TVoD, SVoD, AVoD & Co. ¦ Streaming is Part of the Problem · Mk. VIII ¦ Basis und Überbau
Die Polulangrische Halbinsel, ein Landstrich, in dem zahllose Sprachen und Gesangskulturen aufeinandertreffen, steht im Mittelpunkt dieser herrlichen Liedersammlung von James Krüss. Wiegenlieder und Arbeitslieder, Hymnen, Totengesänge - das alles hat der Autor gesammelt und - nein, nicht übersetzt - mit Kommentaren und Zeichnungen versehen. Der Verlag Reclam hat die Sammlung nun neu aufgelegt und in einem geschmackvollen Hardcoverbändchen präsentiert.
Polulangrien, wo liegt diese Halbinsel? Wohl irgendwo in der Nähe der Fabelinsel, zwischen Helgoland und den glücklichen Inseln hinter dem Wind. Der Name, den Krüss dieser Gegend gegeben hat, deutet es bereits an, dass hier eine vielfältige Sprachenlandschaft beheimatet ist, und der Autor präsentiert mit viel Liebe zum Detail ihre liebenswürdigen Besonderheiten. Unsinnspoesie in höchstem Tiefsinn und viel Freude an Wissenschaftsparodie sind in diesem Bändchen vereinigt, und obwohl der geneigte Leser kein einziges Wort dieser gesammelten Gesänge verstehen kann, wird er am Ende doch mit einigem Bedauern feststellen, dass er das viel zu dünne Büchlein viel zu schnell durchgelesen hat.
Das älteste Wiegenlied
Welches Kind würde sich nicht gern in den Schlaf wiegen lassen mit den Versen des "nachweislich ältesten Lied(es) der polulangrischen Halbinsel", das dem Forscher zufolge "von sämtlichen Sprachgruppen als Wiegenlied gesungen" wird?
Use duse molemu
Unke punke balge
Ole mole wolewu
Anse banse walge
Liru laru lobedil
Ani tani tunde
Garbo larbo asewil
Windu wandu wunde
Völliger Unsin? Krüss schafft mit frei erfundenen Worten Traumwelten, malt mit Klängen und vergreift sich trotz der anscheinend regellosen Sprachen nie im Ton. Wer seine "normalen" Gedichte kennt, weiß, dass dieser Autor nie im Metrum schlampt und trotzdem lebendige, geschmeidige Verse zu Papier bringt. Und auch dieses "Use duse molemu" trifft den Ton eines Wiegenliedes genau und ist so recht geeignet, einen greinende Säugling einzulullen.
Sehr gelungen und für den sprachwissenschaftlich geschulten Leser doppelt genussreich sind die zahlreichen pseudolinguistischen und para-kulturhistorischen Betrachtungen, die Krüss seinen "gesammelten" Liedern beigibt. So wird anlässlich des Wiegenlieds darauf hingewiesen, dass Hoffmann von Fallersleben dieses dem "ele mele muh" verwandten Silbenspiel "für den gesamten indogermanischen Sprachbereich nachgewiesen (habe), ohne aber nachweisen zu können, ob den Silben eine sinnvolle Aussage zugrunde gelegen hat". Der Autor stellt Ähnlichkeiten und Unterschiede zum gleichfalls abgedruckten "Mumbrischen Wiegenlied" dar. Und er vermerkt sogar zum Wort "Garbo"als Kuriosum, dass ein amerikanischer Philologe zufällig anwesend war, als eine schwedische Schauspielerin einen Künstlernamen suchte, und dieses Wort aus einer polulangrischen Untersuchung des Professors Pfauk-Tschocke vorschlug: "So ist aus den beiden wahrscheinlich sinnlosen Silben ein Name entstanden, den die Welt heute noch kennt, obwohl die Schauspielerin längst zu filmen aufgehört hat."
Fotografieren verboten
Krüss beschreibt seine Sprachreise durch die Länder der Halbinsel als schwierig, unter anderem ist das Fotografieren in einigen Ländern verboten, sodass er sich mit Zeichnungen behelfen muss - eine Kunst, die der Autor durchaus beherrscht. Er stellt sich in die Tradition von Herder, Pückler, Fallersleben und Rückert, die allesamt vor ihm die Halbinsel bereitst hätten, und lobt Pfauk-Tschokkes "Polulangrisches Universalwörterbuch" und dessen "Kurzlehrgang der funkziadischen Sprache", die ihm auf seiner Reise gute Dienste geleistet hätten.
In der Tradition großer Volksliedsammler hält er die "Sombusische Sonnenode" und ein "Rumbrisches Brunnenlied" fest, zeichnet den "Totengesang der Wunglotten" auf und das "Mailied der Wolzbaken" und überliefert sogar Gesänge wie das "Blungwirische Schneckenlied" oder das "Lied der Krebsfresser von den bachkrontischen Inseln". Liebeslieder, Tanzlieder, Weinlieder, Gesänge der Handwerksburschen und Kameltreiber, Hymnen - es gibt kaum einen Anlass für Gesänge, den Krüss und die Polulangrier nicht bedacht haben.
Knirschende Krebspanzer
Der Gegensatz zum sanften Wiegenlied "Use duse molemu" kann nicht größer sein, wenn Krüss die in kulinarischen Freuden schwelgenden Krebsesser von den bachkrontischen Inseln belauscht. Man hört die Krebspanzer unter ihren Zähnen deutlich knirschen, wenn die Gourmets singen:
Krps rps wrps
Irkari rankulai trbs
Rankulai irkari
Hankulai kirkari
Schnrps krps drps
Chrks rks wrks
Schnabuli schmakulan trks
Schmakulan schnabulik
Bläkibap babulik
Schnrks krks drks
Der Liedersammler merkt an: "Es ist dies eines der heitersten Lieder der Halbinsel, das den leichtherzigen und manchmal gefährlich arglosen Charakter der Bachkronten auf exemplarische Weise spiegelt." Auch erfährt man, dass der sagenhafte erste König der Bachkronten als "bläkibab babulik" bezeichnet wurde, was soviel heißt wie: Der "mit Vergnügen schmatzende". Da möchte man doch sofort mit schnabulieren und schmackofatzen.
Jeder Übersetzungsversuch muss scheitern
Allerdings: "Der Versuch, die Lieder ins Hochdeutsche zu übertragen, den ich - zuletzt in der sombusische Hauptstadt Solangor - immer wieder unternahm, missglückte, weil er grundsätzlich immer wieder missglücken muss", schreibt der Autor. "Man kann in einer modernen Hochsprache keine Vorstellung von der Klangwelt dieser alten Elementarsprachen geben." So bleibt es beim Original: Ein herrlicher Spaß, der keine Übersetzung benötigt. Diese Lieder sind lautmalerische Kleinkunstwerke, die Beigaben eine wunderbare Wisenschaftsparodie, was braucht es mehr für ein paar vergnügliche Stunden?
Etwas schade ist es freilich, dass der Reclam-Verlag aus diesem Kleinod nicht "mehr" gemacht hat. Ja, das stilvolle Hardcover mit der Landkarte Polulangriens und den hellblauen Zwischenblättern macht optisch einiges her. Aber dass der Verlag im Anschluss einfach nur lieblos eine Zeittafel zum Leben des Autors hineingepappt hat, ist unwürdig. Ein kleines Nachwort zu Entstehung, Hintergründen und Rezeption dieses besonderen Lyrikbandes wäre doch nicht zu viel verlangt. So muss der unbedarte Leser sogar rätseln, ob es ein Nachdruck ist oder ein Manuskript aus dem Nachlass Autors. Nicht einmal das Impressum gibt Auskunft über die Erstveröffentlichung (laut Wikipedia 1968). Schade. Da ist man Reclam eigentlich höhere Standards gewohnt.
Fazit: Lautmalerische Gedichte von höchster Kunst, serviert mit freundlich-humorvoller Wissenschaftsparodie. Ein großartiger lyrischer Spaß. Unbedingt empfehlenswert. Schade, dass der Verlag kein Nachwort dazu spendierte.
James Krüss: Polulangrische Lieder. Gesammelt, herausgegeben und mit einer Vorbemerkung, Anmerkungen, Fußnoten, Zeichnungen und einem Literaturverhzeichnis versehen. Stuttgart: Reclam, 2026. 92 Seiten, Euro 16.
© Petra Hartmann

Der 122. NEUE STERN ist aufgegangen.
Ein Schwerpunkt ist diesmal das Werk von Ellen Norten, die nun schon ein paar Jährchen Teil vom ASFC-Stammtisch und NEUEN STERN ist. Sie schreibt ja selbst (leider viel zu wenig für den NEUEN STERN), stellt Anthologien zusammen und betätigt sich künstlerisch – sie malt und erstellt Grafiken am Bildschirm. Da kommt was zusammen – Grund, mal hinzuschauen:
Wie jedes Jahr war ich gespannt auf die aktuell stattfindenden ZKFT. Kulturelle Höhepunkte laden zum Verweilen ein, Lesungen, Workshops, Krimicomedy und vieles mehr.
Besonders freute ich mich über die Möglichkeit, neben der Personalausstellung von Gerlach Bente, wieder mit vielen anderen Künstlern im Museum Bilder zeigen zu können.
Mir gefällt das Ambiente. Voller Ehrfurcht bewunderte ich, wie beim letzten Mal, die herrlich alten Kreuzgänge des ehemaligen Franziskanerklosters.
Die Werke wurden von der Kuratorin angenommen und passend präsentiert.
Natürlich war die Vernissage gut besucht. Reden wurden gehalten, bemerkenswerte Gesangseinlagen mit musikalischer Begleitung gehörten dazu.
Beim Schlendern durch die Gänge fand ich die Bilder einer Künstlerin aus Jever. Ihre Arbeiten fielen mir schon mehrmals auf. Ich hatte das Glück, die Malerin Monika Reuss selbst in dem alten Gemäuer zu treffen und konnte ein wenig mit ihr plaudern. Das war eine wichtige und schöne Erfahrung für mich.
Die ZKFT geht bis zum 15. März 2026.
Ein Hinweis: In der Zerbster Stadthalle findet am 18.3.2026 um 19.00 Uhr eine Bonus-Veranstaltung statt. Arno Strobel liest aus seinem neuen Buch Ungelöst - Die erste Zeugin. Das würde mich auch interessieren.
Jeder 6. Mensch in Deutschland liest keine Bücher.
Das geht aus einer Umfrage (2024) hervor (DACH-Länder, Frankreich,Italien; 5000 Befragte) , die im Auftrag des Onlinebuchhändlers Galaxus in Auftrag erstellt und Anfang diesen Jahres veröffentlicht wurde .
Demnach kommen hierzulande 1/3 der Befragten auf 1-3 Bücher im Jahr. Nur die Hälfte will künftig mehr lesen – was den niedrigsten Wert darstellt. Ähnlich Lesefaul zeigt sich höchstens noch Frankreich.
Deutsche benutzen vergleichsweise häufiger ebooks (19%) - und Hörbücher (11%). Zur Lesefaulheit der Deutschen passt letzteres wiederum, dass sie im europäischen Vergleich die meisten Hörbücher konsumieren – jede zehnte Person in der Bundesrepublik lässt sich Bücher vorlesen.
Das Lieblingsgenre was Spekulative Fiction anbelangt ist bei Deutschen die Fantasy – Franzosen stehen eher auf Science-Fiction (s. 2. Grafik).
Frauen lesen dagegen häufiger Romane: in Deutschland beispielsweise 3 von 5 Frauen und nur 2 von 5 Männern.
Quelle:
https://www.galaxus....e-buecher-36136
bitte auf Grafiken klicken zum vergrössern:
Nur was endet, hat bekanntlich einen Sinn: Also ist es Zeit, dass auch dieser Vlog zu Ende geht – alles hat ein Ende, ergo auch das Ende. See you in a better place... ¯\_(ツ)_/¯
Die Leiden des jungen Verlegers
...
Ich bin mal wieder spät dran*, und tausche außerdem für diesen & den nächsten Eintrag die Neu-/Alt-Reihenfolge. Es handelt sich hier platzhaltend um ein Buch aus der Dr.-Seuss-Reihe, die in den 60ern die Vorgehensweise beim Lesen-Erlernen für Kinder revolutionierte. Außerdem hält sich das Buch an die Nonsens-Tradition von anderen Kinderbüchern seit Alice in Wonderland, was Kindern (& mir, übrigens) sicher so gut wie immer gefällt. (Und: Eine brandneue audiovisuelle Umsetzung erscheint heuer auf Netflix!)
Im Buch erscheint ein frecher Kleinling namens Sam-I-Am, auf einem hund-ähnlichen Wesen vorbei-reitend, der einen älteren, größeren Pelzherren mit hohem schwarzen Hut auf die Nerven geht. Dieser sagt öfter "I do not like", anfangs in Richtung Sam, aber kurz danach auch dem Gericht das ihm Sam unter die Nase hält - Schinken mit grünen Spiegeleiern! Als aber der Schwarzhütige dies das erste Mal nicht mag, schaltet der Rothütige schlauerweise auf die Logikschiene - mag der Ältere das Gericht vielleicht an einem anderen Ort? Denn schließlich isst das Hirn ja mit, und vielleicht fühlt der Andere sich anderswo wohl(gesinnt)er?
Lässt sich der junge bzw. sich nicht alt fühlende Leser darauf ein, ist klar womit das restliche Buch gefüllt wird - den absurdesten Orten & Vehikeln, wo Schinken mit solchen Spiegeleiern vielleicht doch schmecken könnte... Irgendwann gibt der inzwischen durchnässte Schwarzhütler auf - und dann geschieht noch ein kleines Wunder!
Seuss hat wohl damals die altmodischen "anspruchsvolleren" Kinderbücher - wie ev. auch Alice? - in die Ecke gepfeffert und mit jemandem eine Wette ausgemacht, dass er ein besseres erstes Lesebuch mit einem Vokabular von nur 50 Wörtern erstellen könnte. Ein Buch wie dieses locker gereimte war das Ergebnis. (Das hier ist neben dem früheren Cat in the Hat das bekannteste aus seiner langen Serie.
Es gibt endlose Marketingumsetzungen davon! Ich behaupte, dass auch Hip-Hopper Will-I-Am sich daraus hat inspirieren lassen.)
Was ich an den Seuss-Büchern so toll finde, ist dass nicht nur die Texte schnell ins Absurde kippen, sondern die Illustrationen das praktisch von Anfang an tun, mit wilderen Aufstellungen mit jeder Seite. Die Protagonisten sind meist Tiere, oft eher unidentifizierbar - aber definitiv "furry" - und die tanzen/schweben/schwimmen in der Weltgeschichte herum, meist irgendwas unmöglich balancierend, umgeben von staunenden - oder selbst irgendwelche Stunts ganz lässig durchführenden - Zuschauern. Seuss stellt seine Welten subversiv gaga dar. (Oder angemessen der Zeitperiode: Dada! Apropos: Ich finde lustig, wie dieses 1. Buch die klassisch-amerikanisch-kapitalistische Rolle des ewigen nie-aufgebenden Verkäufers parsifliert!)
Diese Idee des einfacheren Anfangslernen wurde kurz danach dann auch von Sesame Street im TV fortgesetzt, und von vielen anderen Einrichtungen im Westen angewandt. Die US-TV-Serie wird übrigens im November ein halbes Jahrhundert alt! ![]()
Fazit: Am besten VORM Schauen bei Netflix sich mindestens ein Buch aus der Reihe mal reinziehen! Nachher kann man es einer Lieblingsenkelin oder so schenken; wird bestimmt mit großem Dank entgegen genommen.
(* offiziell ist das hier der Juli-Beitrag!!)
Regenbogen-Leseprobe.pdf (162,72K)
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