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Filme zur Corona-Krise


11 Antworten in diesem Thema

#1 Michael Böhnhardt

Michael Böhnhardt

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Geschrieben 30 April 2020 - 08:14

Es soll jetzt in diesem Thread nicht darum gehen, dass die Zeit selbstgewählter oder verordneter Quarantäne die beste Gelegenheit ist, sich all den Filmen zu widmen, die man schon immer mal schauen wollte. Sondern mir fallen da schon ein paar Filme ein, in denen man Handlungsweisen und Interpretationen der Welt findet, die bestens zur aktuellen Lage passen. Vielleicht geht es ja anderen hier ähnlich.

Eve und der letzte Gentleman

(OT: Blast from the Past, USA 1999)

Für all die Banausen, die die diesen Film eventuell nicht kennen, kurz worum es geht: Zur Zeit  der Kubakrise hält eine kleine Familie (Vater, Mutter, Sohn) das Ende der Welt für gekommen und zieht sich in einen selbstgebauten Bunker zurück. Etwa dreißig Jahre später verläßt der Sohn (Adam) den Bunker und trifft auf unsere Welt. Eine gelungene Culture-Clash-Komödie, trotzdem mit einer beklemmenden Grundidee, und am Ende schreitet der Vater entschlossen sein Grundstück ab, um schon mal Maß für den nächsten Atombunker zu nehmen.

Man kann nun, wenn man in tiefsinniger Stimmung ist, den Film als eine Parabel betrachten, für die atomare Bedrohung (heute: die Bedrohung durch ein Virus) und wie die Welt damit umgehen sollte. Wir haben hier dann zwei Extrempositionen dargestellt, wobei man sich bei der einen (der Außenwelt) streiten kann, wie man sie interpretieren soll:

 

(1) Ängstliches Verbarrikadieren und Aufgabe aller Errungenschaften der bestehenden Gesellschaft (man archiviert sie für später ...)

 

versus

 

(2a) Ignorieren des Problems und das Beste hoffen
oder positiv gesehen
(2b) ohne Hysterie mit der Bedrohung leben

Und wer den Film kennt, weiß, dass die Außenwelt keineswegs durchweg gut abschneidet. Nicht umsonst ist der junge Mann aus dem Bunker "der letzte Gentleman".

Die romantische Quintessenz des Films:
Die Liebe, ach, die Liebe ...

Prosaisch ausgedrückt: Wenn man verhindert, dass Adam und Eva sich begegnen, hat man seine Maßnahmen etwas übertrieben.


Im dunklen Buch des Anbeginns

 

Am Anfang schuf Gott eine Menge Dinge, die nicht so recht funktionierten.


#2 Michael Böhnhardt

Michael Böhnhardt

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Geschrieben 30 April 2020 - 13:33

Dante’s Peak
USA 1997


Man könnte eine Menge anderer Beispiele für diese Art der Katastophenfilme und dem Deutungsmuster, dem sie folgen, aufzählen. Zuerst habe ich auch daran gedacht, "Der weiße Hai" als Grundlage für diesen Text zu nehmen, aber der Film mit dem Vulkanausbruch passt aus zwei Günden besser.

Zum einen haben wir den Schauspieler der Hauptrolle: Pierce Brosnan. Da bin ich Fan der ersten Stunde, seit ein namenloser Hochstapler bei der Detektivin mit dem erfundenen Chef auftauchte und damit begann, die Rolle des "Remington Steele" auszufüllen. Weil der Mann von Detektivarbeit keinen blassen Schimmer hatte (was ihn aber nicht wirklich von anderen Fernsehdetektiven unterscheidet), erklärte sich der Mann die Lage jedesmal dadurch, dass er überlegte, in welchem Film er sich wohl gerade befand, und entsprechend agierte. Er konnte also mitten in einer Verfolgungsjagd plötzlich den Namen eines Films, Studio, Jahr und Darsteller aufzählen und erläutern, warum die Handlung des Films zu den Tatsachen des Falls passte, den sie gerade lösen wollten. Einfach herrlich.

 

Schon darum passt Brosnan bestens hierher.

 

Und zum zweiten ...

 

Aber da möchte ich zuvor noch das Grundmuster, um das es mir geht, darstellen. In solchen Filmen wie Dante's Peak ist es immer so, dass ein einsamer Mahner in der Wüste vor der Gefahr warnt, doch niemand will auf ihn hören, denn die bösen, ignoranten Geschäftsleute wollen sich natürlich nicht das Geschäft versauen lassen. Diese Deutung kann man jetzt schön auf Ischgl übertragen, aber auch immer noch in der aktuellen Situation anwenden. Es geht darum Menschenleben zu retten, da ist es moralisch verwerflich, auch nur einen Gedanken an die wirtschaftlichen Folgen zu verschwenden.

 

Und weil natürlich durch die Ignoranz der Verantwortlichen alles den Bach runtergeht (es wäre auch sonst ein etwas unspektakulärer Katastophenfilm), schlägt schließlich die Stunde des Mahners: Der Mann (oder die Frau? Beispiele?) weiß, was zu tun ist und kümmert sich. Der Sheriff und zwei Gefährten machen sich auf, den weißen Hai zur Strecke zu bringen.

 

Und da verlassen wir leider die Deutungsmuster eines solchen Filmes. Wer weiß denn, was nun zu tun ist?

(Wahrscheinlich viel zu viele, nur jeder was anderes.)

 

Und das ist nun auch der zweite Grund, warum Dante's Peak und Pierce Brosnan besser passen als entschlossene Haijäger: Im Angesicht eines ausbrechenden Vulkans gibt es keine Zeit für lange Überlegungen und darum planvolle Handlungen. Hier heißt es, eine mehr oder weniger kopflose Flucht hinzulegen und der Lava auszuweichen. Und dabei eine gute Figur zu machen.


Bearbeitet von Michael Böhnhardt, 30 April 2020 - 21:34.

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#3 Michael Böhnhardt

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Geschrieben 01 May 2020 - 09:38

Highlander II - Die Rückkehr
(OT: Highlander II - The Quickening, USA 1991)


Zweifellos hätte sich der Highlander an sein eigenes Motto halten sollen: Es kann nur einen geben. Es ist doch schön, dass es noch Gewissheiten in diesen Zeiten gibt.

Nichtsdestotrotz, wer sich diesen Streifen dennoch angetan hat, ahnt natürlich, warum er mir zum Virus einfällt. Worum geht es in dem Film? Um etwas völlig anderes als im ersten Teil. In diesem Film ist die Ozonschicht zerstört, sodass viele Menschen an der ultravioletten Strahlung sterben. Unser Highlander baut mit Hilfe von Wissenschaftlern einen Schutzschild, der die Menschen vor der Strahlung schützt. Nur ist das Leben unter diesem Schild mit gewissen Einschränkungen verbunden. Kein Sonnenlicht, keine frische Luft (Wie auch, du Depp, ohne Ozonschicht, Menschen sterben!) Jahre später stellt sich heraus, dass der Schutzschild nicht mehr benötigt wird, da sich die Ozonschicht im Laufe der Jahre wieder erholt hat; dies wird den Menschen aber von dem Betreiber des Schilds verheimlicht, der auf seine Einnahmen nicht verzichten will.

Was für ein schlechter Film. Im echten Leben zum Glück unvorstellbar.

FDP-Chef Lindner erklärte vor einiger Zeit, dass "diese Maßnahmen" nicht einen Tag länger dauern dürfen als unbedingt nötig. Eine völlig überflüssige Bemerkung. In Extra 3 machte sich der Moderator darüber lustig. Als ob wir freiwillig länger in Quarantäne bleiben würden ...

Genau, völlig verrückte Idee. Man müsste schon verdammt viel Angst und Panik haben, um das zu tun. Haben die Menschen ja zum Glück nicht. Und man kann schließlich zweifelsfrei erkennen, wann es nicht mehr nötig ist. Zahlen lügen nicht. Da gibt es gar keinen Interpretationsspielraum.

Der Highlander musste sich durch all die technischen Anlagen und all die Angreifer bis zum blauen Himmel durchkämpfen, um zu erkennen, dass der Schild überflüssig ist.

Wie zitiert Wikipedia einen Kritiker völlig zu Recht?
„Highlander II ist der unverständlichste Film, den ich seit langer Zeit gesehen habe – ein Film, der fast schon herausragend schlecht ist. Wo immer sich Science Fiction Fans in den nächsten Jahrzehnten und Generationen treffen werden, wird man sich an diesen Film als einen der Tiefpunkte des Genres erinnern.“

PS: Ich weiß, dass der Film wirklich schlecht ist. Planet Zeist ... Ganz schlimm. Fast wie Corona. Wer möchte schon für immer leben, wenn er dann mit solchem Schwachsinn traktiert wird?

Jetzt habe ich Freddy Mercury im Ohr:
"while love must die"


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#4 Michael Böhnhardt

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Geschrieben 02 May 2020 - 13:29

I Am Legend
(USA 2007)


Diese Neuverfilmung des Buches von Richard Matheson hat mit der Idee und der titelgebenden Erkenntnis des Romans nicht mehr sonderlich viel zu tun. Da frage ich mich, warum man sich überhaupt auf das Buch bezieht und die Virus-Zombievampir-Plage, mit der man sich herumschlägt, nicht unter einem anderen Titel abhandelt.

 

Aber egal, ich schweife ab. Hier haben wir jetzt also Will Smith, der ganz vorbildlich für die Kontaktsperre nur von seinem Hund begleitet wird, wenn er durch ein gespenstisch menschenleeres New York streift. Ein vertrautes Bild, wie man es halt aus den Nachrichten kennt.

 

Was ist passiert?

 

Eine Pandemie unvorstellbaren Ausmaßes. Aber hier kommt die Feinheit: Sie ist entstanden, weil man ein Heilmittel gegen Krebs suchte. Dafür wurde ein Masern-Virus modifiziert. Das funktionierte erst mal super, die Sektkorken knallen, doch dann mutiert das Virus weiter und tötet Milliarden Menschen. Keine Nebenwirkung, die man so einfach vernachlässigen kann. Dieser Film bietet also beides: Er beschreibt drastisch die Auswirkungen einer Pandemie; aber er warnt auch gleichzeitig vor den angewendeten Rettungsmaßnahmen: Achte darauf, ob die Nebenwirkungen deines Heilmittels nicht schlimmer sind als die ursprüngliche Krankheit.

 

Trotzdem pflegt der Film eine bedauernswerte Hybris: Es wird ein Virus gezüchtet, in dem Glauben, man könnte dieses kontrollieren. Das geht zunächst mal schief. Den erfahrenen Zuschauer wundert das nicht, schon gar nicht den belesenen. Seit Goethes Zauberlehrling wissen wir: Man kann diese Kräfte nicht beherrschen. Und schon Goethe behauptete im nächsten Schritt: Ja, aber ... Der Meister kann das doch. Und Will Smith erst recht.

 

Vielleicht wird Goethe überschätzt.

 

Was die von Will Smith gespielte Figur hier anwendet, ist ein Patentrezept aus der Anleitung zum Unglücklichsein von Paul Watzlawick: Er versucht "mehr desselben", also dessen, was ihm bisher nichts half oder ihn gar überhaupt erst in diesen Schlamassel gebracht hat. Und jetzt verlässt der Film den Bereich des gesunden Menschenverstands und betritt das Reich des Märchens: Es klappt letztendlich. Und darum trägt der Film seinen Titel letztlich zurecht: Ich bin Legende.

 

Und auch wir werden Zeugen von Wundern werden: Ein hochgradig ansteckendes Virus, das man sich gefühlt schon einfängt, wenn man eine andere Person nur ansieht; das auf jeden Fall bei einem Großteil der Betroffenen keine Symptome auslöst, obwohl sie trotzdem ansteckend sind, soll effektiv identifiziert und isoliert werden können, wenn erst die Fallzahlen genug gesunken sind. Wir sind hier in Deutschland, da herrscht Zucht und Ordnung, ein knappes Viertel hat Stasi-Erfahrung oder kennt jemanden, der die hat - das klappt schon. Wenn dann das Virus weggeappt wurde, lebt man plötzlich wie vorher. Nur halt ohne funktionierende Wirtschaft. Kapitalismus ist eh ein Schweinesystem. Millionen von Arbeitslosen haben noch nie zu gesellschaftlichen Verwerfungen geführt. Wir sind dann frei wie die Vögel im Käfig. Das ist das Blöde an einer Pandemie: Man kann immer noch keinen ungeschützten Kontakt mit dem Ausland haben, bis Miraculix endlich den ersehnten Zaubertrank zusammengerührt hat. Immer sind diese Ausländer das Problem. Wäre es nicht schön, wenn die ganze Welt sich ein Beispiel am deutschen Wesen nehmen könnte? Woran erinnert mich das bloß?

 

Egal.

 

"Das wird legen ... warte es kommt gleich ... där! Legendär!"


Bearbeitet von Michael Böhnhardt, 03 May 2020 - 12:14.

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#5 Michael Böhnhardt

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Geschrieben 03 May 2020 - 12:16

Fletchers Visionen

(OT: Conspiracy Theory , USA 1997)

 

Was für eine herrliche Prämisse: Ein durchgeknallter Freak veröffentlicht immer wieder völlig bescheuerte Verschwörungstheorien, indem er sie per Post an seine Abonnenten schickt (Das waren noch Zeiten, die Älteren werden sich erinnern). Plötzlich trachtet man ihm nach dem Leben und er muss herausfinden, mit welcher der beknackten Spinnereien er ins Schwarze getroffen hat.

 

Genial.

 

So vielversprechend die Filmidee auf den ersten Blick klingt, bezweifle ich, dass der Streifen für Mel Gibson zu seinen großen Erfolgen zählt. Das Problem ist der Protagonist: Ein durchgeknallter Verschwörungs-Freak. Der Film versucht das zu heilen, indem wir viel aus der Perspektive der weiblichen Hauptrolle (Julia Roberts) erleben, trotzdem ist die Figur, die die Handlung trägt, nun mal Fletcher, und der Zuschauer ist lange im Zweifel, ob er sich wirklich mit ihm identifizieren darf.

 

Wer ist nun Fletcher? Er gehörte zu einer Gruppe von Menschen, die durch Folter und mentale Manipulation von der CIA gezielt zu Mördern gemacht wurden. Nach der Einstellung des Programms wurden die Spuren nicht endgültig beseitigt, sondern Fletcher (und wohl auch andere) wurden dadurch zum Schweigen gebracht, dass sein Verstand und vor allem seine Reputation vollends zerrüttet wurde. Der Mann könnte sonstwas über die Machenschaften der CIA erzählen, niemand würde diesem durchgeknallten Spinner auch nur ein Wort glauben, insbesondere da er selbst dazu neigte (durch die Gehirnwäsche), den wahren Kern dessen, was er unbedingt erzählen wollte, mit völlig unglaubwürdigen Abschweifungen zu garnieren.

 

Das gehört übrigens zu den Dingen, die ich niemals verstehen werde: Wenn man sich tatsächlich mal mit dem Inhalt einer Verschwörungstheorie beschäftigt und kurz glaubt, so völlig abwegig sei sie gar nicht, verlässt die Theorie dieses Terrain ziemlich schnell und verirrt sich völlig im Absurden. Wenn ich mir selbst eine Verschwörungstheorie ausdenken müsste, wäre es die: Ich stelle mir die Beamten einer geheimen Regierungsbehörde vor, die in ihren schwarzen Anzügen und mit ihren Sonnenbrillen vor ihren Computern sitzen und die Chats in den einschlägigen Foren verfolgen. Und sobald irgendein Beitrag einfach zu dicht in der Wahrheit ist, tippt der Beamte sardonisch grinsend in die Tastatur und spinnt die Diskussion in eine Richtung fort, der schon bald niemand mit mehr als drei Gehirnzellen folgen will.

 

Das ist ein bisschen unglaubwürdig, ich weiß … Mit Sonnenbrille vorm Computer, so ein Quatsch. Das sind eher fette Nerds in Jogginghosen und dämlichen T-Shirts.

 

Keine Angst, wir wollen hier jetzt nicht all die Verschwörungstheorien da draußen auf mögliche glaubwürdige Kerne abklopfen. Da hätten wir ja auch viel zu tun, dank meiner gerade scharfsinnig entlarvten Men im Schlabberlook (ich liebe diese Theorie...)

 

Man kann es mit seinen Scheuklappen aber auch übertreiben. Ich wäre jedenfalls mit dem leichtfertigen Verwerfen von Einwänden durch das Label Verschwörungstheorie vorsichtig. Man bedenke: Wenn Trump erzählt, Corona stamme aus einem chinesischen Labor, ist das ganz klar das panische Ablenken von seinem eigenen Versagen, aber im Grunde einfach eine spinnerte Verschwörungstheorie. Wenn aber auch seriöse Quellen dies behaupten, wird es plötzlich zu einer glaubwürdigen Hypothese.

 

Letztens stieß ich auf panische Meldungen, das Infektionsschutzgesetz solle in zwei Wochen so geändert werden, dass Zwangsimpfungen durchgeführt werden können. (Wäre übrigens ein ziemlich zahnloses Gesetz, wenn es das nicht schon längst hergeben würde, § 20 (6); die angemeckerte Ergänzung zu § 28 entschärft diesen m.E. sogar etwas.) Es ist aber von vornherein klar, wenn Verschwörungsspinner über dieses Gesetz herziehen, kann es nur überflüssig sein, vielleicht selbst einmal einen Blick hineinzuwerfen.

 

Ach ja, früher wussten die Leute noch Bescheid:

 

"Nur weil du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht trotzdem hinter dir her sind.“

 

(Das waren noch Zeiten, die Älteren werden sich erinnern.)


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#6 Michael Böhnhardt

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Geschrieben 04 May 2020 - 09:50

Das Beste kommt zum Schluss

(OT: The Bucket List, USA 2007)

 

Zwei alte Männer, gespielt von Jack Nicholson und Morgan Freeman, liegen im Krankenhaus und kämpfen dort gegen den Krebs. Doch dann erfahren sie, dass sie nur noch sechs bis zwölf Monate zu leben haben. Was tun die beiden? Sie erstellen eine Löffelliste (Bucket List), eine Liste mit Dingen, die sie noch erleben wollen, bevor sie sterben (den Löffel abgeben). Sie wollen Fallschirm springen, einen Mustang fahren, das Taj Mahal und die Pyramiden sehen, aber auch weniger weltliche Dinge wie einem fremden Menschen etwas Gutes tun, so sehr lachen, bis man weint, das schönste Mädchen der Welt küssen und so weiter.

 

Sehr schmalzig und verdammt dick aufgetragen. Na gut, schauen wir mal, wohin uns das führt.

 

Zunächst mal: Machen wir uns nichts vor, wir alle stecken immer(!) in dieser Situation und sollten diese Liste haben. Der Glaube, wir hätten noch unendlich viel Zeit, ist eine Illusion, nicht nur in Corona-Zeiten. Aber denken wir nicht an uns, um uns geht es nicht, niemand hat um sich selber Angst, wir sind solidarisch, wir kümmern uns um die Alten, die Vorerkrankten, also reden wir von denen. Stell dir vor, du bist einer von ihnen. Mag man dir auch noch nicht dieses konkrete Datum genannt haben wie den beiden Senioren im Film, aber klar ist: unendlich lange ist der Zeitraum nicht. Und so ist wohl aus den Träumen, die du für dein Leben hattest, tatsächlich eine Löffelliste geworden, mit lauter Dingen, die du noch erledigen möchtest, und du wirst natürlich auch kaum sagen, wenn Corona an die Tür klopft: „War ja eh nicht mehr lange.“

 

Allerdings stand wahrscheinlich nicht auf dieser Liste, dass du einsam und allein in einem Zimmer (im Pflegeheim?) sitzen wolltest, dass du die Enkel und Urenkel, auf die du so stolz bist, wochen- und schließlich monatelang nicht sehen kannst, dass du, wenn's schlecht läuft, als einzigen Kontakt ein paar Mal am Tag ein paar vermummte Gestalten siehst, und wenn's noch schlechter läuft, gar nicht mehr verstehst, warum die Leute um dich herum plötzlich so vermummt sind. Und so schützen wir dich, Monat um Monat, damit du die Dinge, die du noch unbedingt erledigen wolltest, auch noch erledigen kannst, wenn dieses blöde Corona erst einmal ausgestanden ist, wenn die Fallzahlen gesunken sind, wenn es erst mal eine super zuverlässige App gibt, vielleicht, gefährdet wie du bist, auch besser erst, wenn man einen Impfstoff gefunden hat, das dauert ja nicht ewig, und du hast ja schließlich alle Zeit der Welt. Ja, genau, ... Jeden Monat, den wir dir Corona abtrotzen können, sitzt du wartend isoliert in deinem Zimmer, winkst in die Videokonferenz mit der Familie, die zeigt, wie sehr sie dich liebt, indem sie dir fernbleibt. Wenn's gut läuft.

 

Bloß nichts zu früh riskieren, wir retten dir heldenhaft dieses Leben, indem auch wir daheim bleiben, schenken dir einen toten Monat nach dem anderen, du hast schließlich deine Löffelliste, all die Dinge willst du noch erledigen, und das sollst du auch. Irgendwann.

 

We have all the time in the world.“

 

Puh, jetzt bin ich depressiv und sehe vor mir, wie Mrs. Emma Peel in den Armen des australischen James Bond stirbt. So viel Schmalz bekommt mir nicht.


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#7 Michael Böhnhardt

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Geschrieben 06 May 2020 - 11:12

12 Monkeys

(OT: Twelve Monkeys, USA 1995)

 

Bruce Willis ist unterwegs, die Welt zu retten. Meistens macht er es in seinen Filmen eine Nummer kleiner, aber ab und zu steht schon mal die Welt auf dem Spiel. So auch hier.

 

Wir erleben die Zeit nach einer Virus-Pandemie, kümmerliche, lächerliche Reste der Menschheit haben sich unter die Erde zurückgezogen und dort in einer typischen Terry-Gilliam-Welt abgeschottet. Es genügt also offensichtlich nicht, die Menschen brutal zu vereinzeln, denn das Virus ist in der Luft an der Oberfläche. (Mit dem zweiten Highlander würden wir fragen: Wirklich?) Die Wissenschaftler dieser Filmwelt greifen nach dem abstrusesten und gefährlichsten Strohhalm, die Sache noch mal hinzubiegen: Zeitreise. (Warum gefährlich? Dazu unser Experte Doc Brown beschwichtigend: Der Zusammenbruch des Universums könnte aber auch auf unsere Galaxie beschränkt sein.)

 

Ich mag den Film nicht wirklich. Er baut sehr stark auf Bruce Willis' Visionen von Geschehnissen am Flughaufen auf. Merke: Wenn man einen Zeitreisenden in die Vergangenheit schickt, in der er selbst (wirklich leicht nachrechenbar) schon am Leben ist, und dieser Mann hat solche Visionen, woran kann das wohl liegen? Und dann die Handlung drumherum so aufzubauen, als wäre das ein wahnsinnig überraschender Clou … Hier hätte man zeigen müssen, dass die Vision zwar zutrifft, aber aus irgendeinem Grund irgendwie anders zu interpretieren ist. Wenn die Sache genau so eintrifft, wie es die ganze Zeit angedeutet wird, dann ist das, als würde man Anakin Skywalker in Episode 3 völlig überraschungslos genau so zum Darth Vader transformieren, wie es schon die Original-Trilogie berichtet. Sowas ist …

 

Egal. Bruce macht sich auf den Weg, irrt ein wenig durch die Zeiten (so zuverlässig und eindeutig ist die Wissenschaft dann doch nicht) und landet im Irrenhaus. Die Leute glauben ihm einfach nicht, dass die Welt untergehen wird. Verrückte Sache. Das ist das Dilemma mit solchen Zeitreisen. Und wenn sie funktionieren, ist es noch schlimmer: Man stelle sich vor, der Zeitreisende tötet jemanden, von dem er weiß, dass er die Welt in den Abgrund schicken wird - die Leute werden ihm das als Entschuldigung vor Gericht nicht wirklich abnehmen. In weniger drastischen Fällen gibt es ein Präventionsparadox, also z.B. wenn man einen Shutdown anordnet, bevor im eigenen Land das Gesundheitssystem überlastet ist, und hinterher alle sagen: Sieh doch, es war doch vollkommen unnötig, unsere Krankenhäuser drehen geradezu Däumchen. Das ist dann bitter.

 

Zeitreisen und Prognosen spielen, was die Neigung betrifft, an sie zu glauben, häufig in derselben Liga. Und das übrigens nicht unbedingt, weil die Leute dumm sind. „Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe.“ „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Und Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein erzählt den Witz von einem Mann, der alle zehn Sekunden in die Hände klatscht. Nach dem Grunde für dieses merkwürdige Verhalten befragt, erklärt er: „Um die Elefanten zu verscheuchen.“ „Elefanten? Aber es sind doch hier gar keine Elefanten.“ Darauf er: „Na, also! Sehen Sie?“
 

Aber Bruce hat einen Vorteil. Er muss die Menschen nicht überzeugen, dass er keine Elefanten verscheucht (er ist sich in dem Film allerdings über weite Strecken da selbst nicht sicher). Für ihn gibt es die Möglichkeit, das Virus auch so aufzuhalten, er selbst ganz allein (with a little help from my friends). Bei der Freisetzung des Virus handelt es sich nämlich um ein vorsätzliches Attentat (bitte, ich will jetzt nichts hören …), und das ist eine Sache, in deren Verhinderung ist unser Bruce nun mal Spezialist.

 

Doch hier zeigt sich die Tücke. Selbst eine so einfache (also für Bruce Willis einfache) Lösungsstrategie setzt natürlich korrekte Informationen voraus. Wenn man nicht wirklich weiß, wer diesen Anschlag plant, und dann auch noch Brad Pitt verdächtigt (Also wirklich, Brad Pitt. Da hat uns schon Edward Norton in Fight Club an der Nase rumgeführt), ist das wenig hilfreich und bewirkt bestenfalls nichts. In den meisten Fällen verschlimmert man die Situation jedoch noch zusätzlich.


Bearbeitet von Michael Böhnhardt, 06 May 2020 - 11:30.

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#8 Michael Böhnhardt

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Geschrieben 10 May 2020 - 10:00

Rashomon

(Japan 1950)

 

Manches verstehe ich wahrlich nicht. Ist halt Japan, ist halt 1950. Da sitzen drei Männer im strömenden Regen in einem verfallenden Tempel, ein Mönch, ein Holzfäller und ein dritter Mann, dessen Beruf unklar bleibt, der jedoch schön schmierig die Rolle des Advocatus Diaboli spielt (die Menschen sind halt schlecht). Holzfäller und Mönch sitzen völlig geknickt da, der Mönch ist dabei, den Glauben an die Menschheit zu verlieren. Er hat alles Mögliche erlebt, Kriege, Seuchen, alle vorstellbaren Schlechtigkeiten, aber das heute, das erschüttert ihn wirklich.

 

Was genau macht die beiden jetzt so fertig? Sie haben einer Gerichtsverhandlung als Zeuge beigewohnt. Eine Frau wurde vergewaltigt, ihr Mann, ein Samurai, wurde erstochen, mit einem Schwert?, mit einem Dolch?, schon da fangen die Unklarheiten an. Ist es dieses Verbrechen, das den Mönch vom Glauben abfallen lässt? Da er selbst auf die Gräuel des Krieges zu sprechen kam, wohl eher nicht. Was beide Zeugen beschäftigt, ist die Tatsache, dass alle drei Beteiligten, der Bandit, die Frau und der Ermordete (durch ein Medium, wie glaubwürdig) dem Gericht eine völlig unterschiedliche Version der Geschichte erzählen.

 

Und genau das scheint es letzten Endes zu sein, was den Mönch vom Glauben abfallen lässt. Noch erschütterter ist der Holzfäller, denn er hat nicht nur, wie vor Gericht behauptet, die Leiche des Samurai gefunden, sondern auch so einiges beobachtet, und was er gesehen hat (bzw. was er letzten Endes den anderen im Tempel erzählt), stimmt mit keiner der anderen drei Versionen überein.

 

Menschen stellen sich vor Gericht besser dar, als sie in Wirklichkeit sind. Man kann den Film tiefsinniger interpretieren, philosophisch die Möglichkeit von objektiver Wahrheit hinterfragen, psychologisch Effekte von kognitiver Verzerrung und selektiver Wahrnehmung zur Sprache bringen, aber was den Mönch hier und jetzt erschüttert: Menschen erzählen die Dinge so, wie sie in ihre Weltsicht passt, und wenn sie gerichtet werden, von einem Gericht, von ihren Mitmenschen, von sich selbst, dann versuchen sie, dabei möglichst gut dazustehen.

 

Das scheint 1950 in Japan vollkommen der eigenen Weltsicht widersprochen zu haben.

 

Geheilt wird der Mönch von seinem Zweifel an der Menschheit, als sie ein ausgesetztes Neugeborenes finden und der Holzfäller sofort beschließt, es in seine Familie aufzunehmen. „Ich habe sechs eigene, da macht eins zusätzlich keinen Unterschied.“ Was diese Großherzigkeit nun mit dem Thema des Films zu tun hat … Außer vielleicht: Die Menschen lügen und stehlen und morden, aber manchmal sind sie gut. Ein bisschen platt. Aber natürlich tröstlich.

 

Nun, darauf kommt es bei dem Film letztlich nicht an. Hier geht es um Wahrheit; um die Frage, wodurch sich die Wahrnehmung der Menschen verzerrt, durch Interessen, Werte, Glauben; und auf welche Weise das geschieht. Dem Zuschauer wird ein Puzzle aus Zeugenaussagen präsentiert, er selbst muss die Glaubwürdigkeit der einzelnen Berichte einschätzen, sich fragen, warum erzählt derjenige das auf diese Weise, welchem Wertesystem wird gefolgt, eventuell nach Gemeinsamkeiten in den Erzählungen suchen, die Sache mit früheren Erfahrungen vergleichen, und sich so sein eigenes Bild von der Wahrheit herausarbeiten.

 

Warum jetzt aber die meisten Zuschauer glauben, dieses durch einen solch komplizierten Prozess entwickelte Bild wäre wahr, aus irgendeinem Grund auf jeden Fall und jenseits aller Zweifel besser und zutreffender als all die anderen, die lautstark in die Welt hinausposaunt werden, das werde ich wahrlich nicht verstehen. Ist halt Deutschland, ist halt Corona-Zeit.


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#9 Michael Böhnhardt

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Geschrieben 25 May 2020 - 18:54

Kill Bill (I + II)

(USA 2003 / 2004)

 

Natürlich ist der Kampf gegen ein Virus kein Rachefeldzug, aber wenn sich Kiddo und Bill endlich gegenüberstehen und sie ihn fragt, warum er ihre Hochzeit so rabiat unterbrochen hat, und Bill antwortet schulterzuckend: „Ich habe überreagiert“, merkt man sofort, dass man auf der richtigen Fährte ist. Und wenn man etwas über Entschlossenheit und Fokussierung lernen will, wo gibt es ein besseres Beispiel als die hochschwangere Braut Beatrix Kiddo, deren Hochzeitsgesellschaft und ungeborenes Kind grausam dahingemeuchelt werden? Ihr selbst jagt Bill dabei eine Kugel in den Kopf. Nach vier Jahren erwacht sie aus ihrem Koma und schlägt eine Schneise der Verwüstung durch alles, was sich ihr bei ihrem nachvollziehbaren Wunsch nach Vergeltung entgegenstellt.

 

Ihr Plan ist alles andere als ausgeklügelt: Sie erstellt eine Todesliste, bestehend aus den fünf verantwortlichen Personen, Bill zuletzt, und dann geht sie los, um diese umzubringen. Wohl niemand würde behaupten, sie ginge besonders subtil vor. Da wird geprügelt, erstochen, zertrümmert, abgehackt und gefoltert, was das Zeug hält. Der Zweck heiligt die Mittel: „Ich werde dir Fragen stellen. Und jedes Mal, wenn du mir keine Antwort gibst, werde ich dir was abschneiden. Und ich verspreche dir, es werden Dinge sein, die du vermissen wirst!" Keine Zeit für Zimperlichkeit.

 

Und dann kommt diese Szene; die Braut hat gerade gefühlte Ewigkeiten lang eine Yakuza-Gang buchstäblich in ihre Einzelteile zerlegt und steht dann plötzlich in einem märchenhaft friedlichen, verschneiten Garten der ersten Person auf ihrer Liste endlich gegenüber: O-Ren Ishii, Königin von Tokios Unterwelt. Und was sagt diese unter anderem Spott so herrlich arrogant: "Ich hoffe, du hast dir etwas Kraft für mich aufgehoben."

 

Als ich das zum ersten Mal sah, dachte ich so bei mir: Du dumme Kuh. Kiddo hat gerade die Crazy 88 im Alleingang zerschnetzelt, nebenbei der Killer-Lolita mit dem Morgenstern aus Kreissägenkugeln ein Brett vor den Kopf gehauen, und das Einzige, was du bisher gebracht hast, ist, deine Leute vorzuschicken und der Sache möglichst aus dem Wege zu gehen. Ganz schön große Klappe. (Wie ihr seht, war ich emotional mitgerissen.)

 

Aber natürlich hatte die gute O-Ren vollkommen recht. Beatrix Kiddo war nicht hier, um die Crazy 88 zu massakrieren, oder die irre Gogo, sondern eben O-Ren. Und wenn sie sich bei ihrem bisherigen Kampf so verausgabt hatte, dass sie jetzt, wo sie ihr gegenüberstand, keine Kraft mehr besaß, um den entscheidenden Kampf durchzustehen, so war das weder heldenhaft noch beeindruckend, sondern schlicht dumm, dann war Kiddo eben keine erfahrene Kriegerin, sondern ein kleines weißes Mädchen, das gern mit Samurai-Schwertern spielt. Wollte sie ihr Ziel erreichen, musste sie einen Weg finden, der sie an O-Ren heranbrachte, ohne ihr dabei die dann benötigten Kräfte zu rauben. Und sich stundenlang durch mordlüsterne Yakuza zu metzeln, ist schon ganz schön aufreibend. Schon allein für den Zuschauer. Es sollte vielleicht intelligentere Wege geben.

 

Tja, so heben sie dann die Schwerter, vollkommen ruhig O-Ren; erschöpft, taumelnd, aus mehreren Wunden blutend die abgekämpfte Braut; und erinnern wir uns kurz daran, das O-Ren der erste(!) Name von fünf auf ihrer Liste war ...

 

Mann, ich hoffe wirklich, dass wir in einem Tarantino-Film leben.


Bearbeitet von Michael Böhnhardt, 25 May 2020 - 19:01.

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Geschrieben 07 October 2020 - 17:52

A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn

(OT: A Beautiful Mind, USA 2001)

 

Die folgenden Ausführungen kommen leider nicht ohne Spoiler aus. Wer also den Film noch nicht gesehen hat, sollte vielleicht das Lesen abbrechen. Nach dieser Warnung sei nun gleich am Anfang verraten, dass die Filmfigur sich nicht mit einer sowjetrussischen Verschwörung herumschlagen muss, sondern mit ihren eigenen Wahnvorstellungen.

 

Der Film basiert auf der realen Lebensgeschichte des Mathematikers John Forbes Nash, dürfte sich dabei aber ziemlich viele Freiheiten herausnehmen. Wir lernen Nash während seiner Studienzeit in Princeton kennen, schon damals ein Mathematikgenie und Sonderling. Der Film verfolgt die Liebesgeschichte zu seiner späteren Frau Alicia und anekdotenhaft die Entstehung wirtschaftswissenschaftlicher spieltheoretischer Modelle z.B. aufgrund der Überlegung, welche Frau man in einer Bar ansprechen sollte. Parallel dazu lernt Nash einen FBI-Agenten und dessen kleine Tochter kennen und erhält einen geheimen Regierungsauftrag, in dem es um die Entschlüsselung von Codes von sowjetischen Agenten geht. Als Nash zum ersten Mal die geheime Regierungsanlage betritt und die in seinen Arm injizierte radioaktive Substanz in ihrem (zufälligen!) Zerfallsprozess einen Zahlencode ergeben soll, wurde ich als Zuschauer zum ersten Mal stutzig. Das ist ja nicht nur zur damaligen Zeit Humbug.

 

Allerdings schüttelt man das ab und folgt man der Geschichte weiter; und ich muss gestehen, dass ich persönlich die (offensichtliche) Tatsache nicht bemerkt habe, an der Nash selbst erkennt, dass seine Wahrnehmung nicht real sein kann: Er selbst altert im Laufe des Films deutlich, aber das gilt weder für den FBI-Mann, noch für dessen kleine Tochter.

 

Diese Szene im Film hat mich damals tief beeindruckt. Der Mann ist schizophren, vollkommen bekloppt, und doch diagnostiziert er das durch logisches Nachdenken an sich selbst. Nun gut, es war ein deutliches Zeichen, ein kleines Mädchen verändert sich jahrelang überhaupt nicht, und doch hat er eben jahrelang gebraucht, um diese Tatsache zu bemerken.

 

Aber ist das überhaupt realistisch? Hätte Nash sich als alter Mann etwa bei der Beerdigung seiner Frau tatsächlich gewundert, wenn unter den Trauergästen exakt das kleine Mädchen gewesen wäre, das er schon als Student so kennengelernt hat? Auch wenn die Tatsache, wie schnell sich Kinder verändern und schließlich erwachsen werden, jedem Menschen bestens bekannt ist. Hätte die drängende Aufgabe, eine sowjetische Verschwörung zu bekämpfen, neben der einfach alles andere verblassen muss, denn schließlich geht es ja um Menschenleben, dieses grundlegende Wissen nicht weiterhin erfolgreich verdrängt?

 

Nehmen wir einmal an, jemand hat durch seine ganze Schul-, Studien- und Arbeitszeit hindurch eine ziemlich plausible Vorstellung davon entwickelt, was beim Auftreten einer Pandemie richtig oder falsch ist. Man weiß, dass Regierungen einmal verliehene Vollmachten nur ungern zurückgeben. Man weiß, dass das Aussetzen von Grundrechten durch die Regierung eine gefährliche Ausnahmesituation ist und an genau definierte Kriterien gebunden sein muss, anhand derer man erkennen kann, ob die Grundlage für einen Ausnahmezustand noch gegeben ist. Wenn sich durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse diese Kriterien ändern sollten, muss das einem argusäugigem Parlament haarklein und unmissverständlich begründet werden, und dann neue genau festgelegte und nachvollziehbar messbare Kriterien genannt werden.

 

Man weiß, wie wichtig eine misstrauische Presse ist, die durch die Beobachtung, wie Regierungen etwa bei Mautprojekten Millionen in den Sand setzen, auf die prinzipielle Fehlerhaftigkeit aller Regierungsmaßnahmen geeicht ist. Und dieser Presse sollte theoretisch auch klar sein, wie sensibel die verängstigte Bevölkerung auf eine Bedrohung reagiert und in ihren Berichten möglichst sachlich vorgehen, um zusätzliche Angst zu vermeiden. Man weiß, dass die Idee, gerade zusätzliche Angst erzeugen zu wollen, um die Gesellschaft zum Einhalten von Social Distancing-Maßnahmen zu bewegen, vollkommen bescheuert ist, weil dies die Gesellschaft in eine Panikstarre treibt und späteres angemessenes Handeln deutlich erschwert.

 

Man weiß, dass Maßnahmen Nebenwirkungen haben, deren Folgen bei ihrem Einsatz berücksichtigt werden müssen. Man weiß, dass Menschen nicht schlecht sind, nur weil sie eine andere Meinung haben. Man weiß, dass man selbst fehleranfällig ist und im Irrtum sein könnte, und deshalb jeden Einwand als Gelegenheit betrachten sollte, sich selbst zu hinterfragen, statt die Tatsache, dass jemand überhaupt Zweifel hat, als intellektuellen oder gar moralischen Makel zu betrachten. Man weiß, dass es in einer Ausnahmesituation fatal sein kann, ein Klima zu schaffen, in dem niemand mehr wagt, eine abweichende Meinung zu äußern. Man weiß ...

 

Man sieht: Man weiß ziemlich genau, dass kleine Mädchen rasch erwachsen werden. Aber ich befürchte, dass dieses Gör hier auf unser aller Beerdigung noch im selben Kleidchen tanzen wird.


Im dunklen Buch des Anbeginns

 

Am Anfang schuf Gott eine Menge Dinge, die nicht so recht funktionierten.


#11 Michael Böhnhardt

Michael Böhnhardt

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Geschrieben 09 November 2020 - 19:17

14 Tage lebenslänglich

(D 1997)

 

So geht Guerilla-Marketing: Als PR-Maßnahme sammelt ein Staranwalt bewusst Strafzettel und bezahlt diese nicht, weil er genau weiß, dass ihm dafür 14 Tage Erzwingungshaft blühen, die er medienwirksam absitzen möchte. Jeder Mensch mit ein bisschen Verstand würde über eine solche Maßnahme vielleicht noch ein oder zwei Mal nachdenken, aber unser Anwalt hält das sofort für eine Spitzenidee und wenn er sich erstmal was in den Kopf gesetzt hat, dann ändert er diese Meinung niemals. Nur Verlierer machen Fehler, und solange man selbst definieren kann, was ein Fehler ist, wird man niemals ein Verlierer sein.

 

Und außerdem: Was soll schon groß schiefgehen?

 

Seinen Gefängnisaufenthalt tritt er mit der gewohnt herablassenden, arroganten Art an, für die er berüchtigt ist. Was können ihm die anderen Häftlinge schon groß über das Leben im Knast  beibringen, wozu sollte er auf ihre Ratschläge hören? In zwei Wochen wird der Spuk vorbei sein, dann ist er wieder draußen und kann die Früchte seines Coups genießen, und all die Loser hier drin sind dann immer noch hier drin. Aber ach: Kurz vor seiner Entlassung wird seine Zelle durchsucht und da hat ihm doch tatsächlich jemand Drogen untergeschoben. Dumm gelaufen, denn nun wird er wegen Drogenhandels zu zwei Jahren ohne Bewährung verurteilt. Ab jetzt sieht die Realität des Gefängnislebens schon deutlich finsterer aus. Seine bisherige Existenz als geachteter Anwalt geht den Bach runter und sein früheres Umfeld wendet sich von ihm ab. Innerhalb des Gefängnisses erlebt er die üblichen Schikanen, wie man sie aus einschlägigen Gefängnisfilmen kennt. Also passt er sich den Gegebenheiten an. Zwar gelingt es ihm, die Intrige, die ihn in den Knast brachte, aufzudecken, doch die Verbindungen zur Unterwelt, die er dafür knüpfen musste, holen ihn schnell wieder ein.

 

Ich muss gestehen, als ich seinerzeit die Prämisse des Filmes hörte, fand ich sie nicht sonderlich überzeugend. Welcher Depp würde sich denn freiwillig auf einen solchen Irrsinn einlassen? Auch nur 14 Tage Gefängnis sind kein Spaß, die Bürokratie des Strafvollzugs ist nichts, in dessen Klauen man auch nur für einen kurzen Moment geraten möchte. Und die Menschen, mit denen man es zu tun hat, sowohl die Häftlinge als auch die Wärter, das sind nicht unbedingt alles Leute, die einem wohlwollend gegenübertreten. Selbst wenn in einem beliebigen anderen Film jemand mit einem guten Grund so etwas durchzieht, geht das meistens in die Hose. Was schiefgehen kann, das geht auch schief. Wenn sich zum Beispiel ein Polizist undercover im Knast einschleusen lässt, und sein Vorgesetzter sagt dabei, dass er der Einzige ist, der von dieser Aktion weiß, wer wird dann wohl in allernächster Zeit das Zeitliche segnen? Es muss schon ein verdammt guter Grund vorliegen, um so etwas Riskantes zu tun, es darf keinen anderen Weg geben, und das Sicherheitsnetz, das man spannen würde, wäre aber mal sowas von narrensicher, bevor man sich darauf einlässt. Alles Bedenken, die unserem Protagonisten mal so gar nicht in den Sinn kommen, denn einem Genie wie ihm offenbart sich der richtige Weg wie durch göttliche Inspiration und Zweifel sind dann, wenn schon nicht Blasphemie, doch zumindest unnötige Zeitverschwendung. Und dabei ist das, was ihm dann in die Quere kommt, ja nun nicht wirklich jenseits aller Vorstellungskraft: Probleme mit den anderen Häftlingen und Konkurrenten, die seine hilflose Situation ausnutzen. Das reale Leben. Damit nicht zu rechnen, ist schon grob fahrlässig.

 

Aber bekanntlich hat uns die Pandemie gezeigt, dass dieses blindwütige Verhalten weiter verbreitet ist, als man für möglich gehalten hätte.

 

Und auch etwas anderes zeigt der Film: Der Gefangene passt sich an. Die menschenverachtende Ausnahmesituation, der brutale Knastalltag, wird für ihn zur neuen Normalität. Ganz typisch dort und heute in Corona-Zeiten: Das Zusammenschließen in Gangs, die Einteilung der Welt in wir und die anderen. Es zählt nicht mehr Vernunft und rationale Überlegung, die gemeinsame Suche nach einer sinnvollen Strategie, der Versuch, in einem Diskurs alle Vorteile und Nachteile zu erörtern; sondern es geht um Status und Gruppenehre. Wenn wir es gesagt haben, dann muss es richtig sein. Wer dazugehören will, muss sich den Werten und Ansichten der Gang bedingungslos unterwerfen. Und wer nicht dazugehören will, soll wenigstens die Klappe halten: Wird öffentlich auch nur ein Widerwort geäußert, ist es ein Affront gegen die Ehre der Gang und muss möglichst drastisch geahndet werden, damit sich so etwas nicht wiederholt. Und bei wem dieser Schuss vor den Bug nicht reicht, der ist der Feind und darf mit allen Mitteln bekämpft werden. Das ist nichts Persönliches, so sind die Regeln des Spieles. Absurd wird das Ganze nur dadurch, wenn man behauptet, man verhielte sich gerade rational, sei der Wahrheit und der Demokratie verpflichtet, während man gerade in tribalistische Barbarei zurückfällt.

 

Einen Weg zurück zu finden ist schwierig, wenn man bestreitet, überhaupt in diese Richtung marschiert zu sein. Alle anderen vielleicht, aber wir doch nicht.

 

Die Hauptfigur unseres Filmes ist irgendwann wieder draußen, vermeintlich zurück in der Freiheit, um dann festzustellen, dass sie immer noch die Regeln des Knastes befolgen muss.

 

Freuen wir uns auf die neue Normalität.


Im dunklen Buch des Anbeginns

 

Am Anfang schuf Gott eine Menge Dinge, die nicht so recht funktionierten.


#12 Michael Böhnhardt

Michael Böhnhardt

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Geschrieben 19 November 2020 - 18:19

... denn sie wissen nicht, was sie tun

(OT: Rebel Without a Cause, USA 1955)

 

Es dürfte offensichtlich sein, warum mir dieser Film als möglicherweise zur Corona-Krise passend in den Sinn kam: Schon allein der Titel trifft ins Schwarze. Und um noch einen draufzusetzen, lässt sich der Originaltitel als "Rebell ohne Anlass" übersetzen, was ja von Seiten der Regierung und der Medien bekanntlich jedem Kritiker als Vorwurf entgegengehalten wird. Wenn das mal kein Zeichen ist ...

 

Worum geht es: Jugendliche rebellieren gegen ihre spießigen Eltern und die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Einer von ihnen wird von James Dean gespielt, der noch vor dem Kinostart des Filmes mit seinem Porsche in den Tod fuhr; bittere Ironie, wenn man an die zentrale Szene des ganzen Films denkt. Die Figur, die er spielt, ist gerade mit den Eltern nach Los Angeles gezogen. Jim verachtet seine Familie, wird wegen Trunkenheit in der Öffentlichkeit aufgegriffen, und gerät schließlich an eine Bande halbstarker Rowdys, die sich zu illegalen Autorennen treffen, literweise Alkohol vernichten und den Mädchen hinterherjagen. Das hat tödliche Folgen: zwei Jugendliche werden dieses unverfrorene Treiben nicht überleben.

 

Mit Social Distancing wäre das nicht passiert.

 

Welch besseren Film kann es während einer Corona-Pandemie geben, wenn Ausgangssperren und Kontaktverbote das soziale Leben einschränken und insbesondere die hormongesteuerte Jugend immer wieder daran erinnert werden muss, wohin solch verantwortungsloses Verhalten letzten Endes führt? Es ist doch beruhigend, dass sich unsere Moralvorstellungen zurück in die gute alte Zeit entwickeln, zurück in die miefigen 50er, als noch die väterliche Gesellschaft streng die Zügel anzog, um die aufmüpfigen Racker auf den rechten Weg zu führen.

 

Und wer weiterhin bezweifelt (obwohl Zweifel ja mittlerweise verpönt sind), dass der Film tatsächlich passt: Da ist ja immer noch das berühmte Hasenfußrennen. Wie funktioniert das? Zwei gestohlene Autos, am Steuer jeweils einer der jungen Spritzer, fahren mit Karacho nebeneinander her auf eine Klippe zu. Wer als erster die Nerven verliert und aus seinem Wagen springt, hat verloren und ist der "Hasenfuß". Es geht also darum, erst im letztmöglichen Augenblick, bevor die Karre in den Abgrund stürzt, abzuspringen. Ein ziemlich kostspieliger Zeitvertreib. Aber das kümmert die Jungs natürlich nicht, sind ja nicht ihre Autos.

 

Dieses Gefühl, in einem Gefährt zu sitzen, das mit Vollgas auf einen Abgrund zurast, trifft die aktuelle Situation leider haargenau. Da werden mit Schmackes alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systeme in Stücke geschlagen, alle Regeln der Politik und des Anstandes über Bord geworfen, mit einer Geschwindigkeit und Achtlosigkeit, dass einem die Ohren schlackern. Was soll's, Scherbenhaufen kann man später problemlos wieder kitten, wenn dafür Zeit ist; aber jetzt ist diese Zeit nicht, alles, was jetzt zählt, ist durchzuhalten, stur weiterzufahren, denn natürlich gibt es noch rechtzeitig einen Impfstoff, der uns alle erlöst, oder wir trocknen das Virus aus, vielleicht mutiert es auch einfach weg, oder ..., weiß der Geier, irgendein Wunder wird schon passieren - wir kommen auf jeden Fall noch rechtzeitig aus dem Wagen, bevor alles endgültig über die Klippe fliegt.

 

Und sieh doch: Die anderen Fahrer bleiben ebenfalls verbissen auf Kurs. Sollen wir vielleicht vorsichtiger fahren und uns dann hinterher haarklein vorrechnen lassen, wie viele Corona-Opfer (und allein auf die kommt es an) uns das mehr gekostet hat als die anderen? Nee, ganz bestimmt nicht.

 

Die anderen springen schließlich auch nicht. Oder bremsen. Oder ändern die Richtung. Niemand tut das. Man muss schon wahnsinnig sein, um zu glauben, es könnten sich tatsächlich alle irren!

 

Das Resultat im Film ist wohl jedem bekannt: Einer der Fahrer bleibt im entscheidenden Moment mit dem Ärmel hängen und kann so die Tür nicht rechtzeitig öffnen.

 

Uups.


Im dunklen Buch des Anbeginns

 

Am Anfang schuf Gott eine Menge Dinge, die nicht so recht funktionierten.




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