorlegen, dass die voraussichtliche Lebenserwartung bei maximal sechs Monaten liegt. Ein trauriger Ausgangspunkt. Aber gleichzeitig auch die Basis für eine ungeheuer leichte, befreiende Geschichte. Denn wenn der Tod ersteinmal so eindeutig an die Tür klopft, wird der Blick klar für das Wesentliche, das wirklich Wichtige im Leben. Und die Wunscherfüllerinnen Mathilde und Ingeborg sorgen dafür, dass sich eine gewisse Leichtigkeit und befreiende, fast heitere Atmosphäre ausbreitet. Für viele Kunden ist dieser letzte Wunsch eine Art Wiedergutmachung, ein Abschluss einer uralten noch offenen Rechnung, die letzte Aufgabe, die es noch zu erledigen gilt, bevor man sich leicht und frei auf den letzten Weg macht. Also eine Art Sterbebegleitung, nur mit Phantasie und einer ganzen Menge Chaos, das die beiden Frauen anrichten, um die Wünsche zu erfüllen.
Schon der Auftakt zum Roman ist ein typischer "Michaelis": Eine absolut unlogische, verblüffende Situation, kreatives Chaos als Institutsalltag: Mathilda versucht, ein Pony in eine U-Bahn zu bekommen. Eine ältere Dame hatte sich nämlich gewünscht, nur einmal im schneeweißen Kleid und mit schneeweißem Sonnenschirm durch den Stadtpark zu reiten. Und der teure Pferdetransporter ist im Büdget einfach nicht mehr drin. Dass es tausendmal schwerer war, einen schneeweißen Regenschirm aufzutreiben, als ein Pony in eine U-Bahn zu bugsieren, hat Mathilde dabei ohnehin gelernt. Als Schirm kaufte sie schließlich ein schwarzes Modell mit Totenköpfen und bleichte es aus.
Aber wie schaffen es Mathilda und Ingeborg, einer sterbenden alten Dame ihren Herzenswunsch zu erfüllen und sie noch einmal ein Konzert der Callas erleben zu lassen? Und was tut man, wenn sich ein älterer Herr danach sehnt, noch einmal einen Spielabend in einer Studenten-WG zu erleben, und alle Studenten absagen, weil sie sich davor fürchten, in ihrem zu Hause plötzlich einen toten Opa herumliegen zu haben? Und was passiert, wenn sich die Wunscherfüllerin in einen Kunden verliebt? Genau das geschieht nämlich Mathilde mit einem Krebspatienten, der auf der Suche nach seiner Jugendliebe ist, die ihn damals, als sie schwanger wurde, verlassen hat. Eine eigenartige platonisch-poetische Liebe keimt auf, und beide wissen, dass sie keine Zeit und keine gemeinsame Zukunft mehr haben ... Einfach ein zauberhaftes, herzerwärmendes Buch mit mehreren überraschenden Wendungen und erfüllt von einer großen Liebe zum Leben. Stellenweise absurd, aber immer irgendwie den Naturgesetzen und einer eigenen Logik folgend, schräg, liebenswürdig, schön.

Das Vermächtnis der Astronautengötter
Science-Fiction-Anthologie, die alten Legenden über Wesen nachgeht, die vom Himmel herabgestiegen sind. Die alten Völker nannten sie Götter, aber was, wenn es eigentlich Astronauten waren? Besucher von fernen Planeten oder aus der Zukunft, die den menschlichen Kulturen vielleicht sogar den entscheidenden Kick gaben und deren Entwicklung vorantrieben? Die Autoren erzählen von Atlantis, Ägypten oder biblischen Propheten, von Mayas und Inkas, Hippies, von Universitäten und Weltraummüll. Es sind sehr schöne und interessante Geschichten dabei, allerdings wiederholen sich die Situationen und Begegnungen auch manchmal, sodass eine gewisse Monotonie entsteht. Für sich einzeln betrachtet sind die Storys aber auf jeden Fall gut gearbeitet und spannend.

Andreas Kennecke: Isaac Euchel. Architekt der Haskala
Isaac Euchel war vermutlich neben Moses Mendelssohn der bedeutendste philosophische Kopf der Haskala und neben David Friedländer einer der größten "Macher" der jüdischen Aufklärung. Insofern ist die Bezeichnung als "Architekt" der Haskala, wie er im Buchtitel genannt wird, recht passend gewählt. Euchel stammt aus Kopenhagen (wie Naftali Herz Wessely), kam als Hauslehrer der Familie Friedländer nach Königsberg in die Stadt Kants, studierte an der dortigen Universität, eben bei Kant, und wurde, eine geradezu unerhörte Angelegenheit, von Kant als Dozent für orientalische Sprachen vorgeschlagen. Trotz der prominenten Unterstützung - ein Jude als Universitätsdozent, das war damals dann doch unmöglich. Und am Ende musste Kant selbst, der inzwischen Universitätschef geworden war, seinen eigenen Zögling aufgrund der Universitätsstatuten ablehnen. Immerhin: Es war ein Anfang. Und Euchel bekam wenigstens eine Stelle als Dolmetscher. Dennoch, schade.
Euchel hat sich daraufhin noch stärker auf seine Arbeit für hebräische Literatur konzentriert. Bekannt wurde er als Übersetzer des jüdischen Gebetbuchs, als engagierter Kämpfer für eine jüdische Freischule in Königsberg nach Berliner Vorbild, vor allem aber als Mitbegründer der Gesellschaft der hebräischen Literaturfreunde. Deren große Leistung war die Gründung des "Me'assef", des "Sammlers", der ersten modernen hebräischen Zeitschrift. Hierfür steuerte Euchel zahlreiche Artikel bei und war wie Wessely bemüht, eine neue hebräische Hoch- und Literatursprache zu schaffen. Unter anderem veröffentlichte er hier Reisebriefe an einen seiner Schüler, für die er eine ganze Menge neuer hebräischer Wörter erfinden und konstruieren musste, denn viele Sachen, die man bei Reisen durch das Europa des 19. Jahrhunderts unterwegs sieht, kommen ja im biblischen Hebräisch nicht vor ... Weitere Themen waren Philosophie (zum Beispiel Kants Kritik der reinen Vernunft) oder die Diskussion über die frühe Beerdigung bei Juden (hierzu hatte ja auch Mendelssohn Stellung bezogen. Aber auch Literatur: Euchel schrieb den ersten Briefroman der hebräischen Literatur.
Später war Euchel Leiter orientalischen Buchdruckerei in Berlin (ebenfalls eine Gründung der Maskilim), tat sich als Mendelssohn-Biograph hervor und veröffentlichte in seinen späten Jahren unter dem Titel "Reb Henoch" ein polyglottes satirisches Theaterstück, auch ein resignierter Abgesang auf die Haskala. Denn Euchel musste auch miterleben, wie viele Projekte scheiterten, wie der Zeitschrift nach und nach die Abonnenten ausblieben und wie viele Juden sich lieber der deutschen Sprache zuwandten als dem modernen Haskala-Hebräisch. Aber ein Scheitern auf hohem Niveau und ein faszinierender und engagierter Vorkämpfer seiner Bewegung. Lesenswert.

Marburg-Award 2018: Ein fataler Fehler!
Die Beiträge des Wettbewerbs in zufälliger Reihenfolge und in liebevoll aufgemachter Taschenbuch-Ausgabe, limitiert auf die Auflage von 50 Exemplaren und reich bebildert. Enthält 40 Geschichten zum Thema "Ein fataler Fehler!", vertreten sind fast alle Genres. SF, Fantasy, Horror, Dystopien, Märchenhaftes, sogar ein Western und eine Geschichte über den Verfasser von fiesen, kleingedruckten AGBs. Meine absolute Lieblingsgeschichte ist "Albenheim" von Iver Niklas Schwarz. Die Geschichte handelt von einem Wissenschaftler, dessen Frau bei einer gemeinsamen Expedition in einer Höhle verschüttet wurde und der nun versucht, Hilfe zu finden. Aber der Vertreter der Uni Hannover, der an dem unheimlichen Ort seine Messungen vornimmt, will ihm nicht glauben, dass er er selbst ist. Als beide sich doch noch auf die Suche machen, entdecken sie etwas Schockierendes ... Und sonst? Es ist eine besonders vielseitige Sammlung. Es geht um Druckfehler, Programmierfehler, falsch ausgesprochene Zaubersprüche und künstliche Intelligenzen, denen man zu viel Freiheit ließ. Um Therapien für Vampire und Fehleinschätzung gefährlicher Kunden. Um kleine Unachtsamkeiten, die zum Untergang ganzer Zivilisationen führen. Kurzum: Die ganze Palette der Fehlerkultur. Nur das Buch zu kaufen, das war eindeutig kein Fehler.

Herbstlande II - Verklingende Farben

Anja Bagus: Das Nebelreich

Fabienne Siegmund: Das Herz der Nacht
Wieder ein echter Siegmund: Melancholisch, magisch, traurigschön und einfach zauberhaft. Erzählt wird die Geschichte des nicht besonders talentierten Zauberers Mateo, dessen Lebensgefährtin und Showpartnerin Anisa plötzlich verschwindet. Die Suche bleibt ergebnislos, auch die Polizei kann nicht helfen. Es stellt sich aber heraus, dass noch mehrere andere Künstler verschwunden sind. Auf seiner Suche gelangt der Zauberer schließlich in einen seltsamen Zirkus. Hier trifft er auch seine Geliebte wieder, aber sie kann sich nicht mehr an ihn erinnern und ist jetzt mit einem Feuerspeier zusammen. Mateo lässt sich auf diesen seltsamen magischen Zirkus ein und nimmt eine Anstellung an. Er ist begeistert. In dieser Manege gelingt jeder, ausnahmslos jedert Trick, fast meint er, er könne wirklich zaubern. Doch nach und nach erkennt der Zauberer die Schatten hinter der heilen Glitzerwelt des idealen Zirkus. Alle Artisten sind Gefangene ihrer eigenen Kunst, unfrei und eingekauft mit den besonderen Fähigkeiten und der perfekten Show, die diese Manege möglich macht. Es führt kein Weg aus diesem Zirkus heraus. Es sei denn, Mateo bricht den Zauber der enttäuschten Liebe, der diesen Zirkus einst geschaffen hat. Dazu muss er allerdings den Widerstand der anderen Artisten überwinden. Denn für sie ist die schöne Scheinwelt ihr einziges zu Hause und eine Droge, auf die sie nicht verzichten können. Ein modernes, sehr weises Märchen über die wahres Glück und Drogen, die nur scheinbar glücklich, in Wirklichkeit aber leer machen. Über Weltflucht und den Weg zurück. Hat mir gefallen.

Tausendundeine Nacht: Das glückliche Ende. Übersetzt von Claudia Ott
Die Ausgabe wurde vor drei Jahren als Sensation gefeiert, und seitdem besitze ich das Buch auch schon, hatte nur nie genug Muße, es zu lesen. Es handelt sich um eine Übersetzung eines uralten Manuskripts, das in einer Bibliothek in Zentralanatolien lange ungesichtet und verräumt lag. Eine Ausgabe mit dem lange verschollenen Ende des Zyklus der Erzählungen aus 1001 Nacht.
Also, natürlich weiß jeder, das Scheherazade - im vorliegenden Buch Schahrasad - sich durch ihre Erzählkunst retten konnte und den Sultan überzeugte, seine Ehefrauen nicht mehr nach der Hochzeitsnacht hinzurichten. Aber hier ist eben ausführlich das Ende (und der Weg dorthin) erzählt.
Das Buch enthält die Geschichten der letzten 125 Nächte. Außerdem wird die Rahmenhandlung weiter vorangetrieben. Das ist meist etwas stereotyp und formelhaft, die Erzählerin schließt vor dem Einschlafen immer wieder mit dem Versprechen, in der nächsten Nacht noch toller und amüsanter und spannender zu erzählen, und am nächsten Abend fordert ihre Schwester sie auf, doch mit ihrer Geschichte fortzufahren.
Das Ganze ist recht verschlungen, es passiert immer wieder, dass innerhalb einer Geschichte eine oder mehrere Personen ihrerseits wieder Geschichten erzählen. in denen dann auf einer weiteren Unterebene womöglich noch andere Märchen vorgetragen werden. In diesen letzten 125 Nächten kommen nicht die Gestalten vor, die man sonst mit 1001 Nacht verbindet. Sindbad, Ali Baba, Aladin bleiben außen vor. Es geht sogar ohne Magie ab, es geht um Schwänke, Diebe, romantische und erotische Begegnungen, Schelme und Gelehrte, Verheiratungen, Anekdoten, Tierfabeln und Sammlungen von Sinnsprüchen und Weisheiten.
Interessant ist dabei auch die Rahmenhandlung. Denn es wird deutlich gezeigt, wie der Sultan auf die Geschichten reagiert, wie er sich Gedanken über das Gehörte macht, manchmal in Selbstgesprächen kommentiert, dass er seine eigene Situation in den Erzählungen wiedererkennt, und nach und nach zu der Erkenntnis kommt, dass sein Umgang mit seinen Ehefrauen, sprich: die ständigen Hinrichtungen, sehr ungerecht sind. Der Leser erlebt im Verlauf der Nächte den Wandel und den Erkenntnisprozess des Herrschers mit. Es ist nicht so dass Sheherazade ihn am Ende der 1001. Nacht mit seinem Verbrechen konfrontiert, sondern der Mann kommt, behutsam von ihr angeleitet, selbst drauf. Bravo.
Inhaltlich muss ich sagen, dass ich die orientalischen Märchen nicht so mag. Ich habe lieber die klar strukturierten klassischen Grímm- und Andersen-Märchen mit perfekter, novellenartiger Handlungskurve. Und nicht dieses unstrukturierte Kuddelmuddel von immer neuen Handlungsfäden, die ins Kraut schießen, wirr durcheinander laufen und die, wenn das Publikum wegsackt, mal eben noch ein neues, spannenderes Fass aufmachen müssen. Die ständigen Unterbrechungen, wenn die Erzählerin und ihr Publikum einschlafen, nerven. Zumal sie manchmal auch bereits nach "Kurznächten" erfolgen, in denen die Frau nur zwei oder drei Sätze neu zu ihrer Geschichte hinzufügt und sich dann wieder schlafen legt. Diese ständigen neuen Handlungsstränge ermüden, und die Märchen gehen gar nicht weiter. Wenn ich der Sultan gewesen wäre, ich hätte ziemlich schnell losgeblafft: "Komm endlich zum Punkt Sheherazade!"
Wie gut die Übersetzung geworden ist, kann ich nicht beurteilen. Man merkt aber, dass die Übersetzerin und Herausgeberin eine Menge davon versteht. Im Anhang schreibt sie vieles zum Hintergrund, über das Manuskript und die Tradition der Sammlung. Das hat mir sehr gefallen, wie auch die Aufmachung des Buchs. Ein gediegenes Stück Buchkunst und Literaturwissenschaft. Nur, dass die Märchen nicht so ganz meine Welt sind.

Verfluchte Mahnmale und Gedenkstätten
Düstere Anthologie mit Horror-Kurzgeschichten. Es sind ein paar sehr schöne Stücke darunter. Wobei es nur in den wenigsten Fällen tatsächlich um Mahnmale oder Gedenkstätten geht, oft sind es auch "nur" Gräber oder verfluchte Orte oder Schauplätze eines Unglücks, ohne dass jemand da groß Erinnerungskultur betrieben und eine Erinnerungstafel aufgestellt hätte. Die Sammlung enthält ausnahmslos gute Geschichten. Ich habe lange keine Anthologie gelesen, bei der ich wirklich alle Beiträge gemocht habe. Aber das hier ist wirklich ein Sonderfall. Sehr schön in der Komposition, eine gelungene, gut durchgehaltene Spannung und ein durchgehend hohes Niveau. Grusel, der wirklich zu empfehlen ist.

Antonia Michaelis: Die Allee der verbotenen Fragen
Und noch ein Buch von einer Lieblingsautorin. Kann die Frau eigentlich auch schlechte Bücher schreiben? Vermutlich nicht.
Es ist eine Art Liebesroman, allerdings mit einer doppelt schrägen Ausgangssituation. Johann Fin Paul, ein junger Mann aus England, kommt nach Deutschland, um sich die Heimat seiner Eltern anzusehen. Plötzlich steht er vor einem Grabstein, auf dem sein Name und sein Geburtsdatum zu lesen sind. Nur, dass dieser Johann Fin Paul offenbar bereits am Tag seiner Geburt gestorben ist. Während er noch verdutzt dasteht, kommt der örtliche Pfarrer auf ihn zu und händigt ihm einen Brief und einen Koffer aus. Und für Johann Fin Paul, den Lebendigen, beginnt eine seltsame, fast unwirkliche Suche nach einem anderen Fin Paul, der ihm offenbar sehr ähnlich sah.
Die zweite Hauptfigur ist weiblich, heißt Elena oder Akelei, ist schon im mittleren Alter, nicht glücklich, aber sattmachend verheiratet, und hat gerade ein lebendiges Huhn in ihre Einkaufstasche gesetzt, das sie für ihren Mann, der aus Überzeugung nur Hühner ist, die er selbst geschlachtet hat, abholen sollte.
Akelei ist vollkommen erschüttert, als sie den jungen Johann Fin Paul entdeckt. Er sieht ihrer Jugendliebe, Fin Paul, zum Verwechseln ähnlich. Die gleichen einzigartigen türkisfarben Augen, das gleiche Gesicht, die gleichen roten Haare. Und plötzlich gibt es für sie nur eine einzige Option: Diesem zweiten Fin Paul zu folgen und herauszubringen, wer er ist und wohin er geht. Sie lässt ihr altes Leben, ihren Mann, ihr zu Hause vollkommen hinter sich und folgt dem Jungen mit den Türkisaugen quer durch die Republik, nach Berlin, München, Hamburg, ohne Gepäck, nur mit einem Huhn als Begleiter. Eine absolut irrsinnige Kombination, aber das ist so rasant und zauberhaft erzählt, man muss einfach immer weiter lesen und beiden Helden, die erst sehr spät überhaupt mit einander reden, bei der Aufklärung eines schrecklichen Familiengeheimnisses folgen. Ja, die Geschichte ist konstruiert und absolut unwahrscheinlich. Aber genau das sind griechische Tragödien auch. Und das hier ist tragisch. Und doch einfach zauberhaft.

William Hiscott: Saul Ascher. Berliner Aufklärer
Eine Dissertation mit tragischem HIntergrund. Denn der Doktorand verstarb während der Abfassung. So sind es "nur" 800 Seiten geworden, das letzte Kapitel - über Aschers "Germanomanie" fehlt, dafür gibt es einen Lexikoneintrag, den der Verfasser über das Buch veröffentlicht hat. Schade. Aber auch so eine ganze Menge Lesestoff.
Saul Ascher war mir bisher nur aufgrund von zwei Reaktionen auf seine Werke ein Begriff. Zum einen durch Heines "Harzreise" in der er auf geniale und unvergessliche Weise als "Vernunftdoktor" dargestellt wird, der als Gespenst durch die Träume des Harzwanderers geistert und ihm dabei mit unwiderlegbarer kantianischer vernünftig-logischer Argumentation beweist, dass es keine Gespenster gibt.
Das zweite war, dass seine "Germanomanie" von Studenten als "undeutsch" auf dem Wartburgfest verbrannt wurde. Rechtslastiges Gesocks hat schon immer gern Bücher verbrannt. Die "Germanomanie" und die danach erschienene Schrift "Das Wartbugfest" gab es in der Germanisten-Bibliothek in Hannover als Kopiervorlage. Ich las sie im zweiten Halbjahr 1995 als Vorbereitung für meine mündliche Prüfung über das Hambacher Fest, für das ich eben auch einen Vergleich zum Wartburgfest ziehen wollte. Meine beiden fotokopierten Exemplare der Ascher-Bücher habe ich noch immer.
Ascher war Vertreter der "dritten Generation" der Haskala. Er kam, wie viele vor ihm, aus der Philosophie, hat sich dann aber vorwiegend als Schriftsteller hervorgetan. Dabei war er einer der ersten, die wirklich "vom Schreiben leben konnten". Es ist bezeichnend für diese dritte Generation, dass Ascher sich weniger als jüdischer Schriftsteller sah, der sich mit spezifisch jüdischen Themen auseinandersetzte. Vielmehr sah er sich als deutscher Literat und schrieb philosophische, politische und belletristische Texte für alle Leser. Tragisch, dass in dieser Zeit der Antisemitismus erfunden wurde. Als Juden noch "nur" aus religiösen Gründen gehasst wurden, ließ man sich halt als letzte Notlösung taufen und hatte die gleichen Rechte wie die christlichen Nachbarn. Aber wer aus "rassischen" Gründen verfolgt wird, dem hilft auch keine Taufe.
Hiscotts Dissertations-Fragment schlägt einen weiten Bogen und biete ein großzügiges Panorama der Haskala. Das heißt, dem Leser wird ein umfangreicher Überblick über die Bewegung geboten, und man erfährt so sehr viel über den Gesamtzusammenhang, in dem Aschers Werk steht. Die Texte Aschers selbst werden mit der Methode des "Close Reading" vorgestellt, das heißt, dass der Autor sich sehr eng am Text entlanghangelt, ihn wiedergibt und detailliert erläutert. Auch wer noch nie eine Zeile von Ascher gelesen hat und nicht viel über die Haskala weiß, wird hier umfassend in Kenntnis gesetzt und kann auch ohne Vorkenntnisse gut folgen. Sehr akribisch wurden auch die Reaktionen von Zeitgenossen und die Antworten und Rezensionen aufgespürt und gesammelt.
Gefallen hat mir die unverkrampfte und unverkopfte Sprache Hiscotts. Der Verfasser war Amerikaner, schrieb seine Dissertation aber in Berlin und auf Deutsch, ein sehr frisches Deutsch, das nicht vom deutschen Wissenschafts-Imponiergehabe der Universitäten verdorben wurde. So schreibt er, die Streitkultur der Aufklärung, speziell in Berlin, sei "zur ersten Massenprügelei der Philosophiegeschichte seit der Antike" geworden oder notiert anlässlich der Imstrukturierungen nach Regierungsantritt Friedrich Wilhelms I.: "Die Intelligenz im Beamtenapparat wurde maßgeblich verkleinert".
Fazit: Trotz des Fragmentcharakters eine sehr umfangreiche und ausführliche Arbeit. Absolutes Standardwerk.

Vikings of the Galaxy
Raufen, saufen, plündern, auf Abenteuerfahrt aufbrechen und unbedingt im Kampf sterben, sonst wird es nach dem Tode nichts mit der Aufnahme ins Wikingerparadies Walhall. Passt das zusammen mit dem Weltraum? Doch, irgendwie schon ... Wenn man genug Fässer Met intus hat und Spaß an der etwas schrägeren Art humorvoller Literatur. Der Leseratten-Verlag hat da offenbar Mächte heraufbeschworen, denen kein Zwerchfell gewachsen ist, jedenfalls haben es diese rotbärtigen Kerle und durchsetzungsstarken Walküren ganz schön in sich. Ob durch irgendwelche Dimensionslöcher oder Zeitreisemaschinen in den Weltraum versetzt oder ob sie einfach schon immer darin unterwegs waren, prügeln und saufen sich die Wikinger die Milchstraße entlang. Und beim Lesen empfiehlt sich, ebenfalls das Trinkhorn zur Hand zu nehmen. Skål.

Juri Rytchëu: Gold der Tundra
Ein Roman, der auf der asiatischen Seite der Beringstraße im Land der Tschuktschen spielt. Es geht um eine Kooperation mit den USA, ein Projekt zur Walbeobachtung. Außerdem möchte der amerikanische Besucher mit tschuktschischen Wurzeln auch sein familiäres Erbe finden und wenn möglich mitnehmen. "Erbe" ist in diesem Fall durchaus wörtlich zu versehen. Denn sei Vorfahr besaß, der familiären Überlieferung nach, mehrere große schwere Goldklumpen, die er mit Kies überklebte und zur Befestigung seiner Jaranga (tschuktschisches Zelt) benutzte. Vorsichtiges Nachfragen ergibt, dass die Zeltsteine später als Grundsteine für eine Bäckerei benutzt wurden, die aber längst marode ist und nicht mehr produziert. Alle sind erstaunt, als die selbstlosen Amerikaner ihnen eine neue Bäckerei stiften und die alte abreißen wollen.
Dazu eine Liebesgeschichte, ein Blick in die Historie Tschukotkas, die negative soziale Entwicklung durch die sozialistische Umerziehung, die Alkoholprobleme. Und immer wieder werden Bodenschätze wie Öl oder Gold von den Einwohnern gezielt verborgen, um bloß keine Ausbeutungskonzerne auf das Land aufmerksam zu machen ...
Sehr schöner, auch etwas harter Roman. Aber ich habe schon viele bessere von Rytchëu gelesen.

Judith Swaddling: Die Olympischen Spiele der Antike (Reclam)
Gute Übersichtsdarstellung mit Infos zur Geschichte, zum Kult, zu den einzelnen Disziplinen und zu bekannten und erfolgreichen Athleten. Neu für mich war, dass es auch für Frauen Wettbewerbe gab, die Heraia zu Ehren der Götterkönigin Hera. Und dass es auch Wettbewerbe für Herolde und Trompeter gab. Man erfährt etwas über die Ehren und materiellen Vorteile, die Olympioniken hatten. Und auch über Fälle von Bestechung oder anders gearteter Kampfrichter-Beeinflussung wird berichtet. Dazu Anekdotisches. Und ein paar Vergleiche mit den heutigen Spielen. Sehr schönes, volles, informatives Buch, hat mir gefallen.

Pablo De Santis: Voltaires Kalligraph
Einer der Lieblingsautoren, denen ich mich in meinem Lese-Urlaub auf Helgoland gewidmet habe. Diesmal geht De Santis auf in der Liebe zur Kalligraphie und erzählt die Geschichte des Schreibers Dalessius, der im Dienste Voltaires den Mord an Marc Antoine Calas unrersuchen soll.
Verdächtig ist die gesamte Familie, vor allem Vater Jean, der schließlich hingerichtet wird. Als Motiv wird vermutet, dass der Sohn einer protestantischen Familie zum Katholizismus übertreten wollte.
De Santis verknüpft geschickt den historischen "Fall Calas" und den von Voltaire aufgeklärten Justizmord am Vater des Getöteten mit philosophisch-ästhetischen Gedanken über das Wesen des Schreibens und die Schönheit bestimmter Schriften. Das ganze vor dem Hintergrund einer an E.T.A. Hoffmann erinnernde Geschichte um "Automaten", also künstliche Menschen. Sehr düster und ein würdiger Nachfolger der schwarzen Romantik ist die in den Roman integrierte Erzählung über einen künstlichen Mönch, der es später zu den höchsten Würden bringt. Aber ist die Geschichte wirklich nur literarisch? Der Kalligraph, der nicht nur mit dem Henker de Vaters Calas, sondern auch mit einem genialen und verschlossenen Automatenbauer und dessen schöner Tochter zu Tun bekommt, hat jedenfalls einige sehr unheimliche Begegnungen, bevor er beginnt, die Wahrheit aufzuschreiben.
Erneut ein hintergründiger magisch-realistischer Roman von De Santis, der einen ungeheuren Sog entwickelt und den Leser in ein düsteres Gedankensystem hineinzieht. Der Mann versteht es einfach, historische Überlieferung und den kleinen irren Schuss Wahnsystem miteinander zu kombinieren. Sehr schön, allerdings seine anderen Romane fand ich noch besser.

Horst-Günther Lange: Geschichte der Juden in Goslar
Als ich nach Goslar kam, war eine der ersten Stadtführungen, die ich mitmachte, der Rundgang "Jüdisches Leben in Goslar". Die Stadtführerin hat mir zwei Bücher zum Thema genannt, die ich mir inzwischen antiquarisch beschaffen konnte und im Urlaub gelesen habe. Das oben genannte Buch ist eine Geschichte der Goslarer Juden vom Mittelalter bis zum Jahr 1933, das andere handelt von der Zeit zwischen 1933 und 1945.
Die jüdische Gemeinde in Goslar war immer recht klein, schon im Spätmittelalter bzw. der frühen Neuzeit gab es Probleme, einen Minjan (zehn religionsmündige Männer) zusammen zu bekommen, um einen jüdischen Gottesdienst abzuhalten. Es waren zumeist Kaufleute und kleine Händler. Ein Ghetto oder eine bestimmte Straße, in der die Juden leben mussten, gab es in Goslar nie, sie lebten also mitten unter ihren christlichen Nachbarn.
Dem Buch zufolge gab es relativ wenige Reibereien zwischen den städtischen Vertretern und den Juden, Konfliktpotential und Spannungen gab es aber immer wieder mit christlichen Geschäftsleuten, die ihre jüdischen Konkurrenten ausschalten oder zumindest kleinhalten wollten. An besonderen Ereignissen berichtete Lange unter anderem von der Flucht aller Goslarer Juden aus der Stadt im Jahr 1414: Zum Laubhüttenfest im September waren die Goslarer Juden vollständig nach Braunschweig gezogen, da die Gemeinde, wie gesagt, sehr klein war. Es war üblich, das Fest in Braunschweg zu feiern, und so zogen sie wie jedes Jahr hinüber zur Nachbarstadt, nachdem sie sich, ebenfalls wie üblich, der Stadt gegenüber verpflichtet hatten, nach dem Fest zurückzukehren. Allerdings kehrten sie nicht zurück. Die Ursachen liegen im Dunkel. Lange deutet zwar an, dass es sich um eine Steuerflucht gehandelt haben könnte, ist sich aber auch nicht sicher. Und nur wegen der Steuer sein Haus und seinen gesamten Besitz zurücklassen und mit der kompletten Gemeinde wegziehen? Es bleibt rätselhaft. Jedenfalls gab es einigen Kampf nach dieser Flucht. Die Goslarer konfiszierten das gesamte zurückgelassene Eigentum, die Juden ließen dafür jeden Goslarer Schuldner, der sich nach Braunschweig begab, festsetzen und trieben ihre Schulden ein. Erst 123 Jahre später ließ sich erneut ein Jude in Goslar nieder.
Im Gedächtnis ist mir auch noch der Eklat um eine "jüdische Schlittenfahrt", bei der einige junge Juden den Zorn der Christen auf sich zogen, als sie zur Weihnachtszeit rodelten. Und sehr spannend fand ich den Fall einer geraubten KInderleiche vom jüdischen Friedhof: Ein Medizinstudent grub das Kind heimlich aus, um anatomische Studien an der Leiche zu unternehmen. Das wirklich Besondere an dem Fall ist, dass der Vater des Kindes, als die Tat bekannt wurde, vor Gericht ziehen konnte und Recht bekam: Der Student musste ihm die Überreste des Kindes zurückerstatten, und das Kind wurde erneut bestattet.
Was ich auch nicht wusste, das ist, dass Christian von Dohm, bekannt geworden durch seine Schrift "Über die bürgerliche Verbesserung der Juden", zwei Jahre lang als preußischer Verwaltungsbeamter wirkte. Allerdings war er für die Juden, die sich mit einer Eingabe an ihn wandten, wohl kein großer Helfer, er war hauptsächlich mit Reform und Anpassung der Goslarer Verwaltung an preußische Verhältnisse beschäftigt.

Werner Koch: Diesseits von Golgatha
Ich bin Fan von Werner Koch, seit ich seine See-Trilogie vom Bodensee las. Im vorliegenden Buch geht es erneut um einen See und seine Menschen, nämlich um Menschen zur Zeit Jesu am See Genezareth. Darunter ist Judas, der nach Jerusalem geht, um sich einer Terroristengruppe anzuschließen. Aber auch Maria Magdalena und Barrabas. Einfache Leute, viele Fischer, ein reicher Wirt, Hirten und Hirtinnen. Das Ganze versucht nicht, ein historischer Roman zu sein. Es geht um sehr weltliche und gegenwärtige Gedanken, die Frage nach Gerechtigkeit, Verteilung von Besitz, Revolte der jungen Generation, am Rande eben auch um Jesus. Kurze philosophisch-aphoristische Kapitel, in der jeweils unterschiedliche Charaktere ihre Weltsicht darlegen. Am Ende ist es Judas, der Jesus verät. Aber der Vater des Barrabas ist schuld am Tode des Wanderpredigers, als er die gesamte See-Gemeinde motiviert, in die Stadt zu ziehen und seinen zum Tode verurteilten Sohn "loszuschreien". So kann Judas schließlich Barrabas nachdrücklich in Erinnerung rufen: "Er ist für dich gestorben." Sehr schöne Sprache, unbeschreiblich, am besten sich selbst laut vorlesen.

Dirk van den Boom: D9E - Tod einer Agentin
Nata, die ehrgeizige Agentin der Hondh, die eigentlich gewohnt ist, über Leichen zu gehen, hat bei ihrem jüngsten Auftrag versagt. Die Belohnung, die die geheimnisvollen außerirdischen Eroberer ihren Dienern in Aussicht stellen, das ewige Leben, könnte ihr dadurch nun endgültig durch die Lappen gehen. Doch die Hondh wollen ihr wertvolles Werkzeug nicht so ganz ungenutzt wegwerfen. Nata erhält eine Bewährungs-Chance: Sie soll sich zur Roboter-Zivilisation der mechanischen Hoheit begeben und dort einen Virus einschleusen, ähnlich dem, der die andere Roboterzivilisation, die 1713, ausgelöscht hat. Nun ist Nata zwar ehrgeizig, und die Belohnung will sie auch haben ... Aber die Art, wie ihr die Hondh die Waffe gegen die Roboter in den Unterleib pflanzten, hat sie zutiefst verletzt. Außerdem stinkt ihr, dass sie mit einem Partner und Aufpasser zusammenarbeiten soll. Und dann ist da noch ihre Liebe zu Thrax ... Spannend geschrieben, interessante Wendungen und an keiner Stelle langweilig. Ein temporeiches Abenteuer mit überraschender Pointe.

Holger M. Pohl: D9E - Ein uralter Plan
Die Hondh expandieren und scheinen unaufhaltebar. Aber ein uralter Plan könnte die geheimnisvollen Eroberer vielleicht doch noch stoppen. Dazu müssten sich allerdings die drei Völker Keruen, Senuin und Hoc – die Nachfahren der Aan-Vechtula - vereinigen. Letztere wurden schließlich nicht umsonst "Jene, die sich nicht beherrschen lasssen" genannt. Nomongent, der uralte Planer, konnte allerdings vor zahllosen Genrationen nicht voraussehen, dass jetzt, bei der Vereinigung der Völker und der gefundenen Artefakte ein bestimmtes Ingrediens fehlt ...
Ich habe mich schon beim ersten Auftreten in den Hoc verguckt und fand dieses Volk ausgesprochen spannend. Insofern fieberte ich der Fortsetzung dieses Handlungsstrangs ganz besonders entgegen. Trotzdem: Eine gewisse Skepsis bleibt. Menschen können nicht einmal Pläne durchhalten, die mehr als eine Genereation überspannen. Und dieser, der sich nicht beherschen lässt, soill etwas ausbaldowert haben, das erst nach mehreren Jahrmillionen Früchte trägt? Glaube ich nicht. Das erinnert mich an diese Mathematikaufgabe, in der ein Urururgroßvater eine Mark auf ein Bankkonto einzahlt, und durch Zins- und Zinseszins summiert sich das alles auf, sodass der Urururenkel plötzlich Millionär ist. Ja, Pustekuchen. Dazwischen gab es mehrere Inflationen und Währungsreformen, das Konto ist längst verloren ... Egal, hoffen wir mal das beste für das Universum. Möge der Plan funktionieren.

Hörbuch

Die Bibel
Altes und Neues Testament auf zehn MP3-CDs. Ungekürzt gelesen von Sven Görtz. Das Ganze hat eine Laufzeit von 105 Stunden und hat mich auf meinen Autofarten nach Gardelegen und Goslar rund ein Dreivierteljahr beschäftigt. Gekauft hatte ich mir die Box schon vor Jahren, dann aber festgestellt, dass mein betagter CD-Player in meinem ebenfalls betagten Fiat Panda gar keine MP3s abspielen kann. Dank des neuen Micra bin ich jetzt also doch noch in den Genuss dieses Werkes gekommen. Wobei "Genuss" hier schon noch etwas spezifiziert werden sollte.
Über die literarischen Qualitäten der Bibel muss ich wohl hier nicht allzu viele Worte verlieren. Das Teil hat seine Stärken, aber auch sein Längen. Gerade in den Geschlechtsregistern und den Reinheitsvorschriften ist das vorliegende CD-Set alles andere als ganz großes Hörbuch-Kino. Und wenn man sich stundenlang in immer wiederkehrendem Satzschema die unterschiedlichen Arten von Aussatz anhören muss, beißt auch ein geduldiger Hörer ab und zu mal ins Lenkrad. Aber, wie jeder weiß, der schon mal reingeschaut hat, die Bibel hat auch große, starke Erzählpassagen, und ich habe viele Stellen mal mit ganz anderen Augen gelesen beziehungsweise mit ganz anderen Ohren gehört als vorher.
Die Elberfelder-Übersetzung ist teilweise sehr irritierend. Und, auch wenn es hart klingt, ich mag die Stimme von Sven Görtz einfach nicht. Vor Urzeiten habe ich mal seine Lesung aus Platons Apologie des Sokrates gehört und war damals wie heute unangenehm berührt. Er klingt einfach sehr arrogant. blasiert, wie ein anämischer Wichtigtuer und Drübersteher, gerade an Stellen, die eher Herzenswärme, Menschenfreundlichkeit und Bescheidenheit austrahlen sollten. Er leiert. Oder er neigt zur Übertreibung. Dass die Stimme bei mir so unsympathisch ankommt, dafür kann er nichts, und es ist auch kein ordentliches Bewertungskriterium, aber 105 Stunden mit dem Mann auf engstem Raum in einem Kleinwagen sind einfach hart ...
Die Leistung des Sprechers muss ich aber dennoch ausdrücklich hervorheben. Der zu bewältigende Text ist hart, lang, oft monoton, enthält rhetorische und literarische Zumutungen, besteht aus endlosen Geschlechterregistern und seitenlangen Wiederholungen immer der gleichen Phrasen nur mit anderen Namen oder Objekten. Das zu lesen, das kann man gar nicht genug würdigen. Also auf jeden Fall Hut ab vor seinem Durchhaltevermögen und seiner schauspielerischen Kunst, das alles zu sprechen. Ein ganz ganz großes Kompliment.
Was mir tierisch auf die Nerven ging, war die falsche Aussprache mancher Namen. So wurde die Namensendung "i-el" (zweisilbig mit langem "e") oft zu einem "iel" wie in "Kiel", das ist extrem verwirrend. (Immerhin: Den "Hesekiel" hat er nicht verhunzt.) Und ich war lange Zeit total durcheinander, weil da immer wieder ein "Ase" vorkam. Wohlgemerkt, wir sind in der Bibel und nicht in der Edda, wo germanische Gottheiten hingehören. Erst beim genauen Hinhören und Nachzählen wurde mir klar, dass dieser "Ase" einer der zwölf Söhne Jakobs war: Gemeint war Ascher. Und erst dann hörte ich auch das "R" am Ende des Namens "Aser".
Trotzdem: Auch dieser siebte oder achte Bibel-Durchgang für mich brachte mir ein paar neue Erkenntnisse, ich habe eine Menge interessanter Details bemerkt, die mir vorher nicht aufgefallen war. Dankeschön dafür, Herr Görtz. War schon in Ordnung.

Dezember

Marburg-Award 2019: Viel zu heiß!!!
Die Beiträge zum Marburg Award 2019, erneut in einem reich illustrierten Taschenbuch in 50er Auflage. Geschichten aus dem gesamten Spektrum der phantastischen Literatur. Wobei das Motto "Viel zu heiß!!!" - wenig überraschend - viele Autoren zu Dystopien inspirierte und dazu, die befürchtete Klimakatastrophe auch tatsächlich losbrechen zu lassen.
Witzig, dass mir, wie im Vorjahresband die Gechichte von Iver Niklas Schwarz am besten gefallen hat. Den Autor werde ich mir merken. Seine Geschichte "Der letzte Flug der Glühwürmchen" ist mir aus zwei Gründen aufgefallen. Erstens wegen des Einstiegs: "Hi. Mein Name ist Mika Weiß. Ich habe heute einen Mann getötet und zum ersten Mal mit einem Mädchen geschlafen." Und dann wegen des Schauplatzes. Er lässt nämlich seinen Helden vor der tödlichen Sonne nach St. Andreasberg ins Unesco Weltkulturerbe Grube Samson flüchten. Tja, ich hab's nun mal ab jetzt mit dem Harz ...

Hans Donald Cramer: Das Schicksal der Juden in Goslar 1933 – 1945
Eine sehr detaillierte und gut recherchierte Arbeit. Die jüdische Gemeinde in Goslar war sehr klein ünd überschaubar. Cramer hat allen diesen rund 50 Personen nachgespürt und ihre Geschichte dokumentiert. Das Buch enthält viele Fotos und andere Dokumente der jüdischen Familien, beschreibt ihre Schicksale und arbeitet ihre Biographien heraus.
Er berichtet über den Boykott jüdischer Geschäfte, über die Reichspogromnacht und darüber, wie die Goslarer Juden im "Judenhaus" gegenüber dem alten Kloster und späteren Gasthaus "Trollmönch" zusammengepfercht lebten und auf ihren Abtransport in Konzentrationslager warteten. Einige wenige flüchteten rechtzeitig ins Ausland, doch die meisten konnten und wollten nicht glauben, dass ihnen in ihrer Heimat Deutschland etwas Böses widerfahren könnte ... bis es dann zu spät war. Viele waren Kriegveteranen, einige waren schwer verwundet aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt. Bei einigen Geschäftsleuten wurde deren soziales Engagement hervorgehoben und der Umstand, dass sie auch mal "anschreiben" ließen. Und Kramer berichtet auch von dem Kaufmann, der einem Nazi-Posten vor seiner Tür halb ironisch einen Stuhl brachte, damit der arme Mann nicht den ganzen Tag stehen musste. Aber da ist auch die Geschichte von dem jüdischen Jungen, dem ein Wachmann während des Besuchs Adolf Hitlers in Goslar die Pistole in den Rücken drückte: "Wenn dem Führer etwas passiert, schieße ich dich tot."
Auch nach den Boykottaufrufen kauften eine Menge Kunden noch bei den jüdischen Geschäftsleuten, bestellten oft heimlich, oft per Telefon, und wurden nachts beliefert. Auch legten Nachbarn manchmal Nahrungsmittel vor dem Judenhaus nieder, in dem die Bewohner hungerten.
Aber es gab auch Plünderer und Spitzel. Etwa den Denunzianten, der eine Frau anzeigte, weil sie ihren Judenstern nicht trug. Viele Goslarer machten gern mit bei der Zerstörung jüdischer Geschäfte und ihrer Waren.
Kein schönes Buch, aber ein notwendiges.

Bettina Ferbus: Spiegelmatrix
Teil zwei der Spiegelwelten-Serie. Den ersten Teil hatte ich vor rund zwei Jahren gelesen, ich kam aber gut wieder rein in die Handlung. Die Heldin ist eine junge Frau namens Tanja, die während einer Zaubershow, in der sie als Statistin bei einem Zaubertrick mitspielen sollte, in eine andere, magische Welt versetzt wurde. Sie befindet sich im Körper einer Saraud, einer Art Assasine, und ist offiziell schwachsinnig. Eine übliche Art des Umgangs mit Straftätern: Sie werden einer Operation unterzogen, die sie dumm und träge macht (lobotomiert). Eine solche "Tarigi" wird oft von Zauberern in dieser Spiegelwelt als Dienerin erworben, um als Blutspenderin für Rituale herzuhalten. Doch Tanja ist um die Operation herumgekommen. Ihr Zauberer und sie sind ein gutes Team, zumal Tanja und er durch einen Pakt mit einem Dämon eine mächtigen Verbündeten haben.
Im ersten Band wurde das Zusammenfinden dieses ungleichen Trios geschildert. Nun sind die drei damit beschäftigt herauszufinden, was in der Magierwelt nicht läuft und welcher Schurke in der Zauberer-Verwaltung welche Strippen zieht, um seine düsteren Interessen durchzusetzen. Lebensgefährlich wird es, als man Tanjas Zauberer auf die Schliche kommt und ihn wegen des Paktes mit einem Dämon anklagt. Tanja und ihre Freunde müssen ihn vor der Hinrichtung retten. Hierbei könnte ein neuer Spiegelzauber helfen, mit dem sich heimliche Räume, vielleicht sogar ganze neue Welten erschaffen lassen.
Erneut ein spannender, sehr gut und zügig geschriebenen Spiegelwelt-Roman. Hat mir gefallen.

Barbara Stollberg-Rilinger: Die Aufklärung. Europa im 18. Jahrhundert (Reclam)
Breit angelegte Überblicksdarstellung, die die Aufklärung als europäisches Phänomen darstellt. In den einzelnen Kapiteln geht es um Aspekte wie Geselligkeit, Frauen, Hunger, Bildung. Ein Thema, das kein eigenes Kapitel hat, ist die Literatur. Informativ, gut geschrieben und ein ordentlicher Überblick, sehr hilfreich.

Alexander von Ungern-Sternberg: Die Zerrissenen
Der Roman füllt die ersten Seiten eines Ziemlich dicken Buchs von Ungern-Sternberg, das den Titel "Gesammelte Werke" trägt. Das Buch kam letztes Jahr heraus, und ich habe es mir als Fan des "Jungen Deutschlands" und Vormärz-Interessierter natürlich anschaffen müssen. Wobei ich "Die Zerrissenen" schon mehrfach gelesen habe. Es ist eine Art Künstler-Roman, außerdem geht es um einen Fürsten und seine Liebschaften, und Eduard, der Protagonist, ein Maler, hat auch einige amouröse Beziehungen zu Frauen. Ferner gibt es ein paar gruselige, gespenstische Begegnungen und ein paar Betrachtungen über Kunst und Liebe. Das Buch ist nicht so toll, aber durch seinen Titel prägend für die damalige Autorengeneration. Eben Leute, die eine gewisse "Zerrissenheit" empfanden, sie manchmal auch feierten.
Ich habe in den Werken bereits weitergelesen und bin jetzt mitten im Roman "Lieselotte", ein historischer Roman über Lieselotte von der Pfalz. Ansonsten sind in dem ziemlich dicken Ziegelstein auch Ungern-Sternbergs Schiffersagen und die "Braunen Märchen" abgedruckt, beides Sammlungen, die ich sehr gut finde. Wesentlich besser als die Romane. Ich denke, die kleine Form liegt ihm mehr, und darin besteht seine wahre Stärke. Außerdem sind im Buch noch ein paar weitere historische Romane und ein paar Biographien zu finden.
Was mich etwas ärgert: "Eduard", die Fortsetzung der Zerrissenen", ist nicht mit aufgenommen. Dabei ist der Roman wesentlich besser. "Gesammelte Werke" heißt eben nicht: "Sämmtliche Werke".
Und wovor ich auch dringend warnen möchte: Das Buch ist extrem klein gedruckt. Wer den "fast-gesamten" Ungern-Sternberg auf 815 Seiten presssen will, muss halt Mini-Buchstaben wählen. Wer es als Leser größer braucht, dem sei das eBook empfohlen, das für nur 49 Cent erhältlich ist.

Plotin: Ausgewählte Schriften (Reclam)
Plotin, der bedeutendste Philosoph des Neuplatonismus, ist jemand, um den ich in den vergangenen Jahrzehnten absichtlich oder unabsichtlich einen weiten Bogen gemacht habe. Mit Platon habe ich es ja nie so gehabt, aber der Mann war literarisch ja einer der ganz Großen, und so hatte ich bei ihm wenigstens doch noch "was für die Sele" gefunden.
Plotin ist sprachlich etwas weniger verlockend. Sehr theoretisch, sehr präzise, sehr treu dem Meister und dabei seine Lehre fortschreibend. Was für den Pythagoräer das "autos epha" bedeutete, war für den Neuplatoniker das Werk Platons. Da geht es um eine Fortschreibung der Seelenlehre und darum, was denn un das "eine" sei, das vor allem anderen komme. Aber es geht auch um den interessanten Gedanken, dass ein Mensch beziehungsweise eine Seele nur Dinge erkennen könne, die ihr selbst bereits innewohnen. Das Auge, schreibt er, könne die Sonne nur daher erkennen, weil es selbst eine gewisse Sonnenähnlichkeit habe. "Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt' es nie erblicken", schrieb wesentlich später Goethe. Da hat er es also her. Plotin geht der Frage nach, was das Gute sei, oder was schön sei. Er fragt nach der Natur des Menschen. Bekämpft die Gnostiker. Und fragt sich eben, was das "Eine" ist. Sehr interessantes und sehr gehaltvolles Buch, gut aufgemacht und mit viel Informationen zu Plotin und seiner Lehre versehen. Aber, wie ich schon ahnte, nicht ganz meine Welt.

Thorgal 36: Aniel

David Friedländer: Ausgewählte Werke. Hrsg. v. Uta Lohmann
Die Sammlung enthält vier wichtige Schriften Friedländers, allesamt von Uta Lohmann mit einer Einleitung versehen und um weitere Materialien ergänzt. Zusätzlich gibt es eine biografische Einleitung zu dem gesamten Buch, die Leben und Werk Friedländers vorstellt.
Wie bereits im Jahresrückblick des dritten Quartals geschrieben: Hier sieht man Friedländer bei seiner Verhandlungstätigkeit und in seiner Arbeit als Gutachter. Vor allem die "Akten-Stücke" können wohl als sei Hauptwerk betrachtet werden. Friedländer, als gut vernetzte und einflussreiche Persönlichkeit, verhandelt und diskutiert mit hochrangigen Beamten und Fachleuten darüber, ob und wie Juden das Bürgerrecht in Preußen erhalten sollen. Beim Blick auf die Unterlagen und Listen wird einem erst recht wieder klar, dass vieles, was uns heute selbstverständlich ist, damals überhaupt nicht möglich war, erst recht für Juden nicht. Ob es Handwerk oder Landwirtachaft war, es war für Juden verboten. Universitätszugang und Abschlüsse waren bis vor kurzem noch völlig unmöglich, zu Friedländers Zeiten gab es schon ein paar Möglichkeiten des Studiums (siehe auch Isaac Euchel), hier hatte auch die Tätigkeit des Leuchtturms Moses Mendelssohn einige Schranken niedergerissen.
Friedländer widerlegt den Vorwurf, Juden seien krimineller als Christen durch statistisches Material.
Er geht der Frage nach, inwieweit sich jüdische Rechtsvorschriften und die Gesetze des preußischen Staates widersprechen, nach und kommt zu dem Schluss, dass es für Juden als ganz normale Staatsbürger auch selbstverständlich sein werde, die für alle geltenden Regeln und Gesetze zu befolgen. Zwei Unterschiede macht er aus: Das jüdische Erbrecht bevorzugt den ältesten Sohn, doch dies könne man getrost über Bord werfen, betont er, es sei eher eine Kann-Bestimmung, und das preußische Erbrecht könne problemlos auch von jüdische Preußen übernommen werden. Der andere Sonderfall sei die "Leviratsehe", bei der eine Witwe den Bruder des Verstorbenen heiraten könne. Auch daran müsse man nicht zwingend festhalten.
Friedländer geht fermer der Frage nach, ob Juden, die gleiche Bürgerrechte haben, dann auch die gleichen Pflichten erfüllen müssten, und kommt zu einem entschiedenen "Ja, natürlich." Hier ging es in Preußen vor allem um den Wehrdienst. Das sei überhaupt kein Problem, sagt Friedländer. Zwar seien die Juden in Preußen derzeit physisch nicht allzu stark und wehrtauglich (auch durch Armut und schlechte Eernährung), aber bereits die nächste Generation, die mit vollem Bürgerrecht aufgewachsen sei, könne auch im Heer Tüchtiges leisten.
Ansonsten seien Fragen des Glaubens und der Gebräuche Privatsache, die mit dem Leben als Bürger und dessen Pflichten gar nichts zu tun hätten, es sei also kein Widerspruch und stehe dem vollen Bürgerrecht nicht entgegen, und es gehe niemanden etwas an, wie jemand seine Religion privat praktiziert.
Für die Akten-Stücke hat Friedländer von allen Seiten viel Lob erfahren. Mit dem Sendschreiben an Probst Teller dagegen, setzte er sich gewaltig in die Nesseln und rief auch bei guten Freunden ratloses Kopfschütteln hervor. Was er dem Geistlichen anbot, war mehr oder weniger die Vereinigung von Juden und Christen zu einer neuen, gemeinsamen Religion, beziehungsweise die Wiedervereinigung in der beiden gemeinsamen ursprünglichen Religion. Wenn die Juden auf ihr strenges Zeremonialgebot verzichten würden und die Christen nicht mehr darauf bestehen würden, dass Jesus leiblicher Sohn Gottes sei, dann könne man sich doch zusammentun. Die Idee fand auf beiden Seiten nicht viel Zuspruch. Allerdings hatte es für die jüdischen Gemeinden einen sehr ernsten Hintergrund: Immer mehr Gemeindeglieder ließen sich taufen, um, wie es Heinrich Heine formulierte, ein "Entreebillet" zur Gesellschaft zu erhalten. Friedländer versuchte, diesen Konvertierungsstrom zu stoppen beziehungsweise den Juden die Chance zu geben, in die christliche Gemeinschaft aufgenommen zu werden, aber doch Juden bleiben zu können.

Die Welten von Thorgal: Kriss de Valnor 8 - der Herr der Gerechtigkeit

Das Tagebuch der Anne Frank - Graphic Novel
Anne Frank als Comic? Geht das überhaupt? Immerhin sitzen die ganze Geschichte über nur acht Personen in einem engen Raum, das gibt doch optisch nicht viel her.
Doch, das geht. In ihrem "Graphic Diary" zeigen Ari Folman und David Polonsky, dass die Welt der Anne Frank zwar räumlich beschränkt war, doch gerade dadurch eröffnete sich der Autorin eine nahezu unbegrenzte Welt der Phantasie. Wer diesen Comic aufschlägt, erhält einen Eindruck davon, wie reich und weit die Welt der Anne Frank war. Ihre Erinnerungen, aber auch ihre Lektüre und ihr Lernstoff bieten immer wieder Anlass für großformatige Bilder, für Landschaften, Gebäude, historische Persönlichkeiten. Ihre bildhafte Sprache und ihre spitzen Bemerkungen über die eitle Frau von Daan beispielsweise werden von den Künstlern gern wörtlich genommen und mit kongenial spitzem Karikaturenstift in Szene gesetzt. Wenn Anne aus dem Fenster schaut und plötzlich ein jüdisches Paar sieht, das ihr fast vorkommt wie das siebte Weltwunder - schon erweitert sich der Horizont, und das Paar steht zwischen den Pyramiden, dem Artemision und dem Koloss von Rhodos. Und wenn die große Schwester Margot ihr wieder einmal als vollkommenes, unerreichbares Vorbild gegenübergestellt wird, dann erscheint im Buch eine überlebensgroße Ideal-Margot, an der mit Verbindungslinien und Stichpunkten wie in einem Schulbuch alles beschriftet ist, was denn nun so großartig an der großen Schwester ist. Aus der größtmöglichen Begrenztheit erwächst so eine unendliche, grenzenlose Weite. Das ist vielleicht eine Interpretation. Aber auf jeden Fall eine stimmige. Und die Künstler haben dennoch so viel Raum, auch mehrfach eine komplette Seite reinen Text aus dem Original-Tagebuch zu übernehmen. Eine beeindruckende neue Umsetzung des Tagebuchs. Sensibel, sehr eigen, sehr stimmig. Anne Frank als Comic? Ja, das geht. Sehr gut sogar.

© Petra Hartmann


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Jahresrückblick III: Juli bis September 2019

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 30 December 2019 · 541 Aufrufe
Jahresrückblick
Der dritte Teil meines Lese-Rückblicks auf das Jahr 2019. Erneut ist ziemlich viel Philosophie dabei: Haskala, Liberalismus, eine Geschichte philosophierender Frauen. Außerdem noch etwas Goslar-Literatur, ein bisschen Phantastik. Und mein Buch des Jahres ist ein Fachbuch über --- Algen!
Ich wünsche viel Vergnügen beim Stöbern und Lesen.

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


Juli

Julius H. Schoeps: David Friedländer. Freund und Schüler Moses Mendelssohns
Biographie eines der interessantesten Köpfe der Haskala, der jüdischen Aufklärung. David Friedländer sah sich selbst als Schüler Moses Mendelssohns und trug diesen "Titel" auch mit einigem Stolz vor sich her. Tatsächlich aber ist er weniger ein Philosoph als vielmehr der große "Macher" der Haskala, der Politiker und Praktiker unter den Aufklärern. Als Spross einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie und selbst erfolgreicher Geschäftsmann hatte Friedländer nicht nur eine ausgezeichnete Bildung genossen, sondern er förderte auch andere Gelehrte auf ihrem Weg und unterstützte Bildungsprogramme. Er war gut vernetzt, ein Mann, der Kontakte bis in die höchsten politischen Spitzen hatte, mit Wilhelm von Humboldt über Bildungspolitik diskutierte und sich in dessen Reform einbrachte.
Besonders zwei Projekte sind mit dem Namen Friedländers verbunden: Der Kampf um die politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Juden und der Versuch, Judentum und Christentum einander anzunähern. Auf politischer Ebene hat er einiges erreicht, wenn er auch Rückschläge hinnehmen musste. Eine wichtige Schrift dazu waren die "Aktenstücke", in denen er seine Gutachten und Eingaben und die Schriftstücke weiterer an der Reform beteiligter Personen herausgab. Hierfür gab es viel Anerkennung unter modernen und fortschrittlichen Juden und Christen. Viel Prügel hat er allerdings einstecken müssen für seine Idee, Judentum und Christentum wieder zu einer gemeinsamen Religion zu vereinigen, wie er in einem Sendschreiben an den Probst Teller darlegte. Zu beiden Werken, die ich im Oktober gelesen habe, findet ihr mehr im vierten Quartal.
Ansonsten war Friedländer ein großer Kunstfreund und Numismatiker. Von Goethe hat er sich einmal sehr böse übers Ohr hauen lassen, als er dem alten Geheimrat freundlich ein paar kostbare Münzen aus seiner Sammlung zukommen ließ und dieser ihm dafür als Tauschobjekte ziemlich billigen Schrott zurückschickte. Friedländer hat höflich und zurückhaltend geschwiegen, immerhin war es ja ein Kontakt mit dem Dichterfürsten ...
Insgesamt eine sehr spannende und umfassende Lebensbeschreibung, aus der ich viel gelernt habe.

Israel Abrahams: Moses Mendelssohn - A short Biography (e)
Ein kostenloses eBook für den Amazon-Kindle. Das "short" im Titel ist in diesem Fall wörtlich zu verstehen. Ich habe den Text komplett gelesen, als ich beim Friseur etwas warten musste, und es hat nicht lange gedauert. Eine sehr kurze Übersicht über Leben und Werk, nicht tiefschürfend, nicht allzu ausführlich, aber bei Null Euro kann man nicht meckern.

Ossip Mandelstam: Gedichte (Der Stein, Tristia, Gedichte)
Ein sehr zierliches, kleines Büchlein, Hardcover, 73 Seiten, das mir in der Hildesheimer Buchhandlung Ameis zufällig in die Finger geriet. Enthält Gedichte aus mehreren Sammlungen, alle nach der russischen Oktoberrevolution entstandenen Gedichte Mandelstams in der Übersetzung von Paul Celan, der auch ein kurzes Nachwort dazu schrieb. Der Band erschien im Original 1928 und war die letzte Publikation des Dichters. 1934 fiel er den Stalinistischen Säuberungen zum Opfer.
Die Spannbreite der Themen ist weit. Naturschilderungen, Schwermut, Gedanken über Freiheit, Klagen über den Kerker Welt, Meer und Himmel, Sterne und Flügel, aber auch Revolutionspathos, Erinnerungen an den "Eid, den ich den vierten Stand geschworen", Widerständiges, die Weigerung, jemands Zeitgenosse zu sein ...
Schwer zu sagen, ob Mandelstam schon von Natur aus so klang wie Celan, oder ob die beiden einfach gut zusammen passten, auf jeden Fall ein sehr berührender und dabei präziser celanoider Klang. Gedichte, die sich irgendwie gut einatmen lassen, auch in den harten Sequenzen, und bei denen man immer mal wieder innehält, die Augen schließt und sich die gerade gelesene Zeile noch einmal im Gedanken nachsprechen muss. Hat mir gefallen.

Hans-Georg Dettmer: Der Roeder-Stollen im Rammelsberg
Mein Ausflug in den Roeder-Stollen ist eine hochinteressante Expedition in die Tiefen des Rammelsberges bei Goslar. Stadtführerinnen haben mir den Berg auch als den "Schicksalsberg" der Stadt beschrieben. Ging es dem Bergbau gut, ging es auch der Stadt gut. Und wenn der Bergbau als Quelle des Reichtums der alten Kaiserstadt darniederlag, dann ging es auch Goslar schlecht. Das muss sich eine Lokalredakteurin, die neu in der Stadt ist, natürlich anschauen.
Im Stollen kann man die beeindruckende alte "Wasserkunst" ("Kunst" war damals ein Wort für "Technik") mit ihren riesigen hölzernen Förderrädern bewundern, man sieht die Vitriole (Sulfate) an den Wänden in faszinierenden Farben leuchten (Kindern sagen, die blauen Vitriole sähen aus wie "Schlumpfkacke"), und man lernt den Plastikhelm, den man am Eingang noch für eine typisch deutsche überzogene Sicherheitsvorschrift gehalten hat, spätestens nach dem ersten Anditschen an der Stollendecke schätzen (bei mir hat es ca. 30 mal geditscht). Dass sie, als ich mich am Schluss der Führung rund 100 schmale, steile Metallgitter-Treppenstufen hinaufkämpfen musste, die Unverschämtheit hatten, "Glück auf, Glück auf" zu spielen, war allerdings ziemlich fies.
Klar, dass ich mir danach das Büchlein zum Stollen kaufte. Es hat 42 Seiten, kostet 5 Euro und ist eine knappe und übersichtliche Darstellung des Stollens, seiner Geschichte und seiner Besonderheiten. Handlich und sehr schön, auch eine schöne Erinnerung.

Jhumpa Lahiri: Die Kleider der Bücher
Netter Essay über Buchcover. Die Autorin denkt darüber nach, wie wichtig das Titelbild für den ersten Kontakt mit dem Leser ist, wie sie sich manchmal gewundert hat darüber, wie ihre Bücher eingekleidet wurden, und wie seltsam es doch ist, dass Cover in jedem Land anders funktionieren und dass man selten ein Motiv übernehmen kann, wenn das Buch in einer anderen Sprache und einem anderen Kulturkreis erscheint. Nicht buchwissenschaftlich, sondern eher private Eindrücke. Ein sehr nettes, dünnes Büchlein, es war okay, aber hat mich jetzt auch nicht nachhaltig berührt. Es war auf jeden Fall nichts dabei, was mich jetzt für meine Autorenkarriere und für Diskussionen mit Verlegern über das Outfit meiner Bücher geprägt hat.

Mario Vargas Llosa: Der Ruf der Horde
Eine etwas andere Philosophiegeschichte, in der Vargas Llosa einen Kanon der großen liberalen Denker aufstellt und gleichzeitig darlegt, wie und worin die einzelnen Persönlichkeiten ihn geprägt haben. Der Titel ist insofern irreführend, als es nicht rinfach um den "Ruf der Horde" geht, also um Populismus, Massenbewegungen und die immer stärker hochkochende mediale Ochlokratie, in der wir uns bewegen, sondern gerade darum, sich diesem "Ruf der Horde" entgegenzustellen, ein philosophisches Gegengift gewissermaßen.
Vargas Llosa stellt sieben Philosophen und ihre Ideen und Programme vor: Adam Smith, José Ortega y Gasset, Friedrich August von Hayek, Karl Popper, Raymond Aron, Isaiah Berlin und Jean-François Revel. Mit den letzteren drei hatte ich bisher noch nichts zu tun, die drei Kapitel klangen aber durchaus so, als sollte man da etwas nachholen.
Der Verfasser nennt als sein Vorbild Edmund Wilsons "Auf dem Weg zum Finnischen Bahnhof". Wie dieser die Geschichte der sozialistischen Ideen, wolle er selbst eine Geschichte des Liberalismus schreiben. Keine schlechte Idee, auch wenn meine Auswahl der liberalen Köpfe vermutlich etwas anders und "deutscher" (also weniger global) ausgesehen hätte. Nicht ganz folgen kann ich ihm allerdings, wenn er das Büchlein als persönliche Lebensbeschreibung betrachtet sehen möchte. Er nennt es zwar im Untertitel "Eine intellektuelle Autobiografie", aber die Bezüge zur eigenen Biografie und zum eigenen Denken legt er nicht allzu ausführlich offen. An einigen Stellen beschreibt er durchaus, was der einzelne Porträtierte für ihn selbst bedeutete und wie er sich an ihm abgearbeitet hat, aber oft fehlt dieser Bezug eben auch. So ist es für den Nicht-Fachmann und nur Gelegenheits-Vargas-Llosa-Leser etwas schwierig, die Verbindung zu finden.


August

Die Welten von Thorgal - Thorgals Jugend 6: Der Drakkar aus dem Eis

Gilles Ménage: Geschichte der Philosophinnen (lat./dt.)
Das Buch erschien zuerst im Jahr 1690 und ist auch heute noch die vermutlich umfangreichste Sammlung von Namen der antiken Philosophinnen. Ménage war jemand, der Frauen sehr schätzte und ihre Leistungen anerkannte, er soll sich unter anderem dafür ausgesprochen haben, Frauen in die Academie Française zu berufen. Der Verfasser widmete die Schrift der Denkerin Anne Dacier, die unter anderem als Philosophin, aber auch als Homer-Übersetzerin und - zusammen mit ihrem Mann - als Übersetzerin der Werke Marc Aurels viel geleistet hat.
Das Werk ist allein schon als grundlegende Schrift und wohl erste ihrer Art bedeutend. Es ist sehr umfassend. Jede einzelne Frau, die in der Antike an irgend einer Stelle als Philosophin oder Schülerin eines Philosophen erwähnt wird, ist hier aufgelistet. Je nach Quellenlage ist die Darstellung ausführlicher oder eben nicht. Bei manchen Frauen ist nur der Name überliefert. Bei manchen heißt es nur, dass auch eine gewisse Anzahl von Frauen in dieser oder jener Schule mit dabei waren, ohne dass man die Namen kennt. Besonders ausführliche Darstellungen gibt es beispielsweise bei den Pythagoräerinnen, allen voran Theano, auch die Platonikerin Hypatia ist recht gut dokumentiert. Bei anderen, wie gesagt, oft nur ein Satz. Aber so ziemlich alles, was an Quellen überhaupt vorhanden war, hat Ménage aufgespürt und ausgewertet. Eine sehr akribische Arbeit. Und auch heute noch bedeutend genau für eine Neu-Übersetzung.

Jostein Gaarder: Genau richtig
Der Titel ist die Botschaft: Gaarder setzt sich mit der Beobachtung auseinander, dass vieles auf dieser Erde einfach "genau richtig" ist. Angefangen mit der optimalen Entfernung zur Sonne - nicht zu heiß und nicht zu kalt, um Leben zu ermöglichen - bis hin zur Familiengeschichte des Jungen, der die Hauptperson ist. Sein Vater, der inzwischen längst verstorben ist, erzählt ihm, wie er und seine Frau sich kennen lernten, sich ineinander verliebten und schließlich dieses Kind bekamen: EInfach genau richtig, um diesen jungen Menschen zu dem zu machen, der er wurde.
Es ist ein Gedanke, den Gaarder seit "Sophies Welt" immer wieder vertreten hat: Wir sehen nur die "Gewinnerlose". Alles, was ist, hat eine Vorgeschichte, in der alles "genau richtig" gepasst hat, um es hervorzubringen. Auch jeder einzelne Mensch ist ein solches "Gewinnerlos". Eine fast unendliche Kette von Vorfahren, die alles genau richtig gemacht haben, um diesen einen Nachkommen hervorzubringen. Wäre in dieser Kette nur ein einziges Glied ausgefallen (und in den Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte voller Krieg, Mord, Totschlag, Hunger und Seuchen wäre das gar nicht so unwahrscheinlich gewesen), dann hätte ganz genau dieser Mensch, der heute lebt und sich über das Wunder des Lebens Gedanken macht, niemals das Licht der Welt erblickt.
Dabei verlief die Vorgeschichte der Familie gar nicht undramatisch. Der Vater stand sogar kurz davor, sich umzubringen. Gerettet wird er durch geradezu wunderbar erscheinende Umstände, die sich aber bei Licht betrachtet ebenfalls als eine Kette von Ereignissen erweisen, in der einfach alles zusammenpasst.
Ein sehr schönes, warmherziges Buch, das Romanhandlung, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte zu einem großen Ganzen verbindet und den Leser mit einem guten Gefühl zurücklässt. Alles gut gemacht. Einfach genau richtig.

Sophie Scholl: Lesen ist Freiheit
Enttäuschend. Aber was habe ich denn eigentlich erwartet? Da hat sich halt jemand die Mühe gemacht, aus Briefen und Tagebucheinträgen Sophie Scholls Textstellen herauszusuchen, in denen sie darüber spricht, dass sie Bücher liebt und dass ihr das Lesen Kraft gibt. Ja, klar, natürlich hat auch Sophie Scholl gern gelesen. Welcher vernünftige Mensch tut das denn nicht? Okay, ein paar unveröffentlichte Sachen sind dabei. Aber für jemanden, der vor 30 Jahren die "Briefe und Aufzeichnungen" von Sophie und Hans Scholl, herausgegeben von ihrer Schwester Inge, komplett gelesen hat und der auch eine sehr schöne "Peter Pan"-Ausgabe mit ihren Zeichnungen besitzt, war es jetzt nicht gerade erkenntniserweiternd. Andererseits, noch einmal: Was habe ich denn erwartet von dem Büchlein? Einen bisher unentdeckten Essay zu dem Thema vielleicht. So ist es halt nur eine Art nettes Geschenkbüchkein wie "Seneca für Manager" oder "Goethe für Gestresste", irgendwelche Exzerpte unter einem Namen, der für gute Verkäufe bürgt. "Sophie Scholl für Buchliebhaber" oder so. Hätte ich nicht gebraucht.

Heinrich Detering: Untertauchen

Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen
Ein Essay über die zunehmende Verrohung unserer Welt und Sprache, aber auch darüber, dass es doch noch irgendwo das Gefühl für Anstand gibt. Ausgangspunkt ist ein Gespräch Hackes (oder meinethalben seines lyrischen Ichs) mit einem Freund in der Kneipe, als dieser eine bestimmte Biersorte aus politischen Gründen nicht trinken will. Eine kleine Geste, die zum Nachdenken darüber Anlass gibt, was Anstand überhaupt ist, wie man ihn im Laufe der menschlichen Geschichte definierte und wieso und wohin er jetzt möglicherweise verschwunden ist. Ein Plädoyer dafür, trotz alledem anständig zu sein und zu bleiben, und sei es auch nur in solchen kleinen Gesten wie der Weigerung, ein bestimmtes Bier zu trinken.
Die Frage nach dem Anstand ist eine ziemlich wichtige. Schon seltsam, dass sie bisher gar nicht gestellt wurde. Oder nicht laut genug gestellt wurde. Trotz seiner Leichtfüßigkeit und seines Plaudertons ist es auf jeden Fall ein wichtiges Buch. Auch wenn es die Frage, wie man den Anstand denn wieder in die Menschen hineinbekommt, gar nicht beantwortet. Hacke beobachtet, verknüpft, erzählt. Er liefert keine Patentrezepte. Allerdings, vielleicht ist es ja schon mal ein guter Anfang, etwas mehr darüber nachzudenken. Und sich selbst eben anständig zu verhalten. Was immer daraus werden mag.


September

Erika Mann: Zehn jagen Mr. X

Stella Fontana: Die Hexenbande
Ein Kinderbuch einer Goslarer Autorin. Erschienen bei BoD, reich illustriert. Es ist ein Lokalkrimi, der in Goslar spielt. Es geht um vier Mädchen, die eine Diebstahlserie in einem Kaufhaus aufklären. Es sind vier sehr unterschiedliche Charaktere, Schülerinnen der Schiller-Schule, unterstützt von einem Hund und von Kommissar Zufall. Der Fall ist recht einfach, eben kindgerecht, und für die Zielgruppe Grundschüler passend. Witzig fand ich das "Diebfangmittel", das eine der vier "Hexen" in ihrem Detektivkoffer hat. Es ist ein Pulver, das die Heldinnen auf dem Diebesgut verteilen und das die Finger schwarz färbt, wodurch der Dieb erkannt werden kann. Insgesamt nicht unbedingt ein anspruchsvoller Denksport-Krimi, keine Knobeleien und Spurensuche, eher ein wenig abenteuerlich. Die "Hexen" finden halt zufällig das Diebesgut und suchen dann den Dieb dazu. Für Grundschüler aber durchaus angemessen. Ich habe im Sommer für meine Zeitung eine Buchvorstellung dazu geschrieben.

Tina Birgitta Lauffer: Applejucy. Abenteuer in Amerika

Horst Pöttker, Anke Vehmeier (Hrsg.): Das verkannte Ressort. Probleme und Perspektiven des Lokaljournalismus
Berufliche Lektüre. Ab und zu aus dem Praxis-Sumpf auftauchen und sich mal wieder die reine Lehre zu Gemüte führen, tut ja nicht schlecht. Das Buch ist nicht mehr ganz neu, es erschien im Jahr 2009, aber so umwerfend viel hat sich in der Zwischenzeit nicht geändert.
Ein Schwerpunkt ist das Thema Qualität, eine besondere Baustelle die Qualifizierung der freien Mitarbeiter. Festangestellte Vollzeitredakteure bilden sich ja noch eher fort beziehungsweise erhalten durch ihren Arbeitgeber Unterstützung, wenn sie bestimmte Seminare besuchen wollen oder müssen. Ich denke, das Problem kennt jeder Rdeakteur, der bei einem bestimmten Freien immer die gleichen Fehler verbessern muss - und jeder Freie, der sich immer wieder über das Herumwerkeln eines Redakteurs in seinem Text ärgert. Es gibt im Buch Untersuchungen darüber, was von einer Zeitung organisierte Fortbildungen für ihre Freien bringen, und eine Beschreibung der "Anleitung zu Glücklichsein" der Rheinischen Post. (Ich hatte vor Urzeiten ja in Springe mal versucht, einen Leitfaden mit den wichtigsten Regeln für unsere Freien zusammenzustellen. Weiß nicht, was nach meinem Weggang daraus wurde.)
Ansonsten fand ich die Rolle der Bundeszentrale für politische Bildung ganz interessant. Es war mir bisher gar nicht so klar, dass die "Dehscheibe" Teil der eines Lokaljournalistenförderungsprogramms der Bundeszentrale ist und aus dem unmittelbaren Bedürfnis dieses Staates nach einem qualitativ ordentlichen Journalismus hervorging. (Sollte mich das misstrauisch machen?)
Teilweise ist das Buch etwas NRW-lastig, etwa bei den Spezialtexten zu bestimmten journalistischen Rechten und Auskunftsmöglichkeiten, aber das schadet nichts. Vieles lässt sich auf Niedersachsen übertragen.

Miek Zwamborn: Algen. Ein Porträt
Das zauberhafteste und faszinierendste Buch, das ich 2019 gelesen habe. Eindeutig mein Buch des Jahres. Magisch. Es handelt sich um ein kleines, schmales, algengrünes Bändchen mit vorn aufgeprägtem dunkegrünem, verzweigtem Tang-Ast, wunderschönes Hardcover-Büchlein, das man fast für einen Lyrikband halten könnte. Ich bin in der Hildesheimer Ameis-Buchhandlung darauf zugelaufen, in der ich oft Überraschungen entdecke, einfach Bücher, die abseits meiner ausgetretenen Literaturpfade liegen.
Worum es geht? Um genau das, was im Titel steht. Die Autorin schildert in ausgesprochen poetischer Sprache zunächst ihre ersten Begegnungen mit Algen, ihre Gänge zum Strand, die optische und haptische Faszination dieser Lebewesen. Es liest sich wie ein Essay über Ästhetik, nur eben nicht von einem drögen Philosophieprofessor, sondern von einer brillanten lyrischen Feder. Doch die Würdigung der einzelnen Algenarten als Kunstgenuss ist nur ein kleiner Teil dieses Ausflugs in die Welt des Federtangs, Meersalats und Purpurtangs, des Korallenmooses und der Drahtalgen. Die Autorin erzählt auch die Geschichte der Algenforscher und der Liebhaber, die diese Pflanzen zu konservieren versuchten. Über große Sammlungen, sozusagen eine Bibliothek der Algen, berichtet sie ebenso wie über Nahrungsmittel-Gewinnung aus dem Meer oder Zuchtfarmen. Angereichert wird das Ganze durch bezaubernde, einfühlsame Porträts einzelner Algenarten, durch Lyrik und Prosa aus aller Welt über Seetang und durch eine Sammlung von Algen-Rezepten zum Selbst-Ausprobieren.
Es ist unfassbar. Da wollte ich eigentlich nur ein wenig Sekundärliteratur studieren, die ich vielleicht für einen vierten Nestis-Band gebrauchen könnte, und plötzlich tut sich eine vollkommen neue Welt auf. Ich bin verliebt in dieses Buch. Es ist einfach unglaublich.

Andrea Tillmanns: Julia Jäger und die Welt der Wächter

Herbert G. Wells: Die Meerfrau
Ein Roman über eine Meerjungfrau - aber diesmal etwas anders. Eine britische Familie ist gerade beim Baden am Strand, als draußen im Meer eine scheinbar ertrinkende Frau auftaucht. Die Dame wird "gerettet", an Land gebracht und entpuppt sich zur Überraschung der Familie als eine Meerfrau. Der seltsame Gast schweigt sich über seine Ziele aus. Anscheinend will die fischschwänzige Frau die Menschen und ihre Kultur kennern lernen. Eine Art historische "Alf"-Geschichte. Die Familie verbirgt sie vor der Öffentlichkeit beziehungsweise tarnt sie als kranke Frau, die einen Rollstuhl benötigt. Nach und nach gewinnt die Meerfrau an Macht über die sie umgebenden Leute.
Die Geschichte ist reich an humorvollen Szenen und satirischen Seitenhieben. Da ist die sehr korrekte und sehr verschwiegene Dienerin der Familie, die mit der ihr eigenen Sturheit darauf besteht, dass die Lady beim Einkauf natürlich auch Schuhe erhalten muss. Da ist der investigative Journalist, der nachweisen kann, dass es sich um eine Meerfrau handelt - aber dank der Beziehungen der Familie von seinem Chefredakteur aufs Abstellgleis geschoben wird und seine Story wegwerfen muss. Und dann ist da auch noch der junge Politiker, der der Lady hoffnungslos verfällt. Das Ganze sehr schön mit historischen Illustrationen versehen und als geschmackvolles kleines Hardcover-Bändchen, selbstgebunden, in der Edition TES erschienen - einfach ein Leckerbissen.

Klaus Schröter: Der Brocken. Mythos & Wirklichkeit
Mini-Buch im Hosentaschenformat, dessen geringe Größe in verblüffendem Gegensatz seht zu seinem Gehalt. Man erfährt eine ganze Menge über den Berg, seine prominenten Besucher wie Heine und Goethe, seine Geschichte und die dort beheimateten Pflanzen. Man erfährt, dass der Teufelsbündner Faust erst in einem Buch von 1756 mit dem Berg in Verbindung gebracht wurde. Dass die Himmelsscheibe von Nebra "offensichtlich" exakt auf den Sonnenuntergang am Brocken justiert wurde (echt jetzt?). Dazu Infos über das Wetterphänomen "Brockengespenst", über die Brockenbahn, die Brockenpost, über Flieger und ihre Landeversuche auf dem Berg, über den Brocken als Standort für Sendemasten und Abhöranlagen, über Brockenwirte und das Original Brocken-Benno. Das alles auf rund 90 Mini-Seiten. Eine wahre Fundgrube für Harz-Einsteiger.

Betty Kast: Christines fantastische Welt. Teil 1: Christine ist unschuldig
Kinder/Jugendbuch einer Autorin aus Seesen, das ich für die Goslarsche Zeitung gelesen und besprochen habe. Die Geschichte entstand, als eine Tochter der Verfasserin im Urlaub schwer krank wurde und die Mutter an ihrem Bett saß und ihr etwas erzählen musste. Es geht um eine junge Frau, die Tochter einer Fee und eines Menschen ist. Da solche Kontakte den Feen streng verboten sind, werden die Eltern getrennt und mit Vergessen gestraft, das Kind wächst ohne Kenntnis seiner Herkunft bei einer Verwandten auf. Christine lebt in ärmlichen Verhältnissen. Sie liebt ihre Pflegemutter, aber deren Lebensgefährte hasst sie und will das Mädchen loswerden. Er schafft es, sie als Diebin hinzustellen, woraufhin Christine zur Zwangsarbeit verurteilt wird und in einem Bergwerk schuften muss. Und dann ist da noch eine böse Fee, die dem Mädchen ans Leben will ...



Weitere Jahresrückblicke
Teil I: Januar bis März 2019
Teil II: April bis Juni 2019
Teil IV: Oktober bis Dezember 2019

© Petra Hartmann


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Jahresrückblick II: April bis Juni 2019

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 29 December 2019 · 518 Aufrufe
Jahresrückblick
Im zweiten Quartal dieses Jahres habe ich relativ wenig fantaststische Literatur gelesen. Ein besonderer Schwerpunkt lag, wie auch in den späteren Monaten, erneut auf der Aufklärung, vor allem auf der jüdischen Aufklärung, der Haskala. Außerdem habe ich, bedingt durch meinen Einstieg bei der Goslarschen Zeitung, einiges an Goslar-Literatur studiert. Auch da kommt in den folgenden Quartalen noch einiges hinzu. Also, viel Vergnügen damit, und vielleicht ist ja etwas Interessantes für euch dabei.

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

April

Hans Gärtner: Der Gustl
Lausbubengeschichten in der Tradition des Klassikers von Ludwig Thoma. Der "Gustl" ist, wie der Untertitel verrät, "ein bayerisches Schlitzohr". Die Geschichten sind allesamt keine urbayerischen Schenkelklopfer, sondern eher etwas melancholisch erzählte, feinsinnige Jugenderinnerungen mit leichtem, hintergründigen Humor. Dabei geht es nicht um große Abenteuer oder Katastrophen, sondern eher um die kleinen Erfahrungen auf dem Lebensweg, die dieser Gustl macht, beispielsweise als er einmal zum Einkaufen geschickt wird und glaubt, er könne die Einkaufsliste ganz leicht im Kopf behalten, was dann natürlich - infolge mangelhafter Mnemotechnik - zu einigen Konfusionen führt. Aber Gustl löst das Problem, wie auch andere in diesem Buch, auf liebenswürdige und charmante Weise und bringt doch noch einen ordentlichen Einkauf zustande. Ein sehr freundliches, augenzwinkerndes Büchlein mit einem netten Blick zurück auf die eigene Kindheit.

Was bedeutet Aufklärung? (Reclam)
Textsammlung mit zentralen Schriften bekannter Aufklärer, darunter der titelgebende Aufsatz Immanuel Kants. Etwas verdrossen hat mich, dass in der uralten Vorgänger-Ausgabe zwar noch etwas von Moses Mendelssohn drin stand, in der neueren Zusammenstellung flog er aber raus. Schade, gerade seinen Aufsatz "Was heißt aufklären?", der fast gleichzeitig mit Kants "Was bedeutet Aufklärung?" erschienen ist, hätte ich gern neben dem Text des Königsbergers abgedruckt gesehen. Der Vergleich ist sehr spannend. Naja, ansonsten recht vernünftige Beiträge, Aufklärer eben, und die Arbeit des Reclam-Verlags solide wie gewohnt, lesbar.

Olaf Glöckner: David Friedländer: Aufklärer, Brückenbauer, Philanthrop (Jüdische Miniaturen)
Sehr kleines Heft im Reclam-Format, das einen gerafften Überblick über David Friedländers Leben und seine Werke und Ziele gibt. Auf rund 60 Seiten kann man natürlich vieles nur anreißen, und es ist keine erschöpfende Darstellung der Lebensleistung des Mannes geworden, aber es ist ein guter Einstieg in Friedländer. Insgesamt mag ich die Reihe und schätze sie als Einstiegslektüre, wenn ich mich mit bestimmten Persönlichkeiten befassen möchte. Hat man erstmal andere, dickere Bücher über den betreffenden Menschen gelesen, kommen die Miniaturen einem wahrscheinlich zu dünn vor, aber es ist ja auch nicht ihr Sinn und Zweck, mit dickleibigen Monographien in die Schranken zu treten. (Vorschau: Im dritten Quartal folgen ein paar Zeilen über eine ziemlich umfangreiche Friedländer-Biographie, die ich gelesen habe, und im vierten folgt eine Friedländer Werkausgabe.)

Naftali Herz Wessely: Moseide, Teil 1
(Hinweis: Die rote Warnfarbe dieser Buchvorstellung bezieht sich ausdrücklich auf die Qualität des Druckes, nicht auf die literarische Qualität des Werks.)
Es handelt sich um einen Reprint aus dem Verlag "Forgotten Books", der Scans alter rechtefreier Bücher im On-demand-Verfahren druckt. Diese Art Bücher sind für den Besteller immer ein Glücksspiel: Je nach Qualität des Scans kann es sich um ein gut oder weniger gut lesbares Buch handeln. Und bei Büchern, die sonst überhaupt nicht zu haben sind, ist man ja meist bereit, Abstriche zu machen. Aber ich habe noch nie ein derart schlecht entzifferbares Buch in der Hand gehabt wie diese Moseide. Das Original mag wohl sehr dünnes Papier gehabt haben, sodass oft die Buchstaben von der Rückseite spiegelverkehrt durchscheinen und mit erfasst wurden, wodurch viele Seiten völlig unlesbar sind. Hinzu kommt, dass manche Seiten ganz fehlen. Es ist traurig. Ich werde mir wohl mal einen Tag freinehmen müssen, um das Original in der Bibliothek im Lesesaal selbst in die Hand zu nehmen.
Kurz einige Sätze zum Inhalt: Wessely gehörte zur ersten Generation der jüdischen Aufklärer in Deutschland. Eine der großen Baustellen der Haskala war - ähnlich wie für die deutschen Reformatoren zu Beginn der frühen Neuzeit - die Schaffung einer gemeinsamen Hoch- und Schriftsprache. Wessely arbeitete also daran, ein modernes Hebräisch für die europäischen Juden zu schaffen, und dazu gehörte nicht nur der grammatische Part, sondern Wessely war auch journalistisch tätig und schuf auch große Literatur. Die Moseide gehört dazu. Das ursprünglich in modernem Haskala-Hebräisch abgefasste Epos schildert das Leben des Moses und die Herausführung der Israeliten aus Ägypten. Großes Vorbild war natürlich Klopstock mit seinem "Messias".
Wessely fand mit seiner Dichtung viel Anklang, und es gab auch Freunde des Werks, die die Gesänge ins Deutsche übersetzten. Die deutsche Fassung wurde schließlich von Wesselys Sohn postum herausgegeben. Wobei es nicht ein einzelner Übersetzer war, sondern mehrere, und wobei festgehalten werden muss, dass es sich bei dem vorligenden Band nur um den ersten Teil der "Moseide" handelt, wohl etwa das erste Drittel. Ob der Rest auch noch auf Deutsch erschienen ist, habe ich nicht herausgebracht.
Was ich aus den nicht verdruckten Seiten herauslesen konnte, hat mir stilistisch sehr gut gefallen. Es scheint wesentlich mehr Musik drin zu stecken als in Kloppstock. Insofern hoffe ich mal, dass es vielleicht irgendwann mal eine vernünftige, lesbare Neuausgabe geben wird.

Kim Scheider: Der rote Feuerstein und die Götterdämmerung


Mai­

Jens Kassner: Goslar an einem Tag
Handlicher Reiseführer, gut geeignet als Einstieg in eine neue Stadt. Sehr hilfreich und mit einem Preis von 5 Euro auch sehr günstig. Das erste Buch, das ich las, um mich mit meinem neuen Wirkungskreis vertraut zu machen. Empfehlenswert für den Goslar-Anfänger.

Johannes Scherr: Kaiser So und So und Prinzeß Gloria
Das kleine Büchlein erhielt ich als Mitglied des Forums Vormärz Forschung als kleine Überraschung. Es handelt sich um eine Posse, Burleske, Satire, vom Autor als "chinesisches Schattenspiel" bezeichnet. Erstmals erschienen 1845. Die Handlung: Die Tochter der Germania ("verwittwete Kaiserin von Deutschland"), die holde Prinzessin Gloria ("ihre Tochter aus verschiedenen Ehebünden") soll an den chinesischen Kaiser So und So verheiratet werden. Bei Hofe treten alle möglichen allegorischen Figuren und real existierende Persönlichkeiten der Zeit auf und geben ihre Kommentare zur Zeitgeschichte ab. Für den heutigen Leser sind die Anspielungen teilweise etwas schwer verständlich, aber es ist auf jeden Fall ein interessantes kleines Kabinettstückchen. Enthält ein hilfreichen Vorwort über den Verfasser sowie einige kommentierende Endnoten zum Stück.


Naftali Herz Wessely: Worte der Wahrheit und des Friedens
Ein 800 Seiten starker Band, der nicht nur Wesselys im Titel genannte Schrift, sondern auch die drei folgenden Sendschreiben abdruckt, ferner auch die Reaktionen auf Wesselys Schrift, sowohl der Unterstützer und Freunde als auch der Feinde. Außerdem eine ausführliche Darstellung der gesamten Diskussion um Wesselys vier Texte mit Hintergründen und und Folgen. Also das große Rundum-sorglos-Paket für jemanden, der sich tiefer mit der Materie befassen will.
Worum geht es? Wessely als Vertreter der Haskala, der jüdischen Aufklärung, nimmt Stellung zu einem bildungspolitischen Thema, das zunächst Österreich betraf, aber eigentlich die jüdischen Gemeinden im gesamten europäischen Raum betraf. Und so sind die abgedruckten Antwortschriften zu Wesselys vier Sendschreiben denn auch nicht nur aus Österrreich gekommen, sondern auch aus Deutschland, Italien, Polen und mehreren anderen Ländern.
Der österreichische Kaiser Joseph II. hatte im Rahmen einer allgemeinen Emanzipation der Juden in seinem Lande auch das Schulwesen reformieren wollen. Beziehungsweise erst einmal dafür sorgen wollen, dass die jüdischen Kinder auf staatlichen Schulen lernen. Wessely begrüßt das. Er verkündet den jüdischen Gemeinden die frohe Botschaft, dass nun auch die Juden vernündtige Schulbildung im Sinne der Aufklärung erhalten sollen, und macht Vorschläge zum Lehrplan und zur Abfassung von Schulbüchern.
Bis dahin lag das Schulwesen deutscher und österreichischer jüdischer Gemeinden sehr im Argen. Es gab, abgesehen von dem, was die Kinder von ihren Eltern lernten, fast nur religiöse Erziehung von Rabbinern und meist polnischen wandernden Hauslehrern. Alle diese Lehrer waren des Hebräischen kaum mehr mächtig, kannten nur einige notwendige Formeln und Sätze für den Hausgebrauch, hatten aber kaum noch Ahnung von Grammatik, und sprachen ansonsten das von Wessely und anderen Zeitgenossen als "verderbt" angesehenen "Judendeutsch" (Jiddisch). Weiterhin warf Wessely den Rabbinern vor, sich nicht auf die Thora (die fünf Bücher Mose) zu stützen, sondern auf den Talmud, der für Kinder vollkommen ungeeignet sei und auch für Erwachsene nur schwer verdaulich, eher ein Mittel zur Verdüsterung als dafür, Licht in den Köpfen zu schaffen. Wessely plädierte dafür, dass auch jüdische Kinder - wie für uns heute ganz selbstverständlich - Fächer wie Mathematik, Geographie oder Sprachen lernen sollen, um später in der Welt etwas zu werden. Dafür hat er aus religiösen und konservativen Kreisen sehr viel Prügel bekommen. Denn jede Mathestunde wäre ja vom Religionsunterrischt abgezogen worden. Viele konservative Rabbiner haben geschäumt vor Wut, als sie Wesselys Büchlein lasen. Allerdings muss auch gesagt werden, dass es auch aufgeschlossene Rabbiner gab, die Wessely unterstützten. Also im Prinzip der alte Kampf zwischen den alten Machthabern, die ihre Machtbasis gegen jede Veränderung verteidigen wollten, und den neuen, jungen Wissenschaftlern, die das Volk durch Bildung befreien wollen. Gab's im Christentum auch schon. Jedenfalls gingen die Wogen damals hoch. Heute kaum noch vorstellbar, dass sich ein Dorfpastor aufregen würde, wenn seine Konfirmanden außer dem Glaubensbekenntnis auch die binomischen Formeln auswendig lernen sollen. Aber noch gar nicht so lange her.
Was mir bei der Lektüre erst klar geworden ist: Letzten Endes war der Streit um Wessely und seine Sendschreiben mit ein Auslöser für Moses Mendelssohns Schrift "Jerusalem". Plötzlich merkt man beim Lesen, dass Mendelssohns Argumentation dafür, dass geistliche Vereinigungen, wie eben die christliche Kirche oder die jüdischen Gemeinden, nicht berechtigt seien, Mitglieder auszuschließen, gar keiner rein akademischen Fragestellung nachgehen will. Man dürfe dem Frevler, der ja gerade des geistlichen Trostes bedürftig ist, diese Zugehörigkeit nicht entziehen, argumentierte Mendelssohn. Und mit Wessely im Hinterkopf wird klar, dass es gar nicht um irgend eine theoretische Diskussion ging, sondern dass der Mann sehr konkret vom Bann bedroht war. Das war zu der Zeit zwar nicht mehr so lebensbedrohlich wie zu Uriel Accostas Zeiten, aber immer noch etwas, das einem Menschen das Leben ruinieren konnte.


Frank Heine: Der nationale Kandidat heißt Hitler
Eine Untersuchung über die Goslarsche Zeitung in der Weimarer Republik und ihre Berichterstattung über Adolf Hitler und die NSDAP. Das war für mich, nachdem ich den Vertrag bei der GZ unterschrieben hatte, das erste Buch, das ich ich über Goslar bestellt und gelesen habe. Man will ja wissen, in was für eine Firma man einsteigt.
Naja, wie viele andere Blätter hat sich meine neue Zeitung damals nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die GZ war zur Weimarer Zeit schon recht national eingestellt, allerdings hielt sie sich zunächst hauptsächlich an die DNVP. Hitler und seine Leute waren anfangs gar nicht so prominent im Blatt. Doch rückte Goslar im Verlauf der 20er Jahre mehr und mehr in den Fokus der NSDAP, es gab in den jeweiligen Wahlkämpfen immer mehr Veranstaltungen der Partei, auch sehr eindrucksvolle Massenkundgebungen und Reden bekannter Spitzenpolitiker des Nazis. Die GZ berichtete erst distanziert, wurde später aber nach und nach freundlicher gegenüber der Partei, schließlich wurde die Haltung zu einem sehr deutlichen "Richtig so, NSDAP!" - und eine Trennung von Berichterstattung und Kommentar, wie es heute zum journalistischen Standard gehört, gab es in dem Sinne auch nicht. Die Kommunisten schwieg die Zeitung, solange es nichts Negatives zu berichten gab, tot, die SPD schaffte es eher ins Blatt, wurde aber eher kritisch beäugt.
Die GZ setzte eigentlich voll auf die DNVP, die Nazis waren zunächst eher eine Art interessanter Verbündeter aus dem gleichen Lager, ein bisschen rüpelhaft und nicht ganz ernst zu nehmen, zunehmend beeindruckend dann aber eben durch ihre modernen Wahlkampfmethoden und die Massen, die sie auf die Beine brachten.
Einen wichtigen Wendepunkt in der Berichterstattung markiert Hitlers "Legalitätseid" im Jahr 1930. Da hatte er öffentlich erklärt, er werde die Gesetze der Weimarer Republik achten und nur mit "legalen" Mitteln agieren - sprich: nicht durch einen Putsch, sondern durch formal korrekte Wahlen an die Macht gelangen. Damit hatte er die GZ auf seiner Seite. Die Zeitung erlag daraufhin vollständig der Faszination, die der "Führer" auf viele ausübte, und schrieb den Mann systematisch hoch ... Jedenfalls hat die Goslarsche Zeitung zu der Zeit durch ihre Berichterstattung schon recht aktiv Wahlkampfhilfe für Hitler geleiset. Wobei die Zeitung immer noch von einem nationalen "großen Ganzen" träumte und davon, dass ihre geliebte DNVP und die Nazis vereint für die nationale Sache kämpfen würden.
Was daraus geworden ist, weiß man aus den Geschichtsbüchern. Und gedankt haben die Nazis dem Blatt die engagierte Schützenhilfe auch nicht, als sie erstmal an der Macht waren. Erst kam nur die Androhung, die Zeitung zu schließen, dann die vollständige Kontrolle der Artikel, 1943 schließlich die Einstellung der Zeitung beziehungweise die Zwangsfusion mit den Goslarer "Neuesten Nachrichten".
Tja, das ist jetzt also die Zeitungsgeschichte, die ich geerbt habe. Zwei Dinge haben mich dann aber doch bewogen, offen in das Blatt hineinzugehen. Das eine ist, dass der im Jahr 1998 amtierende Verleger Klaus Krause ein Vorwort zu dem Buch geschrieben hat. Und das andere ist, dass der Autor des Buches nach seinem Studium als Volontär bei der Goslarschen Zeitung angefangen hat und inzwischen dort Redaktionsleiter geworden ist. Man kann es also mal versuchen mit der GZ.

Katja Ludwig: Das Mauerschweinchen
Berufliche Lektüre, da die Autorin aus Goslar stammt und ich für meine Zeitung eigentlich ein Porträt und eine Rezension dazu schreiben sollte. Die Autorin hat mich dann aber so angetusst, dass ich beides wieder gelöscht habe.

Michael Schnelle: Goslar
Noch ein Reiseführer im Einsteckformat, der mich etwas beim Hereinkommen in meine neue Stadt unterstützt hat. Etwas dicker und ausführlicher als der erste, auch fast doppelt so teuer (was bei 9,95 Euro aber auch nicht viel ist). Gute Ergänzung zu "Goslar an einem Tag". Auch für die Umgebung interessant.


Juni

Wilhelm von Humboldt: Schriften zur Bildung (Reclam)
Der dritte dicke Reclam-Band über Wilhelm von Humboldt ist noch relativ neu. Zu meiner Studienzeit habe ich mit intensiv mit seinen "Schriften zur Sprache" befasst und mit seinen "Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen". Der vorliegende dritte Band ist insofern ein typischer Humboldt, als er natürlich im gewohnten spröden Tonfall abgefasst ist, der einem Leser schon einiges an Liebe und Engagement abverlangt. Es handelt sich weniger um wissenschaftliche Texte, es handelt sich um Entwürfe für eine Umgestaltung des preußischen Schulwesens, um Gutachten, Berichte. Dazu gibt es Grundsätzliches zum Bildungsgang eines jungen Menschen, zu Zielen der Erziehung und zum Sinn von Bildung. Teilweise schon sehr idealistisch und optimistisch, aber wenn ich sehe, was im Namen von Pisa und Bologna inzwischen an Schulen und Universitäten zerstört wurde, dann wünsche ich mir doch einen Orkan, der dort durch die Räume fegt, den ganzen Bulimielernstoff aus diesem Augiasstall mit heiligem Zorn hinauspeitscht und die Fackel des Humboldtschen Humanismus neu entzündet. Nuff said.

Die Welten von Thorgal - Thorgals Jugend 5: Slive


Wilko Müller jr.: Fräulein Schmidt und die Reise nach Mexiko (BunTES Abenteuer 8/2012)
Kurzer Heftroman aus der Reihe "BunTES Abenteuer". Es handelt sich um ein Seitenstück zu der "Fräulein Schmidt"-Serie des Verfassers. Fräulein Schmidt ist eigentlich eine alte Maya-Göttin, die mit dem befasst ist, was vor einigen Jahren unter dem Schlagwort "Weltuntergang laut Maya-Kalender" von sich reden machte. Wobei die Mayas in ihrem Kalender eigentlich nur vom Übergang in ein neues Zeitalter ausgingen. Und wobei offenbar das größere Problem der Weltbevölkerung in diesem Roman ein ganz anderer Zeitenwechsel und Weltuntergang ist: Wir stehen kurz vor dem Jahreswechsel 1999/2000, und alle Welt fürchtet den schrecklichen "W2K" auf ihren Rechnern.

Frank W. Haubold: Der Garten der Persephone (BunTES Abenteuer 6/2012)
Hierbei handelt es sich nicht um einen Heftroman, sondern um zwei Kurzgeschichten, eine 20 Seiten stark, die andere 10. In der Titelgeschichte geht es um ein Raumschiff voller Menschen, die vor ewigen Zeiten mal auf der Erde gelebt haben und nun zurückkehren zu ihrem Heimatplaneten. Erzählt wird aus der Perspektive des jungen Marian, der als einziger keine Erinnerungen an die Erde hat, da er im All geboren wurde. Auch seine Eltern kennt er nicht, er wurde aufgrund eines "Notprogramms" geboren, das nach dem Tod des letzten weiblichen Besatzungsmitglieds anlief. Die Besatzung landet auf der Erde und findet Ruinen, alles ist zerstört und verfallen, die Bewohner sind scheinbar verschwunden. Es gab eine Katastrophe. Aber etwas hat überlebt. Ein Bewusstsein, das zu Marian Kontakt aufnimmt, um ihm zu zeigen, wohin die anderen gegangen sind. Sie gingen ins Dunkel ...
"Schwarz" heißt die andere Geschichte. Es ist die Geschichte eines Mannes, der erwacht und erstmal nicht weiß, wo er ist. Ist er tot? Getötet im Kampf um die Mondkolonien? Zum Glück ist jemand bei ihm, der schon etwas länger da ist ...
Zwei nachdenkliche, etwas melancholische Science-Fiction-Geschichten, die mit dem Thema Bewusstsein spielen und mit der Frage nach einer Existenz zwischen Leben und Tod.

Greta Thunberg: Ich will, dass ihr in Panik geratet
Das Buch enthält zehn Reden und einen Facebook-Kommentar, die letzte Rede ist die zur Verleihung der Goldenen Kamera, gehalten am 30. März 2019. Damit ist das Buch zwar schon realativ aktuell, aber die Reden, mit denen Greta Thunberg danach für Aufsehen gesorgt hat, fehlen natürlich.
Es ist ein sehr dünnes Buch, hat gerade mal 64 Seiten. Und es gibt einige Wiederholungen darin, manche Passagen kommen in mehreren Reden wörtlich oder fast wörtlich wieder vor. Trotzdem: rhetorisch sehr stark, es sind sehr gut formulierte Texte, kurz, knapp, prägnant, präzise, eindrücklich und im Gedächtnis bleibend. Dass sie inhaltlich recht hat, dürfte ohnehin klar sein.


Weitere Jahresrückblicke
Teil I: Januar bis März 2019
Teil III: Juli bis September 2019
Teil IV: Oktober bis Dezember 2019

© Petra Hartmann


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Jahresrückblick I: Januar bis März 2019

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 28 December 2019 · 529 Aufrufe
Jahresrückblick
Was für ein Jahr! Wie gewohnt, findet ihr hier meine Lesefrüchte der vergangenen zwölf Monate. Aber zunächst eine kurze Standortbestimmung. Es war viel los in diesem Jahr 2019 ...

Für mich ist es vor allem journalistisch das vermutlich schönste Jahr meines Lebens gewesen. Ich habe im Mai der Gardelegener Volksstimme Lebewohl gesagt und bin seitdem Lokalredakteurin der Goslarschen Zeitung. Das ist jetzt länger als ein halbes Jahr her, aber ich bin immer noch verliebt wie am ersten Tag.

Schriftstellerisch waren meine Höhepunkte die Lesung auf dem Helgoländer Literaturfestival und der Besuch beim Nürnberger Autorentreffen (mit Lesung und Gegrilltem in der Galerie im Weinlager), Pflichtstationen waren auch der Marburg-Con und der Buchmesse-Con und die Leipziger Buchmesse. Ich hatte zwei sehr schöne Lesungen in Gardelegen und drei interessante Radiosendungen bei Radio Tonkuhle.

Was ist in diesem Jahr an Texten entstanden? Ich habe weiter an meiner Sammlung "Buchfinkenmärchen" gearbeitet (aktueller Stand: 45 von geplanten 50 Geschichten) und habe das erste Viertel eines Indianer-Romans, Arbeitstitel: "Der Flug des Jungen Adlers", geschrieben. Dazu einige Kurzgeschichten und Märchen. Auch wieder etwas aus meinem Fantasy-Land Movenna. Und natürlich ein Weihnachtsmärchen.

Im November gab es für mich wieder eine vierwöchige Auszeit auf Helgoland: Einen Monat lang nur Lesen und Schreiben bei vollständiger digitaler Entgiftung. War schön, und die Lesefrüchte aus dieser Zeit stelle ich euch, wie üblich, im vierten Teil dieses Jahresrückblicks vor.

Doch zunächst ein Blick auf das erste Quartal. Es ist eine Mischung aus Kinderbüchern, Klassikern, moderner und alter Phantastik und ein bisschen "unphantastischer" Belletristik. Schaut einmal rein, ob ihr etwas davon gebrauchen könnt. Viel Vergnügen damit.

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.




Januar

Birgit Otten: Falkenmagie (e)

Hans Baumann: Ich zog mit Hannibal
Jugendbuch-Klassiker über den karthagischen Feldherrn, der Rom erobern wollte und dazu mit Elefanten die Alpen überquerte. Die Geschichte wird erzählt aus der Persepktive eines Jungen, der mit dem Heer mitzieht und sich als besonders guter Elefanten-Betreuer erweist. Zwischen ihm und dem letzten Elefanten Hannibals entwickelt sich eine besondere Beziehung, ebenso wie zwischen Ihm und dem legendären Karthager-Feldherrn selbst. Erneut arbeitet sich Baumann an der Person eines berühmten, charismatischen Führers ab, der die Massen begeisterte, eine große Idee verfolgte, die Welt bewegte. Ein Thema, das den Autor, der in seiner Jugend vollkommen für Hitler schwärmte und damals "Cheflyriker" der Bewegung war, Zeit seines Lebens nicht wieder losgelassen hat. Wir erleben Hannibal von seiner menschlichen Seite, auch als Menschen, der für Humanität und Gerechtigkeit eintritt, der aus Tierliebe auf einen bestimmten Elefanten in seiner Phalanx verzichte und ihn zu Hause lässt und der mit dem kleinen Elefantenführer freundschaftlich und ohne Hierarchiedünkel spricht. Aber Baumann zeigt uns auch das andere Gesicht des Karthagers, den Machtmenschen, der skrupellos über Leichen geht, Städte vernichtet, Unschuldige opfert und für sein Ziel auch bereit ist, Lügen und Fälschungen zur Hilfe zu nehmen.

Jugurtha-Gesamtausgabe 4:
- Der große Vorfahr
- Die Mondberge
- Der schwarze Stein
Teil vier der Jugurtha-Gesamtausgabe. Erneut sehr opulent und hochwertig aufgemacht und wie bereits die Bände 2 und 3 und die zweite Hälfte von Band 1 absolut ohne Bezugspunkte zum historischen numidischen Prinzen gleichen Namens. In diesem Band ist Jugurtha wieder in Afrika unterwegs, ein Hintergrund, der mich wesentlich mehr überzeugt als die asiatischen Abenteuer. Und er trifft auch wieder auf korrupte, dekadente Schergen Roms. Zum Ende hin wird es sogar ein wenig spacig. Und wir erleben den Helden in einigen kurzen Zeichenabenteuern außerhalb der Kontinuität auf Stipvisite im 20. Jahrhundert. Sehr schön.

Clemens Brentano: Rheinmärchen (e)
Ein sehr umfangreiches, verschlungenes Märchen mit zahlreichen eingebetteten kürzeren Erzählungen und der weitverzweigten Geschichte einer Dynastie von Menschen, die auf besondere Weise mit dem Wasser und übernatürlichen Frauen verbunden sind. Ich habe mich damals für meinen Blog-Artikel über die Loreley näher mit dem "Rheinmärchen befasst, das ja in der Geschichte der Kunstsage um die blonde Frau auf dem Felsen eine besondere Rolle spielt. Insofern kann ich mich hier eigentlich kurz fassen. Es ist sprachlich sehr schön, wegen der vier Generationen und zahlreichen Betroffenen teilweise etwas schwer zu verfolgen, sodass man unterwegs manchmal den Faden verlieren kann, aber insgesamt nicht schlecht.
Was mich abgestoßen hat, war der üble Antisemitismus, der, ohne in der Erzählung eine nennenswerte Funktion zu erfüllen, gegen Ende der Geschichte aufflammt. Da haben die Bürger die Gelegenheit, ihre im Rhein versunkenen Kinder nach und nach zurückzuholen, indem jeden Tag ein anderer Elternteil dem Fluss eine Geschichte erzählt. Und plötzlich wollen sich zwei als ausgesprochen widerwärtig, eitel und von Hybris beherrscht dargestellte Jüdinnen vordrängeln und zuerst erzählen, um ihre Kinder als erste zurück zu erhalten. Während alle ehrbaren Christen natürlich dafür sind, dass selbstverständlich der Herrscher als erster erzählen darf. Woraufhin die Jüdinnen damit bestraft werden, dass sie als allerletzte an die Reihe kommen. Ein blindes Motiv. Und nicht nur inhaltlich, sondern auch literarisch und kompositorisch eine ziemliche Ecke, die Brentano hier seinem eigenen Erzählfluss schlägt. Wie groß muss sein Hass gewesen sein, wenn er als guter und professioneller Erzähler, der er ja war, gar nicht merkt, wie er an der Stelle seine eigene Geschichte versaut? Oder kommt mir das nur so vor, weil ich mit den Augen eines Lesers aus dem 21. Jahrhundert darauf blicke?

Hans Friedrich August von Arnim: Quellenstudien zu Philo von Alexandria
- Über die pseudophilonische Schrift peri aphtharsias kosmou
- Philo und Aenesidem
- Ein stoisches Zetema bei Philo
Drei Aufsätze in einem Sammelband. Textsammlung aus dem Jahr 1888, ein Reprint aus der Reihje "Scholar Select", also eines von diesen 1:1 eingescannten Public-Domain-Büchern. Die Druckqualität ist in Ordnung. Inhaltlich sehr speziell. Es geht zum Teil um die Rekonstruktion anderer Autoren, an denen Philo sich abarbeitet. Insgesamt eine sehr sachkundige, detailreiche Arbeit, bedingt durch ihre Entstehungszeit etwas anstrengend im Satzbau.

Sallust: Bellum Iugurthinum / Der Krieg mit Jugurtha lat/dt (Reclam)
Das musste mal sein, wenn ich mich schon durch die Comic-Klassiker über den numidischen Prinzen durchfresse. Also mal wieder zu den Quellen. Erstmals gelesen habe ich den "Bellum Jugurthinum" 1988 im Lateinunterricht. Ich erinnere mich noch gern an die Diskussionen mit Herrn Möbius über Geschichte, Politik und allgemeine Weltanschauungsfragen. Waren manchmal echte Sternstunden. Schade, dass ich es versäumt habe, ihm den Comic zu zeigen. Tja, aber das Reclam-Heft ist ja auch ganz hübsch. Schöne zweisprachige Ausgabe, ein gut kommentierter Begleiter durch die römische Geschichte. Und Sallust ist als Geschichtsschreiber auch nicht ganz so dröge. War ein nettes Wiedersehen.

Vanessa Kaiser, Fabienne Siegmund, Stephanie Kempin, Thomas Lohwasser, Jana Damaris Rech: Herbstlande. Ein Reiseführer
Ich habe die beiden Bücher "Herbstlande" und "Geschichten aus den Herbstlanden" mit Genuss gelesen und hatte auch sehr viel Spaß an dem Reiseführer durch die drei Länder September, Oktober und November. Es handelt sich um ein DIN A 5-Heft, in dem die geographischen und zeitlichen Besonderheiten der Herbstlande dargestellt werden und in dem der Leser viele der besonderen Lebewesen, die diese Phantasiewelt bevölkern, noch einmal vorgestellt bekommt. Erneut ein sehr liebevoll aufgemachtes und opulent illustriertes Büchlein aus den Herbstlanden und trotz der einfachen Heftung und des schlichten Papp-Umschlags eine kleine bibliophile Kostbarkeit. Sehr nett.

Annette Zgoll: Der Rechtsfall der En-hedu-Ana im Lied nin-me-sara
En-hedu-Ana gilt als erste Schriftstellerin der Welt. Die Tochter Sargons II. war Priesterin der Liebesgöttin Ischtar und des Himmelsgottes An, aber auch Wissenschaftlerin und Politikerin. Als eine ihrer großen Leistungen gilt die Schaffung einer Art "Interpretatio romana" für die Götter des alten Zweistromlandes, in der sie die sumerischen und akkadischen Gottheiten einander zuordnet. Im Lied "Nin-me-sara" wendet sie sich in sehr persönlicher Weise an Ischtar und bittet sie um Hilfe in einer Situation, in der ihre Macht schwand und sie sich gegen Feinde zur Wehr setzen musste. Das Ganze ist dargelegt als eine Art Gerichtsfall, in dem sie auf der einen und der Gott Marduk auf der anderen Seite steht. En-hedu-Ana legt ihre Rechtschaffenheit und ihre Ansprüche dar und bittet um Unterstützung in der Verhandlung, sie sieht sich ungerecht behandelt und will in ihre alten Rechte wieder eingesetzt werden.
Ein wenig hat es mich an Sapphos Aphrodite-Ode erinnert, hier wie da wird die Liebesgöttin um Hilfe angerufen, es werden ihre Vorzüge geschildert, und die Verfasserin erinnert die Göttin daran, dass sie ihr ja schon zuvor in ähnlichern Situationen beigestanden hat. Der Unterschied ist, dass es bei Sappho um das eher private Thema Liebe und die Gewinnung eines bisher abweisenden Menschen (vermutlich einer Frau) geht, bei En-hedu-Ana aber um eine hochpolitische Angelegenheit und um Machtfragen.
Die vorliegende Arbeit enthält den Text des Gedichts/Gebetes, zunächst in einer wörtlichen, dann in einer etwas freieren Übersetzung sowie eine interpetierende und kommentierende Annäherung an die Priesterin. Ein sehr interessantes Werk, aus dem ich viel gelernt habe.


Hörbuch/Hörspiel

Carol Rifka Brunt: Sagt den Wölfen, ich bin zu Hause
Wow. Das war einfach toll. Geschichte eines ungleichen Schwesternpaars und seines verstorbenen Onkels. Der Mann war ein weltberühmter Maler, hat sich dann aber zurückgezogen. Kurz vor seinem Tode will er die beiden Mädchen noch einmal malen. Erzählt wird die Geschichte dieses Bildes und das, was davor geschehen war. Nach und nach erfährt der Leser die ganze Familiengeschichte und wie die "anständige" Familie den Onkel an den Rand drängte, wie er selbst zum Außenseiter wurde, zuerst als Künstler, dann als Homosexueller, schließlich als Aidskranker. Erzählt wird auch die Geschichte der beiden Mädchen. Zwischen ihnen gibt es die üblichen Reibereien unter Pubertierenden, aber das, was die ältere ihrer jüngeren Schwester antut, ist mehr als fies, es ist schon kriminell. Erzählt wird das Ganze aus der Sicht der jüngeren Schwester, die ihren Onkel abgöttisch liebte. Schließlich lernt sie seinen Lebensgefährten kennen, einen jungen Mann, der in der Familie als derjenige gilt, der den Onkel mit der Seuche angesteckt hat. Eine Geschichte, die unter die Haut geht. Wundervolle Sprache und sehr gut gelesen.


Februar

Jostein Gaarder: Das Orangenmädchen
Die Erzählung einer Jugendliebe, in Briefform von einem Vater für seinen Sohn aufgezeichnet. Nette Geschichte, leicht und locker erzählt, ein wenig rätselhaft, schon irgendwie im oberen Drittel angesiedelt, aber Gaarder kann mehr.

Günter Abramowski: darüberhinaus

Ulrike Stegemann: Dämonenfriedhof

Reinhold Mayer: Versuch über Paulus
Eine Betrachtung über Paulus und seine Art, das Christentum zu verbreiten, mit besonderem Schwerpunkt auf dem Antisemitismus des Mannes. Reinhold Mayer zeichnet nach, wie Paulus den Juden nach und ihre Rechte am Bund mit Gott aberkennt - bis hin zu der These, die Juden seien nur die illegitimen Abkömmlinge Abrahams von der Magd Hagar, während die Christen die wahren Kinder Abrahamns von dessen Ehefrau Sara seien. Schon schlimm, wenn man sich mal die Texte des engagiertesten Außendienstlers Jesu daraufhin genauer anschaut.


März

Regina Nagel: Flaschenpostsommer
Ein Buch, das ich lektoriert habe. Da ich selbst "die Finger drin habe", enthalte ich mich der Bewertung. Nur kurz zum Inhalt: Es geht um ein Mädchen und einen Jungen, die beide schwer kranke Geschwister haben. Auf beiden ruht daher schon in jungen Jahren eine große Verantwortung, und beide kommen in ihrer Familie selbst ein bisschen zu kurz. In den Ferien lernen sie sich kennen, und sie lernen, dass sie selbst ebenfalls wichtig sind.

Sibylle Luig: Magie hoch zwei. Band 1: Operation Waldmeister

Sibylle Luig: Magie hoch zwei. Band 2: Die fiesen Omas

Amos Oz: Wo die Schakale heulen
Kurzgeschichtensammlung aus der frühen Kibbuz-Zeit von einem der ersten israelischen Autoren. Kibbuzarbeit, Zwischenmenschliches, Streit, Verletzungen, immer wieder Angriffe, ringsum raue Wüste, und ab und zu heult ein Schakal. Eine sehr herbe Welt wird anschaulich, das ganze sehr spröde in der Sprache, fast emotionslos, aber eben darum sehr treffend.

T.H. White: Der Habicht

Sternmetall. Bulgarische Phantastik



Weitere Jahresrückblicke
Teil II: April bis Juni 2019
Teil III: Juli bis September 2019
Teil IV: Oktober bis Dezember 2019

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Jahresrückblick IV: Oktober bis Dezember 2018

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 31 December 2018 · 631 Aufrufe
Jahresrückblick
Und hier der letzte Teil meines Rückblicks auf mein Literaturjahr 2018. Vor allem der November mit vier Lese-Urlaubswochen auf Helgoland und einem großen Koffer voller Bücher hat sich gelohnt. Nicht wundern über den teilweise schwelgerischen Tonfall - ich habe natürlich haufenweise Bücher von Lieblingsautoren mitgenommen, und da war schon einiges Gutes zu erwarten.
Viel Spaß beim Stöbern. Vielleicht ist ja was dabei für euch. Und kommt gut rein ins neue Jahr!


Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


Oktober

Ida von Hahn-Hahn: Von Babylon nach Jerusalem (e)
Ida von Hahn-Hahn war eine Autorin des Vormärz und eine große Reisende. Ihr Buch "Orientalische Briefe" ist einfach großartig, da kann sich Fürst Pückler eine Scheibe von abschneiden.
"Von Babylon nach Jerusalem" hat allerdings recht wenig mit ihren Orientreisen zu tun. Die Gräfin beschreibt ihre innere religiöse Entwicklung, die sie nach der 1848er Revolution dazu brachte, zum Katholizismus überzutreten und ins Kloster zu gehen. Eine große Abrechnung mit dem Protestantismus und ein Eintreten für die wahre, katholische Religion. Hat mich zwar nicht überzeugt, aber ihr war es sehr ernst damit.

Werner Herrmann: Der Bund des Turmes

Gustav Kühne: Die Wartburgsfeier (e)
Geschichte zweier ungleicher Brüder, beziehungsweise Halbbrüder, Söhne eines Adligen, der eine ehelich gezeugt, der andere Spross eines vorehelichen Verhältnisses mit einer nicht standesgemäßen, aber geliebten Frau. Letzterer ist Student und zur Zeit des Wartburgfestes einer der Leiter. Die Geschichte hat aber danach nicht mehr viel mit dem Fest zu tun, sondern es geht um Familienverhältnisse, Leidenschaften, dunkle Stunden. Die Brüder sind beide schwer verliebt in das gleiche Mädchen, das obendrein das vielgeliebgte Ziehkind des Vaters der beiden ist. Letzterer legt im Testament fest, dass derjenige seiner Söhne, der die junge Frau ehelichen werde, den Löwenanteil seines Vermögens bekommen soll. Sollte sie es vorziehen, nicht zu heiraten, so soll der Großteil des Vermögens an sie fallen, und die Brüder mit einem recht kleinen Pflichtteil abgegolten werden. Es gibt viele tragische Tode, meist sterben die Leute an gebrochenem Herzen oder Schwermut, am Ende sind alle Beteiligten tot. Schwarze Schauerromantik aus der Frühzeit der Jungdeutschen.

Renate Hupfeld: Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland (e)
Biographie eines Journalisten und Revolutionärs, der die 1848er Revolution begleitete. Sehr schön aufbereitet. mit zahlreichen Quellentexten und reich illustriert. Gut und spannend geschrieben ist es zudem. Ich habe viel daraus gelernt. Interessant war er für mich vor allem durch seine Beziehung zu Malwida von Meysenburg, einer beeindruckenden Vormärzlerin und Autorin, mit der ich mich damals im Studium auseinadergesetzt habe. Außerdem natürlich als niedersächsischer Autor, ansonsten hört man ja eher etwas von den Leuten in Berlin, Frankfurt und Hambach ... Lesens- und empfehlenswert.

Fabienne Siegmund (Hrsg.): Irrlichter
Zauberhafte Anthologie, die ich bei der Tochter des Verlegers gegen ein Nestis-Buch getauscht habe.
Man findet darin Irrlichter in allen Farbtönen und Facetten ihres irritierenden, flackernden Lebens. Heimtückische Gesellen, die nächtliche Wanderer ins Moor locken. Wiedergänger, irrende Seelen, Elfenwesen. Und die Lichtgestalten, die in diesem Buch ihr Unwessen treiben, sind so unterschiedlich und vielseitig, dass man vor den Autoren nur den Hut ziehen kann. Man trifft auf ein unheimliches Lichtwesen aus der Welt der Inkas, irgendwo zwischen Erlkönig, Mondgottheit und Seelensammler ("Das Licht des Urubamba" von Sabrina Železný), erlebt ein Steampunk-Abenteuer an der Seite des jungen Nikola Tesla ("Archibald Leach und die verschollenen Irrlichter" von Markus Cremer), ist auf einer Versammlung der Lichter bei einer Diskussion um Wert und Unwert der Irrlichter dabei ("Der Kongress leuchtet" von Markus Heitkamp) und erlebt die Aufklärung eines Mordes durch eine geisterhafte Lichterscheinung ("Totenlicht" von Sandra Lode). Es gibt eine Biographie eines Irrlichter-Jägers ("Iszual" von Thilo Corzilius), eine spacige Suche nach dem Dealer einer Zukunftsdroge, der die Schwester des Ich-Erzählers auf dem Gewissen hat ("Neonnacht" von Iris Leonard) und die Landung eines Raumschiffs, das die Erde erforschen soll ("ELIX-4 erforscht die Erde" von Peter Stohl).
Meine drei Favoriten unter den Irrlichtern sind
- der Moorgeist, der mit der Zeit gehen musste und nun seine Kunden als Bankangestellter zuerst in den Ruin treibt und dann in den Selbstmord - vorzugsweise dann im Moor ("Karrierewechsel" von Jens Grabarske)
- die anrührende Geschichte von einem alten Mann, der immer wieder ins Moor geht, um Irrlichter zu fangen - auf der Suche nach seiner Geliebten, die vor Urzeiten im Moor verschwand ("Irrlichterjäger" von Christian Lange)
- und das putzige kleine Männchen, das Schokokekse über alles liebt und dessen Handy-Display nachts im Moor geheimnisvoll leuchtet ("Schokokekse über alles" von Ruth M. Fuchs).
Aber der Rest ist auch lesenswert. Einfach irre. Und erleuchtend.

Geschichten aus den Herbstlanden

Heimkehr. Thüringen - morgen und übermorgen



November

Lewis Carroll: Die Alice-Romane. Übersetzt von Günther Flemming (Reclam)
(Alice im Wunderland / Durch den Spiegel und was Alice dort fand)
Kennt ihr das? Ihr schreibt auf Facebook in einer Diskussion mal eben ein paar Sätze hin, und dann fangt ihr an, länger drüber nachzudenken, und irgendwann greift es auf das reale Leben über? Mir ist es mit Alice so gegangen. Eine Autorenkollegin fragte in die Runde, welche Märchen uns als Kind so richtig Angst gemacht haben. Schnell war da die Hexe aus Hänsel und Gretel genannt, und auch der Wolf, der das Rotkäppchen gefressen hatte, war natürlich ein absoluter Angstmacher. Bei mir war es kein Grimm- oder Andersen-Märchen, das ich als Kind furchtbar gruselig fand. Aber ich erinnere mich immer noch mit Grauen daran, wie wir im Kindergarten mal eine Schallplatte mit Alice im Wunderland gehört haben. Das hat mir Angst gemacht. Man stelle sich vor: Da fällt jemand tiefer, tiefer, immer tiefer und immer weiter, stundenlang durch ein endloses Loch. Außerdem haben wir damals wohl nur die erste Seite der Platte gehört, und so erfuhren wir auch gar nicht, dass die gute Alice am Ende aufwachte und wieder zu Hause war. Für mich war nur im Gedächtnis hängen geblieben, dass jemand einfach so tiefer und tiefer fällt und nie wieder nach Hause kommt. Mein Gott, war mir das unheimlich. Ich schätze, ich war zehn oder elf Jahre alt, als ich dann die Readers Digest-Ausgabe des Wunderlands las, und ungefähr 14 oder 15, als ich, auf der Suche nach den Wurzeln der Fantasy, mit zwei Goldmann-Taschenbüchern auf den Spuren Alices noch einmal das Wunderland und erstmals das Spiegelland durchstreifte.
Jedenfalls hat mich das Nachdenken über die Alice-Romane noch den ganzen Tag begleitet, und als abends in der Volksstimme-Redaktion die Reihe an mich kam, die tägliche Glosse zu schreiben, verfasste ich einen kurzen Text darüber, wie beängstigend Märchen sein können und dass ich seit meiner Kindheit ein Alice-Trauma mit mir herumschleppe.
Die Reaktion war sehr überraschend für mich. Denn am nächsten Tag fand ich im Briefkasten das schön gebundene Reclam-Buch vor, mit einer Widmung des Übersetzers, "für angstfreie Lektüre". Wusste bis dahin nicht, dass er in Gardelegen lebt und meine Zeitung liest ...
Im Urlaub hatte ich natürlich nichts Eiligeres zu tun, als mir die neue Ausgabe durchzulesen. Ja, es ist wirklich ein wundervolles Buch. Die Übersetzung hat mir gefallen. Und der Kommentarteil ist erste Sahne.
Aber wisst ihr was: Dieses ganze Wunderland mit seinen Bewohnern hat immer noch etwas Beängstigendes für mich. Es ist wie ein Gang durch eine riesige Irrenanstalt. Nirgends gibt es einen Ausgang. Und wen immer man treffen mag: Alle sind absolut irre, unzurechnungsfähig, unlogisch und unberechenbar. Kein Kettensägen-Massaker könnte mich so ins Gruseln bringen wie diese Ansammlung von Irren. :-D


Max Arnhold: Das Helgoländer Lotsenwesen
Geschichte der Helgoländer Lotsen, Auf- und Niedergang eines Gewerbes, das einst einen Großteil der Inselbevölkerung ernährt hat. Reich bebildert. Und als besonderes Schmankerl ist in der zweiten Hälfte des Buchs das alte Helgoländische Examensbuch aus dem Jahr 1839 in Hallunder und hochdeutscher Übersetzung abgedruckt. Wer einen historischen Roman über Helgoland schreiben möchte, sollte hier mal reinschaun.

Juri Rytchëu: Alphabet meines Lebens
Eine Art Autobiographie des tschuktischen Schriftstellers, aber eine sehr ungewöhnliche. Es sind kurze, in alphabetischer Reihenfolge ihrer Überschriften angeordnete Texte, wobei man im jeweiligen Titel meist sowohl das deutsche als auch das tschuktschische und das russische Wort findet. Der Autor erzählt von Abenteuern seiner Kindheit und Jugend auf der sowjetischen Seite der Beringstraße, aber auch von seinem Studium und seiner Wohnung in Moskau, von Lesereisen, auf denen er unter anderem Haile Selassie bedgegnet, vom ersten Automobil, vom ersten Telefon im Land der Tschuktschen und davon, wie er einmal plötzlich alle wichtigen Leute in seiner Heimat um sich hatte, die sogar mit ihm zum Angeln fahren wollten, weil er nämlich einen Anruf aus Amerika, vom Präsidenten, erhalten hatte. Allerdings hatten sich die Leute, die seine Leitung abhörten vertan und aufgrund ihrer schlechten Englischkenntnisse von dem Telefonat nicht viel verstanden. Denn der Präsident war nicht der US-Präsident gewesen, sondern nur der Präsident des National Geographic, der beim Autor eine Reportage bestellt hatte.
Robbenjagd und schamanistische Rituale stehen neben Geschichten über moderne Technik, Elektrifizierung und Großstadterlebnissen aus Moskau. Man erfährt etwas über Tschuktschenwitze, die man sich in Russland erzählte, über sowjetische Politik, denen die Robbenjäger von der Beringsstaße manchmal mit Unverständnis begegneten, und davon, wie Rytchëu einmal einem tschuktschischen Politiker die Kandidatur verdarb. Ohne zu ahnen, was es für Folgen hatte, als er den Namen des Mannes ins Russische übersetzte. Nein, einen Volksvertreter mit dem Namen "Donnernder Schwanz" wollten die Herren in Moskau dann doch nicht auf dem Wahlzettel haben. Aber auch mit seinem eigenen Namen gab es einige Probleme. Der Schamane, der eigentlich hätte herausfinden sollen, wie das neugeborene Kind heißen sollte, bekam trotz mehrerer Versuche keine Antwort aus der Geisterwelt und verlor endlich die Geduld: "Dann soll er Rytchëu heißen - der Unbekannte!", rief der Mann wütend, und dabei ist es geblieben.
Am besten hat mir aber die Geschichte über Mathematik und die Zahlen gefallen. So etwas wie Mathematik hatte es auf Tschukotka bis zur Ankunft der Europäer nicht gegeben. Und Zählen? Eigentlich basierte alles auf der Fünf, eben auf den fünf Fingern der Hand. Und dann gab es noch die Zahl Zwanzig, die auch so viel bedeutete Wie "Mensch", wegen der zwanzig Finger und Zehen des Menschen. Wer da etwas nachrechnen musste, zog sich eben die Stiefel aus und zählte alles an Fingern und Zehen ab. Beeindruckend die Schilderung, wie Rytchëus Großmutter für ihre Abrechnung die gesamte Familie in ihr Zelt holte, alle mussten die Stiefel ausziehen, und dann ging die Abzählerei und Rechnerei los. Und wehe, einer wackelte mit den Zehen. Einfach ein wunderbares, anschauliches und sehr lebendiges Buch. Lest es.

Katharina Gerlach: Das Erbe. Der gestiefelte Kater
Neu-Erzählung des bekannten Grimmschen bzw. Tieckschen Märchens. Diesmal allerdings aus der Perspektive des Katers. Der ist nämlich verflucht und kann nur wieder erlöst werden, wenn er es schafft, dass der Müllerssohn eine Prinzessin heiratet. Was ihm erst vollkommen unmöglich erscheint. Aber als sein junger Herr und die Prinzessin sich begegnen, sind sie einander sofort sympathisch - und mehr als das. Sehr interessante und erfrischende Neufassung eines Klassikers mit einigen Überraschungen und einem eigenwilligen Erzähler.

Storyolympiade 2017/18: Maschinen
Die besten Texte des Wettbewerbs für Nachwuchs-Autoren aus dem Bereich Phantastik. Es geht um Maschinen, künstliche Wesen, mechanische Menschen, KIs, Apparate, die plötzlich ein Bewusstsein entwickeln. Und ich war überrascht, wie unterschiedlich die Texte waren und auf was für Ideen die Autoren gekommen waren. Da gibt es ein Spukhaus, in dem der Geist eines damals nicht ganz fertig gebauten Supercomputers haust. Einen alten Angestellten, der im Weltraum Maschinen hüten muss. Nano-Roboter, die sich als Viren in der Blutbahn zur tödlichen Seuche entwickeln. Die irrsinnig komische und gleichzeitig erschreckend reale Geschichte vom intelligenten Kühlschrank, der eigenständig Bestellungen aufgibt, nur noch Produkte seiner Firma kühlt, die Biomilch vom benachbarten Biohof gnadenlos grillt und den älteren, noch offline-sozialisierten Besitzer erst in einen Kleinkrieg, dann in den Wahnsinn treibt. Dann ist da noch ein von Robotern besiedelter Planet, der mit den Mennschen diplomatische Beziehungen aufnehmen will. Allerdings stürzt das Raumschiff ab, und die Roboter retten nicht den schwer verletzten Menschen, sondern den Bordrechner, den sie für ihren Gesprächspartner halten. Es gibt einfach so irrsinnig viele witzige Ideen und gute, ungewöhnliche Geschichten, dass ich mich richtig freue, diese hoffnungsvollen Nachwuchs-Autoren jetzt schon kennen lernnen zu dürfen. Aus denen wird mal was ganz Großes, aus den meisten bestimmt. Also, holt euch das Buch und bestaunt ihre ersten Schritte in der Literaturwelt.

Lyakon: Scyomantische Gespräche
Sehr schön aufgemachtes Taschenbuch mit stimmungsvollen Illustrationen. Es geht um einen Magier, der Geister beschwören kann, unerlöste Seelen, denen der Weg ins Jenseits verwehrt ist, da sie auf Erden noch eine Aufgabe zu erfüllen haben, nicht ordentlich beerdigt wurden, von einem Fluch betroffen sind oder eine schwere Schuld auf sich geladen haben. Welchen Geist der Scyomant aus der Zwischenwelt heraufbeschwört, ist mehr oder weniger Zufall. Aber wer immer auch vor ihm erscheint, erzählt ihm seine Geschichte, teilt ihm meist auch mit, wie er erlöst werden kann, und der Beschwörer tut dies auch. Das Buch enthält acht Geschichten, in denen jeweils ein Geist seine Lebensgeschichte und die Ursache für seine Zwischenexistenz erzählt, meist verbunden mit einer abschließenden Bemerkung des Magiers, ob und wie er den Geist danach erlöst hat. Dazwischen gibt es "fachwissenschaftliche" Exkurse über das Wesen der Scyomantie, über Geister, Ursacen ihrer Unfähigkeit ins Jenseits zu gelangen, Beschwörungstechniken und ähnliches. Ein sehr interessantes, optisch ansprechendes Buch. Mal etwas anderes.

Horst Stern: Mann aus Apulien
Ein Buch, das mir der Vater einer Mitschülerin als "Dauerleihgabe" vermacht hat. Ich hatte ihm gegenüber erwähnt, dass ich gerade im Lesesaal der hannöverschen Landesbibliothek den aufwändigen Reprint von "De arte venandi cum avibus" - "Die Kunst, mit Vögeln zu jagen" las. Das Falknerei-Buch des Stauferkaisers Friedrich II., über das auch heutige Falkner noch mit Ehrfurcht und Pipi in den Augen sprechen. Der Vater meiner Freundin wurde daraufhin auch von einer gewissen Wehmut erfasst, denn er hatte sich mit dem Mann während seines Studiums intensiv befasst. Und er meinte, ich müsse unbedingt diesen "Mann aus Apuliern" lesen. Jetzt habe ich es getan.
Es ist die Geschichte des Staufferkaisers Friedrich II., geschrieben aus seiner eigenen Perspektive. Friedrich ist inzwischen alt geworden, aber immer noch ein Freigeist, der mit der Kirche nicht viel am Hut hat, der mit islamischen Gelehrten korrespondiert, sich von klugen Menschen manch einen Nasenstüber gefallen lassen muss, aber selbst auch nicht zimperlich beim Austeilen ist und nicht unter falscher Bescheidenheit leidet. Mit Walter von der Vogelweide liefert er sich einen Schlagabtausch, lässt sich von Franz von Assisi in langen Gesprächen immer wieder als Antichrist beschimpfen. Neben der Philosophie sind es vor allem zwei Leidenschaften, die den Kaiser umtreiben: Sex, gern auch von hinten, und die Falknerei. In letzterer hat er sich durch sein Fachbuch "De arte venandi cum avibus" hervorgetan, und in diesem Buch tritt er sehr entschieden der damals unumstrittenen Autorität der Natur- und Geisteswissenschaften entgegen. Selbstbewusst legt er an zahllosen Stellen dar, wie und wo Aristoteles gepatzt hat. Denn der Stagirit hatte ganz eindeutig überhaupt keine praktischen Erfahrungen in der Falknerei, ganz anders als der Kaiser.
Es ist ein faszinierendes, spannendes und gedankenreiches Buch, das Horst Stern da geschrieben hat. Sprachlich auch top. Allerdings auch sehr modern. Ich glaube nicht, dass der historische Friedrich sio geschrieben hat. Sei's. Es ist jedenfalls ein gutes Buch. Lest es.


Wolfgang Schadewaldt: Hellas und Hesperien II
Ich liebe und verehre Wolfgang Schadewaldt, seit ich die ersten Aufsätze von ihm und seine Tübinger Vorlesungen über griechische Literatur gelesen habe. Hellas und Hesperien war für mich immer so ein Traumbuch, das ich unbedingt haben wollte, aber es war ja schon seit Urzeiten nicht mehr lieferbar. Im vergangenen Jahr dann der einmalige Glücksfall, dass ich gleichzeitig eine Menge Geld hatte und ein Antiquariat die Sammlung - beide Bände! - anbot. Klar, dass ich da zugegriffen habe. Den ersten Band, der auf 800 Seiten Schadewaldts Aufsätze zur Antike - Literatur, Philosophie, Geschichtsschreibung - enthält, hatte ich ja letztes Jahr auf Helgoland gelesen. Dieses Jahr war der zweite Band dran. Ein rund 850 Seiten starker Sammelband mit Aufsätzen über den Einfluss der Antike auf die Literatur und Kunst der Neuzeit, über Winkelmann als Wieder-Entdecker der griechischen Kunst, über Goethe, über Kleists "Zerbrochenen Krug" als bewusst konstruiertes Gegenstück zum "König Ödipus" des Sophokles, über griechische Theaterstücke auf der modernen Bühne und mehr. Geburtstagsadressen und Nachrufe auf die altphilologischen Größen seiner Zeit. Auch etwas Autobiographisches, eine Kindheitserinnerung über ein totes Reh, eine eher humorvolle Skizze über die "Metaphysik der Hundemarke". Eine schöne Sammlung, bei der einem echt das Herz aufgeht und die Brust weiter wird. Ein Buch, das ich niemanden mit schmutzigen Fingern berühren lassen werde.

Dave T. Morgan: Der Schrei des Feuervogels
Fantasyroman über drei junge, sehr ungleich veranlagte Brüder, die um die Freiheit ihres Landes kämpfen. Der Sohn des Nachbarkönigs ist offensichtlich von einem bösen Geist besessen und rückt mit gewaltigen Drachen heran, nachdem er die Heirat seiner Schwester mit dem ältesten der drei Prinzen verhindert hat. Der Focus liegt vor allem auf dem jüngsten Prinzen, der einer Hexe begegnet und danach ungeahnte Kräfte in sich spürt. Unter dem Schutz eines Phönix und mit der Fähigkeit, mit Drachen zu kommunizieren, hat er gute Chancen, den Krieg zu entscheiden. Außerdem hat der die Gabe, Tote wieder zum Leben zu erwecken. An der Seite einer Prinzessin aus einem Reitervolk macht er sich auf die Suche nach Antworten und greift schließlich in den Kampf ein. Ein spannender, gut geschriebener Roman. Und es gibt eine Fortsetzung. Die hole ich mir wohl demnächst.

Schnittergarn
Der Tod. Schwarze Kutte, mit Sense bewaffnet, spricht in Großbuchstaben. So kennt man ihn. Diese Anthologie zeigt den Gevatter einmal so, wie ihn noch keiner kennt. Als Burnout-Patienten, der einfach nicht mehr klarkommt mit seinem Job. Als gestressten Firmenchef, dem die Buchhaltung und der Computer das Leben schwer machen. Als Medienmuffel, der mit seinen Knochenfingern kein Touchpad bedienen kann. Als Familienvater, dessen nichtsnutzige Gören auch mal Menschen abholen möchten und dabei ein heilloses Chaos anrichten. Als Urlauber im Ferienparadies. Als überforderten Akkord-Senser. Als Verliebten. Als Opfer eines Psychiaters, der, statt sich widerstandslos abholen zu lassen, den Sensenmann erstmal mit der brutalstmöglichen Menge an Pillen vollstopft. Oder an Bord eines Raumschiffs, dessen durchgeschepperte Crew selbst Götter und Psychiater in den Wahnsinn treiben kann. Ganz sicher nicht todlangweilig. Eher zum Totlachen.

Tora und Propheten
Die Tora-Übersetzung von Moses Mendelssohn. Ein Meilenstein in der Geschichte der deutschen Juden, wichtiger Beitrag zur jüdischen Aufklärung im 18. Jahrundert. Den Text gibt es jetzt als Taschenbuchausgabe, etwas modernisiert und überarbeitet, also etwa heutigen "Luther-Bibeln" vergleichbar, die ja auch für den modernen Leser an heutige Sprachgepflogenheiten angepasst wurde. Die Übersetzung weicht etwas von gängigen christlichen Bibelübersetzungen ab, ist sprachlich sehr schön und angenehm zu lesen. Etwas Schwierigkeiten könnte bereiten, dass Mendelssohn in der Schreibweise der Namen nicht die gräzisierte/latinisierte Form benutzt, sondern die hebräische, also Beispielsweise Yaakow statt Jakob, aber das ist eine Frage der Gewöhnung. Das Buch ist nicht nach der bei Christen üblichen Kapiteleinteilung gegliedert, sondern in die Tora-Abschnitte, die im Verlauf des Jahres im jüdischen Gottesdienst gelesen werden. Dazu passend sind im zweiten Teil die Haftarot, also die zu den jeweiligen Tora-Lesungen gehörenden Stellen aus den Prophetenbüchern abgedruckt. Diese Übersetzungen sind neueren Datums, stammen also nicht aus Mendelssohns Feder. Insofern ist der Titel ein wenig irreführend, denn es sind nicht die Tora (die fünd Bücher Mose) und die Prophetenbücher, sondern nur die im Gottesdienst zu lesenden Propheten-Abschnitte. Abgesehen davon eine schöne Lektüre. Und die Bibel, egal in welcher Übersetzung, sollte sich ein gebildeter Mensch, egal welchen Glaubens oder Unglaubens, sowieso mal zu Gemüte führen.

Pablo de Santis: Das Rätsel von Paris
Klassischer Detektivroman trifft auf magischen Realismus. Ein unfassbar bezauberndes Buch über einen jungen Mann, der es schafft, Gehilfe eines der zwölf großen Detektive seiner Zeit zu werden. Streng logisch, und doch mystisch, abgründig, und doch erhebend. Jedesmal, wenn ich ein Buch Pablo de Santis' kaufe, denke ich: Okay, mal sehen, ob es etwas Neues gibt, eigentlich kenne ich ihn ja jetzt schon. Aber ich bin jedesmal aufs Neue gefesselt und fasziniert und entdecke immer wieder neue Welten. Zauber eben.

Worum geht es? Sigmundo Salvatrio hat schon von frühester Jugend an den berühmten Detektiv Craig bewundert. Craig war der einzige der großen Zwölf, der nie einen Gehilfen angenommen hat, doch nun schaltet er eine Anzeige und lädt junge Talente in seine Akademie ein. Die Ausbildung ist fordernd, machmal auch enttäuschend, und Sigmundo bleibt ewig nur der Zweitbeste, bis der Beste des Kurses bei der Aufklärung eines Verbrechens verunglückt. Meister Craig macht sich daran, seinen letzten Fall aufzuklären und findet den Mörder. Doch zurück bleibt ein dunkles Geheimnis.
Als anlässlich der Pariser Weltausstellung 1889 zum großen Treffen der zwölf Detektive eingeladen wird, ist es der junge Assistent, der anstelle seines Meisters nach Frankreich reist und auf die anderen elf berühmtesten Detektive der Welt und ihre Helfer trifft. Dann passiert das Unfassbare: Einer der Elf stürzt vom noch nicht eröffneten Eifelturm in den Tod. Mord? Die verbliebenen kriminalistischen Genies - und auch Sigmundo - nehmen die Ermittlungen auf.
Geradezu brillant sind die immer wieder eingestreuten kürzeren Erzählungen über spektakuläre Fälle, die durch einen der Zwölf aufgeklärt wurden, jeder einzelne hätte einen eigenen Roman verdient. Oder die manchmal geradezu metaphysisch anmutenden Theorien über Verbrechen und ihre Aufklärung. Oder die unterschiedlichen Ermittlungsmethoden der einzelnen Detektive, etwa die beinahe zen-hafte Suche des japanischen Kollegen nach dem "weißen Verbrechen". Oder die fachlichen Diskussionen um das "Rätsel des abgeschlossenen Raums".
Ich habe eigentlich kein großes Interesse am Genre des Detektivromans. Aber der hier hat mich gefangen. De Santis hat einfach Magie. Auch im streng logischen Milieu der Verbrechensaufklärer. Einzigartig.

Theda Perdue, Michael D. Green: Die Indianer Nordamerikas (Reclam)
Gute, sachkundiige, knapp gehaltene Überblicksdarstellung über die Geschichte der Indianervölker und ihrer Auseinandersetzung mit den Weißen der unterschiedlichen Nationalitäten. Kurz und gut zu lesen. Allerdings gibt es einen kleinen Etikettenschwindel zu rügen: Es geht nicht um Indianer Nordamerikas in dem Buch, sondern um Indianer im Bereich der heutigen USA. Kanada und Mexiko bleiben weitgehend außen vor.

Kerstin Groeper: Donnergrollen im Land der grünen Wasser
Historischer Indianerroman aus der Zeit, als die Spanier Amerika durchstreiften und auf der Suche nach Gold ganze Völker ausrotteten und versklavten. Erzählt wird abwechselnd aus der Persepektive der jungen Maisblüte, einer Jugendlichen aus dem Volk der Chatah / Choktaw, und des Machwao, eines Mannes vom Stamm der Menominee. Maisblütes Volk lebt in Mabila, im Süden der heutigen USA, und sie ist auserwählt als Maisjungfrau einer Zeremonie beizuwohnen, als die Nachricht von der Ankunft seltsamer Fremder ins Dorf kommt. Der Häuptling beschließt, ihnen entgegenzugehen, zusammen mit den Jungfrauen, um ordentlich Eindruck zu machen. Keine gute Idee, denn es kommt zu gewalttätigen Auseinandersetzung. Die meisten Krieger werden von den Spaniern getötet, die Frauen, darunter Maisblüte, werden versklavt, müssen für ihre neuen Herren arbeiten und werden ständig vergewaltigt.
Ich muss gestehen, dass mir die stereotypen Vergewaltigungsszenen bei Kerstin Groeper langsam ein wenig auf die Eierstöcke gehen. Von historischer Korrektheit muss mir keiner etwas erzählen, natürlich wurden gefangene Frauen im Krieg zu allen Zeiten vergewaltigt. Aber man kennt die Szenen inzwischen. Bei "Kranichfrau", der Geschichte einer Frau, die als Krieger zu leben beschlossen hatte, war es irgendwie noch ... hm, ja, spannend, möchte ich sagen, sie dann doch wieder auf ihre Weiblichkeit zurückgeworfen zu sehen. Aber die Szenen in Groepers Romanen sind inzwischen immer wieder dieselben. Ich möchte nicht zynisch klingen, aber vielleicht versteht ihr, was ich meine, wenn ich sage, sie hätte ihre Prärieblume lieber einmal richtig vergewaltigen sollen, und die anderen Male einfach zusammenfassen. Klasse statt Masse und nicht den ganzen Roman hinweg immer wieder das gleiche.
Okay, zugegeben, es gibt etwas Neues. Prärieblumes kleiner Bruder wird ebenfalls vergewaltigt. Von einem pädophilen Priester in den Hintern. Ja, das ist auch historisch korrekt, es gab und gibt sowas. Ist die Szene gelungen? Vielleicht. Ich finde sie widerlich, aber vielleicht ist die Stelle gelungen. Was total misslungen ist, das ist die weitere Entwicklung des Jungen. Wie kann die Autorin schreiben: "Damit begann für Nanih Waiya eine unvorstellbare Tortur, die ihm für immer die Kindheit und seine Unschuld nahmen (sic)" (S. 214) - und dann für die restlichen 440 Seiten nicht mehr darauf eingehen? Man merkt diesem Kind einfach nicht an, dass da etwas passiert ist. Ja, der Junge hat Angst vor den Spaniern. Und als sie ihm als Strafe für einen späteren Fluchtversuch einen Finger abschneiden, ist dies auch in dem Augenblick schlimm für den Jungen, aber es wird später kaum noch darauf eingegangen. Als der Junge später zu Machwaos Volk kommt, wird er ein ausgesprochen fröhlicher und eifriger Knabe und später ein tapferer Krieger und guter Jäger. Keine Albträume, keine Traumata, keine Sekunden der Erstarrung, keine Tränen. wenn ihn irgend eine Kleinigkeit an den Priester und sein Treiben erinnert, das den Jungen angeblich um seine Unschuld und um seine gesamte Kindheit brachte. Es ist einfach weg. Nein, ich glaube dieser Autorin diesen Jungen nicht.
Der Roman ist, wie immer bei Kerstin Groeper, gut recherchiert und fachlich fundiert. Das ist die ganz große Stärke dieser Autorin. Die Pockenepidemie, die Machwaos Volk zum großen Teil dahinraffte, die Informationen über Jagd, Handel, Landwirtschaft und Bräuche der unterschiedlichen Völker, all das ist akribisch und detailgenau nachrecherchiert und wiedergegeben, und an den Stellen, an denen sie etwas frei erfunden hat, passt es. Es sind einfach die Charaktere selbst, die ich ihr nicht glaube.

Julie Harris: Der lange Winter am Ende der Welt
Ein Flugpionier auf dem Weg zum Nordpol. Dummerweise stürzt er ab. Eine Inuit-Gruppe birgt ihn aus den Trümmern seiner Maschine, rettet sein Leben, auch wenn dafür ein zerschmetterter Arm amputiert werden muss, und nimmt ihn bei sich auf. John - oder, wie sie ihn nennen: "Floreeda", weil er im Fieber immer wieder nach seiner Heimat gerufen hat - verbringt 19 Jahre im ewigen Eis, heiratet, hat Kinder, wird sogar als Jäger trotz seines Handycaps recht erfolgreich. Er hat sich fast vollkommen mit seiner neuen Heimat abgefunden, als ein Schiff mit amerikanischen Soldaten herannaht. Sie wollen die Inuit evakuieren. Der zweite Weltkrieg hat begonnen. Floreeda/John wird von seiner Familie getrennt. Er macht sich auf die Suche nach seinen alten Verwandten und Freunden in Florida.

Moses Mendelssohn: Ausgewählte Schriften. Studienausgabe, Band II
Zweiter Teil der zweibändigen Werkausgabe. Teil eins hatte ich ja im vorigen Lese-Monat auf Helgoland bereits gelesen. Nun also der zweite Band, der Schriften zur Aufklärung und zum Judentum enthält. Außer der großen Schrift "Jerusalem" sind Mendelssohns Schriften zur Lavater-Affäre enthälten, sein Vorwort zu Mannasseh Ben Israels Schrift zur Rettung der Juden, ein Aufsatz über das jüdische Gebet Alenu und ein Text mit Proben rabbinischer Weisheit. Eine besondere Schrift, die eigentlich jeder gelesen haben sollte, der etwas zum Thema "Aufklärung" erzählen möchte, ist der Aufsatz "Was heißt Aufklären?", der fast zeitgleich mit dem berühmter gewordenen Aufsatz Kants "Was ist Aufklärung?" erschien. Beide Texte entstanden unabhängig voneinander, obwohl Kant und Mendelssohn in regem Austausch standen. Beide waren auch sehr neugierig auf den Ausatz des jeweils anderen.
Enthalten sind außerdem seine "Morgenstunden", Aufzeichnungen beziehungsweise die literarische Fassung von Lehrgesprächen, die Mendelssohn mit seinem Sohn, seinem Schwiegersohn und einem Freund über das "Daseyn Gottes" führte. Schließlich die Schrift, die Mendelssohn das Leben gekostet hat, seine Verteidigungsschrift, die er verfasste, als dem verstorbenen Freund Lessing von Jacobi vorgeworfen wurde, er sei Spinozist gewesen. Die Ehrenrettung Lessings war ihm so wichtig, dass der gesundheitlich angeschlagene Mendelssohn sich hinsetzte, sofort eine Verteidigungsschrift aufsetzte, sie selbst zur Druckerei trug ... Dabei zog er sich eine schwere Erkältung zu, die den ohnehin geschwächten Mann wenige Tage später dahinraffte.
Wie Band eins ist auch der zweite Band sehr ansprechend gestaltet. Vor jedem Aufsatz oder Buch gibt es eine Abbildung des Titelbildes und eine kurze Einführung mit Hinweisen zur Entstehung und zur Erstausgabe. Sehr schön ist, dass bei den Kontroversen auch die Texte mit abgedruckt sind, die Mendelssohns Gegner beziehungsweise Gesprächspartner verfasst hatten und die die Kontroversen ausgelöst hatten. Gerade bei der Lavater-Affäre. Man liest das heutzutage und fragt sich, wie es überhaupt zu einer solchen Anmaßung Lavaters kommen konnte. Und ob er eigentlich wusste, was er Mendelssohn damit antat, ihn so öffentlich zur Stellungnahme zu fordern. Wer sich klarmacht, wie gefährlich dünn das Eis war, auf dem sich der jüdische Philosoph bewegte, als er herausgefordert wurde, entweder das Christentum zu widerlegen oder, wenn er die Gründe für die Wahrheit des Christentums nicht widerlegen könne, "zu tun, was Sokrates getan hätte", der begreift auch, dass die Ringparabel Lessings eben nicht nur eine nette, herzerwärmende Geschichte ist.
Ein Kommentarteil wäre noch ein Sahnehäubchen auf der Werkausgabe gewesen. Aber auch so ist sie eine Fundgrube und ein gutes Stück Literatur. Sehr schön.


Fabienne Siegmund: Namiria


Der letzte Turm vor dem Niemandsland
Donnerwetter. Das war eine Anthologie, die mich echt überrascht hat. Vor allem, weil es sich nicht um eine Themen-Anthologie handelte. Das Motto "Nur die Geschichte zählt", das sich Michael Schmidt und fantasyguide.de, die für diese Sammlung verantwortlich zeichnen, ist in diesem Falle tatsächlich Programm. Es ging nicht um Genres oder Themen, sondern darum, eine gute Geschichte zu schreiben. Nur fantastisch sollte es halt sein. Im weitesten Sinne. Das kann gruselig sein wie in Lisanne Surborgs Geschichte "Die Puppe mit dem blauen Kleid" - absolute Gänsehaut - oder auch böse und morbid wie in Andreas Flögels "Im Dienst des Wardens", die erst als poppige Batman-Parodie daherkommt und dann bitter-blutiger Ernst wird. Schräg und gar nicht so abwegig ist die Story vom Planeten "Couch-Potato", in dem Ellen Norten der Erde ein fettleibiges und unsportliches Horoskop stellt. Ins Western-Milieu entführt Xander Morus seine Leser mit "Das Grab am Canyon", und Christel Scheja lässt eine junge Elfe als Grabräuberin auf eine gefährliche Leiche und ein besonderes Schmuckstück treffen. Es gibt Kriminalfälle mit magischer Auflösung, kämpfende Barbaren, stolze Ritter und tollpatschige Magier auf der Drachenjagd. Und ein Ehepaar, das beinahe ewig leben kann - wenn es nur rechtzeitig in andere Körper umsteigt. Eine sehr gelungene Sammlung. Empfehlenswert.

Nadine Boos: Tanz um den Vulkan
Teil 17 der Reihe "Die neunte Expansion". Endlich ein Wiedersehen mit Trixie aus "Der Schwarm der Trilobiten", einem meiner Lieblingsbücher aus der Reihe, und mit dem seltsamen Unterwasservolk, das sie kennen gelernt hat. Trixie ist inzwischen die neue Matriarchin. Ihre Mutter gilt als tot, hat sich aber in Wirklichkeit in den Untergrund zurückgezogen und baut einen neuen Geheimdienst auf. Und ihre Großmutter, die alte Spinne, spinnt schon wieder Intrigen, woraufhin Trixie sie, zusammen mit der Großmutter ihres Mannes, kurzerhand auf eine Expedition ins All schickt. Dann bricht in den Meeren des Planeten Andesit plötzlich eine Seuche aus. Erneut ein sehr gut geschriebenes, freches Abenteuer mit gut ausgearbeiteten Völkern und Charakteren. Sehr schön.

Holger M. Pohl: Jene, die sich nicht beherrschen lassen
Pelungart, der letzte noch lebende Hoc, macht sich auf die Suche nach seinen Vorfahren. "Jene, die sich nicht beherrschen lassen", das Urvolk, hatte vor Äonen den geheimnisvollen Hondh eine bittere Niederlage beigebracht. Sie waren die einzigen, die die fremden Eroberer jemals zum Rückzug zwangen. Doch im Lauf der Jahrtausende waren die Hoc-Vorfahren ein wenig zu selbstsicher geworden. Einer von ihnen stellt fest, dass ihre Heimat inzwischen von Hondh-beherrschten Welten umzingelt und völlig abgeschnitten ist. Er fasst einen Plan, den Hondh erneut, diesmal endgültig, entgegenzutreten. Das Volk teilt sich in drei Teile, strebt auseinander, und die Angehörigen nehmen vollkommen unterschiedliche Entwicklungen. Erst nach einem unvorstellbar großen Zeitraum, in einer Zeit, als der Sieg und das Urvolk nur noch Legenden sind, werden den Wesen Informationen preisgegeben, die irgendwann zum Untergang der Hondh führen könnten. Spannend und gut konstruiert. Die Hoc gehörten sowieso zu einem der interessantesten Völker dieser Welt. Eine kleine Anmerkung allerdings zu dem Jahrtausende überspannenden Plan an dem unendlich viele Generationen arbeiten: Nach menschlicher Erfahrung ist es schon eine große Leistung, ein Projekt durchzuführen, das mehr als eine oder zwei Generationen überspannt. Wir haben es in den letzten 10.000 Jahren nicht geschafft, auch nur einen einizigen Plan über die gesamte Geschichte des Homo sapiens hinweg zu verfolgen. Ich glaube einfach nicht, dass man ein Projekt, bei dem obendrein kein einziger mehr die Zusammenhänge kennt, über einen solchen Zeitraum durchhalten kann. Naja, Menschen können es jedenfalls nicht. Aber vielleicht können es ja "Jene, die siuch nicht beherrschen lassen."

William Faulkner: Absalom, Absalom!
Südstaaten-Epos und großer Klassiker der amerikanischen Literatur. Interessante, stellenweise vertrackte Erzählweise, sprunghaft und verworren, auf mündlichen Berichten beruhend, und richtig klar wird einem das, was da passiert ist, erst am Ende. Dabei aber in einem sehr lesbaren und eingängigen Stil geschrieben.
Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der plötzlich zusammen mit einer Horde Schwarzer und einem Architekten in einer Kleinstadt auftaucht, von den benachbarten Indianern Land erwirbt und beginnt, zu roden, ein Haus zu bauen und ein Gut aufzubauen. Als er sich so eingerichtet hat, wirbt er um eine Honoratiorentochter und heiratet sie. Er bekommt einen Sohn und eine Tochter von ihr. Allerdings taucht irgendwann ein älterer Sohn aus erster Ehe auf, den der Vater wohl erkennt, aber erstmal nicht outet. Beide Sohne freunden sich auf der Uni an, schließlich verliebt sich der ältere Sohn in die Tochter, eine Heirat steht an ...
Interessant ist, wie die Familiengeschichte nur langsam und scheibchenweise an die Oberfläche kommt. Der Vater versucht, die Beziehung zu hintertreiben, ohne sich zu dem ältesten Sohn zu bekennen. Schließlich offenbart er dem jüngeren Sohn doch, dass dessen bester und vergötterter Freund gleichzeitig sein Bruder ist. Dies verzögert die Sache zwar, aber die Freundschaft ist trotzdem sehr stark. Und als beide auch noch zusammen in den Krieg ziehen und lebend zurückkommen, macht der jüngere seinem älteren Bruder das Angebot, er könne die Schwester doch noch haben, er selbst wolle wegsehen und über den Inzestskandal schweigen. Aber dann packt der Vater sein letztes Argument gegen die Ehe aus: Er verrät, warum er seine erste Frau verlassen hat: Sie hatte, was er bei der Heirat nicht wusste, einen Schwarzen unter ihren Vorfahren. Der älteste Sohn ist nur zu 15/16 weiß. Inzest ist ja Pillepalle. Aber kein Südstaatler hätte es damals ertragen, einen Schwager mit "Negerblut" in den Adern zu haben. Es kommt zum tödlichen Kampf zwischen den Brüdern. Ach ja, und der Rest der Familie kommt dann auch noch um ...
Groß angelegte Handlung, beeindruckende Geschichte, und wenn man sich erstmal in den etwas eigenwilligen Erzählstil hineingefunden hat, auch ein großartiges Literaturerlebnis. Macht Arbeit, aber es lohnt sich.

Carl Siegfried: Philo von Alexandria als Ausleger des Alten Testaments
Reprint eines Buchs aus dem 1875, etwas altertümlich geschrieben, aber recht lesbar. Der Autor beschreibt und analysiert Philos allegorische und metaphorische Interpretation der Tora. Die Methode Philos war damals wohl recht neu. Der Autor legte so ziemlich alles, was in der Bibel stand und nicht mit Logik und gesundem Menschenverstand vereinbar wahr, als bildlich gesprochen aus. Ein Beispiel: Wenn Gott zu Abraham sagt, er solle das tun, was seine Frau Sara sagt, dann ist das ja eigentlich ein Widerspruch zu der nach dem Sündenfall ergangenen Anweisung, dass die Frau dem Manne untertan sein soll. Philo löst das Dilemma auf, indem er sagt, Sara sei in diesem Falle nicht als die konkrete Ehefrau des Erzvaters aufzufassen, sondern als die Verkörperung der Weisheit. Gott habe also in Wirklichkeit gemeint, Abraham solle der Weisheit folgen.
Das Buch ist reich an Beispielen und bietet auch eine lange Liste von Tieren, Pflanzen, Mineralien und mehr, die Philo in seinen Werken erwähnt hat, nebst der Bedeutung, die er ihnen beilegte.
Sehr interessant und lesenswert ist der zweite Teil des Buchs, in dem Carl Siegfried die Wirkung Philos auf zeitgenössische Autoren und spätere Generationen schildert. Besonders bei Paulus und den Kirchenvätern lässt sich ein großer Einfluss Philos nachweisen. Hochinteressant.

Susanne Schnitzler: Tödliche Geheimnisse
Kapitänin Jane Kneifel hat eine besondere Reisegruppe an Bord ihres Raumschiffs: Sie bringt Leute zum Planeten Nonterrabat, die als Agenten für die Hondh arbeiten wollen. Getarnt ist das Ganze als Wellnesstour. Und dummerweise ist auch noch ihr Exmann mit an Bord. Es passiert ein Mord, und der Mentalfeldgenerator, der die Planetenbewohner zu stillen, gehorsamen Sklaven der Hondh machen soll, fällt aus. Außerdem taucht Wurm wieder auf und greift in das Geschehen ein. Eine interessante Agenten-Story, humorvoll und voller Anspielungen.

Katja Bulling: Salz der Götter
Fantasyroman, der in der Aufmachung etwas ägyptisch anmutet. Die handelnden Personen und Völker dagegen erinnern eher an eine klassische ans Mittelalter angelehnte Fantasywelt mit Naturvölkern, einfacher Landbevölkerung und Städten mit Märkten und Mauern.
Die Heldin ist eine Art Priesterin/Seherin, die in Träumen die Zukunft beziehungsweise gegenwärtige Bedrohungen sehen kann. Die Geschichte beginnt mit einer solchen Vision. Die Protagonistin sieht die oberste Visionärin auf grausame Weise sterben. Zusammen mit dem Sohn ihres Dorfobersten, einem jungen Mann, in dem mehr steckt als auf den ersten Blick erkennbar, macht sie sich auf den Weg zur obersten Visionärin. Und muss feststellen, dass es tatsächlich eine furchbare Bedrohung für ihr Land gibt. Einen machtgierigen Magier, der furchtbare Dämonen herausbeschwört. Doch die junge Frau ist nicht ganz wehrlos. In einer geheimnisvollen Höhle findet sie ein seltsames Pulver mit magischen Kräften - das Salz der Götter.
Ordentlich erzählte, vielleicht etwas vorhersehbare Geschichte. Vielleicht hätte die Autorin sich ein wenig mehr Raum für die Beschreibung der einzelnen Völker nehmen sollen (gerade über die Dämonenbeschwörer hätte ich gern mehr erfahren), und auch über die Herkunft des Salzes und über seine Kräfte hätte ich gern mehr gelesen. Aber nicht schlecht gemacht.


Dezember

Tino Fellenberg: Das Jardonische Werk
Berufliche Lektüre: Der Autor stammt aus Gardelegen, und ich habe für die Volksstimme einen Artikel über ihn geschrieben. Die Online-Version findet ihr hier.

Elvira Reck: Zehn goldige Märchen
Ja, diese Sammlung ist wirklich goldig. Es sind kurze Märchen, die sich gut zum Vorlesen auf der Bettkante eignen und auch für ganz kleine Kinder eine gute Unterhaltung bieten. Die Märchen sind alle sehr lieb, Albträume wegen schauriger Bösewichte und Ungeheuer sind nach dem Vorlesen nicht zu befürchten. Mein absolutues Lieblingsmärchen war die Geschichte von dem Teddybärendorf: Die Bärchen waren eigentlich ganz lieb und freundlich, aber nun erhalten sie keinen Besuch mehr. Denn ein Teddybär hatte versehentlich einen giftigen Pilz gefressen und dann einen Besucher in den Po gebissen ... Sehr niedlich. Schön war auch die Geschichte vom Drachen, der in eine Schnecke verwandelt wurde. Ein Hinweis noch: Die Information auf dem Titel stimmt nicht ganz. Nach einigem Quängeln der Leser oder Zuhörer lässt sich nämlich die Autorin erweichen und gibt eine Zugabe. Es sind also in Wirklichkeit elf goldige Märchen. Und das goldig auf dem Titelblatt stimmt. Ganz bestimmt.

Cornelia Funke: Hinter verzauberten Fenstern
Liebenswürdige Weihnachtsgeschichte über einen zauberhaften Adventskalender. Julia ist stinksauer: Während ihr kleiner Bruder Olli einen echten Adventskalender mit Schokolade erhält, hat die Mutter ihr nur ein albernes Pappding mitgebracht. Darauf ist ein Haus abgebildet mit 23 Fenstern und einer Tür. Aber als Julia lustlos das erste Fenster öffnet, merkt sie, dass sie es nicht mit einem gewöhnlichen Kalender zu tun hat. Hinter den Fenstern sind echte Zimmer mit echten Bewohnern. Dort leben ein genialer Flugmaschinen-Erfinder, Elfen, Zwerge, ein Riese, ein richtiger, wenn auch hässlicher Prinz ... Allerdings stellt Julia, die es schafft, in die Kalenderhaus-Welt einzutreten, auch schnell fest, dass dort nicht nur ungetrübte Heiterkeit herrscht. Der König der Kalenderwelt ist alt, senil und vergesslich geworden, und sein Berater, der immer mehr Macht an sich reißt, will die alten Bilderkalender zerstören und eine Welt voller Schokokalender errichten ... Nette, kindgerechte Begleitung durch die Adventszeit, eignet sich gut zum Vorlesen auf der Bettkante. Aber es ist kein in 24 Geschichten-Portionen eingeteiltes Kalender-Buch, sondern eine durchgehende Abenteuer-Geschichte, wie man vielleicht bei dem Thema erwarten könnte.

A.A.Milne: Winnie Puh (Traduizione di Luigi Spagnol)
Eine kleine Tradition bei mir: Jedesmal, wenn ich ein fremdes Land bereise, bringe ich mir Winnie the Pooh in der Landessprache mit. Diesmal führte mich die Reise nach Italien. Nach drei Vierteln meines Sprachkurses in Bologna konnte ich der Buchhändlerin nicht nur in fließendem Italienisch erklären, was ich wollte, ich habe das Buch auch ohne Probleme lesen können. Klar, kein Kunststück, wenn man die deutsche Fassung auswendig kennt ...

Ida von Hahn-Hahn: Sibylle. Eine Selbstbiographie (e)
Das Ganze ist keine Autobiographie der Verfasserin, wie man vielleicht aus dem Untertitel schließen könnte, sondern ein Roman, in dem die Ich-Erzählerin Sibylle von ihrem Leben berichtet. Ein paar autobiographische Züge mag es aber haben, vor allem die Hinneigung oder das große Interesse der Heldin für den Katholizismus. Sibylle ist eine junge Frau aus begüterten Verhältnissen, die Eltern haben ein kleines Gut in Mecklenburg. Es gibt eine ältere Schwester, die zu Beginn des Romans gerade das heiratsfähige Alter erreicht hat. Deren Vermählung mit einem jungen Mann namens Paul steht unmittelbar bevor, als sie erkrankt und stirbt. Die jüngere, noch kindliche Schwester, hatte sich aber schon immer für Paul interessiert und ihn vergöttert. So kommt irgendwann die Heirat zwischen Paul und Sibylle zustande. Allerdings lernt sie bald, dass Paul ihr jeden Wunsch von den Lippen abliest und in ihren Händen wie Wachs ist. Paul reist mit ihr nach England und Italien, schenkt ihr alles, was sie nur begehrt, aber gerade darum beginnt die Frau, die sich nach und nach zu einer argen Verschwenderin entwickelt, ihn zu verachten. Überhaupt scheint es mit der Liebe nicht weit her zu sein bei Sibylle. Die Diagnose eines Dichters und Frauenschwarms, der bei ihr nicht landen kann, ist eindeutig: Sibylle ist absolut kopflastig, sie kann nicht lieben. Ehrgeiz entwickelt sie, das ja. Als Paul stirbt und der Dichter sie umgarnt, glaubt sie, ihn dauerhaft fesseln zu können und heiratet ihn. Mit dem Erfolg, dass er nach seiner ewig langen Werbung das Interesse an dieser kalten Frau verliert und sie betrügt. Einen von ihr hochgeschätzten Musiker und frommen Katholiken, den sie verehrt und über alle anderen Menschen in ihrer Umgebung achtet, beinahe anbetet, stößt sie vor den Kopf, als sie ihm endlich nach Jahren gemeinsamer Studien und Reisen entlockt, dass er sie liebt. Denn sie - kann nicht lieben. Zuletzt passiert es ihr, dass sich ein junger Graf, den sie eigentlich mit ihrer Tochter vermählen will, in sie verliebt. Sie gibt ihm den Laufpass, und die Tochter, die sich ungeliebt sieht, stirbt kurz darauf an gebrochenem Herzen. Hört sich nach einem üblen Machwerk an, ist aber gar nicht schlecht geschrieben. Ein Bildungs- und Entwicklungsroman mit einer weiblichen Heldin, vielleicht auch ein bisschen mit einem weiblichen Faust. Und um Längen besser als das kurz danach erschienene Buch "Von Babylon nach Jerusalem", das ich im Oktober gelesen habe. Nicht schlecht und sehr interessant.

Tschingis Aitmatow: Du meine Pappel im roten Kopftuch
"Dschamilja" soll ja die schönste Liebesgeschichte der Welt gewesen sein ... Aber die Pappel mim roten Kopftuch ist auch nicht schlecht. Erzählt wird die Geschichte eines Lastwagenfahrers, der sich in ein Mädchen aus einem Dorf verliebt. Das Mädchen ist von ihrer Familie bereits an einen anderen Gemahl verhandelt worden, doch folgt es dem LKW-Fahrer, und beide heiraten. Ein Sohn wird geboren, alles könnte perfekt sein. Bis sich der Mann auf Alkohol und auf einen Seitensprung mit der Fahrdienstleiterin einlässt und dadurch Frau und Sohn verliert. Erst viel später trifft er sie an einer Station an einem Gebirgspass wieder ...

Hörspiel/Hörbuch

Jan Tenner Classics 10: Der verrückte Professor
Das erste Auftreten des irren Wissenschaftlers Professor Zweistein. Er entführt Professor Futura und stiehlt dessen Serum. Mit der Chemikalie entwickelt er riesige Saurier, die er auf die Menschheit loslässt. Über einen Radiosender verbreitet er sein Ultimatum: Entweder man übergibt ihm die Herrschaft, oder seine riesigen Dinosaurier greifen Westland an. Außerdem droht er damit, Professor Futura in einen geistigen Krüppel zu verwandeln. Gut, dass Jan und Laura in die Produktion des Serums eingeweiht sind. Laura injiziert Jan eine Version des Serums, das ihm Flugfähigkeit verleiht und seine Haut hart wie Diamant und undurchdringlich für Saurierbisse macht. Damit kann Jan die Riesenechsen besiegen. Etwas unlogisch ist allerdings, dass Jan und Laura, als sie zu einer versteckten Hütte fliegen, in der der Professor gefangen gehalten wird, Schutzgürtel mit Magnetfeld tragen, um sich vor Schüssen der Verbrecher zu schützen. Warum lassen sie sich nicht einfach wieder eine diamantharte Haut wachsen wie beim ersten Flug mit dem Serum? Die Gürtel jedenfalls erweisen sich als böse Falle, denn Zweistein schaltet beim Eindringen der beiden Retter einen riesigen Magneten ein, und Jan und Laura kleben hilflos wie halb-breitgeschlagene Fliegen an der Wand ... Gefallen hat mir, dass der General diesmal seine große Chance hat und nutzt. Er rettet Jan, Laura und den Professor und muss dafür am Ende auch ausnahmsweise nicht die Späße der Helden über sich ergehen lassen. Zweistein allerdings entkommt und bleibt als weitere Bedfrohung erhalten. Ordentliches, spannendes Abenteuer, sehr nett.

© Petra Hartmann

Jahresrückblick I: Januar bis März 2018
Jahresrückblick II: April bis Juni 2018
Jahresrückblick III: Juli bis September 2018


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Jahresrückblick III: Juli bis September 2018

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 30 December 2018 · 522 Aufrufe
Jahresrückblick
Teil drei meines Literatur-Rückblicks ... Das dritte Lesequartal 2018 war, wie schon im Vorjahr, offenbar ziemlich kurz. Und die Zusammenstellung wirkt ein wenig zusammengewürfelt: Jüdische Philosophie, irische Fabelwesen, römische Anti-Liebesgedichte, Widerstand, Märchen und Abenteuer-Klassiker. Schaut halt mal rein

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


Juli

Maggie Stiefvater: Rot wie das Meer
Ein etwas anderes Mädchen-und-Pferde-Buch. Den Roman hat mir eine Freundin in einer Diskussion auf Facebook empfohlen, als ich mich outete und erzählte, dass ich in der Grundschule mal einen Ponyroman geschrieben habe. Naja, den Anfang davon.
Es geht um Capaill Uisce, gefährliche und blutgierige Pferde, die im Herbst vor der Insel Thisby aus dem Meer steigen. Die Tiere sind inspiriert von der keltischen Sagenwelt, ein wenig den Kelpies ähnlich, aber sehr eigen. Stolz, schön und wild wie das Meer und todgefährlich. Jedes Jahr gibt es ein großes Wettrennen auf diesen Meerespferden, und dem Gewinner winken Ruhm, Ehre und ein stolzer Geldpreis. Doch in diesem Jahr gibt es einen Skandal: Die junge Frau Puck will teilnehmen. Und als ob es noch nicht schlimm genug wäre, dass es hier eine Frau wagt, in die Männerdomäne einzudringen, Puck setzt noch einen drauf: Sie besitzt kein Meerpferd. Sie will mit ihrer braven, schon etwas betagten Stute antreten. Dass sie das Tier verlieren oder selbst dabei sterben kann, ist Puck klar. Doch um ihr überschuldetes Elternhaus zu retten und ihre beiden Brüder zu ernähren, bleibt kein Ausweg. Aber da ist auch noch Sean, der sich auf die Capaill Uisce versteht wie kein zweiter. Dieser Meerpferdeflüsterer, der schon oft gewonnen hat und auch jetzt haushoher Favorit ist, spielt um einen hohen Preis an diesem Tag: Gewinnt er, darf er seinen geliebten roten Hengst Corr, beinahe die andere Hälfte seiner Seele, endlich selbst besitzen. Verliert er, verliert er auch seine Freiheit für immer und bleibt als Knecht auf dem Hof von Corrs Besitzer. Und zwischen Sean und Puck knistert es, beide kommen sich näher, als es für Konkurrenten in dem tödlichen Rennen üblich ist ...
Ein wahnsinnig tolles, erfrischend anderes und erfrischend blutiges Pferdebuch. Ich habe es verschlungen und war begeistert. Ganz sicher kein Ponyroman. Tausendmal besser.

Shmuel Feiner: Haskala - Jüdische Aufklärung. Geschichte einer kulturellen Revolution
Ich habe bereits einige Bücher über die Haskala, die jüdische Aufklärung im 18. und frühen 19. Jahrhundert gelesen. Aber dieses hier ist etwas ganz Besonderes. Shmuel Feiner hat nämlich nicht nur sehr viel Ahnung von seinem Stoff, sondern er bringt ihn auch so rüber, dass etwas hängen bleibt. Ich weiß nicht, ob das despektierlich ist, wenn man von einem Wissenschaftler sagt, dass er auch ein guter Erzähler sei. Aber es muss wirklich einmal gesagt werden: Er hat einen guten, flüssigen Stil und schafft es, die Bewegung der Haskala langsam vor den Augen der Leser entstehen und sich entwickeln zu lassen.

Ausführlich wird die Geschichte der "Wessely-Affäre" aufbereitet, als Naphtali Herz Wessely in seiner Schrift "Worte des Friedens und der Wahrheit" für jüdische Bildung - säculare Bildung jenseits der religiösen Unterweisung - eingetreten war. Man verfolgt die Gründung der jüdischen Freischule, der Gesellschaft der hebräischen Literaturfreunde und der Zeitschrift ha-me'asef.
Eine Besonderheit des Buches ist, dass der Verfasser Moses Mendelssohn weitgehend ausklammert. Der große "jüdische Sokrates" kommt zwar vor, hat auch mit seiner Jerusalem-Schrift und seiner Tora-Übersetzung den ihm zukommenden Raum, wird auch als großes Vorbild und Mentor der jüdischen Aufklärer gewürdigt. Aber Feiner betont auch, dass Mendelssohn größtenteils der deutschen/christlichen Aufklärung angehörte. Ein Philosoph, der mit Kant und Lessing auf Augenhöhe ästhetische oder erkenntnistheoretische Fragen erörterte, spielte in einer ganz anderen Liga als die jüdischen Maskilim, deren erstes Anliegen überhaupt erstmal war, Bildungschancen zu erlangen und sich selbst Strukturen zu schaffen. Feiner hat das recht schlüssig begründet. Dass er von Mendelsohn durchaus auch viel versteht, kann man in seiner Mendelssohn-Biografie nachlesen, die hier zur ergänzenden Lektüre unbedingt empfohlen sein soll.
Dadurch, dass der große Mendelssohn recht knapp behandelt wird, schafft der Autor jedenfalls eine Menge Raum für andere jüdische Aufklärer. Neben Wessely sind dies vor allem Isaak Euchel und Isaak Satanow, die diesen Raum auch auf jeden Fall verdient haben.
Es gibt eine Menge Abhandlungen über Philosophenschulen und -gruppen, bei denen man zwar einen ganzen Bienenkorb an Namen und Lehren an den Kopf geworfen bekommt - mir ist es oft in Büchern über die Vorsokratiker oder die Sophisten so gegangen - aber am Ende dann doch nicht mehr genau sagen kann, wer denn nun wer war und wer was gelehrt und entdeckt hat. Dieses Buch dagegen ist pädagogisch sehr nachhaltig. Es bleibt eine Menge im Gedächtnis haften, und man hat keine Probleme, die einzelnen Beteiligten zu unterscheiden und wiederzuerkennen. Noch einmal: Diese Buch ist nicht nur klug, sondern auch sehr gut erzählt.



Peter Raffalt: Der gestiefelte Kater



August

Jutta Schubert: Zu blau der Himmel im Februar
Roman über Alexander Schmorell, Mitglied der Weißen Rose, und seine erfolglose Flucht vor den Nazis. Die Handlung setzt ein, kurz nachdem die Geschwister Scholl beim Verteilen des letzten Flugblatts entdeckt und festgenommen worden waren. Ein kalter Februartag im Jahr 1943, Schmorell versucht, mit dem Zug von München in die Schweiz zu gelangen. Es hätte klappen können. Es hätte alles wie geplant laufen können mit der Flucht. Bis Klais, zwischen Garmisch und Insbruck, konnte er gelangen, kam bei einem russischen Beklannten unter. Doch er muss weiter. Und dann verpatzt es eine Freundin, die ihm Papiere und Geld nachbringen soll. Sie verpasst den Zug. Alexander Schmorell hat keine Möglichkeit mehr, irgendwo unterzukommen. Mit dem letzten Zug kehrt er zurück nach München. Und wird entdeckt.
Eine beklemmende Geschichte, zumal man als Leser ja von Anfang an weiß, wie es ausgeht. Am 13. Juli 1943 wurde er hingerichtet. Gutes Buch über eine schlechte Zeit.

Uwe Grießmann: Sagenhaftes Hildesheim
Uwe ist ein Kollege aus den Reihen der Hildesheimlichen Autoren und hat sich, wie ich, einmal mit der reichen Sagenwelt der Stadt auseinandergesetzt. Herausgekommen ist ein Taschenbuch mit elf Nacherzählungen alter Geschichten aus der Domstadt. Es gibt eine Erzählung über den Hildesheimer Silberfund, der ja mit der Varusschlacht in Verbindung gebracht wird, eine eigene Version des Rosenstock-Wunders und natürlich eine Geschichte über den Huckup.
Dabei fällt auf, dass Grießmann das Sagenhafte und Übernatürliche konsequent aus seinen Geschichten heraushält. Alles geht hier ganz natürlich, also im Einklang mit den Naturgesetzen, vor sich. So erklärt er die Behauptung, die Dame Hildesia hätte bei der Belagerung Hildesheims im Dreißigjährigen Krieg Tillys Kanonenkugeln "mit ihrer Schürze eingefangen" und so die Stadt gerettet, ganz un-wunderhaft: Hildesia hätte einfach die Waffen einer Frau eingesetzt und sei erfolgreich gewesen, wo Männer versagten: Sie ging hinaus zum gegnerischen Feldherrn und redete vernünftig mit ihm, machte ihn auf den desolaten Zustand seiner Truppe aufmerksam und schaffte es schließlich, ihn zum Abzug zu bewegen. Hier hatte sich dann tatsächlich die Schürze einer Frau als mächtiger erwiesen als Kanonenkugeln.
Meine Lieblingsgeschichte ist die Story vom "Sünte Viet", vom Heiligen Veit, in der ein missratener und versoffener Sohn von seinem frommen Vater eine hölzerne Statue ebenjenes Heiligen erbt. Erbost, weil er natürlich viel lieber Geld zum Versaufen bekommen hätte, will er aus dem Heiligen Kleinholz für den Ofen machen. Doch eine fromme, bettelarme Nachbarin erbarmt sich des Heiligen und kauft ihm die Statue für ihre letzten vier Groschen ab. Ein Kauf, den sie nicht bereuen wird, denn in der Heiligenstatue hatte der Verstorbene sein gesamtes Gekd versteckt.
Insgesamt eine sehr schöne Sammlung, die auch dadurch interessant ist, dass der Autor seinen Nacherzählungen die Originalversionen an die Seite stellt. Der Leser kann also bei Interesse nachlesen, wie es "wirklich" war. Sowohl für Alteingesessene als auch für Neubürger und Hildesheim-Touristen ein lesenswerter Streifzug durch die Sagenwelt der Domstadt, und ein nettes Geschenk ist es zudem.

Ovid: Remedia amoris - Heilmittel gegen die Liebe lat./dt. (Reclam)
Dritter Teil der Liebes-Tipps von Ovid. Die beiden anderen Bücher hatte ich im vergangenen Jahr gelesen. Sehr hübsch, wenn auch vielleicht nicht alles praktikabel erscheint. Der Dichter rät dem Leser unter anderem, schon zu Beginn einer Beziehung aufzupassen, dass man sich nicht allzu sehr verliebt. So wird einem Mann geraten, kurz bevor er zu dem Mädchen, das er liebt, ins Bett steigt, mit einer anderen, ihm gleichgültigeren, Frau zu kopulieren, damit es zwischen ihm und der Geliebten nicht mehr zum Höhepunkt kommen kann. Oder man solle sich bewusst auf die Körperteile des oder der Geliebten konzentrieren, die etwas weniger schön sind, um nicht vollkommen der Liebe zu verfallen. Das alles mit einem Augenzwinkern. Naja, wenn ich mir mal unbedingt die Liebe meines Lebens aus dem Herzen reißen muss, schlage ich es nochmal auf. Im Ernst: Ein sehr liebes Buch, lesenswert.


September

Christoph Marzi: Phantasma
Ich liebe ja die kleinen Novellenbücher aus dem UlrichBurger-Verlag. Dieses hier handelt von einem Showstar, der für den ganz großen Erfolg seine Seele verkauft hat. Jedenfalls erinnert die Geschichte von Phantasma, dem das Publikum zu Füßen liegt stark an einen faustischen Teufelspakt. Phantasma erringt alles auf der Bühne - aber er darf nicht lieben. Wann immer eine Frau sein Herz gewinnt, passiert eine Katastrophe, und die Geliebte des Künstlers kommt auf tragische Weise ums Leben. Endlich, nach langer Bühnenabstinenz, entschließt sich Phantasma zur Generalbeichte in einer großen Talkshow ...
Die Geschichte ist nicht neu, aber gut erzählt, schön komponiert und hat einen konsequenten, zielstrebigen Handlungsbogen. Etwas nervig ist, dass das Publikum den Namen des Künstlers immer wieder anbetungsvoll-atemlos als
"Phan-
tas-
ma!"
jauchzt. Und das manchmal mehrfach pro Seite. Ja, man kann sich den Tonfall dadurch als Leser sehr gut vorstellen, und es bringt auch eine gewisse leitmotivische Melodik in den Text. Aber es beschleicht einen doch das Gefühl, dass hier - vielleicht aus drucktechnischen Gründen? - Zeilen geschunden werden mussten. Das Büchlein ist mit seinen 70 Seiten arg dünn, und ohne das ständige
"Phan-
tas-
ma!"
wäre es wohl noch um zehn Seiten dünner gewesen. Aber ich will nicht meckern. Passt schon. Und gut erzählt ist es wirklich.

Andrea Tillmanns: Julia Jäger und die Legende des Lichts

Kaukasische Märchen und Sagen
Schöne Märchensammlung aus dem Verlag Saphir im Stahl, zusammengetragen aus drei inzwischen gemeinfreien Büchern. Interessanterweise habe ich keine großartigen Überschneidungen mit der Sammlung von Adolf Dirr festgestellt, die ich vor einiger Zeit als eBook gelesen habe. Man trifft Wesen wie den Wortzer und den Woijuk, begegnet dem verschmitzten Puschkin und erfährt mehr über den Halohn, liest von Werwölfen, Zauberrossen und Goldeseln. Mir haben besonders die Puschkin-Geschichten gefallen (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Schriftsteller). Vermisst habe ich die Narten. Und in meiner Ausgabe fehlt leider der Schluss des Märchens von Prinz Kurzbein und Prinzessin Zobel. Oder sollte das tatsächlich ein Ende sein? Es bricht jedenfalls ziemlich unvermittelt ab ...

Die Welten von Thorgal: Kriss de Valnor VII: Der Berg der Zeit

Cecil Scott Forrester: Die African Queen
Abenteuerroman von Hornblower-Erfinder C.S. Forrester. Ein Schnäppchen vom Bibliotheksflohmarkt in Gardelegen. Geschichte einer Missionarin und eines Schiffers, die mit einem Flusskahn durch Afrika fahren und ein deutsches Kriegsschiff versenken wollen.
1914, der Erste Weltkrieg tobt auch in Afrika, und gerade haben deutsche Soldaten eine abgelegene Missionsstation am Fluss Ulanga überfallen, geplündert und den Missionar getötete. Rose Sayer, seine Schwester, ist allein, als Skipper Charlie Allnutt mit seiner Barkasse den Fluss Ulanga entlanggeschippert kommt. An Bord hat er unter anderem Sprengstoff. Und Rose fasst den kühnen Gedanken, in den Krieg einzugreifen und ihren Bruder zu rächen. Durch Urwald, Sümpfe und Stromschnellen quält sich der Kahn, der den stolzen Namen "African Queen" trägt, vorwärts bis hin zu jenem See, auf dem ein schier unbesiegbares deutsches Kriegsschiff kreuzt ...
Ich kannte bisher nur den Film. Das Buch ist spannend und lohnt sich zu lesen. Außer der äußeren Spannung hat mir aber vor allem die Personenzeichnung und das zwischenmenschliche Knistern an Bord gefallen. Einen Roman zu schreiben, in dem es nur zwei handelnde Personen gibt, ist schon eine große Kunst.

Baroness Orczy: Die Frau des Lords
"Scarlet Pimpernell", die Geschichte des britischen Helden, der unter Einsatz seines Lebens französische Adlige vor der Guillotine rettet und nach England schmuggelt, war ein Bestseller. Und so verfasste die Baroness Orczy mehrere weitere Romane über Sir Percy und seine Getreuen.
"Die Frau des Lords" handelt von der jungen Französin Yvonne, die zusammen mit ihrem Vater, einem Herzog, vor der Revolution geflohen ist und im sicheren England weilt, während in Frankreich die Guillotine und der Terreur herrschen. Ihr Vater würde sie gern mit einem wohlhabenden Franzosen Martin-Roget verheiraten, der ihm zusagt, dafür viel Geld für die Bekämpfung der Revolution zur Verfügung zu stellen. Aber Yvonne hat sich längst in den englischen Lord Anthony verliebt. Gegen den erklärten Willen ihres Vaters heiratet sie ihn heimlich und zieht zu ihm auf sein Schloss. Doch Martin-Roget gibt nicht auf. Zusammen mit ihrem Vater schmiedet er einen Plan, um Yvonne zu entführen. Deren Ehe mit dem Lord sei sowieso nach französischem Recht ungültig, macht er dem Vater klar. Gemeinsam schaffen sie es, Yvonne auf ein Schiff zu bringen.
Was der Herzog allerdings nicht geahnt hat: Martin-Roget ist eigentlich ein Hochstapler und steht im Dienst der Revolution. Das Schiff, das sie angeblich nach Holland bringen sollte, fährt nach Frankreich, wo auf den Herzog die Hinrichtung wartet. Was Martin-Roget nicht ahnt: Lord Anthony ist ein Freund von Scarlet Pimpernell. Sir Percy und seine Getreuen machen sich auf, um Yvonne und ihren Vater zu retten ...
Klassischer Abenteuerroman mit Entführungen, Kutschfahrten durch die finstere Nacht, grausamen Bösewichten, edlen Helden und natürlich einem Happy End. Nicht die ganz große Literatur, aber gut für ein paar spannende Lesesstunden.

Karl Gutzkow: Börnes Leben (e)
Als Ludwig Börne im Jahr 1837 starb, erschien kurz darauf Heinrich Heines Buch "Heinrich Heine über Ludwig Börne", in dem Heine äußerst abschätzig über den verstorbenen ehemaligen Bundesgenossen und späteren Rivalen und Gegner schrieb. Eine Abrechnung mit einem Menschen, der sich nicht mehr wehren konnte. Und ein noch größerer Literaturakandal als seinerzeit die literarische Fehde zwischen Heine und Platen. Als skandalös wurde schon der Titel empfunden, in dem sich Heine "über" Börne gestellt habe. Auch wenn Heine später betonte, der Titel sei von seinem Verleger ohne Rücksprache festgelegt worden, er selbst habe das Buch "Ludwig Börne. Eine Denkschrift" nennen wollen. Jedenfalls ein trauriges Beispiel dafür, wie sich die beiden profiliertesten Vertreter der jungen, freiheitlichen Literatur gegenseitig zerfleischten.
Karl Gutzkow war zu dieser Zeit der vermutlich drittberühmteste im Bunde. Seine Börne-Biographie entstand zeitgleich mit Heines Buch, kam aber etwas später in den Druck, und so hatte Gutzkow Gelegenheit, im Vorwort noch ausgiebig Stellung gegen Heine und dessen Verunglimpfung des verehrten Börne zu beziehen.
Für Gutzkow war es sicher auch ein Prestigeprojekt und ein Karrieresprungbrett, hier die "offizielle" Biographie schreiben zu dürfen. Und ein wenig Eitelkeit, die dem Manne ja durchaus zu eigen war, blitzt immer wieder zwischen den Zeilen auf. Aber auch die ungeheuer große Liebe und Verehrung, die Gutzkow dem Verstornenen entgegenbrachte, denn Börne war das Idol einer ganzen Schriftstellergeneration.
Was mir im Vorfeld gar nicht so bewusst war, war der Umstand, dass Gutzkow und Börne sich gar nicht persönlich gekannt hatten und dass Gutzkow ausschließlich aus Börnes eigenen Werken, aus Sekundärliteratur und aus vielen Gesprächen mit Börnes Freunden und Bekannten schöpfen konnte. Immerhin gehörte Börne zu den eingeladenen Autoren der Deutschen Revue, Gutzkows und Wienbargs Zeitschriftenprojekt. Und es muss Gutzkow auch ziemlich gewurmt haben, dass es nicht mehr zu einer persönlichen Begegnung gekommen ist. So lässt er sich endlos lange darüber aus, wie sehr selbst Leute, die Börne oft begegnet sind und ihm nahe standen, diesen Mann "verkannt" haben, dass also persönliche Bekanntschaft keine Garantie für Einsichten in Börnes Wesen und Charakter sei.
Insgesamt also eine sehr persönliche, von Verehrung und Liebe befeuerte Darstellung. Etwas altertümlich vielleicht, aber nicht schlecht. Auch wenn ich euch für den Einstieg eher eine modernere Börne-Biographie empfehlen würde.

© Petra Hartmann

Jahresrückblick I: Januar bis März 2018
Jahresrückblick II: April bis Juni 2018
Jahresrückblick Teil IV: Oktober bis Dezember 2018


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Jahresrückblick II: April bis Juni 2018

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 29 December 2018 · 537 Aufrufe
Jahresrückblick
Teil zwei meines Jahresrückblicks, diesmal mit meinen Lesefrüchten der Monate April, Mai und Juni 2018. Ein paar historische Sachen, Comics, Kinder- und Jugendbücher und etwas Phantastik sind dabei. Schaut halt mal rein, vielleicht ist etwas für euch dabei.

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


April

Jugurtha-Gesamtausgabe III:
- Der große Zebra-Zauberer
- Makounda
- Das Feuer der Erinnerung
- Marsias Gladiatoren

Dritter Band der bei Finix erschienenen Jugurtha-Gesamtausgabe. Enthält vier Abenteuer, die ich damals in der Carlsen-Zeit nicht mehr mitbekommen habe. Jugurtha ist aus Asien zurückgekehrt, erlebt neue Abenteuer in Afrika und trifft erneut auf die Legionen Roms. Machtgierige Medizinmänner, geldgierige Heerführer, korrupte und dekadente Vertreter des römischen Weltreichs, Liebeswirrungen, Traumwelten und überhaupt traumhafte Zeichnungen, wer braucht da schon historische Korrektheit? Wenn man bedenkt, dass der wirkliche Jugurtha bereits nach den Abenteuern in Teil zwei der Albenreihe das Zeitliche gesegnet hat ... Sehr schön gezeichnet, ordentlich erzählt, und ich fand die afrikanischen Abenteuer wesentlich besser und nachvollziehbarer als die aisiatischen Bände. Hier ist der numidische Prinz wieder in seinem Element.


Björn Kuhligk: Cartagena. Ein Reisebericht (Literatur-Quickie)
Ein kleines Literaturstück im Pixi-Format. Sehr kurz, ganz nett, aber hat mich auch nicht umgehauen. Ich schätze Björn Kuhligk eher wegen seiner Lyrik.

Corinna Antelmann: Im Schatten des Mondes

Julian Apostata: Das Kaiserbankett / Der Barthasser
Schlanke Hardcover-Ausgabe aus dem Marix-Verlag, Übersetzung von Marion Giebel. Ich kannte den "Barthasser" bereits aus der Reclamausgabe, das Kaiserbankett war mir neu.
Kaiser Julian war Philosoph und hing der Lehre der Stoa an, Gelegenheitsschriftsteller und, wie man im Barthasser lesen kann, auch bereit zur Selbstverspottung, Darüberhinaus ein sehr interessanter Charakter. Der letzte römische Kaiser, der das Christentum noch hätte aufhalten können, vermutlich. Sein Onkel Konstantin hatte dem Christentum den Weg zur Staatsreligion geebnet, Julian, den man später "Apostata", der Abtrünnige, nannte, hatte mit diesen Leuten nichts am Hut, kehrte zu den alten Göttern zurück und wurde dafür stark angefeindet.
Die beiden Schriften stehen in der Tradition der Saturnalien, eines römischen Festes, das ein wenig dem Karneval ähnelt, bei dem so ziemlich alles erlaubt war, Hohe erniedigt, Sklaven zu Herrschern wurden und die Welt auf den Kopf gestellt wurde.
In seinem Barthasser schreibt Julian eine Satire gegen sich selbst, auf seinen Philosophenbart und seine asketische Lebensweise, fasst die Anklagen der (christlichen) Gegner zusammen, übertreibt sie und nimmt ihnen gewissermaßen den Wind aus den Segeln.
Im "Kaiserbankett" lässt er die alten römischen Kaiser bei einem Gelage des Gottes Zeus erscheinen und um den besten Platz an der Ehrentafel streiten. Neben Caesar, Augustus und Tiberius treten auch Caligula und Nero auf, Nerva, Hadrian und weitere Kaiser, darunter auch nichtrömische Herrscher wie Alexander. Einen Ehrenplatz erhält Marc Aurel, der Philosoph, der vor den kriegerischen Kaisern ausgezeichnet wird. Eine besonders erbärmliche Rolle spielt schließlich Kaiser Konstantin, der ohnehin nur auf nachdrückliche Empfehlung des Weingottes Dionysos zugelassen wird. Konstantin, der große Schirmherr der Christen, wird als Mann gezeigt, der im Krieg nichts Großartiges geleistet hat, ein Weichling, dem Genuss ergeben, der sich zuletzt beim Bankett der Tryphé, der Göttin des Vegnügens, in die Arme wirft und sich mit ihr zur Asotia, der Liederlichkeit, begibt. Dort trifft er dann auch Jesus, der alle Wüstlinge, Mörder und Tempelschänder von ihren Verbrechen reinzuwaschen verspricht. Ein Angebot, das Konstantin, der sich immer wieder kopfüber in Sünden und Morde stürzt, nur allzu gern annimmt. Böse.
Das Buch enthält eine Einleitung, kommentierende Fußnoten, eine Zeittafel und ein paar Literaturhinweise. Sehr hilfreich.

Gert Hofmann: Die Rückkehr des verlorenen J.M.R. Lenz nach Riga (Reclam)
Novelle über Lenz, der mittellos und demütig zurückkehrt ins Haus seines Vaters. Doch der Mann ignoriert den zurückgekehrten Sohn einfach, so sehr sich der gescheiterte Poet auch vor ihm in den Staub wirft und um seine Liebe bettelt. Man fühlt sich hundeelend, wenn man ihm lesend dabei zusehen muss. Eine beklemmende Schilderung, die mir sehr nahe gegangen ist.

Vercors: Das Schweigen des Meeres
Beeindruckende Geschichte aus der Zeit der französischen Résistance. Ein deutscher Offizier wird zur Zeit der Besatzung bei einem älteren Franzosen und dessen Nichte einquartiert. Der Deutsche liebt Frankreich, spricht fließend Französisch und hat sogar französische Vorfahren. Aber seine Versuche, mit seinen unfreiwilligen Wirten ins Gespräch zu kommen, laufen ins Leere. Jeden Abend tritt er zu ihnen ins Wohnzimmer, erzählt von seiner Liebe zu Frankreich und zur französischen Kultur und davon, dass von der Vereinigung Deutschlands und Frankreichs Großes zu erwarten sei. Doch der alte Mann und seine Nichte schweigen, in all der Zeit kommt kein einziges Wort über ihre Lippen, und jeden Abend zieht sich der Offizier nach seinem Selbstgespräch mit einem höflichen Gruß zurück. Eines Tages aber ändert sich alles für den Soldaten, als er nämlich erfährt, dass es den Nazis gar nicht darum geht, Frankreich an Deutschlands Seite wieder zu neuer Größe aufzurichten, sondern darum, dieses Land und Volk zu vernichten oder zumindest zu unterjochen. Für einen ehrenhaften Soldaten alter Schule gibt es nach dieser Erkenntnis nur noch eine Möglichkeit zu handeln: Er lässt sich zurück an die Front versetzen, wo ihm der Tod sicher ist, und kehrt nie wieder zurück. Fontane hätte es nicht treffender komponieren können.
Das Buch ist schlicht und schnörkellos geschrieben, kommt beinahe herb daher und gleichzeitig ausgesprochen berührend. Die Abende am Kamin und das einseitige Gespräch, das vielleicht doch nicht so einseitig ist, sondern in seinem Schweigen eine außerordentliche Intensität gewinnt, all dies macht das Buch zu einem kleinen erzählerischen Juwel. Absoluter Klassiker der Résistance-Literatur, und absolut zu Recht. Lesen!


Tanya Stewner: Alea Aquarius 2: Die Farben des Meeres
Alea und die Alpha Cru sind weiter auf der Spur des verschollenen Meervolks und entdecken wertvolle Hinweise auf die Vorfahren von Alea und Lennox. Erneut sehr spannend und fesselnd geschrieben, erneut ein auch optisch sehr ansprechend gemachtes Buch. Über die krassen Fehler im Umgang mit dem Schiff habe ich mich ja schon im ersten Quartal anlässlich des ersten Bandes ausgelassen, das setzt sich hier fort. Die Unterwasserwelt und ihre Bewohner sind zauberhaft erfunden, aber ein ganz klein bisschen Realismus hätte ich schon gern gehabt. Alles, was Alea unter Wasser trifft, liest sich so, als habe die Autorin noch nie den Kopf unter Wasser gehabt. Egal, wie gesagt, es ist spannend und gute Unterhaltung.

Ken Broeders: Apostata 1:
-Der Fluch des Purpurs
- Die Hexe
- Argentoratum

Schöne Hardcoverausgabe, enthält die ersten drei Alben der Comicserie über das Leben des römischen Kaisers. Familiengeschichte, Kriegserlebnisse, Intrigen, Morde. Zum Teil historisch und recht traditionell, teilweise auch in die Phantastik hinübergleitend, Enthält ein Nachwort mit Infos zur Serie und im Anhang zahlreiche Skizzen und Entwürfe. Nett, aber nicht umwerfend.

Sabine Zett: Lenny, Melina und die Sache mit dem Skateboard (Ich schenk dir eine Geschichte)

Stéphane Hessel: Empört euch!
Das war - - - alles? Ich habe so viel Positives gehört über diesen Essay, er hat damals eingeschlagen wie eine Bombe, ein Bestseller, ein Hype, ein Aufrüttler, ein flammender Aufruf zum Widerstand ... Hm. Das Buch ist extrem dünn, was eigentlich kein Qualitätsmerkmal sein sollte, die Botschaft steht schon auf dem Titel, und das wars eben. Ich schätze, der Eindruck, den das Buch gemacht hat, ist eher der Persönlichkeit des Verfassers und seiner Biografie geschuldet. Inhaltlich nicht viel Neues.

Baroness Orczy: Scarlet Pimpernel
Abenteuer-Klassiker, den ich vor knapp 40 Jahren in der Auswahl "Das Beste - für junge Leser" gelesen habe. Und natürlich kannte ich den Film. Ein schönes Wiedersehen mit Sir Percy, der in der Londoner Gesellschaft den Salonlöwen und liebenswert-trägen Trottel spielt und in Wirklichkeit die Geheimidentität von Scarlet Pimpernell ist, dem legendären Helden, der immer wieder mit seiner Bande todesmutig ins Frankreich der Revolution hinübersegelt und dort zum Tode verurteilte Adelige vor der Guillotine rettet.
Die Ausgabe, die ich mir zugelegt habe, ist bei Kiepenheuer und Witsch erschienen, ein ordentlich gemachtes Taschenbuch mit interessantem, an Mondrian (nur in Hellblau, Rosa und Lila) erinnernden Umschlag. Noch immer spannend zu lesen, auch wenn ich es schon kannte. Und ich habs mir vor allem auch nochmal durchgelesen, weil es einen zweiten Scarlet-Pimpernell-Roman beim gleichen Verlag gibt, den ich natürlich mitgeordert hatte. Übrigens ist mir nicht aufgefallen, was mir in der gekürzten "Das Beste"-Ausgabe gefehlt hat.



Mai

Carsten Schliwski: Geschichte des Staates Israel (Reclam)
Fundierte und übersichtliche Darstellung, knapp und gut zu lesen. Eine Darstellung der 70 Jahre des vermutlich notwendigsten oder vielleicht sogar einzig notwendigen Staates der Welt. Man erfährt einiges zu den Hintergründen der Staatsgründung und zu den Beweggründen und Interessen der einzelnen Parteien und Staaten, auch der Palästinenser-Konflikt ist recht gut aufbereitet. Empfehlenswert.

Alberto Manguel: Die verborgene Bibliothek
Liebeserklärung an das Lesen und an die Bücher, leichtfüßig und eingängig geschrieben, dabei auch ein wenig traurig, denn der Verfasser gedenkt seiner eigenen, verloren gegangenen Bibliothek. Ich weiß schon, wie das ist, wenn man seine Bibliothek liebt ...

Ludwig Börne: Briefe aus Paris (e)
Hauptwerk eines Schriststellers und Journalisten, dessen Name einst in einem Atemzug mit Heinrich Heine geannt wurde, der heute aber nur noch Leuten bekannt ist, die sich näher mit dem Vormärz und dem Jungen Deutschland befassen. Börne zog es, wie Heine, nach Paris, in die Hauptstadt der Revolution, genauer gesagt der Juli-Revolution. Die beiden Bände, erschienen in den Jahren 1831 und 1832 waren ursprünglich reale Briefe, die er an seine Freundin Jeanette Wohl geschrieben hatte und in denen er über aktuelle Ereignisse berichtete, über Politik, Kunst, auch über Damenmode, viel über Theater und Opernaufführungen. Und auch über Heine, den er ursprünlich als Verbündeten und Waffenbruder ansah, zu dem sich das Verhältnis aber langsam abkühlte. Börne war zu dem Schluss gekommen: Ob Heine schreibe "Die Republik ist die beste Staatsform" oder "Die Monarchie ist die beste Staatsform", hänge davon ab, was sich in seinem Text schöner anhöre ...
Die Briefe aus Paris habe ich erstmals Ende der 1980er gelesen. Ich hatte zwei Ausgaben. Die unverzichtbare Reclam-Ausgabe (Vorteil: kostengünstig und guter Kommentarteil, Nachteil: unvollständig, nur eine Auswahl) und die Insel-Ausgabe (Vorteil: vollständige Ausgabe, Nachteil: kein Kommentar). Beide habe ich inzwischen mehrfach gelesen. Nun also die kostenlose eBook-Ausgabe für den Kindle. Was den guten alten Börne angeht, so ist das vorliegende Werk natürlich 1a. Der Preis ist ebenfalls unschlagbar. Da es sich um ein eingescanntes Werk aus den 1830ern handelt, gibt es natürlich keinen Kommentarteil, und ihr steht allein mit dem Buch und mit seinen Füllhorn an literarischen und politischen Anspielungen da und müsst halt zusehen, wie ihr mit all den Zeitgenossen Börnes klarkommt, die damals jeder kannte und heute keiner mehr. Und stellenweise gab es beim automatischen Umwandeln der Frakturbuchstaben wieder mal seltsame Wortneuschöpfungen und Inhaltsverdrehungen. Krassestes Beispiel der Satz, den Börne schrieb, als die Polizei einen Attentäter festnahm: "Alan fand bei ihm Pistolen und einen Dolch", steht da. Wer ist Alan? Ein Polizist? Ein Bodygard? Nein. Im Original gab es überhaupt keinen Verbrecherjäger namens Alan. Im Original stand: "Man fand bei ihm Pistolen und einen Dolch." Diesen eBooks mit Texten aus der Frakturdruckzeit ist einfach nicht zu trauen.

Israel Zwi Kanner: Jüdische Märchen
Schöne Sammlung aus der Reihe "Märchen der Welt". Biblische/talmudische Geschichten aber auch Erzählungen aus neuerer Zeit. Und das Ganze in einer sehr schönen Ausgabe: Das im Fischer-Verlag erschienene Hardcover-Buch hat ein handliches Hosentaschenformat und lädt einfach ein zum Anfassen und Aufschlagen. Ich habe es inzwischen ein zweites Mal gekauft, denn als meine Schwester das Buch bei mir liegen sah, hat sie sich sofort darein verliebt und wollte auch eines haben.


Juni

Torsten Haarseim: Gardelegen Holocaust
Ein historischer Roman über das Massaker an der Feldscheune Isenschnibbe bei Gardelegen. Hier wurden am 13. April 1945, einen Tag vor dem Einmarsch der amerikanischen Soldaten in die Stadt, 1061 KZ-Häftlinge ermordet. Die Todesmärsche, in denen die Häftlinge in den letzten Kriegstagen aus den östlichen Gebieten weiter nach Westen getrieben wurden - das war schon nach der Befreiung von Auschwitz, wohlgemerkt - sind eines der perversesten Kapitel des Holocaust.
Ich habe das Buch in der Buchhandlung in Gardelegen entdeckt und war zunächst etwas skeptisch, wegen des Verlags, der Edition Winterwork. Aber der Roman war überaschend gut geschrieben und sehr gut recherchiert, er hätte vermutlich auch in einem anderen Verlag bestehen können. Die ersten vier Fünftel jedenfalls haben mir sehr gut gefallen. Im Showdown hat dann der Historiker dem Erzähler ein Bein gestellt, dazu gleich mehr.
Es geht um zwei Jungen aus Gardelegen, Erwin und Hermann, die zu Beginn des Buchs im Jahr 1936 davon träumen, Flieger zu werden. Beide sind begeisterte Mitglieder der Hitler-Jugend. Erwin, der ein wenig jünger ist, sieht zu Hermann auf, der tatsächlich viel eher in eine Flieger sitzen darf, dann aber zu den Fallschirmjägern versetzt wird. Hermann erlebt unter anderem die Schlacht um Kreta und Stalingrad mit, wird verwundet, erhält Orden ...
Als für Erwin der Traum von der Fliegerausbildung wahr werden soll, passiert etwas Merkwürdiges: Er wird in Hamburg irrtümlich einen geflüchteten Juden gehalten (okay, die Geschichte klingt etwas konstruiert), in ein KZ verbracht und lernt das Vernichtungssystem der Nazis am eigenen Leibe kennen. Irgendwann gibt er es auf, sein Deutschtum zu beschwören, er klammert sich nur noch an seinen Löffel, sein kostbarstes Besitzstück, und stirbt jeden Tag ein Stück mehr. Schließlich wird auch er, zusammen mit hunderten anderen Häftlingen, in Richtung Gardelegen getrieben. An der Feldscheune Isenschnibbe stehen sich der Soldat Hermann und der KZ-Häftling Erwin plötzlich wieder gegenüber ...
Der Roman ist als Ich-Erzählung abwechselnd aus der Perspektive Erwins und Hermanns geschrieben. Dadurch entsteht eine große Nähe zu den Personen, und der Leser ist quasi "mit dabei", im Krieg und im KZ. Allerdings liegt hier auch die große erzählerische Schwierigkeit. Denn der Verfasser hat zwar ein enormes Faktenwissen und hat die Hintergründe des Massakers akribisch recherchiert, allein seine beiden Helden und Ich-Erzähler sind eben keine Historiker. Bei manchen Romanen findet sich ja am Anfang, ca. auf Seite vier, ein Riesen Info-Dump, der den Leser aus der Geschichte hinauswirft. Hier ist es der Schluss, der problematisch wird. Im letzten Fünftel des Romans referiert Ich-Erzähler Hermann, der dekorierte, aber nicht allzu hochrangige Soldat, über Geheimtreffen und Führerbefehle, über Entscheidungen der Gardeleger Politik bzw. der Militärs, von denen er eigentlich gar nichts wissen kann. In dem Moment, in dem Erwin in der Feldscheune mit über tausend anderen Gefangenen zu verbrennen droht, erzählt Ich-Erzähler Erwin von Einzelheiten und Hintergründen, die er sich vielleicht später, bei der Aufarbeitung des Massakers, angelesen haben kann, von denen er aber nichts weiß, als alles um ihn herum in Flamme aufgeht. Hier hat der Historiker leider den Autor überwältigt und ganz schnell noch auf den letzten Seiten alles an Informationen in die Geschichte hineinstopfen müssen, was er sich erarbeitet hat. Dabei macht er nicht nur seine beiden Charaktere unglaubwürdig (die in den ersten vier Fünfteln recht gut und authentisch herüberkamen), sondern er zerstört auch die Erzählung. Besser wäre es gewesen, die beiden Helden so unwissend und einfach nur handelnd zu lassen und die Fakten in einem Nachwort, dann mit der eigenen Stimme des Verfassers, zusammenzufassen. Schade. Aber der Rest ist wirklich lesenswert.


Björn Larsson: Träume vom Ufer des Meeres
Geschichte eines seltsamen Kapitäns und seiner Bekanntschaften. Marcel fährt mit einem Frachter um die Welt und wählt dafür manchmal auch etwas ungewöhnliche Routen. Er ist nicht nur ein außergewöhnlich guter Seemann, der sein Schiff selbst in Krisensituationen sicher und gelassen lenkt und durch seine unaufgeregten Hafenmanöver auffällt, er ist auch ein Mensch, den ein gewisser Zauber umgibt. Kommt er in einen Hafen, so gelingt es ihm scheinbar mühelos, Freundschaften zu schließen, Partner für tiefe, ungewöhnliche Gespräche zu finden und Menschen in seinen Bann zu schlagen. In vier verschiedenen Häfen trifft er auf vier Personen mit jeweils eigenen Geschichten und Gedankenwelten. Alle vier - zwei Männer und zwei Frauen - sind fasziniert von diesem Mann und wollen die Trennung von ihm so nicht hinnehmen. Unabhängig voneinander machen sie sich auf die Suche nach Marcel. Als er mit seinem Frachter erneut anlegen will, entdeckt er vier Bekannte an Land, und ein eigenartiges Zusammenleben auf dem Schiff beginnt. Die gemeinsame Zeit ist befristet ...
Ein schönes, leicht und tiefsinnig erzähltes Buch, magisch und melancholisch. Hat mir gefallen.

Johannes Witek: Was sie im Norden der Insel als Mond anbeten, kommt bei uns im Süden in die Sachertorte
Wie macht der Mann das bloß, sich solche Titel auszudenken? Gehört eigentlich Mohn in eine Sachertorte? Eine ungewöhnliche Sammlung von Lyrik und Prosa, bissel Underground, bissel bissig und grantig, aber dabei doch mit einem gewissen austriakischen Charme. Dieser Autor kann was. Allerdings ist das Buch nichts für zwischendurch. Man muss schon sehr konzentriert und auf der Hut sein, um die sprachlichen Abgründigkeiten und Hinterhalte so recht würdigen zu können. Nehmt euch Zeit für dieses Buch, auch wenn es nicht allzu dick daherkommt.

Vladimir Hernandez: Der Krieg der Schrecken

Friedrich Jacobsen: Die letzten Menschen
Ein sehr schöner Reprint, der mir am Tisch der Edition TES auf dem MarburgCon in die Hände gefallen ist. Auf traditionelle Art gebunden, innen Fraktur, das Ganze im Hosentaschenformat, liegt sehr gut in der Hand. Musste ich einfach mitnehmen. Das Original ist im Jahr 1905 erschienen und ist, hm ja, eine Art Zukunftsgeschichte. Allerdings mit recht wenig futuristischer Technik, abgesehen von einem Flugapparat. Eher ein etwas biblisches, altertümliche Sagenerzählungen nachahmendes Weltuntergangsszenario. Eine genaue Jahresangabe, wann dieser Weltuntergang stattfinden soll, gibt es nicht, nur diese Ausgangslage: "Die Erde war sehr alt geworden, und ihre Bewohner litten unter der Weisheit des hohen Alters. Jeder Fortschritt war bis an eine Grenze vorgedrungen, über die der menschliche Geist nicht hinauszugehen vermochte, und jenseits ahnte man nur noch die schale Wiederkehr alles dessen, was die Menschheit schon tausendmal gedacht und erlebt hatte."
Baldur und Eva wachsen als Ziehkinder unbekannter Herkunft bei den greisen und weisen Henoch auf, der die Bibel gut kennt und als erster die Zeichen der Zeit zu deuten vermag. Aber als der alte Mann das Fest der Sonnenwende mit seiner Ankündigung des Weltuntergangs für eben diesen Tag stört, wird er verspottet und verstoßen. Dann bricht eine neue Sintflut los, und nur die beiden Jugendlichen können sich in Henochs Flugmaschine retten. Allerdings nur vorläufig ...
Ein sehr interessantes Buch, vielleicht etwas schwer zu lesen aufgrund seines antikisierenden, hymnischen Tonfalls. Aber auf jeden Fall eine ungewöhnliche Erzählung, auf die man sich einlassen sollte.


Hörspiel
Adrian und Lavendel
Zauberhafte Geschichte über einen Schriftsteller, der eines Tages eine kleine, zartgeflügelte Dampfwalze in seinem Garten findet. Die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft, die beinahe für immer in die Brüche gegangen wäre. Ich habe das Hörspiel eines Morgens im Autoradio gehört - wie so oft auf Autofahrten leider nur teilweise - und mir gleich darauf im Netz die CD bestellt. Wunderschön. Und wenn ich eine zartgeflügelte Dampfwalze als Freund hätte, ich würde sie bestimmt niemals dazu verdonnern, Hemden zu bügeln.


© Petra Hartmann

Jahresrückblick, Teil eins: Januar bis März 2018
Jahresrückblick Teil drei: Juli bis September 2018
Jahresrückblick Teil vier: Oktober bis Dezember 2018


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Jahresrückblick I: Januar bis März 2018

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 28 December 2018 · 1006 Aufrufe
Jahresrückblick
Tja, das war's schon fast mit dem Jahr 2018. Für mich war es ein sehr aufregendes Jahr, in dem ich weit herumgekommen bin. Und ich meine damit nicht nur das Pendeln zwischen Sillium und Gardelegen, wo ich ja nun schon das dritte Jahr in der Volksstimme-Redaktion beginne.
Bevor ich zum Leserückblick auf das Jahr komme, daher kurz ein Überblick über meine Reisestationen:
Der Sommer brachte mir einen einwöchigen Segeltörn durch die dänische Südsee, das war wie nach Hause kommen. Ich bin 18 Jahre nicht gesegelt, Mann, was habe ich das vermisst.
Der Oktober bescherte mir einen Bildungsurlaub mit der Hildesheimer Volkshochschule: Eine Woche Italienisch in Bologna. Das war einfach umwerfend. Und es ist wirklich etwas dran an der sonderbaren Liebe der Deutschen zu Italien. Das Blut perlt einem da einfach ganz anders durch die Adern. Ich muss da wieder hin.
Natürlich habe ich mir im November wieder meine vier Wochen Helgoland gegönnt. Lesen, schreiben, Robben beobachten, Meeresluft atmen und sich den Wind um die Nase wehen lassen. Ging viel zu schnell vorbei.

Im Frühjahr habe ich das erste Mal auf der Leipziger Buchmesse gelesen. Ich stellte dort „Nestis und die verbotene Welle“ vor. Und meine Lesung gehörte zu den ausgewählten Veranstaltungen, die von einer Gebärdendolmetscherin übersetzt wurden. Das war sehr spannend.
Neu war für mich auch die „Lokolino“ in Göttingen. Die Messe für Kinder und Familien im Lokschuppen am Göttinger Hauptbahnhof hat Spaß gemacht, und ich hatte auch hier Gelegenheit, die „Welle“ vorzulesen. Ein weiteres Abenteuer war mein Ausflug nach Neumünster, wo ich zusammen mit drei weiteren Autoren einen Pavillon auf dem Radio-Schleswig-Holstein-Kindertag hatte.
Viel Spaß und ein aufmerksames, fragebegieriges hatte ich bei zwei Lesungen in Gardelegen für die evangelische Grundschule (Volksstimme-Artikel) und die Otto-Reutter-Grundschule. Ich war Gastleser im Kunstkreis Laatzen. Und es zog mich auch wieder einmal zurück nach Bennigsen am Deister, in mein altes journalistisches Revier.
Mit Lesungen und Büchertischen war ich auch auf dem MarburgCon, dem Conventus Leonis in Braunschweig und der HomBuch im Saarland mit dabei. Gelesen habe ich auch wieder im Hildesheimer Lokalradio Tonkuhle. Außerdem besuchte ich den Buchmesseconvent und das Nürnberger Autorentreffen.
Und unbedingt erwähnen möchte ich hier noch meine Lesung in Leimen (Pfalz) im Blauen Haus bei Gabrielle C. J. Couillez. Die weite Strecke war übrigens die Jungfernfahrt von Spica, dem neuen Micra an meiner Seite. Mein alter Partner, der Panda Sputnik, hat leider das Zeitliche gesegnet. Der einzige Wermutstropfen in diesem ansonsten sehr schönen und spannenden Jahr ...

So, aber nun endlich zum Literatur-Rückblick. Hier kommt der erste Teil meiner Lesefrüchte 2018. Viel Vergnügen damit!


Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


Januar

Koran erklärt
Das Buch zur gleichnamigen Serie im Deutschlandfunk. Ich habe die Sendungen mit Vergnügen gehört, und das Buch ist auch sehr lesenswert. In den rund fünfminütigen Sendungen wurde jeweils ein Koranzitat vorgetragen und dann erläutert, interpretiert und in den Gesamtzusammenhang eingeordnet. Außer den Texten zu den jeweiligen Radiosendungen sind im Buch drei Essays enthalten, die über den Hintergrund der Koranauslegungen und die Beteiligung des Islams am deutschen Rundfunk informieren. Ich würde gern noch einen zweiten Teil dazu haben.

Nicole Rensmann: Niemand - mehr

Samuel Beckett: Warten auf Godot
- Endspiel
- Glückliche Tage

Sammelband mit drei Dramen. Ich habe ihn mir wegen des Textes "Warten auf Godot" angeschafft. Ein herrlich sinnloses Warten auf jemanden, der nicht kommt. An Handlung nicht viel, nur dass sich zwei Landstreicher an einer Landstraße aufhalten, um zu warten. Leitmotivisch immer wieder der Dialog:
"Estragon: Komm, wir gehen!
Wladimir: Wir können nicht.
Estragon: Warum nicht?
Wladimir: Wir warten auf Godot.
Estragon: Ah!"
Total sinnfrei, sprachlich sehr schön, macht einfach Spaß.
Ähnlich handlungsarm und schwer wiederzugeben ist "Endspiel". Ein fast leerer, düsterer Raum, ein Herr, ein Diener, zwei ältere Leute, die in Mülltonnen leben, die Frage nach Lebensmitteln und dem korrekten Platz des Rollstuhls ... Sprachlich sehr schön, inhaltlich eine gewisse Lebenssinnlosigkeit.
"Glückliche Tage" schließlich, die Geschichte einer älteren Frau, halb eingegraben in einem Erdhügel. Eine Handtasche mit Schminksachen und einem Revolver. Ihr Mann ist den größten Teil des Stücks nicht sichtbar, versucht erst gegen Ende, ihren Erdhügel zu erklimmen. Stelle ich mir alles auf der Bühne sehr interessant vor. Klanglich auf jeden Fall ein Kunstwerk. Wobei ich generell nicht so der Theatermensch bin und Becketts Prosa noch ein Stück weit besser fand.

Das Gespensterbuch II
Zweiter Band der alten romantischen Horrorsammlung, die jetzt im Blitz-Verlag neu aufgelegt wurde. Erneut eine Zusammenstellung düsterer Geschichten. Novellen, Anekdoten, ein düsterer, kurzer Briefroman und ein Theaterstück, ziemlich viel Schauriges. Mutet manchmal etwas altertümlich an (ist es ja auch), aber ist auf jeden Fall eine Fundgrube für den Grusel-Fan.

Die Welten von Thorgal: Lupine 7 - Nidhöggr

Peter Hereld: Der Belarus-Deal

Gisela Bunge: Schicksale jüdischer Familien in Gardelegen
Ein 70 Seiten starkes Heft, das die jüdischen Familien in Gardelegen dokumentiert. Die erste Auflage erschien noch zu DDR-Zeiten, ich habe die zweite Auflage erhalten, als ich einen Bericht über die Stolperstein AG des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Gardelegen schrieb. Der Schwerpunkt liegt auf der Nazizeit und den damals in Gardelegen lebenden jüdischen Familien. Sehr lesenswert, vor allem wenn man durch die Stadt geht und mehr über die Namen hinter den Stolpersteinen erfahren möchte.


Hörbuch / Hörspiel

Peter Mennigen: Malcolm Max: Blutsbande
- Malcolm Max: Knochen

Sagte ich beeits, dass ich ein großer Fan der Serie Malcolm Max bin? Nein? Dann tue ich es hiermit. Bei dem Hörspiel "Blutsbande" handelt es sich um den Abschluss des Zyklus um die "Schwarzen Engel". Die Geschichte nimmt eine absolut unerwartete Wendung, und der Hörer erfährt Dinge über Malcolms Familiengeschichte, die er nie geahnt hätte. Absolut hörenswert. Erneut ist dem Hörspiel eine zweite CD beigegeben, ein Hörbuch-Abenteuer Malcolms, das er ohne die bezaubernde Charisma an seiner Seite bestreiten muss. Spannend und gut erzählt. Und wieder ein dickes Lob an die Romantruhe für dieses großzügige Doppelpack.


Februar

Edith Nesbit: Melisande
Wunderschön illustriertes Märchenbuch, das ich schon lange besitze und nun einmal wieder aus dem Regal gezogen habe, um meiner Nichte mal etwas anderes vorzulesen als immer nur die Eiskönigin. Edith Nesbit spielt in diesem Märchen mit dem Motiv der 13. Fee, die nicht zur Taufe geladen wird und darum das arme Kind Melisande verflucht. Melisande bekommt eine Glatze. Doch eines Tages darf Melisande den lange von ihren Eltern aufgehobenen Wunsch benutzen. Und weil sie nicht so recht weiß, was sie sich wünschen soll, spricht sie einfach das nach, was ihre Mutter ihr vorschlägt: "Ich wünsche mir goldene Haare, die einen halben Meter lang sein sollen und jeden Tag einen Zentimeter wachsen, und wenn sie abgeschnitten werden, so sollen sie danach doppelt so schnell wachsen und ..." Das "doppelt so dicht" kann sie nicht mehr ausprechen, da ihr der Vater den Mund zuhält, aber die Katastrophe ist auch so schon schlimm genug. Es beginnt ein sehr haariges Märchen, einfach nur köstlich, typisch Edith Nesbit eben.

Axel Scheffler und Julia Donaldson: Für Hund und Katz ist auch noch Platz
Liebenswürdiges Kinder-Bilderbuch über eine Hexe, die mit ihrem Besen und ihrem Kater unterwegs ist. Ständig verliert sie irgendetwas, und bei jeder Suche trifft sie ein neues Tier, das sie begleiten möchte. Und Katze, Hund, Vogel und Frosch erweisen sich als ein starkes Team, als ein furchtbarer Drachen auftaucht. Süß.

Philo von Alexandria: Das Leben des Politikers oder Über Josef
Philo von Alexandria habe ich vor Urzeiten im Studium kennen gelernt, aber, zugegebenermaßen, damals ist kaum mehr als der Name hängen geblieben. Also habe ich das nun nachgeholt. Philo war ein jüdischer Philosoph, der außer Toragelehrsamkeit auch intensive griechische Philosophiestudien betrieb und Gedankengut der Stoa und des Neuplatonismus aufnahm. Er gehört ins erste Jahrhundert unserer Zeitrechnung und war im Jahr 38/39 beteiligt an einer Gesandschaft der Juden aus Alexandria an Kaiser Caligula nach Rom, um ihn nach einem schweren Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung um Schutz zu bieten. Das Interessante an Philo ist seine Verknüpfung von Tora-Auslegung mit der griechischen Philosophie.
Seine Schrift über Joseph ist der vierte Teil einer Art Tetralogie, die ersten drei Schriften befassten sich mit den Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob, Joseph wird quasi als eine Art vierter Erzvater gesehen und als Bild des idealen Politikers beschrieben.
Die Ausgabe ist ein sehr schön gemachtes Taschenbuch mit Übersetzung, Einleitung und erläuternden Fußnoten, das mir sehr gut gefallen hat. Kann in der Reclam-Liga mithalten.

Philo von Alexandria: Über die Freiheit des Rechtschaffenen
Eine gut stoisch gedachte Abhandlung über das Wesen der Freiheit. Philo vertritt die These, dass nur der wahrhaft Weise und Rechtschaffene frei ist und unterscheidet zwischen innerer und äußerer Freiheit. Der schlechte Mensch, gefangen von Geldgier, Habsucht, Leidenschaften und ähnlichen wird nie wahrhaft frei sein, auch wenn er äußerlich ein freier Bürger ist. Der tüchtige, tugendhafte Mensch dagegen, auch wenn er umständehalber in die Sklaverei geraten ist, bleibt innerlich frei oder kann auf dem Weg der Tugend die Freiheit erlangen. Ein klassisches Thema der griechischen Philosophie und im Gegensatz zu den anderen überlieferten Texten Philos sehr arm an jüdisch-biblischen Bezügen.
Wie das ebenfalls bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienene Taschenbuch über Philos Josephsschrift ist dies Büchlein eine sehr schön aufbereitete Ausgabe mit Übersetzung, Einleitung und Informationen zum Text und Hintergrund. Hat mir gefallen.

Otto Kaiser: Das höchste Gut. Philos Hochschätzung der Freundschaft im Horizont ihrer antiken Geltung
Ein Buch, das weniger von Philo von Alexandria handelt als vielmehr von allen anderen Autoren, die ihn tatsächlich oder möglicherweise beeinflusst haben. Insofern keine Darstellung der Denkweise Philos, sondern eher eine groß angelegte Rundumschau über das Thema "Freundschaft" bei antiken Denkern. Und da es ein außerordentlich beliebtes Thema war, ist das Panorama entsprechend weit. Also, wer einmal etwas über die Freundschaft in der Antike lesen möchte oder gar eine Seminararbeit darüber anfertigen muss, ist gut beraten, in dieses Büchlein hineinzuschauen, auch wenn er sich nicht für Philo speziell interessiert. Wer Infos über Philo selbst sucht, ist hier eher fehl am Platze, denn es handelt sich nicht um eine geschlossene Darstellung des philonischen Freundschaftsbegriffs. Tatsächlich habe ich ausgerechnet den "Titelhelden" in diesem Buch über weite Strecken vermisst.

Hildesheimliche Autoren: Die Ameiseninvasion in St. Bernward
Anthologie der Autorengruppe "Hildesheimliche Autoren". Diesmal geht es um Kirchengeschichten. Das sind teilweise historische oder sagenafte Begebenheiten, die von den Autoren aufbereitet wurden, oder auch erfundene Geschichten. Insgesamt eine Sammlung von sehr unterschiedlichen Texten, Thematisch und stilistisch. Als Mitbringsel aus Hildesheim durchaus geeignet.

Jenny Offill: Amt für Mutmaßungen
Ein bezaubernder Roman. Sprache und Gedanken berühren gleichermaßen. Im Prinzip müsste man nach jedem Satz oder Absatz einfach mal die Augen zumachen und das eben Gelesene nochmal innerlich nachklingen lassen. Und das ist wohl auch das Prinzip des Buches, denn fast will es mir mehr wie eine Sammlung von kürzeren oder längeren Aphorismen vorkommen, die nur in zweiter oder dritter Funktion auch noch einen Roman ergeben. Ein Buch, für das man etwas Zeit mitbringen sollte. zu schade zum "Seitenfressen".

Philon von Alexandria: Abrahams Aufbruch. De migratione Abrahami (griechisch / deutsch)
Gebundene zweisprachige Ausgabe mit reichen Beigaben. Der bei Mohr Siebeck in der Reihe "Sapere" erschienene Band bietet eine Einführung in Leben und Werk des Autors, Anmerkungen und mehrere Essays über Philo(n) als Vetreter des Diaspora-Judentums, Philo im Kontext des palästinensischen Judentums, Gotteserkenntnis, Exilliteratur, Beziehungen zum Neuen Testament oder zu Thomas Manns Josephsroman. Also eine reiche Fundgrube. Philo schildert den im ersten Buch Mose beschriebenen Aufbruch Abrahams, der seine chaldäische Heimat verließ und seinem Gott folgte. Interessant ist, dass Philo sehr vieles allegorisch und bildlich deutet. Es geht also nicht nur um enen Mann, der aus seinem Heimatland auswandert, sondern auch um eine Seele, die sich aus der verderblichen Sinnenwelt zurückzieht und Gott zuwendet.

Tanya Stewner: Alea Aquarius 1: Der Ruf des Wassers
Als Verfasserin einer Meermädchen-Romanserie musste ich mich natürlich irgendwann auch mal in die Welt von Alea Aquarius begeben. Ich hoffe ja, dass das Finanzamt den Bücherkauf als "Konkurrenzbeobachtung" akzeptiert. ;-)
Alea ist ein Mädchen, das angeblich unter einer seltenen Krankheit leidet und auf gar keinen Fall mit kaltem Wasser in Berührung kommen darf. Narben am Hals und seltsame Knubbel zwischen den Fingern zeugen von unliebsamen Begegnungen mit dieser Bedrohung, die Alea wohl in ihrer frühesten Kindheit gehabt hat. Alea wächst bei ihrer Pflegemutter auf, ihre Mutter hatte der Frau einst das Baby am Meeresufer übergeben und ist seither verschwunden. Allerdings ... eines Tages lernt Alea die Besatzung der "Crucis" kennen. Drei Jugendliche, die in einem Segelschiff um die Welt fahren, sich mit Straßenmusik das nötige Geld verdienen und - ohne Erwachsenenbegleitung - ein Abenteuer nach dem anderen erleben. Und plötzlich stellt sich heraus: Alea hat gar keine seltene Krankheit: Wenn sie ins Wasser fällt, muss sie nicht sterben, sondern entwickelt ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten. Sie ist ein Meermädchen und gehört einem Volk an, das offenbar kürzlich beinahe vollständig ausgerottet wurde. Elea und die "Alpha Cru" (die Crew der "Crucis") machen sich auf die Suche nach Überlebenden des Meervolks und nach dem Rätsel um Aleas Herkunft.
Da Buch hat mir gut gefallen, die Geschichte ist spannend geschrieben, lässt sich gut lesen und geradezu verschlingen. Zwei Dinge kann die Autorin allerdings nicht: Segeln und Latein. Dass ein Schiff "Crucis" (des Kreuzes) heißen soll, wenn es nach dem Sternbild "Kreuz des Südens" benannt ist, ist natürlich Quatsch, es müsste "Crux" heißen. Und manche Segelmanöver rollen einem schon die Zehennägel hoch. Dass, während die restliche Mannschaft schläft, der einzige Wachhabende mal eben allein die Segel birgt oder setzt, ist nicht nur verantwortungslos, sondern schlicht und ergreifend ein Akt, der allenfalls von erwachsenen Einhandseglern durchgezogen werden sollte. Und man hätte es in der Mannschaft zumindest mal angesprochen und der Erwähnung wert gefunden haben sollen, dass da jemand nachts allein so herumspringt ... Zumal das Schiff offenbar ein Riesenpott von titanischen Ausmaßen ist. Es gibt dort tatsächlich einen Salon! Und Einzelzimmer! Und dass jemand während seiner Wache einfach mal im Meer baden geht (wohlgemerkt, draußen auf dem Meer), ist schon sehr abenteuerlich.
Sehr gut gelungen sind die Charaktere und die zwischenmenschlichen Spannungen/Beziehungen an Bord. Etwas mehr Realismus hätte ich mir für die Unterwasserwelt gewünscht.

Herbert Braun: Wie man über Gott nicht denken soll. Dargelegt an Gedankengängen Philos von Alexandria
Eine theologische Auseinandersetzung mit Philo und seinem Gottesbild, erschienen 1971. Im Text sollte laut Verfasser "die Struktur des philonischen Gottesgedankens auf ihrer eigenen Ebene nachgezeichnet und in ihren Konsequenzen verdeutlicht werden." Philo sei nicht frei von "krassen Selbstwidersprüchen", und im Denken des Philosophen werde, bei der Erhebung Gottes, "die Existenz des Menschen (...) vernichtigt." Insgesamt geht Braun also recht kritisch an Philo heran. Allerdings meint er auch: "Mit Philo zu reden hätte sich gelohnt."


März

Konstantin Wecker: Der Klang der ungespielten Töne
Novelle über einen Musiker, der etwas ganz Besonderes hätte werden können. Aber Anselm erliegt den Verlockungen des leichten Weges und des schnellen Ruhms und Geldes. Vergessen ist der alte Musiklehrer Karpoff, die Suche nach der wahren Musik und dem, was seine Seele einst berührt hatte. Erst als er ganz unten angekommen ist, setzt sich Anselm erneut ans Klavier, um das finden, was er hätte werden können. Schlicht, ergreifend und melodisch erzählt von einem Menschen, der nicht nur ein unvergleichlicher Musiker ist, sondern eben auch schreiben kann. Richtig gut.

Elisabeth LaBan: So wüst und schön sah ich noch keinen Tag
Traurigschöne Liebesgeschichte mit Anklängen an die Welt der griechischen und shakespeareschen Tragödie. Im Irving-Internat ist es Tradition, dass der Abschlussjahrgang beim Einzug in die neuen Zimmer Geschenke der vorherigen Bewohner vorfinden. Duncan "erbt" das Zimmer von Tim, der ihm seine Geschichte vermacht: Ein Stapel CDs, auf den Tim seine Erlebnisse des vergangenen Schuljahrs gesprochen hat. Seine große Liebe, sein Außenseiter-Dasein als Albino und ein tragisches Ereignis, das noch immer über dem Internat lastet. Gleichzeitig arbeitet Duncan an der Literaturaufgabe für seine Abschlussarbeit: Es geht um das Thema Tragödie und um die Tragweite von Handlungen und Entscheidungen. Während Tims Liebesgeschichte unausweichlich der tragischen Katastrophe zusteuert, erkennt Duncan mehr und mehr, dass Tragödien nicht unbedingt nur auf dem Papier oder im Theater stattfinden müssen.
Berührender, stiller und zugleich packender Roman, der einem lange im Gedächtnis bleibt. Empfehlenswert für alle, die etwas mehr als Abenteuer und Action haben wollen.

Lilly Nielitz-Hart, Simon Hart: City-Trip Bologna
Nützlicher und hilfreicher Stadtführer mit herausnehmbarem Stadtplan und viel Wissenswertem, Erläuterungen zu Sehenswürdigkeiten, kleiner Sprachkurs, Benimm-Regeln, Hinweise zu Finanzen, Ausflugstipps zu benachbarten Städten wie Ravenna. Sehr hilfreicher Begleiter. Gut.

Peter Mannsdorff: Party im Kopf

Karl Jaspers: Die maßgebenden Menschen
Ein Buch, das ich schon lange auf meiner To-do-Liste habe. Jaspers stellt vier Personen an den Beginn seiner Philosophiegeschichte, denen er eine "geschichtliche Wirkung von unvergleichlichem Umfang und Tiefengang" bescheinigt und denen sich kein fünfter an die Seite stellen lasse. Diese vier Menschen sind Sokrates, Jesus, Buddha und Konfuzius. Vier sehr interessante Persönlichkeiten und vier auf jeden Fall lesenswerte Darstellungen. Mit kamen beim Lesen die beiden über Sokrates und Jesus recht ausbaufähig vor. Klar, über die beiden habe ich schon so viel gehört und gelesen, dass ich locker die doppelte Menge über sie erzählen könnte. Aber das war ja nicht der Sinn der Übung. Bei Buddha und Konfuzius musste ich es erstmal alles so hinnehmen. Da werde ich mich wohl noch mal einlesen müssen. Brauchbar und eine schöne Übersicht.

Wenn es dunkel wird im Märchenwald III:
- Ivy Paul: Rapunzel
- Mia Wagner: König Drosselbart
- Carmen Liebing: Der Froschkönig
- Lily Monroe: Das Nusszweiglein
- Emilia Jones: Die drei Spinnerinen

Inzwischen bereits der dritte Band der in erotische Geschichten verwandelten Märchen aus dem Plaisirdamour-Verlag. Enthält fünf Novellen oder Kurzromane, von denen vier in der Gegenwart spielen und eine Erzählung aus einer unbestimmten Zeit, in der noch mit Kutschen gefahren wird und in den Wäldern noch Biester leben.
Rapunzel ist in dieser Version ein Model mit außerordentlich langen Haaren, das bei einer Beautyshow den gut aussehenden Erben eines Kosmetikimperiums kennen lernt. König Drosselbart ist ein junger Mann, der die verzogene Tochter eines Geschäftsfreundes als Putzfrau einstellt und unterwirft. Der Froschkönig spielt in einem Märchenpark, in dem die Figuren ein seltsames Eigenleben entwickeln. Das Nusszweiglein ist eine Variante der Geschichte von der Schönen und dem Biest: Ein Kaufmann macht auf seiner Heimreise den verhängnisvollen Schritt vom Wege ab, um seiner Tochter ein Nusszweiglein mitzubringen. Das Biest, dem der Wald gehört, verlangt sein Leben - oder seine Tochter. Die drei Spinnerinen schließlich spielt erneut in der Welt von Glamour und Mode: Eine junge Frau soll bei einem Casting ihre Eignung als Prinzessin beweisen. Denn nur wer spinnen kann, bekommt den Traumprinzen ...
In den meisten Märchen, wie König Drosselbart oder Froschkönig sind der sexuelle Bezug und gewisse Sadomaso-Tendenzen ja ohnehin schon angelegt. Klar, was das Biest von der hübschen Kaufmanstochter will, wenn es den Vater laufen lässt. Bei Rapunzels haarfetischistischem Prinzen kommt aber auch einiges Neues hinzu (auch wenn schon im Märchen vorehelicher Geschlechtsverkehr stattfand), und die Geschichte der drei Spinnerinnen erhält eine sehr ausführliche, weit ausgesponnene Vorgeschichte.
Insgesamt eine leicht und zügig lesbare Sammlung mit interessanten Ideen und Märchenvariationen.

© Petra Hartmann


Jahresrückblick Teil zwei: April bis Juni 2018
Jahresrückblick Teil drei: Juli bis September 2018
Jahresrückblick Teil vier: Oktober bis Dezember 2018


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Jahresrückblick IV: Oktober bis Dezember 2017

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 31 December 2017 · 2057 Aufrufe
Jahresrückblick
Der vierte und letzte Teil meines Leserückblicks auf das Jahr 2017 ist geprägt von einem vierwöchigen Helgoland-Urlaub, den ich mit einem dicken, schweren Bücherkoffer antrat. So dick und schwer war dieser Koffer, dass ich ihn beim Zugwechsel kaum in den Waggon bekommen konnte, und mehrere starke junge Männer, die der armen alten Frau beim Umsteigen helfen wollten, haben ihr Angebot bitter bereut. Das Monster ließ sich einfach nicht vom Boden hochbekommen. Ich habe es aber doch irgendwie auf die Insel geschafft und später zweimal ein dickes Buchpaket mit der Post nach Hause geschickt, damit ich auf dem Rückweg nicht so viel zu schleppen hatte. Das Gesicht der Zöllnerin im Helgoländer Zollpostamt, die die Sendung kontrollierte, war einfach unbezahlbar. Sie war auf Schmuggelware ganz anderer Art aus.
Hier also meine Lesefrüchte der Monate Oktober bis Dezember. Viel Spaß beim Stöbern!

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

Oktober

Thomas Hettche: Die Pfaueninsel
Marie und ihr Bruder Christian sind Zwerge. Allerdings keine Märchenwesen, sondern kleinwüchsige Menschen, deren Wachstum bereits im frühen Kindesalter beendet war. Für den König, der die beiden käuflich erwirbt, eine wertvolle Bereicherung seiner Menagerie. Marie lebt künftig als "Schlossfräulein" auf der Pfaueninsel im Wannsee in einer eigenen, verwunschen Welt, erhält ab und zu Besuch von Angehörigen des Königshauses und leidet ihr Leben lang darunter, dass einmal eine Prinzessein die Kleinwüchsigen auf der Insel in Panik als "Monster" beschimpft hat. Marie erlebt die Entwicklung der Insel mit, die sich vom Kuriositätenkabinett und Märchenland zur exotischen Zoolandschaft und zum Landschaftsgarten großer Gartenbaukünstler entwickelt. Mal werden Tiere aus aller Herren Länder wahllos auf der Insel zusammengekarrt, mal soll das ganze Gelände nach einer einzigen großen Linie gestaltet werden, schließlich geht es auch um die Nutzung des Landes für Gemüseanbau und Holzwirtschaft. Zwischen Marie und dem Spross einer Gärtnerdynastie keimt die erste große Liebe auf. Aber dann passiert eine Katastrophe ... Die Geschichte spielt im 19. Jahrhundert und ist sprachlich manchmal etwas altertümelnd. Der Anfang ist etwas anstrengend, aber wenn man sich eingelesen und eingelassen hat, ist diese Pfaueninsel nicht ohne Zauber. Hat mir gefallen.

Peter Handke: Noch einmal für Thukydides (Reclam)
Wow. Eine echte Überraschung. Ich habe das Büchlein im Prämienshop eines Online-Buchhändlers entdeckt, als ich mal wieder ein paar Punkte zum Eintauschen gesammelt hatte, und habe es mitgenommen, ohne zu wissen, was mich erwartet. Zunächst einmal: Es hat überhaupt nichts mit dem Peloponnesischen Krieg zu tun ... Es handelt sich um ein schmales Prosabändchen, in dem Handke Situationen, Landschaften, Vorgänge beschreibt, nicht eigentlich Geschichten, sondern Beobachtungen, sehr genaue, detaillierte, anschauliche Beschreibungen, gewissermaßen Augenblicksaufnahmen. Elf kurze Prosatexte, in denen der Autor das tut, worin Altmeister Thukydides sein Lehrer war: genau hinsehen und auch scheinbare Kleinigkeiten mit Andacht und Sorgfalt aufzunehmen. Das klingt eher dröge, ist aber im Gegenteil ausgesprochen poetisch und hat einen ganz eigenen Zauber. Ob Handke ein Blatt an einer mit Efeu bewachsenen Wand betrachte, das sich als Zitronenfalter entpuppt, oder das Wetterleuchten über der jugoslawischen Insel Krk nachzeichnet, ob er dem fallenden Schnee in Japan oder einem Schuhputzer in Split zusieht (überhaupt der schönste Text im Buch), es braucht gar keine dramatische Handlung, diese kurzen Beobachtungen haben ihre ganz eigene Dramaturgie und Spannung. Danke, dass ich dabei sein durfte.

Günter Grass: Schreiben nach Auschwitz
Eine Frankfurter Poetik-Vorlesung, in der Grass darlegt, wie er sich an unterschiedlichen Stationen seines Lebens und Schaffens an Adornos Satz über die Unmöglichkeit, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, abgearbeitet hat. Ein Rückblick auf seine bis dahin geschriebenen Werke und die Geschichte der Bundesrepublik, immer wieder mit Blick auf den Völkermord. Seine Zwischenbilanz im Jahr 1990: "doch dem Schreiben nach Auschwitz kann kein Ende versprochen werden, es sei denn, das Menschengeschlecht gäbe sich selbst auf."

Karin Jacob (Hrsg.): Die Welt im Wasserglas
Anthologie mit Geschichten, Gedichten und Zeichnungen, die beweist, dass es möglich ist, aus einem eng begrenzten Raum eine Unendlichkeit an Möglichkeiten zu schöpfen. Magische Wesen, Urzeitkrebse, Kopfschmerztabletten - der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt außer der dünnen durchsichtigen Wand eines Wasserglases. Hat mir sehr gut gefallen.

Jonathan Philippi: Mary Island 4 - Das Geheimnis des Schlangentöters
Vierter Teil der Abenteuer auf Mary Island. Die aus Deutschland stammenden Geschwister Julie, Steven und Justy haben sich inzwischen so gut in den USA eingelebt, dass sie kaum noch von gebürtigen Amerikanern zu unterscheiden sind. Allerdings droht nun die Rückkehr nach Deutschland, denn die Mutter würde das Sorgerecht für die drei gern zurückhaben. Wenn rauskäme, dass die Geschwister bei der Aufklärung eines Verbrechens in eine Schießerei geraten sind (Im Abenteuer "Das Geheimnis der dunklen Baracke"), könnte das durchaus das Ende ihrer Zeit bei ihrem Vater bedeuten.
Das hält die Seidel-Kinder aber nicht davon ab, sich weiter als Detektive zu betätigen. Als Julie bemerkt, dass eine große Holzfigur im Schaufenster eines chinesischen Geschäfts sich immer wieder verändert, beginnt sie mit der Detektivarbeit. Ein sich aufbäumendes Holzpferd, das eine Giftschlange zertrampelt, das ist schon ein echter Hingucker. Aber manchmal trägt das Tier die Mähne nach rechts und manchmal nach links herabfallend, und die Kobra unter seinen Hufen ist manchmal auch eine Klapperschlange. Gut, dass die Geschwister einen echten Geheimpolizisten als Freund haben ...
Jonathan Philippi hat einen sehr eingängigen, flüssigen Schreibstil, und so lässt sich das Buch gut und angenehm lesen. Allerdings fallen diesmal die zahllosen Rückblenden und Erklärungen unangenehm auf, mit denen der Autor die Ereignisse aus den vorherigen drei Bänden rekapituliert. Ja, natürlich ist es machmal nötig, neue Leser in die Zusammenhänge einzuführen und alte Leser nochmal zu erinnern, was sie vor einem oder mehreren Jahren gelesen haben. Aber hier ist es einfach zu viel Rückblende, auch im Verhältnis zum Gesamttext, und notwendige Informationen hätte man vielleicht auch etwas geschmeidiger einflechten können. Im übrigen sollte eine internationale Verbrecherbande durchaus in der Lage sein, ein etwas weniger auffälliges Geheimsignal zu erfinden als diese Riesenstatue, deren Veränderungen sogar dem kleinen Justy auffallen. Vielleicht sollten die Herren Chinesen lieber Kaugummi-Automaten knacken. Okay, ansonsten ein gut erzähltes Jugendabenteuer, das Spaß macht und sich sehr zügig "wegliest".

Marcus Haas: Das Herz des Drachen
Geschichte einer jungen Frau, die einen Drachen aufgezogen hat. Als ihr Volk von einem kriegerischen Nachbarvolk überfallen wird, macht sie bei einem Angriff einen Fehler und wird zur Strafe verbannt. Was sie nicht ahnt: Die Verbannung ist Teil eines Plans, und sie steht unter Beobachtung. Nur so kann sie ihre besonderen Kräfte entwickeln und die mentale Bindung an sich und ihren Drachen aufbauen ...

Pablo de Santis: Die sechste Laterne
Magischer Realismus trifft Kafka: Silvio Balestri, ein aufstrebendes italienisches Architektengenie, kommt nach New York, um dort zu arbeiten. Sein Traum: Einen neuen Turm zu Babel bauen. "Zikurat", so der Name seines Projekts, wird jedoch auf immer ein Traum bleiben. Balestri versackt in der unteren Etage eines großen Architekturbüros, und erst nach Jahren verschafft er sich auf eigene Faust Zugang zur Chefetage. Erste Erfolge stellen sich ein, doch dann erhält er einen schier unlösbaren Auftrag: Er soll einen Verräter in den eigenen Reihen finden. Verwirrend nur, dass die Geheimorganisation "Die sechste Laterne" ihn auffordert, unbedingt einen falschen Schuldigen zu präsentieren. Denn ausgerechnet einer der drei Firmeninhaber ist Mitglied der Organisation und will den Verräter schützen. Und wieder platzt der Traum von "Zikkurat".
Nach "Die Übersetzung" und "Die Fakultät" ist dies mein dritter Roman von Pablo de Santis, und wieder bin ich in eine faszinierende, zauberhafte Welt eingetaucht. Architekturphilosophie und Sprachmagie verschmelzen hier zu einem kafkaesken, fantastischen Stück Literatur, das trotz des traurigen Endes einfach zum Augenschließen und Schweben einlädt.


Christine Runge: Liebe, Sehnsucht, Herzheimat
Gedichtband über Helgoland. Ich hatte beim Helgoland-Lesefestival die Gelegenheit, der Autorin bei ihrer Lesung vor dem Helgoländer Fahrstuhl zuhören zu dürfen. Verse über eine große Liebe und die leider immer wieder viel zu kurze Zeit auf der Insel. Verstehe ich sehr gut. Mit einigen Gastbeiträgen weiterer Helgoland-Verrückter.

Rudolf Simek: Die Schiffe der Wikinger (Reclam)
Schöne, hilfreiche, kurze Übersicht über die verschiedenen Schiffstypen und darüber, wie sie eingesetzt wurden. Ein Mitbringsel vom BuCon. Verständlich geschrieben und sehr kompetent. Werde ich sicher als Hintergrundmaterial für meine nächsten Romane gebrauchen können.

Bettina Ferbus: Spiegelzauber
Fantasy-Roman über eine junge Frau, die während einer Zaubershow auf die Bühne gebeten wird und dem Künstler assistieren soll. Doch dabei geschieht etwas, mit dem vermutlich nicht einmal der Zauberer gerechnet hat: Tanja verschwindet wirklich. Sie landet in einer fremden Welt. Im Körper einer zum Tode verurteilten Assassine. Ihr Leben wird nur dadurch gerettet, dass ein dortiger (echter) Magier sie als "Blutsklavin" benötigt und auf nicht ganz legalem Wege aus dem Kerker holt. Als unfreiwillige Blutspenderin soll sie ihm bei seinen Beschwörungen beistehen und ihm helfen, einen Dämon als Helfer zu gewinnen. Tanja und der Magier freunden sich an, und auch mit dem Dämon schließt sie eine Art Pakt. Es stellt sich heraus, dass in dieser fremden Welt offenbar einiges vor sich geht, das nicht im Sinne der Gesetze ist. Und Tanja kommt auf die Spur der echten Mörderin, in deren Körper sie gelandet ist und die nun in Tanjas Welt ihr Unwesen treibt.

Karla Schmidt: Lügenvögel
Ein Vogelei im Kopf ... So beschreibt es jedenfalls die Heldin von Karla Schmidts Novelle. Vielleicht Krebs, vielleicht eine Folge der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Jedenfalls muss sie seitdem zwanghaft Worte niederschreiben, immer mehr, auf jeden Fetzen Papier. Alltagsbegegnungen und Kindheitserinnerungen. Die Geschichte einer Krankheit, die Geschichte eines verschwundenen Mädchens am Meer. Ein Urlaub mit Vater und Schwester und tausende wundersame Schmetterlinge. Traum und Realität verwischen sich immer mehr, und es ist unmöglich zu sagen, ob die Lügenvögel im Kopf nun die Wahrheit sagen oder nicht. Karla Schmidt schreibt diese surrealistisch-magische Novelle in einer so melodischen Sprache, dass man ihr unbesehen alles glauben möchte. Auch als die Heldin sich im drittenTeil zur Unternehmerin in einer postapokalyptischen Welt mausert und mit Schmetterlingsprodukten handelt.

Dagmar Börner-Klein: Gefährdete Braut und schöne Witwe. Hebräische Judit-Geschichten
Das Buch Judit ist wohl das biblische oder eben nicht biblische Buch mit der ungewöhnlichsten Überlieferungsgeschichte. Das fängt schon damit an, dass der Text in der hebräischen Bibel fehlt. In der Septuaginta, also der griechischen Fassung, ist die Judit-Geschichte erstmals vorhanden, und an einigen sprachlichen Eigenheiten kann man erkennen, dass es sich um eine Übersetzung aus dem Hebräischen handelt. Das Original hat jedoch bislang niemand auffinden können. In der lateinischen Vulgata ist Judit ebenfalls vorhanden, und in der deutschen Übersetztung ... nun, für die Katholiken ist es ein biblisches Buch, aber in der evangelischen Bibel kommt es nicht vor. Schon seltsam.
Dagmar Börner-Klein hat in ihrem Buch nun die alten hebräischen Judit-Geschichten zusammengestellt. Es handelt sich um Texte, die deutlich jünger sind als die Septuaginta, ihr zum Teil ähneln, aber auch manchmal sehr stark von ihr abweichen. Manchmal ist Judit eine schöne Witwe, manchmal aber auch eine junge Braut, an der ein tyrannischer Herrscher vor der Hochzeit das Recht der ersten Nacht geltend machen will. Schließlich wird Judit sogar mit der Makkabäer-Tradition, dem Chanukkafest und der Legende um das heilige Öl, das den Leuchter acht Tage lang brennen ließ, obwohl es eigentlich nur für einen Tag gereicht hätte, verknüpft. Das Buch bietet die alten Texte in synoptischer Form dar, stellt hebräischen Text und Übersetzung nebeneinander und ordnet die Abschnitte der einzelnen Judit-Geschichten einander zu. Sehr spannend.

Michael Stoffers: Waldemar hat einen Traum
Helgoland aus der Sicht einer Möwe. Man erfährt viel über die Organisation der dortigen Möwenkolonie und die Arbeiten, denen diese Vögel nachgehen. Der Held Waldemar taugt leider wegen eines schwarzen Flecks am Schnabel nicht als Fotomodell und darf sich daher vor den Touristen nicht blicken lassen. Und wegen seiner Verstopfung kann er auch nicht beim Kack-Kommando arbeiten. Aber Waldemar hat einen Traum - und das ist bestimmt nicht die entwürdigende Arbeit bei der Essensausgabe. Und irgendwann ist er doch der beliebteste Filmstar unter den Möwen ... Sehr liebenswerte und humorvolle Geschichte, nicht nur für Helgoland-Besucher.

Horst Hoffmann: Raumpatrouille Orion - Die Jugendromane I: Operation Alpha Centauri / Planet der Rätsel
Zwei Jugendabenteuer der späteren Orion-Crew, als die Helden noch in der Ausbildung waren. Neuausgabe als edles Hardcover. Mit einem Vorwort von Horst Hoffmann und einem Nachwort von Michael Lange zum Hintergrund der Abenteuer. Ein bisschen Schulromantik und Frotzelei, die bald zum lebensgefährlichen Raumabenteuer wird. Ein erstes Kennenlernen, kleine Reibereien. Cliff McLane baggert Lydia van Dyke an, rebelliert gegen Hierarchien und dumme Vorschriften und versteht sich sehr gut mit Wamsler. Helga fehlt noch. Beide Abenteuer sind routiniert und gekonnt geschrieben. Etwas verwirrend ist, dass hier tatsächlich schon Außerirdische vorkommen. Deren Existenz wurde ja in der Serie, deren Vorgeschichte hier erzählt wird, bis zum Auftauchen der "Frogs" kategorisch ausgeschlossen. Und dass sich der als Raumkadett recht untalentierte Mitschüler Peter L. Prewster am Ende in Michael Spring-Brauner umbenennt, nun ja ...


November

Philip K. Dick: Blade Runner. Träumen Androiden von elektrischen Schafen?
Klassiker, der schon lange auf meiner To-do-Liste steht: Geschichte eines Androiden-Jägers, der entlaufene und in der Gesellschaft untergetauchte menschenähnliche Roboter aufspürt und liquidiert. Doch mit der neuesten Generation der künstlichen Menschen gibt es ein Problem. Sie sind einfach zu gut, und es scheint so, als ob hier auch der beste Empathietest versagt. Manche Menschen aus Fleisch und Blut sind in ihren Gefühlsreaktionen dumpfer als diese Androiden. Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine sind gar nicht so einfach zu erkennen. Sehr klar strukturierte Geschichte, flüssig, schnörkellos, zielstrebig und geradlinig, Auch eine hochintereessante Gesellschaft. Und dieses Streben danach, ein echtes lebendes Haustier zu bekommen, nicht etwa ein elektrisches Schaf, ist einfach herrlich. Hat mir gefallen.

Franz Rosenzweig: Der Stern der Erlösung
Franz Rosenzweigs religionsphilosophisches Hauptwerk, ein faszinierendes Buch, für dessen Lektüre man allerdings ausgesprochen wach sein muss: Rosenzweig verbindet gedankliche Präzision mit großer sprachlicher Kunst und sehr viel Bewusstsein für etymologische Reminiszenzen. Oft ist es nur ein einziger veränderter Buchstabe oder ein Bindestrich, das einen Wortsinn verändert oder um einen Hauch in die andere Richtung drückt. Eine Analyse des Wesens der Religion, beginnend mit einer Begründung, warum die Philosophie bei der Frage nach Gott notwendigerweise versagen muss, bis hin zu einer Untersuchung und zu einem Vergleich der christlichen und der jüdischen Religion. Manchmal ganz schön kompliziert. Ich habe vor Urzeiten die von meinem verehrten Hebräisch-Lehrer Reinhold Mayer herausgegebenen Gritli-Briefe Rosenzweigs gelesen, in denen viel zum Hintergrund des "Sterns" zu finden ist. Werde wohl beides nochmal lesen müssen.

Kim Scheider: Literatour-Führer Helgoland
Das Begleitbuch zum ersten Helgoländer Lese-Festival. Enthält einen kurzen Überblick über die bekannten Schriftsteller, die etwas über die Insel geschrieben haben, stellt die Teilnehmer des Festivals und ihre Werke vor, dann gibt es noch einen Lesungs-Terminkalender und - absolut lesenswert - die Beiträge zum dazugehörigen Schreibwettbewerb. Es sind sehr schöne Texte dabei, hat mir gefallen.

William M. Matson: Crazy Horse. Das Leben und Vermächtnis eines Lakota-Kriegers
Umfangreiche Darstellung des Lebens eines der bedeutendsten Lakota-Krieger. Das Besondere daran ist, dass hier offenbar erstmals die Familie von Crazy Horse aus ihren mündlichen Überlieferungen beigetragen hat. Dadurch wird das Buch sehr persönlich, wenn auch nicht allzu objektiv. An einigen Stellen merkt man deutlich, dass die Zerstrittenheit einiger Lakota-Familien noch heute eine große Rolle spielt. Der Groll gegen Red Cloud, der in seiner späten Zeit seinen Frieden mit den Weißen machte, kocht noch immer in diesem Buch und in dieser Familie. Sehr bedrückend. Ein Phänomen, das sich auch in der zuvor im gleichen Verlag erschienenen Biographie Sitting Bulls beobachten ließ. Auch im vorliegenden Buch wird ein breiter Raum verwandt, um die Geschichte der Familie nach dem Tod Crazy Horses und die Legitimation seiner Nachkommen anhand von Dokumenten und unter Eid gemachten Aussagen darzulegen. Das ist etwas, das die meisten Leser wohl nur überfliegen werden, für die Familie aber eine Sache von größter Wichtigkeit. Inhaltlich ein hochinteressantes, sehr spannend zu lesendes Buch und eine gute Ergänzung zu den vorhandenen, von Weißen verfassten Büchern. Lesenswert.

Elke Brachtendorf und Antonella Lendi: Meerjungkind
Ebenfalls ein Mitbringsel vom Helgoländer Lese-Festival, das ich bei einer Lesung der beiden Autorinnen erstand: Es ist ein Kinderbuch über ein Mädchen, das auf Helgoland in einer Fischkiste eine kleine Meerjungfrau - beziehungsweise: ein Meerjungkind - findet. Die beiden werden Freunde und unternehmen schließlich eine gemeinsame Reise nach Atlantis. Sowohl auf Helgoland als auch im Reich der Meermenschen gibt es ausgesprochen skurrile Wesen. Und dann wird es brandgefährlich.

Kristin Cashore: Die Königliche
Dritter Teil der Trilogie. Ich hatte seinerzeit "Die Beschenkte" mit Begeisterung gelesen, war schwer enttäuscht von der "Flammenden", der dritte Band ist wieder besser, aber nicht so gut wie Teil eins. Heldin des Buches ist Bitterblue, die Tochter von König Leck, die nach dem Tod ihres Vaters über das Land Monsea herrscht. Aber es reicht nicht, einfach nur den bösen König zu töten. Die Verletzungen, die Leck den Menschen in seinem Herrschaftsbereich zugefügt hat, sind so schwer und tief, dass niemand so einfach zur Tagesordnung übergehen kann. Niemand will mit Bitterblue darüber reden, ein Mantel des Schweigens liegt über dieser Zeit. Doch nach und nach dringt einiges an die Oberfläche. Bitterblue herrscht über ein zutiefst traumatisiertes Volk. Und bei ihren Nachforschungen kann sie offenbar niemandem trauen.
Es gibt ein Wiedersehen mit Katsa und Bo, und auch Fire aus dem zweiten Teil taucht wieder auf. Wobei das Rätsel um Lecks Motivation und seine Herkunft nicht wirklich gelöst wird. Insgesamt muss festgehalten werden, dass die drei Bücher durchaus eigenständig sind, man hat es nicht mit dem zweiten oder dritten Aufguss der Beschenkten zu tun. Das ist für den Fan zwar traurig und etwas enttäuschend, ich möchte es aber dennoch lobend hervorheben. Die Autorin bietet jedesmal etwas Neues, ein neues Land, ein neues Problem, neue Gedanken. Aber wen Katsa und Bo im ersten Teil vom Hocker gerissen haben, der vermisst eben doch einiges.

Matthias Falke: Hinter feindlichen Linien (D9E)
Ein Wiedersehen mit Manuel, Nola und Guardes. Die drei wollen eigentlich nur ihre Ruhe genießen. Doch dann spürt sie die Den-Haag-Stiftung auf, und sie werden zwangsrekrutiert für den großen Krieg gegen die Hondh. Der Planet, zu dem sie beordert werden, ist allerdings verlassen und verwüstet. Doch dann entdecken die drei einen Hinweis auf die ursprüngliche Besatzung der Station. Spannend geschrieben.

Dirk van den Boom: Das Springledeck-Gambit (D9E)
Geschichte einer Verschwörung und eines geplanten Attentats auf eine Versammlung zahlreicher Staatschefs. Geplant ist ein Putsch, und ausgerechnet der nichts ahnende Thrax soll als neue Herrscherfigur inthronisiert werden. Nicht schlecht geschrieben, aber die Verschwörung kommt doch etwas simpel daher. Und offenbar scheint jeder Bescheid zu wissen, überall wird bereits im Vorfeld gemunkelt und geahnt, jeder hat irgendwelche Gerüchte gehört ... Nett die Rolle, die die mechanische Hoheit zu spielen gedenkt. Diese netten, durchgeschepperten Roboterkerle haben echt Musik unter ihrem Pony. Rührend das Ende des Piloten Carlisle, dafür gibt es einen Extrapunkt.

Holger M. Pohl: Mengerbeben (D9E)
Neues von der Truppe, die hinter den Linien der Hondh spionieren sollte. Neue Möglichkeiten und Verbündet werden gefunden. Ein Schlüssel scheint in manipuliertem MELK, einer Art Kunststoff, zu liegen. Gibt es die Chance, die Ausbreitung der Hondh zu stoppen, indem man den Mengerraum stört? Ein temporeiches Abenteuer, das zunächst durch die vielen Perspektivwechsel etwas anstrengend ist, aber schnell an Fahrt aufnimmt und den Leser packt.

Finstere Übernahme. Die Storys zum Marburg-Award
Die Beiträge zum Marburg-Award 2017 zusammengestellt zu einer lesenswerten Anthologie, illustriert und in limitierter Auflage. Viele gute und einige sehr gute Geschichten. Lesenswert.

Reimer Boy Eilers: Sprechen mit Seezungen
Gedichte aus 30 Jahren, der Autor erzählt von Kindheit und Jugend auf Helgoland, vom Leuchtturm seines Großvaters, aber auch aus dem Rest der Welt. Ein sehr schöner, klarer Stil und eine angenehme lyrische Stimme. Viel Meerluft. Mich haben vor allem seine Gedichte aus dem ehemaligen Jugoslawien beeindruckt. Und gerade in den späteren Gedichten findet man sehr klare Worte und Positionierungen gegen Ausländerfeindlichkeit und rechten Ungeist. Eine Sammlung, die mir gut gefallen hat.

Wolfgang Schadewaldt: Hellas und Hesperien I
Die Aufsätze Wolfgang Schadewaldts sind einfach etwas Besonderes. In der dicken, schweren zweibändigen Sammlung "Hellas und Hesperien" sind sie gesammelt. Im ersten Band findet man seine Beiträge zur antiken griechischen und römischen Literatur, 800 Seiten voller Juwelen, Band zwei enthält seine Betrachtungen über die Wirkung antiker Werke in der neuzeitlichen Literatur von Shakespeare bis zur Gegenwart. Die beiden gehaltvollen Bände sind nur noch antiquarisch zu erhalten und kosten eine Menge, aber ich hatte dieses Jahr einfach mal die Chance, mir etwas gönnen zu können, und als ich sie im Netz fand, griff ich zu. Eine Reihe der Aufsätze kannte ich natürlich schon, gerade die Beiträge über Aischylos, Homer und den Gott von Delphi, das war ein schönes Wiedersehen, natürlich auch der kanonische, aus der Tragödiendiskussion nicht mehr wegzudenkende Aufsatz über "Jammer und Schaudern".
Es gab aber auch eine Menge Neu-Entdeckungen, etwa in der neueren Komödie. Oder seine Entdeckung einer "experimentellen Philologie". Oder seine Würdigung Vergils, der bei mir zugegebenermaßen auch ein Schattendasein fristet. Und gerade in der römischen Literatur bin ich ja nicht so beschlagen. Teil zwei ist dann im nächsten Urlaub dran, wenn ich wieder den Kopf frei habe für eine neue Pilgerreise in Schadewaldts Welt.

Moses Mendelssohn: Ausgewählte Werke I: Schriften zur Metaphysik und Ästhetik
- Philosophische Gespräche
- Über die Empfindungen
- Pope ein Metaphysiker!
- Sendschreiben an Herrn Magister Lessing im Leipzig
- Gedanken von Wahrscheinlichkeit
- Betrachtungen über die Quellen und die Verbindungen der schönen Künste und Wissenschaften
- Betrachtungen über das Erhabene und das Naive in den schönen Wissenschaften
- Rhapsodie oder Zusätze zu den Briefen über die Empfindungen (Fassunen von 1761 und 1771)
- Abhandlung über die Evidenz in Metaphysischen Wissenschaften
- Thomas Abbt: Zweifel über die Bestimmung des Menschen / Moses Mendelssohn: Orakel, die Bestimmung des Menschen betreffend
- Phaedon oder über die Unsterblichkeit der Seele in drei Gesprächen
Die im Verlag Lambert Schneider erschienene zweibändige Studienausgabe im Schuber enthält ausgewählte Werke Mendelssohns in Orthografie und Interpunktion der Orignialausgaben. Vor jedem Text gibt es eine kurze Einführung, in der etwas zum Hintergrund des jeweiligen Textes, zu Thema und Inhalt, gegebenenfalls zum Anlass und zur Veröffentlichungsgeschichte gesagt wird. Auch das jeweilige Titelbild der Erstausgabe ist dem betreffenden Aufsatz vorangestellt. Beigefügt ist außerdem ein Personenregister. Teil I enthält Schriften zur Metaphysik und Ästhetik, Teil II Schriften zur Aufklärung und zum Judentum. Die Aufmachung ist, obwohl nur Paperback, sehr edel und ansprechend. Ich hätte mir noch einen Kommentarteil gewünscht, aber man kann nicht alles haben.
Im Urlaub las ich zunächst Teil I, der zweite Band ist fällig im nächsten Jahr. Einige der Texte kannte ich schon, vor allem die Philosophischen Gespräche und den Phaedon, der den Ruhm Mendelssohns als deutscher Sokrates mit begründete. Hochinteressant fand ich seine Auseinandersetzung mit David Hume. Diesen Aufsatz hätte ich damals im Studium gern zur Hand gehabt, als ich mich Anfang der 90er Jahre mit Humes Zweifel an der Erkennbarkeit von Kausalitäten und seiner Inthronisation der Gewohnheit herumschlug. Gefallen hat mir auch der zusammen mit Lessing verfasste Aufsatz über Pope, mit dem beide eine aus ihrer Sicht ziemlich dämliche Preisaufgabe der Berliner Akademie der Wissenschaften durch den Kakao zogen. Eine Ausgabe, in der es einiges zu entdecken gibt.

Armin Rösler: Die Nadir-Variante
Der schon sehr lange erwartete vierte Roman aus dem Argona-Universum. Erzählt wird die Geschichte des jungen Paz Nadir, der kurz nach Abschluss seiner Ausbildung in einer Raumschlacht um seinen Heimatplaneten beinahe ums Leben kommt, in einem eigentlich kaum flugfähigen Notbehelfsschiff entkommen kann und nun eigentlich zum Schlachtfeld zurück will. Er gerät jedoch in die Manöver eines Alienvolkes hinein, das sich für einen eigenartigen Baum interessiert. Seine Versuche, Hilfe für sein Volk zu finden, führen ihn schließlich mit der eigenwilligen Esre Sterndaal zusammen, der von Narben gezeichneten Tochter eines Herrschers, der ebenfalls auf der Spur der seltsamen Bäume ist. Mir hat das Wiedersehen mit dem Argona-Universum gut gefallen, das Warten hat sich gelohnt.

Dorthe Voss: Von Piraten und Meerjungfrauen
Geschichte über einen kleinen Jungen, der im Helgoland-Urlaub am Strand Kontakt mit den Meeresbewohnern bekommt. Die gefürchteten Geisterpiraten haben dem Meerkönig das Szepter gestohlen. Björn macht sich auf die abenteuerliche Reise, um es zurückzubringen. Ein Buch für sehr junge Leser, besser noch zum Vorlesen, reich bebildert.

Nadine Muriel und Stefan Cernohuby (Hrsg.): Das Dimensionstor
Geschichtenweber-Anthologie über eine Erfindung eines genialen Wissenschaftlers. Prof. Dr. Maximilian Groll hat es geschafft: Nach jahre- beziehungsweise jahrzentelanger Erfolglosigkeit, die ihn am Ende sogar seinen Platz am Institut kostetet, gelingt ihm endlich daheim in seinem privat eingerichteten Labor der Durchbruch. Er schafft es, ein Dimensionsportal zu öffnen. Begeistert schiebt er verschiedene Gegenstände durch die Öffnung, die nun in fremde Zeiten oder auch vollkommen andere Welten gelangen. Kopfschmerztabletten, ein Gebiss, ein Golfball ... Alles, was gerade zur Hand ist, wird durch die Öffnungen geschickt. Jeder der 18 Autoren hat seine je eigene Idee, was das Auftauchen eines solchen Gegenstandes im Mittelalter, auf fremden Planeten, in der zweiten Dimension oder auch während der Zombie-Apokalypse anrichten kann. Vieles ist einfach nur schräg, absurd und komisch, manches böse, vieles tödlich, der Schluss des Buchs ausgesprochen fies. Alles in allem eine hochinteressante und vielseitige Anthologie, die beim Lesen Spaß macht.

Steffen König: Die Dämonen vom Ullswater
Ein Roman, der sich wie eine klassische britische Horrorgeschichte liest - nur dass es nicht um Geister oder Ähnliches geht, sondern um Außerirdische. Ein junger Londoner Anwalt wird von einem alten Freund, den er lange Zeit nicht mehr gesehen hat, in dessen Landhaus eingeladen. Er und seine Frau beschließen, dort ihre Flitterwochen nachzuholen. Doch wenig später schickt der Freud ihm ein seltsames Kristallartefakt mit der Bitte, es von einem Fachmann analysieren zu lassen. Die Ergebnisse sind derart erschreckend, dass der Jurist beschließt, den Freund lieber ohne Begleitung seiner Frau zu besuchen. Er findet das Haus verlassen. Dann nimmt das Grauen seinen Lauf. Spannend und gut lesbar, vielleicht etwas vorhersehbar, aber ein sehr schönes, traditionelles Stück Horrorliteratur.

Homer: Ilias
Jedes Jahr im Urlaub ist auch die Wieder-Lektüre eines der großen alten Epen für mich angesagt. Diesmal habe ich also die Ilias mitgenommen, und zwar die zweisprachige Tusculum-Augabe, die ich mir im Jahr 1997 zulegte, als ich mir mal etwas Gutes gönnen wollte. Auf die Reclam-Fassung, die ich zehn Jahre zuvor gelesen hatte, will ich natürlich nichts kommen lassen. Es war ein schönes Wiedersehen mit meinen Helden Diomedes und Ajas, dem Telamoniden. Wurde echt mal wieder Zeit.

Martin Arnold: Thor. Von der Edda bis Marvel
Ich habe aus dem Verlag im vergangenen Jahr das Buch über Loki gelesen, das mich begeistert hat. Daher waren meine Erwartungen an das Thor-Buch sehr hoch. Allerdings: Das Buch ist nicht unbedingt der Hammer.
Es geht nur teilweise um eine Analyse der Thorsgestalt in der Edda und in der germanischen Mythologie, vor allem geht es um die Wirkungsgeschichte Thors nach der eddischen Zeit. Arnold arbeitet das Thor-Bild in den einzelnen skandinavischen Ländern, vor allem vor dem Hintergrund eines neu erwachenden Nationalgefühls, heraus. Er geht dann natürlich auf Wagner und den Kult germanischer Götter im nationalsozialistischen Deutschland ein und schildert die zum Teil haarsträubenden esoterischen Vorstellungen, die es damals gab, bis hin zu einer Art Yoga nach Runen. In Deutschland scheint Himmler mit seinen Versuchen, einen neuen Thorskult ins Leben zu rufen, bei den Nazi-Größen recht wenig Gehör gefunden zu haben. Seine Abhandlung schließt Arnold mit einer Schilderung des Marvel-Superhelden "Der mächtige Thor", mit dem die Geschichte des alten Donnergottes dem Verfasser zufolge nicht nur seinen Tief- sondern auch seinen Endpunkt erreicht hat.
Das ist zwar alles recht interessant, aber über weite Strecken bleibt seine Betrachtung der Neuzeit eine allgemeine Schilderung der Rolle, die die germanische Mythologie für die nationalen und nationalistischen Bewegungen der unterschiedlichen Länder gespielt hat. Sprich: Auf Thor konkret wird oft erst nach seitenweisen allgemeinen Darstellungen der politischen, sozialen und literarischen Rolle der eddischen Mythen eingegangen, oft dann nur noch mit einem kurzen Absatz. Die Betrachtung des Marvel-Thor schließlich ist in einer umfangreichen allgemeinen Betrachtung zum Superhelden-Comic untergebracht, fast hat der gute alte Superman mehr Anteil in diesem Kapitel als der Gott, über den ich eigentlich etwas wissen wollte. Auch sein Vergleich zwischen Edda- und Marvel-Thor ist recht oberflächlich. Er erwähnt die andere Haarfarbe, und den Umstand, dass bei Marvel ursprünglich Thors Ehefrau Sif gar nicht vorkam und der Ase eine Liebschaft mit einer Sterblichen hatte, außerdem werden der eher schlichte, bäuerliche Charakter des eddischen Thors und das mehr "heroische" Wesen des Marvel-Helden gegenübergestellt. Aber wieso sind dem Autor zum Beispiel die vollkommen anderen Familienverhältnise entgangen? Dass Thor und Loki beispielsweise in der Comicversion Brüder sind, die um die Gunst des Götterkönigs konkurrieren, hätte doch eher erwähnt werden müssen als das Fehlen Sifs. Dass Arnold Comics nicht liebt und sie für pfuibäh hält, nun gut, es gab solche Meinungen in den 70ern und 80ern noch bei älteren Leuten, aber ein wenig mehr Offenheit für die Ästhetik einer etablierten Kunstform hätte man im 21. Jahrhundert schon erwarten können. Das Ganze nur auf Pop-Ikone und Konsumgesellschaft reduzieren zu wollen, ist doch etwas oberflächlich. Und einen "Endpunkt" zu diagnostizieren? Das ist nicht wissenschaftlich, sondern Kaffeesatzleserei. Auch hätte ich anlässlich der Diskussion um Thor in der Comicwelt zumindest eine Bemerkung über den Thor der dänischen "Walhalla"-Serie erwartet.
Nun gut. Bleibt als positiv festzuhalten, dass das Buch eine gute Übersicht über das Entstehen und Erstarken eines nationalen Selbstbewusstseins und die Rolle der Mythologie dabei sehr deutlich herausarbeitet. Auch die Schilderung der unterschiedlichen Wege, die die Länder genommen haben, ist gelungen und überzeugend. Nur ist das keine Untersuchung über Thor, sondern eine Abhandlung über die Rolle der Edda und der germanischen Mythologie für die nationalen Bewegungen in diversen europäischen Ländern. Fazit: Ein Buch, aus dem ich durchaus eine Menge gelernt habe. Nur nicht so viel über Thor.


Dezember

Miriam Rademacher: Talisman II

Christine Fehér: Weil ich so bin
Ist er eigentlich Jonas oder ist sie doch eher Joana? Als die Eltern sich nach der Geburt fragen, ob sie nun eigentlich einen Jungen oder ein Mädchen bekommen haben, sagt der Arzt etwas von "Pais-Syndrom". Jonas ist ein Zwitter, wächst auf mit weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmalen, er ist beides und irgendwo dazwischen ... In der Pubertät sieht er wie ein Junge aus, aber machmal hat er das Bedürfnis, geschminkt zum Unterricht zu gehen, Ohrringe oder einen Rock zu tragen. Ein "Problembuch", eine klassische Schullektüre, vielleicht, aber ganz und gar nicht pädagogisch und mit erhobenem Zeigefinger. Es geht nicht um leidende Minderheiten und deren Schutz. Jonas ist recht selbstbewusst dabei, geht mit seinem Anderssein sehr bewusst um, und sein Umfeld steht zu ihm. Sein Vater und dessen Lebensgefährtin sind liebevolle und unterstützende, aber nicht überbetreuende Eltern. Die meisten Klassenkameraden kommen prima mit ihm klar, die Mädchen mögen "ihn", und auch die Jungen können mit seinem Anderssein umgehen - abgesehen von Marco, der unbedingt als harter Kerl dastehen möchte und Jonas als Schwuchtel verspottet. Aber Jonas geht seinen Weg mit wohltuender Selbstverständlichkeit, und er findet sogar seine große Liebe ...

Helmut Höfling: Petras Abenteuer mit Hunden
Kinderbuch aus den 80ern, das mir eine Freundin zu Weihnachten geschenkt hat. Eine Petra, die Hunde liebt, da war wohl klar, wer das lesen musste. Es ist bereits der zweite Teil von Petras Hundegeschichten, im ersten Teil hatte die kynophobe Katzenfreundin gelernt, Hunde zu lieben. Nun ist sie als Boxersitterin unterwegs, als sie zufüllig in einen Banküberfall hineingerät - und das kluge Tier ist der Held des Tages, weil es die Täter aufspürt. Schließlich kann Petra endlich einen eigenen Hund bekommen, als sie das Vertrauen eines streunenden Hundes gewinnt, dessen Besitzer verstorben ist. Dann wird noch die Geschichte eines Feuerwerhundes erzählt, der bei einer Übeschwemmung ein Baby aus den Fluten rettet. Hunde sind schon was Feines ...


Weitere Jahresrückblicke:
Teil I: Januar bis März 2017
Teil II: April bis Juni 2017
Teil III: Juli bis September 2017


© Petra Hartmann


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Jahresrückblick III: Juli bis September 2017

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 30 December 2017 · 714 Aufrufe
Jahresrückblick
Ein ungewöhliches Lesequartal ... In den Monaten Juli bis September 2017 war ich beruflich sehr stark eingespannt und habe relativ wenig gelesen. Und wenn ich jetzt so auf die Titel schaue: Musik, Snooker, Luftfahrtpioniere - was für ein atypischer Lesestoff für meine Verhältnisse. ;-) Nun ja, schaut einfach mal rein, vielleicht ist ja etwas für euch dabei.

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

Juli

Björn Kuhligk: Die Sprache von Gibraltar

Jens Malte Fischer: Carlos Kleiber - der skrupulöse Exzentriker
Eines von zwei Büchern über den Ausnahmedirigenten, die ich dieses Jahr gelesen habe. Und beide sind sehr unterschiedlich.
Carlos Kleiber ... Ja, wie fasst man das Phänomen eigentlich in Worte? Magie ist vermutlich das richtige Wort dafür. Große, heilige Magie. Mich hat der Meister vor etwas über zehn Jahren gepackt, völlig unerwartet. Und einen so unmusikalischen Menschen wie mich so vollständig umzuhauen, das will schon etwas heißen. Eigentlich bin ich mehr zufällig an ihn geraten. Beim Herumstöbern im Beethoven-Regal bei Schmorl und von Seefeld in Hannover. Da hatte ich plötzlich diese CD mit Beethovens Vierter in der Hand. Carlos Kleiber und das Bayerische Staatsorchester, 3. Mai 1982. Die Vierte. Die hatte ich bis dahin eigentlich gar nicht so recht wahrgenommen. Halt ein kurzes Luftholen zwischen der Eroica und der großen Schicksalssinfonie. Wenige Leute wissen sie wohl zu würdigen. Und ich weiß bis heute nicht, warum ich die CD mitgenommen habe. Kein vernünftiger Mensch kauft sich die Vierte. Erst recht nicht, wenn er alle neun als Komplettpaket von Leonard Bernstein und den Wiener Philharmonikern im Regal stehen hat. Was mich bewogen hat, sie mitzunehmen, weiß ich echt nicht. SIe muss nach mir gerufen haben. Auf dem Weg zur Kasse war ich mir immer noch unsicher, ob ich sie überhaupt haben wollte, und beim Rausgehen habe ich überlegt, ob ich sie nicht doch lieber zurückgeben sollte. Ich legte sie dann auf meinen Stapel ungehörter CDs, und irgendwann, ein paar Tage später, als ich etwas Ruhe im Haus hatte, schob ich sie, immer noch lustlos, in den CD-Player. Boah! Unfassbar. Ich habe vor diesem Stereoturm gekniet und die Lautsprecher mit den Augen verschlungen. Ich dachte nur immer: Ja! Das ist Beethoven. Später wurde mir dann klar: Nein, das ist Kleiber. Und irgendwann kapiert man: Doch, das ist doch Beethoven. Aber ein Beethoven, wie ihn nur Kleiber aus Beethoven herausholen konnte.
Ähm, ja, okay, wieder zurück auf den Teppich und zum Buch. Ich hatte eigentlich nach etwas ganz anderem gegoogelt, als mir eine Rezension dieses Büchleins als "Beifang" mit in mein Suchnetz gespült wurde. Da musste ich einfach zugreifen. Und habe es nicht bereut.
Es ist nicht eigentlich eine Biographie, eher ein kurzer Essay, zwei Jahre nach Kleibers Tod erschienen. Das Büchlein ist dünn. Der rund 50-seitigen Skizze folgt ein Verzeichnis der Aufnahmen Kleibers, sodass es insgesamt einen Umfang von 92 Seiten hat. Aber dieses schmale Bändchen triifft einfach. Wie eine Bleistiftskizze eines guten Zeichners oft Wesen und Charakter eines Menschen besser herausarbeitet und ihm ähnlicher sieht als manche Fotografie, hat dieses Werk wesentlich mehr Kleiber eingefangen als die dicke, detailreiche Biografie, die ich im Monat danach gelesen habe. Als ich das Büchlein las, wusste ich wieder ganz genau, warum ich damals vor dem Stereoturm gekniet habe ...

Günter von Lonski: Mut verleiht Flügel

Paul W. Bierbaum: Im Aeroplan über die Alpen
Neuauflage eines historischen Berichts über einen Flugwettbewerb aus dem Jahr 1910. Flugpioniere aus aller Welt treffen sich im schweizerischen Brig zu einem Wettbewerb: Wer schafft es, als erster die Alpen zu überfliegen? Die Strecke führt über den Simplon-Pass nach Domodossola in Italien. Ein Ereignis, das von der internationalen Presse mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wird, und die Augen der Welt ruhen auf dem kleinen Brig. Vor allem ein Peruaner steht im Mittelpunkt des Interesses: Jorge "Geo" Chavez, ehrgeizig, etwas eitel und ein extrem guter Flieger. Chavez ist ein Pilot - damals sagte man: Aviatiker - mit Leib und Seele. Als Sohn eines Millionärs hätte er auch die Füße hochlegen und ein Luxusleben genießen können, aber er widmet sich lieber der Aviatik, stellt mehrere Rekorde auf und will nun als Pionier der Erstüberflieger der Alpen werden. Mehrfach werden die Starts verschoben, Meteorologen geben immer wieder Unwetterwarnungen heraus. Mal sind die Flieger wütend auf die Organisatoren und boykottieren die Schauflüge für das Publikum, mal ist das Publikum wütend, weil zur versprochenen Zeit noch immer keiner nach Italien aufgebrochen ist ... Am 23. September 1910 hat Chavez die Nase voll vom Warten. Er startet, überfliegt das Gebirge, schafft es bis Domodossola - doch im Landeanflug, als die Menge unter ihm schon jubelt, passiert es: Chavez' Flugzeug stürzt ab, er selbst wird schwer verletzt und stirbt vier Tage später.
"Im Aeroplan über die Alpen" ist ein Originbalbericht aus dieser Zeit. Sprache und Aufbau des Berichts sind demnach auch etwas altertümlich und nicht auf heutige Lesegewohnheiten zugeschnitten. Der Leser muss sich schon etwas einlassen auf den Stil des Verfassers. Es ist kein Roman und auch keine Chavez-Biographie, sondern eine Darstellung des Projekts "Simplonfug", der Organisation, der Verhältnisse am Boden, der unterschiedlichen Interessen und Fliegerpersönlichkeiten und ihrer Maschinen, man erhält gewissermaßen Kamerafahrten über das Gelände der Flugshow mit Schwenk über des Publikum, dazu Wetterinformationen, ein bisschen Heldenverehrung und einen Blick zurück in die Zeit, in der ein Blériot XI Eindecker die Verkörperung der Zukunft war. Wer Freude an einer Reise in die Welt der tollkühnen Männer und ihrer fliegenden Kisten hat, wird hier voll auf seine Kosten kommen.
Das Besondere dieser Neu-Ausgabe ist zweifellos das Cover. Denn statt eines historischen Fotos einer Flugmaschine oder eines Chavez-Porträts sieht man hier eine comicartige Darstellung des Flugzeugs, einem historischen Bild entnommen, aber verfremdet, sodass das Ganze wie ein Jugendbuch daherkommt. Und das hat durchaus seine Ursache, denn das Buch ist zeitgleich und sozusagen als Begleitbuch zu Günter von Lonskis Jugendbuch "Mut verleiht Flügel" erschienen. In dem Jugend-Abenteuer spielt Chavez eine bedeutende Rolle als Mentor und imaginärer Freund eines jungen Außenseiters, der ausgerechnet dieses Buch über Chavez' Simplonflug als Kraftquelle für sich entdeckt. Die Gestaltung beider Titelbilder macht schnell klar, dass die Bücher zusammengehören. Ein echter Hingucker.



August

Alexander Werner: Carlos Kleiber. Eine Biographie
Ein ziemlich umfangreiches, detailreiches Werk über Carlos Kleiber. Für den Wissenschaftler und jeden, der sich intensiver mit dem Dirigenten befassen möchte, allein schon wegen des sorgfältig und reichlich zusammengetragenen Quellenmaterials ein unverzichtbares Buch. Wahrscheinlich gibt es kein Programmheft, keine Konzertkritik und keine irgendwie zugängliche Bogenstrich-Notiz Kleibers, die Alexander Werner nicht kennt und akribisch ausgewertet hat. Keine Anekdote, keine gehässige oder bewundernde Äußerung von Musikern oder Musikfunktionären scheint ihm entgangen zu sein. Insofern ist jeder, der auf der Suche nach einer bestimmten Einzelheit aus Kleibers Leben und Wirken ist, gut beraten, in diesem Buch nachzuschaun. Wenn sie hier nicht zu finden ist, dann nirgends. Soviel zum Guten.
Was weniger gelungen ist: Es gibt keine Struktur, keinen Spannungsbogen, da wird keine Linie herausgearbeitet, diese 768 Seiten sind ein einziges "unddannunddannunddann". Werner arbeitet sorgsam und präzise jede einzelne Inszenierung, jedes Dirigat ab. Eines nach dem anderen, jedes penibel und akribisch. So kommt es, dass man schnell das Gefühl hat: Das kenne ich schon. Fast jedes Kapitel ist gleich aufgebaut: Kleiber wird irgendwie überzeugt oder geködert und erklärt sich bereit, ein Stück einzustudieren. Er schockiert die Musiker mit seinen hohen Anforderungen, hat ungewöhnliche Wünsche, Selbstzweifel, es gibt Konflikte, die keiner erwartet, und entweder es knallt dann, und er wirft alles hin, oder es klappt, die Aufführung wird zu einem Riesenerfolg, Musiker, Publikum und Presse schweben dreißig Zentimeter über dem Erdboden und sind sich bewusst, etwas Großartigem, Heiligen begegnet zu sein ... Man kann jedes Kapitel einzeln lesen und genießen, aber wer das Buch von Anfang bis Ende durchliest, ermüdet schnell. Ja, das Buch ist eine gute Arbeit, und man kann gut damit arbeiten. Aber aus dem kleinen Essay von Jens Malte Fischer, den ich im Monat zuvor gelesen habe, steigt einfach mehr Kleiber-Feeling auf ...

Thorgal 35: Scharlachrot

Ronnie O'Sullivan: Running
Autobiografie des größten Genies, das jemals einen Snookertisch abgeräumt hat. Was habe ich mit meiner Mutter zusammen an der Mattscheibe geklebt und wie hypnotisiert zugeschaut. Im Ohr die ruhige, gelassen erklärende Stimme von Rolf Kalb: "Schwarz kann er nicht spielen, Pink auch nicht ..." Ronnie O'Sullivan bekommt das Flackern im Auge, geht um den Tisch, nimmt gar nicht erst Maß, stößt zu, und zack ist die Schwarze versenkt ... Jetzt also seine Autobiografie. Ja, man merkt, dass die selbst geschrieben ist. Klingt absolut nicht so, als helfe da ein brillanter, eingekaufter Stilist im Hintergrund. O'Sullivan schreibt einfach und schlicht, er ist kein gelernter Erzähler, insofern kingt es stellenweise etwas eckig und hakt, dafür eben authentisch und direkt. Und der Titel "Running" ist genau so gemeint: Was ihn bei Drogen-Exzessen, Familien-Katastrophen und psychischen Abstürzen immer wieder stabilisiert und auf Kurs gebracht hat, war eben das Laufen. Fast geht es mehr um das Laufen als um Snooker, und auch die Einteilung des Buches bilden Laufstrecken und Zeiten. Schon ein sehr interessantes Buch.

Hugo von Hofmannsthal: Jedermann
Geschichte eines reichen Mannes, den der Tod abholen will. Jedermann erwirkt einen Aufschub, um einen Menschen zu suchen, der mit ihm gehen will. Ein Theaterstück in der Tradition mittelalterlicher Mysterienspiele, die Homannsthal im Tonfall auch sehr gut trifft. Eine Hamburger-Lesehefte-Ausgabe. Enthält außerdem die frühe Fassung vom 1905, das alte Spiel von Jedermann, das Spiel vor der Menge, ein Nachwort mit Infos zu Stoffgeschichte und Autor, eine Zeittafel und einen Zeilenkommentar. Also recht gut ausgestattet.


September

Aileen P. Roberts: Feenfeuer

Jens Schumacher: Der Hügel von Yhth

Die Welten von Thorgal: Lupine - Die Königin der Schwarzelfen

Jugurtha: Gesamtausgabe 2
- Der Kampf um die sieben Hügel
- Die Wölfe der Steppe
- Die große Mauer
- Der Rote Prinz
Die Serie hat seit Teil 3 nichts mehr zu tun mit dem historischen Jugurtha. Das muss man akzeptieren, wenn man weiterlesen und Spaß daran haben will. Also, weg mit dem Purismus. Jugurtha ist zunächst weiterhin an der Seite derjenigen, die gegen Rom kämpfen. Allerdings ist aus dem einst von Hass verzehrten Kämpfer ein nachdenklicher Mann geworden, der sich nach Frieden sehnt. Als er mit seinem Heer vor den Toren Roms lagert, verbringt er eine Nacht damit zu überlegen, ob er die Stadt wirklich zerstören soll. Gefallen hat mir, als ich die Geschichten in der Carlsen-Ausgabe erstmals las, am besten das Zusammentreffen zwischen Mithridates und Jugurtha. Die beiden gehörten für mich sowieso eng zusammen. Im Comic aber sind sie zwei sehr unterschiedliche Charaktere, und der pontische König ist ziemlich unsympathisch. Danach verlässt die Story mehr und mehr den Bereich der römischen Historie. Es geht durch die Steppe und nach China. Bis dahin hatte ich die Carlsen-Ausgaben gelesen. Neu war für mich das Abenteuer "Der Rote Prinz", ein übler Kerl, der in der Gegend von Malaysia, Sumatra und Borneo seine Schreckensherrschaft ausübt. Also sehr weit weg vom ursprünglichen Aktionsgebiet des numidischen Prinzen. Nicht unbedingt schlecht, aber vom Hocker gerissen hat es mich auch nicht.

Eva-Maria Thimme (Hg.): Moses Mendelssohn. Freunde, Feinde & Familie.
Keine Abhandlung, sondern eine Art Katalog zur Ausstellung, allerdings ein nachgereichter. Denn als die Ausstellung "Moses Mendelssohn. Freunde, Feinde und Familie" 2012 im Centrum Judaicum in Berlin eröffnet wurde, gab es noch kein Begleitbuch, es erschien erst 2014, ein Jahr nach Ende der Ausstellung. Das Buch enthält Fotos der Ausstellungsstücke und die Beschreibungen dazu, sowie einige lesenswerte Aufsätze. Gut, dass es doch noch herauskam.

Jan-Eike Hornauer (Hrsg.): Wenn Liebe schwant

Scholem Alejchem: Tewje, der Milchmann
Ein Buch, das ich schon lange auf meiner To-do-Liste habe. Jetzt habe ich es endlich geschafft, mir die Vorlage für "Anatevka" anzuschaun. Sieht doch etwas anders aus. Die Geschichte eines jüdischen Milchmanns, der versucht, seine Töchter an gute Ehemänner zu verheiraten. Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt, und jede Ehe, die der Schadchen stiftet oder die die jungen Leute unter sich ausmachen, wird übler als die vorherige. Heiter, traurig, klug, weise und ein bisschen augenzwinkernd, und am Ende sogar lebensbedrohlich für den guten Tewje.


Weitere Jahresrückblicke:
Teil I: Januar bis März 2017
Teil II: April bis Juni 2017
Teil IV: Oktober bis Dezember 2017


© Petra Hartmann


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Jahresrückblick II: April bis Juni 2017

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 29 December 2017 · 696 Aufrufe
Jahresrückblick
Hier der zweite Teil meines Jahresrückblicks auf die Lese- und Hörfrüchte 2017. Mythologie, Fantasy, SF sind dabei, etwas Indianisches, etwas Mittelalterliches und einige Erinnerungen an den Lateinunterricht. Viel Spaß beim Lesen und Stöbern!

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


April

Mythen der Cherokee: Der Aufstand der vierfüßigen Völker und die Eulenspiegeleien von Tricksterhase
Umfangreiche Sammlung von Mythen und Erzählungen. Man erfährt etwas von der Entstehung der Welt und davon wie die Spinne den Menschen das Feuer brachte, hört von der Jagd, vom Mais und vom Taback, von Krankheit und Heilung oder von der Sonne und ihrer Tochter, von Mond und Sternen. Sehr viele Ursprungssagen. Manche Geschichten sind in mehreren Versionen aufgezeichnet, zum Teil gibt es schon Vergleiche, Reflexionen und Interpretationen der Geschichten. Sehr schön sind die Sagen, in denen über Tiere berichtet wird. Die Abenteuer und Winkelzüge des Tricksterhasen sind recht pfiffig, manche davon kannte ich allerdings schon aus anderen Zusammenhängen.

Georg Oswald Cott: Eine Hand freihalten. Gedichte
Ein Lyrikband, der mehr oder weniger zufällig bei mir gelandet ist. Eine Bekannte hatte mitbekommen, dass ich mich für Gedichte interessiere, und da hieß es: "Da hab ich was für dich."
Ein schmales, nur 40 Seiten umfassendes Büchlein, das innen viel größer als außen ist. Viele Augenblicksaufnahmen, die zwar nicht in der Länge, wohl aber im Tonfall und beim Einatmen des Gedichts an Haikus erinnern. Naturschilderungen ohne überzogenes Pathos, sehr ruhig und gelassen im Ton. Ein Dichter, der offenbar angekommen ist und schon lange weiß, wer er ist. Ein gutes Gefühl beim Lesen.

Holger M. Pohl: Arkland I - Aufbruch ins Gestern
Fantasy-Roman über zwei sehr unterschiedliche Männer, die auf der Suche nach Antworten sind. Es geht um eine Welt, in der vor Urzeiten ein Krieg getobt hatte, in dessen Folge die damaligen Herrscher, die weißen Könige, vertrieben wurden. Nun ist das Land in zwei sehr unterschiedliche Bereiche geteilt, das schmale Westküstenland und das große, wilde Ödland, das man Arkland nennt. Die beiden Helden, die sich auf ihren jeweils eigenen Weg machen, sind sehr unterschiedlich. Der eine stammt aus der privilegierten Oberschicht einer ehemaligen Stadtburg der weißen Könige und wird wegen seiner Forschungen verbannt. Ein Risiko, das er selbst sehr bewusst auf sich nimmt, da er eine Bedrohung ahnt, die seiner Welt bevorsteht. Nun verlässt er die Burg und macht sich auf eine Reise ins Arkland. Der andere ist ein Krieger, der zunächst einmal auf der Suche nach seiner eigenen Herkunft ist. Denn nach jeder Schlacht stellt er fest, dass er wieder Teile seines Lebens vergessen hat. Offenbar ist er viel älter als gedacht. Ein "Krieger der Welt" ist er, als lebende Kampfmaschine und Supersöldner geschaffen ... Der Roman stellt zwar das Kampftalent dieses Helden überzeugend dar, ist jedoch alles andere als ein Abenteuer, das auf Action und Blut setzt. Der Schwerpunkt liegt vielmehr auf der Ausgestaltung der Welt und ihrer Geschichte sowie auf den Charakteren. Ein angenehmer und leicht zu lesender Satzbau kommt hinzu. Also ein durchaus gelungener Roman, dessen zweiten Teil ich mir wohl demnächst mal anschaffen werde.

Walter Farley: The black stallion's filly
Als Kind war ich ein großer Fan der "Blitz"-Bücher von Walter Farley. Später habe ich auch die Fortsetzung der Serie gelesen, die sein Sohn Steven geschrieben hat, fand sie aber deutlich schwächer. Klar, dass ich irgendwann darauf aufmerksam wurde, dass es auch eine Geschiche über Black Minx gibt. Die superschnelle Rennstute, eine Tochter des schwarzen Hengstes, spielte eine Rolle im Buch "Blitz legt los". Dies hier ist die Vorgeschichte dazu, die, so weit ich sehe, nie auf Deutsch erschienen ist. Alec und Henry erwerben die erste Tochter des schwarzen Hengstes, die zu Beginn seiner Karriere als Deckhengst gezeugt, von den Besitzern ihrer Mutter und von den Jockeys aber offenbar nicht ordentlich behandelt wurde. Das temperamentvolle Stutfohlen neigt zu Angstausbrüchen und auch zu Eigenwilligkeiten. Und Black Minx leidet darunter, dass ihr Schwanz bei einem Unfall in Mitleidenschaft gezogen wurde. Eitles kleines Mädchen. Als Alec auf die Idee kommt, ihr eine Art Perücke aus Schweifhaaren anderer Pferde zu basteln, sorgt das bei den anderen Jockeys für Kopfschütteln und Gelächter. Das Lachen bleibt den Jungs aber dann im Halse stecken, als die schwarze Stute das komplette Feld der jungen Hengste hinter sich lässt und als erste durchs Ziel prescht.

Hans-Jürgen Fischer: Sandros Strafe
Ein Roman meines Vereinskollegen Hans-Jürgen Fischer, entstanden aus Erfahrungen heraus, die der Autor bei seiner Arbeit als Jugendgerichtshelfer macht. Sandro ist ein Jugendlicher, der "durchs Raster gerutscht" ist, in der Schule lief vieles schief, in der Familie auch, dann geriet er auf die schiefe Bahn. Schließlich nimmt er Rache und tötet als Amokläufer zahlreiche Lehrer und Mitschüler. Nur sein Plan, sich am Ende selbst zu töten, geht schief. Nun liegt er, vom Hals abwärts gelähmt, im Krankenhaus ... Einzig der Mann von der Jugendgerichtshilfe interessiert sich für Sandros Beweggründe. Er arbeitet nach und nach Sandros Lebensgeschichte auf und sucht nach den Ursachen der Bluttat.
Ich habe diesen Roman als Vorbereitung auf eine Radiosendung gelesen, die ich für Radio Tonkuhle mit dem Autor gemacht habe. Die Sendung könnt ihr hier nachhören.


Waltharius Lateinisch/Deutsch (Reclam)
Ein altes Epos aus dem Umfeld der Nibelungensage. Ich wollte es mir schon lange einmal durchlesen, war aber immer zu dumm, es im Reclamverzeichnis zu finden, weil ich es unter "Mittelhochdeutsch" gesucht habe. Wieder was gelernt: Der Waltharius ist auf Latein geschrieben.
Es handelt sich um ein Abenteuer aus der Jugendzeit Hagens von Tronje. Er ist zusammen mit einem anderen jungen Adeligen, eben dem Titelhelden Waltharius, und einer jungen edlen Frau namens Hildegunde als Geisel an den Hof des Hunnenkönigs Etzel gelangt und wächst hier auf. Waltharius und Hagen werden gute Freunde, und zwischen Hildegunde und Waltharius entspinnt sich eine Liebesgeschichte. Eines Tages kann Hagen flüchten. Er wird später ein Gefolgsmann des aus dem Nibelungenlied bekannten Königs Gunther. Auch Waltharius und Hildegunde flüchten eines Tages aus dem Hunnenland und wollen nach Hause. Sie führen auch reiche Schätze mit sich. Als sie eines Tages in König Gunthers Land geraten und einen Fährmann für das Übersetzen über einen Fluss mit einem exotischen Fisch aus dem Hunnenland bezahlen, ist das Erstaunen über dieses fremdartige Tier groß. Der exquisite Leckerbissen wird sofort in die königliche Küche transportiert. Hier erkennt ihn Hagen dank seiner Jugenerinnerungen sofort als hunnischen Fisch und schließt messerscharf: Dann muss das Waltharius sein, der eben an der Fähre war. König Gunther will nun unbedingt die sagenhaften Schätze aus dem Hunnenland haben, die der Fremde mit sich führt. Hagen rät ab, da Waltharius a) sein Freund ist und b) ein so toller Krieger, dass er sämtliche Ritter Gunthers ohne Probleme niedermachen kann. Aber Gunther besteht darauf, Waltharius seine Schätze abzunehmen und reitet ihm mit großem Heeraufgebot nach. Es kommt zur bewaffneten Auseinandersetzung, wobei Waltharius dank der geographischen Begebenheiten die Möglichkeit hat, seine Gegner jeweils einen nach dem anderen töten zu können: Er steht in einer "hohlen Gasse", duch die die Krieger Gunthers nur nacheinander hindurch schreiten können. Waltharius besiegt, ohne Ermüdungserscheinungen zu zeigen, sämtliche Ritter Gunthers. Schließlich sind nur noch Gunther und Hagen am Leben. Hagen will noch immer nicht gegen den ehemaligen Freund kämpfen. Doch die Gefolgschaftstreue, die er dem König geschworen hat, wiegt schließlich schwerer als die Freundschaft. Beide greifen Waltharius, nachdem sie ihn auf offeneres Gelände gelockt haben, gemeinsam an. Aber sie müssen einen hohen Blutzoll entrichten. Am Ende sind alle drei fast tot: Hagen fehlt ein Auge, Gunther ein Bein, Waltharius die rechte Hand. Das bringt die drei Helden wieder zur Vernunft, sie vertragen sich, blödeln sogar ein wenig herum und spotten über ihre gegenseitigen Verletzungen, während Hildegunde die Wundsen versorgt.
Die Geschichte ist nicht ganz unwichtig für das Verständnis des Nibelungenliedes. Hier wird dem guten Hagen einmal kurz und vorwurfsvoll sein jugendlicher Verrat an dem guten Freund am "Vasgenstein" vorgehalten. Wenn ihr mal in die Episode mit der zweiten Schildgabe Rüdigers an Hagen hineinschaut, wird euch vielleicht die Parallele beziehungsweise die gespiegelte Situation dort auffallen. Hagen bittet dort Rüdiger um einen neuen Schild, da ihm der alte zerhauen worden ist. Das wirkt auf heutige Leser etwas skurril. Immerhin liegen doch sicher genug Schilde auf dem Schlachteld herum. Und ausgerechnedt Rüdiger, der ehemalige Freund, ist ja Lehnsmann des Hunnenkönigs und gekommen, um Gunther, Hagen und die anderen Burgunder zu töten. Rüdiger und Hagen erneuern hier auf dem Schlachtfeld bzw. im Saal ein schon einmal durchgeführtes Ritual, mit dem sie sich gegenseitig verpflichtet und einen Freundschaftsbund geschlossen haben. Gunther schaut zu und gibt gewissermaßen seinen Segen dazu, dass sein bester Mann Hagen in dieser kritischen Situation einen Nichtangriffspakt mit dem todgefährlichen ehemaligen Freund Rüdiger schließt. Und während Rüdiger danach wie ein pflügender Stier durch die Reihen der Burgunder zieht und einen Helden nach dem anderen erschlägt, bleibt der einzige, der ihn hätte aufhalten können, tatenlos, weil er das Freundschaftsbündnis mit ihm erneuert hat. Einmal hatte Hagen Gefolgschaftstreue über Freundschaft gestellt und seinen Freund Walther angegriffen. Diesmal ist es anders herum: Hagen, die sprichwörtliche, Gestalt gewordene Gefolgschaftstreue, stellt in diesem Augenblick Freundschaft über Treue. Und alle um ihn herum stimmen ihm zu. Gewissermaßen ein bewusster ethischer Akt, der hier in der Schlacht gesetzt wird. Also, wie gesagt, wenn man an dieser Stelle den Waltharius im Hinterkopf hat, wird das Kampfgeschehen sehr vielschichtig ...

Gilbert L. Wilson: Waheenee. Ein Indianermädchen erzählt
Bei dem Buch handelt es sich um den Lebensbericht einer Hidatsa-Indianerin, die im Jahr 1839 geboren wurde. Gilbert L. Wilson, der Verfasser, hat lange bei den Hidatsa gelebt und ihre Geschichten aufgezeichnet, hierbei war Waheenee einer seiner wichtigesten Gesprächspartner. Sie berichtet von ihrer Kindheit und Jugend, von ihren Ehen und vom Leben und Sterben ihrer Stammesmitglieder. Dabei erfährt man auch sehr viel über Alltagskultur, Kinderspiele und Bräuche. Waheennee berichtet unter anderem von ihrer Erziehung und den Arbeiten der Fauen, aber auch davon, wie sie ihren ersten Hund abrichtete und ihm beibrachte, den Travois, den Zugschlitten zu schleppen. Ein sehr interessantes, authentisches Lebenszeugnis, das nun dankenswerterweise erneut und in einer sehr schönen Ausgabe erhältlich ist. Sehr schön auch die zahlreichen historischen Illustrationen von Frederick N. Wilson, dem Bruder des Verfassers.

Gustav Kühne: Klosternovellen
Der zweite große Roman Gustav Kühnes, den ich dieses Jahr wieder gelesen habe. Das erste Mal las ich ihn Anfang der 90er Jahre im Lesesaal der Landesbiobliothek in Hannover. Jetzt also ein Nachdruck. Es ist ein historischer Roman und gewissermaßen eine Antwort Kühnes auf die kurz zuvor erschienene "Madonna" seines Freundes Theodor Mundt. Eine Sterbende hinterlässt zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, die sie einem Priester anvertraut. Beide werden in Klostern erzogen, wobei der Junge, Raoul, Mittel und Wege findet, seine Schwester zu besuchen. Zwischen den beiden entspinnt sich bald mehr als geschwisterliche Zuneigung. Wobei immer wieder angedeutet wird, dass beide möglicherweise gar keine Geschwister sind. Das Buch ist reich an theologischen und philosophischen Betrachtungen, eben typisch jungdeutsch. Unter anderem gibt es eine sehr eindrucklsvolle Diskussion um das Beichtgeheimnis, als ein Mann ein Attentat auf den König verübt, der zuvor bei Raoul gebeichtet hat. Raoul gerät zwischen die Fronten und bekommt schließlich furchtbaren Ärger mit seinen Kirchenoberen, als er sagt, ein solches Verbechen sei so schändlich, er würde es sofort den Behörden melden, wenn ihm jemand in der Beichte Pläne für einen Königsmord offenbaren würde. Insgesamt eine interessante, gedankenreiche Geschichte, aber ziemlich verschlungen und für heutige Leser nicht unbedimgt leichte Kost.


Hörbuch

Theodor Fontane: Effi Briest
Gelesen von Gert Westphal, von wem auch sonst? Den Roman hatte ich irgendwann Ende der 80er zu, ersten Mal gelesen, glaube ich. Ich hatte auch mal den Film gesehen und erinnere mich düster an den tatsächlich sehr unheimlichen Chinesen. Und irgendwann hatte ich mal eine Diskussion mit Mitschülern darüber, wo und wann denn nun der Seitensprung eigentlich stattgefunden hat. Tja, da war diese Stelle, an der gesagt wurde, dass sie ihr Dienstmädchen weggeschickt hat. Und eine Frau, die ihr Dienstmädchen wegschickt, das war für Fontane und die Leser seiner Zeit absolut klar, kann dann nur eines tun ... War schon irgendwie eine kranke Zeit. Westphal ist natürlich wieder ein Genuss. Einfach genau die Stimme und Vortragsart, die man für diese Romane braucht. Nur bei dem viermaligen "O gewiss, wenn ich darf" habe ich etwas gestutzt. Er hat eine sehr ungewöhnliche, beinahe tonlose Art, das auszusprechen. Ganz anders als die Piepsstimme im Film, die ich bis dahin im Ohr hatte. Vielleicht hat er recht. Jedenfalls eine sehr gute Lesung.

Jan Szaif: Platon. Eine kurze Einführung
Erwin Sonderegger: Aristoteles. Eine kurze Einführung
Die beiden CDs habe ich vor einigen Jahren, vermutlich Mitte der Nuller Jahre erstmals gehört und nun beim Durchstöbern meiner alten Sachen wiederentdeckt. Die Platon-CD ist ganz okay, die Aristoteles-CD aber definitiv zu kompliziert, die Inhalte sind einfach zu komplex für den Hörkanal. Gerade für die metaphysischen Sachen von Aristoteles ist es ist doch besser, eine Printausgabe zu Rate zu ziehen. Und das sage ich nicht als komplett Ahnungsloser, ich halte mich für recht kompetent in Aristoteles-Fragen. Aber ich halte den Blick auf die Schrift für einprägsamer.

Jan Tenner Classics 5: Gefährliche Insel
Das Super-Serum erfährt eine neue Modifikation: Man kann damit nun unter Wasser atmen. Jan und Laura tauchen zu einer gut bewachten Insel, auf der ein verrückter General herrscht, und suchen nach einem verschollenen U-Boot. Spannend, wenn auch etwas überzogen.


Mai

Thomas Paulsen: Geschichte der griechischen Literatur (Reclam)
Gute und hilfreiche Übersicht in bewährter Reclam-Qualität. Schön, dass es nicht nur um die klassische Epoche geht, sondern auch um die Dichtung des Hellenismus und der Kaiserzeit. Es gibt viel zu entdecken. Für mich war zum Beispiel die "Ilias Lipogrammatos" von Nestor von Laranda so eine Entdeckung. Lipogramme sind literarische Werke, in denen ein bestimmter Buchstabe weggelassen wird. Bekanntestes Beispiel in unserer Zeit ist wohl "Anton Voyls Fortgang", der Roman, in dem kein einziges E vorkommt. Nestor jedenfalls, der im 3. nachchristlichen Jahrhundert lebte, ließ in jedem Kapitel seiner ilias einen anderen der 24 griechischen Buchstaben weg. Okay, absolute Randnotiz, aber ich bin immer wieder fasziniert von den Autoren gerade der Kaiserzeit. Die Klassiker hat man ja sowieso drauf.

Ulla Berkéwicz: Adam
Roman über eine Schauspielerin, die Liebe, Theater und diesen furchtbaren eisernen Theatervorhang, der beim Herunterrasseln ein blondes Mädchen enthauptet. Eine faszinierende Sprache, zuerst etwas anstrengend, aber sehr schön. Hat mir gefallen.

Tatjana Stöckler: Chagrans Thron II
Zweite Hälfte des SF-Romans um Sam, die jugendliche Piratenkönigin von Cyrrion und ihren rikarischen Geliebten. Es gibt ein Wiedersehen mit den Drakuloniern, Rikaniern, Lisorianern, Tartanen, Wraps. Interessante Geschichte, gut geschrieben und spannend. Nur die Vielzahl der Völker und ihrer unterschiedlichen Verwandtschaftsbeziehungen ist etwas kompliziert. Wichtiger Hinweis: Eigentlich sind es nicht zwei Einzelromane, sondern nur ein einiger, der aus drucktechnischen Gründen in zwei Hälften erschienen ist. Ein Einstieg mit Teil eins von Chagrans Thron wäre also sinvoll.

Erik Schreiber: Schwalbennest
Novelle über ein Kloster hoch oben in den Bergen, in das eines Tages ein Fremder kommt. Das heißt: Ganz fremd ist er nicht, dieser Han Wei, denn es gibt in alten Aufzeichnungen Berichte und Prophezeiungen über ihn. Flüssig geschrieben, ein kleines literarisches Kabinettstück, zudem in sehr ansprechender Aufmachung. Ein sehr schönes kleines Taschenbüchlein.

Rolf Krohn: Bunte Lichter
Eine Sammlung von Science-Fiction-Erzählungen. Interessant ist, dass in jeder Geschichte ein besonderes Licht in jeweils einer anderen Farbe eine zentrale Rolle spielt. Meine erste Assoziation war die Sammlung "Bunte Steine" von Adalbert Stifter. Es sind sehr ruhige, eher literarische Geschichten, Gedankenexperimente über mögliche Zukünfte oder technische Errungenschaften, oder auch um ein bestimmtes Licht, das über einer Landschaft auf einem anderen Planeten herrscht, die manche Menschen während einer Nahtod-Erfahrung sehen. Es geht um Zeitreisen, Wetterbeeinflussung, den Weltuntergang. Teilweise etwas anstrengend, aber recht gut geschrieben.

Jugurtha - Gesamtausgabe, Band 1:
- Der Löwe der Wüste
- Die Maske des Krieges
- Die Nacht der Skorpione
- Die vergessene Insel
Die Geschichte des numidischen Prinzen als Comic-Epos, erzählt nach alten, mündlich überlieferten Legenden, die zum Teil der Schilderung des römischen Geschichtsschreibers Sallust widersprachen. Ich habe die Alben damals in der Carlsen-Ausgabe verschlungen. Witzigerweise war das auch die Zeit, in der wir im Lateinunterricht den "Bellum Jugurthinum" lasen. Ich erinnere mich noch gut an die Rede, die Adherbal vor dem römischen Senat hielt und in der er erzählte, wie sein Vater, der numidische König, und sein Bruder Hiempsal von Jugurtha ermordet wurden. "Was ist er also?", fragte unser Lateinlehrer. Und ich so: "Halbwaise." (Gelächter)
In dieser Comicfasusng ist Jugurtha absolut unschuldig sowohl am Tod des Königs als auch des Hiempsal. Die Art, wie Hiempsal umkommt, erschien mir allerdings damals schon etwas unglaubwürdig. Eine Serie, die mir sehr gut gefiel, wenn sie auch optisch nicht die Höhe der Thorgal-Serie, die ich zeitgleich las, halten konnte. Und ich hatte damals schon große Probleme, die beiden Söhne Micipsas auseinander zu halten. Und dass die Serie ab Band 4 komplett ersponnen ist bzw. weit über Sallust hinausging, der von Jugurthas Tod berichtet, hat mich schon damals irritiert. Na gut, ist halt so eine Idee. Die Insel fand ich aber schon faszinierend.
Die Gesamtausgabe, die nun als Hardcover erscheint, macht einen ansprechenden, edlen Eindruck. Es sind jeweils vier Alben in einem Band. Ziemlich großformatig und schwer, man hat also etwas in der Hand. Im ersten Band gibt es ein wenig Infomaterial zum Hintergrund der Serie und zum historischen Hintergrund der jugurthinischen Krieges. Schön.


Eugen Gliege: Sagen und Geschichten aus der Altmark
Sagenbuch mit Geschichten aus Gardelegen, Salzwedel, Arendsee und Umgebung, wo ich ja derzeit meine Wirkungsstätte habe. Also gewissermaßen berufliche Pflichtlektüre. Es gab hier beispielsweise auch einen wilden Jäger, Nachtmahre, eine weiße Frau und Auseinandersetzungen um den Ablasshandel. Schöne Geschichte: Da geht einer zum durchreisenden Ablasshändler und erkauft sich den Ablass für eine Sünde, die er erst noch begehen will. Der Ablasshändler zögert erst, aber die Geldgier siegt. Nach seiner Abreise wird der Händler dann überfallen, und der Räuber, der die rappelvolle Ablasskasse davonträgt, zeigt ihm triumphierend den Zettel, der ihn von diesem Verbrechen freispricht ... (Sonderbar, dass ich beim Tippen mehrfach statt "Ablassgandel Abgashandel geschrieben habe ...) Schön finde ich auch die Sage um das zugemauerte Stadttor von Gardelegen und die Geschichte vom Meineidigen in Salzwedel. Die Sage um die Äbtissin von Arendsee kannte ich schon irgendwo anders her. Und die Brandstifterin Grete Minde aus Tangermünde kennen vermutlich die meisten durch Theodor Fontane.


Hörspiele

Jan Tenner Classics 6: Geheimnis des Adlers
Jan und Laura werden mit einem seltsamen Adler konfrontiert, der beinahe täglich größer wird. Ein Indianerstamm in der Nähe weiß offenbar mehr über das Tier. Aber Jan stößt nur auf Feindseligkeit. Doch endlich kommt er dem Geheimnis auf die Spur: Es stecken Außerirdische dahinter. Jan schafft es, sich mit den Beteiligten zu verständigen und Hilfe zu bringen.

Jan Tenner Classics 7: Finsternis über Westland
Kein Sonnenlicht mehr auf der Erde. Grund sind außerirdische Schiffe, die zwischen Sonne und Erde parken und ihre Batterien wieder aufladen. Jan versucht, die Fremden zum Positionswechsel zu bewegen. Allerdings ist dies ein heikles Manöver, und die Fremden haben nicht mehr genug Energie für komplizierte Manöver. Jan erweist sich aber als geschickter Diplomat und schafft es schließlich mal wieder, die Welt zu retten. In dieser Folge erfährt er auch erstmals etwas über die Leonen, ein Volk, das ihn in späteren Foigen noch beschäftigen wird. Er erhält einen speziellen Stein als Geschenk, der ihm künftig verraten kann, ob Leonen in der Nähe sind. Sehr hilfreich.


Juni

Xenophon: Das Gastmahl gr./dt (Reclam)
Wer Platons Gastmahl kennt, sollte auch mal bei Xenophon zu Gast gewesen sein. Ebenfalls eine fröhliche Runde, in der bei gutem Essen und Wein über philosophische Themen geredet wird, und ebenfalls eine Runde, in der Sokrates als Gast anzutreffen ist. Eine schöne zweisprachige Ausgabe, gut lesbar. Vielleicht nicht ganz so kunstvoll wie bei Platon, aber doch lesenswert und liebenswert.

Esther S. Schmidt: Die zweite Finsternis

Kristina Lohfeldt: Too Bad to be God
Eine kafkaeske Situation: Ein Apotheker erwacht eines Morgens und hat sich in einen Mistkäfer ("Pillendreher") verwandelt. Eine unangenehme Situation. Als sich die Verwandlung nicht aufheben lässt, kommt der Mistkäfer auf die Idee, er sei wohl ein Gott, und schreibt sich auf der Götter-Hochschule für diverse Kurse ein. Das ist der Auftakt einiger heiterer Lehrgeschichten, in denen bekannte Gottheiten diverser Mythologien, aber auch einige vollkommen unbekannte Götter die Schulbank drücken und manchmal furchtbare Katastrophen anrichten. Ein amüsantes, stellenweise aber auch etwas dröges Buch. Nette Idee, hätte aber mehr Feuerwerk enthalten können.

Neil Gaiman: Nordische Mythen
Nacherzählung bekannter Geschichten aus der germanischen Mythologie, sehr nett und kindgerecht gemacht. Hat mir gut gefallen, nur die ständige Ansprache an der Leser nervt ein wenig. Ich fliege jedesmal raus aus der Geschichte, wenn einer zu mir sagt: "Und nun will ich dir erzählen, wie ..."


Hörbuch/Hörspiel

Die Besteigung des Rum Doodle
Granatenmäßige Parodie auf die Reiseberichte großer Expeditionsleiter aus der Zeit der Entdeckungen. Gelesen von Jürgen von der Lippe. Ich habe die Geschichte im Auto gehört und manchmal vor Lachen ins Lenkrad gebissen. Der Rum Doodle ist ein legendärer Berg, dessen Besteigung aber vor allem durch die Unfähigkeit der katastrophalen Trümmertruppe erschwert wird, die sich da aufgemacht hat, den Gipfel zu erobern. Schon der Auftakt ist haarsträubend: der Dolmetscher spricht die Sprache der Eingeborenen, die hauptsächlich aus furchtbaren Verdauungssstörungsgeräuschen besteht, offenbar doch nicht so gut, wie er behauptet. jedenfalls hat der Mann versehentlich statt der benötigten 3000 einheimischen Träger 30000 eingestellt. Dann macht sich die Truppe auch noch zum falschen der beiden Gipfel auf ... Einfach nur herrlich.

Jan Tenner Classics 8: Red Rock in Flammen
So, jetzt sind die Leonen da und wollen Uran haben. Und obendrein haben Jan und Laura es mit einem gefährlichen Vulkan zu tun. Der Ausbruch könnte katastrophale Folgen haben. Schuld sind die löwenköpfigen Außerirdischen, die sich in dem Vulkan ein geheimes Hauptquartier eingerichtet haben. Zum Glück gibt es das passende Serum, und Jan und Laura können die Katastrophe im letzten Augenblick verhindern.


Weiterer Jahresrückblick:
Teil I: Januar bis März 2017
Teil III: Juli bis September 2017
Teil IV: Oktober bis Dezember 2017


© Petra Hartmann


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Jahresrückblick I: Januar bis März 2017

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 28 December 2017 · 720 Aufrufe
Jahresrückblick
Das Jahr 2017 geht bald zu Ende. Zeit, meine Lesefrüchte zu sortieren und sie Revue passieren zu lassen. Im ersten Quartal waren es vor allem viele Hörspiele und Hörbücher, meist SF, da ich lange Autofahrten zu bestehen hatte. Dazu viel Märchenhaftes, ein bisschen Kinder- und Jugendliteratur und ein paar Klassiker. Hier also, gewohnt unstrukturiert und subjektiv, mein Rückblick auf die Monate Januar bis März 2017.


Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


Januar

Patricia Wrightson: Wirrun zwischen Eis und Feuer
Patricia Wrightson: Wirrun und das singende Wasser
Patricia Wrightson: Wirrun hinter dem Wind

Trilogie um einen jungen australischen Aboriginee, der dreimal berufen wird, die Welt zu retten. Wirrun begegnet den alten Traumwesen der australischen Mythen, er bewahrt das Land vor einer neuen Eiszeit, verhindert die Übernahme des Landes durch Dämonen, und das alles in einem so musikalischen Zauberton und mit einer so eigenen Sprechstimme, dass man tatsächlich glaubt, einem uralten australischen Homer zu lauschen. Ungewöhliche und sehr eigenständige Phantastik, manchmal mit einer gewissen nicht-europäischen Logik, sehr anders als klassische High Fantasy. Ich wollte mir die Trilogie eigentlich in meiner Jugend kaufen, aber es ist immer wieder etwas dazwischen gekommen. Jetzt fand ich sie also im Antiquariat. Hat sich gelohnt.

E.T.A. Hoffmann: Die Bergwerke von Falun. Der Artushof (Reclam)
Zwei klassische Erzählungen Hoffmanns. Ich war beim Lesen fest davon überzeugt, dass ich diese Bergwerksgeschichte schon kannte. Aber ich hatte sie noch nie gelesen. Das Nachwort schließlich brachte des Rätsels Lösung: Der Stoff wurde auch von Johann Peter Hebel in seinen "Kalendergeschichten" behandelt, daher kannte ich es. Aber sehr unterschiedlich in der Ausführung. Und eine sehr interessante Sichtweise auf das Bergmannsleben. Erinnerte mich auch etwas an Novalis und seinen "Heinrich von Ofterdingen". Es geht um einen jungen Mann, der im Berg verschollen ist. Erst Jahrzehnte später wird sein Leichnam wiedergefunden, er ist auf seltsame Art konserviert worden und sieht noch immer aus wie ein strahlender, jugendfrischer Bergmann, während seine damalige Braut längst eine uralte, dem Tode nahe Greisin ist.
Die Geschichte vom Artushof hat mit dem britischen König nichts zu tun. Der Artushof ist ein Gasthaus, in dem ein junger Kaufmann sitzt und eigentlich seine Rechnungen schreiben sollte. Aber es kommt einfach so über ihn, und er beginnt zu zeichnen. Sehr sympathischer Mensch. Eine Art Künstler-Novelle also.

Nikolai von Michalewsky: Kielwasser des Todes. Grüner Auftrag für "Fortuna"
Ein weiteres Umwelt-Abenteuer aus dem Mittelmeer mit dem Schiff Fortuna. Diesmal geht es um bedrohte Schildkröten.Spannend geschrieben, aber ein bisschen zerpflückt und ziemlich viel Zufälliges. Das Ende ist wirklich ein Schlag ins Gesicht.

Kathi Wallace: Assiniboin Girl

Karsten Kruschel: Das Universum nach Landau
Kurzgeschichtensammlung mit Geschichten aus einem Sonnensystem, das im gleichen Kosmos angesiedelt ist wie die Vilm-Romane und der Galdäa-Roman des Autors. In der Handlung lose mit diesen Büchern verbunden, aber durchaus eigenständig. Die meisten der Geschichten sind bereits in Anthologien erschienen, einen Großteil davon kannte ich schon. In den Einzelveröffentlichungen ist mir allerdings nie aufgefallen, dass der Autor jedesmal eine bestimmte Farbe für den Titel gewählt hat. Erst in der Zusammenstellung wurde dies nun geradezu zum Ordnungsprinzip des Buchs. Da ist ein Grün, das den verzweifelten und schließlich erfolglosen Kampf der Bevölkerung eines Planeten gegen das immer üppiger wuchernde Grünzeug charakterisiert, oder das Weiß als Signal für den drohenden Eistod der Siedler, als eine Klimakatastrophe hereinbricht. Gentechnik, Metamorphosen, Auseinandersetzungen mit fremden Lebensformen und die Frage nach dem Wohin der Menschheit ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch, und manchmal ergeben sich überraschende Zusamenhänge zwischen den Geschichten. Geschrieben ist das alles in einem unpathetischen, manchmal etwas kühlen, aber nie blutlosen Stil, sehr treffend und eingängig. Es hat nicht ganz den Zauber der Vilm-Bände, ist aber für den Fan durchaus eine gute Ergänzung.

Jonas Gawinski: Die Nacht wächst schnell nach

Die Welten von Thorgal: Thorgals Jugend 4 - Berserker

C.S. Forester: Brown von der Insel
Ich bin ein großer Fan von Foresters Hornblower-Romanen. Da war es nur eine Frage der Zeit, dass ich mir irgendwann einmal den Brown zulegen musste. Auch wenn mich zugegebenermaßen die Notiz etwas abgeschreckt hat, dass Adolf Hitler das Buch sehr geliebt haben soll ... Brown, der Titelheld, gehört zur Besatzung eines englischen Kriegsschiffs, das von dem deutschen Kreuzer "Ziethen" versenkt wird. Brown wird gefangen. Als die Ziethen auf der fiktiven Galapagos-Insel Resolution vor Anker geht, um einige Schäden am Schiff auszubessern, kann Brown fliehen. Er nimmt die Ziethen unter Feuer und schafft es durch geschicktes Ausnutzen der natürlichen Gegebenheiten, das feindliche Schiff so lange an seinem Platz festzuhalten, bis ein britisches Kriegsschiff erscheint und die gefürchtete Ziethen versenkt. Brown allerdings ist tödlich verwundet und erfährt nichts mehr von seinem Erfolg. Und der Kapitän des britischen Schiffs, der Browns unbekannter leiblicher Vater war, erfährt weder von Browns Beihilfe zu seinem Sieg noch davon, dass er überhaupt einen Sohn hatte.
Die Geschichte von der Zeugung Browns, als eine junge hübsche Frau aus gutem Hause einfach eines Tages beschließt, die Kutsche anspannen zu lassen, und vorgibt, zu einer Freundin zu fahren, dann aber in London eine mehrtägige sexuelle Beziehung zu einem ihr unbekannten Seemann pflegt und sich schließlich von ihm trennt, ohne ihm ihren Namen und ihre Herkunft zu verraten, gehört zu den schönsten Episoden des Buches und hat beinahe etwas Magisches. Diese eigenartige Geschichte steht in sehr auffallendem Widerspruch zu dem ansonsten recht kargen, nüchternen Realismus der marinehistorischen Erzählung. Fachlich und erzähltechnisch zieht der Autor alle Register seines Könnens, schildert detailreich und überzeugend das Leben an Bord eines britischen Kriegsschiffs, bietet also gewohnte Forester-Qualität. Das "David-Copperfield-Zeug", also die Beschreibung der Jugend des vaterlos aufwachsenden Brown, der von seiner Mutter konsequent auf eine Laufbahn in der Marine hin erzogen wird, hat ebenfalls etwas von den großen britischen Klassikern.
Dass das Buch mich zwar mitgenommen, aber nicht mitgerissen hat, liegt daran, dass dieser Brown einfach keinen Funken Hornblower-Persönlichkeit hat. Brown ist und bleibt ein schlichter, einfach gestrickter Mensch ohne jegliche Entwicklung, ein Soldat aus den unteren Rängen, der brav seine Pflicht erfüllt, der aber weder die Fähigkeiten noch den Ehrgeiz hat, Karriere zu machen oder Strategien auszuarbeiten, Führungsverantwortung zu übernehmen oder irgend etwas zu gestalten. Es ist so gut wie kein Innenleben vorhanden. Da ist einfach nur die Aufgabe, die er sieht, eben die Ziethen zu bekämpfen, und das tut er. Vielleicht liegt darin ja gerade die Größe dieses kleinen Menschen. Brown steht zur rechten Zeit am rechten Platz und tut, was getan werden muss. Dass er in dieser Einmannschlacht gegen den schwimmenden Goliath über sich hinausgewachsen ist, ist auf jeden Fall eine Leistung und hat eine eigene schlichte Größe. Aber mir fehlen einfach auch die Ängste und Selbstzweifel, die Reflexion eines Hornblower. Also eher 2+ als 1 mit Sternchen.


Hörspiel

Mark Brandis, Raumkadett 3: Tatort Astronautenschule
Jugendabenteuer aus der Ausbildungszeit von Mark Brandis. Der junge Mark Brandis und seine Mitschüler bereiten sich in der Astronautenschule auf Einsätze im All vor, und um Bewegungsabläufe ohne Schwerkraft trainieren zu können, wird im Wasser geübt. Doch aus dem Tauchgang wird blutiger Ernst, als die Schüler eine Leiche finden. Das ganze hält nicht ganz die Höhe der Originalromane um den erwachsenen Brandis von Nikolai von Michalewsky. Es ist eher ein Jugend- oder Kinderhörspiel und erinnert ein wenig an die Detektivbanden der alten Cassettenzeit, ist aber nicht schlecht gemacht, und technisch haben es die Hörspielmacher der Brandis-Serie ohnehin drauf.

Jan Tenner Classics 1: Angriff der grünen Spinnen
Alter Jugend-SF-Klassiker aus den 80ern, den ich mir schon seit Jahrzehnten mal reinpfeifen wollte. Sehr nett gemacht, wenn mir auch dieses ominöse Serum etwas unglaubwürdig erscheint. Naja, aber was heißt schon Unglaubwürdigkeit im phantastischen Bereich? Eine Horde von riesigen grünen Spinnen bedroht Westland und die gesamte Menschheit. Die einzige Chance, die Bestien zu stoppen, ist ein Zweikampf: Jan Tenner soll sich mit Hilfe des Serums in eine Riesenspinne verwandeln und das Leittier besiegen. Nicht gerade ganz großes Kino, aber es hat einfach diesen 80er-Jahre-Charme.



Februar

John Gurdon: Dramatic Lyrics
Ein im Jahr 1906 erschienener Lyrikband, der nun wieder als eingescanntes und on demand gedrucktes Taschenbuch erhältich ist. Ich bin vor einigen Jahren durch sein Drama "Erinna" auf John Gurdon aufmerksam geworden und habe letztes Jahr von seinen Nachkommen etwas zu seinen Lebensdaten erfahren (mein Englisch ist leider in der Korrespondenz etwas schwach auf der Brust, aber ich hoffe, dass ich alles richtig verstanden habe). Jedenfalls bekam ich dadurch Lust, noch etwas mehr von diesem Autor zu lesen. Dieses Buch ist zunächst einmal im Schriftbild außerordentlich klar und optisch sehr ansprechend, was bei Büchern dieser Machart ja selten ist. Die Sprache selbst sehr wohlklingend, die Gedichte traditionell gereimt und auch für den Laien recht gut lesbar. Gurdon widmet sich klassischen, mythologischen Themen, oft aus dem alten Hellas. Es gibt beispielsweise Gedichte über Antigone oder Callisto. Sehr gefallen hat mir ein Gedicht mit dem Titel "The Lament of Phrynichos". Gurdon erinnert hier an die Tragödie "Der Fall Milets", eine Tragödie, die damals mit einem Aufführungsverbot belegt wurde, weil es die Athener bei der Uraufführung so schockiert hat, als auf der Bühne der Untergang der Stadt und die Versklavung der griechischen Bevölkerung gezeigt wurde. Ein Vorläufer von Aischylos' "Persern". Jedenfalls gibt Gurdon hier dem Dichter seine Stimme zurück und lässt ihn einen Klagegesang über das von Persern eroberte Milet anstimmen. Außerdem ein wenig Indisches und etwas aus der altenglischen Sagenwelt. Ein schöner Gedichtband.



Anne Frank: Gesamtausgabe
- Tagebuch
- Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus
- Weitere Erzählungen
- Briefe
- Poesiealben-Einträge
- Das Schöne-Sätze-Buch
- Das Ägypten-Buch
- Fotos und Dokumente
- Miriam Pressler: Anne Franks Leben
- Miriam Pressler: Die Geschichte der Familie von Anne Frank
- Gerhard Hirschfeld: Der zeitgeschichtliche Kontext
- Francine Prose: Die Rezeption
- Anhang: Tagebuch-Version a und b, die neu gefundenen Blätter
Schon beindruckend, dass ein Mädchen, das nur knapp 16 Jahre alt wurde, eine so dicke Gesamtausgabe hat. Das Buch enthält die Ursprungs-Version des Tagebuchs, die von Anne Frank selbst überarbeitete Version, die sie erstellte, als sie im Radio einen Aufruf hörte, man solle doch Aufzeichnungen aus dieser Zeit machen, um sie später zu veröffentlichen, außerdem eine von ihrem Vater erstellte und nach ihrem Tode veröffentlichte Version, in die Teile aus der Urfassung wieder eingearbeitet wurden, sowie einige neu aufgetauchte einzelne Tagebuchblätter. Spannend fand ich, dass sie auch ein Buch mit Kurzgeschichten und Skizzen angefangen hat und dass sogar ein Romanfragment vorliegt.
Ich gehöre nicht zu denjenigen, die dieses Tagebuch in der Schule gelesen haben. Daher war die Geschichte für mich noch neu. Klar, man hatte schon mal Auszüge gelesen, hier und da Zitate gehört. Ich habe in ganz früher Zeit, glaube ich, auch mal die Verfilmung gesehen. Allerdings stellte ich dann irgendwann fest, dass ein bestimmtes Zitat, auf das ich die ganze Zeit gewartet habe, gar nicht kam, und merkte dann, dass ich es mit "Ein Stück Himmel" verwechselt hatte.
Diese Ausgabe ist eher etwas für den Wissenschaftler als für jemanden, der einfach nur das Tagebuch lesen möchte. Ich habe es mir in einer Art Wennschon-dennschon-Stimmung angeschafft, wollte natürlich alles haben. Was dann auch heißt, dass ich das Tagebuch in drei Fassungen nacheinander gelesen habe und vieles schon beim zweiten Mal auswendig hätte mitsprechen können. Vielleicht etwas ermüdend, aber ich habe es ja so gewollt. Die Ausstattung und die Beigaben sind reichhaltig und für den Hintergrund sehr hilfreich, man erhält eine Menge Material. Die Aufsätze im Anhang sind auf jeden Fall lesenswert. Eine gut gemachte und gut ausgestattete Neu-Ausgabe.
Der Inhalt dürfte bekannt sein. Es ist die Geschichte eines jüdischen Mädchens und seiner Familie zur Nazizeit in den Niederlanden. Die Familie taucht unter und lebt versteckt in einer geheimen Wohnung in der ehemaligen Firma des Vaters. Anne führt Tagebuch, erzählt von den zwischenmenschlichen Beziehungen im "Hinterhaus", von ihrer Lektüre und ihrer Art sich fortzubilden, von ihrem sich immer weiter verschlechternden Verhältnis zu ihrer Mutter, sie schreibt über ihre erwachende Sexualität und ihre Beziehung zu Peter, dem Sohn der zweiten im Hinterhaus untergetauchten Familie. Das Tagebuch bricht dann unvermittelt ab. Da war die Familie denunziert und abgeholt worden. Anne Frank starb im Februar oder März 1945 im KZ Bergen-Belsen.
Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, ob dieses Tagebuch eine bessere oder schlechtere Schullektüre zum Thema Nazizeit und Judenverfolgung ist als das, was wir damals gelesen hatten. In meiner Klasse waren es "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" und "Damals war es Friedrich". Anne Frank führte mehr oder weniger ein Inselleben in ihrem Versteck, auch wenn sie natürlich Nachrichten von draußen begierig aufnahm. An Lernstoff über diese Zeit und Informationen hat das Buch also sehr viel weniger zu bieten als die beiden anderen. Andererseits ist es wohl gerade die "Normalität" Annes, die ein großes Identifikationspotential für junge Leser bietet. Da ist kein erhobener Zeigefinger, keine in pädagogischer Absicht geschaffene Romanfigur, sondern einfach ein Mensch wie du und ich, der auch eine Mitschülerin hätte sein können. Möglich, dass Anne viel eher die Herzen der Schüler erreicht als Friedrich und das rosa Kaninchen. Zu wünschen wäre es jedenfalls ...

Mary Hooper: Vertrau mir, kleiner Dachs (Lucys Tiere 4)
Ein Kinderbuch, das mir ins Suchnetz geraten ist, weil ich Dachse einfach so liebe. Allerdings spielt der sehr junge Dachs in diesem Buch nur eine Nebenrolle. Es geht darum, ihn nach dem Tod seiner Mutter und Geschwister aus dem Bau zu locken. Tierfreundin Lucy, die Titelheldin der Serie, schafft es am Ende, sein Vertrauen zu gewinnen, und kann damit beginnen, ihn aufzupäppeln. Ansonsten geht es um Pferde und einen Kriminalfall. Lucy gelingt es, einen Pferdediebstahl zu verhindern. Ganz nett. Aber ich gehöre offenbar nicht mehr zur Zielgruppe, es war mir einfach zu einfach.

Sternengebrüll. Denk- und Fühlgeschichten
Moderne Märchen aus dem Lucy-Körner-Verlag in der Tradition der drei legendären "Farben"-Bücher. Zauberhaft und nachdenkenswert. Man merkt aber auch, dass die Sammlung etwas später entstanden ist als die Vorgängerbände, sie hat einen etwas moderneren Ton. Eben ein Kind der Jahrtausendwende, das noch von den 80ern träumt.

Hans Kruppa: Kaito
Zauberhaftes Märchen in zauberhafter Aufmachung, einfach ein wunderschönes Buch. Erzählt wird die Geschichte eines kleinen Jungen, der irgendwie in seinem Heimatdorf und in seiner Familie nicht am rechten Ort ist. Als 13-Jähriger zieht er von zu Hause fort und macht sich auf, einem geheimnisvollen Fremden ein verlorenes Amulett zu bringen. Dann hört er den Mann auf einer besonderen Flöte spielen, und als dieser ihm als Dank für das Amulett einen Wunsch erfüllen will, wünscht sich Kaito, von ihm die Kunst des Flötenspiels zu lernen. Alle halten ihn für geistesgestört, denn er hätte haufenweise Gold und Silber erhalten und bis ans Ende seiner Tage ausgesorgt haben können. Nur sein Meister versteht ihn. Eine Geschichte über Selbstfindung und das Streben nach künstlerischer Vollkommenheit. Fast so schön wie "Die Legende von Tay Manka". Hans Kruppa kann's einfach.


Hörspiel

Jan Tenner Classics 2: Tödlicher Nebel
Ein giftiger Nebel bedroht Westland und seine Bewohner. Die Quelle ist ein defektes außerirdisches Raumschiff. Jan Tenner kann den Schaden beheben und das Leck flicken, Gefahr gebannt und ein Meilenstein für die Völkerverständigung gesetzt. Etwas skurril erscheint mir die Art, wie Jan überhaupt durch den Nebel gelangen kann: Er schrumpft dank des Superserums von Professor Futura auf Mausgröße zusammen und kann so in einen speziellen Roboter hineinkriechen, der nur von einem Steuermann in Mini-Größe gelenkt werden kann. Wer konstruiert denn bitte solche Fahrzeuge? Tanja nervt auch. Kein Wunder, dass sie bereits nach der dritten Folge ausgetauscht wurde. Es ist eine Art weiblicher Peter Shaw, nur mit noch mehr Piepston und Hysterie in der Stimme. Sehr anstrengend. Und die Argumentation ist immer die Gleiche. Diagnose: Wir werden alle sterben. Einziger Ausweg: Jan Tenner benutzt das neue Serum. Tanja: Nein, Jan, ogottogott, das neue Serum ist viel zu gefährlich, es ist noch nicht ausreichend erprobt, wenn dir nun etwas passiert ... Unglaubwürdig ist auch, dass sie die wissenschaftlichen Fähigkeiten dieses jungen Mannes so in den Himmel hebt. Verdammt, die Frau ist Assistentin des größten Wissenschaftlers ihrer Zeit. Sie sollte mindestens Doktorandin sein. Und himmelt einen popeligen Studenten an, der eine Substanz analysieren kann. Ein solch biederer älterer Herr wie Professor Futura wird sich seine Assistentin doch nicht nach ihrem Brustumfang ausgesucht haben ...?

Mark Brandis, Raumkadett 4: Hinter den Linien
Der junge Astronautenschüler Mark Brandis erhält ein spezielles Training: Als Copilot der raubeinigen Super-Fliegerin Alba Bravo darf er einen Patrouillenflug entlang der Grenze zu den Vereinigten Orientalischen Republiken begleiten. Dabei kommt es zu einem Gefecht, der Flieger stürzt ab, und Mark und Alba landen mitten im feindlichen Gebiet. Zu Fuß kämpfen sie sich bis zur Grenze zurück. Doch dann stürzt die Fliegerin in eine Grube. Akustisch gut gemacht, der Handlungsverlauf linear und stringent, das Ende etwas überraschend. Nicht schlecht, aber ich komme mit der "erwachsenen" Serie besser klar.

Jan Tenner Classics 3: Landung der Giganten
Riesenhafte Wesen bedrohen Westland und entführen Kinder. Sie wollen die Geiseln erst herausrücken, wenn sich Professor Futura in ihr Raumschiff begibt. Aber niemand will das größte Genie der Welt und seine wissenschaftlichen Errungenschaften in den Händen der Fremdem wissen. Zeit, eine neue Variante des Serums zu testen: Jan Tenner verwandelt sich nach der Injektion in ein Double des Professors. Gut gefallen hat mir, wie überhaupt an der ganzen Serie, die Grundhaltung Tenners, der Konflikte mit Außerirdischen immer wieder gewaltfrei, mit viel Verständnis und zur beiderseitigen Zufriedenheit löst. Schwer erträglich Tanjas dämliche Hysteriespiralen, aber damit hat es ja nun ein Ende. Nett der obligatorische kleine Nasenstüber an den Herrn General zum Schluss.

Jan Tenner Classics 4: Gefahr aus dem All
Ein Offizier verschwindet. Seine Entführer sind Außerirdische namens Lakoten. Ein Fall für Jan Tenner und das neue Serum, diesmal ein Unsichtbarkeitsserum, das zunächst einmal Anlass für viele Blödeleien bietet, da eben nur die Menschen, nicht aber ihre Klamotten unsichtbar werden, Jan also diesmal nackt im Einsatz ist. Das ewige Störgeräusch Tanja ist verschwunden, gut so. Etwas herzlos erscheint mir die Art, wie sie aus der Serie herausgeschrieben wurde, aber akustische Schönheit fordert nun mal Opfer. Laura, die neue Assistentin an Professor Futuras Seite, zeigt Jan jedenfalls erstmal, wo der Hammer hängt. Vielversprechend.



März

Susanne Pawlowic: Feuerjäger I: Die Rückkehr der Kriegerin

Regina Scheer: Mausche mi-Dessau. Moses Mendelssohn. Sein Weg nach Berlin
Kleines Taschenbuch aus der Reihe "Jüdische Miniaturen", das sich mit dem Weg des jungen Moses Mendelssohn von Potsdam nach Berlin beschäftigt. Ich hatte vor einigen Jahren aus derselben Reihe bereits den Band "Gesetzestreuer Jude und deutscher Aufklärer" von Hermann Simon gelesen, das ich denjenigen, die an einem Einstieg und ersten Überblick über Mendelssohns Leben interessiert sind, ans Herz legen möchte. Das hier vorliegende Büchlein "Mausche mi-Dessau" befasst sich nur mit einem kleinen Abschnitt aus dem Leben des jungen Moses Mendelssohn, eben dem Umstand, dass er sich im Jahr 1742 von Dessau nach Berlin aufmachte, um bei seinem verehrten Lehrer David Fränkel, der nach Berlin berufen wurde, weiter lernen zu können. Man erfährt etwas über den bekannten und möglichen Verlauf seines Weges und zum historischen Hintergrund. Aber ein Schwerpunkt ist auch die Beschreibung eines Versuchs, diesen Weg nachzuwandern, den einige Wissenschaftler und Verehrer des Philosophen vor einigen Jahren unternahmen.

Mirja Dahlmann: Die althochdeutschen Zaubersprüche zwischen Heidentum und Christentum
Eine Untersuchung der Zaubersprüche in alten Zeiten. Man erfährt viel über magische Vorstellungen und die Art, wie solche Zaubersprüche aufgebaut sind. Auch das eigentümliche Zusammenspiel von heidnischen und christlichen Vorstellungen wird herausgearbeitet. Ein Schwerpunkt liegt auf dem zweiten Merseburger Zauberspruch, also dem Zauerspruch mit dem gebrochenem Pferdebein. Sehr klug und vielleicht nützlich für einen meiner nächsten Romane.

Wilhelm Busch: Umsäuselt von sumsenden Bienen. Schriften zur Imkerei
Hübsches kleines Geschenkbüchlein, das ich beim Besuch einer Rolf-Kauka-Ausstellung im Wilhelm-Busch.Museum entdeckt habe. Enthält drei Aufsätze Buschs zum Thema Bienenzucht. Hab bisher nicht gewusst, dass der Mann begeisterter Imker war. Insgesamt nicht unbedingt ganz großes Kino. Das Büchlein ist dünn, es hat sein Verkaufspotential eben durch den Verfassernamen. Interessant, dass Busch in einem Aufsatz kategorisch und bissig verneint, dass Bienen ihren "Bienenvater", den Besitzer, erkennen und von anderen Leuten unterscheiden können. Da werden manche Imker widersprechen. Ein netter Mitnahme-Artikel über eine bisher unbekannte Facette des Comic-Urvaters.

Dino Lares: Wolfgang Schadewaldt. Eine Lebensskizze / Wolfgang Schadewaldt: Einblick in die Werkstätte meiner Arbeit
Dünnes Bändchen mit zwei Aufsätzen. Eine kleine Schadewaldt-Reliquie. Ein kurzer biographischer Abriss und ein paar Worte Schadewaldts zu seiner Arbeit.

Wolfgang Mohr / Walter Hauf: Zweimal "Muspilli"
Ich habe immer noch keine Textausgabe Muspilis gefunden und gelesen. Muss irgendwann mal gezielt in der Bibliothek danach fahnden. Vielleicht schaffe ich es nächstes Jahr. Dieses Büchlein enthält zwei Aufsätze die sich mit dem eigenartigen Weltuntergangsfragment beschäftigen. Man erfährt ein bisschen zu den germanischen und christlichen Vorstellungen darin und etwas zur Forschung, die in vielen Fällen einfach zu dem Schluss kam, dass Muspili schwierig und dunkel sei. Ein etwas älteres Büchlein (1977), vermutlich ist die Wissenschaft inzwischen schon weiter gekommen.

Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause
Einer der wichtigen Texte des Jungen Deutschlands aus dem Jahr 1835. Ich habe seinerzeit ein Kapitel in meiner Magisterarbeit darüber geschrieben. Damals gab es das Buch nur als frakturgedruckten uralten Wälzer, den man per Fernleihe ordern und dann auch nur im Lesesaal lesen durfte. Ich habe mir große Teile davon abgeschrieben. Jetzt also ist eine Print-Version erhältlich. Die ist auch ganz erträglich, ich erinnere mich an keine größeren Scanfehler.
Der Ich-Erzähler, ein junger Philosoph und Bohemien, wird von seinem Onkel, der ihn politrischer Umtriebe verdächtigt, kurzerhand entführt und in eine Irrenanstalt gesteckt. In der Gefangenschaft beginnt er ein seltsames Tagebuch, in dem er die politischen und philosophische Wirren der Zeit analysiert, sich mit Hegel und Gott auseinandersetzt und sich am Faust-Mythos abarbeitet. Als er im Irrenhaus seine Jugendliebe, die Opernsängerin Elvira Weißschuh, wiederfindet, die tatsächlich verrückt ist, und seine aktuelle Liebe, die polnische Sängerin Victorine, die während des Aufstandes gegen Russland ihre gesamte Familie verloren hat, wiedertrifft, beschließen die drei die Flucht. Ein Ausbruch, der Victorie in den Tod führt und die zwischenzeitlich geheilte Elvira, die auf einer Opernbühne erneut im "Don Giovani" auftritt, zurück in den Wahnsinn. Ein hochinteressantes Buch voller Sprachschönheit und kluger Gedanken, allerdings für heutige Leser wohl etwas schwer verdaulich ...



Hörbuch

Schatztruhe der Märchen
(Aschenputtel, Jorinde und Joringel, Rotkäppchen, Die sechs Diener, Schneewittchen, Das blaue Licht, Hänsel und Gretel, Allerleirauh, Das tapfere Schneiderlein, die Prinzessin auf der Erbse, Dornröschen, Kalif Storch, Der Froschkönig, Der Wolf und die sieben Geißlein, Rumpelstielzchen, Zwerg Nase, Der gestiefelte Kater, Hans im Glück, Tischlein deck dich, die goldene Gans, Frau Holle, König Drosselbart, Brüderchen und Schwesterchen, Die zertanzten Schuhe, Der kleine Muck, Der falsche Prinz, Des Kaisers neue Kleider, Das Lumpengesindel, Schneeweißchen und Rosenrot, Rapunzel, Gullivers Reisen, Rübezahl, Ali Baba und die vierzig Räuber, Das fliegende Pferd, Pinocchio)
Dicke Hörspielbox mit 20 CDs, von denen die meisten jeweils zwei Märchen enthalten. Die letzten CDs sind etwas anders, darauf sind Klassiker wie Gullivers Reisen, Pinocchio und Rübezahl-Sagen zu finden. Angeschafft habe ich sie mir eigentlich, weil ich unbedingt Hans Paetsch wiederhören wollte, die große Märchenerzählerstimme meiner Kindheit. Genauer gesagt: Ich wollte mir noch einmal "Jorinde und Joringel" von Hans Paetsch erzählen lassen und habe den Rest dann einfach mal mitgenommen. Tja, was soll ich sagen. Es war nicht alles Hans Paetsch darin. Die anderen Sprecher haben natürlich ihre Arbeit ordentlich gemacht, ich will nicht meckern, es stand ja auch in der Beschreibung drin, dass da noch andere dabei waren. Jorinde und Joringel war zwar tatsächlich von ihm gesprochen, aber es war nicht die Version, die ich kannte und wollte, sondern eine etwas ausgeweitete, gestreckte Fassung, in die ein absonderliches Greifen-Abenteuer hineinmontiert worden war, wohl um eine angemessene Laufzeit zu bekommen. Die restlichen Märchen waren größtenteils okay, bei manchen hatte ich aber das Gefühl, es mit billig produziertem "Füllmaterial" zu tun zu haben. Die Anzahl der in Reimform nacherzählten Märchen war für meinen Geschmack etwas zu groß. Und manchmal war der Versuch, durch eine Rahmenhandlung einen neuen "Dreh" in der Märchenpräsentation zu finden, doch etwas nervig und wirkte aufgesetzt. Da war unter anderem eine Familie, die für ihre Oma oder Tante ein Märchentheaterstück aufführte, und dann halt das Grimm-Märchen darbot, und einmal fing die Rahmenandlung im Stau auf der Autobahn an, worauf ein Vater und sein Sohn dann das Radio einschalten und dort einem Märchenhörspiel lauschten. Nun gut. Die Märchenkiste ist dick und voll und gehaltreich, und wenn auch nicht alles Gold darin ist, es waren doch einige Fundstücke darin. Hätte halt gern mehr von Hans Paetsch gehört ...

Helen Macdonald: H wie Habicht
Wahnsinnig tolle Geschichte, zauberhafte, magische Sprache und obendrein ausgesprochen lehrreich. Es geht um eine Falknerin, die einen Habicht abrichtet. Offenbar die absolute Königsklasse der Falknerei. Der Habicht, beziehungsweise in diesem Fall eine Habicht-Dame, wird beschrieben als blutgierig, schwer zu zähmen und ausgesprochen eigenwillig. Für die Ich-Erzählerin eines große Herausforderung. Eine Herausforderung, die sich aber sehr bewusst sucht, um über den Tod ihres Vaters hinwegzukommen. Erinnerungen an ihren Vater und ihre ersten Schritte in der Falknerei spielen aber keine so große Rolle wie die Auseinandersetzung mit dem britischen Schriftsteller T.H. White ("Der König auf Camelot") und seinem Buch "The Goshawk". In dem Buch, in dem es ebenfalls um die Abrichtung eines Habichts geht, hat White, wie die Falknerin schon als Jugendliche diagnostizierte, so ziemlich alles falsch gemacht, was man im Umgang mit einem Greifvogel falsch machen kann. Die Tragödie zwischen White und seinem Habicht Goth (Schreibt er sich so? Oder ist es ein Gos wie Goshawk? Ich kenne ja nur das Hörbuch.) und der langsamen Annäherung zwischen Ich-Erzählerin und Habichtdame Mabel spiegeln sich sehr schön in einander. Ich habe viel über Falknerei, Habichte und White gelernt. Werde mir die Geschichte sicher nochmal anhören.

Weiterer Jahresrückblick:
Teil II: April bis Juni 2017
Teil III: Juli bis September
Teil IV: Oktober bis Dezember 2017

© Petra Hartmann


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Jahresrückblick: Oktober bis Dezember 2016

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 31 December 2016 · 4571 Aufrufe
Jahresrückblick
Das letzte Quartal meines Lesejahres lässt sich ziemlich genau in drei sehr unterschiedliche Phasen gliedern. Phase 1: Vor meinem Urlaub. Mitten im Zimmer stand ein großer Bücherstapel mit traumhaften Büchern, und ich schlug mir jedesmal mit der Hand auf die Finger, wenn ich es wagte, ihn anzurühren. Nein, die Urlaubslektüre durfte natürlich nicht schon in den Wochen vorher weggeknabbert werden. Also las ich in meiner Verzweiflung alles, was ich sonst noch so im Haus hatte - einschließlich rund 30 Bände der Ponyserie "Sternenschweif". Phase zwei: Vier Wochen Lese-und-Schreiburlaub auf Helgoland in der totalen Einsamkeit, einfach nur schön, geprägt von Phantastik, Klassikern und Abenteuerbüchern. Phase 3: Nach dem Urlaub. Da hatte ich beruflich vielstündige Autofahrten vor mir und habe endlich mal wieder ein paar Hörbücher anhören können.

Also, hier das letzte Quartal im Überblick. Viel Spaß beim Stöbern.

Legende:
Ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den Text in der eBook-Fassung gelesen habe.
Blaue Schrift weist auf herausragend gute Bücher hin.
Rot markiert sind Bücher, die ich so abgrundtief schlecht finde, dass ich euch ausdrücklich davor warne.
Bei verlinkten Titeln landet ihr auf ausführlicheren Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


Oktober

Maraba: Die Kirschblüte im Haar. Haiku, Senryu, Tanka. (e)
Ein Lyrikband mit Gedichten in den japanischen Gedichtformen Senryu und Tanka. Recht kurze, extrem verdichtete Texte also in jeweils drei oder fünf Zeilen. Anders als in seinem ersten Lyrikband, "Gedichte vom höchsten Ast des Kirschbaums", geht es hier ausschließlich um Liebeslyrik. Ein Thema, das mit dem Haiku, der bekanntesten japanischen Gedichtform, gar nicht zusammenpasst, weshalb das Wort "Haiku" auf dem Titelblatt eigentlich auch nichts zu suchen hat. Der Autor räumt diesen kleinen Etikettenschwindel im Vorwort freimütig ein - ohne diesen Hinweis in eigener Sache wäre es vermutlich aber den wenigsten aufgefallen, da wir in Deutschland gewöhnlich nicht zwischen Haiku und Senryu unterscheiden und ein Gedicht mit 5-7-5-Silbenschema auch dann als Haiku bezeichnen, wenn es eigentlich ein Senryu ist. "Haiku sind Naturgedichte, Zwischenmenschliches wird eher in der Senryu-Dichtung transportiert", schreibt der Autor. Wieder was gelernt. Die Gedichte sind durch die knappe Form sehr pointiert und konzentriert, trotzdem oder gerade deswegen durchaus eine Sammlung, für die man sich Zeit lassen sollte. Das Haiku oder meinethalben auch das Senryu ist ein langsames Gedicht, das sich vor allem über Atemzeiten definiert, und so gibt es in diesem Lyrikband auch sehr viele Stellen, in denen man innehalten und noch einmal nachatmen sollte. Insgesamt eine sehr schöne Sammlung, vielleicht sogar noch etwas stärker als der erste Lyrikband, da das Thema Liebe besser mit der Gedichtform harmoniert. Der eher philosophisch angelegte erste Band brachte die Gedichte mehr in die Nähe des Aphorismus.
Lesenswert auf jeden Fall das Nachwort, das sich mit der Geschichte und den Formen japanischer Lyrik befasst. Allerdings ist es identisch mit dem Nachwort des bereits erwähnten anderen Band, wer beide Gedichtbände kauft, erwirbt hier also Teile des Buches doppelt.

Fred von Hoerschelmann: Das Schiff Esperanza (Reclam)
Gänsehaut. Ein Hörspiel, das mich gepackt hat. Tragisch und unausweichlich steuert das Stück auf die furchtbare Katastrophe zu, so geradlinig und folgerichtig wie eine griechische Tragödie. Ein junger Seemann ist auf der Suche nach einer neuen Heuer und gerät ausgerechnet auf das Schiff "Esperanza", auf dem sein verschollener Vater Kapitän ist. Was anfängt wie eine harmlose Vater-Sohn-Geschichte wird zum tödlichen Ernst, als der junge Seemann im unteren Schiffsraum versteckte Auswanderer beziehungsweise illegale Einwanderer in die USA entdeckt. Menschenschmuggel ist das eigentliche Geschäft der Esperanca. Der junge Seemann verrät einem der Versteckten den Namen seines Schiffes und setzt damit eine unglückliche Kette von Ereignissen in Gang, die in eine Katastrophe münden. Ein Stück, das unter die Haut geht.

Charles Sealsfield: "... und er meinte die Freiheit" (Das österreichische Wort)
Ein Sammelband aus dem Jahr 1957, der die Geschichten "Christophorus Bärenhäuter", "Ralph Doughty's Esq. Brautfahrt" (Auszüge) und "Die Grabesschuld" enthält, außerden eine recht ordentliche und informative Einleitung über Leben und Werk des Charles Sealsfield, der als Karl Postl in Österreich geboren wurde und unter seinem neuen Namen zum "Dichter beider Hemisphären" avancierte. Ich bin nicht unbedingt der große Sealsfield-Fan. Sein "Kajütenbuch" fand ich ziemlich zäh, und auch diese Skizzen und Erzählungen aus der Neuen Welt haben ihre Sprödigkeiten. Aber die Geschichte vom Bärenhäuter ist doch ganz nett. Dabei geht es hauptsächlich um seine Frau, eine resolute Dame mit Haaren auf den Zähnen, die von einem Indianerstamm gefangen wird, sich bei dem Häuptling aber schnell in Respekt setzt und im Lager genau wie in Bärenhäuters Haus das Kommando übernimmt. Auch die Geschichte der Grabesschuld ist ganz in Ordnung, eine klasssiche Gruselgeschichte.

John Tyerman Williams: Jenseits von Pu und Böse
Eine philosophieparodistische Abhandlung, die aus den Büchern "Winnie the pooh" und "The house at Pooh-Corner" alle Philosophien der abendländischen Welt herzuleiten versucht. Interessanter Ansatz, aber es blieb dann doch sehr oberflächlich und beliebig. Letzten Endes lief es immer wieder darauf hinaus, dass der Autor einen einzelnen Satz aus dem Pu herauszog daran einen ähnlichen eines bekannten Philosophen anhängte und dann ein wenig zur Lehre dieses Philosophen sagte, immer mit dem Hinweis, der große Bär hätte diese Philosophie entweder erfunden oder in seiner Philosophie sei dieser oder jener philosophische Ansatz enthalten. Alles ziemlich oberflächlich. Und meine Lieblings-Pu-Lebensphilosophie hat der Autor nicht einmal erwähnt: Pu zu Gast bei Kaninchen wird gefragt, was er aufs Brot möchte, Honig oder Sahne. Da wurde er so aufgeregt, dass er sagte: "Beides." Und um nicht zu unbescheiden zu wirken, fügte er hinzu: "Aber um das Brot brauchst du dich wirklich nicht zu bemühen." Könnte man nicht den gesamten Hegel aus diesem Satz herleiten?

Die Edda, übersetzt von Karl Simrock (e)
eBook-Ausgabe der 7., verbesserten Auflage, erschienen bei Cotta in Stuttgart, 1878. Ich habe schon einige Edda-Ausgaben zu Hause, darunter auch eine Menge Simrock-Eddas, aber dieses eBook ist im Vergleich zu heute erhältlichen Eddas schon eine Besonderheit durch ihren Umfang und ihre Materialfülle. Es sind eine Menge nicht-eddische Lieder drin, die in heute gängigen Edda-Ausgaben nicht aufgenommen sind. Da sind zum Beispiel einige Fragmente, die meist weggelassen werden. Auch das Sonnenlied kannte ich vorher nicht.

Linda Chapman (u.a.): Sternenschweif
1 - Geheimnisvolle Verwandlung
2 - Sprung in die Nacht
3 - Der steinerne Spiegel
4 - Lauras Zauberritt
5 - Sternenschweifs Geheimnis
6 - Freunde im Zauberreich
7 - Nacht der tausend Sterne
9 - Flug durch die Nacht
10 - Geheimnisvolles Fohlen
11 - Spuren im Zauberwald
12 - Mondscheinzauber
13 - Magischer Sternenregen
14 - Der goldene Schlüssel
15 - Das Geheimnis der Einhörner
16 - Geheimnisvoller Zaubertrank
17 - Die magische Versammlung
18 - Sommerzauber
19 - Zauberhafte Freundschaft
20 - Geheimnisvolles Einhorn
21 - Magische Kräfte
25 - Freundschaftszauber
27 - Die Zauberquelle
28 - Schatz der Sterne
29 - Die goldene Muschel
30 - Funkenzauber
31 - Die Magie der Sterne
32 - Lauras Rettung
Mädchen-und-Pony-Serie für sehr junge Leser. Sie kam zu mir ins Haus, als der pferdebegeisterte Sohn einer Schulfreundin sein Zimmer "ausmistete" und sich von seinen Kinderbüchern trennte. Die Kiste war eigentlich bestimmt für meine Nichte, aber da sie noch ein paar Jahre brauchen wird, bis man ihr das mit den Buchstaben erklärt, bin ich erstmal das Zwischenlager. Wirklich eine Schande, dass es so wenig Pferdebücher für Jungs gibt, der Sohn meiner Freundin muss ganz schön verstört gewesen sein nach soviel Einhornglitzer. Betrachten wir es also auch mal als Milieustudie und Konkurrenzbeobachtung für den Fall, dass ich irgendwann mal ein Ponybuch schreibe. Gute Bücher für pferdeliebende Jungs sind jedenfalls dünn gesät, und meine Freundin war mir extrem dankbar, als ich sie an die Blitz-Serie erinnerte.
Die Sternenschweif-Kiste habe ich kurz vor meinem Urlaub aufgemacht. Ich brauchte dringend Lesestoff, aber ich wollte auf keinen Fall noch ein Exemplar meines Bücherstapels für meinen Leseurlaub vor der Abfahrt weglesen. Also lieber ran an die Ponyserie.
Die Bücher lassen sich von einem geübten (erwachsenen) Leser in etwa einer halben Stunde durchlesen. Sie sind sehr schön illustriert und nett geschrieben, man erlebt keine großartigen Tragödien, sondern nette kleine Abenteuer, die einem Kind aber durchaus als Tragödie vorkommen können. Laura, die Heldin, zieht zusammen mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder aufs Land. Um den Kindern den Umzug aus der Großstadt schmackhaft zu machen, schenken die Eltern ihrem Sohn einen Hund, und Laura darf ein Pony haben. Zunächst sieht es so aus, als gebe es keines, das für sie passt, doch als Laura auf einer Auktion das graue, unscheinbare, aber sehr liebe Pony Sternenschweif entdeckt, weiß sie sofort, dass er etwas ganz Besonderes ist. Und tatsächlich: Sternenschweif ist mehr als besonders, er ist in Wirklichkeit ein Einhorn. Nur mit Hilfe eines menschlichen Freundes kann ein solches Einhorn seine wahre Gestalt finden. Laura, sanft auf die richtige Spur gebracht von einer freundlichen älteren Buchhändlerin, findet den Zauberspruch und die dazu gehörige Blume und ist nun eine echte "Einhornfreundin". Nach und nach entdecken Laura und ihr Pony immer mehr Fähigkeiten, die Sternenschweif in seiner Einhorngestalt hat. Er kann sprechen, fliegen, Wunden und Krankheiten heilen, Mut machen, Sternenregen versprühen und ähnliches. Aber es muss ein Geheimnis bleiben, dass er ein Einhorn ist, sonst wären seine Kräfte, alle anderen Einhörner und das magische Land Arkadia in Gefahr.
Die weiteren Abenteuer sind recht ähnlich aufgebaut, sie beginnen meist damit, dass Laura und Sternenschweif nachts durch die Luft fliegen, dann folgt eine kurze Rückschau und Erklärung, in der der Leser erfährt oder daran erinnert wird, was es mit Sternenschweif und seiner Verwandlung auf sich hat. Dies ist nicht unbedingt glücklich gelöst, eine kurze vorangestellte Informationsseite mit immer gleichem Infotext und Personenvorstellung hätte den gleichen Zweck erfüllt, ohne die Geschichte schon auf Seite drei durch diesen immer wiederkehrenden Info-Dump zu unterbrechen, aber okay, das muss wohl so sein. Es geht um Freundschaft, gute Taten, Reitwettbewerbe und Rallyes, Geburtstage und manchmal auch um kleine Krimis beziehungsweise böse größere Kinder und Jugendliche, manchmal werden Kranke oder Verletzte gefunden und gerettet. Die Bücher sind wirklich nett, allerdings wiederholt sich vieles. Wer bis zum 32 Band vorgedrungen ist, hat außer bei Laura noch eine gute Handvoll andere Entdeckungen und Erstverwandlungen von Ponys aus der Nachbarschaft in Einhörner erlebt, mal wird Sternenschweif krank und verliert seine Kräfte, mal erkrankt Laura an einer Krankheit, die nur Einhornfreunde bekommen können. Mal geht es darum, dass Sterneschweif wieder zurück nach Arkadien soll. Aber das ist nun einmal so bei Kinderserien, die prinzipiell auf unendlich angelegt sind. Fazit: ganz nett, sehr lehrreich für den angehenden Ponyroman-Autor, aber ich war doch froh, als ich endlich meinen Bücherstapel in den Koffer packen konnte und verreisen durfte.

Roald Dahl: Charlie und die Schokoladenfabrik
Mächenhafte Geschichte über eine besondere Schokoladenfabrik, über ziemlich verzogene Gören und über Charlie, der ein ganz patenter Junge ist. Oh mann, diese Beschreibungen der unterschiedlichen Schokoladensorten - ich will da hin!

Hans Henny Jahnn: Medea (Reclam)
Eine der bedeutenderen Verarbeitungen des Medeastoffs, inspiriert von Euripides, aber durchaus eigen. Jahnn versucht, den exotischen Charakter der Medea und ihre Einsamkeit in Korinth zu unterstreichen, indem er sie zur Schwarzen macht. Historisch/Mythologisch nicht ganz korrekt, aber wirkungsvoll. Bemerkenswert ist auch, dass sich der Dichter als erster Gedanken über die beiden Söhne Medeas gemacht hat, er gibt ihnen zwar keine Namen, aber ein eigenständiges Profil, Ziele, Gefühle. Am Schluss lässt er sie in einer homoerotischen Begegnung von ihrer Mutter getötet werden, das Ganze hat auf seine handgreifliche Art etwas außerordentlich Zärtliches. Ein sehr ungewöhnliches Medea-Stück, trotzdem oder gerade deswegen verdammt nahe am Euripides.

Labyrinthe (Anthologie zur Storyolympiade)
Die Anthologie zur Storyolympiade 2014/2015. Eine Sammlung der Siegertexte, die mir sehr viel Spaß gemacht haben. Über die vier Erstplatzierten habe ich ja schon hier im Blog geschrieben, aber auch 20 anderen Geschichten können sich sehen lassen. Da gibt es Maislabyrinthe, Irrwege aus Eibenbüschen, Odysseen durch den Cyberspace und Computerspiele, aber auch den legendären Wohnort des Minotaurus. Ritter kämpfen sich durch einen tödlichen Irrgarten voller Aufgaben zur gefangenen Prinzessin vor, unterirdische Gangsysteme und die Kanalisation bergen genau so viel gräuliches Potential wie das unüberschaubare U-Bahn-Netz der Großstadt oder verschlungene Hirnwindungen. Insgesamt ziemlich viel dunkle Phantastik, sehr wenig Science Fiction und reine Fantasy, einiges an Parabelhaftem, vieles ohne Happy End. Alles in allem eine sehr spannende Sammlung, und man sollte die 24 darin veröffentlichten Autoren im Auge behalten, da ist sicher einiges zu erwarten.

Hans Magnus Enzensberger: Mausoleum
Dem Titel ist es schon zu entnehmen, in dieser Gedichtsammlung geht es um Verstorbene, ein Lyrikband mit Gedichten über oder an berühmte Tote, es geht um bedeutende Personen der Geschichte, um Forscher, Politiker, Wissenschaftler, wobei es meist nicht um Ehrung und Huldigung dieser großen Toten geht, sondern Enzensberger geht durchaus kritisch ins Gericht mit den von ihm geschilderten Persönlichkeiten, selbst Alexander von Humboldt wird auf einige dunkle Flecken auf seiner philanthropischen weißen Weste hingewiesen. Unter den Personen, denen hier im Mausoleum ein Platz eingeräumt wird, befinden sich so unterschiediche Menschen wie Gutenberg, Macchiavelli, Leibnitz, Tycho Brahe, Linné, Chopin, Bakunin, Semmelweis, Darwin, Guillotin oder Che Guevara. Das Ganze ist, wie so oft bei Enzensberger, ein sehr kluges Buch, das vom großen Wissen des Autors zeugt und dieses auch vom Leser verlangt. Auch handwerklich untadelig bis großartig. Leider, auch wie so oft bei Enzensberger, sehr kalt und kopflastig, es springt einfach kein Funke über, berührt nur intellektuell und nicht emotional. Das ist vermutlich auch nicht die Intention des Dichters, aber mir fehlt bei seiner Lyrik oft einfach das "mehr", das über das Gesagte hinausgeht. Andernfalls hätte man ja auch einen Fachaufsatz oder ein politisches Programm schreiben können.

Nikolai von Michalewsky: Küsten im Sturm. Grüner Auftrag für "Fortuna"
Geschichte über eine Gruppe von Umweltschützern im Mittelmeer, die auf einer kleinen abgelegenen italienischen Insel eine Kolonie Mönchsrobben betreuen. Wütende Fischer sehen die Tiere als Konkurrenten und machen sie für den Rückgang der Fischbestände verantwortlich. Und dann gibt es noch ganz andere Interessen an der Insel. Ein Roman aus dem Jahr 1988, als der Umweltschutz noch in seinen Kinderschuhen steckte, inzwischen wäre es vermutlich ein Unding, gegen eine Robbenpopulation vorzugehen. Ich kannte bereits den Roman "In gefährlichen Tiefen", in dem ebenfalls das Schiff "Fortuna" eine Rolle spielt, fand diesen zweiten Teil auch nicht schlecht, aber der erste war besser, in sich geschlossener und nicht so sehr vom Zufall bestimmt. Trotzdem ein gut geschriebenes, spannendes Abenteuerbuch, das auch für Kinder im Alter von 46 Jahren noch geeignet ist.

Jonathan Philippi: Mary Island III - Das Geheimnis der dunklen Baracke

Armin Rößler: Cantals Tränen
Sammelband mit Geschichten aus dem Argona-Universum, das derzeit eine Neuausgabe seiner ersten drei Romane erlebt und auf dessen vierten Teil, "Die Nadir-Variante" ich schon seit ein paar Jahren warte. Für die Zwischenzeit gibt es nun einen Band mit Kurzgeschichten aus diesem Universum, in dem man einige der bekannten Personen und Völkerschaften wiedertrifft. Es sind größtenteils Geschichten, die schon in Anthologien erschienen sind, einige kannte ich schon aus der Science-Fiction-Reihe des Wurdackverlags, zwei sind im Corona Magazine erschienen, drei sind erstmals hier zu lesen. Unter den neuen Geschichten gefiel mir am besten "Schwärzer als die Nacht, dunkler als der Tod", in der ein Wissenschaftler versucht, hinter das Geheimnis der Lotsen zu kommen, die universumsweit ein Monopol darauf haben, Raumschiffe durch Wurmlöcher zu steuern. (Interessantweise las ich diese Geschichte auf Helgoland, wo das Lotsenmonopol ebenfalls eifersüchtig gehütet wurde und die wichtigste Lebensgrundlage der Inselbewohner war.) Die Versuche, während der Passage die Hirnströme der Lotsen aufzuzeichnen, bringen jedoch nicht viel, für den Forscher aber hat es die denkbar schlimmsten Folgen. Unter den älteren Storys gefiel mir die Titelgeschichte immer noch sehr gut, es geht um ein seltsames Wesen, das für andere Emotionen fühlbar und sichtbar machen kann, die Abfälle werden in Form von besonderen Tränen abgesondert. Auch Cantal hat diese Fähigkeit, muss sie jedoch als Zirkusattraktion einsetzen, und jeden Abend nach der Vorstellung holt der Direktor sich die Tränen ab, nach denen er süchtig ist. Insgesamt eine schöne, vielschichtige Sammlung aus einem bunten, facettenreichen Universum, über das es mal wieder einen Roman geben sollte.

Samuel Beckett: Molloy
Der erste Teil einer Romantrilogie ("Malone stirbt" und "Der Namenlose" waren im nächsten Monat dran). Der Roman zerfällt in zwei Hälften, wobei die erste diejenige ist, die mir am besten gefallen hat. Eine sehr schöne, melodische Sprache, die gerade beim lauten Lesen sehr viel Spaß macht. Inhaltlich passiert fast nichts, nur dass ein Mann vor einer Stadt herumlungert, Leute und Landschaft beobachtet, nach langer Zeit irgendwie hinein gelangt und auf verschlungene Wegen dann doch zu seiner Mutter kommt. Das Ganze als ununterbrochener innerer Monolog, bei dem man zusehen kann, wie sich die Gedankenwelt des Ich-Erzählers mehr und mehr zersetzt. Ein großes sprachliches Kunstwerk. Die zweite Hälfte scheint sich um eine Art Geheimagent zu drehen. Dieser Moran erhält den Auftrag, Molloy aufzusuchen, nimmt seinen Sohn mit und hat einen ziemlich brutalen Erziehungsstil. Irgendwo auf halber Strecke passiert ein Unfall, darauf schickt er seinen Sohn vor in die Stadt, während er mit gebrochenem Bein liegen bleibt. Er erschießt jemanden. Nach und nach weisen seine Gedanken die gleichen Symptome auf wie bei Molloy, sodass man fast den Eindruck bekommt, es sei die gleiche Person. Als Moran schließlich irgendwann nach Hause kommt, ist Winter, sein Haus steht leer, und alle seine Bienen sind gestorben. Klingt in der Beschreibung ziemlich wirr, das ist es auch, aber sehr gut geschrieben, und ich habe es geradezu verschlungen.



November

Samuel Beckett: Malone stirbt
Zweiter Teil von Becketts Romantrilogie. Wobei Trilogie nicht unbedingt heißt, dass hier die Geschichte von Molloy und Moran fortgesetzt wird. Aber es geht wieder um einen Mann, dessen Gedankenwelt sich langsam zu zersetzen beginnt. Malone sitzt allein in einem Zimmer eines Heimes oder Krankenhauses und dementiert vor sich hin, erinnert sich an das, woran er sich noch erinnern kann, etwa an die Schwester, die ihm ab und zu etwas zu essen bringt, an Sexgeschichten, seine Mutter, das klingt alles ganz ähnlich wie bei Molloy, und vielleicht ist es auch wirklich eine Art noch etwas älter gewordener Molloy, der da langsam seine letzten Gedanken ausfließen lässt. Nicht schlecht, hat mir aber nicht mehr ganz so viel Spaß gemacht wie der "Molloy".

Nicole Rensmann: Niemand
Ist das ein Zufall, dass ich ausgerechnet vor dem "Namenlosen" von Beckett Nicole Rensmanns "Niemand" las? Es gibt mehr Dinge zwischen meinem SUB und meinem SGB, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt ...
"Niemand": Das ist ein Buch, bei dem der Leser immer wieder das Gefühl hat, er müsste sich einfach mal zurücklehnen und sagen: "Ja." Ein zauberhaftes, magisches, vor allem sprachmagisches Buch über das "Niemandsland" - ein phantastisches Reich, in dem es Wesen gibt wie Laberköppe, Stromschwimmer, Arschkriecher, siamesisch verdrillingte Kreischzwerge, das Dumme Würstchen, die Rote Armee, die Wimpernwunschfee Fräulein Klimper, Pin und Nöckel, eine Abrissbirnenkatze (ABK), Drecksäcke, Trauerklöße, den Nikolaus, das Christklind, den Heiligen Geist und den Kampfgeist sowie goldgelockte Giganten-Greislinge. Es gibt Orte wie das Haus vom Nikolaus, das Bockshorn, den Floskelwald, den Arsch der Welt oder das Gar Nichts. Ein Land, dessen Herrscher unsichtbar ist und nur "Niemand" genannt wird und der nun darauf hofft (ein kleiner Gruß nach Phantásien), dass das zufällig über die unsichtbare Grenze ins Land hineingeratene Mädchen Nina für ihn einen Namen finden kann. Der Roman ist ein großartiges, phantastisches Stück tiefsinniger Unsinnspoesie, bei dem man in jedem Satz spürt, wie viel Spaß die Autorin am Erfinden und Beschreiben der tausend und abertausend niemandsländischen Besonderheiten hatte. Eine Wortfreude, die auch auf den Leser übergeht. Ein schönes Buch, ein besonderes Buch, absolut einzigartig. (Aber es gibt ja inzwischen eine Fortsetzung, nur mal so fürs nächste Jahr notiert.)


Samuel Beckett: Der Namenlose
Dritter und letzter Teil der Romantrilogie. Ein neuer Held. Oder der alte unter neuen Namen bzw. Nicht-Namen? Der Protagonist bzw. eigentlich der "Non-Agonist" sitzt völlig passiv da und lässt seinen inneren Monolog fließen, reflektiert, soweit sich das noch feststellen lässt, Dinge, die auch Molloy und Malone beschäftigt haben, Sex, Alkohol, seine Mutter und andere Frauen, dabei lösen sich nicht nur die Gedanken auf, sondern zum Schluss auch die Sprache. Sehr anstrengend, aber ich habe ja dieses Jahr den "Ulysses" überlebt, damit lässt sich auch der "Namenlose" durchstehen, der sich eindeutig an Joyce orientiert. Irgendwann erwähnt der Namenlose, dass er in einem Topf oder Krug steckt, und ich wurde die Bilder von Eurystheus in dem Bronzetopf aus den alten Herakles-Trickfilmen nicht mehr los. Wobei man ja nicht weiß, ob der Ich-Erzähler nun tatsächlich in einem Topf steckt oder sich das nur einbildet oder ob er gar nicht mehr weiß, was ein Topf ist, und das Wort für was-auch-immer benutzt. Immer wieder fallen Namen. Mahood, ein Bekannter oder Freund aus alten Zeiten, am häufigsten. Viele mit "M", und außer Murphy tauchen dann auch Molloy, Moran und Malone auf. Alte Identitäten des sich Auflösenden? Oder Brüder im Nicht-Geiste? Fazit: Eine interessante Trilogie, eine Entwicklung von intellektuellen Auflösungserscheinungen, sehr überzeugend nachvollzogen. Als Roman und Klanggebilde hat mir der erste Teil am besten gefallen, als literarischen Meilenstein, nicht nur in Becketts Werk, muss man vor allem den letzten Teil würdigen. Keine leichte Kost, aber nicht schlecht.

Bergengrueniana III
Drittes Jahrbuch der Werner-Begengruen-Gesellschaft. Enthält als kleine Kostbarkeit wieder einen Auszug aus dem "Compendium Bergenguenianum", eine Art zeitloses Tagebuch des Dichters mit Notizen, Gedanken, Aphorismen, Betrachtungen über Sprache und Stil, diesmal auch etwas zum Thema Plagiate. Es gibt in diesem Band auch eine "Einführung ins Compendium Bergengruenianum" von Maria Schütze-Bergengruen, einer Tochter des Dichters. Als Zeitzeuge berichtet Albert von Schirnding über Bergengruen in der NS-Zeit, Otto Betz trug einen Aufsatz über Bergengruens Lyrik bei, von Günter Schmidt gibt es ebenfalls einen Beitrag über die Lyrik des Autors, eine Analyse des Gedichts "Der erste Patrouillenritt", ferner ist ein Artikel von Peter Steinbach zum Thema "Innere Emigration" enthalten. Bemerkenswert die Laudatio an Bergengruen-Preisträgerin Felicitas Hoppe. Der Bruder der Autorin hatte nämlich seine Doktorarbeit über Bergengruen geschrieben und konne so als mit beiden Autoren vertrauter Fachmann sehr interessante Gemeinsamkeiten in beider Werken herausarbeiten.

Herzog Ernst (Reclam)
Eines der phantastischsten mittelalterlichen Versepen - und darüber hinaus eines, das ein internationales und interkulturelles Epos ist, das Bezüge zum Orient hat und eine Parallele zu den Märchen aus Tausendundeiner Nacht, nämlich zu den Abenteuern Sindbads des Seefahrers. Herzog Ernst, der Held des Epos, ist, wie so oft in solchen Dichtungen, ein Held ohne Fehl und Tadel, fromm, tapfer, freigiebig und tüchtig. Als seine verwittwete Mutter zur neuen Braut des Kaisers auserkoren wird, avanciert er darüber hinaus zum Liebling des Kaisers und hat Aussichten, dessen Erbe zu werden. Doch das erweckt auch Neid, ein Verleumder macht den Herzog beim Kaiser schlecht, der Herzog muss nach einigen Kampfhandlungen außer Landes fliehen und gerät in exotische, südliche Länder. Unter anderem in eine Stadt, die von Kranichen bewohnt wird, und an einen gefährlichen Magnetberg, der alles Metall an sich zieht und nie wieder loslässt, also auch nicht die Schiffe, deren Nägel er festhält. In dieser Situation kommt ein Riesenvogel, der auf Beutesuche ist, gerade recht. Ernst und seine Gesellen nähen sich schließlich in Rinderhäute und lassen sich von dem Tier als "Futter" für dessen Nachwuchs aus der Gefahrenzone fliegen. (Ähnliches gibt es außer im Sindbad auch im Gudrun-Epos.) Nach vielen weiteren Abenteuern hat Ernst es im Orient zu Ansehen und Reichtum gebracht. Es geht nun darum, den Kaiser zu versöhnen ...
Gut kommentierte zweisprachige Ausgabe. Gut lesbarer hochdeutscher Text, der aber gern etwas "poetischer" hätte ausfallen dürfen.

Åsa Böker: Im Glanz der Welten

Hermann Hesse: Der Steppenwolf
Kultbuch einer Generation, der ich nicht angehöre. Ich hab's lange vor mir hergeschoben, auch weil ich vor Jahren mal in Hesses "Narziss und Goldmund" stecken geblieben war und nicht so umwerfend viel von der dort genossenen Schreibkunst des Auors hielt. Als ich jetzt den "Steppenwolf" doch noch vornahm, war ich verblüfft und geriet dann in ein Lesefieber. Das Irre an der Sache ist, dass Hesse hier ein Problem behandelt, das ich damals anhand des "Jungen Deutschlands" beobachtet habe. Bei Mundt, Kühne, Grabbe und Lenau war es mehr als Gegensatz zwischen den Typen "Faust" und "Don Juan" definiert, Hesses Held trägt ebenfalls wie Goethes Faust "zwei Seelen, ach, in seiner Brust", hier der kulturliebende Bildungsbürger Harry Haller und das in ihm lebende zynische, triebgesteuerte Tierwesen, das er als Steppenwolf bezeichnet. Ich bin sehr wach geworden, als ich Textstellen gefunden habe, die fast wörtlich mit Stellen aus Mundts "Madonna" und seinen "Modernen Lebenswirren" und Kühnes "Quarantäne im Irrenhause" zusammenfallen. Und Hesse zitiert auch ausschweifend die beiden Kerntexte, die in diesen Büchern ebenfalls als identitätsstiftende Grundlage dienen: Goethes "Faust" und Mozarts "Don Giovanni" / "Don Juan". Ich muss mich mal näher mit Hesse beschäftigen und ihn auf seine Prägung durch das Junge Deutschland hin abklopfen. Ich meine, da war mal was mit Georg Büchner ... Hesse findet jedenfalls eine hochinteressante Art der Auflösung für diesen Seelenzwiespalt und zwar über die indische Seelenlehre, die den Jungdeutschen damals noch nicht so zur Hand war. Er stellt klar, dass eine Person eben nicht aus nur zwei "Seelen" besteht, die miteinander im Streit liegen, sondern aus mehreren Hundert oder Tausend Komponenten zusammengesetzt ist, die sich auch je nach Situation neu organisieren beziehungsweise sich je nach Situation neu zusammenstellen lassen. Eine Idee, auf die die Jungdeutschen, ohne große Beziehungen zu Indien und obendrein lange vor Freud, nicht kommen konnten. Und wohl auch nicht kommen wollten, bei ihrem Sinn für das "In-Dividuum" und ihrer Suche nach Identität. Hochinteressanter Ansatz, wenn auch nicht der meine. (Nicht ganz mitgehen möchte ich allerdings als Tierfreund und Wolfsliebhaber bei der Bezeichnung "Steppenwolf" für die Ansammlung von negativen Eigenschaften, überdies sind gerade Wölfe hochsoziale Tiere und keine Eremiten und Sonderlinge, auch in der Steppe nicht. Aber das steht auf einem anderen Blatt.)

J. D. Salinger: Der Fänger im Roggen
Klassiker, Bestseller, Weltliteratur ... Das Buch ist nicht unbedingt schlecht, aber ich hab es nicht so mit diesen Ami-Teeny-Highschool-Zeugs. Der Held und Ich-Erzähler ist 16 Jahre alt, schon mehrfach von diversen Schulen geflogen, und auch jetzt fliegt er aus seinem Internat, weil er schlechte Noten hat. Er bricht ein paar Tage vor Schulschluss auf, verbringt eine Nacht im Hotel, versucht, mit einer Prostituierten zu schlafen, bekommt dann aber kalte Füße, ist ansonsten mächtig am Pubertieren, regt sich über die Verlogenheit der Erwachsenen auf, wird von einem ehemaligen Lehrer beinahe unsittlich berührt, ist superfürsorglich gegenüber seiner kleinen Schwester. Sicher ein gut geschriebenes und erfolgreiches Buch, aber dieses Pubertierendengedöns ist einfach nichts für mich.

J. K. Rowling, John Tiffany und Jack Thorne: Harry Potter und das verwunschene Kind
Ich war skeptisch, aber, ja, es stimmt: Die Welt der J.K. Rowling und ihres Zauberlehrlings hat in all den Jahren nichts von ihrem Zauber verloren. Es ist ein neues Medium, wir haben es mit einem Theaterstück zu tun, aber nach nur ein paar Seiten ist man wieder "drin" in der Welt. Und in dieser Welt passiert etwas, das absolut widernatürlich scheint: Harry Potters Sohn wird der beste Freund von Draco Malfoys Sohn, und der sprechende Hut schickt ihn ins Haus Slytherin. Die beiden versuchen, mit Hilfe eines Zeitumkehrers Cedric Diggory, der damals beim trimagischen Turnier ums Leben kam, zu retten. Allerdings verändern sie damit den weiteren Verlauf der Geschichte. Mit jedem weiteren Versuch der beiden, in das Zeitgefüge einzugreifen, wird die Gegenwart furchtbarer und dunkler - bis hin zu einer Weltherrschaft Voldemorts. Schließlich greifen Harry und seine Freunde ein, reisen weit in die Vergangenheit und sorgen dafür, dass Voldemort, wie gehabt, im finalen Kampf um Hogwarts besiegt werden kann. Doch dies bedeutet auch, dass weder Cedric gerettet wird noch jener andere Mord verhindert werden kann, mit dem alles anfing: Harry muss tatenlos zusehen, wie Voldemort seine Eltern tötet. Die Idee, dass man in der Vergangenheit nicht einfach ein oder zwei Details ändern kann, ohne einen hohen Preis in der Gegenwart zu zahlen, ist nicht neu. Aber die Geschichte ist spannend und mitreißend erzählt, auch das neue Potter-Abenteuer ist ein Buch, das man nicht aus der Hand legen kann und erst weit nach Mitternacht oder im Morgengrauen, wenn man es durchgelesen hat, zur Seite legt. Die Umsetzung als Drama ist zunächst etwas irritierend, doch man hat sich schnell eingelesen. Gut gemacht.

Georg Rittschlag: Das Asyl auf dem Felseneiland
Geschichte zweier Jugendfreunde, die sich nach Jahren auf Helgoland wiederfinden. Altertümlich und ziemlich schwülstig, heutzutage würde wohl keiner mit solch para-homoerotischem Geseufze seines Klassenkameraden gedenken, und für die "Empfindsamkeit" ist das Buch auch schon etwas spät dran. Interessant ist, dass sich hier Spuren des gescheiterten Revolutionärs Harro Haring auf der Insel finden, Auszüge seiner "Möwe" werden zitiert. Der überwiegende Teil aber sind Tiraden des Freundes, der mit dem auf dem Festland existierenden Christentum nicht zufrieden ist und endlose Exzerpte aus Predigten und Erbauungsschriften auflistet und als unchristlich verwirft. Heutzutage kaum noch zu genießen, aber als Zeitdokument nicht uninteressant.

Michael Stoffers: Unheimliche Freunde

Herbstlande

Kim Scheider: Der rote Feuerstein und das Geheimnis von Atlantis

Yvonne S. Bonnetain: Loki. Beweger der Geschichten
Umfangreiche Dissertation über den rätselhaftesten Gott der Germanen. Das Buch bietet eine Sammlung der Mythen, die über Loki bekannt sind, stellt die unterschiedlichen etymologischen Deutungsversuche des Namens vor und gibt eine sehr gute, umfassende Übersicht über die Interpretationen, die man der Funktion Lokis beilegte, von der Klassifikation als Feuergott oder Todesgottheit, Teufelsgestalt oder Dämon bis hin zum wohl bekanntesten Etikett, das man ihm anheftete, nämlich das des "Tricksters". Bonnetain verwirft so gut wie alle diese Ansätze und arbeitet einen neuen Aspekt heraus, den ich so bisher noch nicht gesehen habe: Ausgehend von Abbildungen des Todes Balders überlegt sie, ob nicht Loki als Beauftragter Odins gehandelt hat und es hier nicht um einen Mord, sondern um ein Ritual gegangen sei, eine rituelle Opferung des lichten Gottes, veranlasst und gebilligt durch Odin selbst. Balders Tod sei demnach beschlossen gewesen und von Odin möglicherweise gezielt ins Werk gesetzt, um Balder vor dem Weltuntergang / Ragnarök in die Unterwelt in Sicherheit zu bringen und von dort aus seine Auferstehung als neuer Götterkönig und Weltherrscher zu gewährleisten. Damit wäre dann auch das geheimnisvolle letzte Wort, das Odin seinem toten Sohn ins Ohr geflüstert hat, erklärt. Loki wäre dabei als Stellvertreter, Beauftragter oder als ein Aspekt Odins zu denken und führe die unangenehme Tat aus, die der Götterkönig in eigener Gestalt niemals hätte vollbringen können oder dürfen. Bonnetain bringt auch die wechselnde Rollen Lokis als Freund und Feind der Götter recht elegant unter einen Hut, indem sie ihn als einen "Beweger der Geschichten" definiert. Loki sei immer derjenige, der die Weiterentwicklung, die Folge der Geschlechter und Äonen vorantreibe. So sei er es gewesen, der zunächst pro-asisch den Bau der Götterburg mit forciert und anschließend den Hauptgöttern Odin, Thor und Freyer ihre Attribute und Waffen verschafft habe, er ist aber auch derjenige, der dann die Weltgeschichte weiter vorantreibt, noch über das Asengeschlecht hinaus, und nach ihrem Wachstum und ihrer Fortentwicklung nun auch ihren Absturz beschleunig. Damit wäre er wohl als so etwas wie ein Geschichtsprinzip zu verstehen. Sehr interessanter Gedanke. Ich frage mich nur, ob das nicht ein etwas zu abstraktes Modell für die Germanen war. Den Griechen oder Indern hätte ich eine solche Denkweise eher zugetraut.

Wolfram von Eschenbach: Titurel
Mittelalterliches Versepos aus der Feder von Wolfram von Eschenbach. Das Werk blieb unvollendet, es gibt jedoch noch einen "Jüngeren Titurell", in dem ein anderer Autor versucht, Wolframs Werk fortzusetzen. Zunächst einmal der Hinweis, dass sich hinter dem Titel "Titurel" nicht die Geschichte eines Mannes namens Titurel verbirgt, sondern die Geschichte des Liebespaares Sigune und Schionatulander, die im Parzifal eine Rolle spielt. Dort traf Parzifal dreimal auf seine Cousine Sigune, die um den toten Schionatulander klagte. Wobei vermutet wird, dass "Sigune" ein Anagramm aus Cousine" sei (die Rechtschreibung hat sich inzwischen gewandelt). "Titurel" heißt das Buch, mittelalterlicher Konvention gemäß, weil Gralskönig Titurel die erste Person ist, die im Buch vorkommt. Eine weitere Besonderheit: Schionatulander ist der erste Mensch, von dem ich gehört habe, er sei durch eine Hundeleine ums Leben gekommen. Es ist überhaupt eine ganz erstaunliche Hundeleine, die in diesem Epenfragment vorkommt. Unheimlich lang und breit muss sie sein, damit nicht nur die zahlreichen Edelsteine, mit denen sie geschmücht sein soll, sondern auch ein Liebesbrief, der einen Abenteuerroman enthält, auf ihr Platz haben. Ganz schön schräg. Aber im Parzifal ist Sigune ja auch etwas merkwürdig und dazu noch nekrophil.

Hermann Hesse: Narziß und Goldmund
Das Buch hat mir vor Jahren mal eine Freundin als ihren Lieblings-Hesse empfohlen. Ich habe damit angefangen, bin aber stecken geblieben. Jetzt, nach der positiven Lektüreerfahrung des "Steppenwolfs" fing ich es nochmal an und kam damit zu Ende. Naja, so schlecht ist es nicht. Hesse stellt zwei junge Klosterschüler dar, der eine zum strengen, logischen, wissenschaftlichen Streben, der andere zum Künstler und Liebenden berufen. Vorwiegend wird das bewegte Leben Goldmunds geschildert, der aus dem Kloster wegläuft, sich als Landstreicher und Frauenliebhaber durch die Welt schlägt und schließlich ein großartiger, genialer Holzschnitzer wird. Ja, die Darstellung beider Typen ist sicher überzeugend. Aber bei aller Verachtung der guten Ratschläge aus Schreibratgebern: An dem Buch merkt man doch, dass man das Gesetz "Show, don't tell" nicht ungestraft über längere Strecken vernachlässigt. Es werden zu oft und zu weitläufig innere Zustände Goldmunds beschrieben, das ist auf die Dauer etwas ermüdend. Aber das ist natürlich auch unserer heutigen Erzähl- und Lesegewohnheit geschuldet.

Kerstin Groeper: Im fahlen Licht des Mondes

Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita
Phantastischer Klassiker aus Russland, absolute Pflichtlektüre. Der Teufel taucht in Moskau auf und wirbelt die dortigen Literatureinrichtungen, Behörden und Einkaufszentren ganz schön durcheinander. Es wird ein ausschweifender Hexensabbat bzw. Teufelsball gefeiert, und Margarita als Ballkönigin des Teufels nutzt ihre Position schließlich, um ihren Geliebten, den namenlosen Meister aus der Irrenanstalt zu holen und sein vernichtetes Manuskript eines genialen Romans über Pontius Pilatus zu retten. Phantastisch, skurril, magisch, einfach gut.

Klaus Doderer: James Krüss. Insulaner und Weltbürger
Enttäuschend. Das Ding war bezeichnet worden als "Biographie", aber es ist nichts weniger als das. Klaus Doderer hat dieses Buch mit Unterstützung der Familie von James Krüss geschrieben, heißt es, er selbst war offenbar mit dem Schriftsteller befreundet. Aber das alles spürt man nicht beim Lesen. Mag sein, dass da jemand mit einer Schere im Kopf geschrieben hat, weil es um einen Menschen ging, mit dem er sehr eng befreundet war, mag auch sein, dass er irgendwie befangen war und die Familie es auch nicht so privat haben wollte. Aber es fehlt so ziemlich alles, was eine Biographie ausmacht. Der erste Teil, wohl der biographische Teil, ist ein kurzer Abriss seines Lebens, nennt halt ein paar Daten, enthält aber so gut wie nichts, was über das rein Lexikalische hinausgeht. Mensch, wenn jemand die Geschwister von James Krüss als Informationsquelle zur Verfügung hat, dann muss er doch einfach ein bisschen mehr zu erzählen haben, Erlebnisse, Anekdoten, Aussprüche, Farbe. Über die Familie und Herkunft - nichts, gerade mal den Beruf des Vaters und die Anzahl der Geschwister erfährt man. Wie lange lebte die Familie schon auf Helgoland? Waren es sehr alt Eingesessene oder noch relativ neue Insulaner? Wie verläuft eine Kindheit und Jugend auf Helgoland? Wie war er als Bruder - nett, freundlich, verantwortungsvoll oder ein Kleineschwesteradventskalenderplünderer? Nichts über Krüss als Schüler. Was waren seine Lieblingsfächer? Wie waren seine Deutschnoten? Am Rande wird erwähnt, er hätte aus Ärger über einen Lehrer, der die Schüler immer kniff, eine Zeitung gegründet, die Kneifzange. Hallo? Man erfährt nicht den Namen des Lehrers und die Fächer, man erfährt nicht einmal, ob Krüss selbst gekniffen worden ist. Und was stand nun in der Zeitung drin? In jeder ordentlichen Biographie wäre das mindestens eine Seite gewesen. James Krüss kam als viel zu junger Mensch in die Armee und war Flakhelfer, er war nach dem zweiten Weltkrieg bedingungsloser Pazifist. Kein Wort über seine Erlebnisse im Krieg, keine Briefe, nichts. Es ist, als sei dieser Mensch nach dem Krieg aus dem Nichts gekommen und von Null auf Hundert zum Shooting Star der Kinderliteratur geworden. Aber kein Mensch kommt aus dem Nichts, nicht in einer Biographie. Einmal wird kurz erwähnt, er sei wegen seiner Homosexualität angefeindet worden. Ich wusste nicht, dass Krüss homosexuell war, das wäre doch zumindest ein Kapitel wert gewesen. Hier ist es nur ein Satz. Wie war das? Gab es eine Hetze durch alle Medien hindurch? Wie hat er reagiert? Hat er geschwiegen? Sich leise oder lautstark verteidigt? Wie hat sein Freundeskreis reagiert? Nichts? Wie hat er es selbst gemerkt, dass er auf Männer stand? Das muss doch der totale Hammer für ihn gewesen sein. Das Buch schweigt. Schließlich zog er mit seinem Lebensgefährten Dario nach Spanien, nach Gran Canaria. Wie lebt man als Pazifist, politisch engagierter Weltbürger, Deutscher und Homosexueller in Spanien unter Francos Diktatur und mit katholischen Nachbarn? In jeder anderen Biographie hätte sich ja zumindest eine Beschreibung gefunden, eine kurze Charakteristik seines Lebensgefährten. Was war/ist das für ein Mensch, wie haben sie sich kennen gelernt? Nichts. Stärker ist Doderer im literaturwissenschaftlichen Teil, in dem er die Werke des Autors beschreibt und ein paar Motiv- und Traditionslinien herauszuarbeiten versucht. Aber über den Menschen und sein Leben erfährt man so gut wie nichts, nur ein paar Sachen über den "fertigen" Autor James Krüss, seine Freundschaften mit namhaften Kollegen, seine Reisen und sein ungeheures Talent, sich fremde Sprachen anzueignen. Sicher beeindruckend. Aber zu wenig. Schade.

Jutta Ehmke: Eulenland

Ransom Riggs: Die Insel der besonderen Kinder
Geschichte über einen jungen Mann, dessen Großvater früher viel über seine Kindheit auf einer Insel und seine Freundschaft mit "besonderen Kindern" erzählt hatte. Der Großvater redete von einer Art Heim, geleitet von einem Habicht, der Pfeife rauchte. Von einem Jungen, der einen Bienenschwarm in sich beherbergte, von einem Mädchen, das fliegen konnte, einem Kind mit einem zweiten Mund am Hinterkopf, superstarken, flugfähigen Kindern und so weiter. Später erfährt der Enkel, dass sein Großvater als jüdisches Kind aus Deutschland fliehen musste, seine gesamte Familie im Holocaust verloren hat und dass diese Kinder im Heim eben tatsächlich "besondere Kinder" waren, weil sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ausgesondert wurden, besonders auch, weil sie überlebten, eben auf dieser besonderen Insel. Es sieht so aus, als habe der Großvater, der im Alter schon etwas tüddelig geworden ist, für sich dieses Märchen erfunden und die Wahrheit darin verpackt. Aber dann wird der Großvater eines Tages von einer furchtbaren Bestie umgebracht, die außer ihm nur der Enkel sehen kann. Der Enkel macht sich auf die Spurensuche und begibt sich auf die Insel des Großvaters. Und stellt fest: Es gibt diese besonderen Kinder wirklich, superstarke, flugfähige, bienenbeherbergende Kinder mit besonderen Begabungen aller Art. Sie leben seit der Auslöschung des Heims durch eine Fliegerbombe der Nazis in einer Zeitblase, geschaffen von der Heimleiterin, die nicht nur magische Fähigkeiten hat, sondern auch Pfeife raucht und sich in einen Greifvogel verwandeln kann. Doch die scheinbare Sicherheit der besonderen Kinder ist bedroht, die Monster sind auf der Suche nach ihnen ...
Das Buch ist spannend und stellenweise unheimlich, vor allem wirkt es durch die zahlreichen historischen Fotos darin, verstörende Aufnahmen sind darunter, alles künstlerisch wertvoll, aber auch mit viel brrr-Effekt. Fotos wie aus Freakshows eben, die durch Beleuchtung oder winzige Details um einen halben Grad neben die Wirklichkeit geraten wirken. Ein ziemlich gutes Buch mit einem etwas zu schnell dahingehuschten Ende, das dann doch kein richtiges Ende ist, sondern den Ausblick auf den folgenden Band eröffnet. Dass es ein Mehrteiler war, ist mir erst da klargeworden, da hängt man dann als Leser ein bisschen in der Luft. Kein schlechtes Buch, aber ich weiß noch nicht, ob ich mir Teil 2 anschaffen werde.


Hörbuch

Elea Eluanda 1: Das Labyrinth der blauen Eulen



Dezember

Gunnel Linde: Tina zaubert Geburtstage
Nettes Kinderbilderbuch über ein Mädchen, das morgens im Bett versucht zu zaubern. Tina sagt ihren Zauberspruch auf und wünscht sich, dass sie Geburtstag hat und alle mit Geschenken hereinkommen. Das passiert tatsächlich, wohl aus Zufall. Dann versucht sie es in der Schule und auf der Straße noch ein paarmal mit ihrem Zauberspruch Manchmal klappt es, manchmal nicht. Sehr liebenswert und humorvoll.

Fabienne Siegmund, Thilo Corzilius: Das Mädchen und der Leuchtturm

Holger M. Pohl: Im Schatten der Hondh
Gelungene und superspannende Fortsetzung des Bandes "Fünf für die Freiheit", wieder mit ausgesprochen einprägsamer Personenzeichnung und gut ausgearbeiteten zwischenmenschlichen Beziehungen und Interaktionen. Fünf Agenten dringen im Auftrag des Den-Haag-Instituts hinter die Linien der Hondh vor und suchen nach Informationen über die geheimnisvollen Eroberer. Es gibt eine Notlandung, Fluchten, neue Verbündete und einen Hinweis auf die Vorfahren der Hoc. Offenbar sind die Angehörigen dieses Volkes nicht nur immun gegen die mentale Beeinflussung durch die Hondh, die fremden Eroberer haben sogar eine schwere Niederlage durch sie erlitten und haben mächtig Schiss vor ihnen. Der Handlungsstrang gehört zu den besten innerhalb der Serie. Ich bin gespannt, was aus dem Hoc wird ...

Malcolm Max: Gesamtausgabe 1
- Body Snatchers
- Auferstehung
- Nightfall
- Das Teufelsdutzend
Der Splitter-Verlag versteht es wirklich, besondere Bücher zu machen. Zur Feier des zehnten Verlagsgeburtstags gab es jetzt diese opulente Gesamtausgabe des Malcolm-Max-Comics, eine edle Hardcover-Ausgabe und so kostbar eingebunden, dass man sich fast gar nicht traut, das Buch anzufassen oder gar aufzuschlagen. Im Inneren finden sich nicht nur der Alben-Dreiteiler, sondern auch eine bisher unveröffentlichte Kurzgeschichte des Autors Peter Mennigen über ein Abenteuer des Helden auf einem Friedhof voller Untoter, einige Skizzen des Zeichners Ingo Römling sowie ein Interview mit den beiden Machern des Comics. Der Albendreiteiler berichtet über die Abenteuer Malcolms und seiner halbvampirischen Begleiterin Charisma mit einem irrsinnigen und perversen Erfinder, der fast unzerstörbare und supergehorsame Arbeitsroboter erschafft und diesen die Hirne frisch Verstorbener, oft hingerichteter Verbrecher, einpflanzt. Allerdings ist das erste Experiment schief gegangen, das Gehirn eines enthaupteten Sereinmörders konnte nicht "gefügig" gemacht werden, der Verbrecher nutzt den neuen Körper zur Fortsetzung seiner Untaten und überzieht London mit einer Serie an Bluttaten, die der etwas eingeschränkte Polizeichef ausgerechnet Malcolm Max zur Last legt. Der Leser erlebt eine abenteuerliche Flucht aus dem Tower, großformatigen Steampunk-Horror mit Leichenfledderern und Frauenmördern, einen atemberaubenden Schwertkampf im Zeppelin der von Monster-Robotern bedrohten Queen und eine schöne und gefährliche Charisma, die in den Kampfszenen zulangt, als sei sie Mitglied der X-Men. Dazu die schrägen und schnippischen, in herrlich verschrobener altertümelnder Schriftsprache abgefassten Dialoge des Heldenpaars und die überwältigenden großformatigen Seiten, einfach ein Erlebnis. Bleibt zu hoffen, dass das Duo Mennigen/Römling mit diesem Werk nicht seine letzte gemeinsame Arbeit abgeliefert hat. Ich schreie schon mal zweimal "Hier" - für wenn es weitergeht ...

Miriam Rademacher: Talisman und die blauen Rästsel

Dirk van den Boom: 1713 (D9E)
Für mich bisher der Höhepunkt der Serie. Der gnadenlos und präzise durchexerzierte Sturz der Roboterzivilisation 1713. Der Autor schafft es, dem Leser diese gefühllosen und rein logisch funktionierenden Wesen derart ans Herz wachsen zu lassen, dass es extrem wehtut, als die Hondh sie auslöschen. Das ist große Kunst.

Hildesheimliche Autoren: Tatort Hildesheim. Zehn Kneipenkrimis
Zehn Kneipenkrimis aus der Feder von zehn Hildesheimlichen Autoren. Richtig gut gefallen hat mir die Geschichte von Peter Hereld, der das "be bop" wieder aufleben lässt, sehr schön auch Bernward Schneiders Krimi über seinen Anwalt Michael Bendis, der schon einmal die Hauptfigur in einem Hilldesheimer Lokalkrimi Schneiders war. Es gibt einen historischen Kriminalfall aus der Zeit der Hexenverbrennung, ein vergiftetes Pilzgericht, Hühnerdiebstahl, eine Entführung, einen diebischen Koch, etwas Liebe, Filmaufnahmen, palettenweise verschwundene Elektrogeräte und sehr viel Lokalkolorit. Für Hildesheimer und Gäste sicher ein kriminell gutes Mitbringsel.



Hörbuch

Elea Eluanda 2: Der Elefantengott

Elea Eluanda 3: Ezechiel, die Weihnachtseule

Edith Nesbit: Der Ebenholzrahmen
Grusel-Hörspiel über einen jungen Mann, der eigentlich bereits die Frau gefunden hat, die er um ihre Hand bitten möchte. Nun macht er eine Erbschaft, erbt ein Haus und viel Geld, außerdem zahlreiche Bilder, allesamt sehr kostbar und geschmackvoll. Doch in einem besonders aufwändig gestalteten Ebenholzrahmen hängt einfach nur ein billiger Kunstdruck, der die Augen des jungen Erben geradezu beleidigt. Er sucht nach dem ursprünglichen Gemälde und findet es schließlich auf dem Dachboden. Es ist das Porträt einer wunderschönen Frau, die er in einem früheren Leben geliebt hatte. Eine Liebe, die stärker ist als der Tod. Oder zumindest eine Liebe, die mit HIlfe des Teufels den Tod besiegen kann. Denn so lange sich das Porträt in dem von Höllendämonen angefertigten Ebenholzrahmen befindet, kann die Geliebte heraussteigen. Der wiedergeborene junge Mann kann sie endgültig zu sich ins Leben zurückholen und sich wieder mit ihr vereinigen, wenn er sich ebenfalls dem Teufel verschreibt. Aber dann bricht im Schloss ein Feuer aus ...
Gut gemachtes Hörspiel mit viel Atmosphäre und einer spannenden Geschichte. Könnte stellenweise etwas gestrafft werden. Einen halben Punkt Abzug für den zufällig entstandenen Brand. Bei so kurzen Werken sollte es keine Zufälle geben, sondern eine lückenlose Choreografie und und Motivationskette.

Mark Brandis, Raumkadett 2 - Verloren im All
Die Abenteuer des jungen Mark Brandis, bevor er zum legendären Kommandanten der Delta VII wurde ... Teil 2 der Serie setzt dort ein wo, der erste endete: Mark Brandis darf, nach seiner Feuertaufe aus "Klabautermann" und blinder Passagier, tatsächlich an der Astronautenausbildung der VEGA teilnehmen. Er ist der Jüngste im Kurs und zeigt in der ersten Trainingseinheit bereits, was in ihm steckt. Auf einem ersten "Raumflug" geht so ziemlich alles schief, Erschütterungen des Schiffes, Ausfall aller Verbindungen nach außen und zur Brücke, und fünf Azubi-Raumfahrer allein im Maschinenraum eingeschlossen. Das Szenario ist beängstigend, und die jungen Kadetten müssen damit rechnen, auf ewig steuerlos durchs All zu trreiben. Doch langsam werden sie zu einem Team und schaffen es, das Notfall-Programm aufzulösen. Das Abenteuer des jungen Mark Brandis ist erneut ein Hörgenuss und knüpft nahtlos an die hohe Qualität der "großen" Mark-Brandis-Hörspiele an.Das Ende ist zwar ein wenig vorhersehbar, aber das tut der Spannung, die ja zum Großteil auf den zwischenmenschlichen Reibereien im Team und deren Überwindung beruht, keinen Abbruch. Die Fortsetzung ist gelungen.

Dat Späl von Dokter Faust: Goethes Faust als plattdeutsches Hörspiel
Goethes Faust auf Plattdeutsch, ein schönes Stück Literatur, das mir viel Spaß gemacht hat. Es ist nicht der ganze Faust, sondern nur rund eine Stunde, aber die Kernzitate sind drin, zum Beispiel: "Dor stah ick nu, ick arme Narr, un wüßt giern, wat ick dorvon harr!" Empfehlenswert. Ihr solltet es allerdings nicht im Autoraio hören, sondern besser zu Hause, das Motorgebrumm hat bei mir etwas gestört, in der semi-fremden Sprache musste ich schon manchmal etwas genauer hinhören.


Teil I: Januar bis März 2016
Teil 2: April bis Juni 2016
Teil 3: Juli bis September 2016

© Petra Hartmann


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Jahresrückblick III: Juli bis September 2016

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 29 December 2016 · 986 Aufrufe
Jahresrückblick
Dritter Teil meines Rückblicks auf mein persönliches Lesejahr. Im dritten Quartal finden sich wieder ein paar sehr dicke und sehr spröde Schinken aus der Weltliteratur, ein wenig Fantasy und Comics, viele eBooks. Viel Spaß beim Stöbern und Mitlesen!

Legende:
Ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den Text in der eBook-Fassung gelesen habe.
Blaue Schrift weist auf herausragend gute Bücher hin.
Rot markiert sind Bücher, die ich so abgrundtief schlecht finde, dass ich euch ausdrücklich davor warne.
Bei verlinkten Titeln landet ihr auf ausführlicheren Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

Juli

Die Welten von Thorgal: Kriss de Valnor 6 - Die Insel der verlorenen Kinder

Jan-Eike Hornauer: Das Objekt ist beschädigt

Edward Bulwer-Lytton: Die letzten Tage von Pompeji
Historischer Roman, absoluter Klassiker. Sehr spannend geschrieben, und wenn man sich erstmal eingelesen hat, ist man in einem Rutsch durch. Die Sache mit dem intriganten Ägypter ist natürlich etwas ... Ist halt ein abenteuerliches Spektakel mit großen historischen Kostümen.

Tassilo 15 - Das achte Reich

Eduard Mörike: Maler Nolten (e)
Künstlerroman in dunkelromantischem Setting. Mit dem Drama "Der letzte König von Orplid" als Einlage und vielen bekannten Gedichten. Ich hatte das Buch Anfang der 1990er in der Insel-Ausgabe gelesen (damals hatte ich mich auch näher mit Orplid und den beiden Orplid-Dramen von Mörikes Freund Ludwig Bauer befasst), hatte aber ganz vergessen, wie düster der Roman ausgeht.

August

Heinrich Heine: William Ratcliff (e)
Eine von Heines beiden Tragödien, die beide kein Glück auf dem Theater hatten. Ich mag den Ratcliff lieber als den Almansor, seine düstere Stimmung, die Geschichte. Aber als Prosastück hätte er sicher mehr Erfolg gehabt.

Hans-Jürgen Fischer: Schreiben gegen das Abgeschriebensein
Eine Masterarbeit über eine Schreibwerkstatt für Langzeitarbeitslose. Sie besteht aus einem theoretischen Teil, der sich mit den politischen Ursachen und den sozialen und psychischen Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit befasst, hierauf wird das Konzept einer Schreibwerkstatt entwickelt, das den Betroffenen helfen und durch die Entdeckung eigener Fähigkeiten ihr Selbstwertgefühl stärken soll. Das Buch enthält auch eine Dokumentation der in der Praxis durchgeführten Schreibwerkstatt. Ich habe das Buch als Vorbereitung für ein Interview gelesen, das ich mit dem Autor geführt habe. Einen Mitschnitt der Sendung könnt ihr hier nachhören:
https://youtu.be/zNjIiDTzr5E

Felix Dahn / Therese Dahn: Walhall (e)
Sehr umfangreiches und reichhaltiges Werk über die Götter und Helden der Germanen. Abgesehen von ein bisschen "völkischem" Einschlag (Deutschtum, Bismark in den Fußstapfen der alten Helden) und abgesehen davon, dass die Forschung inzwischen schon weiter ist, auch heute noch brauchbar und hilfreich. Ein sehr interessantes Schriftstellerehepaar. Felix Dahn widmet sich im ersten Band den Göttersagen, seine Frau Therese Dahn schrieb den Band mit den Heldensagen.
Als Professor geht Felix Dahn das Ganze eher wissenschaftlich an, zieht Parallelen zu anderen Mythologien, analysiert Götternamen etymologisch, interpretiert Metaphern. Das kommt etwas trocken herüber, steckt dem Leser aber reihenweise Kronleuchter auf. Therese Dahn, eine Nichte zweiten Grades der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, ist eher Erzählerin und hat die wesentlich schönere, lesbarere und für den Leser angenehmere Hälfte geschrieben. (Ein Kollege, der sich zeitgleich mit mir durch Felix Dahns "Kampf um Rom" quälte, klagte auch über dessen drögen, professoralen Stil, der Mann ist eben klug, aber nicht unbedingt ein Abenteuerautor.) Ich fand beide Hälften gut, hätte mir im zweiten Teil mehr Hintergrundinfos gewünscht.

Lou Goble: Das neue Epos von Kalewas Sohn. 3 Bände
Ein Buch, das ich mir in meiner Jugend unbedingt kaufen wollte und dann doch nicht mitgenommen habe, weil es nicht um das finnische Kalevala geht, sondern um den estnischen Kalevipoeg. (Ich hatte damals den Kalewipoeg noch nicht gelesen.) Jetzt habe ich die Trilogie antiquarisch bekommen. Eigentlich wollte ich die drei Bände für meinen Urlaub aufheben, aber als sie da so auf dem Reisestapel lagen ... da waren sie nach zwei Tagen schon durchgelesen, und ich hatte Gepäck gespart. Das neue Epos von Kalewas Sohn ist erschienen in der Reihe Goldmann Fantasy, aber ich würde es eigentlich nicht als Fantasy betrachten wollen. In einem anderen Format und mit anderem Cover wäre es durchaus als "Hochliteratur" durchgegangen und vielleicht mit Literaturpreisen ausgezeichnet worden.
Die Sprache ist eher lyrisch und getragen, es ist nicht die Erzählweise eines Fantasyromans. Der Held des Buches, der Sohn des starken Kalew (keine Ahnung, warum es im Titel heißt "Kalewas Sohn" und nicht "Kalews Sohn", im Buch steht durchgehend und korrekt "Kalew") wird gezeichnet als etwas schlichter und naiver Jugendlicher, der sehr stark auf seine Mutter fixiert ist, seinen Vater noch vor der Geburt verlor und nicht so recht weiß, was er auf der Welt zu tun hat und wie es die Stelle seines von bösen Zauberern getöteten Vaters ausfüllen soll. Als seine Mutter auch noch von Zauberern getötetet wird, glaubt er, sie sei entführt worden, und macht sich auf die Suche. Dieser Kalewipoeg, wie schon im Original angelegt, ist zwar irgendwie ein Nationalheld und sehr stark, aber eigentlich ist er vor allem ein großer Scheiterer. Er scheitert in seiner Suche nach seiner Mutter. Er scheitert in seinem Kampf gegen die Zauberer. Er scheitert bei seinem großen Ziel, ein Schwert zu erwerben, das eines Helden würdig ist. Er erringt es zwar, doch geht es genau so schnell wieder verloren. Er stürzt seine unbekannte Schwester ins Unglück. Er schafft es nicht, sein Land gegen die einfallenden Feinde zu verteidigen. Und bei seinem Versuch, eine große, alles überragende Stadt zu schaffen, geht alles schief. Ein wunderbares literarisches Werk und besser als das Original. Ich habe es nicht ins Fantasy-Regal gestellt, sondern neben den alten Kalewipoeg, da steht es gut.

Sophie von La Roche: Erscheinungen am See Oneida (e)
Sophie von La Roche kannte ich bisher nur als Verfasserin der "Geschichte des Fräuleins von Sternheim". Eine rührende Geschichte über ein edles doch armes Fräulen, das aufgrund seiner Tugend nach vielen schweren Prüfungen schließlich doch noch den Mann seiner Träume bekommt. Die "Erscheinungen" sind in dem gleichen Tonfall gehalten, emotional, innerlich, ein hohes Lob der Tugend und Tätigkeit, sie kommen jedoch nicht als Roman, sondern als Reportage beziehungsweise Reisebericht daher, in dem ein USA-Reisender eine Siedlung besucht, dort viele tüchtige Leute kennen lernt, und schließlich durch seinen Wirt auf ein Ehepaar aufmerksam gemacht wird, das aus Frankreich stammt, von dort flüchten musste und lange vor den anderen Siedlern auf einer einsamen Insel im nahe gelegenen See eine Hütte baute. Die beiden erzählen nach und nach ihre Lebensgeschichte und die Abenteuer, die sie in den ersten Jahren auf der Insel zu bestehen hatten. Unter anderem mussten sie, als die Frau schwanger war, schwimmnend ans Ufer kommen (ein Boot gab es nicht), wo die Frau bei einem freundlichen Indianerstamm ihr Kind zur Welt brachte. Ein bissel schwülstig und alles voller Tugend, nicht ganz so toll wie der Sternheim-Roman, aber ein hochinteressantes Zeitdokument.

James Joyce: Ulysses
Uuugh. Was für ein Brocken. Ich hatte ganz schön zu beißen daran. Die Geschichte eines Anzeigenverkäufers, der durch Dublin läuft, in Verbindung gebracht mit der Odyssee, jedes Kapitel in einem anderen Stil, sehr widerständig zum Teil. Wir hatten damals im Deutschunterricht in der zwölften Klasse ein paar Auszüge daraus gelesen, und es war spannend, diese Stellen nach all den Jahren nun wiederzuentdecken. Aber das Kapitel mit Bloom im Rotlichtmilieu und das letzte Kapitel, der lange innere Monolog seiner Frau, waren doch ganz schön fordernd. Ja, ich hatte auch meinen Spaß daran, gerade an den hinteren Kapiteln, als Odysseus und Telemach endlich zuammengefunden hatten. Ein großer Reichtum an Anspielungen und Zitaten quer durch die Weltliteratur und die Mythologien, auch ein sehr eigener Humor der sich an verschrobenen und verumständlichten Formulierungen zeigt wie: "Warum wurde ihr Gesang unterbrochen? - Infolge mangelhafter Mnemotechnik." Es war immer mein Traum, das mal zu einem Lehrer zu sagen, aber die haben mich in der Oberstufe einfach nicht mehr gefragt: "Warum hast du deine Hausaufgaben nicht gemacht, Petra?" Tja, kann ich's nun empfehlen? Ich sage keinem, dass er es lesen soll. Aber schaden kann's auch nicht. Nur erwartet keine leichte Kost.

Physiologus gr./dt. (Reclam)
Eine Art Naturlehre aus der Zeit des frühen Christentums, entstanden irgendwann zwischen dem 2. und dem 4. Jahrhundert nach Christus und ein erschütterndes Beispiel dafür, wieviel das Christentum zur Volksverdummung beigetragen hat. Diese "Naturwissenschaft" verdient den Namen nicht und es ist kaum zu glauben, dass ein halbes Jahrtausend nach den wissenschaftlichen Schriften eines Aristoteteles so ein haarsträubender Blödsinn als wissenschaftlich und zitierfähig verbreitet wurde. Es ist kein Kapitel darin, in dem keine Absurditäten behauptet und mit Bibelstellen belegt werden. Geschildert werden unterschiedliche Tierarten und ihre Eigenschaften, Hasen, Schlangen, Löwen, und jedes Kapitel schließt mit der Formel: "Schön hat der Physiologus über den xxx gesprochen." Vom Panther heißt es, er würde besonders gut riechen. Die Hyäne sei zuweilen Frau, zuweilen Mann. Berühmt wurde die Schilderung des Pelikan, von dem erzählt wird, er ritze sich die Brust auf, um seine Kinder mit seinem Blut zu ernähren. Damit wird das Tier zum Symbol Christi. Das Büchlein hat auch ein vielzitiertes Kapitel über Einhörner.
Als Teil der Wissenschaftsgeschichte wahrhaft deprimierend. Für den Fantasy-Autor aber durchaus eine Fundgrube. Es kommt also auf die Perspektive an und darauf, was man aus dem Büchlein herausholen will.


September

Alexandra Bauer: Das rätselhafte Abenteuer des kleinen Goblin

Stephan Lössl: Jäger im Zwielicht

Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen (e)
Einer der bedeutendsten Künstlerromane der Romantik. Spielt zur Zeit Albrecht Dürers, dessen begabtester Schüler Sternbald ist. Der Titelheld hat nun ausgelernt und begibt sich auf eine Reise durch die Welt, um bei anderen Meistern und mit anderen optischen Eindrücken seine Ausbildung vervollkommnen. Viel Zitatmaterial über den Kunst- und Naturbegriff der Romantiker. Ich hab's Anfang der 90er erstmals in der Reclam-Ausgabe gelesen. Und ich erinnere mich noch gut an den flapsigen Kommentar meiner Dozentin im Seminar über den Naturbegriff der Romantiker: "Franz Sternbald ist drei Jahre unterwegs, und jede Nacht ist Vollmond."

Sabrina Železný: Straka

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich (Reclam)
Der dritte große Künstlerroman, den ich mir in diesem Quartal zu Gemüte geführt habe, diesmal ein Buch, das ich noch nicht kannte. Daher erstmal die Reclamausgabe. Ein so dickes Reclamheft habe ich noch nicht gesehen (höchstens Kants Kritik der reinen Vernunft kann da noch mithalten, ich müsste mal nachmessen). Das Ding hat rund 1000 Seiten und sorgte schon manchmal für komische Blicke und Nachfragen der Kollegen, wenn ich es in der Gesäßtasche meiner Jeans stecken hatte, es passte aber gerade so rein.
Heinrich, der Titelheld, will Maler werden, und zwar Landschaftsmaler, und zieht, ähnlich wie die Maler Nolten und Sternbald in die Welt hinaus. Anders als die beiden erstgenannten, ist er allerdings ein furchtbarer Unsympath. Irgendwie fand ich ohnehin das ganze Buch ziemlich fade, eigentlich haben mir nur die letzten ca. 50 Seiten gefallen, in denen Heinrich wieder zurück nach Hause kommt und seine Mutter, deren Briefe immer drängender wurden, von der immer besorgniserregende Nachrichten über ihren Gesundheitszustand kamen, dann doch nicht mehr unter den Lebenden antrifft. Heinrich selbst stirbt kurz danach. Und ausgerechnet diesen Schluss, der das Buch dann doch noch ein wenig an Fahrt aufnehmen lässt und ihm eine gewisse Tragik verleiht, hat der Autor dann umgeschrieben und in der zweiten Fassung in ein Happy End verwandelt. Doof.
Auch die Erzählform ist ziemlich anstrengend. Zu Beginn wird seitenlang das Bild eines Sees und einer daran liegenden Stadt in der Schweiz entworfen, und man weiß als Leser nicht, ist das jetzt real oder will uns der Erzähler/Künstler erstmal einfach nur sein Handwerkszeug zeigen. Klingt jedenfalls auktorial. Dann eine zeitlang eine personale Erzählung, in der von Heinrich auf Reisen berichtet wird. Dann wird plötzlich eine Autobiographie Heinrichs eingeschaltet, der Mann setzt sich hin und schreibt als Ich-Erzähler sein ganzes Leben auf. Und erst nach ewigen Hunderten von Seiten, als man sich in die Ich-Erzählung eingelebt hat und denkt, das soll jetzt wohl so sein, wird wieder zurückgesprungen in den alten Er-Erzähler, der dann ebenfalls noch ziemlich lang vor sich hin schwadroniert. Dabei befindet sich der Maler auf einer immer tiefer sinkenden Bahn des gesellschaftlichen Abstiegs. Das hätte spannend oder tragisch sein können, aber erregt eigentlich kaum Mitgefühl, da Heinrich sich in seiner Jugend als ziemlich bösartig gezeigt hat, in den Phasen, in denen es ihm besser ging, bestenfalls gleichgültig und durchschnittlich, manchmal auch einfach nur gemein oder zumindest faul und verschwendungssüchtig. Ja, wenn er wenigstens ein künstlerisches Genie gewesen wäre. Man hat einfach kein Mitleid mit diesem lauen Typen, der weder menschlich noch künstlerisch irgend etwas hat, was positive Emotionen hervorrufen könnte. Und sein ständiges Selbstmitleid und Gewimmer, wenn es ihm mal wieder schlecht geht, verleiden einem diesen Protagonisten erst recht. Keller solle mit seinem Roman die Tragik eines mittelmäßigen Talents geschildert haben, sagt der Klappentext. Mittelmaß ja, Tragik nein. Und das kann man auch kürzer erzählen.


Sophokles: Elektra (e)
Ich hatte die sieben Sophokles-Tragödien vor vielleicht einem Vierteljahrhundert als Reclamheft gelesen, den Autor aber ansonsten nicht intensiver studiert, da ich einfach zu sehr auf Aischylos fixiert war. Allenfalls den "Aias" noch, den liebe ich. Vielleicht, weil er noch ein wenig eckig und kantig war und nicht so vollkommen und erhaben wie der "König Ödipus".
Jetzt fand ich seine Elektra als eBook, ein Anlass zur Neulektüre. Auffallend ist, dass diese Elektra ausgesprochen aktiv ist und sich sehr bewusst nicht nur gegen ihre Mutter stellt, sondern sich auch für die aktive Mitarbeit am Muttermord des Orest entscheidet und sich an der Tat beteiligt. Und mir war gar nicht mehr bewusst, das in dieser Tragödie Chrysothemis vorkommt. Ein ähnliches gegensätzliches Schwesternpaar wie Antigone und Ismene. Chrysothemis, die gehorsame Tochter der Klytaimnestra, die ihre Schwester zur Unterwerfung überreden will, hat auf jeden Fall etwas von der Kleon treuen Ismene. Allerdings ist Elektra keine so ruhige, friedliche Heroine wie Antigone, die in den Tod geht, um das göttliche Gebot zu befolgen. Elektra kämpft, gerade umgekehrt, um ihr Leben, und ihre Überlebenschancen sind wesentlich größer, wenn Klytaimnestra stirbt. Eine schöne Neuentdeckung.

Michael H. Schenk: Die Pferdelords und die Kristallstadt der Zwerge (Pferdelords II)
Zweiter Teil der Pferdelords. Die Welt des Reitervolks wird weiter ausgearbeitet und man lernt eine ganze Menge über Waffen und Pferde. Dieser Autor hat, obwohl es um eine Fantasywelt geht, offenbar eine ganze Menge recherchiert. Sehr lehrreich seine Erklärung des Unterschieds zwischen Jagdpfeil und Kriegspfeil. Die Pferfdelords müssen diesmal das benachbarte Volk der Zwerge aus den Fängen der Orks befreien, und der junge Nedeam hat die Gelegenheit, sich als Pferdelord zu bewähren. Etwas anstrengend ist die Angewohnheit des Autors, bestimmte Tierarten mit neuen Namen zu belegen. Warum kann man nicht von Wölfen und Bären oder von Hühnern reden, warum müssen es Pelzbeißer und Scharrfüßer sein? Das macht es etwas kompliziert.

Tacitus: Germania (e)
Musste einfach nochmal sein nach dem Dahn-Buch. Ich schreibe ja gerade (auch) am fünften Teil meiner Walküren-Serie und brauche ein wenig germanischen Input. Kleines, dünnes, schnell lesbares Buch mit etwas zu Sitten und Gebräuchen, etwas Mythologie, das Ganze aufgebaut als positives Gegenbild, das der Autor seinen Mitrömern als Spiegel vorhalten wollte. Wichtige Quelle, stellenweise mit Vorsicht zu genießen, aber durchaus anregend.

Teil I: Januar bis März 2016
Teil 2: April bis Juni 2016
Teil 4: Oktober bis Dezember 2016

© Petra Hartmann


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Jahresrückblick II: April bis Juni 2016

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 29 December 2016 · 1169 Aufrufe
Jahresrückblick
Teil zwei des Jahresrückblicks auf mein Lesejahr 2016. Diesmal wieder eine Menge Klassiker in eBook-Form, die ich schon mal als Reclamheft verschlungen habe, aber auch ein paar moderne Klassiker. Recht wenig Phantastik diesmal, aber vielleicht findet ihr ja trotzdem etwas. Und ich habe im zweiten Quartal nur ein einziges Buch im Blog rezensiert. Könnte am Arbeitststress gelegen haben. Oder am Wetter.
Viel Vergnüpgen mit meinen Lesefrüchten!

Legende:
Ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den Text in der eBook-Fassung gelesen habe.
Blaue Schrift weist auf herausragend gute Bücher hin.
Rot markiert sind Bücher, die ich so abgrundtief schlecht finde, dass ich euch ausdrücklich davor warne.
Bei verlinkten Titeln landet ihr auf ausführlicheren Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


April

Christian August Vulpius: Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann (e)
Räuberpistole aus der Feder von Goethes Schwager. Damals der absolute Bestseller, wurde wesentlich häufiger verkauft als der "Faust" oder der "Werther". Die Geschichte eines legendären Räuberhauptmannes. Was mich gewundert hat: Es geht weniger um einen kühnen Räuber, der einen Handstreich nach dem anderen ausführt und Erfolg hat, sondern das Buch beginnt bereits auf dem Höhepunkt von Rinaldinis Ruhm und zeigt ihn als einen Menschen voller Skrupel beziehungsweise als jemanden, der des Raubens überdrüssig ist und nichts lieber täte, als mit seiner Räuberei aufzuhören und ein gesittetes Leben als braver, friedlicher Bürger zu führen. Rinaldos Ausstiegsversuche ziehen sich über 20 Bände hin. Jedesmal, wenn er glaubt, es geschafft zu haben, und unter falschem Namen irgendwo untergekommen ist, taucht jemand auf, der ihn kennt. Meist sind es Räuber, die ihn oder seine neuen Freunde überfallen woillen. Er wird erkannt oder gibt sich zu erkennen, die Räuber jauchzen ihm zu und rufen: "Hurra, Rinaldini ist da, der soll unser neuer Hauptmann sein!" Und wieder ist Rinaldini Opfer seines Ruhms, übernimmt die Herrschaft einer neuen Räuberbande, führt sie zu einem kühnen Coup, scheitert, und muss erneut flüchten und untertauchen. Dazu dann ein paar amouröse Abenteuer, meist mit jungen gutaussehenden Damen aus dem Adel - fertig. Vom Stil her nicht schlecht, wenn auch manchmal etwas pathetisch und ziemlich sentimental. Auch vom Setting her nicht ganz unspannend. Aber die ewigen Wiederholungen ermüden. Es ist immer wieder nur die eine Geschichte: Rinaldini ist auf der Flucht, träumt vom ruhigen Leben als braver Bürger, findet Freunde und Geliebte, richtet sich ein, wird entdeckt, wird zum neuen Räuberhauptmann ausgerufen, organisiert einen Raubzug, flüchtet ... Endlose Fortsetzungen eines Bestsellers gibt es eben nicht erst seit unserer Zeit ...

Ludolf Wienbarg: Ästhetische Feldzüge (e)
Die Vorlesungen, die Ludolf Wienbarg im Sommersemester 1833 in Kiel über Ästhetik gehalten hat. Durch die Widmung - "Dir, junges Deutschland, widme ich diese Schriften, nicht dem alten" - quasi die Geburtsurkunde der literarischen Bewegung Junges Deutschland, meiner Leib- und Magen-Dichter. Ich hab das Buch bestimmt schon zwanzig mal gelesen, nun also die eBook-Ausgabe. Sehr lebendig und feurig im Tonfall. Inhaltlich ziemlich viel von Hegel, Schiller, Baumgartner etc. übernommen (um nicht zu sagen geguttenbergt), aber im Stil doch recht eigen. Besonders wichtig die 24. Vorlesung, in der es um die Jungdeutschen geht.

Jaroslav Hajek: Die Abenteuer des guten Soldaten Svejk im Weltkrieg (Reclam)
Die Neuübersetzung, jetzt auch als Taschenbuch erhältlich. Ich habe lange überlegt, ob ich mir tatsächlich eine neue Übersetzung zulegen sollte, oder doch lieber die klassische, altgediente und damit gewissermaßen allbekannte Fassung. Überzeugt hat mich schließlich das Argument, dass der Svejk im tschechischen Original ganz normales Hoch-Tschechisch redet und nicht das komische Kauderwelsch, das wir aus dem alten Buch und dem Film mit Fritz Muliar kennen. Damals hat man das wohl der Art nachempfunden, wie Deutsche dachten, dass Tschechen in Österreich-Ungarn reden würden ... Also, wenn im Original richtig geredet wird, dann sollte Svejk auch im Deutschen nicht so radebrechen, dachte ich und nahm die Neuausgabe. Das Buch selbst ist, obwohl Fragment geblieben, göttlich und in sich vollendet, oder, wie im Nachwort ein Tscheche zitiert wird: Im Svejk ist alles drin. Svejks Art, abzuweifen und vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen, hat eine gewisse Verwandtschaft mit Laurence Sternes "Tristram Shandy", nur dass hier eben kein Gentlemen sein Leben erzählt, sondern ein braver Soldat Geschichten von Rheuma und Schnaps erzählt und sich um den Einsatz an der Front herumlaviert. Sehr schön, und auch ein dickes Lob an den dicken Kommentarteil. Ein schönes, empfehlenswertes Buch.

Sören Kierkegaard: Die Krankheit zum Tode (Reclam)
Interessantes, etwas schwerlötiges Werk zum Thema "Verzweiflung", das man vermutlich nur dann richtig goutieren kann, wenn man schwermütig ist und Christ. Die Argumentation ist schon irgendwie logisch aufgebaut, beinahe aristotelisch wird definiert, was Krankheit ist, was Krankheiten des Körpers und der Seele sind und so weiter. Nicht ganz folgen mochte ich dem Autor aber dann schon bei der Definition der Verzweiflung, als er davon sprach, dass im Prinzip jeder an Verzweiflung leidet, und dann unterschied in bewusste und unbewusste Verzweiflung. Ich gestehe freimütig, dass ich mit unbewusster Verzweiflung nichts anfangen kann. Wenn etwas so schwach ist, dass ich es nicht einmal wahrnehmen kann, dann kann man es bestimmt nicht "Verzweiflung" nennen. Na gut, das sind wohl Definitionsfragen. Die Reclamausgabe ist ordentlich gemacht, man kann damit arbeiten, aber mit "Entweder - oder" kann ich einfach mehr anfangen.

Eduard Mörike: Die Historie von der schönen Lau (e)
Märchenhafte Geschichte über eine Wasserfrau, die im Blautopf leben soll. Es geht darum, dass sie zum Lachen gebracht werden soll. Das schafft aber niemand. Bis sie zu Besuch an Land geht. Ich hab es Anfang der 90er als Reclamheft gelesen, nun nochmal als eBook. Viele bekannte Gedichte Mörikes stehen drin. Sehr nettes, märchenhaftes Buch mit viel Lokalkolorit. Gut zu lesen.

Tilo Wesche: Kierkegard. Eine philosophische Einführung (Reclam)
Sicher ein hilfreiches und kluges Buch. Aber das Wort "Einführung" im Titel ist Etikettenschwindel und sollte vom Leser respektive Käufer nicht als "Kierkegaard für Anfänger" missverstanden werden. Es ist doch ganz schon viel Stoff zum Durchkauen, zumal es sich ursprünglich um die Dissertation des Autors handelte.

Dietrich von Bern

Westslawische Märchen (e)
Sammlung von Joseph Wenzig, erschienen 1857, gemeinfrei und damit kostenlos auf dem Kindle. Westslawisch bedeutet, dass es sich um Märchen, Sagen, Geschichten, Volkslieder und Sprichwörter der Böhmen, Mähren und Slowaken handelt. Enthält ein wenig angestaubte ethnologische Betrachtungen über den "Volkscharakter" dieser Nationen und setzt sich zum Ziel, die europäischen Völker und Staaten einander näher zu bringen, damit sie "sich auch geistig näher kommen und sich wechselseitig kennen lernen, um sich zur Förderung ihres gemeinschaftlichen Besten freundlich die Hand zu reichen." Eine sehr menschenfreundlich motivierte, proeuropäische Sammlung also. Die Märchen selbst sind recht europäisch, viele hätten auch gut in die Grimmsche Sammlung hineingepasst. Da gibt es Bauern mit drei Söhnen, von denen sich der jüngste, obwohl zunächst verlacht und verspottet, am Ende als der Erfolgreichste zeigt. Es gibt Witwen mit schönen Töchtern, um die sich übernatürliche Freier bewerben. Man trifft auf den Metallherrscher und die zwölf Monate. Stolz und Hochmut werden bestraft, Gutes tun belohnt. Es gibt abenteuerliche Reisen, gefährliche oder peinliche Situationen, auch viele humorvolle Stücke, zum Beispiel vom lustigen Schwanda, dem Dudelsackpfeifer, der den Teufeln zum Tanz aufspielt. Es gibt Riesen, Waisen, Geister, Reiche und Arme. Eheleute, die sich gegenseitig an Dusseligkeit übertreffen, und Erklärungen dafür, warum Hund und Katze sich nicht mögen. Dazu viel Liedgut und Sprichwörter. Also eine schöne, umfangreiche Sammlung mit vielen interessanten Fundstücken.


Mai

Zurück zu den Wurzeln - Die Storys zum Marburg-Award
Taschenbuch mit den Beiträgen zum Marburg-Award, ein Mitbringsel vom MarburgCon. Dieses Mal sollten es Horror-Geschichten sein, die mit der Rückkehr zu den Wurzeln zu tun haben, metaphorisch oder auch gärtnerisch. Durch letzteres bedingt auch ein paar Geschichten über Monsterpflanzen oder über jemanden, der seine Leichen im Garten vergräbt. Eine optisch und inhaltlich sehr ansprechende Sammlung, sehr gehaltvoll, es hat Spaß gemacht beim Lesen.

Michael H. Schenk: Die Pferdelords und der Sturm der Orks
Da strebt die Serie ihrem Ende zu, Teil 12 soll herauskommen, und ich fange erst jetzt mit Teil 1 an ... Wollte aber auch endlich mal reinschaun, nachdem mir die "Zwerge der Meere" des Autors so gefallen hatten. Das Buch war nur noch antiquarisch zu kriegen. Ein groß angelegter Roman über das Volk der Pferdelords in der Nachfolge Tolkiens, aber durchaus eigenständig. Der Autor entwirft eine sehr ausgearbeitete und detailreiche Kultur, die Stärken des Buches liegen auf jeden Fall auf den Schilderungen der Ausrüstung, Bewaffnung, Pferdegeschirre sowie des Brauchtums. Das ganze ist eingebettet in eine ziemlich blutige, ausufernde Kriegshandlung, die Orks stürmen das Land der Pferdelords und können nur unter hohen Verlusten schließlich zurückgeschlagen werden. Vorerst. Das Buch hat mir gefallen, ich habe mir kurz danach Teil 2 besorgt, auch antiquarisch.

Achim von Arnim: Die Kronenwächter (e)
Ich glaube, ich war 17, als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, gleich nach "Isabella von Ägypten". Ein ziemlich dicker Wälzer über eine Geheimorganisation aus dem 16. Jahrhundert, die die alte Kaisertradition der Stauffer fortführt. Und die Geschichte des Jungen Berthold, eines Nachfahren der Hohenstauffen, der bei einem Türmer aufwächst. Mir hatte sich vor allem die Eingangsszene im Gedächtnis eingeprägt: Der Türmer und seine recht stabile Frau hoch oben im Turm. Der neue Türme musste die Wittwe des alten Türmes mit übernehmen, weil sie die Treppe nicht mehr herunterkam. Und die Geschichte der Bluttransfusion. Dass in dem Roman so viel gemordet wurde, war mir entfallen. Insgesamt ein sehr interessantes Buch, etwas umständlich, etwas verschlungen und nicht unbedingt als historischer Roman zu betrachten.

John Brinckmann: Kasper Ohm in Batavia
Zweiter Teil der plattdeutschen Abenteuer von Kasper Ohm, erzählt von seinem Neffen. Teil eins hatte ich letztes Jahr gelesen. Diesmal wird Kapitän Kasper Ohm tatsächlich von einem Adligen examiniert, den er nicht so einfach zusammenstauchen kann wie seinen Neffen, und muss etwas von Batavia erzählen. Herrliches Seemannsgarn. Die Ausgabe, ein Titel der Reihe Hamburger Lesehefte, ist recht dünn, ließ sich aber nicht allzu schnell durchlesen. Zum einen, weil Brinckmanns Platt sich von dem in meiner Gegend geredeten doch etwas unterscheidet, dann weil für mich Platt generell schriftlich ungewohnt ist, aber ich fand auch den Druck ziemlich klein und eng, also etwas anstrengend.

Manfred Fuhrmann: Die Dichtungstheorie der Antike
Schöner Hardcover-Band, enthält die dichtungstheoretischen Schriften von Aristoteles, Horaz und "Longin" (Pseudo-Longinus). Aristoteles kenne ich zwar beinahe auswendig, aber die beiden anderen waren neu für mich. Hab eine Menge daraus gelernt. Aber ich werde wohl nie der große Dichtungstheoretiker werden.

Wsewolod M. Garschin: Attalea Princeps
Noch ein Buch aus der Abteilung: "Schon lange auf der To-do-Liste, aber erst jetzt bekommen". Den Titel dieses Buches entdeckte ich, als ich irgendwann zwischen 1987 und 89, als ich in der Oberstufenbibliothek meines Gymnasiums im alten Kindler blätterte. (Ja, ich war diese Art Jugendlicher ...) Irgendwie bin ich an der Beschreibung hängen geblieben, die Geschichte von der Pflanze, die im Gewächshaus immer größer wird und der Freiheit entgegenstrebt, allen Reden ihrer Mitgewächse zum Trotz, und die dann die Glasdecke durchbricht, hatte mich einfach fasziniert. Jetzt habe ich meinen alten Bücherwunschzettel von damals wiedergefunden und das Buch tatsächlich bei Amazon Marketplace entdeckt. Es ist ein kleines Insel-Büchlein mit Novellen und Kurzgeschichten, die titelgebende Attalea-Geschichte bildete den Schluss. Auch die anderen Geschichten waren nicht schlecht, vor allem die ersten beiden, Geschichten aus dem Krieg, waren einprägsam. Und "Die rote Blume", über einen Insassen eines Irrenhauses, der auf rote Klatschmohnblüten fixiert ist, hat mich sehr beeindruckt.

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut
Geschichte eines Flüchtlingsmädchens, jedenfalls eines minderjährigen Mädchens, das in Deutschland unterwegs ist und die Sprache nicht kennt. Eher eine Novelle als ein Roman. Das Mädchen tut sich mit zwei ebenfalls ausländischen Jungen zusammen, von denen einer ihre Sprache spricht und zwischen ihr und dem anderen Jungen dolmetscht. Die beiden schlagen sich eine Zeitlang zu dritt durch, bis ausgerechnet der Dolmetscher verlorengeht. Einmal werden die drei von der Polizei eingefangen, ein andernmal brechen sie in ein zeitweise leer stehendes Haus an. Schöne Sprache, eine harte Geschichte, sensibel und doch ohne Sentimentalität erzählt, auch mit einer gewissen Leichtigkeit. Hat mir gefallen, vor allem sprachlich.

Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen
Ein Fundstück aus einem Büchertauschschrank in Hildesheim. Ich kannte ja den Film "Es geschah am hellichten Tag" und war sehr gespannt auf die Buchfassung. Hatte schon mal gehört, dass der Täter im Buch nicht gefasst wird. Und jetzt weiß ich nicht so recht, was mir besser gefällt. Irgendwie wirken beide Fassungen überzeugend, die Buchfassung mit dem uneingelösten Versprechen ein wenig härter, tragischer. Aber letztlich bleibt Matthäi ja nur aufgrund eines dummen Unfalls also zufälligerweise erfolglos. Hier also mal das Gegenteil vom vielzitierten Kommissar Zufall, der die Aufklärung herbeiführt. Ist der Zufall ein erlaubtes Stilmittel? Im Krimi nicht. In der Literatur vielleicht.

Karl Deichgräber: Die Persertetralogie des Aischylos
Umfangreiche Darstellung der Tetralogie von 472 v. Chr., zu der auch die "Perser" des Aischylos gehörten. Deichgräber versucht herauszuarbeiten, dass die drei Tragödien "Phineus", "Perser" und "Glaukos Potnieus" zusammen mit dem Satyrspiel "Prometheus Pyrkaios" eine groß angelegte Inhaltstetralogie ergeben, ähnlich der Promethie, der Danaidentetralogie und der Orestie.
Ich habe den Text vermutlich 1993 gelesen, als ich in einem müßigen Sommersemester die Perser übersetzte und anschließend eine Hausarbeit darüber schrieb. Jetzt habe ich das Buch nochmal vorgenommen, weil ich in die Fragmente des Satyrspiels "Glaukos Pontios" noch einmal reinschaun wollte. Deichgräber hatte diese im Zusammenhang mit der Tragödie "Glaukos Potnieus", die zur Tetralogie gehörte, ebenfalls mit besprochen. Er vertrat auch die These, beide Glaukoi, der König und Wagenlenker sowie der skurrile Meeresgott, seien ein und die selbe Person, und auf Glaukos' Sturz vom Wagen sei die Verwandlung in das Meerungetüm erfolgt. Allerdings gehe ich da nicht so recht mit ihm konform. Beide Wesen sind doch zu unterschiedlich, und ich finde auch keinen antiken Textbeleg dafür.

Wilfried A. Hary: Mark Tate (Pilotroman)
Ein quasi nachgereichter Pilotroman zur schon recht lange laufenden Serie, in dem geschildert wird, wie die Hauptpersonen sich kennen lernten und gemeinsam gegen Dämonen und böse Geister kämpfen. Das heißt, im Prinzip ist es doch nicht ein Roman, sondern es sind fünf kurze Romane in einem Band mit unterschiedlichen Ich-Erzählern und teilweise exotischen Schauplätzen. Geboten wird klassische Heftromanlitertur im positiven Sinne, handwerklich gut gemacht, spannend und interessant. Vielleicht sollte man den "Schawall", ein Amulett des Titelhelden als ständigen "Deus ex machina" nicht so sehr überstrapazieren. Denn es ist immer dieser Anhänger, den Tate um den Hals trägt, der sich irgendwann eigene Gedanken macht, sich anders verhält als geplant, sich in sich zurückzieht und schließlich, wenn die Situation aussichtlos ist, zuschlägt und die bösen Mächte erledigt. Aber, wie gesagt, ansonsten spannend und gut erzählt.

Michael Siefener: Albert Duncel
Fiktive Biographie eines Horrorschriftstellers, als als auf 100 Exemplare limitierte Hardcover-Ausgabe im Wurdackverlag erschienen. Wow, ein schönes Stück Literatur. Siefener zeichnet die Geschichte eines, gelinde gesagt, schwierigen Menschen nach, gestört, krank, mit eigenartiger Psyche, Hang zum Sadismus und als Autor von nicht geringem Selbstwertgefühl. Duncel, geboren als Albert Hell, schreibt drei Romane, hat mit dem ersten auch einen ganz ordentlichen Erfolg, die beiden anderen kommen beim Publikum nicht mehr so gut an. Es wird nach und nach klar, dass das Hirn des Autors in immer düsterere Regionen abdriftet ... Das Buch ist aufgemacht wie eine "echte" Biographie, mit Zitaten und Quellenangaben, es werden fiktive Rezensionen, aber auch Interviews mit seiner Exfrau und Erinnerungen von Mitschülern zitiert. Ein Buch, das mich auch als Germanist sehr erfreut hat. Allerdings, der Held ist sowas von krank, aber sowas von ...


Juni

Niklas Peinecke: Die Sonne der Seelen (D9E 10)
Fortsetzung der Geschichte um das "Haus der blauen Aschen" und die "Seelen der blauen Aschen". Ich muss gestehen, dass ich mit Niklas Peineckes Beiträgen zur Serie "Die neunte Expansion" am wenigsten klarkomme. Dabei sind mir seine Helden Farne und Karman eigentlich ausgesprochen sympathisch, und die Birkenmenschen scheinen ein interessantes Volk zu sein, aber der ganze technische, physikalische, computerige Bereich ist mir einfach zu hoch ... Der Autor ist vermutlich sehr klug.

Heike Wulf (Hrsg.): Noch mehr Schoten. Neue Geschichten aus dem Ruhrgebiet
Kurzgeschichten, zumeist sehr kurze, herrlich kohlenpottig und absolut unphantastisch, sondern sehr realistisch. Lesenswert, ich habe mich gut unterhalten.

Robert Schneider: Schlafes Bruder
Klassiker. Geschichte eines Hochbegabten, eines besonderen Tonkünstlers aus einem kleinen Bergdorf im 19. Jahrhundert, der mit seinem Orgelspiel sogar ein geistliches Prüfkollegium verzaubern kann und kurz danach stirbt, als er beschließt, nicht mehr zu schlafen. Großartiges Buch. Ich hab's lange vor mir hergeschoben, hätte es schon eher lesen sollen.

Jane Austen: Kloster Northanger
Ein Buch, das mir eine sehr liebe Kollegin einmal geschenkt hat. Es war mir wegen eines Umzugs in eine Kiste geraten, in der ich es nicht gleich wiedergefunden habe. Jetzt aber geborgen und noch einmal von vorn angefangen. Herrlicher Humor, der mit den Genrekonventionen des Schauer- und Liebesromans spielt, und eine Heldin, die naiver ist als jeder Dummling im Märchen - und sich damit natürlich am Ende den Traumprinzen verdient. Schön.

Das Gespensterbuch I
Große Sammlung an Schauerlichem aus dem 19. Jahrhundert, damals wohl eines der Kultbücher der Horrorfans, jetzt neu bei Blitz erschienen und mit einem lesenswerten Vorwort vom Markus K. Korb, der unter anderem berichtet, wie dieses Buch in die Villa Diodati am Genfer See geriet, wo sich eine Illustre Versammlung von Literaten um Lord Byron aufhielt und sich davon inspirieren ließ. Es folgte ein legendärer Wettbewerb im Schreiben von Horrorgeschichten. Damit wurde das Buch gewissermaßen zum Paten von Mary Shelleys "Frankenstein" und - über John William Polidoris Novelle "Der Vampyr" - auch indirekt von Bram Stokers "Dracula". Wer dieses Buch liest, wandelt also gewissermaßen in großen Fußstapfen. Insgesamt eine sehr vielschichtige, dicke Sammlung mit Sagenstoffen, Gespenstererzählungen, aber auch Feenmärchen. Interessant, dass darin die Vorlage für den "Freischütz" zu finden ist. Ein paar ziemlich harmlose und lichte Feenmärchen hätten gut und gern fehlen dürfen.

Peter Hereld: Einer von mir
Krimi über einen Menschen mit multipler Persönlichkeit, der plötzlich mit einer Leiche im Auto erwacht und nicht weiß, wer sie getötet hat. War es ein Fremder, oder war es möglicherweise eine seiner unterschiedlichen Persönlichkeiten? Es handelt sich um die überarbeitet Neuausgabe von Herelds Debüt-Roman "Mein achtes Leben". Ich habe das Buch als Vorbereitung auf mein Interview mit dem Autor auf Radio Tonkuhle gelesen. Ein Mitschnitt der Sendung ist hier zu finden:
https://youtu.be/15vVnMss6wU

Daniel Himmelberger & Saro Marretta: Letzte Reise nach Palermo
Ein Krimi, den ich als Dankeschön für eine Lesung beim Nürnberger Autorentreffen geschenkt bekam. Es geht - passenderweise - um eine Gruppe von Autoren, die nach Italien reist. Aber kurz vor der Abfahrt wird das prominenteste Mitglied der Gruppe, eine Krimiautorin, ermordet. Es stellt sich heraus, dass sie an einem Buch über die Mafia arbeitete. Wer der Mörder ist, wird hier natürlich nicht verraten. Aber ein Lob an die Ermittlerin, die hat mir gefallen.

Hannu Raittila: Atlantis
Roman aus Finnland über ethnologische/archäologische Untersuchungen an einem Dorf in einem Stausee und einem Menschen, der diesen Stausee in die Luft sprengen will. Ich hab es mir vor einigen Jahren gekauft und bin drin stecken geblieben, habe es jetzt noch einmal angefangen und durchgehalten. Nicht uninteressant, aber teilweise ziemlich spröde. Ich hab's vor allem gekauft wegen des tollen Covers, und das ist auch wirklich richtig schön.

Karla Schmidt: Ein neuer Himmel für Kana (D9E)
Ein neuer Höhepunkt der Serie "Die neunte Expoansion". Und ein sehr spannendes neues Volk mit einer interessanten Art zu kommunizieren und Bilder zu erzeugen. Hat mir sehr gut gefallen. Ich mag überhaupt die eher ethnologischen und biologischen Handlungsfäden im D9E-Kosmos lieber als das Physikzeug. Naja, das war schon in der Schule so. Jedenfalls hat Karla Schmidt hier eine neue Kultur geschaffen, von der ich hoffentlich noch mehr zu lesen bekomme.

Über den Rand des tiefen Canyon. Lehren indianischer Schamanen
Sammlung aus Dietrichs Gelber Reihe mit Texten von beziehungsweise über diverse Schamanen nordamerikanischer Indianer. Ich habs von einem Bekannten bekommen, der es doppelt hatte. Ließ sich gut lesen, inhaltlich ganz okay, aber eben eine Auswahl und Sammlung unterschiedlicher Texte, es fehlt ein wenig der Zusammenhang.


Zu Teil I meines Jahresrückblicks: Januar bis März 2016
Zu Teil III meines Jahresrückblicks: Juli bis September 2016
Zu Teil IV meines Jahresrückblicks: Oktober bis Dezember 2016

© Petra Hartmann


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Jahresrückblick I: Januar bis März 2016

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 28 December 2016 · 998 Aufrufe
Jahresrückblick
Hier kommt mein literarischer Jahresrückblick auf das Lesejahr 2016, das erste Viertel. Natürlich ist wieder einiges an Phantastik darunter und wie immer ein wenig Literatur aus den 1830ern. Im ersten Quartal auch ziemlich viel, das mit der Nazizeit und der Nachkriegszeit zu tun hat. Und ich habe es endlich geschafft, den Koran zu lesen. Schaut mal rein, vielleicht ist das eine oder andere Buch ja für euch auch interessant.


Legende:
Ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den Text in der eBook-Fassung gelesen habe.
Blaue Schrift weist auf herausragend gute Bücher hin.
Rot markiert sind Bücher, die ich so abgrundtief schlecht finde, dass ich euch ausdrücklich davor warne.
Bei verlinkten Titeln landet ihr auf ausführlicheren Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


Januar

Julia Engelmann: Eines Tages, Baby

Heinrich Laube: Reisenovellen III (e)
Dritter Band der Reisenovellen, Teil I und II hatte ich noch im vorigen Jahr gelesen. Ich hatte während des Studiums einen Reprint aus den 70ern in der Fachbereichsbibliothek zur Verfügung. Jetzt also die eBook-Ausgabe. Die Reisenovellen sind, trotz des Titels, eigentlich keine Sammlung von Novellen, es handelt sich um eine Reisebeschreibung mit Schilderungen verschiedener Städte und Länder, wobei ab und zu auch mal eine kleine Anekdote erzählt und manchmal auch eine novellistische Einlage zu finden ist. Aber es geht eben nicht nur um Novellen, eigentlich sogar höchst selten. Im dritten Teil ist der Ich-Erzähler (den wir größtenteils mit dem Autor identifizieren dürfen) in Wien. Er schildert die Leopoldstadt, die Theaterkultur (Laube wurde nach 1848 Direktor des Wiener Burgtheaters), St. Stephan, Sperl in floribus, Wiener Musik, erlebt romantische Abenteuer, Nationalborniertheit, Natur, Kunst und Kultur, Essen und Mode, Bäder und Gesundbrunnen, macht sich Gedanken über den Wiener Dialekt. Es gibt ein Kapitel über Grillparzer und eines über Beethoven, über die Donauberge, eine Legenden-Erzählung über die Gründung eines Karthäuserklosters und eine unglückliche Liebe, einen Ausflug nach Schönbrunn. Zum Schluss geht es um Ungarn, es gibt Betrachtungen über das Land und seine Bewohner, seine Geschichte sowie über seine berühmtesten Söhne.

Der Koran (Reclam)
Das Buch steht schon seit 30 Jahren auf meiner To-do-Liste. Da ich dieses Jahr sehr viel mit Flüchtlingen zu tun hatte, war es dann endlich an der Zeit, mir das Werk zu Gemüte zu führen. Tja, wie sage ich's? Auch auf die Gefahr hin, dass morgen früh irgendwelche Idioten sich vor meiner Haustür in die Luft sprengen: Das Ding ist nicht so prickelnd. Ich habe die Bibel und den Talmud gelesen, kenne mich mit der Edda und auch ein bisschen mit den Veden aus, habe sogar mal die Nase ins Buch Mormon gesteckt, aber weder literarisch noch philosophisch und theologisch kann dieses Buch da mithalten. Und wer mir jetzt vorwerfen will, dass mein Arabisch nicht gut genug ist, um das Buch im Original zu lesen, dem sei gesagt, dass man anhand einer Übersetzung durchaus gewisse Qualitäten des Originals mitbekommt. Bei den anderen genannten Büchern hat es ja auch geklappt.
Der Koran ist zunächst einmal ziemlich lang und dabei auch ausgesprochen redundant. Es wird sehr viel wiederholt. Ob das Buch nun von Mohammed geschrieben worden ist, oder ob Mohammed nur das Medium war, durch das Gott selbst diese Zeilen gesandt hat, möchte ich hier nicht diskutieren, fest steht jedenfalls, dass der Verfasser nicht allzu viel an Motiven und Variationen zu bieten hat. Es wird oft hervorgehoben, dass im Koran auch die großen Gestalten des jüdischen und christlichen Glaubens vorkommen. Ja, tun sie. Moses beispielsweise wird häufig erwähnt. Und immer wieder wird die gleiche Geschichte erzählt: Moses in Ägypten steht vor den Priestern des Pharao, er und sie werfen ihre Stäbe zu Boden, die Stäbe verwandeln sich in Schlangen, und die Schlange des Moses frisst die Schlangen der ägyptischen Priester. Ehrlich wahr, die gleiche Geschichte, immer und immer wieder, den Leitsatz "Variatio delectat" (Abwechselung erfreut) kennt der Verfasser offenbar nicht.
Ja, es gibt eine gewisse Toleranz gegenüber Juden und Christen, allerdings unter der Bedingung, dass sie sich zum "Islam" bekehren. Wobei das wohl auch heißen kann, dass sie sich einfach fromm verhalten und den monotheistischen Gott verehren sollen, das Wort "Islam" mag da noch im allgemeinen Sinne als „Unterwerfung (unter Gott)“, „völlige Hingabe (an Gott)" verstanden worden sein. Recht interessant auch der Gedanke, dass auch die früheren Propheten die rechte Lehre und im Sinne Gottes gepredigt hätten - wo diese dem Koran widerspricht, da sei die von den Propheten rein dargebrachte Lehre später von den Menschen verfälscht worden. So behält man natürlich immer Recht.
Der Koran ist auch ein Buch, das immer wieder über sich selbst spricht, sich selbst als Gottes Wort preist und fordert, dass man ihm folgen soll. Und der Koran betont mehrfach, dass er es seinen Gläubigen besonders leicht machen wolle, also keine anstrengenden und schwer zu befolgenden Gebote enthält, nur des Schweinefleisches müsse man sich enthalten, das sei ja keine Belastung.
Ebenfalls interessant fand ich die Anordnung. Abgesehen von der ersten Sure, "Die Eröffnende", ist der Koran zumeist nach Länge der Suren geordnet. Das bedeutet: Wenn man die ersten 17 Suren gelesen hat, ist man schon mit der Hälfte des Buches durch, nach hinten hin wird es immer kürzer.
Insgesamt ein ziemlich sprödes, nicht allzu spannendes Buch. Wenn ich eine Auswahl meiner persönlichen Highlights zusammenstellen sollte, käme ich auf zehn bis fünfzehn sehr interessante Suren, die ich euch zu lesen ans Herz legen möchte:
- "Die Öffnende" und die Schutzsuren 113 und 114, "Das Morgengrauen" und "Die Menschen", quasi als Anfang und Ende des Buches,
- "Die Pochende" (101),
- "Die Ungläubigen" (109, kam bei Karl May in "Ardistan und Dschinnistan" als "Prüfungssure" vor. Eine Sure, die, wenn man dem Altmeister der Orientalistik glauben darf, aufgrund ihres vertrackten Baus als Prüfstein dafür genommen werden kann, ob jemand betrunken ist oder nicht. So eine Art arabisches - "Fischers Fritz" wohl)
- Die 100. Sure von den schnell eilenden Rossen bzw. in dieser Ausgabe "Die Renner" (sehr schön, kraftvoll, bildreich, und - natürlich - es ist Rihs Sure, muss man als Karl-May-Leser einfach parat haben)
- "Die Kuh" - die zweite Sure, also nach der Eröffnung ganz vorn - und "Die Beute" (8). Die beiden langen Suren, vor allem interessant, da es hier um historische Begebenheiten geht, um die Aussendung von Boten zur Bekehrung einzelner Stämme und um Schlachten.
- 53. Sure, "Der Stern". Sehr interessant, da hier die "satanischen Verse" standen, die hinterher getilgt wurden. Hier war ursprünglich erlaubt worden, drei alte, in Mekka verehrte weibliche Gottheiten anzurufen, später wurden diese Verse als vom Satan eingeflüstert betrachtet und ausgetauscht. Man denke an das bekannte Buch von Salman Rushdie und die Folgen.
- Berührt hat mich die 80. Sure, "Er runzelte die Stirn", in der Mohammed von seinem Gott getadelt wird. Die ergreifendste und persönlichste Sure des Buches. Ein Blinder kommt zu Mohammed und bittet um Belehrung, doch der weist ihn ab. Darufhin wird er von Allah zusammengestaucht. Mohammed ist tief getroffen. Seitdem sagte er jedesmal, wenn er den Mann sah: "Willkommen der Mann, um dessentwillen mich mein Herr tadelte." Eine sehr beeindruckende und sehr menschliche Sure. Das hat Größe.
- Die Sure über die Frauen bzw. hier "Die Weiber" (Nummer vier), nicht nur für Diskussionen über das Frauenbild und die Rechte der Frauen wichtig, sondern es sind auch andere Rechtsvorschriften enthalten. Interessant fand ich zum Thema Frauen auch die 24. Sure, "Das Licht", in der es um Ehebruch und Hurerei geht. Der Kommentar hebt als bemerkenswert hervor, dass für männliche und weibliche Ehebrecher das gleiche Strafmaß angesetzt wird. Hintergrund der Sure war laut Kommentar ein Skandal im Lager Mohammeds, als jemand die eheliche Treue Aischas, der Lieblingsfrau des Propheten, in Zweifel zog. Die Verleumder erhielten 80 Peitschenhiebe, der angesehene Abdullah ibn Ubba durfte als Strafe nicht Moslem werden. Außerdem zum Thema Mohammed und die Frauen interessant: "Das Verbot", Sure 66, in der der Prophet seine Gattin (Hafsa) tadelt, weil sie gegenüber seiner Lieblingsfau Aischa ausgeplaudet hat, dass er in Hafsas Haus mit einer koptischen Sklavin geruht habe. Hafsa soll ihm eine lautstarke Szene gemacht haben. Es geht mir jetzt gar nicht darum, Sodom und Gomorrha zu schreien, ich find es einfach biographisch und menschlich interessant, und die Sure sticht als sehr persönliche Sure mit biographischem Hintergrund hervor und ist mir im Gedächtnis geblieben.
- Dazu noch eine von den Suren, die die Moses-Geschichte enthalten, als christlich Interessierte noch die Suren, in denen von Joseph, Jonas, Maria und Jesus die Rede ist, dann habt ihr schon eine guten Überblick über den Koran.
Übrigens, was mir die Lektüre persönlich im Gespräch mit deutschen Muslimen (nicht mit gerade angekommenen Flüchtlingen, die noch kaum Deutsch sprechen, sondern mit deutschen Kollegen mit Migrationshintergrund) gebracht hat: Man kann etwas mitreden. Im Gespräch mit vielen ist es durchaus ein Brückenbauer. Und im Gespräch mit Schwadroneuren ist es auch von Vorteil. Ich habe schon zweimal, als mir jemand sagte: "Das steht im Koran", sagen können: "Hä? Nein, das steht nicht im Koran, das wäre mir beim Lesen aufgefallen. Welche Sure soll das denn gewesen sein?" Woraufhin der religiöse Eiferer zurückruderte und meinte, ja, nein, also, das stünde zwar nicht im Koran, das wäre eben islamische Tradition.
Also, das Fazit: Es ist ein wichtiges Buch, zweifellos. Es macht keinen Spaß. Aber reinschaun lohnt sich doch.

Inge Becher: Lautlose Stufen
Eine Geschichte über eine "andere" Kindheit und Jugend in der Nazizeit. Das Mädchen Hella erkrankt an einer unbekannten Krankheit und hat immer wieder seltsame Anfälle, bricht zusammen und muss ins Krankenhaus. In der Schule fehlt sie daher oft, bleibt vor allem in Mathematik zurück. Aber das Schlimmste für sie ist, dass sie nicht wie ihre Freundinnen zum Jungmädelbund und Bund deutscher Mädel gehen darf, denn der Führer will nur gesunde Mädchen in seinen Organisationen haben. Als sie von einem geheimnisvollen Krankenhaus hört, in dem schwer kranke Kinder behandelt werden, bittet sie den Leiter der Klinik, in der sie bisher behandelt wird, sie dorthin zu überweisen. Was Hella nicht ahnt: Die angebliche Heilanstalt ist Teil des "Euthanasie"-Apparates der Nazis - unheilbare Kinder werden dort systematisch getötet, damit sie "der Volksgemeinschaft nicht länger zur Last fallen".
Es handelt sich um ein Kinderbuch, die Geschichte und die Hauptfigur sind erfunden, aber in Anlehnung die historischen Begegebenheiten und an konkrete Fälle und Orte erschaffen. Inge Becher schreibt in sehr leicht lesbarer, einfacher, aber trotz des bösen Themas sehr schöner Sprache. Vor jedem Kapitel ist ein kurzer Absatz zum historischen Hintergrund zu finden, der dem Leser hilft, die Geschehnisse einzuordnen. Ein Buch, das sich vermutlich vor allem als Schullektüre eignet. Vom Thema her ein Buch, das wir damals in unserer Schulzeit als "Problembuch" bezeichnet haben, also eigentlich nichts, was man sich als Schüler selbst gekauft hätte, sondern eher als Geschenk von Eltern oder Verwandten bekam, die einem etwas "pädagogisch Wertvolles" zukommen lassen wollten. Oder ein Buch, über das man seine Buchreferate hielt, weil man den Lehrer beeindrucken wollte. Tja, und nun bin ich in dem Alter, in dem ich mal ein "Problembuch" für Kinder empfehlen möchte: Lest dieses Buch, es ist gut geschrieben, spannend erzählt, ordentliche recherchiert und geht unter die Haut. Ach ja, und der Humor von dem Onkel, dessen Hund am gleichen Tag wie Hitler Geburtstag hat, hat mir auch gefallen. Absolut empfehlenswert.

Werner Bergengruen: Dies Irae
Dies Irae, der Tag des Zorns, ist ein Gedichtband, den Werner Bergengruen kurz nach dem Ende der Nazidiktatur in Deutschland veröffentlichte. Es sind 13 Gedichte, ein sehr schmales Büchlein also, über den Weltenbrand, den die Nazis entfesselt hatten, und die Abrechnung Gottes mit Deutschland. Ein sehr eindrückliches Werk, das auch mehr als 70 Jahre nach Kriegsende nichts von seiner Kraft verloren hat. Ich bin als alter Bergengruen-Fan ja schon lange auf der Suche nach dem Buch, jetzt bin ich am Amazon-Marketplace fündig geworden, und der Versender kam aus Hildesheim, also ganz aus meiner Nähe.

Unter dem sapphischen Mond. Deutsche Frauenlyrik seit 1900
Schmales Hardcover-Lyrikbändchen, Piper-Bücherei, aus dem Jahr 1957. Ich habe es schon vor einiger Zeit von einer Freundin erhalten, und es hat ziemlich lange auf meinen SUB gelegen. Der Band enthält Werke von 35 Dichterinnen aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrunderts, darunter Ingeborg Bachmann, Ricarda Huch, Marie Luise Kaschnitz, Elisabeth Langgässer, Agnes Miegel und Ina Seidel, um nur ein paar zu nennen. Eigentlich bin ich immer sehr skeptisch gegenüber solchen Anthologien. Ich mag "Lyrik von Frauen" genau so wenig wie "Lyrik von Senioren", "Lyrik von Flüchtlingen", "Lyrik von Hildesheimern" oder "Lyrik von Dampfwalzenfahrern mit Diabetes". Aber dieser Band hat durchaus eine ganz eigene Kraft. Vor allem, wenn man ihn im Vergleich zu dem Lyrikband "Junge Lyrik" betrachtet, den ich kurz danach gelesen habe. Frauen scheinen doch irgendwie anders zu dichten. Etwas ruhiger, geerdeter, bewahrender klingt es als die Sammlung der "jungen Wilden".

Junge Lyrik 1960
Eine Sammlung aus dem Hanser-Verlag, ein schmales Hardcover-Bändchen mit Gedichten von 16 Autoren, davon 15 Männer und eine Frau. Abgesehen von Jürgen Becker sagten mir die Namen alle nichts, was allerdings nicht viel heißen muss, da ich ja im 20. Jahrhundert literarisch nie so recht zu Hause war. Auffallend ist, dass ein Großteil dieser damals noch sehr jungen Dichter heute einen Wikipedia-Eintrag haben: Karl-Alfred Wolken, Arno Reinfrank, Rudolf Peyer, Klaus Reichert, Peter Lachmann, Jürgen Becker, Ferdinand Kriwet, Peter Dorn (nur als Komponist und Pianist verzeichnet) und Walter Hinderer (nur als Literturwissenschaftler). Die meisten haben es also tatsächlich "zu etwas gebracht" in der Literatur. Insofern ein großes Kompliment für Oda Schäfer, die Herausgeberin, sie hatte offenbar ein gutes Gespür für Autoren, die über den Tag hinaus Bedeutung haben. Auch wenn es bei der Sammlung wohl erstmal nur um eine Momentaufnahme ging. Insgesamt eine recht interessante Anthologie. Bei manchen Gedichten hatte ich schon das Gefühl, man sollte von dem Verfasser mehr lesen.

Christian Morgenstern: Man muß aus einem Licht fort in das andre gehn. Ein Spruchbuch
Noch ein antiquarisches schmales lyrisches Hardcoverbändchen, erschienen in der Piper-Bücherei 1950. Ein Morgenstern, den ich so noch nicht kannte. Recht ernste Sinnsprüche, Aphorismen, kurze Gedichte, die sehr vernünftig und sehr weise und menschenfreundlich sind. Manches könnte glatt aus den Lebensmaximen Goethes entnommen sein. Hat mich sehr überrascht, dieser andere, ernste Morgenstern.

Heinrich Laube: Reisenovellen IV (e)
Vierter Teil der Reisenovellen. Laube beginnt mit einigen Schilderungen österreichischer Personen, unter anderem geht es um Metternich. Wenig später geht es nach Mähren und Böhmen. Es folgen Betrachtungen über die czechischen Völker und ihre Sprache, dann endlich eine Novelle mit dem Titel "Florentin". Der Titelheld wird von einem Beamten erzogen, hat die irritierende Eigenschaft, dass er zu allen Menschen gleich freundlich ist, also keinen Sinn für Standesunterschiede kennt, und verliebt sich in ein Mädchen, dessen Eltern eine deutlich zu hohe gesellschaftliche Stellung haben, als dass er als Ehemann infrage käme ... Es gibt Schilderungen über Prag, dann geht es zurück nach Deutschland, und zwar nach Dresden, danach in die sächsische Schweiz. Unter den kulturellen Betrachtungen gibt es eine Abhandlung über Tieck. Eindrucksvoll die Schilderung mit einem geflohenen Polen (nach dem niedergeschlagenen polnischen Aufstand gegen Russland). Dann die Rückkehr nach Berlin und Frankfurt an der Oder, weiter nach Schlesien, Laubes Heimat. Interessant die Lokalsage vom "schönen Gottlieb", einem Räuberhauptmann, der in der Nähe von Grünberg sein Unwesen getrieben haben soll. Es wird ein Pfingstschießen in Laubes Heimatstadt Sprottau geschildert und ein Schützenausmarsch, es folgt eine Skizze über den Schriftsteller Weisflog. Laube reist mit der Postkutsche seinen alten Schulweg nach Glogau nach und stellt Betrachtungen über das Schulwesen an. Beinahe zärtliche Schildungen der schlesischen Natur und der Schlesier schließen sich an, er schildert die schlesischen Jugendlichen, gelangt schließlich in den geheimnisvollen Ort "Merschelwitz, wo an einer Kreuzung die Straßen nach Breslau, Schweidnitz und Zobten zusammentreffen, erzählt über Lanzenknechte und einen Traum, in dem römische Götter auftreten, redet zu den Trojanern aus Zobten usw. Weitere Stationen sind Gräfenberg (mit einer sehr skurrilen Schilderung des dortigen Bades) und Neisse. Ferner gibt es eine "Gebirgsnovelle", eine Geschichte um ein Liebespaar, Armut, den Weg ins Gebirge


Fabienne Siegmund: Der Karussellkönig

Heinrich Laube: Reisenovellen V (e)
Der fünfte Band. Es geht nach Pommern. Los geht es mit einigen Schilderungen aus der unbequemen Postkutsache samt einer Räubergeschichte. Der Autor freist über Schwedt, Vierraden, Garz bis Swinemünde und Stettin. Der Komponist Löwe und die Stettiner Börse sind Themen, ein Blick aufs Meer, eine Liebesgeschichte, Betrachtungen zur Badesaison. Dann geht es weiter nach Rügen. Sehr ansprechende Meeresschilderungen, erinnert etwas an Heines "Die Nordsee, dritte Abteilung". An der Ostküste Usedoms wird Vinetas gedacht. Auf Rügen wird von antiken Berichten über diese Insel erzählt (Bernstein, Phönizier, Römer). Außerdem geht es um Seeräuber und die alten rügenschen Wenden. Und über die Seehunde wird geschimpft, die den Fischern die Netze zerreißen. Der Autor schildert die Landschaft, vor allem die Bodden, erzählt von archäologischen Funden wie Muscheln, Opfermessern, steinernen Streitäxten und Urnen. Natürlich auch vom Hain der Hertha, den Tacitus in der "Germania" schildert. Dann eine stürmische Überfahrt. Eine Unterkunft bei einem Zöllner. Ein Kapitel ist Ferdinand von Schill gewidmet (Freikorpsführer 1806/07). Die zweite Hälfte des Buches spielt in Berlin. Eine Betrachtung über Berliner Literatur. Eckensteher. Franz Horn. Geschichtsphilosophische Betrachtungen über Kultur und Herrschaft bei den alten Völkern und deren Ablösung in der Herrschaft. Friedrich II und die Flöte. Berliner Berühmtheiten: Die beiden Humboldt. Neander. Carl Ritter. Willibald Alexis. Chamisso. Unter dem Titel "Die Maske. Eine Silhouette" gibt es eine kleine novellistische Einlage. Es folgt ein Kapitel über eine Begegnung mit Heinrich Heine. Dann ein Kapitel über Hegel. Eine Theaternovelle. Schließlich eine Beschreibung Potsdams.


Hörbuch

Hier stehe ich, ich kann nicht anders. In 80 Sätzen durch die Weltgeschichte
Ein Hörbuch, das die Hintergründe zu "geflügelten Worten" aus rund zweieinhalbtausend Jahren beleuchtet. Außer dem Lutherwort im Titel sind das Aussprüche wie "L'etat c'est moi" (Der Staat bin ich) Ludwigs XIV., das delphische "Erkenne dich selbst", Gorbatschows "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" oder "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" (Karl Marx). Das Konzept ist faszinierend, das Hörbuch gut und spannend, die CDs haben mich auf langen Autofahrten gut eine Woche beschäftigt. Ich habe viel Neues gelernt, viele Hintergründe und Zusammenhänge entdeckt, die mir so bisher noch nie aufgefallen waren, und eine Menge Aha-Erlebnisse gehabt. Gut, das eine oder andere Kapitel war vielleicht nicht ganz so ausgefeilt wie der Rest, aber insgesamt eine sehr hörenswerte Angelegenheit.
Nun zum Schlechten. Die Auswahl ist extrem eurozentrisch. Es geht um die klassische Geschichte West- und Mitteleuropas, später dann ein wenig um Europas transatlantischen Erben, die USA. Unter "Welt"-Geschichte hatte ich mir etwas anderes vorgestellt als die klassische Schulgeschichtsbuch-Abfolge: Griechenland, Rom, Frankreich, Deutschland, England und USA. Es kommt nur ein einziger Asiat vor, Konfuzius. Oha, ein Indianer. Naja, der Satz mit dem letzten Baum, der gefällt wird. Das Zitat wird Häuptling Seattle in den Mund gelegt, wird auch oft als Mahnung der Cree-Indianer zitiert, entpuppte sich dann aber als Produkt der Phantasie eines Drehbuchautors. Kein Afrikaner. Nein, halt, ich will nicht ungerecht sein: Es wird Theodore Roosevelts Maxime "Sprich leise und trage einen großen Knüppel" zitiert, die er als Sprichwort aus der Westsahara bezeichnete. Und Saddam Hussein trägt einen der 80 Sprüche bei: "Die Mutter aller Schlachten hat begonnen." Allerdings ist das eines der dämlichsten Zitate. Ein dummer Satz, den ein großkotziger Wüstenschrat ausgespuckt hat, als welthistorischer Ausspruch? Da wäre doch das islamische Glaubensbekenntnis eher angebracht, ein Satz, der die Welt bewegt hat und eine der großen Welttreligionen antrieb und immer noch antreibt.
Überhaupt liegt die Auswahl ziemlich stark auf den sozialen und politischen Bewegungen und Parteien, auf Herrschern und Politikern. Wissenschaftler, Literaten und Künstler sind wenig vertreten, Religionsstifter gar nicht. Könnte es nicht sein dass Burschen wie Jesus oder Buddha oder Mohammed irgend etwas gesagt haben, was die Welt bewegte? Offenbar nicht. Nur Pontius Pilatus darf seine Hände in Unschuld waschen. Also Saddam wird zitiert, und Mohammed nicht. Pilatus wird zitiert, und Jesus nicht. Seltsame Prioritäten.
Insgesamt wird das Hörbuch dämlicher, je näher man an die Gegenwart herankommt. Gorbies "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" (sehr schön vom Autor recherchiert und aufbereitet) wäre ein gutes Schlusswort gewesen. Aber was zum Teufel hat Bill Clintons Satz "I did not have sexual relations with that woman, Miss Lewinski" in der Weltgeschichte verloren? Norbert Blüms Ausspruch "Die Renten sind sicher" als welthistorisches Zitat in einer Reihe mit "I have a dream" und "Ich weiß, dass ich nichts weiß"? Helmut Kohls Satz, er sähe "blühende Landschaften", ist sicher nicht das Kernzitat der Wiedervereinigung, sondern der Ruf: "Wir sind das Volk!" Ich habe auf Amazon in einer Rezension die Vermutung gelesen, beim Blüm- und Kohl-Kapitel solle aus linker Richtung noch einmal nachgetreten werden. So weit würde ich nicht gehen, aber ich finde auch, dass eine ansonsten hochwertige Arbeit durch den letzten Federstrich verdorben wurde. So gibt es keine 1 mit Sternchen, sondern nur eine 2 Minus auf die Sammlung.


Februar

Lutz Seiler: Kruso
Geschichte eines jungen Aussteigers in der DDR, Edgar, der den Tod seiner Freundin verkraften muss, nach Hiddensee kommt und dort in einer Kneipe als Tellerwäscher arbeitet. Fasziniert ist er von seinem Kollegen Kruso, eigentlich Alexander Krusowitsch, der unter den Angestellten des "Klausners" eine Art Führungsposition hat. Kruso ist fast so etwas wie der Schamane der Insel. Er organisiert auch die Unterbringung von Festlandsbewohnern, die sich halb legal auf der Insel herumtreiben, und führt seltsame Rituale durch. Eine unwirkliche Atmosphäre. Edgar und Kruso kommen sich näher. Und auch Kruso hat eine Tote zu beklagen, seine Schwester ist - aber ganz sicher ist das nicht - wohl ertrunken.
Der Roman spielt zu einer Zeit, als von Hiddensee aus immer wieder DDR-Bürger versuchen, in den Westen abzuhauen, oft schwimmend, meist ohne Kenntnisse der wirklichen Entfernungen, und zumeist ertrinken sie oder werden von der Polizei erwischt. Im Speiseraum quäkt ein kaputtes Radio, der Deutschlandfunk ist eingestellt und lässt sich nicht mehr ausstellen. Ausgerechnet zur Zeit der "Wende", geht das Radio dann aber doch ganz kaputt, das heißt, die Hauptfigur kriegt gar nicht mit, dass die Grenzen offen sind und warum alles so leer wird. Nach und nach gehen die Mitarbeiter des "Klausners" von Bord. Auch Kruso verschwindet und geht ins Wasser. Schließlich merkt Edgar doch, dass alles zu Ende ist. Zuletzt macht er sich auf nach Dänemark und versucht dort, in einem Dokumentationszentrum für Leichen von in der Ostsee ertrunkenen DDR-Flüchtlingen, die Schwester Krusos zu finden. Das Buch "hat was". Teilweise etwas sperrig zu lesen, aber nicht schlecht.

Hans Jürgen Fischer: Auf den zweiten Blick (e)
Die Sammlung enthält Kurzgeschichten und Gedichte, Alltagsbeobachtungen und Gedanken, zum Teil sehr bissig, recht systemkritisch, oft mit dem Blick auf die Verlierer unserer Gesellschaft. Ich habe das eBook als Vorbereitung für ein Interview mit dem Autor gelesen, das ich für die Sendung "High Noon" auf Radio Tonkuhle geführt habe. Das Gespräch und ein paar von Hans-Jürgen Fischer gelesene Passagen aus diesem Buch und aus seinem Roman "Sandros Strafe" könnt ihr hier nachhören:
https://youtu.be/BfOoVOUlLC0

Hans Baumann: Demetrius und die falschen Zaren
Ein Buch, das schon lange nicht mehr erhältlich ist. Ich fand es in einem öffentlichen Büchertausch-Schrank in Hannover. Mitgenommen habe ich es, weil ich zum einen ein großes Faible für Baumanns Jugendbücher habe, zum anderen, weil ich mich in meiner Unizeit sehr intensiv mit Schillers Demetrius-Fragment befasst habe, mit den Fortsetzungen, die Heinrich Laube und Gustav Kühne dazu geschrieben haben, und mit Friedrich Hebbels Demetrius, der ebenfalls Fragment blieb. Baumanns Demetrius ist ein Jugendbuch, aber mit einem hohen Anteil an Geschichtsreferat. Insofern ist es keine durchgehende Romanhandlung, sondern es werden immer wieder Abschnitte über die Zustände in Russland, die Interessen bestimmter Volksschichten und ähnliches eingefügt. Insofern lässt es sich nicht ganz so flüssig lesen wie etwa "Die Höhlen der großen Jäger", "Der Sohn des Columbus" oder "Flügel für Ikaros". Für mich als "Demetrius-Forscher" aber sehr erhellend und mit Gewinn zu lesen.
Baumanns "Demetrius" enthält, wie auch seine Bücher "Der große Alexanderfeldzug" oder "Flügel für Ikarus" als Auseinandersetzung mit der Frage nach der Rechtmäßigkeit von Herrschaft und der Möglichkeit, ein "guter Herrscher" zu sein, ein Thema, das wohl für den Autor immer auch eine Auseinandersetzung mit seiner eigenen Biographie gewesen ist. Damals, als ich seine Jugendbücher kennen lernte, wusste ich noch nichts von seiner NS-Vergangenheit und seiner Position als Cheflyriker und -Lieddichter der NS-Jugendorganisationen. Ich bin sehr froh darüber, dass ich den Autor damals ganz unvoreingenommen entdecken konnte. Womöglich hätte ich mir damals seine "Höhlen der großen Jäger" sonst nicht vom Taschengeld gekauft, es hätte mich gegraust. Aber der Mann hatte eine ganze Menge auf dem Kasten, schreiben konnte er wirklich.

Alexander von Ungern-Sternberg: Braune Märchen (e)
Alexander von Ungern-Sternberg gehört am Rande mit in den Bereich des "Jungen Deutschlands", der liberalen Literatur der 1830er Jahre, mit deren Autoren ich mich im Studium recht intensiv befasst habe. In diesem Zusammenhang stieß ich auch auf Ungern-Sternberg, der mit seinem Roman "Die Zerrissenen" ein damals sehr gängiges Schlagwort, eine psychologische Grundhaltung der modernern Literaten aufgegriffen hat. Ich las damals außer den "Zerrissenen" auch den Folgeroman "Eduard", fand beide grottig oder zumindest durchschnittlich, stieß dann aber auf zwei Taschenbücher mit Märchen von ihm, die "Schiffersagen" und die "Braunen Märchen" und stellte fest, dass dieser Autor seine Stärke auf jeden Fall auf dem Gebiet der "kleinen Formen" hat und dass seine Märchen viel besser sind als seine Romane. Jetzt stieß ich also auf eine kostenlose Ausgabe der "Braunen Märchen" und lud sie herunter.
"Braune Märchen" nennt er sie, weil er sich in die Tradition der französischen "Nouvelles Brune" stellt, was besagen will, dass es sich um erotische Märchen handelt. Für heutige Leser sind sie eher harmlos, es werden halt manchmal Dinge wie Geschlechtsorgane oder Beischlaf angedeutet. Da ist zum Beispiel die Geschichte einer Bäckerstochter, die eine supergute Bäckerin ist und eines Tages verkündet, sie wolle jetzt ihr Meisterstück liefern und sich einen Mann backen. Der Mann wird auch ganz toll und gefällt ihr ausnehmend gut, aber die junge Frau ist halt noch vollkommen unschuldig, und die älteren, erfahrenen Männer und Frauen kichern ein wenig, weil sie "das Hauptstück" vergessen hat. Der gebackene Mann ist ausgesprochen liebenswürdig, sieht auch gut aus, hat Manieren, aber er wird immer verdrossener, und als sie nicht versteht, was ihm fehlt, macht er sich irgendwann allein auf die Reise, kommt dann in den Besitz eines gläsernen Löffels, der ihm genau an die Stelle springt, wo ihm etwas fehlt, und dort anwächst, und der gebackene Mann zieht weiter, erlebt noch ein paar Abenteuer ... So in der Art. Also, wenn ihr etwas von Ungern-Sternberg lesen wollt, greift zu seinen Märchen und lasst die Romane weg. Macht mehr Spaß.

Heinrich Laube: Reisenovellen VI (e)
Letzter Band der Reisevovellen. Und vom Autor auch schon im Vorwort als Abschlussband angekündigt. Laube reist durch Thüringen. Stationen sind Weißenfels, wo es um eine Jagd und ein Liebespaar geht, Naumburg und Kösen, Bibra, der Kyffhäuser, wo des schlafenden Kaisers gedacht wird, Auerstädt und Osmanstädt, Weimar, wo es um Goethe und Schiller geht. Goethes Hauswesen , seine Gespräche und Briefe. Dann ein neuer Abschnitt über Süddeutschland, den Niederrhein, die Franken, München, Frankfurt. Ein Kapitel über den Rhein. Heidelberg. Die Nibelungen. Eine Novelle über ein Mädchen aus dem Schwarzwald. Stuttgart und die Schwaben. Schiller in Stuttgart. Nürnberg. Noch eine letzte Novelle aus Adelskreisen. Fertig.
Fazit: Die Italien-Reise vom letzten Jahr und die Ostsee-Reise aus diesem Jahr waren die besten Reisebeschreibungen aus Laubes Feder. Der Rest ist lesbar, aber auch sehr zusammengewürfelt.

Peter Hereld: Teutonia
Ein Interview mit Peter Hereld über sein Buch habe ich für Radio Tonkuhle geführt, einen Mitschnitt findet ihr hier: https://youtu.be/bVhQ4G4QtQw

Andrea Tillmanns: Weltenschlüssel 1 – Mit den Eulen fliegen

Regina Felin: Der Kleine Wagen
Ein Buch, das ich mir eigentlich schon vor 15 Jahren kaufen wollte, es ist dann aber irgendwie doch nicht dazu gekommen, aber jetzt habe ich es antiquarisch gefunden. Es geht nichts verloren.
Erzählt wird die Geschichte eines jungen deutschen Mädchens, das nach dem Zweiten Weltkrieg beziehungsweise noch in den letzten Tagen des Krieges aus Polen nach Deutschland flüchten muss. Ihr Vater hatte einen wichtigen Posten bei der Bahn, war Leiter eines Bahnhofs, so kann er seine Frau und seine Tochter noch im Zug nach Westen unterbringen, obwohl alles restlos besetzt ist. Auf den Bahnhöfen spielen sich endzeitliche Szenen ab, alles flüchtet in Angst vor den Russen. Aber das ist nichts gegen das, was die Ich-Erzählenrin dieses autobiographisch geprägten Romans erlebt, als sie im Deutschland der Endkriegszeit ankommt. Freunde, selbst nahe Verwandte, sind plötzlich wie ausgetauscht, seitdem sie nur noch ein Flüchtlingskind ist. Jeder denkt nur an sich, keiner will sie und ihre Mutter durchfüttern, und wo immer sie ein Zimmer bekommen, müssen sie der Wirtin ihre Essensmarken zur Verwahrung und zwecks gemeinsamen Einkaufs abgeben - Marken, die sie nie wieder sehen werden. Sie werden bestohlen, betrogen, ausgenutzt und wie Abschaum behandelt, nach unten durchgereicht, auch und gerade von Verwandten ... Ein Buch, bei dem ich fast froh bin, dass ich es jetzt erst gelesen habe, in einer Zeit, in der die meisten Deutschen vergessen haben, dass auch Angehörige ihres Volkes vor noch nicht allzu langer Zeit einmal Flüchtlinge waren.
Etwas zu bekritteln habe ich allerdings als passionierter Sterngucker: Das Cover zeigt nicht den Kleinen Wagen, sondern den Großen Wagen. Und auch die Ich-Erzählerin scheint gar nicht zu wissen, dass es zwei Wagen gibt. Sie spricht nur immer von dem Kleinen Wagen, schaut zu ihm auf und stellt sich vor, dass sie all ihre Habseligkeiten und ihre Familie samt Hund in diesen Handwagen hineinsetzen und mitnehmen will. Irgendwie wäre es doch sinnvoller gewesen, der Vater hätte ihr erstmal den Großen Wagen gezeigt und ihr dann erklärt, wie man den Kleinen findet. Ich mein ja nur ...

Alexander von Ungern-Sternberg: Die Zerrissenen (e)
Typischer Roman der 1830er Jahre in der Verwandtschaft der Jungdeutschen. Künstlerroman mit Weltschmerz, ein paar Adlige, Liebesgeschichten, Gedanken über das Leben und den Staat, ein paar Verwicklungen. Ich hab Anfang der 1990er den Erstdruck in der niedersächsischen Landesbibliothek gelesen, und obwohl ich sonst immer fleißig exzerpiere, habe ich damals kein einziges Zitat zum Herausschreiben gefunden. Der Folgeroman "Eduard" ist etwas besser, der hat mir eines beschert. Jetzt also die eBook-Ausgabe, kostenlos für den Kindle heruntergeladen, nochmal gelesen, und letztlich gibt es immer noch nichts Großartiges daraus zu zitieren. Wichtig ist halt der Titel "Die Zerrissenen" als Schlagwort und Selbstbeschreibung einer ganzen Literatengeneration und das Erscheinungsjahr 1832, dann wisst ihr schon genug darüber. Lest lieber seine Märchen.

Sheelagh McErin: Das Haus der Masken



März

Antje Babendererde: Isegrim

Henry David Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern
Als ich mir eine Ausgabe von "Walden" bestellte, tat ich zunächst einen Fehlgriff. Ich bestellte die im Anaconda-Verlag erschienene Hardcover-Version, optisch wunderbar, aber als ich sie aufschlug, stellte ich fest, dass es sich um ein gekürztes Buch handelt. Das war weder aus der Buchbeschreibung im Internet noch aus dem Klappentext ersichtlich. Einer der ganz wenigen Fälle, in denen ich eine wütende Mail an meinen Online-Buchhändler schreib und das Buch wieder zurückschickte. Vielleicht hat die Bearbeiterin ihren Job ja tatsächlich gut gemacht. Aber ich bin da Purist. Wenn jemand entscheidet, was ich beim Lesen weglassen soll, dann tue ich das selbst.
Ich schaffte mir dann die Taschenbuchausgabe an, die im Verlag Hofenberg erschienen ist. Optisch nicht ganz so ansprechend, halt ein komisches helles Grün mit einem grünen Hüttenbild, offenbar der Originalausgabe nachempfunden. Die Übersetzung ist uralt und gemeinfrei (dass Anaconda hier eine Neuübersetzung lieferte, ist eindeutig ein Plus der anderen Ausgabe), sie stammt von Wilhelm Nobbe und ist 1905 erschienen, damals wohl die erste deutsche Walden-Ausgabe. Damit lässt sich leben. Ein Minuspunkt ist aber, dass hier wieder einfach nur ein alter Frakturdruck eingescannt, in eine modernere Schrift umformatiert, aber nicht Korrektur gelesen wurde. Da ist die Rede von "Negierungstruppen", von einem Jäger mit seinem "Sunde" und einer "Sausherrin" und einer "Sintertür", man braucht schon manchmal sehr viel Scharfsinn, um solche Texte zu lesen. Auf jeden Fall lernt man so viele neue Wörter.
Der Text selbst ist auf jeden Fall empfehlenswert. Der Mann konnte nicht nur denken und eine Hütte bauen und sich zwei Jahre in der Wildnis behaupten, sondern auch schreiben. Ein Klassiker, den man gelesen haben muss. Und was die Redundanzen angeht, die in der anderen Ausgabe weggekürzt wurden, ja, vielleicht gibt es darin welche, aber da muss man als Selbstdenker eben durch.

Wolf N. Büttel: Sie hatten 44 Stunden
Ein Roman, der an nur einem Wochenende entstand. Ein Schreibseminar. 15 fortgeschrittene Autoren, die ein ungewöhnliches Experiment wagen. Es ist ein Buch, das ich schon lange lesen wollte. Ich kenne eine ganze Menge der beteiligten Autoren, einige persönlich, viele über Facebook, eine Menge durch eigene Lektüre. Also, nach diesem letzten großen Schreibkurs haben es fast alle geschafft, in der Literatur ihre Fußstapfen zu hinterlassen. Es ist ein Science-Fiction-Roman dabei herausgekommen, das Buch enthält auch eine Dokumentation des Seminars und sogar ein Gutachten eines Lektors, der die Verkaufschancen des Werkes einschätzt. Ja, ich teile seine Einschätzung und verstehe, warum das Buch nicht in einem Verlag als "normaler" Roman erscheinen konnte. Ein bisschen ruckelt es natürlich beim Kapitel- und Autorenwechsel, manches ist zu ausschweifend, manches hätte ausführlicher dargestellt werden können, und der Plot ist halt nicht großartig sondern Durchschnitt. Trotzdem: Dieses Buch war ein Erlebnis, und wenn auch nicht alles zusammen passte, jeder einzelne Autor hatte eine verdammt gute Schreibe, und ich habe es in einem Rutsch durchgelesen. Ein echter Pageturner. In einer der Beurteilungen habe ich gelesen, man wisse nicht so recht, in welches Regal man das Buch nun stecken sollte, ins SF-Regal der ins Schreibratgeber-Regal. Bei mir steht es im Schreibratgeber-Regal, aber etwas spacig ist es trotzdem. Einfach ein Erlebnis.

Oliver Hohlstein (Hrsg.): Kinder der Sonnenfinsternis
Eine Sammlung, zu der ich selbst eine Geschichte beigesteuert habe, darum hier keine Bewertung. Aber die Texte der anderen Autoren sind durchweg lesenswert. Es geht um Jugendliche mit besonderen magischen Begabungen. Gezeugt wurden sie zur Zeit der Sonnenfinsternis von 1999 unter dem Einfluss eines schwarzmagischen Rituals, das eine Sekte durchgeführt hatte. Das Ritual ging schief, aber einige damals geborene Kinder entwickeln nun als Jugendliche bestimmte Kräfte. Staatliche Organe, aber auch Wirtschaftsunternehmen machen Jagd auf diese "Begabten", um sie entweder als Gefahrenquellen auszuschalten oder sie für ihre Zwecke einzusetzen. Es handelt sich um eine der typischen "verwobenen" Anthologien der Geschichtenweber. Das heißt, jeder Autor schrieb zwar eine eigene Kurzgeschichte, aber die Storys sind untereinander durch bestimmte Elemente miteinander "verwoben". Die Arbeit daran hat mir jedenfalls sehr viel Spaß gemacht.

Tatjana Stöckler: Chagrans Thron I

Steffi Biber-Geske & Sabrina Pohle: Sagenhafte Ferien auf Usedom

Die Welten von Thorgal: Thorgals Jugend 3 - Runa

Dorothee Kremer: Der Marmeladenkönig und andere Obstrmärchen

Der große Feuergeist. Märchen der Eskimo (e)
Kostenloses Kindle-eBook. Eine Märchensammlung mit Märchen der Inuit. Viel ist die Rede von Kindern, die ihre Familie verlieren oder irgendwie Nahrung beschaffen müssen.Einiges über Schamenen, die die Meergöttin besänftigen müssen. Sehr interessant zu lesen, teilweise etwas altertümlich.

Schwarzer Hirsch: Ich rufe mein Volk
Autobiographischer Bericht, ein Buch aus Dietrichs Gelber Reihe, ich hab es gebraucht bekommen. Erzählt wird die Geschichte der Lakota und ihres Kampfes gegen die Weißen, die sie immer mehr verdrängen und ihnen ihr Land rauben. Das ganze aus der Sicht eines Schamanen, der eine sehr mächtige Vision erhalten hat und diese nach und nach als öffentliche Inszenierung umsetzt. Habe ich so noch nicht gehört, aber es war wohl so, dass solche besonderen Träume erst dann für die Schamenen nutzbar und anerkannt wurden, wenn sie öffentlich vorgeführt werden. Am Ende ist aber der Wiederstand der Lakota zerschlagen, der letzte Krieg ist verloren. Ein letztes Aufbäumen ist die Geistertanz-Bewegung. Schwarzer Hirsch lernt den Geistertanz kennen und ist begeistert von Wovoka und seinen Lehren. Doch auch die Geistertanz-Bewegung wird blutig niedergeeschlagen. Schwarzer Hirsch gelangt zu der Erkenntnis, dass er seine eigene Vision verraten hat. Er hätte die Chance gehabt, sein Volk zu retten, wenn er sich nicht Wovoka angeschlossen, sondern seine eigene Vision umgesetzt hätte, glaubt er.

Hörbuch:
Mark Brandis - Raumkadett 1: Aufbruch zu den Sternen
Erster Teil einer Hörspielserie über den jungen Mark Brandis und seine Ausbildung bei der Vega. Grundlage ist die gleichnamige Kurzgeschichte von Nikolai von Michalewsky. Der junge Mark Brandis schleicht sich als blinder Passagier auf ein Schiff, das zur Venus fliegt. Dort, so hat er erfahren, kann er Astronaut werden. Aber er wird entdeckt, und der Kapitän, der furchtbar abergläubisch ist, hat für junge "Klabautermänner" nichts übrig ... Akustisch erneut ein Hochgenuss, die Crew der Mark-Brandis-Serie hat eine ganze Menge auf dem Kasten. Hat mir gefallen.


Zu Teil II meines Jahresrückblicks: April bis Juni 2016
Zu Teil III meines Jahresrückblicks: Juli bis September 2016
Zu Teil IV meines Jahresrückblicks: Oktober bis Dezember 2016

© Petra Hartmann


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Jahresrückblick IV: Oktober bis Dezember 2015

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 30 December 2015 · 808 Aufrufe
Jahresrückblick
Letzter Teil meines Jahresrückblicks. Bleibt noch zu fragen, was ich dieses Jahr an Neuem geschrieben habe und wie es weitergeht.
Ich habe mich in den vergangenen zwölf Monaten weniger mit Romanprojekten befasst und bin zu meiner großen Liebe, dem Märchen oder der Sage zurückgekehrt. In den ersten Monaten entstanden in rascher Folge meine Neu-Erzählungen der Hildesheimer und Alfelder Lokalsagen um den Geist Hödeken. Es wurde ein kleines Büchlein daraus, das inzwischen im Verlag Monika Fuchs erschienen ist. Außerdem gibt es ein paar neue Nestis-Geschichten, darunter ein neues Helgoland-Märchen und ein Abenteuer aus dem Bereich der Seefahrersagen und des Seemannsgarns.
Mein aktuelles Projekt läuft bei mir unter dem Arbeitstitel "Buchfinkenmärchen", bislang gibt es vierzehn Texte dazu, die vielleicht irgendwann einmal Druckreife erlangen. Es wird aber noch ein wenig dauern.

Doch nun zu meinen Lesefrüchten des letzten Quartals von 2015. Diesmal viele Kinderbücher, Klassiker, Helgolandliteratur, Neu- und Wiederentdeckungen. Viel Vergnügen damit!

Legende:
Ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den Text in der eBook-Fassung gelesen habe.
Blaue Schrift weist auf herausragend gute Bücher hin.
Rot markiert sind Bücher, die ich so abgrundtief schlecht finde, dass ich euch ausdrücklich davor warne.
Bei verlinkten Titeln landet ihr auf ausführlicheren Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


Oktober

Hugo Kocher: Das große Buch der Tiergeschichten:
- Twiga, die Giraffe
- Glitsch Wasserschreck
- Korró, der Jaguar

Eigentlich ein Fehlkauf. Ich hab es antiquarisch erstanden, weil ich auf der Suche nach Kochers Geschichte "Mit dem Hundeschlitten unterwegs" war und der Klappentext auch von Abenteuern bei Eskimos sprach. Es war dann aber nichts aus der Arktis dabei. Der Sammelband vereinigt drei Tierromane Kochers in sich, allesamt typische Tiergeschichten im 50er- oder 60er-Jahre-Stil. Felix Saltens "Bambi" oder die Tierbücher von Otto Boris funktionieren ähnlich. Tierkind wird geboren, verliert früh die Mutter, lernt sich durchzusetzen und zu verteidigen, wird schließlich zu einem großartigen Exemplar seiner Gattung, oft zum Leittier, besteht seinen letzten großen Kampf gegen einen Widersacher, der womöglich schon seit Jahren auf seiner Fährte ist und ihm die Mutter getötet hat, und stirbt irgendwann. Naja, etwas variiert wird das Thema schon. Twiga, der Giraffenbulle, hat eine sehr interessante Freundschaft mit einem Schwarzen, der ihn als seinen Schutzgeist betrachtet, Korro der Jaguar ist eher der Böse, und die Geschichte wird aus der Perspektive eines jungen Indios erzählt, der seine Angst überwindet und endlich die gefährliche Raubkatze zur Strecke bringt. Und Glitsch Wasserschreck hat den gemütlichen Humor einer deutschen Jägergeschichte. Dass Kocher deutsche Jägersprache auch für afrikanische Giraffen verwendet, ist etwas gewöhnungsbedürtig, ansonsten eine ganz nette Lektüre und recht lehrreich.

E.T.A. Hoffmann: Nachtstücke (e):
- Der Sandmann
- Ignaz Denner
- Die Jesuiterkirche in G.
- Das Sanctus
- Das öde Haus
- Das Majorat
- Das Gelübde
- Das steinerne Herz

Düstere Erzählungen, von denen ich bislang nur den "Sandmann" kannte. "Ignaz Denner" ist eine verschlungene Geschichte über einen Räuberhauptmann, der ein wenig von Magie versteht und einen armen aber redlichen Förster und dessen Frau zu seinen Spiegesellen machen will. Der Rest ist meist ziemlich geradlinig erzählt. Mir gefielen vor allem die Geschichte der Jesuiterkirche und des Sanctus, das öde Haus hat mich weniger angesprochen. Insgesamt aber eine sehr lesenswerte Sammlung.

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört
Ein Erbstück aus der Bibliothek meines Vaters, das ich schon lange ins Auge gefasst hatte. Jetzt habe ich es endlich gelesen. Ein beeindruckendes Buch. Wahrhaftig, wenn ich nicht die Tochter Wilfried Hartmanns wäre, dieser Atticus Finch wäre jemand, der in die engere Wahl käme. Ich habe das Buch verschlungen.
Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der jungen Scout, die zusammen mit ihrem Bruder und einem Freund eine Südstaaten-Kleinstadt-Kindheit erlebt, die ein wenig Bullerbü-Feeling aufkommen lässt. Der alleinerziehende Vater Atticus ist Anwalt, ein sanfter, freundwilliger Mann, von Idealen geprägt, die keineswegs hohl und pathetisch scheppernd daherkommen. Ein anständiger Mensch, ohne kleinkariert und philiströs zu wirken. Als Atticus Finch zum Pflichtverteidiger eines wegen Mordes angeklagten Schwarzen wird, verändert sich einiges für die kleine Familie. Vor allem, als klar wird, dass Atticus den offenbar Unschuldigen tatsächlich ernsthaft und mit allen juristischen Mitteln verteidigen und einen Freispruch erwirken will ...
Ein Buch, das sehr gut tut. Ich hätte es schon viel eher lesen sollen.

Markus K. Korb: Schock!
Wow! Ein ganz besonderes Buch, das vollkommen zu Recht mit Auszeichnungen überhäuft wurde. Die Aufmachung ist genial, ein Kurzgeschichten-Band der als Comic-Sammelband in der Tradition der alten Horror-Hefte daher kommt, mit herrlichen Covermotiven von Christian Krank. Im Innenteil leitet ein alter Totengräber als Conferencier den Leser mit seinen zynischen Kommentaren von Geschichte zu Geschichte. Es geht um lebendig Begrabene, Geisterkutschen, Aliens und Monster aus der Kanalisation, Nahtoderfahrungen und ewige Verdammnis, Kanibalismus und eisige Winter - einfach irre, grandios irre.

Andrea Tillmanns: Julia Jäger und die Macht der Magie

Atlantis - Die Storys zum Marburg-Award
Anthologie zum Wettbewerb des vorigen Jahres. Ich hatte eigentlich mitmachen wollen, ehrlich, aber es wieder nicht geschafft, dabei war es ein so schönes Thema. Die Samlung ist sehr viekseitig und enthält eine Menge spannende Texte, ich mag auch die schlichte, geschmackvolle Aufmachung sehr. Eine schöne und passende Insellektüre für meinen Herbst auf Helgoland.

James Krüss: Welches Tier hat sieben Meter Halsweh?
Schönes kleines Bilderbuch für die Kleinsten. Ein Fundstück in der Helgoländer Bibliothek. Ich hatte eigentlich nach James Krüss' "Bienchen, Trinchen, Karolinchen" gefragt, das sich etwas schwer finden ließ. Doch während der Suchzeit baute die Bibliothekarin bergeweise Krüss-Bücher aus ihrer Schatzkammer vor mir auf, auch seltenere und uralte bibliophile Ausgaben. An einigen bin ich dann hängen geblieben, zum Beisipiel an diesem. In humorvollen und fantasievollen Versen werden Tiere beschrieben, die man dann raten soll. Das Tier mit den sieben Metern Halsweh ist *Achtung, Spoiler!* natürlich die Giraffe.

James Krüss: Bienchen, Trinchen, Karolinchen
Mein absolutes Lieblingsbuch von James Krüss und eine wundervolle Kindheitserinnerung. Leider wird es nicht mehr aufgelegt und ist nur noch antiquarisch zu haben. Ich habe vor einigen Jahren auch schon mal bei den Krüss-Nachkommen in der James-Krüss-Hummerbude vor dem Museum nachgefragt, aber sie konnten mir nicht viel Hoffnung machen. Karolinchen, die Heldin dieses Buches, ist noch recht jung, kann noch nicht lesen, hat aber zwei Brüder, von denen vor allem der nur etwas ältere Michael ihr am nächsten steht, meist liebevoll, manchmal macht er aber auch einfach nur Quatsch. Zum Geburtstag etwa liest er ihr die Postkarte von Tante Lotte und Onkel Otto falsch vor und vermeldet Geburtagsgrüße von Onkel Balduin. Nach einigen Diskussionen in er Familie, dass ein solcher Onkel gar nicht existiere, wird Karoline sehr traurig, doch Michael weiß Rat. Zuletzt stellt Karoline salomonisch fest: "Ich hab gar keinen Onkel Balduin. Aber es ist lieb, dass er an meinen Geburtstag gedacht hat." Karoline baut eine Hütte, entdeckt den gefährlichen Gartenschlauch, träumt von Wolkenbildern, feiert die Hochzeit ihrer Puppe mit dem Klammerbeutel, Herrn Birnbaum, und freut sich über die Geburt dreier Wäscheklammer-Kinder und und und. Dazu gibt es humorvolle, sehr leicht eingängige Kindergedichte, von denen ich noch heute einen Großteil auswendig weiß. Wirklich zu schade, dass es dieses Buch nicht mehr gibt.

James Krüss: Annette mit und ohne Mast
Nettes Kinderbuch über ein Mädchen namens Annette, das zu seinem Kummer genau so heißt wie der kleine Schlepper ihres Onkels. Ein Klassenkamerad zieht sie immer wieder damit auf, dass sie den Namen eines so kleinen, plumpen Schiffs trägt. Da wird es dem Mädchen Annette zu bunt: Sie läuft zum Reeder und überzeugt ihn, dass nächstes Mal unbedingt der Schlepper Annette den fettesten Orzeanriesen in den Hafen ziehen soll. Und sie schafft es sogar, dass ihre ganze Klasse zuschaut und sehen kann, was alles in dem kleinen Schiff Annette steckt. Damit sind dann auch die Hänseleien vorbei. Sehr liebenswert.

James Krüss: Der kleine Flax
Eigentlich eine Indianergeschichte. Ich kenne Teile davon als Abenteuer des Spinnenmanes Iktumi. Hier ist es der kleine Flax, der in die Welt zieht und versucht, seinen Hunger zu stillen. Sehr nett. Mit Illustrationen von Janosch.

Hans-Magnus Enzensberger: Zukunftsmusik
Ein sehr gelungener Gedichtband von einem der ganz Großen. Abgeklärt, unspektakulär, wohlklingend, ohne aufdringlich zu wirken. Man sollte sich etwas Zeit nehmen für die Gedichte, auch wenn das Buch recht schlank daherkommt. Hat mir gefallen.

Tanja Mikschi: Auf den Pfaden des Luchses

Isidor Bürger: Helgoland
Grottenschlechter Gedichtband, Finger weg davon. Ich habe ihn mir halt in der Helgoländer Bibliothek noch einmal geben lassen, weil Bürger zu der Zeit auf der Insel war, als auch Mundt und Wienbarg dort ihre Reiseberichte verfassten. Und weil Mundt in seinem Helgolandtext einen Briefpartner namens "Isidor" anspricht. Aber es war schon ein hartes Brot, sich durch diese Verse durchzubeißen. Wenn ihr nicht gerade lyrische Masochisten seid, lest ihr den Gedichtband besser nicht.

Herrmann Parzinger: Die Skythen
Übersichtsdarstellung im handlichen Taschenformat, etwas spröde geschrieben, aber sehr informativ. Mit vielen Skizzen von Grabanlagen, Kleidung, Waffen und anderen Fundstücken.


November

Siegfried Wagner: An allem ist Hütchen schuld!
Libretto zu einer Märchenoper des Sohnes von Richard Wagner. Siegfried Wagner bringt es fertig, rund 40 Märchen, meist aus der Sammlung der Brüder Grimm, zu einer Geschichte zusammenzubasteln. Ich habe den Text natürlich wegen des Titelhelden gelesen, denn hinter diesem "Hütchen" verbirgt sich niemand anders als die Hildesheimer beziehungsweise Alfelder Sagengestalt "Hödeken" über die ich ja dieses Jahr ein Buch veröffentlicht habe. Offenbar war 2015 ein Hödeken-Jahr, denn außer meinem Buch gab es dank einer szenischen Aufführung dieser alten Oper an der Ruhr-Universtät in Bochum (18. Oktiber 2015) noch eine weitere Hommage an die Sagengestalt.
Hütchen spielt in diesem Stück allerdings eher die Rolle eines Bösewichts oder zumindest die Rolle eines Wesens, das sich einen argen Scherz mit zwei Liebenden erlaubt. Der Zwerg oder Kobold versucht, das Pärchen durch seine bösen Streiche auseinander zu bringen, sorgt dafür, dass sie getrennt von einander durch die Welt irren müssen, und verblendet sie manchmal durch einen heimtückischen Zauber, sodass sie einander nicht erkennen, wenn sie sich gegenüberstehen. Unter anderem müssen sie sich gegen den Teufel mit den drei goldenen Haaren behaupten, treffen auf Frau Holle und die Märchenhexe und so weiter. Am Ende finden die schwer gepüften Liebenden aber doch noch zu einander. Mal sehen, vielleicht schreibe ich nächstes Jahr noch etwas Ausführlicheres über das Stück.

Marcus Jensen: Oberland
Ein Helgoland-Roman, jedenfalls das erste Drittel. Dort habe ich das Buch vor ein paar Jahren auch erworben, es verschwand dann im Koffer er und tauchte erst jetzt wieder auf. Erzählt wird die Geschichte Jens Behses, eines jungen Mannes, der sich selbst umbringt und kurz zuvor von vier eigenartigen Personen zu den wichtigsten Stationen seines Lebens zurückgeführt wird, das ist in ersten Drittel ein Urlaub auf Helgoland, in dem er eine alte Kapitänsmütze findet, die ihn fortan begleiten soll, dann seine Schulzeit in Pinneberg - mit klassischen 70er/80er-Jahre-Schul-Erfahrungen, Pubertät, Sex, Cliquenbildung, Mobbing. Steph, die Sexgöttin der Klasse, wird in den Selbstmord getrieben, woraufhin Jens den Verantwortlichen umbringt und die Leiche in dem Grab unterbringt, das er eigentlich für sich selbst und seinen eigenen Selbstmord vorbereitet hat. Der dritte Teil schließlich zeigt Jens als Zivi auf der Sterbestation eines Krankenhauses, wo er seine Helgoländer Zimmerwirtin wiedersieht. Dann schließlich das, worauf der gesamte Roman von Anfang an hinauslief - sogar die noch verbleibenden Tage, Stunden und Minuten wurden immer wieder als Countdown eingeblendet: Jens zieht seinen Selbstmord durch. Das hört sich in der Wiedergabe etwas verworren an, ist aber ein verdammt guter Roman und vor allem sprachlich ein Hammer. Wenn ihr das Buch irgendwo seht, nehmt es mit, es lohnt sich.

Antonia Michaelis: Das Blaubeerhaus

Mark Haddon: Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone
Christopher Boone ist Autist. Er braucht Ordnung, hat Angst vor Unbekanntem, nimmt alles um sich herum ungefiltert wahr und ist eigentlich nur glücklich, wenn er sich mit Mathematik befassen darf oder Logikrätasel lösen kann. Sein Ziel: Das Matheabitur bestehen und dann an die Uni kommen - die Alternative wäre eine Sonderschule. Doch dann passiert etwas Erschreckendes: Der Hund der Nachbarin wird erstochen. Christopher ist vollkommen verstört, doch er beschließt, den Mord aufzuklären. Er überwindet sich und spricht wildfremde Nachbarn an, um das Rätsel zu lösen. Dann zerbricht auch noch das Vertrauensverhältnis zu seinem Vater. Und Christopher findet heraus, dass seine Mutter nicht im Krankenhaus verstorben ist, wie der Vater ihm erzählt hat. Völlig auf sich allein gestellt macht er sich auf eine angsteinflößende Reise: Er wagt sich hinaus, sucht sich den Weg durch das Gewirr von Straßenbahnen, U-Bahnen, Zügen und fremden Städten und fährt zu seiner Mutter ... Ein beeindruckender Roman, manchmal umwerfend komisch, manchmal zum Heulen, oft erkenntniserweiternd und spannend, manchmal sehr fordend, wenn man Christophers Gedankenspiele und Logikrätsel nachvollziehen will. Hinzu kommt eine wunderbare Sprache, die Christopher eine ganze eigene, unverwechselbare Stimme verleiht. Klasse.

J. H. Rosny: Am Anfang war das Feuer
Paläo-Fiction. Es gibt ja für jedes noch so enge Genre inzwischen einen Fachausdruck.
Der Roman spielt in der Urzeit und handelt von einer Frühmenschensippe, denen bei einem Überfall eines feindlichen Stammes das Feuer ausgegangen ist. Zwei dreiköpfige Jägerteams werden ausgesandt, um das für das Überleben der Sippe unverzichtbare Feuer zurückzubringen. Dem Chef des Siegerteams winkt die Hand der schönen Häuptlingstochter.
Ich habe die Geschichte vor Jahren kennen gelernt durch den gleichnamigen Film, der mich besonders durch die dafür neu geschaffene "Steinzeitsprache" beeindruckte. Davon ist allerdings im Buch nichts zu finden, und auch die Handlung des Films weicht stark von der des Buchs ab. Ich war enttäuscht. Andererseits ist es nicht die Aufgabe eines Buches, die Versprechen eines Films zu erfüllen, vor allem dann nicht, wenn das Buch älter als der Film ist.

Dirk van den Boom: Der sensationelle Gonwik
Ein neuer Einsatz für die Crew von Thrax und Skepz. Auf einem von Eroberung durch die Hondh bedrohten Planeten ist ein uraltes Artefakt verborgen, das in den falschen Händen eine Katastrophe auslösen könne: Das Gerät ist in der Lage, gezielt alle künstlichen Intelligenzen psychisch völlig durcheinanderzubringen, was den Hondh natürlich gegen die noch freien Völker ausgenutzt werden könnte. Man lernt einen nahezu mittelalterlichen Planeten kennen, erlebt Abenteuer mit einer Gauklertruppe, vor allem aber geht es um ein Selbsterfahrungscamp einer total durchgeschepperten Roboterzivilisation, die hier menschliche Gefühle nachvollziehen will. Nicht ganz so gut wie der Leeluu-Roman, aber nicht schlecht, sehr originell.

Inge Becher/Nina Lükenga: Georg der Fünfte und sein Floh
Sehr liebenswertes Kinder-Bilderbuch für Besucher der Stadt Georgsmarienhütte und des dortigen Museums. Auf amüsante Art wird hier vom königlichen Engagement für den dortigen Bergbau und die Gründung des Stahlwerks erzählt - aber auch vom traurigen Ende der Herrschaft Georgs.

Das Mädchen aus dem Moor (Lerato-Anthologie)
Uralte, mystische Anthologie eines untergegangenen Verlags, der seinerzeit schöne Sachen herausgebracht hat. Es war schon seltsam, die alten Texte zu lesen. Viele der Autoren kenne ich und weiß, wie sie sich inzwischen weiterentwickelt haben. Sehr spannende Sammlung, hätte vielleicht etwas großzügiger layoutet sein sollen.

Artur Rosenstern: Planet Germania

Eckehard Haase: Einfach nur Kant
Ein Herzensprojekt eines Autorenkollegen aus dem Verein der Hildesheimlichen Autoren. Eckehard Haase bittet Kant zum Interview. Der Königsberger hat aufgrund nicht näher erläuterter Umstände bis heute überlebt, ist inzwischen, ganz gegen seine alte sesshafte Natur, zu einem begeisterten Globetrotter geworden und trifft sich nun zum Gespräch mit einer Journalistin, die sich als eine ihm in philosophischen Fragen durchaus ebenbürtige Partnerin entpuppt. Es geht noch nicht um den "ganzen" Kant in diesem Buch, sondern es handelt sich um einen ersten Band, der den vorkritischen Kant zum Thema hat. Weitere Interviewbände sind gerade in Arbeit und sollen demnächst erscheinen.
Dem Autor muss zunächst einmal eine hohe Kompetenz bescheinigt werden. Er kennt seinen Kant, das spürt man aus jeder Zeile dieses Interviews heraus. Für den Leser ist es ein lehrreiches, zum Teil sogar vergnügliches Stück Literatur, das allerdings auch einige Zumutungen und Fallstricke aufzuweisen hat. Etwas vor den Kopf gestoßen ist man schon zu Anfang, wenn Kant im Gesräch nicht nur seine eigene Philosophie erläutern will, sondern zugleich auch weit in seine Zukunft hinausgreift und von Einstein oder Heisenberg spricht, Atommodelle von Demokrit mit denen des 21. Jahrunderts vergleicht. Es geht also nicht nur um Kant, sondern um eine Nachzeichnung philosophischer und naturwissenschaftlicher Ideen von den Anfängen bis in die Gegenwart, gebündelt, fokussiert und katalysiert durch den Blick des Ausnahmephilosophen Kant. Das ist eine Stärke, zugleich aber auch eine Schwäche des Buchs. An zwei Stellen, einmal ziemlich weit am Anfang, einmal gegen Ende hin, wird das Gespräch denn auch zum einem eher rezitativen Aufsagen von Namen und Entdeckungen der Philosophiegeschichte, im Wechsel vorgetragen von Kant und der Journalistin. Aber dies nur am Rande, in weiten Teilen ist das Buch sehr gut zu lesen, bietet viele Aha-Erlebnisse, humorvolle Einblicke in Kants Biographie und Verständnishilfe bei der Beschäftigung mit seiner Philosophie. Man darf gespant sein, was der weitere Verlauf des Interviews bringt.


Dezember

Schöpfungsmythen. Hrsg. v. Hans Christian Meiser
Schöne und interessante Sammlung, leider etwas verzerrt. So besteht der Afrika-Teil lediglich aus drei Sagen der nordafrikanischen Kabylen. Sollte der Riesenkontinent mit seinen zahlreichen Völkern und Kulturen nicht noch etwas mehr zu sagen haben? Als Quelle schlage ich gleich mal "Der Gaukler der Ebene" vor, ein afrikanisches Märchenbuch, das ich im ersten Quartal dieses Jahresrückblicks kurz besprochen habe. Auch sonst ist das Buch etwas unausgewogen, und auch in der Darstellung wäre etwas mehr Einheitlichkeit zu wünschen gewesen. Manchmal gibt es Übersetzungen von literarischen Originaltexten wie Hesiods "Werke und Tage" oder aus dem indischen "Rig-Veda" und der Bibel, dann wieder Nacherzählungen, geformte Prosatexte oder knappe Inhaltsangaben. Der einleitende Essay von Mircea Eliade ist sehr erhellend, aber aus einem anderen Buch entnommen. Insgesamt also ein ziemliches Sammelsurium, von überall her zusammengeklaubt.

John Brinckmann: Kasper Ohm un ick (Hamburger Lesehefte)
Lausbubengeschichten, aber diesmal nicht von Ludwig Thoma und auf Bayerisch, sondern in Mecklenburger Platt und mit Seemannsgarn durchsetzt. Angeschafft hatte ich es mir als bekennender Uwe-Johnson-Fan, um mir den Namenspatron der John-Brinckmann-Schule in Güstrow mal etwas näher anzuschauen.
Der Titelheld, Kasper Ohm ist ehemaliger Kapitän und soll früher sogar bis Batavia gesegekt sein. Allerdings besteht Grund zu der Annahme, dass er nie in Batavia gewesen ist und nur Seemannsgarn gesponnen hat. Jedenfalls reagiert er ausgesprochen unwirsch, wenn man ihn dazu näher befragen will. Ich-Erzähler des Buches ist sein Neffe, der sich, inzwischen selbst ein alter würdiger Kapitän, im Lehnstuhl sitzend an ihn erinnert und der staunenden Runde von seinen Jugenstreichen und des Onkels Reaktionen darauf erzählt. Dabei ist es manchmal gar nicht so einfach, es dem alten Ohm recht zu machen. So kommt er einmal zum Vater des Erzählers und beschwert sich bitterlich darüber, dass der Neffe einfach an seinem Haus vorbeigegangen ist, ohne ihn zu grüßen. Nein, Kasper Ohm habe nicht vor dem Haus gestanden. Nein, auch nicht am Fenster oder in der Tür. Aber grüßen hätte der Bengel doch sollen. Schließlich kommt heraus, dass der Onkel im Sessel in der Stube gesessen hat und der Neffe ihn gar nicht hatte sehen können. Kasper ist ausgesprochen gekränkt, als sich der Vater daraufhin weigert, den Sprössling ob seiner schlechten Manieren zu züchtigen.
Das Meckenburger Platt liest sich manchmal etwas schwer, lautes Lesen hilft meist beim Verständnis. Die Buchstaben dürften gern etwas größer sein. Ansonsten gar nicht schlecht, nur etwas anstrengend.

Stanley G. Weinbaum: Auf dem Titan (BunTES Abenteuer 29)
Abenteuerliche Novelle über einen Mann und eine Frau , die auf dem Titan besondere Steine suchen, die auf der Erde ein Vermögen wert sind. Hat etwas von Jack London und Goldrausch. Sehr spannend, ich hätte gern einen längeren Roman darüber gelesen.

Gerd Frey: Anomalie (BunTES Abenteuer 31)
Drei Science-Fiction-Kurzgeschichten, alle drei sehr knapp und pointiert. Mir hat am besten die Titelgeschichte gefallen, in der ein Mann versucht, ein Ereignis aus der nahen Vergangenenheit ungeschehen zu machen. Das alte Motiv - gerade durch seinen Eingriff wird er zum Auslöser des Unglücks.

Jan Wagner: Regentonnenvariationen
Ehrlich gesagt, ich verstehe nicht ganz, dass um den Mann und seine Lyrik ein solches Gewese gemacht wird. Ich fand den Band eher nichtssagend. Handwerklich sicher gut, meinethalben perfekt, aber da war nichts, was mich nachhaltig berührt hätte oder aufhorchen ließ.
Es sind oft die kleinen Dinge am Wege oder im Garten, die hier bedichtet werden, zum Beispiel der Giersch, der im Garten wuchert und nicht totzukriegen ist. Das ist gut und löblich. Auch die Reime - sind das überhaupt Reime? - können durchaus als originell gelten. Wagner lässt seine Vers-Enden gern mit Wörtern schließen, die eher als "etymologische Reime" gelten könen oder auch als bloße Buchstabenähnlichkeiten miteinander korrespondieren. Das ist etwas weniger als eine Assonanz aber doch noch ein Bezug und insofern recht interessant. Da findet man untereinander korrespondierende Versenden wie "garage" / "giersch" / "geräusch" oder "rohling" / "reling", oder "weich" / "wich". Dieses Um-die-Ecke-Reimen macht sicher viel Arbeit. Aber ist das schon Kunst? Auf jeden Fall hat das Büchlein bei mir eher eine Leere hinterlassen.

Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter
Ein Buch, das dieses Jahr fur Schlagzeilen sorgte - das wieder entdeckte Manuskript des ersten Romans von Harper Lee. Entstanden zeitlich vor "Wer die Nachtigall stört", inhaltlich lange nach diesen Ereignissen angesiedelt. Die erwachsen gewordene Scout kehrt in ihre Heimatstadt zurück und trifft auf ihren inzwischen alt gewordenen Vater. Atticus Finch ist noch immer eine beeindruckende und liebenswerte Persönlichkeit, macht nicht viel Aufhebens von sich, auch wenn ihn Rheumaanfälle manchmal fast vollständig außer Gefecht setzen. Für Scout ist er noch immer das Urbild absoluter Integrität. Ein Mann von felsenfester Gerechtigkeit, der es (abweichend vom anderen Roman) gewagt hat, einen Schwarzen in einem Mordprozess nicht nur zu verteidigen, sondern sogar ihn freizubekommen. Doch dann passiert das Undenkbare: Scout sieht Atticus auf einer Versammlung, in der ein rassistischer Hetzer auftritt und verkündet, wie schlecht und minderwertig die Schwarzen sind. Für Scout bricht eine Welt zusammen.
Ein - verglichen mit dem zuerst veröffentlichten Buch - ausgesprochen moderner, sehr reifer Roman. Wenn ich beide Texte ohne Hintergrundinformationen gelesen hätte, ich wäre überzeugt gewesen, der "Wächter" sei der später entstandene. Es hat mir sehr weh getan, das Idol Atticus vom Thron stürzen zu sehen, da verstehe ich Scout sehr gut. Aber wie hätte der Roman gewirkt, wenn er tatsächlich als erstes veröffentlicht worden wäre? Dann wäre die Wirkung sicher nicht so groß gewesen. Ich denke schon, dass die Ikone Atticus tatsächlich erst aufgebaut werden und wachsen musste, erst nun wird doch die Verletzung deutlich, wenn etwas an ihrem Lack gekratzt wird. Insofern war die Entscheidung, das Buch zurückzustellen, sehr richtig. Ob es dann tatsächlich so lange hätte dauern müssen, darüber mag man sich streiten. Auf jeden Fall ein würdiger erster oder zweiter Teil des Nachtigallen-Romans.

Inge Becher & Nina Lükenga: Klaras Geschenk
Kleines Weihnachts-Bilderbuch, das ich als Geschenk von meiner Verlegerin Monika Fuchs erhalten habe. Klara soll einer alten Nachbarsfrau ein Weihnachtsgeschenk bringen und stellt fest, dass im Paket ausgerechnet ihre Lieblingssüßigkeiten sind. Eigentlich wollte sie ja nur kosten, und nicht das ganze Paket leerfuttern ... Was nun?

Tommy Krappweis: Mara und der Feuerbringer
Eigentlich mag ich es nicht, das "Buch zum Film" zu kaufen. Erst recht nicht, wenn das Buch älter ist als der Film. Aber als ich in der Buchhandlung zwei Mara-Ausgaben in der Hand hielt, die eine normal, die andere als "Buch zum Film" und mit Szenenfotos und einem auf den Film bezogenen Vorwort des Autors, da habe ich mich dann doch für letzteres entschieden. Aus Gründen.
Das Buch ist toll. Eine spannende von Humor und Wortwitz durchzogene, aber nicht verkrampft witzig sein wollende Reise durch die germanische Mythologie, in der es hauptsächlich um den gefesselten Loki und um sein - offenbar von Mythologie-Fachleuten geradezu gehasstes - Pendant im Wagner-Kosmos geht, den Loge aus dem "Ring". Hat mir sehr gefallen, ich las das Buch in einem Rutsch durch und war sehr traurig, als es schon zu Ende war. Demnächst lege ich mir den zweiten Teil zu.

Heinrich Laube: Reisenovellen II (e)
Der zweite Band de Reisenovellen. Endlich geht es in südliche Gefilde, und zwar nach Tirol und Italien. In die Reisebeschreibung eingebunden sind mehrere Porträts und biografische Darstellungen berühmter Männer wie Andreas Hofer, Goethe und Byron, auch findet man ein paar unterwegs erzählte Novellen, meist geht es um Liebe.

Friedrich Schlegel: Lucinde (e)
Eine Art Liebesgeschichte. Jugendsünde eines Philosophen. War damals als Schweinkram verrufen, heutzutage eher harmlos und durch den Stil nicht ganz einfach zu lesen. Ich habe Anfang der 90er das Insel-Taschenbuch gelesen, kurz darauf auch Schleiermachers "Vertraute Briefe über die Lucinde". Bisher hat sich die Taschenbuchausgabe jedem Wiederlese-Versuch meinerseits widersetzt, ich bin jedesmal steckengeblieben. Als eBook ließ sich das Ding aber recht zügig konsumieren. Hat aber dem heutigen Leser, sofern er nicht von literarischem oder historischem Interesse geleitet ist, nicht allzu viel zu bieten.

Märchen unbekannter Verfasser (e)
Sammlung von teils anonym überlieferten Märchen, teils ist auch der Verfassername genannt, es handelt sich aber um "relativ unbekannte" Autoren. Enthält das von mir sehr geschätzte und wohl auch recht bekannte Märchen "Hans der Grafensohn und die schwarze Prinzessin" über eine verstorbene Königstochter, die jede Nacht aus dem Sarg steigt und den Wächter auffrisst. Ferner das Märchen vom dicken fetten Pfannekuchen. Sehr gefallen haben mir auch das Fischessen und das Märchen "Lang sei dein Leben". Außerdem gibt es darin zwei recht umfangreiche märchenhafte Abenteuererzählungen von Ernst Constantin, "Der noble Schuster" und "Die silberne Axt". Sehr lesenswert.

Lilith Kalluna: Kinder der Dunkelheit I - Der Prophet

Roberto Piumini: Motu Iti. Die Insel der Möwen
Kinderbuch, das auf der Osterinsel spielt, und von der Verbannung eines guten Königs auf den kargen Möwenfelsen berichtet, weil ihn ein Neider verleumdete und schließlich eine Verschwörung gegen ihn gründete. Der König, von Hass und Wut gepackt, rächte sich schließlich, indem er die Möwen, die er in der Einsamkeit zu lenken lernte, zu Raubzügen auf die Osterinsel schickte. Schließlich werden die Möwenüberfälle unerträglich. Der Schurke gesteht sein hinterhältiges Ränkespiel gegen den guten König, dieser wird zurückgeholt und wieder ins Amt eingesetzt, doch er verliert die Macht über die Möwen, die ihre Überfälle mit noch größerer Wut fortsetzen. Erst als die Insulaner riesige Steinköpfe, die Moai, errichten, die drohend auf das Meer und zum Möwenfelsen blicken, bekommen die Möwen Angst, stellen ihre Angriffe ein und bleiben der Insel fern.
Eine sehr sehr schöne, sagenhafte Geschichte. Allerdings mit einem Schönheitsfehler. Denn die Riesenstatuen auf der Osterinsel blicken gerade nicht drohend aufs Meer hinaus, wie der Autor beschreibt, sie kehren dem Meer vielmehr den Rücken und starren die Dörfer der Insulaner an.

Antonia Michaelis: Im Auge des Leuchtturms
Magisch, düster, surreal, ungeheuer phantasiebegabt und spannend bis zur letzten Seite. Antonia Michaelis erzählt die Geschichte der perfektionistischen Karrierefrau Nada Schwarz, die plötzlich eine Ansichtskarte erhält. Darauf ist ein Leuchtturm zu sehen, ein Gruß von der kleinen Insel Nimmerog, der sie vollkommen aus dem Gleichgewicht bringt. Verstört, ohne überhaupt zu wissen warum, macht sie sich auf die Spurensuche. Sie findet heraus, dass ihre Eltern dort ein Ferienhaus besitzen, es aber schon Jahrzehnte lang nicht mehr besucht haben. Auch sie selbst muss schon einmal dort gewesen sein. Als Kind. Aber die Erinnerung ist fort - vollkommen ausgelöscht. Und der Leuchtturm? Als sie kurz entschlossen das Ferienhaus ihrer Eltern besucht, fällt sie in Schlaf und hat einen seltsamen Traum. Sie sitzt im Leuchtturm, umgeben von hunderten von IKEA-Bausätzen mit seltsamen Namen, die beim Zusammenbau vollkommen widersinnige und funktionslose Möbelstücke ergeben. Wann immer sie im Ferienhaus ihrer Eltern einschläft - sie wacht in diesem Traum- oder Albtraum-Leuchtturm wieder auf. Immer wieder klingelt dort ein Telefon. Eine Kinderstimme bittet um Hilfe, spricht von einem dunklen Raum ohne Fenster und Tür ... Nach und nach kommt Nada einem Kindheitstrauma auf die Spur, das sie vollkommen verdrängt hatte ... Ein Wahnsinnsbuch, wahrscheinlich das beste, das ich dieses Jahr gelesen habe. Unbedingte Leseempfehlung.

Emilia Jones: Michelles Verführung

Ulrich Wißmann: Tanz mit Schlangen. Tödliche Zeremonie bei den Hopi

Kling, Glöckchen ...
Erotik-Anthologie des Eysion-Verlags, die "besinnliche Weihnachtsgeschichten" verspricht. Enthält neun kürzere Erzählungen von Autorinnen wie Emilia Jones, Lilly Grünberg und Sira Rabe. In allen Geschichten gibt es reichlich Geschlechtsverkehr, mal im Nikolauskostüm, mal beim Wichteln, mal auf einer Weihnachtsfeier, was sich zum Teil recht lustvoll lesen lässt. Sonderbar: Ein Drittel der Geschichten hat absolut keinen Bezug zum Thema Weihnachten. Ob hier die Autorinnen das Thema nicht mitgeteilt bekommen oder nicht beachtet haben oder ob der Verlag einfach genommen hat, was gerade da war, weiß ich nicht. Wahrscheinlich bin ich auch der einzige, der beim Lesen einer Erotikanthologie darauf achtet, ob das Thema beachtet wurde. ;-)

Ludolf Wienbarg: Tagebuch von Helgoland (e)
Ein Buch, das ich in der Originalausgabe von 1838 und in der Auswahlfassung aus dem Greno-Verlag schon mehrfach gelesen habe, beim Helgoland-Urlaub gehört es sowieso jedesmal ins Handgepäck. Eines meiner Liebligsbücher eigentlich. Eigentlich Wienbargs bestes. Ein Buch, durch das der Seewind weht, salzluftgeschwängert und voller Freiheit. Jetzt also die eBook-Ausgabe.
Es handelt sich um eine Verlagsausgabe. Das Buch ist bearbeitet worden, mit historischen Bildern aufgewertet und mit Kapitelüberschriften versehen. Also keine kostenlose Trash-Ausgabe mit automatisch aus der Public Domain herausgelutschten Texten. Der Lexikus-Verlag hat Arbeit hineingesteckt, es darf also auch ruhig etwas kosten. So weit, so gut.
Jetzt zu den unschöneren Aspekten dieser Ausgabe. Zunächst einmal (was nur jemandem auffallen kann, der das Buch fast auswendig kennt): Der Text ist an einigen Stellen verändert worden. So wurde im Vorwort Wienbargs das Wort "Kaprice" mal eben durch "augenblickliche Laune" ausgetauscht. Wie bitte was? Was soll das? Der Text ist also absolut nicht zuverlässig und nicht zitierfähig. Hütet euch davor. Ein paar Absätze weiter ist der verlangsinterne Hinweis, man solle hier ein Bild einfügen, zu finden.
Dass bei Einscannen von alten Frakturtexten oft Fehler passieren, die dann auch noch stehen bleiben, ist leider eher die Regel als die Ausnahme. Aber wenn man den Text schon bearbeitet, warum wird dann nicht auch Korrektur gelesen? Es muss doch jemandem aufgefallen sein, dass es komisch klingt wenn Leute im Meer "Ach weiblich tummeln" - natürlich wollen sie "sich weidlich tummeln". Häufig wird das langgezogene "s" als "f" übersetzt, Umlautpunkte verschwinden, und das im Original auf den Namen "Bliza of Heligoland" getaufte Schiff wird nun zu einem "Blizard of Helgoland" - da hätte man doch geich einen "Blizzard" mit korrektem Doppel-Z draus machen können. Also: Finger weg von diesem eBook. Man kann es nur ordentlich lesen, wenn man ohnehin schon weiß, wie der Text lauten muss - und dann braucht man es nicht mehr.

Hörbuch

Astrid Lindgren: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945
Die Tagebücher, die Astrid Lindgren wärend des zweiten Weltkriegs führte, zeigen ein Bild der bekannten Kinderbuchautorin, das auf den ersten Blick nicht viel mit der heilen Kinderwelt von Saltkrokan und Bullerbü gemein hat. Obwohl manches doch auch etwas nach dem vertrauten Lönneberga-Tonfal klingt. Wenn sie etwa eine Magd zitiert mit den drohenden Worten: "Mit diesem Hitler würde ich gern mal ein Wörtchen reden." Da klingt irgendwie doch noch Michels Lina durch.
Astrid Lindgren hat vom Beginn des zweiten Weltkriegs an gewissenhaft Tagebuch geführt über die Ereignisse. Und man ist erstaunt darüber, wie sich die Pespektive ändert, wenn man nicht aus Deutschland auf die Europakarte blickt, sondern aus Schweden auf die Weltkarte. Für das neutrale Schweden rücken Dinge in den Vordergrund, die mir als Deutschem gar nicht so recht bewusst waren. Die deutsche Besatzung Norwegens und die russischen Angriffe auf Finnland zum Beispiel, die einen breiten Raum in Lindgrens Aufzeichnungen einnehmen. Zu wem sollte man nun halten? Zu England, weil die Engländer die Deutschen bekämpften und damit den Norwegern halfen? Oder lieber zu Deutschland, weil die Deutschen gegen Russland zogen und damit den Finnen halfen? Und war diese Neutralität nun gut? Vielen Schweden behagte es gar nicht, dass die Regierung beschloss, die deutschen Truppen passieren zu lassen, auch wenn es nur um Soldaten ging, die auf Fronturlaub nach Hause wollten und dazu mit dem Zug durch Schweden reisten. Oder eben um Truppen, die von Norwegen nach Finnland transportiert wurden. Auch manche unfreundlichen Äußerungen aus Norwegen sind gefallen, obwohl die Schweden feißig Geld und Kleiderspenden nach Norwegen und Finnland schickten. Aber hätte sich das kleine Land ernsthaft widersetzen können und sollen? Mit Genugtuung werden Äußerungen des dänischen Königs notiert, der die Deutschen, obwohl sein Land besetzt war, manchmal in ihre Schranken wies. Das war die kleine, die skandinavische Perspektive.
Erstaunlicherweise ist Lindgrens Blick auf diesen Krieg, obwohl oder gerade weil er aus einen sehr kleinen Land kommt, nicht auf die kleine skandinavische Welt beschränkt. Sie hat gleichzeitig einen wesentlich weiteren Blick als der, den uns der Geschichtsunterricht vermittelt. Sie notiert Kriegshandlungen aus Java, Taiwan, Singapur, hat Afrika und Pearl Harbour gleichermaßen im Blick, und manchem mag wohl erst durch diese Kriegstagebücher aus Schweden wirklich klar werden, dass das Wort Welt-Krieg tatsächlich die ganze Welt umfasst. Hand aufs Herz, an was denkt ihr denn, wenn ihr an den Zweiten Weltkrieg denkt? Frankreich und Russland, Flugzeuge nach England und irgendwann kamen die Amerikaner wie aus dem Nichts ... Oder?
Lindgren notiert politische Witze über Hitler - der mit dem Echo, das bei Hitlers Rede auf die Frage "Was ist die größte Nation?" antwortet: "Zion", der ist richtig gut. Sie berichtet auch über ihren "Schmuddeljob": Als Angestellte der Postzensur hatte sie Briefe ausländischer Absender und Adressaten zu lesen und auszuwerten. Auch dies eine wichtige Informationsquelle. Da wird nicht nur von Kriegsereignissen und der Stimmung in Deutschland berichtet, sondern auch von Judentransporten und Konzentrationslagern. Sogar in Schweden hat man davon gewusst. Da kann sich niemand herausreden.
Wenn man bedenkt, dass in dieser Zeit, gegen Ende des Krieges, Pippi Langstrumpf geboren wurde ... Im Tagebuch kommt sie nur mit zwei oder drei Sätzen vor, fast beiläufig. Doch die Aufzeichnungen schließen damit, dass nun endlich Frieden ist, und Frau Lindgren geht ins Buchgeschäft und kauft sich ihr erstes Exemplar von Pippi.
Ein besonderes Buch oder, in diesem Fall, Hörbuch. Empfehlenswert.


Jahresrückblick Teil 3: Juli bis September 2015
Jahresrückblick Teil 2: April bis Juni 2015
Jahresrückblick Teil 1: Januar bis März 2015


© Petra Hartmann


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Jahresrückblick III: Juli bis September 2015

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 29 December 2015 · 658 Aufrufe
September
Das Jahr 2015 war für mich auch als Vorleser ausgesprochen arbeitsintensiv. Ich hatte insgesamt 29 Lesungen, bislang mein absoluter Rekord. Es gab ein paar interessante Premieren. So hatte ich meine erste "Buch & Bier"-Lesung zusammen mit Brauer Jan Pfeiffer im Leseladen am Marienburger Platz in Hildesheim, eine rundum gelungene Veranstaltung, die hoffentlich bald eine Neuauflage erlebt. Weiterhin las ich erstmals in einem Zug etwas vor: Ich war eingeladen zum fünften Geburtstag des Kulturbahnhofs in Bad Salzdetfurth und trug zur Feier des Tages mein Märchen "Furunkula Warzenkraish" in der Nordwestbahn auf der Fahrt zwischen Bahnhof und Solebad vor. Ich war erstmals auf dem Braunschweiger Conventus Leonis zu Gast, wo ich aus "Doctor Nikola" und "Darthula" vorlas. Sehr schön war auch die erste szenische Lesung der Hildesheimlichen Autoren in der Buchhandlung Decius, bei der ich als Touristin in Altje Hornburgs Dialog "Ein Gespräch in Hildesheim" mitwirkte und anschließend als Fräulein Liane in Bernward Schneiders Krimi "Im Dunkeln" mal so richtig die Sau rauslassen durfte. Auch die Marathon-Lesung zum Tag der Niedersachsen in der Hildesheimer Fußgängerzone - mit Premiere meines Hödeken-Buchs - war etwas ganz Besonderes. Ich war erstmals zu Gast in der Heimatstube in Sibbesse, hatte ein "Heimspiel" mit der "Schlagzeile" in Bennigsen sowie einige sehr spannende Lesungen und Interviews auf Radio Tonkuhle, las mehrfach in der Salze-Klinik in Bad Salzdetfurth und im Hildesheimer Michaeliscafé, und auch der MarburgCon durfte natürlich nicht fehlen.

Nun aber zu meinen Lesefrüchten des dritten Quartals 2015. Diesmal vorwiegend Antikes, eine Menge Science-Fiction, Fantasy und Horror, dazu kam einiges an ???-Cassetten. Viel Vergnügen damit.


Legende:
Ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den Text in der eBook-Fassung gelesen habe.
Blaue Schrift weist auf herausragend gute Bücher hin.
Rot markiert sind Bücher, die ich so abgrundtief schlecht finde, dass ich euch ausdrücklich davor warne.
Bei verlinkten Titeln landet ihr auf ausführlicheren Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


Juli

Aristoteles: Eudemische Ethik
Ich hatte mich im Studium ziemlich intensiv mit der Nikomachischen Ethik auseinandergesetzt und hatte die Eudemische und die Große Ethik schon seit gut 20 Jahren auf meiner geistigen To-do-Liste. Aber was tun, wenn es die beiden nicht als Reclamhefte gibt ... Ich habe mir mal etwas gegönnt und mir die gediegene Ausgabe aus dem Oldenbourg Akademieverlag (Übersetzung und Kommentar: Franz Dirlmeier) gegönnt. Das Buch lässt in Aufmachung und Kommentierung nichts zu wünschen übrig, es gibt eine sehr umfangreiche Einführung in das Werk und eine gut nachvollziehbare Einordnung der Eudemischen Ethik im Vergleich zur Nikomachischen und Großen Ethik.
Was den Text selbst angeht, es ist ein typischer Aristoteles-Text, spröde in der Sprache, klar in der Struktur, ein wenig dröge und systematisch, das war zu erwarten. Es gibt große Überschneidungen mit der Nikomachischen Ethik, die Betrachtungen zur Eudaimonia und Arete sind ähnlich, auch geht es hier wie dort um die Mesotes der ethischen Tugenden. Doch alles noch ein wenig eckig und unfertig. Das Buch ist fragmentarisch überliefert, ein paar Lücken wurden bereits in der Antike aus der Nikomachischen Ethik ergänzt. Den hohen Flug und die formvollendete Komposition der Nikomachischen erreichte die Eudemische Ethik nicht. Trotzdem ein hochinteressantes Werk, die Anschaffung hat sich gelohnt.

Niklas Peinecke: Die Seelen der blauen Aschen (D9E 6)
Die Fortsetzung des Romans "Das Haus der blauen Aschen", ebenfalls sehr spannend und mit einem hochinteressanten Handlungsort. Etwas verschlungen durch die vielen Handlungsfäden, aber man steigt gerade noch durch. Die Romanze der beiden Roboter/KIs Wurm und Hackbot geht weiter, während der ehemalige Mensch und jetzige Karman eine weitere Entwicklungsstufe durchmacht. Farne und ihr Team sitzen noch immer auf dem Planeten der blauen Aschen fest und müssen sich mit den geheimnisvollen Birkenmenschen auseinandersetzen - und mit den Rätseln einer uralten Zivilisation. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Regine Mengel: Am 13. Tag III: Flaschengeister (e)
Dritter und letzter Teil der Trilogie um das Mädchen, das von Flaschengeistern abstammt, und das para-orientalische Zauberreich Kis-ba-Shahid. Mit vereinten Kräften kämpfen die Helden gegen den bösartigen Usurpator. Dass am Ende das Gute siegt, darf wohl verraten werden. Aber der Weg dorthin und die Art, wie die Flaschengeister überzeugt werden, war sehr spannend und überraschend. Gut gemacht.

Robert Musil: Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch (Teil I und II)
Ein ziemlich dicker Schinken, in den man sehr schwer reinkommt. Und wahrscheinlich einer der Klassiker, die am häufigsten zitiert und am wenigsten gelesen werden. Man muss sich erst ein wenig eingewöhnen, aber nach ein paar hundert Seiten platzt dann der Knoten. Das Buch bietet ein Panoptikum der österreichischen Gesellschaft und der Gedanken und Beweggründe einzelner Bevölkerungsgruppen und Individuen. Es geht um Ulrich, den "Mann ohne Eigenschaften", um seine Beteiligung an der "Parallelaktion", die Vorbereitung zum 70. Jahrestag der Thronbesteigung des österreichischen Kaisers, mit der man die unglücklicherweise gleichzeitigen Feierlichkeiten eines preußischen Jubiläums ausstechen will. Es geht um einen, möglicherweise unzurechnungsfähigen, Frauenmörder, der auf seine Hinrichtung wartet, um die Frage nach Schuld und Schuldunfähigkeit, um die bezaubernde Diotima, die im Zentrum der Vorbereitungen zum Festjahr steht, um den gewinnenden preußischen Intellektuellen und Industriellen Arnheim und überhaupt um ganz viele sehr unterschiedliche Charaktere und ihre Gedanken über das Friedenskaisertum und andere Ideen.
Musil hat zweifellos die genialste Art gefunden, einen Roman mit einem Wetterbericht zu beginnen (gilt sonst ja in Schreibratgebern als pfui bäh). Mir hat am besten der Ausflug des Generals Stumm von Bordwehr in die Bibliothek gefallen - einfach beeindruckend, was für Gedanken sich der alte Kämpe darüber macht, wie man Ordnung in eine Sache bringt. Und nicht von der Hand zu weisen die Erkenntnis des Bibliothekars: Der Mann erklärt, er habe nur deshalb den Überblick über die mehreren hunderttausend Bände, weil er Zeit seines Lebens kein einziges dieser Bücher gelesen hat.
Fazit: Das Buch lohnt sich. Aber man muss vorher eine Menge Arbeit reinstecken, bevor es sich einem öffnet. Kein Appetithäppchen für zwischendurch.

Matthias Falke: Agenten der Hondh (D9E 7)
Die Überlebenden der Expedition, die in "Kristall im fernen Himmel" geschildert wurde, machen sich auf die Spurensuche und versuchen herauszufinden, wo ihr ehemaliger Chef die Informationen über ihr damaliges Ziel herhatte. Auch die Liebesgeschichte zwischen Nola und Manuel geht weiter. Der Wiedereinstieg in diesen Handlungszweig der "neunten Expansion" war nicht ganz einfach, es lag doch schon einige Zeit zwischen meiner Lektüre des "Kristalls" und der "Agenten", man findet sich aber dann doch hinein.

Fundbüro der Finsternis. Kann Spuren von Grauen beinhalten
Anthologie der Autorengruppe Geschichtenweber mit bewegter Editionshistorie. Es fing vor Jahren an als ein Projekt des WortKuss-Verlags von Simone Edelberg, die einer ausgewählten Reihe von Autoren pünktlich zu Halloween ein Bild zumailte, das ein "Fundstück" zeigte und in einer Horrorgeschichte verarbeitet werden sollte. Nach dem Ende des Verlags und langem Hin und Her fanden sich schließlich ein Großteil der Autoren bei den Geschichtenwebern zusammen, ein paar waren abgesprungen, ein paar neue waren hinzugekommen, und der Verlag p.machinery übernahm schließlich die Veröffentlichung. Von mir ist die Bergmannsgeschichte "Der schwarze Frosch" enthalten. Inzwischen habe ich das gesamte Buch durchgelesen und finde, dass es sehr gut gelungen ist. Erzählerische Ausfälle habe ich nicht gefunden, nur gute bis sehr gute Geschichten. Meine beiden Lieblingsstorys sind "Im Licht des vollen Mondes" von Karsten Beuchert und "Sie hat alles gesehen" von Jan-Christoph Prüfer. Nichts für schwache Nerven.

Holger M. Pohl: Fünf für die Freiheit (D9E 8)
Eines der besten Abenteuer aus der Reihe "Die neunte Expansion", das ich bisher gelesen habe. Vor allem wegen der Konzentration auf eine kleine fünfköpfige Gruppe und einen geradezu klaustrophobisch engen Raum. Fünf sehr unterschiedliche Personen sollen sich als Kundschafter ins Hondh-Gebiet begeben und Informationen über die fremden Eroberer sammeln. Zu diesem Zweck wird die Gruppe in einem Geheimraum innerhalb eines Riesentanks mit flüssigem Spezial-Kunststoff untergebracht, der Teil einer Tributleistung an die Hondh ist. Ein Himmelfahrtskommando ... Gut gemacht.

Gisela Laudi: Justina Tubbe. Der weite Weg einer Brandenburgerin vom Oderbruch nach Texas
Biographie einer Auswanderin, in der Ich-Perspektive erzählt.
Ich lernte Justina Tubbe im Auswanderer-Museum in Bremerhaven kennen, das ich im Sommer letzten Jahres besucht habe. Das Museum ist ein Erlebnis der Spitzenklasse und sei hiermit jedem wärmstens ans Herz gelegt. Einfach toll. Muss ja mal gesagt werden. Man bekommt dort beim Eintritt die "Identität" eines bestimmten Auswanderers zugewiesen, auf dessen Spuren man sich beim Weg durch das Museum begibt. Mit diesem "Reisepass" kann man sich an den einzelnen Stationen Informationen anzeigen lassen, wie der Betreffende seine Situation empfunden hat und was es an historischen Quellen über ihn gibt. Da ich zu der Zeit gerade an meinem Roman "Freiheitsschwingen" arbeitete, bat ich die Frau an der Kasse um einen Auswanderer aus den 1830er Jahren. Ganz genau aus der Zeit hatten sie zwar niemanden, aber ich bekam die Identität Justina Tubbes, die im Jahr 1844 nach Amerika auswanderte, also doch sehr nahe dran. Nach einem fast ganztägigen Museumsaufenthalt erwarb ich schließlich im Museumsshop auch das Buch dazu - die Biographie Justina Tubbes.
Sie war eine Frau aus usprünglich gar nicht so ärmlichen Verhältnissen. Sie stammte aus einer Weberfamilie. Dann kam die industrielle Revolution. Dampfwebstühle machten die Arbeit in einem Bruchteil der Zeit und kosten weniger. Hunger zog bei den Webern ein. Dazu Missernten. 1844 war ja dann auch das Jahr des Weberaufstandes. Wir erinnern uns an Heinrich Heines schlesische Weber ... Jedenfalls blieb ihr irgendwann einfach nichts mehr übrig als der Weg nach Amerika, wo sie einer ihrer bereits ausgewanderten Söhne aufnahm. Richtig heimisch geworden ist sie dort wohl nicht, sie war schon recht alt, als sie den alten Kontinent verließ. Aber ihre Söhne und Enkel entwickelten sich schnell zu echten Amerikanern, und ihre Nachkommen leben dort noch heute.
Das Buch ist, wie bereits gesagt, als Ich-Erzählung verfasst. Es wirkt stellenweise etwas unauthentisch, wenn die Verfasserin sich bemüht, die einfache Frau aus dem Oderbruch sprechen zu lassen, vor allen zu Anfang klingt es doch nach einer erkünstelten Naivität. Doch das machen die gründliche Recherche und die sorgsam zusammengetragenen Fakten und Dokumente mehr als wett. Also: Ein sehr lesenswertes und materialreiches Buch, für Recherchezwecke sehr gut geeignet.

Die Welten von Thorgal: Kriss de Valnor 5 - Rot wie der Raheborg

Andrea Tillmanns: Mimis Krimis

Ovid: Amores / Liebesgedichte. Lat./Dt. (Reclam)
Ovid: Ars Amatoria / Liebeskunst. Lat./Dt. (Reclam)

Ich habe ja hier im Blog schon häufiger darüber gemeckert, dass Übersetzer antike Lyrik neuerdings nur noch als Prosaübersetzungen darbieten. Das ist ärgerlich und wird über kurz oder lang die Leserschaft der Lyriklektüre weiter entfremdem. Ich hätte es lieber, wenn man wenigstens einen kleinen, wenn auch nicht hundertprozentig geglückten Eindruck vom Versmaß und Rhythmus des Originals zu vermitteln versucht.
Diese bittere Anklage muss ich angesichts dieser beiden Reclamhefte teilweise revidieren. Es sei an dieser Stelle zugegeben, dass die deutsche Übersetzung von Michael von Albrecht ausgesprochen wohlklingend ist und beinahe lyrisch anmutet. Der Ton hat mir sehr gefallen, zumindest in Bezug auf Ovid bin ich etwas nachsichtiger geworden. Es geht also. Man kann Lyrik in Prosa übersetzen und trotzdem noch etwas leisten. Aber ruht euch bitte nicht darauf aus, liebe Übersetzer.
Ovid zeigt sich, wie auch in den Metamorphosen und den Heroinenbriefen als außerordentlich gefühlvoller und phantasiebegabter Dichter, das genaue Gegenteil zum harten, kargen Epenstil eines Vergil. Wie auch in seinen epischen Texten erweist er sich als großer Psychologe und Freund der Frauen, denen er in seiner "Liebeskunst" ebenso hilfreiche Verführungstipps gibt wie den Männern. Zwei sehr schöne Bücher, deren Lektüre ich demnächst durch die dazugehörigen "Heilmittel gegen die Liebe" ergänzen werde. Empfehlenswert.

Horaz: Oden und Epoden Lat./Dt. (Reclam)
Schöne zweisprachige und gut kommentierte Ausgabe, die deutsche Fassung diesmal nicht als Prosawiedergabe, sondern in Versen, sehr gut. Ich denke, gerade bei einem Dichter wie Horaz war es auch unbedingt nötig, das Versmaß zu erhalten. Geboten wird eine ungeheure Fülle an Liedern, Hymnen auf Götter und Heroen, Lobpreisungen von Zeitgenossen - allen voran an Maecenas natürlich -, dazu Liebeslieder, Jahreszeitliches und ein sehr weiter Blick auf Landschaften. Horaz wetteifert mit Pindar, bietet Strophen im sapphischen Versmaß, singt Siegeslieder und Päane und kämpft in bissigen Jamben wie Archilochos. Er preist Rom und singt von Troja, bietet Philosophisches und Alltägliches, genießt und lobt die Enthaltsamkeit. Eine ganze Welt in einem Gedichtband.

Jeff Kinney: Gregs Tagebuch I - Von Idioten umzingelt
Jeff Kinney: Gregs Tagebuch 2 - Gibt's Probleme?
Jeff Kinney: Gregs Tagebuch 4 - Ich war's nicht
Jeff Kinney: Gregs Tagebuch 6 - Keine Panik!
Jeff Kinney: Gregs Tagebuch 7 - Dumm gelaufen
Jeff Kinney: Gregs Tagebuch 8 - Echt übel!
Jeff Kinney: Gregs Tagebuch 9 - Böse Falle

Eine Freundin hat zusammen mit ihrem Sohn das Bücherregal aufgeräumt und alles, wofür der junge Mann zu alt geworden ist, für meine zweijährige Nichte gestiftet. So kam eine ziemlich große Bücherkiste in mein Haus, und wenn so etwas im Wohnzimmer herumsteht, kann ich ja nicht gut daran vorbeigehen. So stieß ich auf Gregs Tagebücher, die ich ja schon in meiner Dienstzeit als Schulbibliothekarin als absoluten Kindermagneten kennen gelernt hatte. Ich schlug Band eins auf und konnte nicht mehr aufhören. Die kommenden Tage verbrachte ich kickernd und blackernd wie eine Übergeschnappte. Um Himmelswillen, lest diese Bücher niemals in der Öffentlichkeit. Wenn ihr im Zug plötzlich so losrustet wie ich, ruft bestimmt jemand die freundlichen Männer mit den weißen Kitteln, die euch eine langärmlige Weste mitbringen. Bauchschmerzen von Lachkrämpfen sind garantiert. Und es bleibt nur noch die ärgerliche Frage: Wohin haben meine Freundin und ihr Sohn die Bände 3 und 5 verbummelt, konnten sie uns die nicht auch noch stiften?


Hörspiel

Die drei ??? 125 - Feuermond
- Das Rätsel der Meister
- Der Pfad der Täuschung
- Die Nacht der Schatten
Ein extralanges Abenteuer der drei Fragezeichen, drei MC im Schuber mit sehr schönem, stimmungsvollem Mondlichtcover in flammenden Rottönen. Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Erst dachte ich ja, es ginge um eine Art Fortsetzung von "Das Erbe des Meisterdiebs" mit anderen Mitteln und dass Hugenay seine damalige Ankündigung wahrmachen und Justus noch einmal "versuchen" wolle - diesmal vielleicht erfolgreich. Aber das Thema ist ein völlig anderes und überraschendes. Das Kunst-Konzept, das den Werken der beiden Künstler-Freunde in diesem Abenteuer zugrunde liegt, ist ausgesprochen faszinierend, ich würde so etwas selbst gern sehen. Die Entwicklung Hugenays war sehr unerwartet, man könnte sie tragisch nennen. Das Wiedersehen mit Brittanny brachte nicht nur die erhoffte Konfrontation, sondern gab auch Justus die verdiente Chance auf eine Revanche, die gut genutzt wurde. Ein rundum gelungenes, magisches und zum Nachdenken anregendes Abenteuer. Sehr gut.


August

Die griechische Literatur in Text und Darstellung. Band 4: Hellenismus (Reclam)
Schöne zweisprachige Überblicksdarstellung mit viel Material und einer ganzen Menge Autoren, die ich noch nicht kannte. Hat mir gefallen, wenn ich auch eher für die Autoren der Kaiserzeit, also des fünften Bandes, zu haben bin.

Geheimnisvolle Geschichten 4: Die Kathedrale
Anthologie des Extraklasse. Ein stilvolles, sehr dickes Hardcoverbuch mit Erzählungen sehr unterschiedlicher Verfasser, die eines gemeinsam haben: Es geht um eine Kathedrale, ein ungeheuer großes Sakralbauwerk in einer abgelegenen Gegend, oft vom Verfall geprägt, meist von einer Aura des Unheimlichen umgeben. Neuankömmlige haben oft ein sehr ungutes Gefühl, wenn sie unversehens in die Nähe dieser Kirche geraten - und das Gefühl trügt nicht. Da wird vom Bau der Kathedrale brichtet, meist in mittelalterlichen Settings, einmal auch im Urwald der "neuen Welt", um den Eingeborenen zu zeigen, welcher Gott der wahre ist. Mal ist das Gebäude das Tor in eine andere Welt oder Dimension, mal Zuflucht in einer ansonsten schrecklichen, tödlichen Dystopie. Mal lauern Geister und Monster in ihren Räumen, mal sogar ein steinerner Engel, der sich bewegt, sowie man blinzelt ... Ein ausgesprochen lesenswertes Buch, das viele Überraschungen zu bieten hat.

Eowyn Ivey: Das Schneemädchen
Ein Ehepaar zieht sich in die einsamen nordamerikanischen Wälder zurück. Alles wollen sie hinter sich lassen, vor allem die schwere Zeit, in der die Frau eine Fehlgeburt hatte. Doch das Leben ist hart dort draußen. Im Spiel formen die beiden, als der Winter beginnt, ein kleines Mädchen aus Schnee, das bereits kurz danach verschwunden ist. Dann taucht ein fremdes Mädchen aus Fleisch und Blut auf. Hat sich die Schneefigur auf geheimnisvolle Weise belebt? Und warum verschwindet das Kind mit dem Ende des Winters und kehrt erst nach langen Monaten beim neuen Wintereinbruch zurück? Die Frau glaubt, das Märchen vom Schneemädchen sei wahr geworden. Der Mann aber hat inzwischen eine grausge Entdeckung gemacht, über die er zu schweigen versprochen hat ... Sehr schönes Buch, sowohl die Geschichte als auch die optische Gestaltung haben mir gefallen. Lesenswert.

Kerstin Groeper: Der scharlachrote Pfad

Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler
Ein sehr dünnes Buch, dessen äußere schlichte Erscheinung in verblüffendem Kontrast steht zu dem reichen Inhalt. Man erfährt in dieser knappen, natürlich vereinfachten Überblicksdarstellung mehr über den Charakter und die Denkweise Adolf Hitlers als aus vielen dickleibigen, detaillierten Hitler-Biographien. Haffner beschränkt sich auf wenige, knappe Aspekte und legt die Linien frei, an denen sich Hitlers Hirn und Psyche orientierten und die dann in Politik, Krieg und Mord umgesetzt wurden. Sehr logisch und folgerichtig, eins ergibt sich aus dem anderen, wie in einem typischen Wahnsystem eines Paranoikers. Am Ende versteht man zwar immer noch nicht, wieso jemand so blöd sein kann, einen Weltkrieg vom Zaun zu brechen und Millionen und Abermillionen von Menschen zu töten, und für wen eigentlich? Aber wie und dass der einmal vorgezeichnete Weg konsequent verfolgt und umgesetzt wurde, wird sehr klar dargelegt. Einzelheiten mögen sich natürlich im Laufe der Jahrzehnte als falsch erweisen, die Geschichtsforschung wird immer wieder Neues auch aus dieser Zeit ans Tageslicht bringen. Doch die Grundzüge dieser knappen Darstellung werden sicher Gültigkeit behalten. Pflichtlektüre.

Lewis Carrol: The Hunting of the Snark /Die Jagd nach dem Schnatz (engl./dt.) (Reclam)
Herrliches, vollkommen irrsinniges Abenteuer, das die Wunder- und Spiegelland-Erlebnisse Alices mühelos in den Schatten stellt. Ich hatte die Jagd nach dem Schnatz vor einigen Jahren in der Hörbuchfassung kennen gelernt und erst jetzt beim Stöbern in den Vorschlägen eines Online-Buchhändlers entdeckt, dass es auch eine Reclamausgabe gibt. Klar, dass ich da zureifen musste. Worum geht es? Eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Abenteurern, zu denen unter anderem ein Billard-Marqueur, ein Schlachter, ein Anwalt und ein Biber gehören, macht sich auf die Jagd nach dem Schnatz. Als Hilfsmittel steht ihnen eine leere Seekarte zur Verfügung, Lockmittel sind Seife und Fabeln, sie bedrohen sein Leben mit Aktien der Bahn und stellen seltsame mathematische Logikspiele an. Über der gesamten Reisegesellschaft schwebt die unsichtbare Drohung, was passieren möge, wenn der Schnatz sich als Boojum entpuppt. Das ganze in Verse gegossen, eine wunderbare Ballade. Herrlicher Nonsense, unbedingte Empfehlung.

Ruth M. Fuchs: Welcher Naturgeist ist das? Eine Art Bestimmungsbuch

Cyberpunk now - die Beiträge zum Marburg-Award
Taschenbuch in streng limitierter Auflage mit den Wettbewerbsbeiträgen. Cyberpunk ist nicht unbedingt mein Genre (ich glaube auch, die Mythenpunk-Anthologie der Marburger lässt sich auch nicht toppen), aber ansonsten ein dickes Lob an die Autoren und Organisatoren. Es ist ein schönes, spannendes Buch herausgekommen, das viele gute bis sehr gute Geschichten bietet. Ich hab es mit großem Vergnügen gelesen.

Andrea Tillmanns: Fünf Wege zum Grauen (e)
eBook-Anthologie mit fünf unheimlichen Texten der Autorin. Mal sind es Vampire, die in einer Diskothek ihr Unwesen treiben (nein, das ist nicht so klischeeartig geschrieben, wie sich das jetzt anhört, und die Art, wie die Blutsauger am Ende erledigt werden, ist sehr originell). Mal verirrt sich eine Campinggruppe in einem seltsamen Labyrinth im Wald - ein Albtraum sonder gleichen. Mir hat am besten die Geschichte eines jungen Paares gefallen, das in ein Hotel des Schreckens gerät. Alle Ausbruchsversuche scheitern, und die furchtbaren Geister versuchen alles, um die beiden in ein bestimmtes Kellerzimmer zu drängen ...

Linda Budinger: Der Geisterkessel (e)
Sammlung mit unheimlichen Geschichten aus der Feder Linda Budingers. Die Titelgeschichte handelt von einem jungen Mann, der nachts auf das Gebiet einer archäologischen Grabung vordringt und einen geheimnisvollen Kessel stieht. Was sich zunächst wie ein erfolgreicher Raubzug anfühlt, wird aber bald zu einem Horrortrip der Extraklasse, denn plötzlich sind schaurige Wesen aus der keltischen Mythologie hinter dem Dieb her. Meine Lieblingsgeschichte ist das Abenteuer einer Journalistin, die während eines Unwetters zusammen mit ihrem Freund in einer Grotte am Friedhof festsitzt. Sind es wirklich nur Schimmelpilze, die dort leuchten? Eine Felssäule in Gestalt einer Frau entwickelt sich zum schlimmsten Albtraum ihres Lebens, und ein literarischer Diebstahl eines minder begabten Schriftstellers kommt ans Licht. Sehr schön.

Karl May: Das Gold der Inkas (e)
Ein Anden-Abenteuer, das eine gewisse Verwandtschaft zu "Der Sendador" und "Der Schatz im Silbersee" aufweist. Ich habe es in meiner Jugend durch den Tosa-Band "Das Vermächtnis des Inka" kennen gelernt. Erzählt wird die Geschichte des jungen Hauka, des letzten Nachkommen der alten Inkaherrscher, der nun das Erbe seiner Väter antreten soll. Vor allem sein alter Begleiter Anciano träumt vom Wiedererstehen der alten Inkaherrlichkeit. In einer Gebirgshöhle lagern riesige Goldvorräte, die hierfür bereitstehen. Doch das Gold lockt auch Verbrecher an. Schon Haukas Vater musste sein Wissen mit dem Leben bezahlen. Eine abenteuerliche und gefährliche Schatzsuche beginnt, mit dabei sind der heldenhafte Vater Jaguar, aber auch einer der typischen Mayschen Käuze, ein weltfremder Gelehrter, der unbedingt prähistorische Riesentiere ausgraben möchte und dabei immer wieder Dummheiten macht und sich und de gesamte Gruppe in tödliche Gefahren bringt. Am Ende steht die vollkommene Vernichtung des Schatzes, weil ein Schurke die Quipu-Warnungen vor offenem Feuer in der Höhle nicht kennt. Eine Fackel entzündet den Sicherheits-Explosions-Mechanismus, und die gesamte Höhle samt Gold wird in die Luft gesprengt. Doch Hauka hatte sich ohnehin schon gegen das Leben als Inkaherrscher entschieden und auf das Gold, das nur Unglück bringen würde, verzichtet. Recht spannend, nur manchmal nerven die Eskapaden des Gelehrten ein wenig, man kennt das alles inzwischen schon.


Hörspiele

Die drei ??? 142: Tödliches Eis
Detektivabenteuer der drei Fragezeichen bei einem Schlittenhundrennen. Es geht um einen Diebstahl, um Jack London und um unlautere Methoden eines Teilnehmers, der unbedingt gewinnen will. Nicht gerade die tollste Folge der drei Fragezeichen, eher unterer Durchschnitt.

Die drei ??? 131 - Haus des Schreckens
Mörderspiel in einem unheimlichen Haus mit tausend baulichen Finessen, Irrgängen, Bodenfenstern und Geheimtüren. Eigentlich sind die drei ??? vom Veranstalter angestellt, und einer von ihnen soll Mörder, ein anderer Opfer sein. Aber dann verschwindet einer der Teilnehmer. Sehr spannend und atmosphärisch. Gut gemachtes, etwas unheimliches Hörspiel mit überraschender Auflösung.

Die drei ??? und der dreiTag
- J: Der Fluch der Sheldon-Street
- B. Im Zeichen der Ritter
- P: Fremder Freund
Eine MC-Box, die die These der Chaosforschung zu unterstreichen scheint: Ein Flügelschlag eines Schmetterlings in Kleinweltwinkel könnte ein Erdbeben in Movenna auslösen ... In diesem Fall ist es ein Colaglas, das den Ausschlag gibt. Je nachdem, ob es umfällt oder nicht, und wenn ja wie, entwickelt sich der Tag vollkommen anders, und die drei Detektive haben einen vollkommen anderen Fall zu lösen. Wobei in jedem der drei Abenteuer ein anderer der drei Helden die Federführung hat. Im Fall "Der Fluch der Sheldon Street" ist es eher die Kombinationsgabe eines Justus Jonas, bei "Im Zeichen der Ritter" ist es die akribische Recherchearbeit Bobs, die zur Lösung des Falls führt. Einen makaberen Scherz erlauben sich die Autoren im Fall "Fremder Freund", in dem Peter Opfer eines Stalkers wird. Der zweite Detektiv führt sich dabei so herzzerreißend dämlich und naiv auf, dass man am liebsten schreien möchte.
Fazit: Ein sehr interessantes Experiment. Ich hätte mir jedoch gewünscht, dass die drei Fälle doch etwas enger mit einander verzahnt sind und man häufiger auf kleine "Fenster" zwischen den einzelnen Teilen stößt. So sind es einfach nur drei unterschiedliche Abenteuer, die durch einen gleichen Anfang in Verbindung gebracht wurden.

Die drei ??? 139: Das Geheimnis der Diva
Eine nicht allzu gute Amateurtheatergruppe in Rocky Beach studiert ihr neues Stück ein. Der Clou: Als Überraschung wird darin eine weltberühmte Schauspielerin eine Gastrolle übernehmen. Allerdings scheint im Theater nicht alles ganz astrein zu sein. Unten im Keller versteckt lagert Beutekunst aus dem zweiten Weltkrieg, und die Diva hat ebenfalls ein dunkles Geheimnis. Eine ???-Folge, die ganz okay ist, nichts besonderes, aber man kann es anhören.

Die drei ??? 143 und die Poker-Hölle
Ein Pokerspieler, dem eine chinesische Verbrecherbande auf den Fersen ist, will seinem Neffen sein Erbe zukommen lassen. Damit die Gangster dem Jungen das Erbe nicht vor der Nase wegschnappen, wählt er den Weg einer verrätselten und abenteuerlichen Schnitzeljagd. Zum Glück hat der junge Mann als Helfer die drei Detektive an seiner Seite. Die Rätselreise ist ganz okay, kann aber mit Klassikern wie dem Fluch des Rubins oder der Rätselhaften Erbschaft nicht mithalten. Manches ist unglaubwürdig und bleibt dem Zufall überlassen. Die Art, wie Justus, der absolut keine Ahnung vom Pokerspiel hat, in einer illegalen Spielhölle blufft und absahnt, ist doch etwas zu konstruiert. Sehr schön dagegen die Idee, wie der Schurke am Ende außer Gefecht gesetzt wird.


September

Karl May: Kong-Kheou - das Ehrenwort (Der blaurote Methusalem) (e)
Ein Abenteuer, das ich in meiner Jugend unter dem Titel "Der blaurote Methusalem" in der Tosa-Ausgabe kennen lernte. Die Geschichte eines deutschen Langzeitstudenten, der sich im Auftrag einer armen deutschen Familie nach China aufmacht, um den Sohn zu einem Vermögen zu verhelfen. Außerdem wird er von einem benachbarten chinesischen Ladenbesitzer und Flüchtling gebeten, nach dessen Familie zu suchen. Natürlich hat der Langzeit-Student seine Jahre an der Uni nicht verschwendet, sondern hat perfekt Chinesisch gelernt und weiß so ziemlich alles über China, was auch Old Shatterhand wissen würde. Unterwegs lernt er Kapitän Turnerstick kennen, einen handfesten Seemann, der sich auch von chinesischen Piraten nicht ins Bockshorn jagen lässt und mal eben mit einer Handvoll Leute eine Piratendschunke erobert. Turnerstick hat allerdings einen ganz gewaltigen Spunz: Er glaubt, er könne Chinesisch sprechen, indem er einfach nur an die jeweiligen deutsching Wörtung einung chinesischong Ending anhängtangt. Sprachprobleme sind vorprogrammiert, und da auch noch ein Holländer hinzustößt, der sich bei jeder Gelegenheit in weinerliche Bekundungen ergeht, er sei doch ein "ungeluckelige Nilpaard", muss sich der Leser oft durch seitenweise pseudochinesisches Kauderwelsch und semi-holländische Tiraden hindurchlesen, bis die Handlung weitergeht. Gottseidank ist diesmal nicht auch noch ein Sachse mit im Boot. Wunderschön dagegen der Augenblick, als Turnerstick von aufgebrachten Chinesen als Fremding enttarnt wird, die ihm zur Last legen wollen, dass er einen falschen Zopf trägt. Der Mann beginnt in seinem unverständlichen Chinesisch zu schimpfen, betont, er dürfe so viele falsche Zöpfe tragen, wie er wolle, er dürfe sogar falsche Augen tragen, wenn ihm dies gefalle - und nimmt mal eben sein Glasauge heraus.
Allerdings spielt bei dieser Geschichte der sprichwörtliche Kommissar Zuall eine viel zu große Rolle. Damals ist es mir nicht so aufgefallen, aber in beinahe jedem Kapitel stößt der Methusalem auf ein verschollenes Mitglied der seit Jahrzehnten getrennten chinesischen Familie. Was für eine problemlose Wiedervereinigung,

Die Welten von Thorgal: Lupine 5 - Skald

Wieland: Agathodämon (e)
Briefroman aus der Antike. Besuch bei einem frommen Eremiten, der von der ländlichen Bevölkerung wie ein Gott verehrt wird und den Menschen mit Rat und Tat zur Seite steht. Ein Reisender Fremdling wird neugierig und sucht den Mann auf, darf auch eine Weile als Gast bei ihm verweilen und führt tiefsinnige und trotzdem sehr leichtfüßige Gespräche mit ihm. Es geht um Religion und Philosophie, das Wesen der Götter, Ethik und richtiges Leben, um die Lebenshaltungen der einzelnen Denkschulen und einen Bund von Menschen, die die menschliche Gesellschaft zum Guten führen möchten. Auch das aufkeimende Christentum und die urchristlichen Gemeinden werden besprochen und sehr positiv bewertet. Das Buch gehört zu Wielands besten Werken. Leider unkommentiet, halt nur der kostenlose Originaltext.

Theodor Storm: Der Schimmelreiter (e)
Klassiker, den ich vor rund 20 Jahren in der Reclamfassung erstmals las, jetzt also noch einmal als eBook. Ich stieß auf Storm, als ich auf der Suche war nach dem, was "nach dem Vormärz" kam, und bei den Realisten gelandet war. Ich erinnere mich noch daran, wie mein Doktorvater mit einer leichten Verzweiflung darüber klagte, dass seine Studenten Storm lasen und vom Schimmelreiter so begeistert waren. Tja, hätten diese Alt-68er uns nicht in Schule und Uni bis zum Überdruss mit Brecht vollgestopft und gequält, hätten wir Storm nicht als solche Erlösung empfunden. ;-)
Aber mal ganz im Ernst: Das Ding ist gut, bietet eine abenteuerliche Kulisse. Nordsee, Sturm, Wellen und Geisterhaftes, das Ganze von einem Erzähler. der mit Sprache umgehen und Spannungsbögen konstruieren kann, warum sollte man das Buch nicht mögen? Die Rahmenhandlung mit Rahmenhandlung mit Rahmenhandlung ist allerdings etwas übertrieben und maniriert. Aber auch Autoren wollen ja mal spielen.
Meine Storm-Phase war übrigens nur von kurzer Dauer. Zwei Sachen kamen zusammen. Zum einen kaufte ich mir eine Gesamtausgabe und las sie durch, damit war der Mann für mich erledigt. Zum zweiten lernte ich kurz danach Wilhelm Raabe kennen, und wer an Raabe einmal geschnuppert hat, der kehrt nicht mehr zu Storm zurück, einfach zu leicht, zu weich und zu glatt ... Okay, aber der Schimmelreiter und auch der Rest sind ja nicht schlecht, gehört auf jeden Fall ins Klassikerregal, und das Wiederlesen war schön.

Karl May: Der Sohn des Bärenjägers (e)
Western-Novelle, die gewöhnlich mit der Erzählung "Der Geist des Llano estacado" zusammen unter dem Titel "Unter Geiern" verkauft wird. Ich war zunächst etwas enttäuscht, dass es dieses "Unter Geiern", eines meiner Lieblings-Karl-May-Bücher, gar nicht als eBook gab, habe mir dann die beiden Einzelteile angeschafft und frage mich nun, wie man sie überhaupt zusammenfassen konnte. Es gibt zwar eine ganze Reihe von Personen, die in beiden Teilen eine Rolle spielen, und die Geschichte vom "Geist" schließt sich zeitlich auch an den "Bärenjäger" an, aber es sind halt zwei völlig verschiedene Abenteuer, und im ersten Buch kommen die Llanogeier überhaupt nicht vor.
In diesem Band geht es um einen deutschen Jäger, der zusammen mit seinem Sohn in der Wildnis lebt und vor allem Bären jagt. Die Besessenheit oder Fixierung auf dieses Jagdopfer ist beim Vater wie beim Sohn auf etwas zurückzuführen, das man heutzutage wohl als Trauma bezeichnen würde. Ein riesenhafter Grizzlybär hat nämlich Mutter und Tochter des Bärenjägers getötete, während der Sohn, der sich auf einen Deckenbaken gerettet hat, zusehen musste, wie seine Schwester zerfleischt wurde. Inzwischen haben sich beide weidlich an den Grizzlys gerächt und Massen von Bären getötet. Die eigentliche Geschichte handelt von der Entführung des Bärenjägers, der in die Gewalt Sioux geraten ist und nun zu Ehren eines toten Häuptlings zu Tode gemartert werden soll. Doch der Sohn des Bärenägers hat starke Verbündete bei der Befreiung seines Vaters. Da sind berühmte Jäger wie der lange Davy und der Dicke Jemmy, der Hobble Frank und der Neger Bob, der als Sliding Bob bei den Indianern eine gewisse Berühmtheit erlangt, sowie der junge Mandan-Krieger Wokadeh. Außerdem nehmen sich Winnetou und Old Shatterhand der Sache an. Arme Sioux.
Interessant ist das kurze Abenteuer vor allem durch die eingelegten Erzählungen am Lagerfeuer. Hier berichtet nicht nur der junge Martin Baumann vom Tod seiner Mutter und Schwester, es gibt auch einen köstlichen Bericht des Hobble Frank über eine Begegnung mit einem Bären und - bemerkenswert - eine Erzählung Winnetous, der davon berichtet, wie er Old Shatterhand kennen gelernt hatte. Da diese Version dem später in Winnetou I beschriebenen Beginn der wunderbaren Freundschaft vollkommen wiedersprach, hat May sie dann bei der Zusammenlegung beider Bücher kurzerhand gestrichen. Also, schaut mal ins Original rein, hier gibt es was zu entdecken.

Die vierte Geisterspiegel-Anthologie: Dark Crime IV
Sehr düster, sehr grausam, sehr schwarze Texte und sehr schön zusammengestellt. Eine Anthologie, die ich mit Gewinn gelesen habe. Schon die Auftaktstory mit der Pechmaske, mit deren Hilfe ein unschuldiges Mädchen ermordet wird, hat es in sich. Man begibt sich auf die Traumpfade der australischen Aborigines, klärt Morde in Vineta auf, findet Menschen quicklebendig wieder, die eigentlich schon lange tot sind ... Eine Sammlung der Spitzenklasse.

Karl May: Der Geist des Llano estacado (e)
Die zweite Hälfte von "Unter Geiern" beziehungsweise die Hauptgeschichte. Schon als Kind hatte mich Bloody Fox, der als eine Art Phantom oder Batman den Geiern des Llano estacado den Kampf angesagt hat, fasziniert. Der maskierte Rächer, der über eine geheimnisvolle Oase inmitten der Wüste gebietet, hat in jungen Jahren seine Eltern - und seine Erinnerung - bei einem Überfall der Llanogeier verloren. Jetzt befindet er sich auf seinem segensreichen Rachefeldzug. Und natürlich wird er in seinem Kampf für Gerechtigkeit unterstützt von Winnetou und Old Shatterhand, Hobble Frank und Sliding Bob. Jemmy und Davy tauchen in der Originalfassung nicht auf, hier sind es die beiden Snuffles (Jim und Tim, die Brüder mit den großen Nasen), die den jungen Komantschen Schiba-bigk retten und ihm bei der Rache an den Mördern seines Vaters helfen. Jemmy und Davy kamen erst durch die Zusammenlegung mit der Geschichte "Der Sohn des Bärenjägers" in diese Erzählung hinein.

Karl May: Der schwarze Mustang (e)
Roman, den ich als Kind unter dem Titel "Halbblut" kennengelernt habe. Die Geschichte eines bösen Komantschenhäuptlings und seines verräterischen Sohnes, die einen Überfall auf eine Eisenbahner-Siedlung planen, jedoch von Winneteou und Old Shatterhand besiegt werden. Spanend, aber auch ziemlich rassistisch. May verbreitet sich nicht nur darüber, dass "Halbblütige" die schlechten Eigenschaften beider Rassen erben (es sei denn, man heißt Schi-so, hat eine Deutsche zur Mutter und einen edlen Apachenhäuptling zum Vater und studiert in Deutschland auf der Forstakademie wie einer der Helden im "Ölprinz"), er zieht auch ziemlich heftig gegen die feigen, gierigen und verlogenen Chinesen vom Leder, denen Old Shatterhand zur Strafe die Zöpfe abschneiden lässt.

Erich Kästner: Fabian. Geschichte eines Moralisten
"Großstadtroman" über einen jungen Mann, der von Beruf "Propagandist" ist und die frühen 1930er Jahre in Berlin verbringt. Fabian arbeitet in einer Art Werbeagentur, wird schließlich arbeitslos, hat diverse sexuelle Abenteuer, gerät in die Auseinandersetzungen eines Nazis mit einem Kommunisten, die sich gegenseitig totschießen wollen. Er erlebt den Selbstmord seines Freundes Labude - eine ausgesprochen tragische Geschichte. Labude arbeitet an seiner Doktorarbeit, steckt sechs Liter Herzblut hinein, ist überzeugt, ein wirklich geniales und großartiges Werk geliefert zu haben. Wenig später teilt ihm ein Hiwi, der den Überflieger verletzten will, mit, sein Professor habe verlauten lassen, er hätte noch niemals eine so schlechte Arbeit gesehen. Woraufhin Labude seinem Leben ein Ende setzt. Dabei war das Werk in Wirklichkeit tatsächlich ein Meisterwerk, eine solch geniale Arbeit hätte er noch nie gesehen, sagt der Professor später. Übrigens ein autobiographisches Moment. Kästner verlor tatsächlich einen Schulfreund auf diese Weise, weil ein Spaßvogel dem jungen Mann sagte, er sei durchgefallen. Diese Geschichte, die ich in einer Kästner-Biographie las, war für mich auch der Grund, dass ich diesen Fabian unbedingt lesen wollte. Fabian selbst bezeichnet sich als einen Moralisten, geht auf viele schmutzige Angebote nicht ein und stirbt schließlich beim Versuch, einen ins Wasser gefallenen Jungen zu retten. Der Junge überlebte. Er konnte schwimmen. Fabian war Nichtschwimmer und ertrank. Ein bemerkenswerter Roman, der viel bekannter sein sollte.

Heinrich Laube: Reisenovellen, Band 1 (e)
Erster Teil einer sechsbändigen Reisegeschichte, die ich während des Studiums als Athenäum-Reprint las. Wobei der Titel etwas irreführend ist, denn es handelt sich nicht um Novellen. Es sind Reisebeschreibungen, in die von Zeit zu Zeit auch mal eine Novelle eingelegt ist, wobei der Prozentsatz der Novellen recht gering ist. Im ersten Band, 1834 erschienen, am geringsten, will man nicht die amourösen Abenteuer des Ich-Erzählers beziehungsweise sein Anschmachten der jeweiligen weiblichen Mitreisenden in der Postkutsche als Novelle mitrechnen. In Teil eins geht es zunächst um das Aufbrechen. Der Reisende träumt eigentlich von Spanien und Don Juan, doch erstmal reist er durch deutsche Städte: Breslau, Anhalt, Magdeburg, Braunschweig, Halberstadt, Halle, Leipzig, Altenburg, Zwickau, Karlsbad, Marienbad, Franzensbrunn. Italien folgt im nächsten Band. Das ganze ist recht spröde und nur für Hardcore-Leser zu empfehlen

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften, Band 2 (Buch 3)
Im zweiten Teil nimmt die Geschichte deutlich an Fahrt auf. Sie wird geschlossener, lässt sich schneller und besser lesen. Allerdings stellt sich die Frage, ob das dann wirklich noch das "richtige" Buch vom Mann ohne Eigenschaften ist ...? Immerhin wird hier viel konventioneller erzählt.
Ulrichs Vater ist gestorben. Zusammen mit seiner Schwester ordnet Ulrich den Nachlass und begeht eine Urkundenfälschung, weil die Schwester es so wünscht, um ihrem Mann nicht das Erbe des Vaters zukommen lassen zu müssen. Sie will sich auch scheiden lassen. Die beiden Geschwister kommen sich näher, gehen schließlich zusammen nach Wien zurück, wo sie von nun an als "Zwillinge" auftreten. Dann bricht das Buch ab ... Schade irgendwie.

David und Daniel Hays: Seelenriffe. Der Vater, der Sohn und die See
Ein Buch aus dem Nachlass meines Vaters. Meine Schwester und ich hatten es ihm vor einer halben Ewigkeit zu Weihnachten geschenkt. Damals planten wir noch unsere große Atlantiküberquerung. Es hat nicht sollen sein.
"Seelenriffe" ist die Geschichte eines Vaters und eines Sohnes, die zusammen Kap Horn umrunden wollen. Beides passionierte Segler, aber inzwischen ist der Vater älter geworden, und der Sohn hat seinen alten Lehrmeister überholt und hat ihm einiges voraus, sodass er nun der Kapitän ist. Die Geschichte hat etwas Abenteuerliches, zugleich liegt darüber auch eine gewisse Melancholie des Abschiednehmens. "Wenn der Vater dem Sohn hilft, lachen beide. Wenn er Sohn dem Vater hilft, weinen beide", heißt es an einer Stelle.
Es ist nicht unbedingt ein Roman, aber auch nicht nur ein Bericht. Erzählt wird abwechselnd aus der Vater- und aus der Sohn-Perspektive, beziehungsweise man liest die Aufzeichnungen der beiden. Dabei gibt es einige Wiederholungen und Zeitsprünge, manchmal ist man beim Wechsel in die Notizen des jeweils anderen etwas verwirrt und muss sich erst wieder zurechtfinden. Hinzu kommt, dass der Sohn auch einige Etappen allein zurücklegen musste. Ein Großteil des Buches schildert auch die Vorbereitungen und den Bau beziehungsweise Ausbau des Schiffes. Also, wer einen netten Seglerroman sucht, ist hier falsch, hier geht es eher um das Nachvollziehen einer bestimmten Tour und um die persönlchen Betrachtungen zweier realer Personen. Trotzdem oder gerade deshalb aber nicht schlecht, hat mir gefallen.

Christiane Lieke: Die Geburt des Onyxdrachen (Geschichten der Nacht 61, TCE)
Roman, den ich, glaube ich, mal auf dem DortCon erstanden habe. Die Geschichte einer Söldnerin und eines Söldners, die sich lieben und gemeinsam im Kampf gegen einen riesigen Drachen umkommen. Sie landen in einer Art Totenwelt, die aber seltsam unbestimmt bleibt, und schaffen es, dass sie ins Leben zurückkehren dürfen. Jedoch erwachen sie ausgerechnet als Drachen zu neuem Leben. Originelle Idee, an einigen Stellen war es jedoch etwas anstrengend zu lesen. Das war auch der sehr kleinen Schrift und den langen Zeilen geschuldet. Ein etwas großzügigeres Layout hätte dem Roman und der Leserin gutgetan. Verleger, denkt an uns Senioren!

E.T.A. Hoffmann: Nussknacker und Mäusekönig (e)
Ein eBook, das ich mir vor allem wegen meiner Lektüre von Peter Raffalts "Märchen vom hölzernen Mann" heruntergeladen habe. Hoffmanns zauberhaft-düsteres Märchen vom Nussknacker und seinem Kampf gegen die bösen Nagetier-Horden ist einfach ein schönes Stück Literatur, das die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwimmen lässt. Hat Spaß gemacht.

E.T.A. Hoffmann: Der goldene Topf (e)
Das Reclamheft las ich wohl 1992 anlässlich einer Vorlesung von Leo Kreutzer. Ich denke noch immer an seine Deutung des "Im Kristall Seins" als Beschreibung eines Katers nach durchzechter Nacht. Kann Hoffmann durchaus so gemeint haben. Ein seltsames Märchen, die Sache mit den Schlangen und dem alten Pergament und dem Kristall hätte gut auch im Heinrich von Ofterdingen stehen können. Allerdings, etwas klarer ist die Geschichte schon als das Klingsohr-Märchen.

Jahresrückblick Teil I: Januar bis März 2015
Jahresrückblick Teil II: April bis Juni 2015
Jahresrückblick Teil IV: Oktober bis Dezember 2015.


© Petra Hartmann


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Jahresrückblick II: April bis Juni 2015

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 28 December 2015 · 801 Aufrufe
Jahresrückblick
Das Jahr 2015 brachte mir außer den gestern aufgezählten Buchveröffentlichungen auch ein paar kleinere Veröffentlichungen in Anthologien ein. Vor allem zwei Projekte der Autorengruppe Geschichtenweber gelangten in diesem Jahr zum Abschluss. Ich beteiligte mich mit meiner Horror-Story "Der schwarze Frosch" an der Sammlung "Fundbüro der Finsternis" (ehemaliger Arbeitstitel: "Fundstücke des Grauens"), erschienen im Verlag p.machinery, und mit der Geschichte "Zahltag" an der Anthologie "Kinder der Sonnenfinsternis" (ursprünglicher Arbeitstitel: "Aufstand der Zauberlehrlinge") im UlrichBurger Verlag. Außerdem konnte ich zwei Hödeken-Geschichten (über eine Sagengestalt mener Heimat) veröffentlichen. Die erste, "Das Wagenrennen auf dem Rennstieg", entstand für die Jubiläums-Anthologie "Hildesheimer Geschichte(n)", mit der sich der Verein Hildesheimliche Autoren e.V. an den 1200-Jahr-Feierlichkeiten meiner Heimatstadt beteiligte, die zweite erschien unter dem Titel "Die glücklose Hasenjagd" im Magazin des Marburger Vereins für Phantastik als Begleitheft zum Marburg-Con. Als Jahresabschluss kam mein Weihnachtsmärchen "Das kleine, blaue Fahrrad" an Heiligabend in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung heraus.

Doch nun zum zweiten Teil meiner Lesefrüchte aus dem Jahr 2015. Das zweite Quartal brachte erneut viele Märchen und Klassiker, meist in elektronischer Form, etwas Phantastik und einige Lyrik. Viel Vergnügen damit!


Legende:
Ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den Text in der eBook-Fassung gelesen habe.
Blaue Schrift weist auf herausragend gute Bücher hin.
Rot markiert sind Bücher, die ich so abgrundtief schlecht finde, dass ich euch ausdrücklich davor warne.
Bei verlinkten Titeln landet ihr auf ausführlicheren Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


April

Heinrich Heine: Über Ludwig Börne (e)
Das Dokument eines großen Zerwürfnisses. Heinrich Heine gegen Ludwig Börne, die beiden exponiertesten Vertreter einer jungen, frechen und freiheitlichen Literatur in den 1820er und 1830er Jahren, zwei verdammt gute Leute, die leider so gar nicht "miteinander konnten". Anfänglich sahen sie durchaus im jeweils anderen noch einen Verbündeten, doch bald traten die Unterschiede zu Tage. Bald machte die Gegenüberstellung von "Talent" und "Charakter" die Runde. Heine, der eindeutig bessere Schriftsteller, der sich aber mehr als Künstler sah und davor zurückscheute, beispielsweise seine herrliche Lyrik als Karrengaul der Revolution missbrauchen zu lassen. Börne, der redliche, biedere politische Journalist, der zwar ebenfalls eine geschliffene Feder führte, doch alles, was er schrieb, bierernst bzw. mit heiligem Ernst meinte. Börne warf Heine denn auch vor, ob der Mann "Die Monarchie ist die beste Staatsform" schreibe oder "Die Republik ist die beste Staatsform", würde er davon abhängig machen, was besser klinge. Heine dagegen echauffierte sich darüber, wie Börne sich mit dem schmutzigen Revolutionspöbel gemein mache und in Räumen verkehre, in denen Taback geraucht wurde. Wenn er sebst einem dieser Revolutionäre die Hand schütteln müsse, würde er sie danach im Feuer reinigen müssen, meinte Heine.
Eigentlich kein "schönes" Buch. Heine bemühte sich, nach Börnes Tod im Jahre 1837, das letzte Wort zu behalten. Sein Buch, das den beinahe heiligenmäßig verehrten Börne mit Schutz und Ironie übergoss, kam allerdings gar nicht gut an, der Schuss ging nach hinten los, und Heine erntete einiges an Entrüstung, musste sich sogar duellieren. Schon der Titel "Heinrich Heine über Ludwig Börne" sorgte für Kritik, sah man doch darin den Versuch des Autors, sich "über" den Verstorbenen zu stellen. Heine gab jedoch an, der von ihm geplante Titel sei eigentlich ein schlichtes "Ludwig Börne. Eine Denkschrift" gewesen, Verleger Julius Campe hätte jedoch gegen den Willen des Autors einen anderen Titel gewählt.
Das Buch enthält in der Mitte Heines "Tagebuch von Helgoland", das ich schon ziemlich häufig gelesen habe, es gehört zu meiner traditionellen Insellektüre. Erstmals las ich es wohl Ende der 80er oder Anfang der 90er in meiner Heine-Gesamtausgabe (Manesse Dünndruck), später meist in der Textsamlung "Heinrch Heine und Ludwig Börne - ein deutsches Zerwürfnis" von Hans Magnus Enzensberger, seinerzeit als dickes Taschenbuch bei Reclam Leipzig erschienen. Nun also als eBook. Der Text sei jedem Literaturliebhaber wärmstens ans Herz gelegt, in welcher Ausgabe auch immer.

Wilhelm Hauff: Märchen-Almanach auf das Jahr 1826 (e)
(enthält: Die Karawane; Kalif Storch, Das Gespensterschiff, Die abgehauene Hand, Die Errettung Fatmes, Der kleine Muck, Der falsche Prinz)
Hauffs Märchen-Almanache sind ein Meilenstein der deutschen Märchen-Erzählkunst und sollten eigentlich im Regal jedes Märchenfreundes neben Grimm und Andersen stehen. Die Bücher, die als Jahres-Gabe erschienen sind, enthalten jeweils eine Rahmen-Handlung, innerhalb derer mehrere Erzähler auftreten und diverse Märchen zum besten geben, wobei die Rahmenhandlung selbst eigentlich auch wieder ein großes Märchen ergibt.
Dieser Almanach auf das Jahr 1826 enthält die Geschichte einer Karawane, die durch die Wüste zieht. Abends am Feuer erzählen einige der Kaufleute und Reisenden Märchen, meist solche, zu denen sie irgend einen persönlichen Bezug haben. Das Umfeld ist ein orientalisches, wie sich Hauff ja vor allem durch Märchen im Tausendundeine-Nacht-Stil einen Namen gemacht hat. Enthalten sind viele bekannte Märchen-Klassiker wie Kalif Storch oder Der kleine Muck.
Etwas unschön ist die Organisation des eBooks zum Amanach, der wohl auf eine Billig-Ausgabe zurückgeht. Hier ist erst die Rahmengeschichte insgesamt erzählt, wobei die einzelnen Märchen weggelassen worden sind, man findet im Text nur Hinweise à la "Hier wird das Märchen vom Kalif Storch erzählt". Dann folgen die aus dem Zusammenhang herausgezogenen Einzelmärchen hinter einander weg, und zuguterletzt wird noch einmal die Rahmenhandlung erzählt und diesmal zu Ende gebracht. Da hätte man es lieber als im Gesamtzusammenhang dargebrachtes durchgängig erzähltes Werk gelesen.

Wilhelm Hauff: Märchen-Almanach auf das Jahr 1827 (e)
(enthält: Zwerg Nase, Vom Juden Abner, der nichts gesehen hat, und Almansors Rückkehr ... diverse andere wie Schneeweißchen und Rosenrot herausgeschnitten)
Der zweite Märchen-Almanach Hauffs spielt ebenfalls im orientalischen Milieu. Auch hier gibt es wieder eine Rahmenhandlung, die selbst märchenhafte Züge aufweist und innerhalb derer verschiedene Märchen erzählt werden. Diesmal geht es um einen reichen Mann, dessen Sohn vor Jahren verschwand. Seitdem lebt dieser Mann, dem es ansonsten an Glückgütern nicht fehlt, in tiefer Trauer und betet um die Rückkehr des Verschollenen. Einmal im Jahr lässt er einige seiner Sklaven frei, die sich dann jeweils mit einer Geschichte bei ihm bedanken. Als Happy End ist natürlich die Rückkehr des Sohnes zu erleben, der in der Welt schlimme Prüfungen erfuhr, doch nun als Geretteter vor seinen Vater tritt.
Auch hier ist die unglückliche Art, die Sammlung so hässlich zu zerhacken, unbedingt zu rügen. Wieder wird erst die Rahmenhandlung erzählt, dann folgen hinter einander weg die Märchen und schließlich wird die Rahmenhandlung nach dem letzten Märchen zu Ende geführt. Unschön.
Bemerkenswert ist, dass Hauff diesen Almanach für andere Autoren bzw. fremde Märchen öffnet, unter anderem wird von den Sklaven das Märchen von "Schneeweißchen und Rosenrot" erzählt. Diese Nicht-Hauff-Märchen sind jedoch herausgeschnitten, man findet im Text nur den Hinweis, dass dort ursprünglich "Schneeweißchen und Rosenrot" gestanden hat. Schade.
Ein Wort noch zum sehr deutlichen Antisemitismus Hauffs. Es ist ein seltsamer Antisemitismus, den ich nicht so recht verstehe. Wann immer ein Jude auftritt, wird im Vorfeld ziemlich viel Negatives gesagt und die angeblichen schlechten Eigenschaften jener "Rasse" aufgeführt, aber wenn die Handlung dann beginnt, benehmen sich die dargestellten Juden eigentlich nicht böse oder kleinkariert. Bei der Geschichte vom Juden Abner zum Beispiel, der zweimal Prügel bekam, bin ich automatisch auf der Seite Abners und ärgere mich eher über den Justizskandal, als der Herrscher ihn schlagen lässt. Abner hatte sich lediglich als besonders guter Spurenleser erwiesen, dem selbst Winnetou hätte Bewunderung zollen müssen. Er konnte den suchenden Wächtern genau sagen, wie das durchgegangene Pferd seines Herrschers aussah, allerdings sagte er vollkommen wahrheitsgetreu aus, dass er das Tier selbst nicht gesehen habe und auch nicht wisse, wo es ist ...

Wilhelm Hauff: Märchen-Almanach auf das Jahr 1828 (e)
(enthält: Das Wirtshaus im Spessart; Die Sage vom Hirschgulden, Das kalte Herz, Saids Schicksale, Die Höhle von Steenfoll)
Der dritte Amanach Hauffs. Diesmal spielt die Rahmenhandlung in Deutschland, im bekannten Wirtshaus im Spessart, und gab offenbar genug Stoff her, um selbst zur Hauptgeschichte und zum Filmstoff zu werden. Allerdings muss ich sagen, dass diese Wirtshausgeschichte als Rahmenhandlung für eine Märchenanthologie eher wenig geeignet ist. Da sind also ein paar Leute in einem Wirtshaus abgestiegen, das sich als Räuberhöhle entpuppt. Um nicht im Schlaf überfallen zu werden, versuchen die Gäste, sich durch Märchenerzählen wachzuhalten. Hm. Zum einen wäre es sicher klüger, sich still zu verhalten und zu lauschen. Zum anderen ist die äußere Situation ja wohl so beunruhigend, dass wohl kaum jemand schlafen könnte. Aber was solls.
Das Buch enthält den großartigen Märchenklassiker "Das kalte Herz", zeigt sich auch sonst eher dem deutschen und nordeuropäischen Milieu zugewandt, bietet mit "Saids Schicksale" aber auch einen kleinen Rückgriff in die Orient-Tradition. Insgesamt wirkt die Sammlung dadurch etwas weniger geschlossen als die beiden anderen. Sehr unschön wieder das zerhackte Erscheinungsbild des Almanachs. Hier wäre es einfach schöner gewesen, die Märchen innerhalb der Rahmenhandlung zu belassen. Schade.

Novalis: Heinrich von Ofterdingen (e)
Eines der grundlegenden Werke der Romantiker, in dem unter anderem das zentrale Symbol der blauen Blume seinen Ursprung hat. Novalis schildert darin die Berufung und Lehrzeit des mittelalterlichen Dichters Heinrich von Ofterdingen (geht mit demThema aber sehr frei um, schon auf der ersten Seite findet man einen Anachronismus, als die im Mittelalter noch nicht erfundene Standuhr erwähnt wird.) Heinrich erwacht aus einem seltsamen Traum und sehnt sich fortan nach der blauen Blume. Er unternimmt zusammen mit seiner Mutter eine Reise, die ihn nach und nach zum Dichter formt. Er erfährt von Leben der unterschiedlichsten Menschen, sehr eindrücklich vor allem die Welt der Bergleute, hört diverse Erzählungen und Lieder ... Prägend ist die Begegnung mit dem Dichter Klingsohr. Besonders hervorzuheben sind die beiden Märchen, einmal das Karfunkelmärchen (eigenlich hätte der Karfunkel mit beinahe dem gleichen Recht Symbol der Romatik werden können wie die blaue Blume) und das ausgesprochen schwer verdauliche Klingsohrmärchen. Das Buch blieb Fragment, der zweite Teil, der die "Erfüllung" Heinrichs hätte zeigen sollen, bricht nach einigen Seiten ab.
Ich las das Buch erstmals in der Reclamfassung, das muss 1987 oder 88 gewesen sein. Aus der Schulzeit erinnere ich mich, dass mich einige Mitschülerinnen, die (anders als ich) einen Deutsch-Leistungskurs belegt hatten, mich fragten, ob ich ihne nicht das Klingsohrmärchen erklären könne. Ich musste meine Hilflosigkeit eingestehen. Später, Mitte der 90er Jahre, hörte ich an der Uni ein sehr gutes Referat einer Kommilitonin, nach dem ich glaubte, etwas von dem Märchen verstanden zu haben. Aber kurz danach hätte ich schon nicht mehr wiedergeben können, was das genau war. Jetzt in der eFassung habe ich das Märchen also schon zum dritten oder vierten Mal gelesen. Es ging mir diesmal wesentlich besser damit. Aber bittet mich bloß nicht, es euch zu erklären. ;-)


Wilhelm Hauff: Mittheilungen aus den Memoiren des Satans (e)
Ein junger Schriftsteller wird von Satan persönlich aufgesucht und soll dessen Memoiren aufzeichnen. Das Werk ist ein sehr interessantes Stück Literatur, vor allem durch seine Vielseitigkeit und die unterschiedlichen Handlungsfäden. Als einheitlichen Roman kann man das ganze nicht bezeichnen, eher als eine Abfolge verschiedener Episoden, die keiner Chronologie folgen und nicht immer miteinander in Zusammenhang stehen. Satan erzählt aus seinem Leben in der Menschenwelt, zum Beispiel wie er sich als Student an der Universität herumgetrieben hat, oder von Teezirkeln und Künstlergesprächen. Durchaus auch in die heutige Zeit passen könnte auch die Geschichte, in der zwei Frauen ein Gespräch führen und sich darüber austauschen, auf welche Weise sie diesen oder jenen Mann ins Jenseits befördert haben. Der unfreiwillige Zuhörer, der die Unterredung entsetzt belausche, läuft daraufhin zur Polizei, doch er macht sich nur lächerlich: Es gibt keine Bande von Mörderinnen, die verhaftet werden kann. Die beiden Damen waren lediglich zwei recht berühmte Krimiautoren, die über ihre neuen Romane sprachen. Das hätte ich mir gut und gerne bei einigen Kolleginnen von den "Mörderischen Schwestern" vorstellen können.
Sehr unschön fand ich die Darstellung des "ewigen Juden", den Satan auf seinen Streifzügen trifft und in seine Dienste nimmt. Dieser ewige Jude ist im Laufe der fast zwei Jahrtausende vollkommen heruntergekommen und wird als eine Art Bärenhäuter dargestellt, ungewaschen, lange Zottelhaare, ungeschnittene Fingernägel und so weiter. Darüberhinaus hat er ein ziemlich täppisches Benehmen und ist extrem dumm und ungeschickt, sodass sich Satan schließlich doch wieder von ihm trennt. Da ist mir das gängige Klischee, das Juden vor allem Intelligenz und eine gewisse Geschmeidigkeit bescheinigt, doch etwas lieber. Abner im Hauffschen Märchenalmanach auf das Jahr 1827 war da von einem ganz anderen Kaliber.

Hertha Vogel-Voll: Die silberne Brücke

Karl Gutzkow: Nero (e)
Ein Drama des frühen Gutzkow aus der Zeit, bevor er mit seiner "Wally" einen Literaturskandal heraufbeschwor und zusammen mit Heinrich Heine und Theodor Mundt verboten wurde. Zum Teil ein historisches Drama aus dem alten Rom, aber durchaus gegenwartsbezogen, vor allem durch den deutschen Sklaven Michel, der durch seine Bemerkungen immer wieder für Stilbrüche sorgt.

Wassili Golowatschow: Landung auf Pluto. 2 Teile (BunTES Abenteuer 1/2011 und 2/2011)
Zweiteilige SF-Novelle über ein Wettrennen zum damals äußersten Planeten unseres Sonnensystems. Interessant die Konstellation, dass der Chef der russischen Expedition und die Chefin der amerikanischen Expedition ein Ehepaar sind. Was sie dann auf Pluto entdecken, hätte keiner erwartet ... Lesenswert, allerdings etwas unglücklich auf zwei Hefte verteilt. Zu dieser Zeit hatten die Hefte der Reihe BunTES Abenteuer nämlich nur 32 Seiten (statt der heutigen 40). Als "Füller" musste nun im zweiten Band die Kurzgeschichte "Der Flüchtling" beigefügt werden, die die Häfte des Hefte ausmacht. Aber egal, es sind zwei spannende Hefte geworden, die auch optisch außerordentlich ansprechend wirken, vor allem das Titelbild von Teil 1 hat mir gefallen.



Mai

Wilhelm Hauff: Novellen (Die Bettlerin vom Pont d'Arts, Othello, Jud Süß, Die Sängerin, Die letzten Ritter von Marienburg, Das Bild des Kaisers.) (e)
Gut erzählte, sehr kunstvoll gestaltete Novellen, die man allerdings lieber nicht alle auf einmal lesen sollte. Dann fällt nämlich eine gewisse Monotonie der Erzählstruktur ins Auge. Hauff beginnt oft damit, dass er eine bestimmte düstere, rätselhafte Stimmung schafft, es gibt eine Person oder einen Ort mit einem Geheimnis, irgend etwas läuft nicht so, wie man es sich wünscht, vielleicht liegt ein Fluch vor oder eine Schuld, die jemand auf sich geladen hat. Dann irgendwann gibt es eine "Geschichte in der Geschichte", irgendjemand erzählt eine Begebenheit, die den aktuellen Zustand erklärt, und dann erfüllt sich entweder das Schicksal auch an der Person des Leser-Interesses, und sie kommt um, oder der Knoten löst sich, und es gibt ein glückliches Ende.
Insgesamt haben mir die Novellen sehr gut gefallen. Vor allem die Geschichte der Bettlerin vom Pont d'Arts und die Geschichte eines Theaters, dessen Othello-Aufführungen stets ein Todesopfer fordern, fand ich faszinierend. Auch "Das Bild des Kaisers" hat mir gefallen, auch wenn es vorhersehbar war, der Titel plaudert die Pointe ja schon aus. Mehr will ich gar nicht spoilern.
Es ist in dieser Sammlung auch der unselige "Jud Süß" enthalten, ein Stoff, der später in der Nazipropaganda weidlich ausgeschlachtet wurde. Ja, dieser Hauff greift immer wieder in die antisemitische Klischeekiste hinein, was bei einem sonst so guten und intelligenten Erzähler doppelt schmerzt. Aber auch hier muss ich sagen, dass ich bei allen Dingen, die Finanzminister Süß tut, ihn sehr gut verstehen kann und seine Handlungen für berechtigt halte. Natürlich vermehrt er das Geld seines Landesfürsten und sein eigenes, das ist sein Job. Natürlich will er seine Schwester gut verheiraten, das ist seine Pflicht als Familienoberhaupt und liebender Bruder. Letzten Endes ist der ins Auge gefasste christliche Schwiegersohn Gustav, der ein grausames Spiel mit Süß' Tochter Lea treibt und sie am Ende sitzen lässt, das größere oder besser gesagt einzige Arschloch in dem Buch, naja, Arschloch ist vielleicht etwas hart, sagen wir Schlappschwanz. Ähnlich wie beim Märchen vom Juden Abner gibt es auch hier wieder diesen eigenartig doppelbödigen Antisemitismus: "Show" und "Tell" passen einfach nicht zu einander, man sagt zwar ziemlich viel Negatives im Vorfeld über Süß, gezeigt wird aber ein recht normaler Mensch, der nur sein besonderes Geschick, hier den Umgang mit Geld, benutzt, um es zu etwas zu bringen.
Eine Art Distanzierung Hauffs findet sich im Autorenkommentar am Schluss der Geschichte:
"Beides, die Art, wie dieser unglückliche Mann mit Württemberg verfahren konnte, und seine Strafe, sind gleich auffallend und unbegreiflich zu einer Zeit, wo man schon längst die Anfänge der Zivilisation und Aufklärung hinter sich gelassen, wo die Blüte der französischen Litteratur mit unwiderstehlicher Gewalt den gebildeteren Teil Europas aufwärts riß."
Ich werde mir wohl einmal etwas Sekundärliteratur dazu besorgen müssen.

Hugo von Hofmannsthal: Das Märchen von der verschleierten Frau (e)
Fragmentarische Märchen, spielt im Gebirge/Bergmannsmilieu. Etwas symbolisch aufgeladen. Vielleicht eine gewisse Verwandtschaft zum "Heinrich von Ofterdingen"? Am Ende des sehr kurzen eBooks sind einige Notizen des Autors zum weiteren Verlauf der Geschichte begegeben. Es ergibt sich für mich aber kein Gesamtbild.

Ludwig Bechstein: Die schönsten Märchen (e)
Ludwig Bechstein ist mir vor allem als recht frommer Autor in Erinnerung gewesen, man denke nur an seine Geschichte vom Schwaben, der das Leberlein gefressen hat, oder an den Gevatter Tod. Entfallen war mir, dass der Mann auch ein außerordentlich humorvoller Märchenerzähler war. In seiner Märchensammlung finden sich immer wieder Stellen, an denen man einfach schmunzeln muss, und wo die Grimms ihre Bösewichte hart aber gerecht bestrafen, löst Bechstein den Konflikt mit Pfiff und Um-die-Ecke-Denken. Manches ist skurril, alles irgendwie liebenswert in dieser Sammlung. Köstlich etwa die Geschichte von den drei Gaben oder von den drei dummen Teufeln, die ulkige Goldraspel "Schab den Rüssel" oder der perfide "Schwan kleb an", das Bechsteinsche Gegenstück zur goldenen Gans. Sehr lesenswerte Sammlung. Holt sie euch.

Gunnar Kaiser: Letzte Gedichte (e)
Sehr ausdrucksstarke Gedichte, von denen man hoffen sollte, dass es nicht wirklich die "letzten" des Autors sind. Es geht um Gott und die Welt in diesem Lyrikband, Ausflüge in die Edda inbegriffen, um Liebe und Philosophie, es finden sich Homer-Zitate und der Blick auf eine Schopenhauer-Ausgabe, die Anrufung einiger Sternbilder genau so wie ein gelassener Blick auf die Landschaft. Die Texte sind zumeist recht ruhig und getragen, eher einem weiten Bogen folgend, und vermitteln das Bild eines Autors, der "angekommen ist", sehr genau weiß, wer er ist und was er kann. Da mag er in "Es gibt keinen Grund, meiner zu gedenken" notieren, wie gern er Konfuzius, ein zweiter Bob Dylan, ein gottesfürchtiger Danton oder ein Sokrates wäre, es endet doch mit einem "Doch ich bin es nicht". Ein wenig bereue ich es, mir diesen Gedichtband in der eBook-Ausgabe geholt zu haben. Es wäre schön, ein Papierbuch in der Hand zu halten und darin zu blättern. Vielleicht wenn es mal einen Band "Allerletzte Gedichte" gibt.

Manfred Kyber: Märchen (e)
Ebenfalls eine sehr schöne Märchensammlung. Mir hat vor allem die Geschichte vom Oberhofszeremonienmeister gefallen. Die Märchen sind recht moderne Geschichten, eher in der Tradition Andersens als der Grimms, Kyber spinnt unzählige Kleinigkeiten und Einzelheiten aus, wenn er seine Märchenwelten vor dem Leser ausbreitet. Dabei geht es oft um ganz kleine Dinge. Um die Bewohner einer Wiese zum Beispiel. Oder ein Königreich hinter dem Regenbogen, dessen König nur dreieinhalb Untertanen hat - und nun will die Prinzessin auch noch unbedingt den halben Untertanen "wegheiraten", wie soll man denn da noch ordentlich regieren?

Sven Klöpping: Aufheller. Gedichte (e)
Mir war Sven Klöpping bisher vor allem als Prosaautor ein Begriff, dies ist der erste Lyrikband von ihm, den ich las. Das Buch hat auf jeden Fall sehr viel Energie, kommt teilweise frech und versifft daher, hat aber auch sehr gefühlvolle und stille Passagen. Ein Gedicht wie "al'hambra", das sprudelndes, die Sinne kühlendes Wasser in seiner Augenblicklichkeit und Zeitlosigkeit einfängt, steht direkt neben dem gnatzigen, vom Brechreiz eines Fernsehzuschauers getriebenen "Alles geht zum Anus", das mit der Feststellung schließt: "Dann ist es an der Zeit, sich mit einer Kettensäge unterzumieten."
Es gibt Texte wie "Befruchtung", ein optisches Gedicht in der Tradition von "Fisches Nachtgesang", oder einen "brief von der mafia", der aus einer langen Liste von "erledigt"s besteht. Ein anderes füllt die Seiten mit dem immer wiederholten Wort "morden", bis es am Ende sein "m" verliert und optisch in Form eines Kreuzes am Bande ausläuft. Äußerst einprägsam.
Sehr ernst kommt das Gedicht "Caritas" daher, die Selbstaufforderung eines Menschen, der nicht mitmachen will mit Zombies, Geldschneidern und Kriegstreibern. Immer wieder ist es die Kritik an Medien, vor allem der Fernsehberichterstattung, die Klöppings Gedichte durchzieht. Dazwischen Sex, Tod, Kotze, Gentechnik, Hirnphysiologie und was da sonst noch so kreucht und fleucht.
Alles in allem ein sehr vielschichtiges Werk. Mal sehen, was da noch kommt.

Begleitheft zum Nürnberger Autorentreffen 2015
Enthält nicht nur die Vorträge der Referenten, sondern auch noch ein paar weitere Aufsätze. Besonders interessant fand ich einen Beitrag über Gerichtsmedizin und Leichenfunde, bei denen zunächst vieles auf Mord hindeutete, aber am Ende war doch nur ein Unfall die Todesursache.

Carl Einstein: Der Gaukler der Ebene und andere afrikanische Märchen und Legenden (e)
Märchen der unterschiedlichsten afrikanischen Völker. Die Titelgeschichte ist eine der längsten und ausführlichsten, wobei der "Gaukler der Ebene" ein großer Stier ist, der den Reichtum eines Stammes verkörpert. Es gibt sehr viele Ursprungssagen und viel Genealogisches. Man lernt zum Beispiel den Gott Uwolowu aus Togo kennen, über den es im Buch eine ganze Reihe von Sagen gibt. Dass die Menschen sterblich wurden, haben nach diesen Sagen ein Huhn oder ein Frosch und ein Hund verschuldet, außerdem wird beschrieben, wie Uwolowu den Aussatz und andere Krankheiten schuf und wie seine beiden Frauen, Frosch und Eisvogel, bei seinem vorgeblichen Tode um ihn weinten. Ein wenig an den biblischen Schöpfungsbericht erinnert die Geschichte von den beiden ersten Menschen aus den Sagen der Mkwule. Gott hatte oben im Himmel sehr viele Menschen und wollte auch die Erde mit ihnen besiedeln, also schleuderte er ein Paar hinab. Doch es kam zu einem Sündenfall, seither sind die Menschen sterblich. Es wird jedoch eine Auferstehung in Aussicht gestellt. Insgesamt haben sagenhafte Texte den Löwenaneil in dem Buch. Ich finde wenig, was ich als reines Märchen bezeichnen würde. Auch sind die meisten Texte recht kurz, es sind wenig ausgefeilte Erzählteste darin zu finden.

Stefan George: Das Jahr der Seele (e)
Gedichtzyklus aus knapp 100 (98) Gedichten beziehungsweise Gesängen, ein Gang durchs Jahr und die Jahreszeiten, zum Teil an alte landwirtschaftliche Kult-Handlungen angelehnt, dabei aber doch recht modern, jedenfalls das, was damals als modern galt. Regelmäßig geforme Verse, zum Teil elegisch, manchmal etwas großsprecherisch und pathetisch, Naturbeobachtungen und Seelenspiegelungen, wobei der Autor sich dagegen verwahrt, dass das Ganze autobiographisch oder auf bestimmte Personen und Orte bezogen sei, außer an den Stellen, an denen es ausdrücklich angegeben ist. Der 1897 erschienene Gedichtband gilt als erfolgreichster Georges. Mir ist er aber recht fremd geblieben.

Karl Gutzkow: Die Nihilisten (e)
Ein Roman des späteren Gutzkow und wohl auch eine gewisse Distanzierung zu seiner jungdeutschen Vergangenheit. Ein wenig werden auch die Ideale der früheren Zeit etwas durch den Kakao gezogen. So ist die "emanzipiert" lebende weibliche Heldin Hertha Wingolf absolut weltfremd und bekommt gar nicht mit, wie ihre Dienerin ihr viel zu niedrige Preise für die Nahrungsmittel und Haushaltskosten angibt. Sie glaubt, völlig selbstständig zu leben, während in Wirklichkeit ihr Vater heimlich eine Menge Geld zur Haushaltskasse zuschießt. Welch ein Abstieg nach der wilden und freien Wally. Auch Herthas Geliebter Constantin Ulrich, der revolutionäre bezeihungsweise oppositionelle politische Gesinnung zur Schau trägt, ist eher aus Eitelkeit denn aus einem glühenden liberalen Eifer heraus auf der Seite der Freiheitlichen. Nicht umsonst bezeichnet man ihn und seine politischen Freunde im Roman als "Nihilisten". Es ist eher ein Zyniker, der an nichts mehr glaubt, als jemand, der ein positives Ziel hat. Einer der besten Romane Gutzkows und ein Büch, das ich in der Printfassung schon mehrfach gelesen habe. Wobei ich euch die "Wally" natürlich eher ans Herz legen würde.

Joachim Ringelnatz: 56 Gedichte (e)
Tja, was soll man zu Ringelnatz noch sagen? Sie sind alle darin, die Gedichte, die man so kennt: Das Reh aus Gips, der zu lange Bumerang, die Schnupftabaksdose des Alten Fritz, der männliche Briefmark, das Suahelischnurrbarthaar ... Und noch viel mehr. Gehört auf jeden eReader.

Hörspiel

Geister-Schocker: Der achtbeinige Tod (Wolfgang Hohlbein)
Ein Meteor stürzt auf ein Dschungelgebiet. Kurz darauf mutieren die Spinnen, und ein geheimnisvoller Mann, der sich "Arachno" nennt, stellt sich an die Spitze der Engeborenen, um die Weißen aus dem Dschungel zu vertreiben. Wieder ein Hörspiel, das ich nachts allein im Auto gehört habe. Sollte man nicht tun.


Juni

Frank Wedekind: Mine-Haha (e)
Geschichte eines jungen Mädchen, das von klein auf in einer besonderen Erziehungsanstalt aufwächst, wobei besonders das Training körperlicher Vorzüge im Mittelpunkt steht. Läuft auf Schweinkram hinaus, es ist aber auch ganz nett, wenn man das Buch mit Rousseau im Hinterkopf liest. Und natürlich ist mir der Name der Heldin als kleiner Gruß aus dem Hiawatha sehr lieb. Hochinteressanter Lektüre also.

Gunnar Kunz: Ein Koffer voller Wunder

Peter Raffalt: Die Geschichte vom hölzernen Mann

Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften (e)
Wenn es so etwas wie meinen "Lieblings-Goethe" gibt, dann ist es dieser Roman. Ich liebe seine naturwissenschaftliche Grundlage und die Präzision, mit der hier ein chemisches Experiment auf soziale Interaktionen übertragen wird, und ich würde sehr gern einmal eine Vorlesung über die Wahlverwandtschaften in einem Chemiesaal halten. Vor allem liebe ich aber die klare Novellenstruktur dieses Romans. Zum ersten Mal gelesen muss ich ihn wohl Anfang der 90er in der Reclamfassung haben. Nun als eBook wiederentdeckt. Und es ist immer noch das beste, was Goethe je geschrieben hat.

Clemens Brentano: Das Märchen vom Myrtenfräulein (e)
Geschichte eines geheimnisvollen Myrtenbaums, in dem eine zauberhafte Frau wohnt. Erinnert zunächst etwas an den Anfang von Schneewittchen oder an das Machandelboom-Märchen, aber auch an "Klingt meine Linde". Ein armes Töpferehepaar pflegt ein Myrtenreis, aus dem ein Baum wächst. Doch dann verliebt sich der Prinz des Landes in den Baum und meint, er könne nicht mehr weiterleben, wenn er ihn nicht bekommt. Schließlich lernt er das Myrtenfräulein kennen, ist bezaubert und will es heiraten. Aber da sind noch neun böse Hexen ...

Aristophanes: Die Wolken (e)
Aristophanes: Die Vögel (e)
Aristophanes: Lysistrate (e)
Aristophanes: Die Ritter (e)

Aristophanes: Der Friede (e)
Aristophanes: Die Acharner (e) (eGesamtausgabe)
Aristophanes: Die Wespen (e) (eGesamtausgabe)
Aristophanes: Die Frauen beim Thesmophorenfeste (eGesamtausgabe)
Aristophanes: Die Frauen-Volksversammlung (eGesamtausgabe)
Aristophanes: Plutos (eGesamtausgabe)

Letztes Jahr hatte ich mir meine Lieblingskomödie von Aristophanes in elektronischer Form zu Gemüte geführt. Klar, ich bin ja Aischylos-Fan, da muss man halt ab und zu mal in die "Frösche" reinschaun und seinen Lieblings-Tragödiendichter beim Dichterwettstreit in der Unterwelt anfeuern.Da ich schon mal dabei war, habe ich mir inzwischen auch noch den Rest auf den Reader geladen. Also alle elf erhaltenen Komödien des Aristophanes. Außer den Fröschen gibt es auch die Wolken, die Vögel, Lysistrate und die Ritter als Einzelausgaben. Für den Rest habe ich mir die eGesamtausgabe auch noch geholt. Allerdings würde ich für Erstleser doch die kommentierte Gesamtausgabe von Artemis und Winkler empfehlen oder die Reclamausgaben von Fröschen, Vögeln, Wolken, Lysistrate, Frauenfest, Frauen-Volksversammlung und Frieden. Da weiß man wenigstens, wer der Übersetzer ist, und hat ein paar Hinweise zu den vom Autor zitierten und parodierten Dichtern und Politikern.
Nach den Fröschen sind meine Favoriten die Vögel (die ich nie lesen kann, ohne an den Schluss von Heines Wintermärchen zu denken) und die Wolken, die seinerzeit wohl mit dazu beitrugen, dass die Athener den alten Sokrates zum Tode verurteilten. Alle elf sind aber durchaus lesenswert.


Kalmückische Märchen (e)
Als ich das eBook herunterlud, wusste ich zugegebenermaßen nicht, was Kalmücken sind. Also: Es ist ein westmongolisches Volk, das heute eine "autonome russische Teilrepublik" bewohnt.
Sehr interessant finde ich die Komposition des Ganzen. Es hat auch eine Rahmenhadlung, in der der Sohn eines Chans (Khans) für einen Weisen einen Leichnam stehlen soll. Es handelt sich um einen toten Zauberer, in dem noch immer eine übernatürliche Macht ruht. Das Problem: Der Königssohn darf bei dieser Aufgabe nicht sprechen. Er zieht los, schnürt den toten, noch spukenden Leichnam in einen Sack und trägt ihn davon. Da der Weg recht lang ist, muss er unterwegs rasten, und der tote Zauberer bittet, für diese Zeit aus dem Sack herausgelassen zu werden. Hierauf beginnt er, dem Chanssohn eine Geschichte zu erzählen. Der hört schweigend zu. Doch kurz vor Schluss, als es am spannendsten ist, entfährt ihm eine unbedachte, ungeduldige Äußerung. Daraufhin ist der Bann gebrochen, und der tote Zauberer ist frei und schwebt zum Ausgangspunkt zurück. Der Chanssohn stiefelt also wieder los, bannt den Zauber erneut, neues Nachtlager, neues Märchen, und wieder verplappert sich der Zuhörer kurz vor Schluss, und so geht es jede Nacht, immer weiter und weiter, bis der Leser einen bunten Strauß wunderbarer kalmückischer Märchen kennen gelernt hat. Eine herrliche Geschichte.

Juliane Seidel: Assjah II - Die vergessenen Kinder
Der zweite Teil der Assjah-Reihe von Juliane Seidel. Teil 1 hatte ich letztes Jahr gelesen und war begeistert. Jetzt hat die Autorin sich von ihrem Verlag getrennt und bot den zweiten Teil zum Sonderpreis an - nur so lange der Vorrat reicht. Klar, dass ich da zugriff.
Es ist ein wunderschön illustriertes Taschenbuch mit einer zauberhaften Geschichte. Kim, ein junger Rollenspieler und Weltenbauer, hatte in Teil 1 einen magischen Gegenstand gefunden, mit dessen Hilfe er Wesen aus seinen Welten in unsere reale Welt herübertransportieren kann. Doch durch den Einsatz dieses Traumspiegels verschiebt sich das Gleichgewicht der Welten, furchtbare Wesen, die Namaren, bedrohen Kim und seine Wesen, und das Nichts greift nach den von ihm erschaffenen Welten. Auch im zweiten Teil muss sich Kim mit diesem Nichts auseinandersetzen. Doch diesmal ist seine eigene Welt bedroht. Überall verschwinden Kinder, schließlich auch eine Schulkameradin von Kim. Dann tauchen die Namaren wieder auf. Aber sind sie wirklich Feinde? Kann er ihrem Hilferuf vertrauen? Kim und seine Freunde haben eine gefährliche Luftreise und eine Odyssee durch die Wüste zu bestehen, schließlich kommt es zur Konfrontation mit einem mächtigen Gegner.
Erneut ein zauberhaftes Buch, das es wohl bald in neuem Gewand bei einem anderen Verlag zu erwerben gibt. Ich freue mich auf weitere Abenteuer mit Kim, seinen Freunden und seiner Phantasie.

Chinesische Märchen (e)
Ein Buch, das sehr viel über Götter und Heilige erzählt, vieles ist mehr der Sage und Religion zugehörig als dem, was wir unter Märchen verstehen. So erfährt man etwas über die fünf großen Alten, über den Himmelsherrn und seine Töchter und Söhne, über die Himmelskönigin, über Drachenkönige und die Mondfee, den Gott des Reichtums oder den Feuergott. Es geht um kluge und dumme Frauen, um Habgier und Großherzigkeit. Viel wird über Tiere erzählt, etwa über den Fuchs und den Tiger oder die Feindschaft zwischen Hund und Katze.
Mir hat besonders das Märchen von den zehn Bauern gefallen, die während eines Gewitters in einem Tempel Schutz suchten. Da das Unwetter immer stürmischer tobt, glauben sie, dass sich wohl ein großer Sünder unter ihnen befinden muss, dem die Götter übel wollen. Das Los bezeichnet einen der zehn, der den Tempel verlassen soll. Der arme Kerl beteuert seine Unschuld, wird aber von den neun anderen, die um ihr Leben fürchten, erbarmungslos aus dem Tempel in den Sturm hinausgejagt. Doch kaum ist er draußen, schlägt ein Blitz in den Tempel ein, und die neuen bösen Menschen, die ihn hinausgejagt haben, verbrennen mit Haut und Haar.
Mein anderes Lieblingsmärchen ist die Geschichte vom Zauberfass: Ein Mann grub auf seinem Acker ein Fass aus. Als ihm versehentlich eine Bürste hineinfiel, war plötzlich das ganze Fass voll mit Bürsten, die er auf dem Markt sehr gut verkaufen konnte. Später fiel ihm zufällig eine Münze hinein, und das ganze Fass war voller Münzen. Davon wurde er reich. Aber auch hartherzig. Er ließ seinen alten, schwachen Großvater, der zu nichts anderem mehr taugte, fortan bis zur Erschöpfung arbeiten und immer neue Massen von Geldstücken aus dem Zauberfass herausschaufeln. Doch eines Tages brach der alte Mann zusammen, starb und fiel kopfüber in das Fass, woraufhin sein Enkel überschwemmt wurde mit Massen von toten Großvätern. Für die Beerdigung ging sein gesamtes Vermögen drauf, und das Fass zerbrach ihm auch noch ...

Zu Teil 1 des Jahresückblicks: Januar bis März 2015.
Zu Teil 3 des Jahresrückblicks; Juli bis September 2015.
Zu Teil 4 des Jahresrückblicks: Oktober bis Dezember 2015.


© Petra Hartmann


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Jahresrückblick: Januar bis März 2015

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 27 December 2015 · 834 Aufrufe
Jahresrückblick
Ein ereignis- und arbeitsreiches Jahr neigt sich dem Ende zu. Mir hat dieses Jahr 2015 erneut eine Reihe von Veröffentlichungen beschert. Ein etwas unglückliches Timing sorgte dafür, dass drei Bücher innerhalb eines Monats herauskamen: Mein historischer Roman "Freiheitsschwingen" bei PersonalNovel, mein Sagenbuch "Hut ab, Hödeken!" im Hildesheimer Verlag Monika Fuchs und meine düstere Fantasy-Novelle "Timur" im Verlag Saphir im Stahl. Außerdem habe ich dieses Jahr zwei geliebte "Jugendsünden" aus den Jahren 1996 und 1997 veröffentlicht, nämlich den "Feuervogel" als Heftroman in der Reihe BunTES Abenteuer und "Ulf. Ein Romanexperiment in zwölf Kapiteln" als eBook bei Neobooks.
Doch nun ein Blick auf meine Lesefrüchte des vergangenen Jahres. Zunächst das erste Quartal. Es ist, wie im vergangenen Jahr, eine Menge "Wiedergelesenes" darunter, das ich als kostenloses oder günstiges eBook erstanden habe, ein paar neu entdeckte Klassiker, etwas Phantastik und etwas Lyrik. Viel Spaß damit - vielleicht ist ja etwas für euch dabei.

Legende:
Ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den Text in der eBook-Fassung gelesen habe.
Blaue Schrift weist auf herausragend gute Bücher hin.
Rot markiert sind Bücher, die ich so abgrundtief schlecht finde, dass ich euch ausdrücklich davor warne.
Bei verlinkten Titeln landet ihr auf ausführlicheren Besprechungen innerhalb dieses Blogs.



Januar

Regine Mengel: Am 13. Tag II: Kis-Ba-Shahid (e)
Der zweite Teil einer zauberhaften Trilogie über ein Mädchen, das von Flaschengeistern abstammt und aus unserer Welt in die geheimnisvolle Welt "Kis-Ba-Shahid" hinüberwechselt (Tel 1 las ich letztes Jahr, gibt es als kostenlose Leseprobe). Sie landet in einem Land, das aus Tausendundeiner Nacht zu stammen scheint - mit sehr vielen humorvollen und parodistischen Elementen aus unserer Welt. Herrlich zum Beispiel die Seherin "Seherazade" und die technischen Errungenschaften der Wahrsagekugeln in Kis-Ba-Shahid, inklusive Faxgerät, oder der jugendliche Dieb Ali Baba, der sich als Haupt einer Bande von 40 Räubern bezeichnet, aber gerade mal sechs Leute aufbieten kann. Wunderbar auch die Schilderungen aus der magischen Bibliothek. Jawohl, auch Bücher haben eine Seele, und wer eines quält, etwa durch Unterstreichungen oder Eselsohren, der soll sich nicht wundern, wenn sie wegfliegen oder sich wehren. Fazit: Ein herrliches Abenteuer, man möchte mehr davon, mehr, mehr und immer mehr.

Lutz Seiler: pech & blende
Ein Fundstück im Lyrikregal beim Buchhändler meines Vertrauens. Ein Gedichtband eines Menschen, der eine ganze Menge kann, keine Frage. Aber mir persönlich gefiel es weniger, vor allem wegen des Zeilenfalls, der meinem Lesegefühl diametral entgegenlief. Anstrengend und unschön, hat mir keinen Spaß gemacht. Nun ist es nicht Aufgabe eines Lyrikers, mir Spaß zu machen, aber ich war mit der Lektüre einfach ziemlich unglücklich.

Günter Abramowski: vor den toren von tag & nacht

Tassilo 14: Die Stufen der Eliandysse

Karl Krolow: Schattengefecht
Ene Sammlung mit theoretischen Texten des Dichters, in denen er sich der Lyrikgeschichte und einigen Motiven widmet. Sehr interessant vor allem der titelgebende Dialog bzw. das Selbstgespräch am Schluss. Macht Lust darauf, sich einmal wieder mit Krolows Lyrik zu befassen.

Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache (e)
Ein Text, den ich während des Studiums als Reclamheft gelesen habe. Unvergessen die Diskussionen im philosophischen Seminar von Karl-Friedrich Kiesow darüber. Ein Wiedersehen mit dem Lamm ("Du bist das Blökende") und dem Menschenkind, das unter Bären herumkraucht, und der Feststellung, dass der Mensch schon von Anfang an Sprache hat. Ein wichtiger, wenn auch stellenweise etwas verworrener Text. Zum Wiederlesen ist das kostenlose eBook ganz okay, Ensteigern würde ich für de Erstlektüre aber doch die kommentierte Reclamfassung empfehlen.

Valerian & Veronique 19: Am Rande des Großen Nichts
Valerian & Veronique 20: Das Gesetz der Steine
Valerian & Veronique 21: Der Zeitöffner
Letzter Band der Gesamtausgabe: Der Abschluss der wunderbaren Serie, erneut märchenhaft und bezaubernd, ein Eintauchen in eine andere Welt voller phantastischer Details. Diese Hardcover-Gesamtausgabe bei Splitter hat sich echt gelohnt, die jeweiligen Einleitungen und die Aufmachung stimmen, ein Buch, das jeden Cent wert ist.

Dirk van den Boom: Ein Leben für Leeluu (D9E 5)
Der fünfte Band der SF-Reihe "Die neunte Expansion" erzählt von der Vorbereitung einer Revolution und einem Sabotageakt in einer Welt, die etwas ganz anderes ist, als sie zu sein scheint. Sprache, Handlungsführung und Personenzeichnung sind hervorragend, und das Überraschungsmoment am Ende, als die geheimnisvollen Helfer ihr eigentliches Objekt der Begierde erlangen, hat mir sehr gut gefallen. Eine deutliche Steigeung gegenüber dem Auftaktband "Eine Reise alter Helden" (der ja auch nicht schlecht war). Ich freue mich schon auf die weiteren Abenteuer dieser Helden.

Stille. Die besten Geschichten der Storyolympiade 2013/2014
Das Buch enthält die besten Beiträge zum Wettbewerb, 29 sehr unterschiedliche Texte, in denen sich 30 Autoren mit dem Thema "Stille" auseinandergesetzt haben. Außer den drei Siegertexten "Namu" (Günter Wirz, Geschichte einer Art magischen Initiation oder Visionssuche), "Verbindungsabbruch" (Daniel Schlegel, eher Cyberpunk) und "Der Gesang der Engel" (Vanessa Kaiser und Thomas Lohwasser, eine Art Thriller mit Kindheitstrauma und Hexenhausmotiv) möchte ich vor allem "Helfen Sie der Vigilanz!" von Thomas Heidemann als einen der wenigen humoristischen Beiträge sowie den eher märchenhaften Text "Der Wassermann vom schwarzen Weiher" hervorheben. Aber auch die anderen sind ausgesprochen lesenswert, Totalausfälle gab es nicht.

Antonia Michaelis: Niemand liebt November
Wahrscheinlich habe ich es in diesem Blog schon ziemlich oft geschrieben: Ich liebe Antonia Michaelis. Und wenn niemand November liebt, ich liebe auch diese November. November ist der Name, den sich eine 17-Jährige gibt, die ihre Eltern finden will. Als Vierjährige wurde sie plötzlich von ihnen verlassen, stieg dann auf der Suche auch noch in eine Bahn und weiß nun nicht einmal, in welcher Stadt sie suchen soll. Nach Jahren in diversen Heimen schaffte sie es abzuhauen. Zusammen mit ihrer Katze macht sie sich auf die Suche. Sie hat nur einen Anhaltspunkt: Die Adresse einer Kneipe, in der ihr Vater oder ihre Mutter einmal verkehrt haben soll.
Antonia Michaelis gießt über ihre Heldin die ihr eigene ganz besondere Mischung aus Dreck und Zauber aus. November erlebt Dinge, die man einer Minderjährigen - und auch einer Erwachsenen - gar nicht begegnen lassen möchte. Alkohol, Zigarretten, Sex mit widerlichen älteren Männern, die sie bezahlen, Perversitäten. Doch immer ist da die Katze, die eigentlich gar nicht mehr leben dürfte, so alt ist sie, und da ist noch der geheimnisvolle Junge, der mitten im kältesten Winter in seinem Zelt liest und für November ein sanftes, freundliches Licht spendet. Immer wieder scheint die Spur ihres Vaters verloren zu gehen, immer wieder stößt November dann doch noch, wie von einer freundlichen, übernatürlichen Macht geführt, auf einen neuen Hinweis.Und wird es ihr gelingen, die verlorenen Eltern tatsächlich zu finden und wieder zu vereinen? Nun, Antonia Michaelis ist keine Schönwetterautorin, und ein Happy End mit rosa Wolken wäre wirklich nicht stimmig gewesen. Aber es ist ein gutes Buch, ein verdammt gutes.

Christoph Martin Wieland: Glycerion und Menander (e)
Wielands Briefromane über Helden aus der Antike gehören zum besten, was die deutsche Literatur zu bieten hat. Leider ist dieser Klassiker immer noch ein Geheimtipp und wird wohl auch immer einer bleiben. Vor allem, da seine Texte doch einige Ansprüche an mythologisches, literarisches und historisches Hintergrundwissen stellen. Ich habe den Briefwechsel von Glycerion, Menander und ihren jeweiligen Vertrauten Mitte der 90er Jahre erstmals gelesen, in der sehr schönen, leider unkommentierten Ausgabe bei Haffmanns. Anfang des 3. Jahrtausends gönnte ich mir die Hörbuchfassung, gelesen von Jan Philipp Reemtsma. Beide Ausgaben seien euch ans Herz gelegt. Auch die eBook-Fassung ist in Ordnung, ich würde sie aber wegen der Flüchtigkeit des Lesens am Reader eher für Wiederleser als für Erstleser empfehlen.
Wieland erzählt in diesem Buch eine Liebesgeschichte ganz eigener Art. Der Komödiendichter Menander, neben dem großen Aristophanes der bekannteste griechische Dichter in diesem Genre, und die junge Frau Glycerion, die bekannt wurde durch die schönen Blumenkränze, die sie zu binden weiß, verlieben sich in einander. Schon lange vor der ersten Begegnung sind beide dem jeweils anderen zugeneigt. Glycerion verehrt den Dichter und liebt seine Stücke, sie leidet schwer daran, wenn andere, weniger begabte Dichter bei den großen Dionysien den Preis davontragen. Als sie in Athen dabei ist, wie ein schlechter Dichter den Sieg über ihren Liebling davonträgt, verkündet sie im Theater, sie wolle für Menander einen Siegerkranz winden, der viel schöner ist als der Theaterlorbeer, den ein unverständiges Volk vergab. Doch auch Menander ist schon lange verliebt in Glycerion. Er sah ein Bild, für das sie Modell gestanden hatte, und kann seither nur an sie denken. Menander und Glycerion kommen sich näher, eine besondere Freundschaft, Liebe, Beziehung, was auch immer beginnt. Aber Wieland wäre nicht Wieland, wenn er es mit einer plumpen Heirat und einem Happy End ausklingen ließe. Nach und nach emanzipiert sich die schon von Anfang an sehr selbstsichere und kluge Glycerion und schafft es, sich sehr stilvoll von ihrem Idol zu verabschieden. Einfach ein besonderes, kluges Büchlein, das nicht zu Ende ist, wenn man den letzten Brief gelesen hat.

Michael Buttler: Der Teufels-Vers

Maraba: Gedichte vom höchsten Ast des Kirschbaumes (e)

Holger Ehrhardt (Hrsg.): Dorothea Viehmann
Dorothea Viehmann war eine der wichtigsten Quellen der Brüder Grimm, als sie sich auf die Suche nach Märchen machten. Im Vorwort der Kinder- und Hausmärchen ist sie beschrieben als eine alte, einfache Frau aus dem Volke, geradezu als die Ur-Märchenerzählerin und weise Frau schlechthin. Neben der "Ewig", der alten Kinderfrau im Hause Grimm, war sie es, die das Bild der Märchenerzählerin geprägt hatte. Genau so wollten es die Grimms ja haben: Anonym überlieferte Märchen, die sich im Herzen der alten, einfache Menschen bewahrt hatten, unverkünstelt, direkt aus dem Munde des deutschen Volkes, wobei die einzelnen schlichten Erzähler gar nicht selbst wussten, welche Schätze sie da in sich trugen; sie waren nicht gestaltende Schöpfer, sie waren nur das Medium, durch das etwas Älteres, Großes sich offenbarte. Die Grimms wollten es so sehen. Sie fanden, was sie suchten und sehen wollten.
Das hier vorliegende Büchlein versammelt einige Essays über die "Viehmännin" und ihre Lebensumstände, sehr interessant vor allem im Vergleich zu dem Buch über Marie Hassenpflug, das ich kurz zuvor gelesen hatte. Vor allem erscheint mir die Tatsache bemerkenswert, dass auch die angeblich so einfache und urdeutsche Frau genau wie die Hassenpflug-Schwestern hugenottische Vorfahren hatte, auch hier kommt also das französische Erbe unserer "deutschen Volksmärchen" zum Tragen. Eine sehr spannende Entdeckung aus der Ahnenforschung förderte zudem ans Licht, dass die Viehmännin, was sie selbst nicht wusste, Cousine vierten Grades sowohl Goethes als auch Savignys war. Letzterer hatte ja auch seinen Anteil daran, dass die Grimms auf die alter Frau aufmerksam wurden. Ein spannendes Buch also. Schade, dass es nicht dicker geworden ist.



Februar

Sunzi: Die Kunst des Krieges (e)
Absoluter Klassiker, der auch in der modernen Management-Literatur wieder eine Rolle spielt. Ich habe ihn mir vor einigen Jahren als kleines gebundenes Büchlein zu Gemüte gefürt, jetzt wiedergelesen als kostenloses eBook. Ich muss gestehen, dass es in beiden Versionen nicht ganz mein Fall ist, mir ist die fernöstliche Denkart einfach zu wesensfremd. Einige der Anekdoten sind auf jeden Fall nachdenkenswert, einige der enthaltenen Lehren sollte man natürlich beherzigen (kenne das Terrain, sei gut vorbereitet etc.).

Kurt Tucholsky: Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte (e)
Meine große Tucholsky-Phase hatte ich in den Jahren 1988 und 89. In dieser Zeit las ich auch erstmals sein "Bilderbuch für Verliebte" als Taschenbuch (rororo). Sehr nett die Vorworte zu den jeweiligen Neuauflagen und die Seitenhiebe auf den armen Verleger, der immer "zusetzen" muss. Claires Sprache finde ich nach wie vor albern, auch wenn das Wiedersehen mit der Frage "Ob es hier Bärens gibt?" ganz nett war. Kein schlechtes Buch, aber den Vergleich zu "Schloss Gripsholm" hält es in keinster Weise aus. (Ach ja: Kennt eigentlich einer von euch den Film dazu? Ich habe ihn - wohl auch vor 20-25 Jahren mal gesehen und mich gefragt, wo eigentlich der Zusammenhang mit dem Buch liegt. Irgendwie passte das gar nicht zusammen.)

Kurt Tucholsky: Schloß Gripsholm (e)
Ebenfalls wiedergelesen. Die Taschenbuchausgabe las ich 1988 oder 89 im Aufenthaltsraum meiner alten Schule, kurz vor dem Abi. Eine Liebesgeschichte? Du liebe Zeit was soll das? Lieben Sie? Mit einem launigen Briefwechsel zwischen Verleger und Schriftsteller beginnt Kurt Tucholsky dieses Buch, das ich für sein schönstes halte. Eine Liebesgeschichte à la "Die Gräfin raffte ihre silberne Robe und fiel wortlos die Treppe hinunter" will sich der Autor denn doch nicht abgeben und schlägt stattdessen eine Sommergeschichte vor. Eine Sommergeschichte auf dem schwedischen Schloss Gripsholm, auf dem ein junger Mann und eine junge Frau ihren Urlaub verbringen. Später schauen noch Freund Karlchen und Freundin Bille herein. Es gilt, die Landschaft zu erkunden und ein Kind aus den Fängen einer herzlosen Kinderheim-Feldwebelin zu retten, daneben gibt es einige Seitenhiebe auf üble Chefs, und es ist sehr viel Sommer und Sonnenschein darin. Eine der drei schönsten Sommergeschichten, die ich kenne. Da können nur noch die "Ferien auf Saltkrokan" und Bergengruens "Rittmeisterin" mithalten. Erstaunlicherweise auch Bücher, in denen gar nicht so umwerfend viel "passiert". Nur Sommer und Sonne passieren dort und etwas Wasser.


Goethe: Götter, Helden, Wieland (e)
Kostenloses eBook aus der Public Domain. Nette, etwas böse Parodie vom Altmeister auf den Oberaltmeister der deutschen Literatur. Die Wieland-Lukianische Tradition der Göttergespräche auf die damalige moderne Zeit ausgeweitet und dabei den alten, liebenswerten Wieland gehörig durch den Kakao gezogen. Man braucht etwas Hintergrundwissen beim Lesen, es macht aber Spaß.

Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia

Valerian & Veronique 22: Souvenirs der Zukunft
Das Album nach den Abenteuern der Raumzeitagenten ... Es bietet einige kürzere Episoden aus dem Leben einiger Begleiter der beiden Helden. Erneut zauberhaft, wundervoll und zum Träumen. Es ist eine Binsenweisheit, dass man aufhören soll, wenn es am schönsten ist. So betrachtet, war dies wirklich ein guter Zeitpunkt aufzuhören. Ich hätte mich noch gern weiter in Valerians und Veroniques Welten verloren.

Linda Budinger: Im Keller des Killers (e)
Brrr ... Wie krank ist das denn? Da lädt man sich nichtsahnend einen Thriller seiner guten alten Freundin Linda Budinger auf den Reader, von der man so viele sensible und zauberhafte Fantasy-Abenteuer gelesen hat - und plötzlich steckt man mitten in einem Albtraum fest und irrt zusammen mit einem Liebespaar durch den Keller eines perversen Mörders und Plastinators, der aus Leichenteilen einen Horrortrip der übelsten Art zusammengestellt hat. Das eBook ist irre. Irre gut. Grauenerregend. Gänsehaut pur. Unvergesslich. Grandios gruselig. Ich weiß gar nicht, ob ich euch das jetzt empfehlen oder lieber verbieten soll. Auf jeden Fall würde ich keinem raten, es zu lesen, wenn er nachts allein im Haus ist. Brrr ...


Wilhelm Hauff: Das kalte Herz und andere Märchen (Reclam)
Absoluter Klassiker. Enthält außer der Titelgeschichte "Das kalte Herz" die Märchen vom "Gespensterschiff" und "Kalif Storch". Einer der ganz großen Märchenerzähler neben den Grimms und Hans-Christian Andersen, mit dem man sich als Märchenforscher unbedingt mehr befassen sollte.

Seneca: De vita beata / Vom glücklichen Leben. Lateinisch/Deutsch (Reclam)
Der Mann hat ziemlich oft Recht. Grundlegender, nicht allzu umfangreicher Text, gut aufbereitet, ordentliche und lesbare Übersetzung.

Gottfried Martin: Sokrates (Rowohlt-Monographie)
Gut geschriebene und eingängige Darstellung von Leben und Gedankenwelt des Sokrates in bewährter Rowohlt-Monographien-Qualität. Vielleicht ein wenig redundant, einiges wurde einfach so oft wiederholt, bis es selbst der Dümmste kapiert hat. Aber gerade darum auch empfehlenswert.

Die 5 Meeresfreunde

Hildesheimliche Autoren e.V.: Hildesheimer Geschichte(n)
Die Anthologie des Autorenvereins zur 1200-Jahr-Feier der Stadt Hildesheim erzählt Geschichten aus der Historie der Domstadt, beginnend mit dem Rosenstock-Wunder des Jahres 815, der Gründungslegende, über mittelalterliche und frühneuzeitliche Prominente aus Hildesheim (wie Albertus Magnus oder Didrik Pining, den Entdecker Amerikas), über Sagengestalten wie den Huckup und Hödeken (letzterem habe ich ein Denkmal im Buch gesetzt), über Arschlöcher wie die Nazis bis hin zu Spekulationen über die Zukunft und außerirdische Besucher. Ein sehr vielschichtiges Buch also. Auch für Nicht-Hildesheimer.

Laurence Sterne: Tristram Shandy (e)
Wer den Tristram Shandy nicht kennt, weiß überhaupt nicht, was ein humorvoller Roman ist. Ein umwerfendes Buch, absoluter Klassiker und unverzichtbarer Bestandteil einer jeden Bibliothek eines jeden Literaturliebhabers. Ich habe das Werk 1991 durch eine Vorlesung von Jürgen Peters an der Uni Hannover kennen gelernt und sofort gemerkt, dass es hier um etwas ganz Besonderes geht. Am nächsten Morgen holte ich mir die Reclamausgabe und hatte das ziemlich dicke Buch in wenigen Tagen durchgekaut. Die eBook-Ausgabe ist auch nicht unbedingt schlecht, allerdings muss ich vor der Anschaffung warnen: Da die elektronische Fassung auf die Zweitauflage zurückgeht, fehlen hier so wichtige Elemente wie die in der Sterne-Diskussion immer wieder zitierte schwarze Seite, die weiße Seite und die marmorierte Seite. Ihr werdet also nach Lektüre des eBooks im Gespräch mit Sterne-Kennern manchmal das Gefühl haben, dass euch etwas fehlt ...

Hörspiel

Geister-Schocker: Griff aus dem Dunkel (Earl Warren)
Sehr stimmungsvolles, akustisch hochdramatisches Hörspiel über einen Familienfluch. Sollte man nicht unbedingt nachts allein im Auto hören, wenn man etwas schreckhaft ist.


März

D.W. Schmitt: Perlamith 4 - Die Silberbrigade
Der Abschluss der Perlamith-Tetralogie, die ursprünglich mal eine Pentalogie hatte werden sollen. Schmitt schildert den Einsatz einer Eliteeinheit, die unter dem Kommando eines mysteriösen Fremden mit seltsamen Kräften einen außerirdischen bzw. außerperlamithischen Stützpunkt stürmen muss. Es geht um einen geheimnisvollen Treibstoff, sehr unterschiedliche nichtmenschliche kosmische Zivilisationen und die Frage nach der Verantwortung.
Ich halte diesen Abschlussband für den besten und am klarsten strukturierten Band der Serie. D.W. Schmitt führt seine Figuren diesmal sehr zielstrebig durch die Handlung, das Buch ist nicht ganz so verschlungen wie die Vorgängerbände. Eigentlich schade, dass es vorbei ist. Aber vielleicht liest man ja nochmal etwas Neues von diesem Autor?

Ludger Christian Albrecht: Neue Freiheit (e)
Lyrik, speziell Lyrik zur Verarbeitung einer gescheiterten Beziehung, autobiographisch, wie das Vorwort des Verfassers erläutert. Zum Teil etwas naiv und simpel, da reimt tatsächlich noch jemand "Herzen" auf "scherzen". Zum Teil sehr pathetisch. Hervorzuheben ist aber der leichte, unverkrampfte Tonfall und der am Ende doch recht positive Umgang mit der Trennung, immerhin sagt schon der Titel, was das Auseinandergehen auch bedeutet: Neue Freiheit. Was den Preis angeht: Ich glaube mich zu erinnern, dass ich es damals für Null Euro, meinethalben auch 99 Cent oder 1,99 erworben habe. Der aktuelle Preis von 9,99 Euro erscheint mir recht hoch - sowohl was die Qualität als auch die Quantität der Gedichte angeht.

Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts (e)
Neben "Des Lebens Überfluss" die wohl schönste und leichtfüßigste Novelle der deutschen Romantik. Manchmal möche man selbst wie Eichendorffs Taugenichts einfach so mit der Geige in die Welt hinausziehen. Ebenfalls ein Büchlein, das ich Anfang der 90er Jahre in der Reclamfassung kennen und lieben lernte und jetzt in der kostenlosen eFassung noch einmal entdeckte. Es hat in der Zwischenzeit nichts von seinem Zauber verloren.

Rabindranath Tagore: Gitanjali (e)
Die eBook-Ausgabe greift zurück auf die Übersetzung von Marie Luise Gotheim, die den Titel mit "Hohe Lieder" wiedergibt, anderswo habe ich auch schon "Sangesopfer" als Titel gefunden. Ein zum Teil sehr interessantes, schönes und weises Buch, mit dem ich aber doch nicht recht warm geworden bin. Letzten Endes blieben alle meine Ausflüge in die indische Literatur immer ein wenig ... funkenlos. Da ist nichts, was überspringt, auch wenn Tagore schon recht modern ist und sich von vielen Tradtitionen gelöst hat, er steht nun einmal in einer anderen Tradition als ich, vielleicht klappt es später irgendwann einmal mit uns.

Indische Liebeslyrik, übersetzt von Friedrich Rückert (e)
Eine Blütenlese aus indischen Klassikern, darunter Kalidasa und die Geschichte von Nala, übersetzt von Friedrich Rückert. Nicht direkt schlecht, aber ich bin weder Rückert- noch Indienfan, da kamen einfach zwei Tonfälle zusammen, die mir gar nicht liegen.

Gustav Schwab: Die schöne Melusine (e)
Ich hatte mich ja kürzlich hier mit der alten Sage um Melusine und mit dem Melusinenbuch von Thüring von Ringoltingen befasst. Während ich euch den Thüring-Text nicht unbedingt empfehlen kann, sei euch diese Nacherzählung von Gustav Schwab nachdrücklich ans Herz gelegt. Der Mann kann erzählen und versteht es, alte spröde Stoffe für moderne Leser aufzubereiten. Nicht umsonst ist sein Buch über die Sagen des Altertums so bekannt geworden. Auch seine Bearbeitungen alter deutscher und französischer Stoffe sind sehr lesbar. Also, ran an die Melusine.

Gedanken im Sturm (e)
Eine Anthologie, die von Nicole Rensmann nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ins Leben gerufen wurde. Später auch als eBook erschienen. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um mir die Sammlung anzuschaffen, wie man sieht. Aber als Nicole auf Facebook verkündete, sie werde das eBook nun endgültig aus dem Verkehr ziehen, musste ich einfach zugreifen. Eine sehr lesenswerte Anthologie, auch und gerade jetzt mit dem großen zeitlichen Abstand. Einiges ist inzwischen natürlich überholt, aber vieles davon kann man auch heute noch so unterschreiben. Gerade jetzt wieder nach den Anschlägen von Paris und und und ...

Andrea Tillmanns: Wo liegt denn nun die Leiche?

Theodor Mundt: Madonna (e)
Es gibt Bücher, die begleiten einen Menschen sein ganzes Leben lang. Ein Buch, das mich seit meinem ersten Semester an der Uni Hannover begleitet, ist die "Madonna" von Theodor Mundt. Mundt, mein Leib- und Magen-Autor, über den ich später auch meine Doktorarbeit verfasste, hatte diesem respektlosen, hochphilosophischen, schwerverdaulichen und dickleibigen Buch einiges zu verdanken, vor allem das Scheitern seiner Universitätskarriere und ein Berufsverbot sowie seinen, wenn auch kleinen, Eintrag in der Geschichte der deutschen Literatur als einer der Wortführer einer Bewegung, die man das "Junge Deutschland" nannte.
Die "Madonna" war das erste Buch, das ich mir in der niedersächsischen Landesbibliothek als Fernleihe besorgte, und da ich die uralten, frakturgedruckten Seiten nicht fotokopieren durfte, schrieb ich in guter alter Klostertradition das ganze Buch einfach ab. 436 Seiten. Das hat mich stark geprägt. Und man lernt ein Buch sehr gut kennen dadurch. Noch heute kann ich weite Passagen der Madonna nahezu auswendig zitieren, zumindest sinngemäß. Würde ich jedem Literatur-Studenten empfehlen, der sich in ein Buch richtig einleben möchte.
Zum Hintergrund gibt es hier im Blog zwei Einträge, in denen ihr noch etwas mehr über Mundt und seine Madonna erfahren könnt:
Rezension zur Zenodot-Ausgabe
Mundts Madonna, die Zensur und die verlorene Professorenstelle

A.S. Jones: Die schwarze Fledermaus 1 - Blutgeld
Ein Buch, das lange aus meinem SUB (Stapel ungelesener Bücher) lag. Ich habe es vermutlich auf dem Buchmesse-Convent in einer Con-Tüte erhalten und wusste nicht so recht etwas damit anzufangen. Aber irgendwann war es dann doch auf den Spitzenplatz des Stapels gelangt und wurde gelesen. Die schwarze Fledermaus ist ein Held, der seine hohe Zeit in der guten alten Pulp-Klassik-Epoche hatte, sich aber immer noch einer großen Fangemeinde erfreut. Jetzt also ein neues Abenteuer. Der Held ist eigentlich Anwalt, löst aber nachts in der Maske der "schwarzen Fledermaus" diejenigen Kriminalfälle, mit denen die Polizei nicht fertig wird. Die Assoziation an Batman liegt natürlich auf der Hand, aber auch eine gewisse Erinnerung an Marvels Daredevil schwingt mit, da das Alter Ego der Fledermaus vorgibt, blind zu sein. Der Fall "Blutgeld" selbst ist recht spannend und temporeich erzählt, lässt sich gut lesen und hat mir gefallen. Mal sehen, vielleicht finde ich mal wieder eine Fledermaus in einer Con-Tüte.

Carolyn Lucas: Vermächtnis der Engel (e)
Männliche und weibliche Engel befinden sich seit Äonen im Krieg. Seit einiger Zeit gibt es zwar eine Art Frieden, doch der ist brüchig und bedroht. Die junge Menschenfrau Sarah ist der Schlüssel, das Wesen, das über Krieg und Frieden und über die Macht entscheiden kann. Beide Parteien versuchen, ihrer habhaft zu werden. Doch nicht nur Machtpolitik und Ehik, sondern auch die Liebe hat ein Wort mitzureden. Ausgerechnet zwischen Sarah und einem Engel funkt es gewaltig. Für seine Chefs ein eindeutiger Sündenfall. Gibt es eine Zukunft für ihre Liebe?
Carolyn Lukas hart einen guten, flüssigen Schreibstil und versteht es, dem alten Thema der Liebe zwischen Mensch und Engel/Vampir/Werwolf/Wasauchimmer eine neue Seite abzugewinnen. Das eBook ist leicht und schnell zu lesen und viel eher zu Ende, als man erwartet. Ich war etwas verwirrt, bis ich schließlich feststellte, dass es der Auftakt zu einer Trilogie ist. Mal sehen, demnächst hole ich mir wohl den zweiten Teil.

Asbjörnsen/Moe: Norwegische Volksmärchen II (e)
Asbjörnsen und Moe sind für Norwegen ungefähr das, was die Grimm-Brüder für Deutschland sind. Sie sammelten alte norwegische Volksmärchen und vereinigten sie zu einer Sammlung, die sich vor den Kinder- und Hausmärchen nicht verstecken muss. Meine ersten Asbjörnsen-Moe-Märchen las ich als Kind, während eines Norwegen-Urlaubs mit Eltern und Schwester, das war vermutlich in Loen am Nordfjord, 1977. Ein recht dünnes Taschenbuch mit den drei bekannten Ziegenbock-Brüdern auf dem Titel. Ich habe es noch immer. Jetzt also die eBook-Ausgabe, die wesentlich umfangreicher ist. Teil 1 habe ich bereits letztes Jahr gelesen, Teil 2 war jetzt dran. Bevorwortet bemerkenswerterweise vom guten alten Ludwig Tieck. Enthält unter anderem die Geschichte der sieben Füllen, des norwegischen (männlichen) Aschenbrödels, der drei Böcke Brausewind, "Östlich der Sonne und westlich vom Mond" und den köstlichen Schmierbock. Unbedingt empfehlenswert.


Zu Teil 2 des Jahresrückblicks: April bis Juni 2015.
Zu Teil 3 des Jahresrückblicks: Juli bis September 2015.
Zu Teil 4 des Jahresrückblicks: Oktober bis Dezember 2015.


© Petra Hartmann






Nestis und die verbotene Welle, 2017

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Meerprinzessin Nestis und ihre Freunde sind sauer: Lehrer Seestern meint, dass laute Haifischmusik nichts für Kinder ist. Und der Kronrat stimmt ihm zu. Deshalb bekommt die Band »Ølpæst« Auftrittsverbot in der gesamten Nordsee. Doch plötzlich ist deren Musik überall zu hören: Ein Piratensender strahlt die Hits der Knorpelfischgang lautstark aus.

Als eine hochexplosive Kugelmine über dem blauen Glaspalast im Meer dümpelt und ein führungsloser Öltanker in die Nordsee einfährt, droht eine wirkliche Ölpest. Gelingt es den Meerkindern, ein Unglück zu verhindern?

 

Petra Hartmann: Nestis und die verbotene Welle. Mit Illustrationen von Olena Otto-Fradina. Hildesheim: Verlag Monika Fuchs. Voraussichtlich ab Juni 2017 erhältlich.

Buch-Infos: ca. 152 Seiten, 14,2 x 20,6 cm, Hardcover, zahlreiche s/w-Illustrationen, mit Fadenheftung, Euro 12,90, ISBN 978-3-977066-00-1

 

Leseprobe

 

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Demantin, 2016

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Demantin, der junge König von Antrium, liebt die griechische Königstochter Sirgamot. Doch ihr Vater ist strikt gegen die Hochzeit. Immerhin ist Sirgamot erst zwölf Jahre alt. So zieht Demantin in die Welt, um Ruhm zu erwerben, den Namen seiner Geliebten durch seine Taten zu verherrlichen und sich dem griechischen König als Schwiegersohn zu empfehlen. Er besteht heldenhafte Kämpfe, erwirbt sich die Freundschaft der Königin und des Königs von England und besiegt ein schauriges Meerweib. Letzteres allerdings erweist sich als verhängnisvoll. Denn die sterbende Unholdin verflucht Demantin und prophezeit, dass seine Geliebte mit dem üblen König Contriok verlobt werden soll. Kann Demantin noch rechtzeitig zurückkehren, um die Hochzeit zu verhindern?

 

Berthold von Holle / Petra Hartmann: Demantin. Ein Ritter-Epos
128 Seiten | 12 x 17 cm | Softcover | Klebebindung |
Verlag Monika Fuchs | Hildesheim 2016
ISBN 9-78-3-940078-34-6
8,95 EUR

 

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Leseprobe

 

Crane, 2016

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Gayol, der Sohn des ungarischen Königs, hat in jugendlichem Übermut den alten Hofmarschall seines Vaters zum Wettkampf herausgefordert und eine peinliche Niederlage erlitten. Aus Scham flüchtet er und gerät ins Reich des deutschen Kaisers, wo er unerkannt unter dem Namen Crane (Kranich) eine Stellung als Kämmerer annimmt und bald sehr beliebt ist. Doch als der Fremde und die Kaiserstochter einander näher kommen und Hofbeamten Unzucht und eine unstandesgemäße Liebschaft wittern, beginnt eine schwere Zeit für Königssohn und Kaiserstochter. Kann Gayol sich auf die Treue Acheloydes verlassen? Und kann die lebensbedrohliche Krankheit der Prinzessin noch geheilt werden?

 

Berthold von Holle / Petra Hartmann: Crane. Ein Ritter-Epos
84 Seiten | 12 x 17 cm | Softcover | Klebebindung |
Verlag Monika Fuchs | Hildesheim 2016
ISBN 978-3-940078-48-3
6,95 EUR

 

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Leseprobe

Hut ab, Hödeken! 2015

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Ein rasender Bischof auf dem Rennstieg.
Wegweiser, die sich wie von Geisterhand drehen.
Jäger in Todesangst.
Bierkutscher mit unheimlicher Fracht.
Ein stammelnder Mönch,
der plötzlich zum brillanten Redner wird.
Sollte da Hödeken seine Hand im Spiel haben?
Sagen um einen eigenwilligen Geist
aus dem Hildesheimer Land,
frisch und frech nacherzählt
von Petra Hartmann.

 

Petra Hartmann: Hut ab, Hödeken!

Hildesheim: Verlag Monika Fuchs.

101 S., Euro 7,95.

ISBN 978-3-940078-37-7

 

Bestellen bei Amazon

 

Leseprobe

Freiheitsschwingen, 2015

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Deutschland in den 1830er-Jahren: Für Handarbeit, arrangierte Ehe und Kinderkriegen hat die junge Bürgermeistertochter wenig übrig. Stattdessen interessiert sie sich für Politik und Literatur und greift sehr zum Leidwesen ihres Vaters selbst zur Feder, um flammende Texte für die Gleichberechtigung der Frau und die Abschaffung der Monarchie zu verfassen. Angestachelt von der revolutionären Stimmung des Hambacher Festes versucht sie, aus ihrem kleinbürgerlichen Dasein auszubrechen und sich als Journalistin zu behaupten. Gemeinsam mit ihrer großen Liebe verschreibt sie sich dem Kampf für ein freies, geeintes Deutschland und schlägt den Zensurbehörden ein Schnippchen. Die Geheimpolizei ist ihnen jedoch dicht auf den Fersen, und die junge Journalistin begeht den verhängnisvollen Fehler, ihre Gegner zu unterschätzen

 

Petra Hartmann: Freiheitsschwingen

Personalisierter Roman

München: Verlag Personalnovel, 2015

ca. 198 Seiten. Ab Euro 24,95.

(Einband, Schriftart und -größe, Covergestaltung etc. nach Wahl.)

 

Bestellen unter:

www.tinyurl.com/Freiheitsschwingen

 

Timur, 2015

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Wer ist der bleiche Jüngling im Verlies unter der Klippenfestung? Prinzessin Thia will ihn retten. Doch wer Timurs Ketten bricht, ruft Tod und Verderben aus der Tiefe hervor. Als der Blutmond sich über den Horizont erhebt, fällt die Entscheidung ...

 

Beigaben:

Nachwort zur Entstehung

Original-Erzählung von Karoline von Günderrode

Autorinnenbiografien

Bibliografie

 

Petra Hartmann: Timur

Coverillustration: Miguel Worms

Bickenbach: Saphir im Stahl, 2015.

ISBN: 978-3-943948-54-7

Taschenbuch, 136 S.

Euro 9,95

 

 

Ulf, 2015

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Ein Roman-Experiment mit ungewissem Ausgang: Ulf (Magisterstudent unbekannter Fachrichtung), stammt aus einem Dorf, das mehrmals jährlich überschwemmt wird. Zusammen mit Pastor Dörmann (Geistlicher unbekannter Konfession) und Petra (Biografin ohne Auftrag) überlegt er, was man dagegen tun kann. Als ein vegetarisches Klavier die Tulpen des Gemeindedirektors frisst und das Jugendamt ein dunkeläugiges Flusskind abholen will, spitzt sich die Situation zu. Nein, Blutrache an Gartenzwergen und wütende Mistgabelattacken sind vermutlich nicht die richtigen Mittel im Kampf für einen Deich ...
Mal tiefgründig, mal sinnlos, etwas absurd, manchmal komisch, teilweise autobiografisch und oft völlig an den Haaren herbeigezogen. Ein Bildungs- und Schelmenroman aus einer Zeit, als der Euro noch DM und die Bahn noch Bundesbahn hieß und hannöversche Magister-Studenten mit dem Wort "Bologna" nur eine Spaghettisauce verbanden.

 

Petra Hartmann:

Ulf. Ein Roman-Experiment in zwölf Kapiteln.

eBook

Neobooks 2015

Euro 2,99

Erhältlich unter anderem bei Amazon

Vom Feuervogel, 2015

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Ein Tempel in der Wüste. Heilige Männer, die sich dem Dienst des Feuervogels geweiht haben. Ein Hirtenjunge, der seinem Traum folgt. Aber wird der alte und kranke Phönix wirklich zu neuem Leben wiederauferstehen, wenn der Holzstoß niedergebrannt ist? Eine Novelle von Idealen und einer Enttäuschung, die so tief ist, dass kein Sonnenstrahl je wieder Hoffnung bringen kann.

 

Petra Hartmann:

Vom Feuervogel. Novelle.

Erfurt: TES, 2015.

BunTES Abenteuer, Heft 30.

40 Seiten, Euro 2,50 (plus Porto).

Bestellen unter:

www.tes-erfurt.jimdo.com

 

eBook:

Neobooks, 2015.

Euro 1,99.

Unter anderem bei Amazon

Nestis und die Hafenpiraten, 2014

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Endlich Sommerferien! Nestis und ihre Freunde freuen sich auf sechs Wochen Freiheit und Abenteuer. Doch ausgerechnet jetzt verhängt der Kronrat ein striktes Ausgehverbot für alle Meerkinder. Denn in der Nordsee treibt plötzlich ein furchtbares “Phantom” sein Unwesen. Möwen, Lummen und Tordalke werden von einem unheimlichen Schatten unter Wasser gezerrt und verschwinden spurlos.

Nestis beschließt, den Entführer auf eigene Faust zu jagen. Als ein Dackel am Strand von Achterndiek verschwindet, scheint der Fall klar: Die gefürchteten “Hafenpiraten” müssen dahinter stecken. Zusammen mit ihrem Menschenfreund Tom wollen die Meerkinder der Bande das Handwerk legen …

Petra Hartmann: Nestis und die Hafenpiraten
Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2014
ISBN 978-3-940078-84-1
14,90 EUR

 

 

Leseprobe unter

 

www.tinyurl.com/nestis2

Blitzeis und Gänsebraten, 2014

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Weihnachten im Potte …

… ist so vielfältig wie die Menschen, die dort leben. Und deshalb findet sich auf diesem Bunten Teller mit 24 Hildesheimer Weihnachtsgeschichten für jeden etwas: romantische Erzählungen und freche Gedichte, Erinnerungen an die Nachkriegszeit, Geschichten von neugierigen Engeln, eifrigen Wichteln und geplagten Weihnachtsmännern. Der Huckup und die »Hildesheimer Weisen« fehlen auch nicht. Was es aber mit dem Weihnachtswunder an der B6 auf sich hat, erfahren Sie auf Seite 117. – Greifen Sie zu!

 

 

Petra Hartmann & Monika Fuchs (Hrsg.): Blitzeis und Gänsebraten. Hildesheimer Weihnachtsgeschichten.

Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2014.

144 Seiten | 12 x 17 cm | Paperback |

ISBN 978-3-9400787-57-5
8,90 EUR

 

Leseprobe

Beim Vorderhuf meines Pferdes, 2014

Eingefügtes Bild

Das Messer zuckte vor. Fauchend wich die riesige Katze zurück. Doch nur, um sofort wieder anzugreifen. Das Mädchen, das auf dem Leichnam seiner Stute kauerte, schien verloren.
Acht Jahre ist Steppenprinzessin Ziris alt, als sie bei einem Sandkatzenangriff ihr Lieblingspferd verliert. Ist es wirklich wahr, was ihr Vater sagt? "Alle Pferde kommen in den Himmel ..."
Drei Erzählungen aus der Welt der Nearith über edle Steppenrenner, struppige Waldponys und die alte graue Stute aus Kindertagen.

Petra Hartmann: Beim Vorderhuf meines Pferdes. Neue Geschichten aus Movenna. eBook, ca. 30 Seiten. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2014. Euro 0,99.

Erhältlich unter anderem bei Amazon.

Darthula, 2014

Eingefügtes Bild

Darthula ist die Tochter eines irischen Kleinkönigs, der über das nebelreiche Land Selama herrscht. Als schönste Prinzessin Irlands lebt sie allerdings nicht ungefährlich. Als sie den mächtigen König Cairbar abweist und ihm nicht als seine Braut folgen will, nimmt das Unheil seinen Lauf. Cairbar überzieht das kleine Selama mit Krieg und Vernichtung und rottet Darthulas Familie aus. Mit ihrem Geliebten Nathos wagt die junge Frau die Flucht über die stürmische See. Aber Wind und Wellen sind unzuverlässige Verbündete ...

Beigaben zur Neuausgabe:
Vorwort der Autorin mit Infos zur Entstehungsgeschichte
Übersetzung des "ossianischen Originals"
Autorinnenbiographie und Veröffentlichungsliste

Buch-Informationen:
Petra Hartmann: Darthula, Tochter der Nebel.
Bickenbach: Verlag Saphir im Stahl, 2014.
Taschenbuch. 126 S., Euro 9,95.
ISBN 978-3-943948-25-7

Bestellen bei Saphir im Stahl

Pressearbeit für Autoren, 2014

Eingefügtes Bild

Petra Hartmann, Autorin und langjährige Lokalredakteurin, gibt Tipps für die Pressearbeit vor Ort. Sie erklärt die Wichtigkeit der „Ortsmarke“ für eine Zeitung, gibt Tipps zum Schreiben von Artikeln, zum guten Pressefoto und zum Umgang mit Journalisten. Anschaulich, verständlich, praxisorientiert und für Autoren jedes Genres anwendbar.

Petra Hartmann: Pressearbeit für Autoren. So kommt euer Buch in die Lokalzeitung.
eBook. Neobooks, 2014. Ca. 30 Seiten.
Euro 1,99
Diverse Formate, für alle gängigen eBook-Reader.
Erhältlich z.B. bei Amazon, eBook.de, Thalia, Hugendubel, Weltbild u.a.

Nestis und der Weihnachtssand, 2013

Eingefügtes Bild

Als kleine Weihnachtsüberraschung gibt es für Fans des "großen" Nestis-Buchs "Nestis und die verschwundene Seepocke" jetzt ein kleines bisschen Weihnachtssand: Der Verlag Monika Fuchs hat aus der "Ur-Nestis", einem Helgoland-Märchen aus dem Jahr 2007, jetzt ein eBook gemacht. Mit einem wunderschönen Cover von Olena Otto-Fradina und mit ein paar exklusiven Einblicken in Nestis' Nordseewelt.

Klappentext:
"November 2007: Orkantief Tilo tobt über die Nordsee und reißt große Teile der Helgoländer Düne ins Meer. Wer soll nun die Robbenküste reparieren? Meerjungfrau Nestis wünscht sich einfach mal vom Weihnachtsmann 500.000 Kubikmeter Sand ..."

Bonus-Material:
Die Autorin im Interview mit Wella Wellhorn von der Meereszeitung "Die Gezeiten"
XXL-Leseprobe aus "Nestis und de verschwundene Seepocke"

Petra Hartmann: Nestis und der Weihnachtssand. Ein Helgoland-Märchen. Mit Illustrationen von Olena Otto-Fradina. Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2013. 99 Cent.

Erhältlich für den Amazon-Kindle

Nestis und die verschwundene Seepocke, 2013

Eingefügtes Bild


Eine ausführliche Leseprobe findet ihr hier:
www.tinyurl.com/nestis


Wütend stampft Meerjungfrau Nestis mit der Schwanzflosse auf. Ihre Schwester Undine ist von den Menschen gefangen worden – und weder Meerkönig noch Kronrat wagen, die Kleine zu retten. Aber Nestis fürchtet sich nicht einmal vor den furchtbarsten Monstern des Meeres. Zusammen mit ihren Freunden bricht sie auf zur Rettungsaktion, und es zeigt sich, dass tollpatschige Riesenkraken und bruchrechnende Zitteraale großartige Verbündete sind.
Petra Hartmann entführt ihre Leser in eine etwas andere Unterwasserwelt mit viel Humor und Liebe zum Detail. Trotz des phantastischen Meermädchen-Themas findet der Leser auch sehr viel naturnahe Beobachtungen aus Nord- und Ostsee, lernt die Meerbewohner und ihre Probleme kennen. Dabei werden unter anderem auch die Meeresverschmutzung, Fischerei und die wenig artgerechte Haltung von Haien in Aquarien behandelt.
Zauberhaft dazu die Zeichnungen von Olena Otto-Fradina.

Text: Petra Hartmann
Bilder: Olena Otto-Fradina
| Hardcover | 14,8 x 21 cm
Verlag Monika Fuchs | Hildesheim 2013
151 S., Euro 14,90
ISBN 978-3-940078-64-3


eBook:
Amazon-Kindle, 2154 KB
Euro 6,99
http://amzn.to/JJqB0b

Autorenträume, 2013

Eingefügtes Bild


Autorinnen und Autoren schicken ihre Leser in vergangene Zeiten, ferne Länder, phantastische Welten, spannende Abenteuer und bringen sie zum Träumen.
Wovon aber träumen Autoren? Vom Nobelpreis? Vom Bestseller? Vom Reich-und-berühmt-werden? Oder einfach nur davon, eines Tages vom Schreiben leben zu können? Vom Lächeln auf dem Gesicht eines Kindes, wenn das neue Märchen vorgelesen wird? Oder sind es schreckliche Albträume, die der angebliche Traumberuf mit sich bringt? Werden Schriftsteller nachts im Schlaf gar von Verlegern, Lektoren, Rezensenten oder Finanzbeamten bedroht?
Monika Fuchs und Petra Hartmann starteten eine »literarische Umfrage«, wählten aus den über 300 Antworten 57 phantasievolle Beiträge aus und stellten sie zu diesem Lesebuch zusammen. Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen des Autorenalltags und träumen Sie mit!
Von jedem verkauften Buch wird 1 Euro an das Hilfswerk Brot & Bücher e.V. der Autorin Tanja Kinkel gespendet, die auch das Geleitwort zum Buch schrieb.

Petra Hartmann und Monika Fuchs (Hrsg.):
Autorenträume. Ein Lesebuch.
ISBN 978-3-940078-53-7
333 S., Euro 16,90

Bestellen beim Verlag Monika Fuchs

Mit Klinge und Feder, 2013

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Phantasie statt Völkerschlachten - das war das Motto, unter dem die Phantastik Girls zur Schreibfeder griffen. Mit Humor, Gewitztheit und ungewöhnlichen Einfällen erzählen sieben Autorinnen ihre Geschichten jenseits des Mainstreams der Fantasy. Kriegerinnen und gut bewaffnete Zwerge gehören dabei genau so zum Personal wie sprechende Straßenlaternen, Betonfresser oder skurrile alte Damen, die im Bus Anspruch auf einen Behindertensitzplatz erheben. Dass es dennoch nicht ohne Blutvergießen abgeht, ist garantiert: Immerhin stecken in jeder der Storys sechs Liter Herzblut. Mindestens.

Mit Klinge und Feder. Hrsg. v. Petra Hartmann und Andrea Tillmanns.
Mit Geschichten von Linda Budinger, Charlotte Engmann, Petra Hartmann, Stefanie Pappon, Christel Scheja, Andrea Tillmanns und Petra Vennekohl.
Homburg/Saar: UlrichBurger Verlag, 2013. 978-3943378078
247 S., Euro 9.
Bestellen bei Amazon

eBook:
396 KB, Euro 5,49.
Format: Kindle
Bestellen bei Amazon

Das Serum des Doctor Nikola, 2013

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Berlin, 1927. Arbeitslos, pleite und mit der Miete im Rückstand: Bankierssohn Felix Pechstein ist nach dem "Schwarzen Freitag" der Berliner Börse ganz unten angekommen. Da erscheint das Angebot, in die Dienste eines fremden Geschäftsmannes zu treten, eigentlich als Geschenk des Himmels. Doch dieser Doctor Nikola ist ihm mehr als unheimlich. Vor allem, als Felix den Auftrag erhält, Nikola zu bestehlen ...

Petra Hartmann: Das Serum des Doctor Nikola
Historischer Abenteuerroman.
ISBN 978-3-938065-92-1
190 S., 12,95 Euro.
Bestellen beim Wurdack-Verlag

Leseprobe

Hörbuch: Der Fels der schwarzen Götter, 2012

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Bei einer Mutprobe begeht der junge Ask einen folgenschweren Fehler: Er schlägt einem der schwarzen Götter die Nase ab. Der unscheinbare Dreiecksstein wird Auslöser eines der blutigsten Kriege, die das Land jemals erlebt hat.
Bald wissen die Völker des Berglandes nicht mehr, wen sie mehr fürchten sollen: die schwarzen Götter, die weißen Dämonen oder die sonnenverbrannten Reiter aus den fernen Steppen ...

Der Fels der schwarzen Götter.
Hörbuch. 8 Stunden, 57 Minuten.
Sprecherin: Resi Heitwerth.
Musik: Florian Schober.
Action-Verlag, 2012.
CD/DVD: 16,95 Euro
mp3-Download: 11,95 Euro

Hörbuchfassung des 2010 im Wurdackverlag erschienenen Buchs "Der Fels der schwarzen Götter".

Drachen! Drachen! 2012

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Frank G. Gerigk & Petra Hartmann (Hrsg.)
DRACHEN! DRACHEN!
Band 01, Drachen-Anthologie
ISBN: 978-3-89840-339-9
Seiten: 384 Taschenbuch
Grafiker: Mark Freier
Innengrafiker: Mark Freier
Preis: 14,95 €
Bestellen beim Blitz-Verlag

Fatal wäre es, Drachen zu unterschätzen! Wer glaubt, genug über sie zu wissen, hat schon verloren.
Diese 23 meisterlichen Geschichten aus verschiedenen literarischen Genres belegen, dass das Thema aktuell, überraschend und packend ist – und gelegentlich fies!

Die Autoren:
Rainer Schorm, Achim Mehnert, Andrea Tillmanns, Malte S. Sembten, Frank G. Gerigk, Christel Scheja, Fiona Caspari, Hendrik Loy, Christiane Gref, Linda Budinger, Miriam Pharo, Carsten Steenbergen, Rebecca Hohlbein, Frank W. Haubold, Melanie Brosowski, Astrid Ann Jabusch, Thomas R. P. Mielke, Karsten Kruschel, Marc A. Herren, Petra Hartmann, Monika Niehaus, Uwe Post.
Originalveröffentlichung!

Die Schlagzeile, 2011/2012

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Petra Hartmann: Die Schlagzeile.
Personalisierbarer Roman.
PersonalNovel Verlag, 2011.
eBook: PersonalNovel, 2012.
Personalisieren und bestellen

Verschlafen und idyllisch liegen sie da, die Orte Barkhenburg, Kleinweltwinkel und Reubenhausen. Doch dann stört der Diebstahl einer Heiligenfigur die Ruhe: Ein jahrhundertealter Hass bricht wieder aus und ein hitziger Streit entflammt, der aus Freunden Feinde und aus friedlichen Nachbarn sich prügelnde Gegner macht. Mittendrin: Eine Journalistin, die bereit ist, für eine Schlagzeile im Sommerloch alles zu geben. Mit viel Einsatz und einer Prise Humor versucht sie, das Geheimnis um die verschwundene Hubertus-Statue aufzuklären, und muss sich dabei mit erregten Politikern, aufgebrachten Dorfbewohnern und einem nervösen Chefredakteur herumschlagen. Aber die Journalistin lässt sich nicht unterkriegen – bis ihr ein Anruf fünf Minuten vor Redaktionsschluss die Schlagzeile zunichtemacht...

Falkenblut, 2012

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Petra Hartmann: Falkenblut.
Vier Romane in einem Band.
E-Book
Satzweiss.com - chichili agency, 2012.
3,99 Euro

 

Nicht mehr lieferbar!

Neuausgabe in Vorbereitung.


Die Abenteuer der jungen Walküre Valkrys beginnen an ihrem ersten Arbeitstag und ausgerechnet dort, wo die germanischen Götter- und Heldensagen enden: Ragnarök, die Endzeitschlacht, ist geschlagen, Götter und Riesen haben sich gegenseitig aufgerieben, die wenigen Überlebenden irren ziellos durch die Trümmer des zerbrochenen Midgard. An der Seite des neuen Götterkönigs Widar muss sich Valkrys nun behaupten. Dabei trifft sie auf Jöten, Thursen, Reifriesen, Seelenräuberinnen, Werwölfe, Berserker, Hexen, riesenhafte Meerungeheuer und das furchtbare Totenschiff Naglfari. Leseempfehlung ab 12 Jahren.

März 2020

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Nächste Lesungen / Termine

Lesungen

 

Sonnabend, 4. April 2020: Lesung aus "Nestis und die verschwundene Seepocke", Auf der Buchmesse "Buch im Wald". Obergeschoss im Rathaus Leimen, Hauptstraße 24, 66978 Leimen in der Pfalz. Voraussichtlich 14.30 bis 15.15 Uhr. Coronabedingt abgesagt. Die Organisatorin sichtet gerade Möglichkeiten, die Veranstaltung zeitlich und/oder räumlich zu verschieben.

 

Freitag, 11. September 2020: Lesung aus "Der Fels der schwarzen Götter" als Gast des Fördervereins Rudolf von Bennigsen in der RvB-Bibliothek im Bahnhof Bennigsen bei Springe. Beginn: 19.30 Uhr.

 

 

 

Buchmessen, Cons, Büchertische

 

Sonnabend, 21. März: Kulturmesse in Sibbesse: Künstler, Literaten, Musiker, die in und um Sibbesse Kultur machen, stellen sich vor. Friedrich-Busse-Schule, Schulstraße 2, 31079 Sibbesse. 14 bis 18 Uhr.   Die Messe wurde abgesagt wegen Corona. Es gibt einen neuen Termin: Sonnabend, 10. Oktober. Ich muss noch abklären, ob ich dabei sein kann. Infos folgen.

 

Sonnabend und Sonntag, 4. und 5. April: Buchmesse "Buch im Wald", Obergeschoss im Rathaus Leimen, Hauptstraße 24, 66978 Leimen in der Pfalz. Coronabedingt abgesagt. Die Organisatorin sichtet gerade Möglichkeiten, die Veranstaltung zeitlich und/oder räumlich zu verschieben.

 

Sonnabend und Sonntag, 25. und 26. April: Conventus Leonis, Rollenspiel-Con, Jugendzentrum Mühle, An der Neustadtmühle 3, 38100 Braunschweig. Ich bin wohl mit einer Lesung mit dabei. Infos folgen.

 

Himmelfahrt, Donnerstag, 21. Mai: Autorentreffen in Nürnberg. Ich bin wieder mit dabei, und meine Werke sind auf dem Büchertisch natürlich auch zu finden. Mehr Infos folgen. Coronabedingt abgesagt.

 

Montag bis Freitag, 5. - 9. April 2021: 3. Helgoländer Lesefestival.

 

 

 

In Planung, vorläufig terminiert:

 

Sonnabend, 9. Mai: MarburgCon. Büchertisch, noch unbestätigt. Coronabedingt abgesagt.

 

Dienstag, 6. April 2021: Möwenlesung auf Helgoland. Mit Petra Hartmann ("Die kleine Möwe Kackvorbei"), Michael Stoffers ("Waldemar hat einen Traum") und Andreas Strutz (Lesung aus Werken von James Krüss). 3. Helgoländer Literaturfestival. Ort und Zeit folgen.

 

Mittwoch, 7. April 2021: Lesung aus "Nestis und die verschwundene Seepocke" auf Helgoland. 3. Helgoländer Literaturfestival. Ort und Zeit folgen.

 

 

 

Links

Meine Heimseite:

www.petrahartmann.de

Mein Gezwitscher:

www.twitter.com/PetraHartmann

 

Facebook-Autorenseite:

www.facebook.com/AutorinPetraHartmann/

 

Seite der Nestis-Serie:

www.nestis.net

 

Nestis auf Facebook:

www.facebook.com/nestis.net/

 

Nestis auf Facebook:

https://twitter.com/NestisLogbuch

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Biografie

Petra Hartmann, Jahrgang 1970, wurde in Hildesheim geboren und wohnt in Sillium. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Hannover. Auf den Magisterabschluss folgten die Promotion mit einer Doktorarbeit über den jungdeutschen Schriftsteller Theodor Mundt und ein zweijähriges Volontariat bei der Neuen Deister-Zeitung in Springe. Anschließend war sie dort fünf Jahre Lokalredakteurin. Ferner arbeitete sie für die Leine-Zeitung in Neustadt am Rübenberge, die Nordsee-Zeitung in Bremerhaven, die Neue Presse in Hannover und die Volksstimme in Gardelegen. Derzeit ist sie bei der Goslarschen Zeitung beschäftigt.
Als Schriftstellerin liebt sie vor allem das fantastische Genre. Sie verfasst hauptsächlich Fantasy und Märchen. Bekannt wurde sie mit ihren Fantasy-Romanen aus der Welt Movenna. Mit den Abenteuern der Nordsee-Nixe Nestis legte sie ihre erste Kinderserie vor. Sie errang mit ihren Geschichten dreimal den dritten Platz bei der Storyolympiade und wurde 2008 mit dem Deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet.

Leserunden zum Nachlesen

Leserunde zu "Darthula, Tochter der Nebel" auf Lovelybooks. Diskutiert mit Autorin Petra Hartmann und Cover-Künstler Miguel Worms über den "ossianischen Roman": http://www.lovelyboo...nde/1201913120/

 

Leserunde auf Lovelybooks zu "Nestis und die verschwundene Seepocke": Diskutiert mit Autorin Petra Hartmann und Verlegerin Monika Fuchs über den Meermädchenroman:

http://www.lovelyboo...nde/1166725813/

 

Leserunde auf Lovelybooks zu "Mit Klinge und Feder": Diskutiert mit den Autorinnen Linda Budinger, Petra Hartmann, Stefanie Pappon, Christel Scheja, Andrea Tillmanns und Petra Vennekohl über die Anthologie der "Phantastik Girls": http://www.lovelyboo...nde/1156671163/

Geschichten über Nestis

Bücher
"Nestis und die verschwundene Seepocke. Ein Meermädchen-Roman." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2013.
"Nestis und die Hafenpiraten. Ein Meermädchen-Roman." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2014.

"Nestis und die verbotene Welle. Ein Meermädchen-Roman." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2017.

 

Mini-Buch

"Nestis und der Weihnachtssand. Ein Helgoland-Märchen." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2017.

eBooks
"Nestis und der Weihnachtssand. Ein Helgoland-Märchen." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2013.
"Nestis und die verschwundene Seepocke. Ein Meermädchen-Roman." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2013.

"Nestis und die Hafenpiraten. Ein Meermädchen-Roman." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2014.

Hörbuch
"Eine Hand voll Weihnachtssand." In: Petra Hartmann: "Weihnachten im Schneeland". Gelesen von Karin Sünder. Mit Musik von Simon Daum. Essen: Action-Verlag, 2010. (mp3-Download und CD-ROM)

Beiträge zu Anthologien
"Weihnachtssand für Helgoland." In: "Wenn die Biiken brennen. Phantastische Geschichten aus Schleswig-Holstein." Hrsg. v. Bartholomäus Figatowski. Plön: Verlag 71, 2009. S. 163-174.

Hödeken-Lesestoff

Buch

Petra Hartmann: Hut ab, Hödeken! Sagen aus dem Hildesheimer Land. Hildesheim: Verlag Monika Fuchs. 101 S., Euro 7,95. ISBN 978-3-940078-37-7. Unter anderem erhältlich bei Amazon.

 

Hörbuch

Petra Hartmann: Hut ab, Hödeken! Sagen aus dem Hildesheimer Land. 2 CD. Hildesheim: Verlag Monika Fuchs. Euro 14,95. ISBN: 978-3940078414. Unter anderen erhältlich bei Amazon.

 

eBook

Petra Hartmann: Hut ab, Hödeken! Sagen aus dem Hildesheimer Land. Hildesheim: Verlag Monika Fuchs.

 

Geschichten

Das Wagenrennen auf dem Rennstieg. In: Hildesheimliche Autoren e.V.: Hildesheimer Geschichte(n). Ein Beitrag zum 1200-jährigen Stadtjubiläum. Norderstedt: Book on Demand. 196 S., Euro 9,99. ISBN 978-3734752698. Unter anderem erhältlich bei Amazon.

Die glücklose Hasenjagd. In: MVP-M. Magazin des Marburger Vereins für Phantastik. Marburg-Con-Ausgabe. Nr. 19b. S. 36-40.

 

Lesung

Das Wagenrennen auf dem Rennstieg, Radio Tonkuhle, Sendung vom April 2015.

 

Movenna-Kompass

Übersicht über die Romane und Erzählungen aus Movenna


Bücher

Geschichten aus Movenna. Fantasy. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2004. 164 S.
Ein Prinz für Movenna. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2007. 188 S.
Der Fels der schwarzen Götter. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2010. 240 S.

 

eBooks

 

Geschichten aus Movenna. Fantasy. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2014.
Ein Prinz für Movenna. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2014.
Der Fels der schwarzen Götter. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2014.

Beim Vorderhuf meines Pferdes. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2014.

Hörbuch

Der Fels der schwarzen Götter. Action-Verlag, 2012.


Movennische Geschichten in Anthologien und Zeitschriften

Die Krone Eirikirs. In: Traumpfade (Anthologie zur Story-Olympiade 2000). Hrsg. v. Stefanie Pappon und Ernst Wurdack. Dresden, 2001. S. 18-25.
Flarics Hexen. In: Geschöpfe der Dunkelheit (Anthologie zur Story-Olympiade 2001). Hrsg. v. Stefanie Pappon und Ernst Wurdack. Dresden, 2002. S. 22-28.
Raubwürger. In: Kurzgeschichten, September 2004, S. 20f.
Furunkula Warzenkraish. Elfenschrift, dritter Jahrgang, Heft 2, Juni 2006. S. 10-14.
Der Leuchtturm am Rande der Welt. In: Elfenschrift, vierter Jahrgang, Heft März 2007, S. 18-21.
Gewitternacht. In: Im Bann des Nachtwaldes. Hrsg. v. Felix Woitkowski. Lerato-Verlag, 2007. S. 57-60.
Pfefferkuchen. In: Das ist unser Ernst! Hrsg. v. Martin Witzgall. München: WortKuss Verlag, 2010. S. 77-79.
Winter-Sonnenwende. In: Mit Klinge und Feder. Hrsg. v. Petra Hartmann und Andrea Tillmanns. Homburg/Saar: UlrichBurger Verlag, 2013. S. 51-59.
Der Reiter auf dem schwarzen Pferd. Ebd. S. 60-68.


Movennische Geschichten in Fanzines

Föj lächelt. In: Alraunenwurz. Legendensänger-Edition Band 118. November 2004. Hrsg. v. Christel Scheja. S. 23.
Raubwürger. In: Drachenelfen. Legendensänger-Edition Band 130. Januar 2006. Hrsg. v. Christel Scheja. S. 3-5.
Goldauge. In Phantastische Geschichten mit den Phantastik Girls. (Broschüre der Phantastik Girls zum MarburgCon 2007)


Aufsätze

Wie kann man nur Varelian heißen? Über das Unbehagen an der Namensgebung in der Fantasy. In: Elfenschrift, 5. Jahrgang, März 2008. S. 16f.


Movennische Texte online

Aus "Geschichten aus Movenna":
König Surbolds Grab
Das letzte Glied der Kette
Brief des Dichters Gulltong
Der Kranich
Die Rückkehr des Kranichs

Aus "Ein Prinz für Movenna":
Der Leuchtturm am Rand der Welt
Furunkula Warzenkraish
Gewitternacht

Aus "Der Fels der schwarzen Götter":
Der Waldalte
Hölzerne Pranken
Im Bann der Eisdämonen

Die Bibliothek der Falkin

Übersicht über die Romane und Novellen über die Walküre Valkrys, genannt "die Falkin"

Bücher

Die letzte Falkin. Heftroman. Dortmund: Arcanum Fantasy Verlag, 2010.


eBooks

Falkenblut. Vier Fantasy-Romane. eBook-Ausgabe. Chichili und Satzweiss.com, 2012 (Download hier)

Falkenfrühling. Novelle. eBook. Dortmund: Arcanum Fantasy Verlag, 2011. (vergriffen)

Falkenfrühling. Novelle. In: Best of electronic publishing. Anthologie zum 1. Deutschen eBook-Preis 2011. eBook. Chichili und Satzweiss.com, 2011. (unter anderem erhältlich bei Thalia und Amazon)


Aufsatz

Aegirs Flotte – ein Nachruf. In: Fandom Observer, Dezember 2011. S. 16-18. Online-Magazin und Blogversion

Meine Bücher 1998 - 2011

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Petra Hartmann
Falkenfrühling
eBook
Arcanum Fantasy Verlag
ISBN: 978-3-939139-59-1

Wegen Verkauf des Arcanum-Verlags ist die Ausgabe nicht mehr erhältlich, aber die Zweitveröffentlichung in der eBook-Anthologie "Best of electronic publishing" gibt es noch als epub oder Kindle-Ausgabe.

Valkrys träumt davon, eine echte Walküre zu sein. Sie springt, noch Kind, vom Dach des Langhauses.
Alle Ermahnungen ihrer Eltern sind vergeblich, sie macht sich an den Aufstieg zum Gipfel der nahen Klippe, besessen vom "Traum vom Fliegen" ...

Fünfter Platz beim Deutschen eBook-Preis 2011.

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Petra Hartmann
Die letzte Falkin
Roman.
Arcanum Fantasy Verlag
ISBN 978-3-939139-62-1
Bestellen beim Arcanum-Verlag

Blut und Tod, so weit die Falkenaugen reichen: So hatte sich Valkrys ihren ersten Flug als Walküre nicht vorgestellt. Ragnarök, die Endzeit-Schlacht, ist geschlagen. Die Götter tot, die Welt ein Flammenmeer, das Götterreich Asgard droht, in die Tiefe zu stürzen. Einzig Vidar, den Sohn und Erben Odins, kann die Walküre retten. Doch der neue Götterkönig schweigt sich über seine Ziele aus …


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Petra Hartmann
Der Fels der schwarzen Götter
Roman
Wurdack Verlag
ISBN 978-3-938065-64-8
Bestellen beim Wurdack-Verlag


Hochaufragende Felswände, darin eingemeißelt weit über tausend furchteinflößende Fratzen, die drohend nach Norden blicken: Einer Legende zufolge sind die schwarzen Klippen das letzte Bollwerk Movennas gegen die Eisdämonen aus dem Gletscherreich.
Doch dann begeht der junge Ask bei einer Mutprobe einen folgenschweren Fehler: Er schlägt einem der schwarzen Götter die Nase ab. Der unscheinbare Dreiecksstein wird Auslöser eines der blutigsten Kriege, die das Land jemals erlebt hat. Und die Völker des Berglandes wissen bald nicht mehr, wen sie mehr fürchten sollen: die schwarzen Götter, die weißen Dämonen oder die sonnenverbrannten Reiter aus den fernen Steppen ...


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Petra Hartmann
Darthula
Heftroman
Arcanum Fantasy Verlag
ISBN 978-3-939139-32-4
Bestellen beim Arcanum-Verlag


Darthula, die schönste Prinzessin der Nebellande, beschwört Krieg, Tod und Vernichtung über ihr heimatliches Selama herauf, als sie den Heiratsantrag des mächtigen Königs Cairbar ausschlägt. Zusammen mit ihrem Geliebten flüchtet sie in einem kleinen Segelboot übers Meer. Doch Wind und Wellen sind unzuverlässige Verbündete ...


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Petra Hartmann
Weihnachten im Schneeland
Hörbuch
Action-Verlag
Download bei Audible
CD bestellen beim Action-Verlag

WEIHNACHTEN IM SCHNEELAND von Petra Hartmann vereint vier wundervolle Kurzgeschichten für Kinder ab 6 Jahren. Schon die Titel regen die Phantasie der Kleinen an und verleiten zum Schmunzeln und Staunen:
- "Der Reserve-Weihnachtsmann"
- "Die Weihnachts-Eisenbahn"
- "Eine Handvoll Weihnachtssand"
- "Paulchen mit den blauen Augen"



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Petra Hartmann
Ein Prinz für Movenna
Paperback
Wurdack Verlag
ISBN 3-938065-24-9
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Mit dem Schild oder auf dem Schild
- als Sieger sollst du heimkehren oder tot.
So verlangt es der Ehrenkodex des heldenhaften Orh Jonoth. Doch der letzte Befehl seines sterbenden Königs bricht mit aller Kriegerehre und Tradition: "Flieh vor den Fremden, rette den Prinzen und bring ihn auf die Kiesinsel." Während das Land Movenna hinter Orh Jonoth in Schlachtenlärm und Chaos versinkt, muss er den Gefahren des Westmeers ins Auge blicken: Seestürmen, Riesenkraken, Piraten, stinkenden Babywindeln und der mörderischen Seekrankheit ....


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Petra Hartmann
Geschichten aus Movenna
Paperback
Wurdack Verlag
ISBN 3-938065-00-1
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Verwünschte Hexen!
Warum zum Henker muß König Jurtak auch ausgerechnet seinen Sinn für Traditionen entdecken?
Seit Jahrhunderten wird der Kronprinz des Landes Movenna zu einem der alten Kräuterweiber in die Lehre gegeben, und der Eroberer Jurtak legt zum Leidwesen seines Sohnes großen Wert auf die alten Sitten und Gebräuche. Für den jungen Ardua beginnt eine harte Lehrzeit, denn die eigenwillige Lournu ist in ihren Lektionen alles andere als zimperlich ...


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Wovon träumt der Mond?
Hrsg. v. Petra Hartmann & Judith Ott
Wurdack Verlag
ISBN 978-3-938065-37-2
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Der Mond - König der Nacht und gleichsam Verbündeter von Gut und Böse ... Seit jeher ranken sich Legenden voller Glauben und Aberglauben um sein Licht, das von den einen als romantisch verehrt und von den anderen als unheimlich gefürchtet wird. Seine Phasen stehen für das Werden und Vergehen allen Lebens, er wacht über die Liebenden, empfängt die Botschaften der Suchenden, Einsamen und Verzweifelten und erhellt so einiges, was lieber im Dunkeln geblieben wäre. 39 Autorinnen und Autoren im Alter von 12 bis 87 Jahren sind unserem nächtlichen Begleiter auf der Spur gewesen. In 42 erfrischend komischen, zutiefst nachdenklichen und manchmal zu Tränen rührenden Geschichten erzählen sie die Abenteuer von Göttin Luna und Onkel Mond, von erfüllten und verlorenen Träumen, lassen Perlmuttschmetterlinge fliegen und Mondkälber aufmarschieren. Und wer denkt, dass nur der Mann im Mond zuweilen die Erde besucht, irrt sich! Auch umgekehrt erhält er gelegentlich unverhofften Besuch dort oben.


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Drachenstarker Feenzauber
Herausgegeben von Petra Hartmann
Wurdack Verlag
ISBN 978-3-938065-28-0
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Öko-Feen, Büro-Feen, Todes-Feen und Bahn-Feen, geschäftstüchtige Drachen, goldzahnige Trolle, Sockenmonster, verzauberte Kühlschränke, Bierhexen, Zwirrrrrle, Familienschutzengel, Lügenschmiede, ehrliche Anwälte, verarmte Zahnärzte und andere Märchenwesen geben sich in diesem Buch ein Stelldichein.
51 Märchenerzähler im Alter von zwölf bis 76 Jahren haben die Federn gespitzt und schufen klassische und moderne Märchen, lustige, melancholische, weise und bitterböse Erzählungen, so bunt wie das Leben und so unvergesslich wie das Passwort eines verhexten Buchhalters.


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Zwischen Barrikade, Burgtheater und Beamtenpension.
Die jungdeutschen Autoren nach 1835.
ibidem-Verlag
ISBN 978-3-89821-958-7
Bestellen beim Ibidem-Verlag


"Das Junge Deutschland“ – dieser Begriff ist untrennbar verbunden mit dem Bundestagsbeschluss vom 10. Dezember 1835, durch den die Werke der fünf Schriftsteller Heinrich Heine, Theodor Mundt, Karl Gutzkow, Ludolf Wienbarg und Heinrich Laube verboten wurden. Das Verbot markierte Höhe- und gleichzeitig Schlusspunkt einer literarischen Bewegung, die erst wenige Jahre davor begonnen hatte. Die Wege der Autoren trennten sich. Und doch gab es auch danach immer wieder Begegnungen und Berührungspunkte.
Petra Hartmann zeichnet die Wege der Verbotenen und ihrer Verbündeten nach und arbeitet Schnittstellen in den Werken der alt gewordenen Jungdeutschen heraus. Sie schildert insbesondere die Erfahrungen der Autoren auf der Insel Helgoland, ihre Rolle in der Revolution von 1848, aber auch die Versuche der ehemaligen Prosa-Schriftsteller, sich als Dramatiker zu etablieren. Irgendwo zwischen Anpassung und fortwährender Rebellion mussten die Autoren ihr neues Auskommen suchen, endeten als gescheiterte Existenzen im Irrenhaus oder als etablierte Literaten, die doch körperlich und seelisch den Schock von 1835 nie ganz verwunden hatten, sie leiteten angesehene Theater oder passten sich an und gerieten nach Jahren unter strenger Sonderzensur beim Publikum in Vergessenheit. Die vorliegende Untersuchung zeigt, was aus den Idealen von 1835 wurde, wie vollkommen neue Ideen – etwa die Debatte um Armut und Bildung – in den Werken der Jungdeutschen auftauchten und wie die Autoren bis zum Ende versuchten, ihr „Markenzeichen“ – ihren Stil – zu bewahren.


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Von Zukunft trunken und keiner Gegenwart voll
Theodor Mundts literarische Entwicklung vom Buch der Bewegung zum historischen Roman
Aisthesis-Verlag
ISBN: 3-89528-390-8
Bestellen beim Aisthesis-Verlag

Theodor Mundt - Schriftsteller, Zeitschriftenherausgeber, Literaturwissenschaftler und Historiker - verdankt seinen Platz in der Literaturgeschichte vor allem dem Umstand, daß seine Veröffentlichungen am 10. Dezember 1835 verboten wurden. Das vom deutschen Bundestag ausgesprochene Verbot, das sich gegen die vermeintlichen Wortführer des "Jungen Deutschland", Heine, Gutzkow, Laube, Wienbarg und eben Theodor Mundt richtete, war vermutlich die entscheidende Zäsur in den literarischen Karrieren aller Betroffenen. Daß sie mit dem schon berühmten Heinrich Heine in einem Atemzug genannt und verboten wurden, machte die noch jungen Autoren Gutzkow, Laube, Mundt und Wienbarg für ein größeres Publikum interessant. Doch während Gutzkow und auch Laube im literarischen Bewußtsein präsent blieben, brach das Interesse an Mundt und seinen Werken schon bald nach dem Verbot fast gänzlich ab. Seine weitere Entwicklung bis zu seinem Tod im Jahr 1861 wurde von der Literaturwissenschaft bislang so gut wie vollständig ignoriert. Diese Lücke wird durch die vorliegende Studie geschlossen. Nachgezeichnet wird der Weg von den frühen Zeitromanen des jungen Mundt bis hin zu den historischen Romanen seines Spätwerks.


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Faust und Don Juan. Ein Verschmelzungsprozeß,
dargestellt anhand der Autoren Wolfgang Amadeus Mozart, Johann Wolfgang von Goethe, Nikolaus Lenau, Christian Dietrich Grabbe, Gustav Kühne und Theodor Mundt
ibidem-Verlag
ISBN 3-932602-29-3
Bestellen beim Ibidem-Verlag


"Faust und Don Juan sind die Gipfel der modernen christlich-poetischen Mythologie", schrieb Franz Horn bereits 1805 und stellte erstmalig beide Figuren, speziell den Faust Goethes und den Don Giovanni Mozarts, einander gegenüber. In den Jahren darauf immer wieder als polar entgegengesetzte Gestalten aufgefaßt, treten Faust und Don Juan in den unterschiedlichsten Werken der Literaturgeschichte auf.

Bei Lenau sind sie Helden zweier parallel aufgebauter Versepen, bei Grabbe begegnen sie sich auf der Bühne und gehen gemeinsam zugrunde. Theodor Mundt stellt als Lebensmaxime auf, man solle beides, Faust und Don Juan, in einer Person sein und beide in sich versöhnen.

Anhand der Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Johann Wolfgang von Goethe, Nikolaus Lenau, Christian Dietrich Grabbe, Gustav Kühne und Theodor Mundt zeichnet Petra Hartmann die Biographien Fausts und Don Juans in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach, einer Zeit, die beide Helden stark prägte und auch für heutige Bearbeitungen beider Stoffe grundlegend ist.

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