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Ivan Ertlov - "Kriegerehre" und "Andromeda oder Tod"

Abenteuer-SF Humor Thriller Military

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16 Antworten in diesem Thema

#1 Dadaistin

Dadaistin

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Geschrieben 10 July 2020 - 14:22

Üblicher Disclaimer - Falls es das Thema (oder die Reihe) schon gibt, bitte ich um Zusammenführung. Habe die Forumssuche bemüht, ohne fündig zu werden.
Zweiter Disclaimer - nachdem es sich um die Finalbände einer Reihe handelt, werde ich das so spoilerfrei wie möglich schreiben.

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Warum zwei Bücher auf einmal? 

 

Weil es sich um einen Doppelband, die gleichzeitig erschienen Finalbände der Avatar Reihe handelt. Begonnen hat diese im Frühjahr 2019 mit "Mutation - Alte Freunde und profitable Kriege", insgesamt kommt sie auf 6 Bände. Interessant ist der optionale Abschluss: Man kann die Reihe nach Band 5 mit einem "alternativen Ende" ins Regal stellen, oder aber im Anschluss Band 6 lesen, der 600 Jahre später in einem beinahe ausgestorbenen Universum angesetzt ist und auf den ersten Blick nicht viel mit den Vorgängern zu tun hat. Dennoch offenbart erst dieses allerletzte Buch das wahre Schicksal der Protagonisten dieser Reihe.

Klappentext "Kriegerehre":
 

Die Menschheit am Ende des 22. Jahrhunderts hat dank der Sprungtore inzwischen viele ferne Welten besiedelt - ist aber in ihrem Kern die Gleiche geblieben. Mit der Angst vor einem äußeren, oft beschworenen, doch nie gesehenen Feind wird politisches Kleingeld gemacht. Populisten regieren in den mächtigen Nationen und die UNO schwächelt vor sich hin.
All das kann John Harris egal sein - er hat sich seinen Lebenstraum erfüllt und führt ein kleines, aber feines Fresslokal am Strand von Queensland. Unter gutmütiger Duldung der Aboriginal Verwaltung und mit tatkräftiger Hilfe von Freddericks Nachwuchs. Doch als mit dem Fall der Trappist Kolonie der lange befürchtete Gouch Krieg doch noch beginnt, wird es für John persönlich: Ein allerletztes Mal wird die Avatar aus dem Hangar geholt, die alte Truppe zusammengetrommelt und eine halsbrecherische Mission gewagt. Ein Selbstmordkommando aus dem Wichtigsten aller Motive heraus..

 

Dieser KT wird jemandem, der mit der Reihe noch nicht vertraut ist, erst einmal nicht viel sagen. Dafür enthält er auch keine Spoiler. Kenner bemerken den Zeitsprung und dass einige in den Vorgängern angedeutete Ereignisse ihren Lauf nehmen werden.
Und tatsächlich - in beiden Büchern verknüpft Ertlov Anspielungen und Bemerkungen, scheinbar vergessene sekundäre Handlungsstränge, Nebencharaktere und sogar Visionen des Protagonisten aus allen Vorgängern zu einem neuen, großen Ganzen. Und das im Eilzugstempo, denn diese beiden Bücher sind vor allem eines: kurz. Man hätte sie problemlos in ein einziges, dickeres packen können, und so bleibt der schale Nachgeschmack einer Gewinnmaximierung.
Aber selbst auf den insgesamt eher wenigen Seiten spielt die Reihe ein letztes Mal, aber dafür umso einprägsamer ihre Stärken aus: Humor, packend inszenierte Gefechte, emotionale Szenen und den wahrscheinlich authentischsten und lebendigsten Ich-Erzähler der jüngeren SF Geschichte. Wenn John Harris und Alice Winston an der Seite von sprechenden Schweinen für den britischen König (Und seinen Prinzgemahl! Und alle ihre geklonten und adoptierten Kinder!) in den Krieg ziehen, gibt es sehr wohl genug "harte" Military SF. Und dennoch bleibt kein Auge trocken. Wenn sie es aber - wie hier - aus egoistischen Motiven tun, sieht die Sache anders aus. Hier schleicht sich eine Melancholie in die Reihe, die so neu ist. 

Mein Fazit zum Doppel-Finale:

Ein ungewöhnlicher, aber gelungener Ansatz. Geschickt spielt der Autor mit meiner Erwartungshaltung, lässt mich emotional Höhen und Tiefen erleben, treibt Leser von Triumph zu Verzweiflung zu Erleichterung. Oder verwehrt diese gänzlich. Ich persönlich hätte das "alternative Ende" von "Kriegerehre" als etwas kaltherzig empfunden, war aber nach "Andromeda oder Tod" beinahe restlos zufrieden.
Auf jeden Fall eine Empfehlung, besonders wenn es im Doppelpack gelesen wird.

Mein Fazit zur Reihe:

 

Die Avatar Reihe ist vor allem ungewöhnlich - zu ungewöhnlich, um sie mit irgendeinem anderen SF konkret zu vergleichen. John Scalzi, Terry Pratchett und Douglas Adams werden in Blogbesprechungen gelegentlich als Referenznamen genannt, aber ich finde, das trifft es nicht wirklich. Sie hat über weite Strecken den Flair von Firefly, ohne sich inhaltlich daran zu orientieren. Gelegentlich kann man auch Ähnlichkeiten zur Expanse Reihe beziehungsweise dem einen oder anderen Mark Brandis Klassiker erkennen - wenn man will. Der Humor wird nicht jedem schmecken, ebenso wenig die deutlich linksprogressive politische Schlagseite. Aber in zwei Punkten sind die Avatar Bücher herausragend:

1. Sie sind konsequent als Reihe aufgebaut und durchgezogen, ohne daraus Schwächen zu beziehen. Jedes Abenteuer ist in sich abgeschlossen, und doch ergeben die Bände zusammen ein neues Gesamtbild. Wer den Infodump und die teils spannenden, teils exzessiven Erklärungs-Flashbacks im ersten Drittel von "Mutation" überstanden hat, kann sich in 5 2/3 Bücher stürzen, in denen es keine Durchhänger, keine Lückenfüller, keine unnötige Szene gibt. Jedes Wort, jeder abgegebene Schuss, jede Umgebungsbeschreibung treibt entweder die Handlung voran oder wird später wichtig. Wobei dieses "später" auch im nächsten Band sein kann. 

 

2. Das Werk gibt nicht vor, etwas anderes oder mehr zu sein, als es ist. Nämlich Unterhaltungsliteratur. Schnittige Raumschiffe, politische Verschwörungen, Plasmakanonen und sprechende Schweine. Eine gute Story, spannende Action, manchmal tieffliegende Gags. Viel öfter aber durchaus tiefsinniger, subversiver Humor. Es werden keine neuartigen Gesellschaftsstrukturen skizziert, sondern unsere heutigen in die Zukunft projiziert und betrachtet. Konstruktiv, mit Verweisen auf ihre dunklen Flecken, aber auch auf Verbesserungsmöglichkeiten. Metaphysische, esoterisch angehauchte Nabelschauen kommen nur sehr selten vor, und dann auch nur, um als solche genüsslich zerlegt zu werden. Es werden keine neuen soziologischen, futurologischen oder gesellschaftspolitischen Fragen aufgeworfen - sondern teils interessante, teils brachiale Antworten auf existierende gegeben. Es liest sich teilweise wie ein Hollywood Film, teilweise wie ein Videogame - aber beides ist nicht unbedingt abwertend gemeint.

Es ist, was es ist. Keine schwere Kost, kein feingeistiger Höhenflug, aber rundum gute Unterhaltung.


Bearbeitet von Dadaistin, 10 July 2020 - 14:25.


#2 Stefan9

Stefan9

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Geschrieben 10 July 2020 - 15:34

Na das ist Mal authentische Begeisterung. Danke für den Beitrag. Ertlov hatte ich bisher gar nicht auf dem Schirm. Klingt interessant.

------ ......ob Herr Rossi je das Glück gefunden hat?....------

 

In motivationstheoretischer Interpretation aus Managementsicht ist Hans im Glück ein „eigennütziger Hedomat und unlustmeidender Glücksökonom“. ---Rolf Wunderer

 

Niemand hat das Recht auf ein konstantes Klima. Auch Grönländer haben ein historisches Recht auf Ackerbau. Daran sollten unsere Weltenlenker denken, wenn sie sich daran machen, die globale Temperatur mit Hilfe des CO2 neu einzustellen. 

 

  • (Buch) gerade am lesen:James Blish Gewissensfall
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#3 Dadaistin

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Geschrieben 16 July 2020 - 22:41

Ertlov hatte ich bisher gar nicht auf dem Schirm. 

War auch bis 2019 eher so der "schräge Geheimtipp", da die ersten Bücher (die ersten drei Teile des Onur Zyklus) wirklich stark von österreichischem Lokalkolorit und Mostviertler Dialekt durchzogen waren. Ab "Generation 23" und "Mutation" wurde es massentauglicher, ist aber immer noch eindeutig eine Geschmacksfrage.
Zum einen der Humor, zum anderen die gesellschaftspolitische Positionierung können polarisieren.
Lesern im Spektrum von rechts-konservativ bis AfD-Anhänger stoßen die politischen Breitseiten sauer auf, und offen bi- oder gar pansexuelle Identifikationsfiguren sind auch nicht jedermanns (und jederfraus) Sache.



#4 Stefan9

Stefan9

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Geschrieben 17 July 2020 - 07:04

Die Warnungen kommen zu spät. Ist schon bestellt:-)

------ ......ob Herr Rossi je das Glück gefunden hat?....------

 

In motivationstheoretischer Interpretation aus Managementsicht ist Hans im Glück ein „eigennütziger Hedomat und unlustmeidender Glücksökonom“. ---Rolf Wunderer

 

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#5 Stefan9

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Geschrieben 05 August 2020 - 08:43

So, habe Ivan Ertlov s Auftaktband zur Avatar Reihe mit dem Titel „Mutation- Alte Freunde und profitable Kriege“ gestern beendet.

Nun, was soll ich schreiben? Ein buntes Konglomerat aus Military SF, Verschwörungsthriller, Whodunit Krimi, Liebesgeschichte und einer Auflösung in Rosamunde Pilcher Manier.

Ertlov hat unbestritten hohes schreiberisches Talent. Man spürt das Ersprit und die Freude, die er wohl selbst beim Verfassen der Texte hatte. Das gefällt mir.

Und zu Beginn war ich mir unschlüssig, ob die losen Handlungsbausteine nur Trägergerüst für seinen überbordenden Mitteilungsdrang und seiner Fabulierlust zu allerlei Themen mit aktuellen Bezügen dient; er seine streckenweise kruden Botschaften priorisiert nur in Prosa verpacken wollte. Oder zum anderen eben in der Hauptsache einen Roman mit unübersehbarer Botschaft.

Zum Ende hin entschied sich Ertlov nach meiner Auffassung aber für Prosa. Und zwar richtig gute Prosa. Insbesondere Action und Raumkämpfe beherrscht er sehr gut, wie ich finde. Die Story ist mitunter etwas instabil, durch seine ständigen Abschweifungen ist eine klare Linie nicht immer klar zu erkennen, storytechnisch ist mindestens ein „Beweis und Überführungssachverhalt“ nicht erklärt. Das liegt vor allem an seinem Mitteilungsdrang und dem verzetteln in Nebensächlichkeiten. Wenn in einem Nebensatz die Weinauswahl auf einen guten Tropfen aus dem Dachsteingebirge fällt, in Anspielung auf eine zu erwartende Klimaerwärmung, ist das witzig. Wenn allerdings 3 Seiten über gesponserte Weltraumrocker aus dem Chapter der Ritter der Mozartkugel geulkt wird, ist das nur noch Slapstick und verdirbt mir die Story. Noch ein technischer Mangel: Die Seitenangaben in der Kapitelübersicht sind fehlerhaft.

 

Fazit: Ein erfrischend neuer Schreibstil für mich, den ich in dieser Ausprägung noch nicht kannte. Scalzi hat in deutlich geringerer Ausprägung den gleichen Schalk in der Feder. Gleichzeitig ist das auch das größte Manko. Man ist das schnell über, und wenn man seine Geschichten gealtert in 10 oder 20 Jahren liest, wird man sie rasch beiseite legen. Sind sie doch ausnehmend stark am aktuellen politischen und gesellschaftlichen Zeitgeist gekoppelt.

Ich würde mir einen Ertlov wünschen, der zugunsten seiner Geschichten seinen Mitteilungsdrang und seine Fabulierlust auf 10% herunter schraubt. Dann würde ich sicher auch Fan.


Bearbeitet von Stefan9, 05 August 2020 - 08:44.

------ ......ob Herr Rossi je das Glück gefunden hat?....------

 

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#6 Aramor

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Geschrieben 05 August 2020 - 10:55

Fazit: Ein erfrischend neuer Schreibstil für mich, den ich in dieser Ausprägung noch nicht kannte. Scalzi hat in deutlich geringerer Ausprägung den gleichen Schalk in der Feder. Gleichzeitig ist das auch das größte Manko. Man ist das schnell über, und wenn man seine Geschichten gealtert in 10 oder 20 Jahren liest, wird man sie rasch beiseite legen. Sind sie doch ausnehmend stark am aktuellen politischen und gesellschaftlichen Zeitgeist gekoppelt.

Ich würde mir einen Ertlov wünschen, der zugunsten seiner Geschichten seinen Mitteilungsdrang und seine Fabulierlust auf 10% herunter schraubt. Dann würde ich sicher auch Fan.

Das kann man so unterschreiben. Nicht falsch verstehen - ich bin bereits Fan, halte Ertlov für einen der besten Erzähler, die aktuell schreiben. Gerade (aber nicht nur) wegen den bildgewaltigen Situations- und Kampfbeschreibungen. 
Aber Mutation merkt man deutlich an, dass daran 20 Jahre lang herumgeschrieben wurde - und dann vieles, was ein erfahrener Lektor rausgekickt hätte, einfach ungekürzt drinnen blieb.
Andererseits ist das ja "nur" im ersten Band so, mit jedem weiteren wird es schlanker, zielstrebiger, die von dir kritisierte Fabulierlust zugunsten der Story zurückgedreht. Es hat schon einen Grund, warum "Mutation" knapp 500 Seiten schwer ist, der Nachfolger "Todessprung" nur noch 400 und der 6. und letzte Teil der Reihe mit 250 sein Auslangen findet. Einige tagespolitische Anspielungen und Seitenhiebe ziehen sich zwar durch die Reihe, aber das exzessive Ausschweifen und Fabulieren wird im Verlauf der Reihe fast auf Null gedreht.

Ungleich spannender finde ich aber persönlich sein "Generation 23" - vollkommen ohne Comedy und Slapstick, aber mit allen anderen schreiberischen Qualitäten von ihm auf Anschlag. Das ist Krimi, Thriller, Dystopie und Action auf einem Generationenschiff mit einem beklemmenden Kastensystem. Meiner Meinung nach einer der besten SF-Krimis seit Langem.



#7 Stefan9

Stefan9

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Geschrieben 05 August 2020 - 11:55

Überredet:-) Der Klappentext auf Amazon von "Generation 23" versichert mir gleichfalls humorlosen thrill und verspricht ein interessantes Setting. Bestellt. Danke für den Tip.


------ ......ob Herr Rossi je das Glück gefunden hat?....------

 

In motivationstheoretischer Interpretation aus Managementsicht ist Hans im Glück ein „eigennütziger Hedomat und unlustmeidender Glücksökonom“. ---Rolf Wunderer

 

Niemand hat das Recht auf ein konstantes Klima. Auch Grönländer haben ein historisches Recht auf Ackerbau. Daran sollten unsere Weltenlenker denken, wenn sie sich daran machen, die globale Temperatur mit Hilfe des CO2 neu einzustellen. 

 

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#8 Dadaistin

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Geschrieben 05 August 2020 - 23:11

Die Story ist mitunter etwas instabil, durch seine ständigen Abschweifungen ist eine klare Linie nicht immer klar zu erkennen, storytechnisch ist mindestens ein „Beweis und Überführungssachverhalt“ nicht erklärt. Das liegt vor allem an seinem Mitteilungsdrang und dem verzetteln in Nebensächlichkeiten. Wenn in einem Nebensatz die Weinauswahl auf einen guten Tropfen aus dem Dachsteingebirge fällt, in Anspielung auf eine zu erwartende Klimaerwärmung, ist das witzig. Wenn allerdings 3 Seiten über gesponserte Weltraumrocker aus dem Chapter der Ritter der Mozartkugel geulkt wird, ist das nur noch Slapstick und verdirbt mir die Story. 

 

So unterschiedlich können Geschmäcker sein. Mir haben gerade diese Ausschweifungen sehr gut gefallen, und ihr Fehlen in den Nachfolgern wurde von mir bedauert. Die Ritter der Mozartkugel enthalten gleich vier oder fünf bitterböse Anspielungen auf österreichische Besonderheiten - aber gut, ich kann verstehen, dass es außerhalb unseres alpinen Kulturkreises ermüdend wirkt. Der Untergang von IKEA ist auch so eine herrliche Sequenz, bei der ich Tränen gelacht habe.
Wie Aramor sagt - in den Folgebänden geht es deutlich geradliniger zur Sache.

 

Ungleich spannender finde ich aber persönlich sein "Generation 23" - vollkommen ohne Comedy und Slapstick, aber mit allen anderen schreiberischen Qualitäten von ihm auf Anschlag. Das ist Krimi, Thriller, Dystopie und Action auf einem Generationenschiff mit einem beklemmenden Kastensystem. Meiner Meinung nach einer der besten SF-Krimis seit Langem.

Auch hier - Geschmäcker sind verschieden. Ich finde, gerade diese düstere Story hätte ein wenig Ertlov-Humor zur Auflockerung vertragen. Wobei ich auf der Habenseite verbuchen muss, dass ich selten einen männlichen Autor lesen durfte, der sich so gut in weibliche Gedankengänge hineinschreiben konnte. Für die Formulierung "dominante Brüste" sollte man ihm trotzdem eine scheuern, das ist bei mir hängengeblieben. 
Aber ja, ein grandios spannendes Buch, und es hat eine der bemerkenswert sinnvollsten Sexszenen, die ich in der Unterhaltungsliteratur aus dem Stegreif nennen kann.



#9 Stefan9

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Geschrieben 06 August 2020 - 08:33

So unterschiedlich können Geschmäcker sein. Mir haben gerade diese Ausschweifungen sehr gut gefallen, und ihr Fehlen in den Nachfolgern wurde von mir bedauert. Die Ritter der Mozartkugel enthalten gleich vier oder fünf bitterböse Anspielungen auf österreichische Besonderheiten - aber gut, ich kann verstehen, dass es außerhalb unseres alpinen Kulturkreises ermüdend wirkt. Der Untergang von IKEA ist auch so eine herrliche Sequenz, bei der ich Tränen gelacht habe.
Wie Aramor sagt - in den Folgebänden geht es deutlich geradliniger zur Sache.

 

Auch hier - Geschmäcker sind verschieden. Ich finde, gerade diese düstere Story hätte ein wenig Ertlov-Humor zur Auflockerung vertragen. Wobei ich auf der Habenseite verbuchen muss, dass ich selten einen männlichen Autor lesen durfte, der sich so gut in weibliche Gedankengänge hineinschreiben konnte. Für die Formulierung "dominante Brüste" sollte man ihm trotzdem eine scheuern, das ist bei mir hängengeblieben. 
Aber ja, ein grandios spannendes Buch, und es hat eine der bemerkenswert sinnvollsten Sexszenen, die ich in der Unterhaltungsliteratur aus dem Stegreif nennen kann.

Ja unbestritten, Geschmäcker sind verschieden und du hast mich ja auch gewarnt, das Ertlov, zumindest in diesem Titel, nun sagen wir mal, etwas speziell ist:-) Und ich bin froh, auch diese Erfahrung gemacht zu haben.

Und ich würde es nicht an lokalen Anspielungen fest machen, ob man für Ertlov s Botschaften in Dauerschleife empfänglich ist. Dein genanntes Beispiel mit Ikea ist ja auch überregional, gar international. Anfangs war ich mit diesen Nebensächlichkeiten, die er zur Hauptsache gemacht hat, etwas überfordert, weil so geballt noch nicht gekannt. Hinten raus wurde es dann immer besser. Zum einen, weil ich mich offenbar daran gewöhnt hatte, zum anderen, weil Ertlov nmA seinen Schreibstil in der Ausarbeitung zur Geschichte hin verfeinert hat.

Eigentlich bin ich unkonventionellen Dingen nicht abgeneigt, hier war es einfach to much. Vielleicht werde ich auch alt:-)

Samstag kommt hoffentlich "Generation 23" bei mir an. Ich bin schon sehr gespannt und freu mich darauf.

 

Btw: Die Formulierung "dominante Brüste" finde ich kein bisschen pikierlich, da werden im allgemeinen Sprachgebrauch deutlich unfeinere Begriffe verwendet. Allerdings kenne ich den Kontext ja nun nicht. In der Selbstbefriedigungsszene in "Mutation", die nicht bis zum Ende auserzählt ist, zeigt sich Ertlov eher sachlich:-) Aber Alice (warum eigentlich nennt er sie nicht Alexa?) hat Ertlov auch treffend gezeichnet. Obschon da viel Potential verschenkt wurde.


------ ......ob Herr Rossi je das Glück gefunden hat?....------

 

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#10 Dadaistin

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Geschrieben 07 August 2020 - 12:24

Btw: Die Formulierung "dominante Brüste" finde ich kein bisschen pikierlich, da werden im allgemeinen Sprachgebrauch deutlich unfeinere Begriffe verwendet. 

Ich finde die Formulierung auch nicht pikierlich, aber in dieser Szene steckt man schon halb im Kopf der Protagonistin drinnen. Und genau das funktioniert im Rest des Buches richtig gut, wenn ich es blind gelesen hätte (also ohne den Autor zu kennen), hätte ich meine Ersparnisse darauf verwettet, dass es eine Frau geschrieben hat. Und da fällt dann so eine einzelne "Nie im Leben denkt sie sich das!" Formulierung schon gewaltig auf. 
Das ist vielleicht auch das Paradoxon der Erwartungshaltung. Wenn der Volksschulchor von Graham-Neusiedl in jeder zweiten Strophe danebenjault, zuckt man höchstens mit den Schultern. Wenn aber Pavarotti in einer Aufzeichnung auf einer Sammler-Edition-DVD einen einzigen Ton nicht trifft, runzelt man verärgert die Stirn.
Das ist natürlich nur eine winzige Schmälerung des Vergnügens in der ansonsten sprachlich und stilistisch herausragenden Achterbahnfahrt durch die Abgründe der 23. Generation, aber, wie gesagt - bei mir ist das hängen geblieben.



#11 Aramor

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Geschrieben 08 August 2020 - 14:58

Ich finde die Formulierung auch nicht pikierlich, aber in dieser Szene steckt man schon halb im Kopf der Protagonistin drinnen. Und genau das funktioniert im Rest des Buches richtig gut, wenn ich es blind gelesen hätte (also ohne den Autor zu kennen), hätte ich meine Ersparnisse darauf verwettet, dass es eine Frau geschrieben hat. Und da fällt dann so eine einzelne "Nie im Leben denkt sie sich das!" Formulierung schon gewaltig auf. 

Gut, das kann ich schlecht beurteilen  :bighlaugh: 

Mir hat einfach die Ausarbeitung des Kastenwesens sehr gut gefallen. Da könnte sich Snowpiercer eine Scheibe abschneiden, was die Glaubwürdigkeit betrifft. Die Illusion einer sozialen Durchlässigkeit von ganz unten bis in den Kreis der Edlen, zumindest als individuelle Chance des Einzelnen, erinnert mich stark an die USA. Dort verteidigen ja auch die ärmsten Opfer des Systems teilweise den Status Quo mit der mikroskopisch kleinen (realistischerweise nicht vorhandenen) Chance, selbst Millionär oder Milliardär werden zu können.



#12 Dadaistin

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Geschrieben 12 August 2020 - 14:33

Die Illusion einer sozialen Durchlässigkeit von ganz unten bis in den Kreis der Edlen, zumindest als individuelle Chance des Einzelnen, erinnert mich stark an die USA. 

 

Zweifellos. Wobei ich auch interessant fand, wie viel Macht, die gar nicht als solche wahrgenommen wird, in den klassenübergreifenden Beziehungen steckte - und wie sehr diese dadurch vergiftet wurden. Und die große philosophische und moralische Frage - warum sollte jemand, der vom System profitiert, dieses ändern wollen?
Maria Gomez ist einfach ein extrem starker Charakter, sowohl als solcher als auch in der literarischen Ausgestaltung. Man nimmt es ihr einfach ab, auch gegen die eigenen Interessen zu handeln - und wenn es nur aus teils irrationaler Wut geschieht.



#13 Stefan9

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Geschrieben 12 August 2020 - 18:08

Bin fast durch mit Generation 23. Nur kurz weil ich auch in den nächsten Tagen nur mit MP surfen kann: Ertlov gefällt mir sehr gut. Beschrieben wird ein totalitäres/ perverses System, gespeist und gewachsen aus aktuellem Kapitalismus. So geht Sozialkritik in Prosa ohne Holzhammer. Und seine kompromisslose, mutige Sprache bei der Thematisierung der sexuellen Weiterentwicklung wäre in Grossverlagen so sicher nicht gedruckt worden. Gut das ich eurer Empfehlung gefolgt bin. Ich habe Generation 23 mit viel Freude gelesen. Auch wenn es schmerzt: Ein neuer Stern am SF Himmel, der .....Muss die Hitze sein:-)

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#14 Dadaistin

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Geschrieben 12 August 2020 - 23:47

Ich muss ganz ehrlich sagen, mir gefallen von Ertlov immer noch die humoristischen Werke - wie eben die Avatar Reihe - besser. Aber du hast recht, gerade die (wichtige!) Komponente der Sexualität wäre so in dieser Form bei einem großen Publikumsverlag wahrscheinlich der Schere zum Opfer gefallen. Ich fand es im nachhinein großartig, wie genau dieses später investigative Element anfangs schon angeteasert wurde (Oh, eine Tabu-Simulation...).
Im September kommt laut Amazon übrigens ein Nachfolger, der aber einige Jahrhunderte zuvor spielt.



#15 Stefan9

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Geschrieben 13 August 2020 - 08:42

Ggf konstruiert Ertlov in Sachen Sexualität gewollt einen Widerspruch, wenn zum einen, offenbar aus hygienischen Gründen A....lecken tabuisiert wird und gleichzeitig Edle offenbar völlig abgekoppelt von jedem Moralbegriff und Verfolgung Kinder missbrauchen. Soweit ist unsere Gesellschaft, oder die Österreichische,gar nicht weg davon. Hinter einer prüden Fassade lauern die Monster. Wenn man den aktuellen Ermittlungserfolgen traut, sitzen wir auf nahezu millionenfachen Kindesmissbrauch in der Nachkriegszeit.Diese Sorte von Ertlovs Prosa in subtiler Art gefällt mir deutlich besser, wenn man im Nachgang noch reflektiert, was er wohl wie gemeint haben könnte, als die direkte Botschaft.

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#16 Aramor

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Geschrieben 13 August 2020 - 23:18

Ich muss ganz ehrlich sagen, mir gefallen von Ertlov immer noch die humoristischen Werke - wie eben die Avatar Reihe - besser. 

 

Ja, da sind die Geschmäcker eben verschieden. Ertlov ist einer jener Autoren, dem man weitestgehend geschlossen zugesteht, richtig gut zu schreiben. Aber WAS er schreibt wird dann von Fall zu Fall vollkommen unterschiedlich beurteilt. Nachdem du es bereits gelesen hast - wo auf dem Spektrum zwischen "Mutation" und "Generation 23" würdest du seine Fantasy verorten?
 

 

Ggf konstruiert Ertlov in Sachen Sexualität gewollt einen Widerspruch, wenn zum einen, offenbar aus hygienischen Gründen A....lecken tabuisiert wird und gleichzeitig Edle offenbar völlig abgekoppelt von jedem Moralbegriff und Verfolgung Kinder missbrauchen. 

Ja, wobei das ja innerhalb der Welt für ihre Bewohner wahrscheinlich nicht einmal als Widerspruch aufgenommen wird. Die Edlen werden sprachlich und mythologisch so von UA, AK und AKR abgegrenzt, dass sie in den Köpfen der Bewohner nicht mehr wie Menschen, sondern wie höhere Wesen aufleuchten. Die Bezeichnung ihres Lebensbereiches als Himmel, die umgangssprachliche Dankbarkeit gegenüber ihnen für Glück im Alltag, die Tatsache, dass nur die Abteilungsleiter der UA (man lese "Hohepriester") mit den Edlen (alias "Göttern") verkehren dürfen - das hat alles schon eine starke Cargokult / Religionskomponente. Ich denke, jedes Element in dieser Erzählung spiegelt etwas in unserer Welt wieder - und meist in sehr kritischer Form. Wäre spannend, das im Detail vom Autor klargestellt zu bekommen.



#17 Dadaistin

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Geschrieben 14 August 2020 - 22:41

Nachdem du es bereits gelesen hast - wo auf dem Spektrum zwischen "Mutation" und "Generation 23" würdest du seine Fantasy verorten?

Ich würde sagen, "Halbar von Malan" ist definitiv näher an "Generation 23". Aber das ist ja eine Kurzgeschichte (oder müssen wir das jetzt "Novellette" nennen?). Also war gar kein Platz für die ausschweifenden Betrachtungen am Rande, die zB Stefan weiter oben kritisiert hat  :bighlaugh: 
"Zwergenstahl und Drachenfeuer" liegt irgendwo in der Mitte. Es ist genauso linear und weniger in Nebensächlichkeiten verzettelt wie alle neueren Romane von Ertlov, aber die Landschafts- und Kreaturenbeschreibungen gehen manchmal schon breit ins Detail. Humor kommt nicht so oft wie bei "Mutation", aber teilweise ähnlich abgefahren. Was mir weniger gefällt - es ist Deutschland- und nicht Österreich-bezogen. Alle Schauplätze sind zwischen München und Hamburg angesiedelt, wenn auch in der postapokalyptischen Fantasy Variante. Sozial- und Gesellschaftskritik gibt es ebenso wie einige richtig deftige Kämpfe.
Insgesamt liest es sich wie ein düsterer Pratchett, nur mit Ertlovs sprachlichen Eigenheiten und einem ziemlich genialen, rollenspielinspirierten Setting aufgepeppt.





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