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Neal Ashers „Polity-Universum“ als Weiterentwicklung der EU?

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3 Antworten in diesem Thema

#1 Frank Mause

Frank Mause

    Limonaut

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Geschrieben 05 December 2016 - 22:09

Neal Ashers „Polity-Universum“ als Weiterentwicklung der EU?

 

Die Briten und die EU

Die EU erfreut sich schon seit langem keiner besonderen Beliebtheit. Undemokratisch sei sie, sagen die Linken; dabei ist sie der Kompromiss demokratisch gewählter nationaler Regierungen. „Die da oben hören nicht auf das Volk“ sagen die Rechten; dabei setzen sie ausschließlich sich selbst mit „dem Volk“ gleich und  müssten als Anhänger des „Führerprinzips“ doch eigentlich begeistert sein, nicht gefragt zu werden. Und unsere Regierung -ob rot oder schwarz- beteuert ständig, dass wenn etwas schiefläuft allein Brüssel die Schuld trägt; dabei ist sie selbst ein wichtiger Teil des EU-Rats.

Besonders die Briten pflegen schon immer eine gehörige Distanz bis zur Abneigung gegen die Union. Spätestens seit dem Brexit wissen wir: Die Mehrheit im Rahmen der Volksabstimmung glaubt, der Globalisierung und dem wirtschaftlichen (und mit immer unverhohlener vorgetragenen militärischen Drohungen) begleitetem Ansturm Chinas besser mit einem nationalem Alleingang als gemeinsam mit wenigstens ungefähr Gleichgesinnten Nationen beizukommen sei. Für mich Grund genug ausgerechnet an einen britischen SF-Autor unserer Tage zu erinnern: Neal Asher (*1961 in Essex)!

 

Die Polity Neal Ashers

Denn interessanterweise wird eine Art Union in Form der „Polity“ (engl.: Verfassung, Gemeinwesen, Staat, im deutschen Text als „Polis“ bezeichnet) ausgerechnet von einem englischen Autor weit weniger negativ dargestellt, wie es diesseits und jenseits des Kanals zur Zeit üblich ist: In dem dauernden Kampf von Separatisten gegen die alles regelnde Obrigkeit der Polity sind die Agenten der Regierung die positiv besetzten Protagonisten. Natürlich bildet das politische Konstrukt der Romane nur einen vagen Hintergrundrahmen für die eigentliche überaus actiongeladene Handlung um Sicherheits-Agent Ian Cormac. Ob überhaupt und wie genau sich eine politische Willensbildung nach heutigem Verständnis abspielt bleibt daher naturgemäß unscharf. Im Endergebnis wird alle praktische Regierungsarbeit durch eine künstliche Superintelligenz geleistet, unbestechlich, neutral, sachlich und absolut effizient - das Beste für die Menschen wird anscheinend berechenbar. Die Menschen wirken auf mich eher wie zu betreuende, unselbstständige Kunden denn als selbstbewusste Bürger der Zukunft. Handelt es sich hier also wirklich um eine Weiterentwicklung „unserer“ EU? Das mag dahingestellt bleiben, denn ich glaube kaum, dass das ein Ziel des Autors war. Aber vielleicht ist die Idee einer Union, in der wie auch immer gemeinsam gelebt wird auch für unsere Zukunft doch nicht so schlecht, wie sie oft wohlfeil vom bequemen Sofa aus geredet wird.

 

Einige typische Merkmale der Reihe

Letztlich ist es eine ausgesprochen fantasiereiche Romanreihe der Richtung Hard Science-Fiction, die an den Grenzen des Denkbaren kratzt:

  • Gewaltige Technik, die entfernte Planeten auf Armlänge näherbringt („Runcible-Technik“, ein Art Beamen im großen Stil) und tödliche Umgebungen erdähnlich gestaltet (das gute alte Terraforming), gigantische, variable Schlachtschiffe ohne Besatzung und geleitet allein durch Künstliche Intelligenzen,
  • exotische Waffen (Schmalpistole, Schienenkanone, Impulswaffe mit Aluminiumstaub) , teils unglaublich letal bis hin zu „Contra-Terrene Devices“ (CTD), die ganze Planeten zerplatzen lassen,
  • Menschen, die durch die ständige Vernetzung ihre Menschlichkeit zu verlieren drohen und künstliche Intelligenzen, die menschliche Züge wie Wahnsinn und Bösartigkeit entwickeln,
  • Körper bekommen physische und psychische „Upgrades“, die sie mit erstaunlichen Fähigkeiten ausstatten und im Gegensatz Roboter-Cyborgs, die von „geborenen“ Menschen kaum noch zu unterscheiden sind
  • Außerirdische, die im wahrsten Sinne des Wortes unmenschlich sind,
  • biologische gewachsene Konstrukte, die physikalische Aufgaben übernehmen,
  • und und und ...

 

Worum es geht

Wer spannende, temporeiche Agententhriller in einer ausgefallenen, technisch detailliert beschriebenen Welt liebt, ist hier genau richtig. Asher schaffte es, eine dichte und alles umfassende Atmosphäre zu schaffen: In „Der Drache von Samarkand“ illustrieren eingestreute kurze Artikel z.B. aus dem „Quittenhandbuch“ oder „New Vogue“ scheinbar dokumentarisch die Handlung und spannen das Polity-Universum auf, das neugierig auf mehr macht. Und die Nachfolgeromane schlagen in dieselbe Kerbe. Der 007 der Zukunft hat unbegrenzten Zugang zu Informationen und absolute Befehlsgewalt. Er ist nur einer Earth Central Security genannten künstlichen Superintelligenz unterstellt, die durch den undurchsichtigen Horace Blegg, übrigens mehrere Hundert Jahre alt, zu ihm spricht. Doch seine Gegner, separatistische Terroristen sind ebenfalls mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet, wie komplett fehlende Empathie für ihre Opfer. Sie greifen mit ausgefeilten Plänen aus dem Hinterhalt an. Auf dem Weg zu ihrem Ziel kennen sie keinerlei Skrupel. Und zwischendrin garnieren Außerirdische wie der geheimnisvolle Drache samt seiner Drachenmänner, die fremdartiger kaum sein können, alles mit einem Sahnehäubchen an zusätzlichen Problemen; von den dominanten Prador und ihren Gedankensklaven ganz zu schweigen. Vor diesem Hintergrund ist die eigentliche Geschichte fast schon Nebensache.

 

Meine Bewertungen

Für mich ist es eine der besten Romanserien: viel Action aber auch Kampf brillanter (künstlicher wie menschlicher) Intellekte, exotische Welten mit einem fast kruden Zoo aus außergewöhnlichen Tieren und Pflanzen, rasantes Tempo der Handlung, Hinterlist auf der einen und Pflichterfüllung auf der anderen Seite sowie immer wieder überraschende Wendungen. Das gezeichnete Weltbild wirkt in sich geschlossen und logisch. Die Romane Ashers, die nicht im Polity-Universum spielen gefallen mir weniger, insbesondere die Zeitbestie ist im Vergleich zum Rest suboptimal.

 

Konkret gelesen habe ich:

Titel/Originaltitel, Erscheinungsjahr, "Schulnote" (Hinweis: 0,7 ist sehr gut plus)

Ian-Cormack Zyklus

-Der Drache von Samarkand/Gridlinked, 2001, 0,7

-Der Erbe Dschainas/The Line of Polity, 2003, 1,3

-Der Messingmann/Brass Man, 2004, 0,7

-Das Tor der Zeit/Polity Agent, 2006, 1,0

-Cormacs Krieg/Line War, 2008, 1,0

Spatterjay-Zyklus

-Skinner/The Skinner, 2002, 0,7

-Die große Fahrt der Sable Keech/The Voyage of the Sable Keech, 2006, 1,3

Weitere Polity-Romane

-Der eiserne Skorpion/Shadow of the Scorpion, 2008, 1,5

-Prador Mond/Prador Moon, 2011, 1,0

Sonstige Romane außerhalb des Polity-Universums

-Die Zeitbestie/Cowl, 2004, 2,3

-Das Komitee/The Departure, 2011,1,3

 

Frank Mause, Dezember 2016

Autor von „Der ganz reale Tod“ www.frankmause.de



#2 Mammut

Mammut

    DerErnstFall Michael Schmidt

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Geschrieben 06 December 2016 - 06:52

Den Autor hatte ich mal interviewt:http://fantasyguide....tsvisionen.html

Erinnert mich daran mal wieder was von Asher lesen zu müssen. Danke für die Erinnerung.

Galactic Pot Healer - die etwas andere Bar
http://defms.blogspo...pot-healer.html


#3 deval

deval

    Temponaut

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Geschrieben 06 December 2016 - 11:52

Für mich ist die Polis Reihe eine der besten in der SF.

Egal welches Buch, es hat mir gefallen.

 

Das habe ich damals (am 25. Dezember 2007) bei SF-Fan.de zum Polis Universum geschrieben.

 

https://forum.sf-fan...ilit=neal asher



#4 Frank Mause

Frank Mause

    Limonaut

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Geschrieben 06 December 2016 - 18:12

Hallo Mammut und Vallenton, danke für die Ergänzungen! Besonders das Interview fand ich sehr interessant.





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