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Mal wieder Krise der Science Fiction


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228 Antworten in diesem Thema

#1 Beverly

Beverly

    Temponaut

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Geschrieben 18 September 2006 - 10:24

Jaja, Science Fiction verkauft sich schlecht, Krimis, Fantasy und Erotik gehen Aussagen aus dem Verlagswesen zufolge besser. Dem Genre wird sogar der Tod vorausgesagt. Was sind die Gründe? 1. Mögliche äußere Ursachen - die Leute sind ungebildet und lesen nicht mehr - die Leute haben kein Geld für Bücher - wegen Angst vor der Zukunft interessieren sich die Menschen nicht für SF - totalitäre Strukturen in den Medien unterdrücken SF Um es gleich zu sagen: all diese Faktoren gibt es, aber sie sind keine Erklärung für die Krise der SF. Im Gegenteil: die SF stand in Blüte, als es diese Faktoren in noch viel größerem Ausmaß gab als heute. So wurde der Name des Genres "Science Fiction" zu einer Zeit geprägt, als die meisten Menschen ärmer und ungebildeter waren als wir heute. Als George Orwell 1948 den Roman 1984 schrieb, muss dabei eine Menge Angst vor der Zukunft mitgeschwungen haben. So lässt er seine Helden auf die Vergangenheit trinken, weil die "Zukunft" der Menschen in den totalitären Superstaaten Ozeanien, Eurasien und Ostasien nur immer neue Entsetzlichkeiten bereit hält. Der Totalitarismus in der BRD hat zwar solche Fortschritte gemacht, dass ich seit einigen Wochen wegen der unerträglichen Hetze gegen Erwerbslose kein Radio mehr höre und mir die Fernsehtnachrichten und Talkrunden mit der Saftschubse Christiansen eh nicht antue. Aber das ist in keinster Weise eine Erklärung, warum es der SF schlecht gehen sollte: der Ostblock war medienmäßig noch viel konsequenter gleichgeschaltet als die heutige BRD und trotzdem blühte da die SF. Totalitäre Strukturen dienten sogar als Inspiration, indem die SF als Vehikel der Systemkritik genutzt wurde. 2. Hausgemachte Ursachen 2. 1. Die "Klassiker" sind besser und flüssiger geschrieben als die meisten Werke der letzten Jahre Wenn ich jemanden eine lesenswerte Space Opera empfehlen sollte, würden mir da gerade die Romane von Poul Anderson um die Polesotechnische Liga und das ihr folgende Imperium einfallen. In ca. 20 Romanen bekommt man da eine Geschichte der Menschheit mit vielen Höhen und Tiefen serviert, voll mit Weltraum, Aliens und Abenteuern. Vieles davon sind aufeinander aufbauende Erzählbände, selbst die Romane sind mit ca. 200 bis 300 Seiten angenehm kurz. So mögen auch andere SF-Liebhaber ihre "Klassiker" haben, die sie den meisten Neuerscheinungen vorziehen. Und in dem Genre hat sich mittlerweile in allen Sparten - Space Opera, Utopie, Dystopie ... - ein Fundus an lesenswerten Klassikern angesammelt, gegen den es Neuerscheinungen schwer haben. DER WÜSTENPLANET von Frank Herbert liest sich noch immer besser als der x-te Roman eines unbekannten Autors, auf dem der Verlag das Label "Ein Roman in der Tradition von Der Wüstenplanet" gepappt hat. 2. 2. Die Zukunft hat schon begonnen Noch in den 1980er Jahren hätte ich nicht geglaubt, dass ich miterleben würde, wie die Suche nach Planeten außerhalb unseres eigenen Sonnensystems sozusagen zu einer Routineangelegenheit werden würde. Mittlerweile kennen wir über 200 solcher Planeten, die meisten Gasriesen, aber die kleinsten nur wenig größer als die Erde. Bis man eine "Super-Erde" entdeckt, die im richtigen Abstand für flüssiges Wasser und damit Leben um ihre Sonne kreist, ist es nur eine Frage der Zeit. Möglicherweise hat man schon einen Knadidaten: eine Welt mit ca. 18 Erdmassen, auf der es unter einer sehr dichten Atmosphäre einen planetenumspannenden Ozean geben könnte. Als ich "Welt am Draht" in den 1970ern gesehen habe, war die simulierte Welt darin für mich pure Utopie. Heute nun, wo bei den Computern Kapazitäten in Giga- und Tera-Einheiten angegeben werden, rücken solche Simulationen in den Bereich des technisch Möglichen. So braucht man für Gegenstände ja nicht jedes Atom zu berechnen, sondern nur Parameter für Form, Masse und Elastizität - das schaffen schon Bildbearbeitungsprogramme. Vom digital hergestellten Film bis zur simulierten Traumwelt scheint es nur noch ein kleiner Schritt. Bei "Perry Rhodan", was ich so bis 1980 gelesen habe, wurden die Menschen in der Regel 150 Jahre alt. Das war damals das Doppelte der Lebenserwartung. Mit 75, bestenfalls 80 war Schluss, Ende, Aus! Wer so ein hohes Alter erreicht hatte, quälte sich oft nur. Heute dagegen ist bei der Lebenserwartung alles offen. Man kann noch mit 75 sterben, aber das gilt fast schon als früher Tod. "Letzte Woche saß er doch noch hier am Tresen und nun ..." Als maximal erreichbare Lebensspanne wird 120 gehandelt und es wird davon ausgegangen, dass ihn auch ein großer Teil der Menschen erreichen wird. Dass wie in der SF vorausgesagt, ein großer Teil der Arbeitenden nicht mehr gebraucht wird, weil ihre Tätigkeit Maschinen übernehmen können, erleben wir derzeit auch. Vollautomatische Supermärkte sind keine Utopie mehr, seit den 1970er Jahren hat sich den Aussagen des Linkspartei-Abgeordneten Schui zufolgen die Produktivität pro Arbeitsstunden von 20 auf 40 Euro verdoppelt und die 80 Euro schaffen wir wohl auch noch. 2. 3. Die Science Fiction reagiert nicht mehr auf gesellschaftliche Herausforderungen Als George Orwell von Stalinismus zutiefst enttäuscht war, schrieb er Science Fiction und Phantastik, die noch heute jeder kennt: 1984 und FARM DER TIERE. In gleicher Weise haben vor und nach ihm Autoren auf gesellschaftliche Probleme reagiert, in dem sie Science Fiction schrieben. Stalinismus: 1984 von George Orwell, KALLOCAIN von Karin Boye, WIR von Jewgenij Samjatin Kapitalismus: EINE HANDVOLL VENUS UND EHRBARE KAUFLEUTE von Pohl Umweltzerstörung: SCHAFE BLICKEN AUF von John Brunner, HIER SANGEN FRÜHER VÖGEL von Kate Wilhelm religiöser Totalitarismus: DIE LIEBENDEN von Philipp José Farmer, Jahrzehnte vor Chomeini erschienen Atomkrieg: diverse Romane und Erzählungen von Philipp K. Dick Polizeistaat: EINE ANDERE WELT von Philipp K. Dick Überbevölkerung: VERSUNKEN IM STAUB von Brian W. Aldissethnische Probleme: DAS JAHR DER STILLEN SONNE von Wilson Tucker Wo sind die Autoren und Autorinnen, die auf die heutigen gesellschaftlichen Probleme reagieren? Es musie eigentlich geben, für Informationen wäre ich dankbar. Oder gibt es sie nicht, weil sich Gesellschaftskritik in einer Welt, in der Verlust an Freiheit und Wohlstand, Rückfall in religiösen und nationalen Fundamentalismus als "alternativlos" dargestellt wird, erledigt hat? Wozu noch SF schreiben oder lesen, wenn große und kleine Krisenmanager schon das Elend der nächsten 100 Jahre trefflich skizziert haben, jeden Versuch positiver Alternativen mit Zähnen und Klauen bekämpfen, und alle, die mit diesen "schönen" Aussichten nicht einverstanden sind, sozusagen in die Nörgler- und Jammerer-Ecke stellen? Andererseits scheint der TINA-Diskurs - "There Is No Alternative" - bestens dazu geeignet zu sein, analog zum Stalinismus (mit denen er Argumentationsmuster teilt) eine Erwiderung in Form von Science Fiction zu provozieren. Vielleicht sitzt der George Orwell unserer Tage schon am Computer, brütet über einem Werk mit dem Titel "2010", das wie die Faust aufs Auge des Zeitgeistes passt und haucht der SF damit neues Leben ein.

#2 Uschi Zietsch

Uschi Zietsch

    Illuminaut

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Geschrieben 18 September 2006 - 11:06

Es ist auch so, dass das Label "Science Fiction" in D nach wie vor etwas Anrüchiges hat. Die meisten Leute, die Andreas Eschbach kaufen, würden vehement abstreiten, dass sie Science Fiction lesen. Der Trend, erfolgreiche Titel aus dem Genre herauszunehmen und als Allgemeinliteratur zu verkaufen, hat in den letzten Jahren zugenommen. Bekanntestes Beispiel neben Eschbach ist Frank Schätzing. Viele Leute verbinden mit der SF picklige Jungs in Klingonenkostümen; Klassiker wie Orwell, Lem usw. zählen für sie nicht dazu. Space Operas sind momentan nicht besonders angesagt, es sei denn unter bekannten Labels wie Star Wars, Star Trek, usw., Spiele und erfolgreiche Serien wie Honor Harrington. Einzeltitel sind nicht gefragt, aber das ist im gesamten phantastischen Genre bedauerlicherweise der Fall. Schon Mitte der 80er galt die SF (zugleich mit der F) als tot, hat sich aber nochmals aufgerappelt. So tot wie jetzt allerdings war die SF wirklich noch nie. Das hat zum Teil mit mangelnder Lesebereitschaft zu tun, denn der Trend zum Lesen geht allgemein und genreübergreifend abwärts, aufgrund des hohen Freizeitangebots, was bedeutet, es steht weniger Geld zur Verfügung, weil es breiter gestreut wird. Es ist aber auch das Interesse geringer geworden. In der Phantastik wurden allerdings schon immer sehr gezielt die Titel ausgewählt, selbst bei der Schwemme der 80er Jahre waren die meisten Titel Ladenhüter, woraufhin die Programme zurückgeschraubt wurden. Da auch bei der Allgemeinbelletristik inzwischen häufig phantastische Strömungen zu finden sind, seien es magischer Realismus nach südamerikanischem Vorbild, oder einige Zukunftsvorstellungen bzw. auch Zeitreisen, ist der Leser ausreichend gesättigt und lässt weitere Titel, die speziell unter dem Label SF laufen, einfach weg oder greift eben wie oben beschrieben nur gezielt nach bestimmten Ausgaben. Viele Sammler, mit denen ein Verlag früher kalkulieren konnte, haben inzwischen ihre Sammlungen aufgegeben. Der Trend geht also sicherlich noch weiter nach unten; ob die SF sich jemals wieder erholen wird, bleibt abzuwarten. Aber ich denke, dass in dem Fall gerade die Kleinverlage eher zum Zuge kommen werden und sich einen Leserstamm aufbauen können, denn "ganz aussterben" :thumb: werden die SF-Leser sicher nicht.

#3 deval

deval

    Temponaut

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Geschrieben 18 September 2006 - 12:27

Habe ich gar nicht so wahrgenommen das der SF Markt am Boden liegt. Ist das ein rein deutsches Phänomen oder ein weltweites, also hauptsächlich Amerika und England?

Ich stelle für mich immer wieder fest das ich weniger Zeit zum Lesen finde. Dafür verbringe ich mehr Zeit am PC (nein, keine Spiele!) oder mit meiner Familie. Mein Interesse an neu erschienenen SF Bücher hat auch rapide abgenommen. Da ich schon immer mehr auf die Bücher der alten Schriftsteller gestanden habe ist das aber auch kein Wunder - und da habe ich noch genug das ich lesen kann.

Ich bin auch nicht bereit 9 Euro oder mehr für ein Taschenbuch auszugeben. Da immer öfter Fortsetzungsgeschichten veröffentlicht werden sind die nächsten 9 oder 18 Euro auch schon vorprogrammiert. Wird mir auf Dauer einfach zu teuer.

Wenn es nicht nur ein reines Problem der SF Literatur wäre, hätte ich als weiteren Grund auch Ebay, Booklooker oder andere diverse Tausch- und Auktionsplattformen angeführt. In den 90er Jahren mußte ich alles mühsam im Buchladen kaufen wenn ich etwas neues lesen wollte da ich sonst keine Möglichkeit hatte an Neuerscheinungen ranzukommen. In Antiquariaten oder auf Trödelmärkten gab es nur die älteren Bücher zu kaufen. Wenn heute mal etwas erscheint das mich interessiert (Foster, Sheffield, Niven...) kaufe ich es mir gebraucht im Internet. Wenn ich es gelesen habe wird es dort auch wieder verkauft. Warum also Neuerscheinungen kaufen, wenn ich diese bereits nach einigen Tagen als Gebrauchtbücher im Netz bekommen kann? So wird untereinander ein gelesenes Buch weitergegeben, vor 10 Jahren hätten sich noch 8 Leute das Buch neu gekauft.

Bearbeitet von vallenton, 18 September 2006 - 12:29.


#4 Ernst Wurdack

Ernst Wurdack

    Verleger-O-Naut

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Geschrieben 18 September 2006 - 12:52

Meine Güte, das alte Sommerlochthema! Jammerlappen Deutschlands vereinigt euch und lamentiert, dass die Forensoftware glüht. Es gibt eine Autorengeneration, die nachhaltig dafür gesorgt hat, dass die SF am Boden liegt und kaum ein normaler Mensch mehr bereit ist, SF zu kaufen, die das Label SF trägt. Stinklangweilig, staubtrocken, zu theoretisch - das verbinden Nichtleser mit dem Begriff SF. DAS ist die Wahrheit und nichts sonst. Und genau aus diesem Grund bringt man SF, so sie denn spannend ist und gut geschrieben, in der allgemeinen Reihe unter. Auch wenn mich dafür jetzt manche in der Luft zerreißen, gegen diese sogenannte Misere kann man etwas unternehmen. Nämlich spannende Romane produzieren, die auch dem einen oder anderen 'Normalleser' wieder schmackhaft gemacht werden können. Es gibt derzeit keine Krise in der SF, sonder eine riesengroße Chance, sie wiederzubeleben. Nur, mit nach hinten gewandtem Blick und dem üblichen Gejammere funktioniert das natürlich nicht.

#5 Kassandra1981

Kassandra1981

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Geschrieben 18 September 2006 - 13:34

Die SF ist am Boden??? Echt??? Das ist dann an mir vorbeigegangen. Ich finde, daß es zur Zeit extrem viele Neuerscheinungen gibt und ich Probleme mit dem lesen habe, da meine Zeit doch eingeschränkter ist als früher. @Uschi Zietsch: Ich kann Dir nur zustimmen, SF hat für viele Leute etwas anrüchiges und wird schnell als totaler Quatsch abgetan, was eigentlich sehr schade ist. Wenn Leute bei mir zu Besuch sind und die vielen SF-Bücher im Regal stehen sehen, werde ich nur müde belächelt. @wurdack: Jepp, es gibt Bücher, die mich persönlich extrem langweilen und durch die ich mich durchquälen muß, weil die Bücher meines Erachtens zu viel unwichtiges enthalten. Aber das ist wahrscheinlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Das was ich als unwichtig abtue, ist vielleicht für den ein oder anderen das wichtigste überhaupt :thumb:

#6 Naut

Naut

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Geschrieben 18 September 2006 - 13:48

Solange es Leute gibt, die SF schreiben, wird es auch Leute geben, die SF lesen. Ich weiß: Viele Magazine leiden darunter, dass mehr "Autoren" ihre Geschichten dort veröffentlichen wollen, als das Magazin Stammleser hat. Dennoch bleibe ich bei meiner These. Es wird sicher niemand (oder nur besonders seltsam veranlagte Individuen) auf den gedanken verfallen, etwas zu schreiben, dass man selbst nur vom Hörensagen kennt - daher ist jeder Schreiber von SF auch immer ein Leser. Der Rest ist nur eine Sache der Distribution, also wie das Geschriebene zum Leser kommt. Wenn die "großen" Verlage ihre Programme abspecken - ihr Pech. Im Zeitalter von Internet und Print on Demand sind wir auf die wirklich nicht angewiesen. Es gibt keine Krise, weder eine Ideenkrise (allein, was ich jeden Tag an Storyideen habe, würde für drei Autoren reichen, und ich bin nicht gerade ein Ausbund an Kreativität & Produktivität), noch eine echte Publikationskrise. Lediglich werden wir uns vielleicht an kleinere Auflagen und Internetmagazine gewöhnen müssen.

#7 nachtstrom

nachtstrom

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Geschrieben 18 September 2006 - 14:10

Beverly schrieb: "Wenn ich jemanden eine lesenswerte Space Opera empfehlen sollte, würden mir da gerade die Romane von Poul Anderson um die Polesotechnische Liga und das ihr folgende Imperium einfallen. " Also bei allem Respekt, das kann ich nun wirklich nicht nachvollziehen :thumb: Ich hab noch nie verstehen können, wie man den Anderson als Schreiberling guter Space Operas anführen kann. Alles was ich bis jetzt von dem zu lesen versucht habe, ist hölzern, verstaubt und teilweise auf unterstem Groschenroman- Niveau (ich denke da nur mit Schaudern an diese unsäglichen *Dominic Flandry* - Elaborate). Da gab es ja schon in den 1960ern viel inspirierenderes... Und wenn ich das z.b. mit neuzeitlichen werken von Hamilton oder Simmons vergleiche, würde ich sagen, zeigt die Niveaukurve derSpace Opera doch gegen früher steil nach oben.. (ausnahmen bestätigen die regel) Das es schon wieder eine Krise in der SF gibt kann ich so garnicht nachvollziehen: wegen der Flut an Neuerscheinungen, und wegen der oftmals ausverkauften Bücher in den Geschäften meiner Heimatstadt ( wenn man einen tag zu lange wartet, sind oft die bereits anvisierten bücher von asher, brandhorst, stross etc. schon längst wieder weg) lg walter
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#8 HolyKnight

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Geschrieben 18 September 2006 - 14:19

Die Frage ist auch: Wie definiert der Leser den Begriff Science Fiction? Ist es für ihn "In ein Raumschiff steigen, fremde Welten entdecken und gegen Aliens kämpfen" dann hat der Leser nicht die Definition, die ich für mich einnehme. Ich habe beispielsweise die Bücher von Michael Marrak gelesen "Lord Gamma" (einfach nur genial die Idee!) und "Morphogenesis" (sehr komplex am Ende, aber dennoch was nicht Alltägliches) und fand, wie man den Klammern entnehmen kann, die Ideen sehr gut. Das ist für mich auch Science Fiction, obgleich da nun keine fliegenden Untertassen vorkommen und bei "Morpho" eher Fantasyaspekte für manche Leser sicherlich das Gewicht halten. Auch das Werk "Ilium" stelle ich mir interessant vor, habe es aber nicht gelesen. Götter auf dem Mars oder so ähnlich war irgendwie die Idee und ein Männiken entdeckt das alles, das ist doch mal was. Warum nicht! Es kommt, wie Ernst auch schon sagte auf frische Ideen an. Je abwegiger vom Normalen, desto besser. Das kommt dann auch beim Leser an - zumindest bei mir. *g* Das Zauberwort heisst also IDEEN! Vielleicht nicht für Fantasy, weil dort momentan in jedem zweiten Roman die Orks auf die Elfen eindreschen und umgekehrt, aber für SciFi schon. Denke ich zumindest. Also an alle motivierten Autoren: Lasst das Raumschiff in der Garage (fremde Welten haben schon Enterprise und sogar die Raumpatrouille Orion entdeckt, wenn ich nicht irre) und ab gehts in neue und verrückte Gefilde! :thumb: Grüße David
"Ich weiß nicht als was ich der Welt dereinst erscheinen werde. Aber ich selbst komme mir wie ein am Meeresrande spielender Knabe vor, der hier und da einen glatteren Kiesel oder eine schönere Muschel als gewöhnlich findet, während der große Ozean der Wahrheit in seiner Unermesslichkeit unerforscht vor mir liegt." (Isaac Newton)

Legimus

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#9 Jakob

Jakob

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Geschrieben 18 September 2006 - 14:26

Im englischsprachigen Raum kann ich die Krise der SF - oder sage ich mal lieber, der Phantastik im allgemeinen - beim besten Willen nicht ausmachen. Gerade in England ist die Genreliteratur im Allgemeinen mal wieder dabei, sich umzukremplen und zu erneuern. Da passt dann nicht unbedingt immer das Label SF drauf (Hal Duncan, China Mieville), die Themen und Konzepte der SF werden dort jedoch in neuer Art weiterbehandelt. Und auch die "klassische" SF findet immer wieder neue Autoren, die das Genre verändern und weiterentwickeln (Justina Robson, R.C. Wilson). Sogar alte Hasen wie John Clute und M. John Harrison wirken fleißig in den neueren Strömungen mit. Was englischssprachige SF und Phantastik angeht, könnte ich glücklicher nicht sein. Im deutschsprachigen Raum, naja. Ich verfolge das nicht so, habe aber den Eindruck, dass die Interessantesten phantastischen Autoren total an der SF-Szene vorbei existieren - dass man sich gegenseitig kaum bemerkt. Für mich sind das spontan Dietmar Dath, Tobias O. Meißner, Barbara Kirchner. Alles Leute, die neue Impulse geben könnten, die dann auch wiederbelebend ins Feld der SF im engeren Sinne wirken könnten. Zwar kann man diese Autoren an einer Hand abzählen, aber da sind sie. Aus welchem Grunde auch immer scheint mir die SF-Szene hier einfach nicht besonders interessiert an Neuentwicklungen. Oft habe ich den Eindruck, dass man sich viel zu sehr an Maßstäben orientiert, die früher von guten Autoren gesetzt worden sind, und darüber die Fähigkeit verliert, neue Sachen eigenständig zu bewerten. Ein Genre wie die SF ändert sich entweder oder es geht ein, und ich habe oft das Gefühl, dass viele Leute die Änderungen gar nicht mitkriegen und deshalb denken, es ginge zuende mit der SF.
"If the ideology you read is invisible to you, it usually means that it’s your ideology, by and large."

R. Scott Bakker

"We have failed to uphold Brannigan's Law. However I did make it with a hot alien babe. And in the end, is that not what man has dreamt of since first he looked up at the stars?" - Zapp Brannigan in Futurama

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#10 Naut

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Geschrieben 18 September 2006 - 15:21

[...]
Im deutschsprachigen Raum, naja. Ich verfolge das nicht so, habe aber den Eindruck, dass die Interessantesten phantastischen Autoren total an der SF-Szene vorbei existieren - dass man sich gegenseitig kaum bemerkt. Für mich sind das spontan Dietmar Dath, Tobias O. Meißner, Barbara Kirchner. Alles Leute, die neue Impulse geben könnten, die dann auch wiederbelebend ins Feld der SF im engeren Sinne wirken könnten. Zwar kann man diese Autoren an einer Hand abzählen, aber da sind sie.

Aus welchem Grunde auch immer scheint mir die SF-Szene hier einfach nicht besonders interessiert an Neuentwicklungen.[...]

Du sagst (grob vereinfacht von mir), dass die SF-Szene diese Autoren nicht will, aber wollen diese Autoren denn die SF-Szene? Von Dath und Kirchner kenne ich bisher nur die (sehr inspirierenden) Sachtexte in Alien Contact, Meißner hat - ebenfalls zu AC - ein Interview beizutragen.

Nun ja, könnte man sagen, die Aufgabe eines Autors ist ja auch nicht, auf Cons Bier zu trinken, sondern Romane abzuliefern. Stimmt natürlich. Aber um von der SF-Szene wahrgenommen zu werden, und dieser die geforderten Impulse zu liefern, würde es doch nicht schaden, einmal eine Kurzgeschichte zu den einschlägigen Magazinen (sei es ruhig wieder Alien Contact!) beizusteuern. Meinem Eindruck nach ist es nämlich vor allem die schnelle und gute Magazin-Szene, die uns England, Amerika und auch Australien voraus haben.

Bearbeitet von Naut, 18 September 2006 - 15:22.


#11 Pixelprimat

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Geschrieben 18 September 2006 - 15:31

Und da sind die relativ neuen Themen der SF: Cyberpunk, Biopunk, Steampunk. Fristen ein jämmerliches Dasein am Rande des Konsumentenbewusstseins. Wahrscheinlich wissen die meisten Leute (v.a. jenseits des Fandoms) nichtmal, dass es sowas gibt. Fast alle haben sie Matrix und Gattaca und Die Liga der außergewöhnlichen Gentleman gesehen, sie betrachten es zwar als was "Erfrischend Neues", aber auch als nichts Eigenes. Als tot betrachte ich die SF keineswegs. Sie befindet sich eben in einer Umorientierungsphase, weg von den Raumschiffen, hin zu "neuen" Themen. Da Cyberpunk und Biopunk auch schon teilweise Realität sind, liegt es nahe, dass diese Genres auch mehr mit Non-Fiktion verschmelzen, nicht mehr mit den gängigen Vorstellungen über SF (Raumschiffe, Aliens) konformieren und deshalb von einem Konsumenten außerhalb des Fandoms auch gar nicht als SF eingestuft werden.

Bearbeitet von Pixelprimat, 18 September 2006 - 15:37.

...mfg Talh/Pixelprimat

#12 Jakob

Jakob

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Geschrieben 18 September 2006 - 16:29

Du sagst (grob vereinfacht von mir), dass die SF-Szene diese Autoren nicht will, aber wollen diese Autoren denn die SF-Szene? Von Dath und Kirchner kenne ich bisher nur die (sehr inspirierenden) Sachtexte in Alien Contact, Meißner hat - ebenfalls zu AC - ein Interview beizutragen.

Nun ja, könnte man sagen, die Aufgabe eines Autors ist ja auch nicht, auf Cons Bier zu trinken, sondern Romane abzuliefern. Stimmt natürlich. Aber um von der SF-Szene wahrgenommen zu werden, und dieser die geforderten Impulse zu liefern, würde es doch nicht schaden, einmal eine Kurzgeschichte zu den einschlägigen Magazinen (sei es ruhig wieder Alien Contact!) beizusteuern. Meinem Eindruck nach ist es nämlich vor allem die schnelle und gute Magazin-Szene, die uns England, Amerika und auch Australien voraus haben.


Meinte ich ja genau - dass Szene und solche Autoren einander gar nicht richtig zu bemerken scheinen. Aber ich finde auch, dass man von den Leuten nicht erwarten kann, dass sie einer Subszene den Hof machen, in der sie weniger Widerhall finden als in den Literaturszene im allgemeinen. Und man könnte für die Magazine durchaus an Texte dieser Autoren rankommen, wenn man sich etwas bemühen würde - den Dath-Essay für AC einzuwerben war gar kein Problem. Im Endeffekt ist es doch eher Aufgabe der Magazine, ein interessantes Programm zu gestalten als Aufgabe der Autoren, sich um ihre Veröffentlichung in diesen Magazinen zu bemühen.
Im englischsprachigen Raum scheint das tatsächlich besser zu funktionieren, vielleicht auch, weil da für eher randständige Autoren aus rein demographischen Gründen ein größerer Markt besteht.
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#13 Beverly

Beverly

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Geschrieben 18 September 2006 - 18:16

Space Operas sind momentan nicht besonders angesagt, es sei denn unter bekannten Labels wie Star Wars, Star Trek, usw., Spiele und erfolgreiche Serien wie Honor Harrington.



Obwohl mich Weltraum fasziniert, haben mit die Space Operas zuletzt nur gelangweilt. Als ich mir im Buchladen wieder neues Lesefutter besorgen wollte, stand für mich fest: KEINE Space Opera, dafür habe ich ein Buch bekommen (DER CONSUL von Dithfurth), wo endlich mal wieder flüssig erzählt wird.

#14 Beverly

Beverly

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Geschrieben 18 September 2006 - 18:24

Wenn es nicht nur ein reines Problem der SF Literatur wäre, hätte ich als weiteren Grund auch Ebay, Booklooker oder andere diverse Tausch- und Auktionsplattformen angeführt. In den 90er Jahren mußte ich alles mühsam im Buchladen kaufen wenn ich etwas neues lesen wollte da ich sonst keine Möglichkeit hatte an Neuerscheinungen ranzukommen. In Antiquariaten oder auf Trödelmärkten gab es nur die älteren Bücher zu kaufen. Wenn heute mal etwas erscheint das mich interessiert (Foster, Sheffield, Niven...) kaufe ich es mir gebraucht im Internet. Wenn ich es gelesen habe wird es dort auch wieder verkauft. Warum also Neuerscheinungen kaufen, wenn ich diese bereits nach einigen Tagen als Gebrauchtbücher im Netz bekommen kann? So wird untereinander ein gelesenes Buch weitergegeben, vor 10 Jahren hätten sich noch 8 Leute das Buch neu gekauft.


Bei einem Titel von mir - VÖLKER DER SONNE - hat es wohl wegen kleiner verkaufter Auflage über ein Jahr gedauert, bis er bei Amazon auch gebracht angeboten wurde. Da ich damit keine finanziellen Interessen verfolge (außer mehr Geld reinzustecken, als bis jetzt rausgekommen ist), soll es mir recht sein. Je mehr Menschen das Buch lesen, um so besser. Angesichts dieser Haltung frage ich mich aber, ob nicht Autoren und Verlage auch vom Weiterverkauf ihrer Bücher profitieren, weil das wie Werbung ist. Diese Rechnung geht natürlich nur auf, wenn es noch genügend gibt, die auch neue Bücher kaufen.

#15 Beverly

Beverly

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Geschrieben 18 September 2006 - 18:29

Auch wenn mich dafür jetzt manche in der Luft zerreißen, gegen diese sogenannte Misere kann man etwas unternehmen. Nämlich spannende Romane produzieren, die auch dem einen oder anderen 'Normalleser' wieder schmackhaft gemacht werden können. Es gibt derzeit keine Krise in der SF, sonder eine riesengroße Chance, sie wiederzubeleben.


Das sehe ich auch so und denke, dass die in meinem Eingangspost skizzierten sehr gegensätzlichen Entwicklungen - Realisierung von der SF prognostizierter technischer Utopien vs. Rückfall in die Barbarei - eine Chance für SF bieten.

#16 Beverly

Beverly

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Geschrieben 18 September 2006 - 18:58

Also an alle motivierten Autoren: Lasst das Raumschiff in der Garage (fremde Welten haben schon Enterprise und sogar die Raumpatrouille Orion entdeckt, wenn ich nicht irre) und ab gehts in neue und verrückte Gefilde! :D


Das sehe ich anders. Obwohl bei meinen eigenen Schreibprojekten derzeit "das Raumschiff in der Garage ist", fände ich es sehr spannend, wenn das Weltraum-Subgenre Bezug auf die Suche nach extrasolaren Planeten nehmen und den Faden weiterspinnen würde, gerade weil sich da etwas realisiert, was zu den Zeiten der ersten Enterprise reine Utopie war.

#17 Kopernikus

Kopernikus

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Geschrieben 19 September 2006 - 11:24

Krise in der SF? Ich schließe mich mal den herrschenden Tenor, die ist irgendwie an mir vorbeigegangen. Es kommen anch wie vor mehr Neuerscheinungen im Monat raus, als irgendjemand in der Lage wäre zu lesen, Autoren wie z.B. Baxter, Stross, Simmons, Wilson und Hamilton schaffen es konstant dem Genre neue Impulse und Ideen zu geben, kurzum, eine Krise sieht für mich anders aus. Und wem nun die aktuellken moden im SF nicht zusagen, findet gerade hierzulande in den Kleinverlagen hervorragende Alternativen zu den rein Umsatzorientierten großen Vertretern. Und für zwischendurch, wenn sich gerade mal gar nichts neues finden lassen sollte, gibt es immer noch einen Golden Oldie, den man noch nicht kannte. SF ist vieles, aber nicht tot. P.S. @ Beverly: Unten rechts unter deinem Beitrag findest einen Button "Edit", 4 Beiträge in Folge vom selben User stören m.M. nach den Lesefluß schon etwas :D

Bearbeitet von Kopernikus, 19 September 2006 - 11:26.


#18 molosovsky

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Geschrieben 19 September 2006 - 14:59

Mein senf zur stattfindenden oder nur vermeindlich stattfindenden krise der SF? Ich denke, daß die realweltlichen krisen und entwicklungen ›interessanter‹ sind als vieles, was als SF daherkommt. Ich gehöre nicht zu denen, die annehmen, die SF-literatur müsse kommende entwicklungen kommentieren oder gar zukunftszenarien entwerfen. Wie man anhand der globalisierung/globalität sehen kann, wurden die letzten 400 jahre ›schlampig‹ verarbeitet. (Siehe aber Großmeister Stephenson und seinen »Barock-Zyklus«. Da wird die u.a. SF auf einige ihrer markantesten historischen wurzeln zurückgeführt.) — Entsprechend habe ich SF (wie auch die anderen phantastik-schubladen) immer eher als ausblicke und reflektionen auf gegenwart und vergangenheit genommen, und weniger als ›orakel‹ und ›prophezeiungen‹ verstanden. — Wenn, dann bewegt sich SF eher zwischen den polen einer mahnenden und einer hoffnungsspendenden zukunftsschau. DAS problem dabei Die mahnende, pessimistische seite von SF ist nun mal schwer zu verkaufen. Ich denke, daß die mehrheit an SF-lesern (und guckern) halt lieber lustige, bunte gadgets genießen möchte, und keine jammerparade von beschädigten existenzen. Ob »Star Wars« oder »Star Trek«, diese franchise-werke sind zuvördest wohlfühl-stoff zur selbstergänzung. Ich habe NICHT exkapismus geschrieben! Also versteht diese meldung bitte nicht als entsprechenden vorwurf. Nehmen wir den transhumanismus (von protesen und erweiterugnen des körpers bis hin zum downloaden des geistes): das ist ja real stattfindender eskapismus. Endziel der transhumanistischen bemühungen ist ja die überwindung der biologischen naturgegebenheiten, ein Nietzsche'anischer bockssprung vom menschen zum übermenschen, eine buchstäblich in tat umgesetzte ›näher zu gott‹-ambition der teilnehmer der transhumanistischen utopie. — Nur, wer wird sich die ganzen tollen transhumanisten-produkte leisten können. Wird sich dereinst jeder zu einem fogglett wandeln können? Ich denke nicht. (Fogglett: hab ich aus dem comic »Transmetropolitan«. Das sind leut, die ihr bewußtsein in eine wolke aus nano-maschinen downgeloaded haben.) Mal angenommen, es gibt diese SF-krise. Ich würde sagen, daß diese krise mit »Star Wars« begonnen hat. diese weltraum-oper hat die pop-oberfläche der SF dermaßen heftig in richtung ›kindisch‹ geprägt. Ich denke, daß der sogenannte cyberpunk ein (für mich zumindest erfreuliches) gegen-moment zu dieser prägung war. Hier werden noch am ehesten unangenehme aspekte der ganzen SF-spekuliererei aufgefahren, die in der ganzen tralala-SF aus gründen der marktgängigkeit tunlichst ignoriert oder schön-retouchiert werden. EIN indikator für diese entwicklung sind die wunderbaren grenzgänger-beiträge und werke, die von autoren/autorinnen vorgelegt wurden, die eher nicht dem genre-kreis entstammen. Man vergesse da nicht, daß z.B. schon Orwell so ein außenseiter war. In den letzten monaten/jahren haben eine ganze menge leute SF abgeliefert, die sehr virulent und lesenswert ist, aber ich hab im fandom kaum auseinandersetzungen zu diesen werken vernommen. Ich denke an sachen wie Sorokins »Ljod«, Ruffins »Globalia«, Kunkels »Endstufe«, Kraussers »UC« (um nur einige zu nennen). — Niffeneggers »Die Frau des Zeitreisenden« ist da eine ausnahme; dieses buch wurde durchaus wahrgenommen in SF-kreisen (und wie ich freudig feststelle: fast überwiegend positiv). Was vielleicht in genre-kreisen nicht so gern gehört wird: das meiste was an SF erscheint ist erstmal pulp. Das mein ich nicht bös, sondern als jemand, der ex-und-hopp-schreibe genießt. Jemand wie Charles Stross lebt nun mal von flappsiger ideen-schleuderei. Wer sowas wegen plausibler handlung oder glaubwürdigen figuren ließt, setzt auf den falschen lektürestoff. Meine optimistische sicht ist, daß bei der krise der SF u.a. die zwei großen strömungen der wellness-märchen-SF (pro status quo) und der kritischen-›anklage‹-SF (anti status quo) miteinander ringen. Klaro hat dabei die sich besser verkaufende affekt-verwöhnungs-SF die oberhand. Der aufbauende gemüths-kick durch depri-infos ist nun mal eine sache einer minderheit. Soweit, so wirr. Grüße Alex / molosovsky

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#19 Holger

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Geschrieben 19 September 2006 - 15:36

Meine Güte, das alte Sommerlochthema!

Nö, keinesfalls. Augenscheinlich gibt es das Bedürfnis sich darüber zu unterhalten. Wenn diesem Bedürfnis nicht (in Form neuer Threads) nachgegeben wird, kann ich den Laden gleich dicht machen!
:smokin:

@molosovsky: ein sehr anregender Beitrag. Vielen Dank. Nun hab ich doch noch Lust bekommen, mich in die Debatte einzubringen!
:D

Seit geraumer Zeit begegne ich der Frage nach der "Krise in der SF-Literatur" anders. Zum einen differenziere auch ich sehr wohl den englischen/amerikanischen Markt und den deutschen. Bedingt durch den verlorenen zweiten Weltkrieg hat sich in Deutschland niemals diese Verbindung aus Technik- und Zukunftsbewußtsein entwickeln können, wie etwa in den USA oder GB. Man hatte andere Sorgen und Visionen, die sich in der Kunst und Literatur widerspiegelten. Letztlich heißt auch "unser Mann im All" Perry Rhodan" und nicht Georg Schultze. Hand aufs Herz: deutsche SF stand und steht häufig im langen Schatten der angloamerikanischen Tradition.

Mag sein, dass das Label "SF" auf einem Buchrücken Kassengift ist. Erklärung gibts genug (in diesem Thread habe ich etliche, sehr gute gelesen). Das Resultat ist, dass die großen Verlagshäuser ihre ausgewiesenen SF-Reihen einstampfen und/oder das Label vom Buchrücken entfernen und den Titel einfach in ihre allgemeine Reihe integrieren. Wo ist nun das Problem? Ich sehe keins! Es wird vielleicht schwieriger die Romane ausfindig zu machen, aber geschrieben und verlegt werden sie dennoch: Schätzing, Eschbach, Kunkel, Niffenegger, Crichton, Baxter, Barry, ...; Ist mir doch egal, ob Autor oder Verleger das Werk als SF einstufen. Hauptsache es passt! Und gute Neuerscheinungen gibt es en masse, ich komme kaum nach.

Ich denke schlicht, der Begriff "SF" ist in der Krise. Lassen wir ihn eben weg. An der Substanz ändert sich, abgesehen von dem thematischen Wandel (den wir eigentlich alle begrüßen) nichts.

Accelerando!
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#20 molosovsky

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Geschrieben 19 September 2006 - 19:19

Hi Holger: wenn man den begriff ›SF‹ wegläßt, wie soll man das feld dann nennen. Bin ich hier beim ›hmhm‹-netzwerk? ••• Folgende lesart der krise. SF-nahe inhalte kommen in erschlagender heftigkeit und dichte in form von realwelt-problemen und -entwicklungen über uns. Dementsprechend ist das arme kleine terrain des SF-romans (und der kurzgeschichte) völlig überlastet. Worauf sich konzentrieren? — Frei nach Stephenson: Der reitet in seinem voluminösen »Barock-Zyklus« auf der zeit zwischen ca. 1650 und 1720 herum, und meinte dazu, daß diese epoche die jüngst zurückliegende zeitenwende ist, die dem wandel unserer heutigen zeit (fall eiserner vorhang, technologische und mediale gloablität) sehr ähnlich ist. In keiner ganzen handvoll jahrzehnte änderte sich mehr und umfassender, als andererzeit über jahrhunderte (Heiliges Römisches Reich?). Entsprechend der fülle an aktuell stattfindenden SF-thematischen entwicklungen, und eingedenk der verkomplizierung des politischen weltgefüges seit dem mauerfall, ist die informations- und ideen-konkurrenz reger geworden. Entsprechend unübersichtlicher wird das feld. Vertraute genre-kernbereiche (z.B. die Space Opera) müssen sich um so heftiger gefallen lassen, als lahmarschig und ausgenudelt abqualifiziert zu werden (von etwaigen retro-auffrischungen abgesehen, siehe z.B. die filme »Zathursa« und »Sky Captain«). Was vielleicht dabei am meisten verwirrt, ist die frage, wie hoch der anteil an klar zu benamsender SF (und nicht etwa fantasy, mystery oder ähnliches) sein muss, damit ein werk ohne ach und krach als SF durchgeht. Das problem besteht in der wahl der genre-brille, die man aufsetzt. Ich fand es immer sehr schwer, in zeitbezogenen genre-rahmen zu denken, denn imho gibts einfach zu wenig zeiten-speziefische wellen (z.B. ›paranoide‹ Kalter Krieg-SF). Ich fand es immer leichter, mich in themenbezogene genre-brillen einzulassen. In medienärmeren zeiten mögen noch generationen lang z.b. katholische (Margeret v. Newcastle) und nicht-katholische (Swift) utopien gegeneinander angetreten und verhandelt worden sein. Heute ist alles mediale so beschleunigt und vernetzt, daß jegliches generalisierendes betrachten durch statisches rauschen getrübt wird. — Haben wir denn einen ausblick inne, der als sicher gelten kann? Als weltbürger, als westler, als europäer, als deutschsprachige (ich als exilbayer in Frankfurt)? Sicher ist für mich nur, daß die SF genug zu tun hat, damit ihr die stoffe nicht ausgehen. Was verlage und andere distributoren daraus machen, steht auf einem anderen blatt. Grüße Alex / molosovsky

Bearbeitet von molosovsky, 19 September 2006 - 19:20.

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#21 Rusch

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Geschrieben 19 September 2006 - 20:46

Ich frage mich, ob die Bezeichnung schon wieder Krise zutrifft, denn meines erachtens haben wir die Krise doch gerade erst überwunden. Ich meine, vor drei, vier Jahren erschien ja fast gar keine SF mehr. Heyne war wegen des Random Kaufs am Boden und man hat überhaupt nicht mehr in riskatere Projekte investiert (und SF ist nun mal leider keine sichere Bank mehr) und andere Verlage mussten sich erst neu orientieren. So kam es dann, dass Bastei sein Programm ausgeweitet hat und als dann Heyne wieder zurück kam, waren wir bestens versorgt. Wenn es jetzt ein wenig zurück geht, dann ist das Ok. Wir waren ein bißchen überversorgt. Ansonsten sehe ich es gelassen: Ich bin der englischen sprache mächtig und kann im Extremfall auch Originalausgaben lesen.

#22 Beverly

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Geschrieben 20 September 2006 - 07:22

Alles sehr interessante Antworten. Die Krise der SF scheint es vielen Posts zufolge nicht zu geben oder sie beschränkt sich auf das schlechte Image des Labels "Science Fiction", nicht auf das Genre als solches. Bleibt aber die Frage, ob die Science Fiction angemessen auf gegenwärtige Herausforderungen reagiert. Mit "angemessen" meine ich nicht Fortschreiben der gegenwärtigen Tristesse im Sinne von "Naher Zukunft"-SF, sondern das Aufzeigen von Lösungen und Alternativen. Wir leben selbst in einer Welt, die den "Nahe Zukunfts"-Szenarios der SF entspricht, womit diese ihre Funktion verlieren bzw. zu Gegenwartsliteratur werden. Vielleicht gibt es in der SF die Antworten auf gesellschaftliche Probleme, nur sind die Titel und Autoren an mir (und anderen) vorbeigegangen.

#23 Holger

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Geschrieben 20 September 2006 - 07:30

Antworten auf akute Probleme erwarte ich eigentlich von keiner Form der Unterhaltungsliteratur. Eher eine Auseinandersetzung oder eine Konkretisierung der Frage. Aber Lösungen? Schwer vorstellbar.
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#24 Uschi Zietsch

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Geschrieben 20 September 2006 - 09:00

Meine Güte, das alte Sommerlochthema!
Jammerlappen Deutschlands vereinigt euch und lamentiert, dass die Forensoftware glüht.
Es gibt eine Autorengeneration, die nachhaltig dafür gesorgt hat, dass die SF am Boden liegt und kaum ein normaler Mensch mehr bereit ist, SF zu kaufen, die das Label SF trägt. Stinklangweilig, staubtrocken, zu theoretisch - das verbinden Nichtleser mit dem Begriff SF.
DAS ist die Wahrheit und nichts sonst. Und genau aus diesem Grund bringt man SF, so sie denn spannend ist und gut geschrieben, in der allgemeinen Reihe unter.
Auch wenn mich dafür jetzt manche in der Luft zerreißen, gegen diese sogenannte Misere kann man etwas unternehmen. Nämlich spannende Romane produzieren, die auch dem einen oder anderen 'Normalleser' wieder schmackhaft gemacht werden können. Es gibt derzeit keine Krise in der SF, sonder eine riesengroße Chance, sie wiederzubeleben.
Nur, mit nach hinten gewandtem Blick und dem üblichen Gejammere funktioniert das natürlich nicht.

Ähm ... jammern tut hier eigentlich keiner, von Lamentieren kann auch keine Rede sein, und die Frage in den Raum zu stellen halte ich für legitim. Ich finde so einen Beitrag wie deinen nicht allzu produktiv, sorry. Man kann doch darüber diskutieren? Wenn du das Thema nicht magst, beteilige dich halt nicht?

Ich ziehe mir jetzt mal den Schuh an, auch wenn ich nicht weiß, ob ich gemeint war: Richtig, ich habe gesagt, dass die SF heutzutage im Vergleich zu den 80ern, wo man sie schon für sterbend hielt, tot ist - tja, ich kann es nicht ändern, ich unterhalte mich eben mit manchen Leuten, und das ist eben das bisherige Fazit. Aber ich glaube mich auch zu erinnern, dass ich im selben Beitrag geschrieben habe, dass es gerade für die Kleinen von Vorteil ist, wenn die Großen ihr Programm wieder reduzieren, oder?
SF ist ein Genre, das irgendwann in eine Nische gedrängt wurde und seither darum kämpfen muss, wieder herauszukommen. Das ist eine Tatsache.
Aber das heißt noch lange nicht, die SF aufzugeben - das habe ich nicht gesagt, werde es gewiss auch nicht, sondern hartnäckig und gerade erst recht, wie auch schon Ende der 80er, SF verlegen.

Ich bleibe aber dabei, dass mir die Ausgrenzung der SF von der "Normalliteratur" nicht gefällt, weil dadurch viel an Beachtung und Anerkennung verlorengeht. Diese Ansicht habe ich schon immer vertreten.

#25 Jakob

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Geschrieben 20 September 2006 - 09:51

Alles sehr interessante Antworten. Die Krise der SF scheint es vielen Posts zufolge nicht zu geben oder sie beschränkt sich auf das schlechte Image des Labels "Science Fiction", nicht auf das Genre als solches.

Bleibt aber die Frage, ob die Science Fiction angemessen auf gegenwärtige Herausforderungen reagiert. Mit "angemessen" meine ich nicht Fortschreiben der gegenwärtigen Tristesse im Sinne von "Naher Zukunft"-SF, sondern das Aufzeigen von Lösungen und Alternativen. Wir leben selbst in einer Welt, die den "Nahe Zukunfts"-Szenarios der SF entspricht, womit diese ihre Funktion verlieren bzw. zu Gegenwartsliteratur werden.
Vielleicht gibt es in der SF die Antworten auf gesellschaftliche Probleme, nur sind die Titel und Autoren an mir (und anderen) vorbeigegangen.


"Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?"

Ne, Antworten und Lösungen möchte ich von der SF auch nicht. Da, wo sie sich bisher an solcherlei versucht hat, war sie selten gut, manchmal interessant und manchmal unerträglich. Da halte ich es doch lieber mit den kritischen Fragen.
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#26 Naut

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Geschrieben 20 September 2006 - 10:32

Ich für meinen Teil habe diesem Thread auf jeden Fall schon wieder eine Menge Leseempfehlungen entnommen: Mal sehen, was Dietmar Dath so zu bieten hat. Antworten aus der SF? Sehe ich nicht so. Die bloße Vorstellung "einfacher" Antworten erscheint mir wie eine naive Steuerungsideologie (wenn man nur dies Knöpfchen drückt/ jenes Gesellschaftssystem einführt wird alles gut). SF schätze ich, weil sie mich für gewisse aktuelle oder ewig gültige Fragestellungen sensibilisiert, ohne mich dabei - wie viele Sachbücher - zu Tode zu langweilen. Dieser Aufgabe wird gute SF auch heute noch gerecht, auch wenn kein Genre-Aufkleber mehr am Buchrücken prangt.

#27 Diboo

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Geschrieben 20 September 2006 - 12:22

Ich für meinen Teil habe diesem Thread auf jeden Fall schon wieder eine Menge Leseempfehlungen entnommen: Mal sehen, was Dietmar Dath so zu bieten hat.

Antworten aus der SF? Sehe ich nicht so. Die bloße Vorstellung "einfacher" Antworten erscheint mir wie eine naive Steuerungsideologie (wenn man nur dies Knöpfchen drückt/ jenes Gesellschaftssystem einführt wird alles gut). SF schätze ich, weil sie mich für gewisse aktuelle oder ewig gültige Fragestellungen sensibilisiert, ohne mich dabei - wie viele Sachbücher - zu Tode zu langweilen.
Dieser Aufgabe wird gute SF auch heute noch gerecht, auch wenn kein Genre-Aufkleber mehr am Buchrücken prangt.



Nicht einmal das. Das ist hier doch wieder nur eine langweilige Literaturliteraturdiskussion. Was für kritische Fragen? Was für visionäre Antworten? Die werden doch im Zweifelsfalle nur einen sehr geringen Kreis potentieller Leser interessieren. Ich behaupte, dass 90 % der potentiellen und tatsächlichen SF-Leser vor allem an guter, knackiger Unterhaltung interessiert sind und nicht daran, sich mit den Schicksalsfragen der Welt auseinanderzusetzen. Und der "Erfolg" oder die "Krise" der SF hängen schlicht davon ab, ob sich genügend Leute durch SF unterhalten fühlen und dann wieder zum Genre greifen oder nicht. Effektiver Eskapismus ist eine weitaus bessere Strategie zur Überwindung irgendeiner "Krise" als das bewusste Problemwälzen.

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#28 Jakob

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Geschrieben 20 September 2006 - 12:44

Nicht einmal das. Das ist hier doch wieder nur eine langweilige Literaturliteraturdiskussion. Was für kritische Fragen? Was für visionäre Antworten? Die werden doch im Zweifelsfalle nur einen sehr geringen Kreis potentieller Leser interessieren. Ich behaupte, dass 90 % der potentiellen und tatsächlichen SF-Leser vor allem an guter, knackiger Unterhaltung interessiert sind und nicht daran, sich mit den Schicksalsfragen der Welt auseinanderzusetzen. Und der "Erfolg" oder die "Krise" der SF hängen schlicht davon ab, ob sich genügend Leute durch SF unterhalten fühlen und dann wieder zum Genre greifen oder nicht. Effektiver Eskapismus ist eine weitaus bessere Strategie zur Überwindung irgendeiner "Krise" als das bewusste Problemwälzen.


Ich habe die Frage auch eher als eine nach der "kreativen Krise" der SF verstanden. Die hängt natürlich mit dem Markt zusammen - je erfolgreicher SF im allgemeinen ist, desto besser können sich "anspruchsvolle" Titel mit durchschleichen und werden von mehr Leuten wahrgenommen. Ob das nun langweilig (Literaturliteratur") ist, ist ja wohl mindestens Ansichtssache. Ich finde tendenziell die Sachen interessant, die nicht das immergleiche wiederholen, ganz egal, ob sie dann von Stil und inhalt her eher "literarisch" oder eher "eskapistisch" einzuordnen wären.
Prinzipiell zerbreche ich mir aber auch nicht den Kopf der großen Publikumsverlage - die sollen vermarkten, was vermarktbar ist, ich picke mir raus, was mir interessant erscheint und bemesse dann daran, ob die SF meiner Ansicht in einer kreativen Krise steckt oder nicht. Und da kann ich im Moment zu dem Ergebnis kommen, dass das glücklicherweise nicht der Fall ist.

Ich finde nebenbei auch nicht, dass sich Eskapismus und Gesellschaftskritik ausschließen. "Eskapismus" ist ohnehin ein ungeeigneter Begriff, um etwas als trivial zu brandmarken, die Anschuldigung, die dahinter steckt, ist ja im großen und ganzen "Ihr kommt nicht mit der Wirklichkeit klar, also flüchtet ihr euch in Fantasiewelten". Das impliziert aber ein Verständnis von Gesellschaftskritik, dem zufolge diese explizit und "naturalistisch" zu sein hätte, also Verhältnisse getreu abbilden müsste. Dafür kann ich aber auch Sachbücher lesen.
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#29 Diboo

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Geschrieben 20 September 2006 - 12:46

"Eskapismus" ist ohnehin ein ungeeigneter Begriff, um etwas als trivial zu brandmarken, die Anschuldigung, die dahinter steckt, ist ja im großen und ganzen "Ihr kommt nicht mit der Wirklichkeit klar, also flüchtet ihr euch in Fantasiewelten".


Wo liegt der Vorwurf?
Ich WILL der Wirklichkeit entfliehen und mich in eine Fantasiewelt flüchten, wenn ich SF lese. Das ist GUT.

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#30 Jakob

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Geschrieben 20 September 2006 - 13:10

Wo liegt der Vorwurf?
Ich WILL der Wirklichkeit entfliehen und mich in eine Fantasiewelt flüchten, wenn ich SF lese. Das ist GUT.


Eskapismus ist wohl eher als Negativbegriff geprägt worden, ausgehend von einem realistischen Literaturideal - aber ich hab auch nichts dagegen, ihn im positiven Sinne zu verwenden. Ich denke nur, dass er oft in völligem Unverständnis der Tatsache verwendet wird, dass die Fantasiewelten, in die man sich flüchtet, sehr viel mit der Wirklichkeit zu tun haben. Kommt z.B. sehr schon in Michael Chabons Roman "The Amazing Adventures of Kavalier and Clay" zum Ausdruck, der darum geht, wie ein jüdischer Flüchtling aus Prag in ganz und gar "trivialen" Superheldencomics den 2. Weltkrieg und seine persönliche Geschichte verarbeitet.
Von daher sehe ich gar nicht so den prinzipiellen Unterschied zwischen "Eskapismus" und "Literatur-SF". Klar gibt's komplizierte oder dröge SF, die einen nicht mitreißt, aber es gibt auch genug mitreißende, Publikumswirksame Geschichten, die sich trotzdem mit Gesellschaftskritik befassen. "Neuromancer" ist dafür gar kein so schlechtes Beispiel, oder LeGuins "Left Hand of Darkness", oder Robsons "Silver Screen", oder das eine oder andere Dick-Buch, oder auch Mieville (mit Ausnahme wohl von "Iron Council", das ja von vielen für mehr oder weniger unlesbar befunden wird). Das ist alles Spannungsliteratur, oft mit trashigen Einschlägen und durchaus auch auf Effekthascherei bedacht. Sogar der völlig extravagante und wohl eher publikumsentfremdete Dietmar Dath hat einie ganze Menge Pulptradition in seinen Büchern stecken, da wimmelt es nur so von Moorcock- oder Romeroverweisen.
Oft bieten gute Bücher doch beides: Flucht und Möglichkeiten der Deutung und Auseinandersetzung. Und im besten Fall schaffen sie es sogar, diese Aspekte nicht nur nebeneinander zu stellen, sondern sie zu verknüpfen.
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