Die Debatten um Integration, Parallelgesellschaften etc. werden, finde ich, sehr unpräzise und oft auch
verlogen geführt. Die Wenigsten machen klar, was Integration eigentlich bedeuten soll. Wie der Kabarettist
Volker Pispers mal gesagt hat: "Man muß nicht integriert sein, um in einem Land oder in einer Gesellschaft
friedlich zusammenzuleben." Auch "Parallelgesellschaften" sind nicht grundätzlich ein Problem. Nehmen wir
die japanische Community in Düsseldorf, die alle Merkmale einer Parallelgesellschaft aufweist: die Leuten
bleiben meist unter sich, haben eigene Banken, Läden, Schulen, Kindergärten, und viele Japaner in Düsseldorf
sprechen kein Deutsch, weil sie auch so zurechtkommen (Ähnliches erzählt mit Brian Aldiss mal über die
pakistanischen Gemeinschaften in England). Trotzdem erregt diese Parallelgesellschaft keinen Anstoß. Es
ist eine Frage des Wie. Es gibt zahlreiche Segmente in einer Gesellschaft, die nicht unbedingt miteinander
integriert sind. Ein jugendlicher Punker und ein biederer Kleingartenbesitzer im Rentenalter leben auch in
so unterschiedlichen Milleus, daß man von Parallelgesellschaften reden kann. Mich beschäftigt daher eher
die Frage, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit ein friedliches Zusammenleben verschiedenartiger
gesellschaftlicher Gruppen möglich ist. Dazu habe ich an einer Stelle schon einmal die folgenden Überlegungen
angestellt (und das sage ich ausdrücklich als jemand, der interkulturell aktiv ist und mit Leuten unschiedlichster
Herkunft und Religion zusammenarbeitet):
Es ist eine historische Errungenschaft, daß moderne säkularisierte Staaten die Abhängigkeit der Gesetzgebung
von einer bestimmten Religion ersetzt haben durch einen Satz allgemeiner Regeln zivilisierten Zusammenlebens,
die für alle gelten, unabhängig von Herkunft, Religion, Überzeugung etc. Die Freiheiten, die Bürger in einem
solchen Staat genießen, gibt es aber nicht umsonst. Für ihr eigenes Recht auf freie Religionsausübung müssen
es z.B. religiöse Gemeinschaften in Kauf nehmen, daß sie mit Überzeugungen und Lebensweisen konfrontiert
werden, die aus ihrer Sicht unmoralisch oder gottlos sind (gewollte Angriffe oder Beleidigungen sind eine andere
Sache). Wenn gesellschaftliche Gruppierungen für sich Sonderrechte beanspruchen, die für andere nicht gelten
(ein Gesetz gegen Blasphemie wäre z.B. ein derartiges Sonderrecht), unterminieren sie damit die allgemeinen
Bürgerrechte, die sie selbst in Anspruch nehmen. Wie die allgemeinen Rechte und Pflichten aussehen sollten,
darüber kann man im Einzelnen diskutieren, aber ich finde, unser Grundgesetzt kommt einem Konsens, auf den
sich friedliche Menschen einigen könnten, doch schon recht nahe.
Das ist, ganz knapp zusammengefaßt, der Maßstab, nach dem ich das Verhalten gesellschaftlicher Gruppen
beurteile. Dazu kommen einige praktische Erwägungen, und in dieser Hinsicht hat es der deutsche Staat
tatsächlich versäumt, frühzeitig gewisse Forderungen an Einwanderer zu stellen. In zahlreichen Ländern
der Welt wird man nicht als Einwanderer akzeptiert, wenn man keine ausreichenden Kenntnisse der
Amtssprache nachweisen kann, und das ist richtig so. In Ländern mit mehreren Sprachregionen - wie
z.B. der Schweiz - kann man das sicher lockerer handhaben, aber in Deutschland gibt es nun einmal
nur eine allgemeine Amts- und Schulsprache. Wir haben auch eine allgemeine Schulpflicht, und damit
diese einen Sinn hat, müssen Einwandererfamilien daür sorgen, daß ihre Kinder zuerst die in unseren
Schulen gesprochene Sprache lernen und die Sprache ihrer Eltern erst als zweite. Einige Italiener und
Türken in meinem Bekanntenkreis halten das so, einige aber auch nicht, und damit machen sie es nicht
nur ihrem sozialen Umfeld sondern auch ihren Kindern unnötig schwer. - Dies, nur zur Andeutung,
beschreibt ungefähr, was ich mir sinnvollerweise unter "Integration" vorstellen könnte. Mit einer
Aufgabe der eigenen Identität oder der Anpassung an die vorherrschende Kultur hat das nichts zu tun.
Ich neige zur Auffassung, daß insbesondere den monotheistischen Religionen eine Tendenz zur
Radikalität anhaftet, weil sie einen absoluten Wahrheitsanspruch vertreten. Aber wahrscheinlich ist
die Sache noch komplizierter. Z.B. hat Indien große Probleme mit einem Hindu-Fundamentalismus,
obwohl der Hinduismus, wie Sashi Tharoor anmerkt, nicht einmal ein Fundament hat (die beiden
Quellen, auf die sich alle Hindus einigen können, das Mahabharata und das Ramayana, sind riesige
Konglomerate sehr unterschiedlicher Überlieferungen und religiöser Ideen). In Gujarat haben die
Krawalle durch Hindu-Fundamentalisten über Jahrhunderte gewachsene gegenseitige Abhängigkeiten
von Hindus und Moslems (z.B. im Handwerk) gefährdet. Vielleicht steckt die Tendenz zur gewaltsamen
Missionierung anderer in allen Religionen. Auch der, in Gestalt des Dalai Lama, allseits verehrte
tibetische Buddhismus war in seiner Frühzeit, wie man hört, militant und expansionistisch. Was die
Achtung der Menschenrechte angeht, hat sich keine Religion mit Ruhm beklecket.
Gruß
MKI
Bearbeitet von Michael Iwoleit, 13 May 2012 - 18:25.
Ich bin eine kleine radikale Minderheit.
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