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Metaphernpark



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Hörtipp: Eine Vorstellung des Fantasy- und SF-Autors J. A. Sullivan im Dlf (#62)

Geschrieben von Sierra , in Phantastik, Fantasy, Science Fiction 26 April 2021 · 250 Aufrufe
Progressive Phantastik und 2 weitere...
Sehr spannend finde ich das aktuelle Autorenporträt des Fantasy- und Science-Fiction-Autors James A. Sullivan im Deutschlandfunk, das am 23.4.21 gesendet wurde und das weiterhin als Podcast nachgehört werden kann. In erfreulicher Ausführlichkeit wird u.a. Sullivans Engagement für eine 'progressive Phantastik' thematisiert, die gesellschaftliche Diversität sowohl auf der Ebene der literarischen Repräsentation als auch als Tatsache in der außerliterarischen Wirklichkeit ernst nimmt (z.B. mit Blick auf eine als divers mitzudenkende Leser*innenschaft).

Serie „Innenansichten mit“ dem Fantasy-Schriftsteller James A. Sullivan
Mit Elfen und Magiern durchs Braunkohlerevier – von Benedikt Schulz
Hier geht es zum Podcast: klick!


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Klare Kante: Ursula Le Guin über Genre-Dünkel (#61)

Geschrieben von Sierra , in Sekundärliteratur, Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur 05 April 2021 · 328 Aufrufe
Ursule K. Le Guin, Genre, Fantasy und 4 weitere...
Klare Kante: Ursula Le Guin über Genre-Dünkel (#61) Klare Kante: Ursula Le Guin über Genre-Dünkel (#61)

Gestern bin ich im Internet auf eine sehr pointierte Aussage von Ursula K. Le Guin gestoßen:

„All judgment of literature by genre is tripe. All judgment of a category of literature as inherently superior or inferior is tripe. […] There are many bad books. There are no bad genres.“

Ich mag die 'klare Kante', die Le Guin hier gegenüber der pauschalen Abwertung von Genreliteratur zeigt. Nun ist diese Aussage aber auch schon über 15 Jahre alt und es stellt sich die Frage, ob sich die Situation – in Deutschland – verändert hat. Meiner Ansicht nach haben solche Genre-Dünkel gegenüber Science Fiction und anderer phantastischer Literatur zumindest im schulischen bzw. literaturpädagogischen Kontext abgenommen. Wenn es um spannende Lesetexte für Kinder und Jugendliche geht, sind heutige Lehrer*innen, Erzieher*innen oder Eltern viel eher bereit, Heranwachsenden SF- oder Fantasy-Romane oder -Comics zu empfehlen bzw. zu kaufen.
Wie verhält es sich aber mit dem Umgang mit Genreliteratur in anderen öffentlichen Bereichen (Medien, Verlage, Universität...) ? Dies ist sicher nicht einfach zu überblicken und noch schwieriger zu beurteilen. Zumindest das Feuilleton scheint aber die Science Fiction heutzutage zu akzeptieren und größtenteils ohne Trivialisierung oder mitschwingende Exotismus-Vorurteile auszukommen. – Oder bin ich mit dieser Annahme zu optimistisch? (bf)


Quellen und Nachweise
Zitatquelle: Ursula K. Le Guin: Genre: A Word Only the French Could Love. In: The James Tiptree Award Anthology 1. Tachyon Publications, 2005, S. 68.
Bildquelle für Entry Image: Oct21 Ursuala le Guin from en:wiki screeens. Victuallers. November 17, 2019. Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0.


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"Und die Toten sitzen uns im Nacken" (Rezension, #60)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction 03 April 2021 · 530 Aufrufe
Schädelfeld, Rezension und 3 weitere...
"Und die Toten sitzen uns im Nacken" (Rezension, #60) "Und die Toten sitzen uns im Nacken"
Dariusz Muszer: Schädelfeld (Rezension, #60)

„Ylet314 war im unendlichen Multiversum auch unter vielen anderen Namen bekannt. Der unbeliebteste von allen war Erde. Oft benutzte man ihn als […] Schimpfwort.“ So heißt es zu Beginn in Dariusz Muszers Dystopie „Schädelfeld“. Ihren schlechten Ruf im Weltall haben sich die ehemaligen Bewohner der Erde selbst zuzuschreiben, da sie mit der Zerstörung ihres eigenen Planeten das gesamte Sonnensystem in Gefahr gebracht haben. Zum Glück vermochten die „Wächter des Multiversums“ eine Parallelerde zu erschaffen, sodass die Architektur des Sonnensystem intakt blieb. Die Genesis der Zweiten Erde ähnelt dabei einem industriellen Herstellungsprozess, bei dem dem Menschen die wichtigsten Eigenschaften „verliehen“ werden, „um sich artspezifisch entfalten zu können: die Gier und die Liebe.“

Bei einem Kontrollbesuch nach langer Zeit erfahren die Wächter, dass die Menschen nichts aus ihren Fehlern gelernt haben. Nach einem globalen Krieg kämpft jeder gegen jeden, und mit den Hungersnöten ist der Kannibalismus zurückgekehrt. Die wenigen menschlichen Überlebenden, Aschhäute genannt, werden von der „Metzger“-Bande im wahrsten Sinne des Wortes wie die Lämmer zur Schlachtbank getrieben. Nachdem der Staat kollabiert ist, versucht zudem die militärische Verbrecher-Organisation der Askari das Machtvakuum zu füllen. Das fällt ihnen jedoch nicht leicht, da sie sich wiederum mit den Lunakis, Cyborg-ähnlichen Außerirdischen vom Mond, im Krieg befinden.

Dass in der Apokalypse jedwede Tätigkeit apokalyptisch ist, beweist das Tagwerk der Protagonisten Muszers. Kalong und sein Adoptivsohn Justus sind Buddler auf dem Schädelfeld, einer früheren Stätte des Massenmordes. So als wäre ein neuer Goldrausch ausgebrochen, graben sie nach Knochen, die Rohstoffe und womöglich High-Tech-Bauteile enthalten. Da die Askari eine „Knochensteuer“ auf die Funde erheben, macht die Buddelei jedoch zur puren Selbstausbeutung. Kalong wohnt mit seinem Sohn Justus, seiner Frau Liv und ihrer Tochter auf einem Bauernhof außerhalb der Stadt. In Rückblenden wird erzählt, wie Kalong, Justus und Liv zueinander gefunden haben. Die Leser*innen erfahren, dass die Metzger früher die ganze Stadt in Geiselhaft genommen haben: Um zu überleben, mussten die Menschen regelmäßig einen ihrer Mitbewohner als „Fleischtribut“ an die Metzger übergeben. Als dieses Schicksal eines Tages Liv und ihre Tochter ereilt, rettet Kalong sie in letzter Sekunde, obwohl er damals noch als Bombenbauer im Dienst der Metzger stand. In der Gegenwart der Handlung spitzt sich die Situation wieder zu, als Kalong einen Askari-Deserteur versteckt und so den sadistischen Hauptmann Triglahn gegen sich auf bringt.

Fazit: Muszers Dystopie übt einen starken Sog auf den Leser aus, dem man sich trotz der komplexen und skurrilen Handlung – mitunter fühlt man sich an Edgar Hilsenraths Groteske „Der Nazi und der Friseur“ erinnert – nicht entziehen kann. Nachdenklich macht auch ein im Roman deutlich werdendes soziales Bewusstsein, das wiederholt auf den Holocaust verweist: „Der allgegenwärtige Tod treibt die Menschen in den Wahnsinn. Wir wühlen in den Gräbern, und die Toten sitzen uns im Nacken.“ Und doch ist Muszers Werk kein endgültiger Abgesang auf den Menschen, weil in seinem Gewissen und in seiner Vernunft für immer Keime der Hoffnung auf eine bessere Welt angelegt bleiben. (bf)

Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)

Bibliografische Angaben: Dariusz Muszer: Schädelfeld. München: A1 Verlag: 2015. 373 S. 22,00 EUR.
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(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Sascha Mamczak und Hannes Riffel (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2016, Berlin: Golkonda 2016.)



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Neal Shustermans "Scythe – Die Hüter des Todes", Bd. 1 (Rezension, #59)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur 13 March 2021 · 377 Aufrufe
Science Fiction, Dystopie, Scythe und 3 weitere...
Neal Shustermans "Scythe – Die Hüter des Todes", Bd. 1 (Rezension, #59) Neal Shustermans "Scythe – Die Hüter des Todes", Bd. 1 (Rezension, #59)

Viele dystopische Romane unterscheiden sich bekanntlich nur wenig von nicht-phantastischer Literatur, indem sie etwa bestimmte, aus der Realität bekannte gesellschaftliche Zustände nur wenig verfremden. Und dann gibt es Romane, die den Leser bereits auf den ersten Seiten nachhaltig zu verstören vermögen. Neal Shustermans (* 1962) Roman „Scythe – die Hüter des Todes“, dem ersten Band einer Jugendbuch-Trilogie, gehört ganz klar zu der zweiten Variante, denn seine Erzählprämisse hat es wirklich in sich.

Die USA in der fernen Zukunft mutet zunächst wie ein Paradies an: Nachdem ein von der Menschheit installierter Zentralcomputer mit dem Namen Thunderhead das Regieren übernommen hat, kennen die Menschen Kriege nur noch aus Geschichtsbüchern, Bots sorgen für Bequemlichkeit im Alltag und die Lebenserwartung ist de facto ins Unendliche gewachsen: Denn selbst nach tödlichen Unfällen sorgt Thunderhead dafür, dass die Unfallopfer sogleich in medizinischen Zentren wiederhergestellt werden, – der vormals selbstmörderische Sprung von einem Wolkenkratzer ist für einige Teenager nur noch eine etwas ungewöhnlichen Mutprobe.
Genretypisch haben solche ‚paradiesischen‘ Zustände auch hier einen Haken. Waren es in H.G. Wells „Time Machine“ die grausigen Morlocks, die den Eloi den Himmel auf Erden verleideten, sind es in Shusterman Geschichte, die Scythe. Nicht nur ihr Aussehen - sie tragen lange, elegante Roben aus feinsten Stoffen - erinnert entfernt an Darstellungen von Sensenmännern in der Malerei. Tatsächlich haben sie eine Lizenz zum töten, um dafür Sorge zu tragen, dass die Welt so nie wieder überbevölkert sein wird: Denn wenn jemand von den Scyhe getötet wird, darf er nicht mehr wiederbelebt werden. Diese mehrere Jahrhunderte erprobte Praxis gilt aber keinesfalls als kaltblütiger Mord, sondern wird als Nachlese bezeichnet und als gesellschaftliche Wohltat angesehen. Die Scythe sind dabei angehalten, sich an einem als „moralisch“ verstandenem Kodex zu orientieren. So darf den Scythes ihre Arbeit nicht Spaß machen, stattdessen soll die Nachlese mit viel Mitgefühl durchgeführt werden im Sinne eines unabwendbaren, aber natürlichen Ereignisses – vegleichbar mit einem Tierarzt, der ein Tier einschläfern muss. Soweit die Theorie, in der Praxis sind die Menschen zwar vordergründig mit diesem System einverstanden, doch würden sie – wenn es um sie persönlich geht – lieber ihre Großmutter verkaufen, um durch Immunisierung zumindest für ein Jahr lang von einer möglichen Nachlese ausgenommen zu werden.

Neal Shusterman erzählt die Geschichte von Citra und Rowan, die gegen ihren Willen von Scythe Faraday zu Auszubildenden berufen wurden. Nur mit Mühe kann Rowan diesem Ereignis etwas Gutes abgewinnen: „Rowan fiel die Entscheidung nicht ganz so schwer. Ja, er hasste die Vorstellung, Scythe zu werden - ja sie widerte ihn an - aber noch übler wurde ihm, wenn er sich vorstellte, dass irgendjemand sonst, den er kannte, es machen würde.“ (S. 59) Fortan werden sie in tödlichen Martial Arts trainiert und müssen ihren Meister auf Schritt und Tritt bei seiner ‚Arbeit‘ begleiten. Weil beide die Widersprüche der Nachlese durchschauen, ist ihnen ihre Ausbildung zunächst zuwider. Dass der Scythe-Konvent am Ende ihrer Ausbildung nur einen von ihnen beiden als Scythe zulassen will, der dann als erste Amtstat den Unterlegenen nachlesen soll, verkompliziert Citras und Rowans Situation, auch weil sie sich immer stärker voneinander angezogen fühlen. Noch schwerer wiegt, dass eine Fraktion im Scythetum an Einfluss gewinnt, die die Nachlese ausweiten will, um ganze Bevölkerungsgruppen – im Stile mittelalterlicher Hexenverfolgung – auszulöschen und sich selbst persönlich zu bereichern. Als ihr eigener Meister ins Fadenkreuz dieser radikalen Gruppierung gerät, müssen auch seine jungen Adepten Position beziehen.

Fazit: Eine spannende Thematik, viele überraschende Wendungen und zwei überzeugende Hauptfiguren heben diesen Roman von vielen anderen Dystopien ab. Das düstere Erzählpanorama einer Gesellschaft, die den Tod monopolisiert hat und sich doch für moralisch überlegen hält, wird so dicht erzählt, dass es einen filmischen, stellenweise alptraumartigen Charakter gewinnt. Auf einer allgemeineren Ebene wird dabei eine ethisches Problem thematisiert, das bekanntlich auch für unsere reale Welt von großer Tragweite ist: Wie positionieren sich Gesellschaften zur Menschenwürde und zum Wert des Lebens an sich im Zuge der akzelerierenden Entwicklung von Technik und Wissenschaft? (bf)

Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)


Bibliographische Angaben:

Neal Shusterman: Scythe – Die Hüter des Todes. Bd. 1. Übers. von Pauline Kurbasik, Kristian Lutze. Frankfurt a.M.: Fischer Sauerländer 2017. 528 S. 19,99 EUR. [zur Zeit scheint nur noch die Paperbackausgabe mit dem hier gezeigten, etwas weniger gediegeneren Coverbild – für meinen Geschmack – erhältlich zu sein, 15,00 EUR].

Bestellungen und Leseprobe (klick!). Bildquelle (klick!)
(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Michael Görden (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2018. Berlin: Golkonda, 2018, S. 255-257.)


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Unter 'Augenblicks-Sonnen' - eine kurze Notiz zu Lems SF-Roman "Transfer / Powrót z gwiazd" (#58)

Geschrieben von Sierra , 07 March 2021 · 415 Aufrufe
Science Fiction, Stanislaw Lem und 1 weitere...
Unter 'Augenblicks-Sonnen' - eine kurze Notiz zu Lems SF-Roman "Transfer / Powrót z gwiazd" (#58) Normalerweise geht es in Erst-Kontakt-Szenarien eher um Begegnungen von Astronaut*innen mit Außerirdischen im Weltall oder auf anderen Planeten. Und das geht ja dann bekanntlich mal besser oder schlechter aus.
Ungewöhnlich ist Stanislaw Lems Roman "Transfer" (poln. "Powrót z gwiazd", 1961), weil er eine Situation beschreibt, in der sich die Menschen selbst so fremd geworden sind, dass ihre Wiederbegegnung ebenfalls einem Erstkontakt ähnelt. Als Hal Bregg, Lems Protagonist, von einer zehnjährigen Weltraumexpedition auf die Erde zurückkehrt, sind hier aufgrund des Einsteinschen Zeitparadoxons bereits 127 Jahre vergangen. Die Menschen nehmen Bregg als unheimlichen Außerirdischen wahr, der 'anders' ist. Gleichermaßen wirkt die Erde auf ihn (und die Leser*innen) wie ein fremdartiger Planet.
Besonders spannend finde ich den Handlungsbeginn, als sich Bregg durch ein überdimensioniertes und ziemlich phantastisch anmutendes Bahnhofsareal hindurchkämpfen muss, um zu seinem 'Sozialhelfer' zu gelangen, der seine Wiedereingliederung auf der Erde begleiten soll. Ein Zitat:

...Beinahe war ich schon überzeugt, daß ich auf diese Art nie zu einem Ausgang gelangen würde. Wenn ich die ungefähre Fahrtdauer nach oben berechnete, mußte ich mich noch in dem freischwebenden Bahnhofsteil befinden: ich behielt auf alle Fälle weiter dieselbe Richtung.
Plötzlich war Leere um mich. Himbeerfarbene Platten mit funkelnden Sternchen, Reihen von Türen. Die nächste war nur angelehnt. Ich sah hinein: irgendein großer breitschultriger Mann tat im selben Moment dasselbe, bloß von der entgegengesetzten Seite aus, ich war es selbst — im Spiegel. Ich öffnete die Tür etwas weiter: Porzellan, silbrige Rohre, Nickel — Toiletten.
Fast hätte ich gelacht, aber im Grunde war ich eher benommen.
Ich drehte mich schnell um: ein anderer Gang, milchweiße vertikal fließende Streifen. Die Lehne der Rolltreppe war weich und warm, ich zählte die abwärts gleitenden Stockwerke nicht. Immer mehr Menschen fuhren mit mir aufwärts. Sie hielten bei emaillierten Kästen an, die bei jedem Schritt aus der Wand wuchsen: ein Druck mit dem Finger, irgend etwas fiel in die Hand, sie steckten es in die Taschen und gingen weiter. Ich weiß selbst nicht, warum ich genau dasselbe tat wie der Mann im weiten lila Anzug vor mir: eine Taste mit einer kleinen Vertiefung für die Fingerkuppe, ein Druck, und direkt in die vorgehaltene Hand fiel mir ein farbiges, halb durchsichtiges Röhrchen, das angewärmt schien. Ich schüttelte es, brachte es mir vor die Augen — irgendwelche Pillen? Nein. Ein Korken? Es hatte keinen Korken, überhaupt keinen Verschluß. Wozu diente es? Was machten die anderen damit? Sie steckten es in ihre Taschen. Die Aufschrift auf dem Automaten: LARGAN. Ich stand, wurde geschubst. Urplötzlich kam ich mir vor wie ein Affe, dem man eine Füllfeder oder ein Feuerzeug gibt; für eine Zehntelsekunde überkam mich blinde Wut, ich biß die Zähne zusammen. Blinzelnd und leicht gebeugt schloß ich mich dem Strom der Gehenden an. Der Gang erweiterte sich, war jetzt schon ein Saal. Feurige Lettern: REAL AMMO REAL AMMO.
Zwischen den Weitereilenden, über ihren Köpfen, erblickte ich ganz fern ein Fenster. Das erste Fenster. Panoramisch, riesig.
Wie ein flachgelegtes Nachtfirmament. Bis zum Horizont von einem glühenden Nebel erfüllt — farbige Galaxien, dichtgedrängte spiralige Lichter, Feuerscheine zitternd über Wolkenkratzern, Straßen: eine wurmartige Bewegung der Leuchtperlen und darüber, senkrecht, das Wimmeln der Neone, Federbüsche und Blitze, Räder, Flugzeuge und Flaschen aus Feuer, rote Pusteblumen der Signallichter auf Türmen, Augenblicks-Sonnen und Blutstürze von Reklamen, mechanisch, gewaltig.
Ich stand und schaute, hörte hinter mir die rhythmische Bewegung Hunderter von Füßen. Plötzlich verschwand die Stadt, und ein riesiges, drei Meter großes Gesicht erschien.... (Stanislaw Lem: Transfer. München: dtv, 1995. S. 20 f.)

Warum erinnere ich hier an "Transfer"? Ich musste vor Kurzem an die Lektüre des Romans zurückdenken, als ich einige sehr gelungene Bilder von Joanna Karpowicz zu Lems Roman gesehen habe. Ihre Online-Galerie findet sich hier: https://roklema.pl/w...anny-karpowicz/ (bf)


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Armand Baltazar: Timeless: Retter der verlorenen Zeit (Rezension, #57)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur 22 February 2021 · 404 Aufrufe
Science Fiction, Kinderbuch und 2 weitere...
Armand Baltazar: Timeless: Retter der verlorenen Zeit (Rezension, #57) Armand Baltazar: Timeless: Retter der verlorenen Zeit (Rezension, #57)

Wird hier gerade ein neuer Trend im Jugendbuchbereich gesetzt? Tatsächlich hat der Science-Fiction-Roman von Armand Baltazar (*1967) monumentale Qualität. Über 600 Seiten dick und mit vielen Ideen versehen verbindet er literarische Besonderheiten der Dystopie, des Steampunks und der Zeitreisegeschichte. Baltazar, lange Zeit Art Director bei Pixar, ist sowohl für die erzählte Handlung als auch für die vielen, teilweise sehr phantastischen Zeichnungen verantwortlich.

Im Mittelpunkt des Romans steht der fünfzehnjährige Diego Ribera, der mit seiner Familie in New-Chicago lebt, das einem zeitgeschichtlichen Museums ähnelt: Dampfschiffe fahren durch enge Kanäle, zwischen den aus dem 20. Jahrhundert stammenden Wolkenkratzern stapfen riesige Roboter, die schwere Lasten bewegen, und der Kleidungsstil mancher Leute au der Straße scheint ‚aus der Zeit‘ gefallen zu sein. Im Zuge der sogenannten Zeitkollision, die kurz vor Diegos Geburt nicht nur die Kontinente, sondern auch die Zeitepochen auseinanderriss und neu verband, kam es zu fürchterlichen Konflikten, den sogenannten Chronoskriegen, und schweren Verwüstungen. Die Menschheit ist stark dezimiert. Die Überlebenden – knapp hundert Millionen Menschen – entstammen im Wesentlichen drei zeitlichen Epochen: „Die Menschen aus der zivilisierten Vergangenheit nannte man die Dampfzeitler, die aus der Zukunft waren die Ältesten und die aus der Zeit dazwischen die Mittelzeitler.“ (S. 7)

Auch Diegos Eltern kommen aus unterschiedlichen Epochen – Diegos Mutter Siobhan ist eine aus der Dampfzeit stammende Pilotin, Santiago, ein genialer Robot-Konstrukteur aus der Mittelzeit. Während sich der Großteil der Menschen wie Diegos Familie mit der Vermischung der Zeiten arrangiert hat und ihr Wissen zum Wohle aller nutzt, zielt das Aeternum, eine terroristische Organisation, darauf ab, das Rad der Zeit im wahrsten Sinne des Wortes zurückzudrehen. Dazu entführen sie Diegos Vater und einen Dampfkraft-Experten, der außerdem der Vater von Diegos Mitschülerin Paige ist. Unter Zwang sollen die Techniker mächtige technische Apparate für sie aktivieren, um so die Zeitkollision ungeschehen zu machen.

Zum Glück ist die Situation nicht ganz hoffnungslos. Denn vom Magistrat Neu-Chicagos wird der grimmige Piratenkapitän Boleslavich angeheuert, um die Techniker zu finden und die Entführer auszuschalten. Zufällig geraten Diego, sein Freund Petey und ihre Mitschülerinnen Lucy und Paige auf ihr Schiff, wovon Boleslavich aber wenig begeistert ist. Nach und nach sieht er jedoch, dass seine jungen Passagiere über Talente verfügen, die sie auch in dem unvermeidlichen Kampf mit den Agenten des Aeternums unentbehrlich machen.

"Timeless" hat sichtlich viele Vorbilder. Aus Platzgründen soll hier nur Jules Verne erwähnt werden. Ohne ins Epigonenhafte abzugleiten, erinnert „Timeless“ angenehm an seinen Klassiker „Zwanzig Tausend Meilen unter dem Meer“. Gerade die technischen Apparaturen, aber auch die teilweise mysteriösen Schauplätze werden mit viel Liebe zum Detail vermittelt. Sicherlich ist die Handlung manchmal etwas zu vorhersehbar, auch ist manche Wendung in der Geschichte nicht ganz zielführend. Dennoch kann das Buch unterm Strich auch den erwachsenen Genre-Fan überzeugen, besonders die Zeichnungen der überlebensgroßen Robotern und die liebevollen, retrofuturistischen Stadtkulissen sorgen bereits als bloße Illustrationen der Handlung für einen Wow-Effekt, weil die eigentümliche Atmosphäre der Welt nach dem Zeitbruch so besonders faszinierend zum Ausdruck kommt. Da die Bilder stellenweise aber nicht nur schmückendes Beiwerk sind, sondern ganze Handlungssequenzen in ihrer Bildsprache weitererzählen, gewinnt „Timeless“ mitunter den Charakter eines Comics, was den Schauwert und Lesereiz des Werks noch weiter erhöht, sodass man spätestens dann zum Lesebändchen greift, um einzelne Bilder leichter wiederbetrachten zu können. (bf)

Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)



Bibliographische Angaben:

Armand Baltazar: Timeless: Retter der verlorenen Zeit. Bd. 1. Übers. von Tanja Ohlsen. München: cbj, 2017. 624 S. 19,99 EUR.
Bestellungen und Leseprobe (klick!). Bildquelle (klick!)

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Michael Görden (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2018. Berlin: Golkonda, 2018, S. 178-180.)


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Besser spät als nie... Etwas Blogpflege (#56)

Geschrieben von Sierra , in In eigener Sache, Verschiedenes, Rezension 20 February 2021 · 339 Aufrufe
Übersetzungen, Rezensionen und 1 weitere...
Die Tage hatte jemand getwittert, dass die Übersetzer*innen – etwa bei Buchbesprechungen – selbstverständlich immer erwähnt werden sollten. Ich teile diese Kritik voll und ganz und gelobe auch hier Besserung :blush: . Folglich habe ich diese Angabe eben in allen meinen Rezensionen – da wo die Namen gefehlt haben – nachgetragen :qwiseguy:


Marcel Le Comte, "Unschlagbar"

Alexandra Ernst, Der Blackthorn-Code

Ursula Gräfe, In Liebe, Dein Vaterland

Bernd Kronsbein, Descender

Katharina Naumann, Walled City

Gesine Schröder, California

Cordula Setsman, Die Sprache des Wassers

Matthias Wieland, Weltraumkrümel


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Es kann nur einen geben! Zu Pascal Jousselins Comic "Unschlagbar. Bd. 1: Gerechtigkeit und frisches Gemüse" (Rezension, #55)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Science Fiction, Rezension 17 February 2021 · 566 Aufrufe
Superhelden, Comic, Jousselin und 1 weitere...
Es kann nur einen geben! Zu Pascal Jousselins Comic "Unschlagbar. Bd. 1: Gerechtigkeit und frisches Gemüse" (Rezension, #55) Es kann nur einen geben!
(zu Pascal Jousselins Comic: Unschlagbar. Bd. 1. Gerechtigkeit und frisches Gemüse)


„Gerechtigkeit und frisches Gemüse“ – Der Untertitel des ersten Bandes mit den Abenteuern von „Unschlagbar“ bringt den Charakter dieses ungewöhnlichen Superhelden sehr treffend zum Ausdruck. Denn Unschlagbar vereint die moralischen Maßstäbe eines echten Superhelden mit einer bürgerlichen Lebensweise. Ob bei einem kleinen Einkauf auf dem Markt oder beim Rasenmähen im Garten, überall kann es plötzlich notwendig sein, dass Unschlagbar die Menschheit rettet. Pascal Jousselin gelingt es in den unterhaltsamen Geschichten mühelos, actionreiche und humorvolle Handlungselemente zu verbinden, sodass der junge Leser den Comic vermutlich gar nicht aus der Hand legen will.

Dass ausgerechnet der kleine und etwas rundlich aussehende Unschlagbar als der „einzig wahre Superheld des Comics“ (S. 3) bezeichnet wird, klingt vielleicht angeberisch, ist jedoch alles andere als unberechtigt. Denn nur Unschlagbar verfügt über die – wie er selbst formuliert – ‚unglaubliche Magie des Comics‘ (S. 3), d.h. die Fähigkeit, sich von der normalen sequenziellen Abfolge der Panels abzunabeln. Anstatt einen Dieb etwa zu Fuß zu verfolgen, spart sich Unschlagbar die Puste und macht einfach einen kleinen Hopser in den darunter stehenden Panel und kann den Bösewicht so an einem Ort festnehmen, an dem er sich eigentlich noch gar befinden dürfte. Dass Unschlagbar also Raum und Zeit überwinden kann, sorgt auf der Handlungsebene für viel Spannung und Tempo.

Abwechslungsreich ist der Comic auch auf der Figurenebene und hinsichtlich der Themen und Motive. Gegenspieler wie zum Beispiel ein verrückter Wissenschaftler sind zwar für den Superhelden-Comic durchaus typisch, gleichzeitig variiert Jousselin aber das Figurenarsenal, wenn er in einigen Abenteuern Unschlagbar den tollpatschigen Schülerpraktikanten Fabian alias „Two-D“ an die Seite stellt, der jedwede Gegenstände zwischen den Panels bewegen, verkleinern oder vergrößern kann: Autos, die im Hintergrund eines Panels auf einem Parkplatz stehen, schrumpfen nach einer Berührung Two-Ds auf Spielzeuggröße. Da Two-D seine Kräfte nicht immer unter Kontrolle hat, ist regelmäßig die größtmögliche Verwirrung seiner Mitmenschen garantiert.

Abschließend lässt sich folgendes Fazit ziehen: Bei „Unschlagbar“ kommen nicht nur junge Leser etwa ab zehn Jahren auf ihre Kosten, denen spannende Superheldengeschichten mit einer klaren Gut-Böse-Aufteilung gefallen. Dass der Lesespaß lange erhalten bleibt und das Comic geradezu Suchtcharakter entwickelt, liegt auch an der cleveren Grundidee. Unschlagbars ungewöhnliche Bild-Zaubereien verblüffen auch ältere Leser sowie Erwachsene und schaffen starke Leseanreize, weitere Abenteuer zu lesen, um Unschlagbars Tricks doch noch auf die Spur zu kommen. (bf)


Gesamteindruck: +++++ (5 / 5)


Bibliographische Angaben:

Pascal Jousselins Comic: Unschlagbar. 1. Gerechtigkeit und frisches Gemüse. Übers. von Marcel Le Comte.
Hamburg: Carlsen, 2018. 48 S. 12,00 EUR.

Bestellungen und Bildquelle: klick!
Erstveröffentlichung dieser Rezension im Rahmen der Empfehlungsliste des boys & books e.V. (09/2018 - 02/2019): klick!


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Grüne Männchen gibt es vielerorts – Zu Murakamis Invasionsromanen "In Liebe, Dein Vaterland I und II" (Rezension, #54)

Geschrieben von Sierra , in Phantastik, Science Fiction 14 February 2021 · 575 Aufrufe
Nord-Korea, Süd-Korea, Murakami und 2 weitere...
Grüne Männchen gibt es vielerorts – Zu Murakamis Invasionsromanen "In Liebe, Dein Vaterland I und II" (Rezension, #54) Grüne Männchen gibt es vielerorts
(zu Ryū Murakamis Romanen: In Liebe, Dein Vaterland. I: Die Invasion, Titel: In Liebe, Dein Vaterland. II: Der Untergang)


Bei dem seit Jahrzehnten angespannten Verhältnis zwischen Nord- und Südkorea, China, Japan und den USA – das des Öfteren als „Kalter Krieg“ bezeichnet wurde – , handelt es sich um ein so vielschichtiges politisches Tableau, dass es zur literarischen Auseinandersetzung geradezu einlädt.
Ryū Murakamis Dystopie trägt den Titel „In Liebe, Dein Vaterland“ und ist in Japan bereits im Jahre 2005 erschienen. Obzwar die Übersetzung spät kommt, hat der zweiteilige Roman nichts von seiner politischen Aktualität verloren. Ganz im Gegenteil wird durch Kim Jong-uns von seinem Vater übernommene, quasi auf Autorepeat eingestellte Politik von Zuckerbrot (Friedensgespräche) und Peitsche (Raketentests) beinahe garantiert, dass der Korea-Konflikt noch lange nichts an Brisanz verliert. Zudem hat die völkerrechtswidrige Annexion der Krim im Jahre 2014 durch Russland – die Invasoren, Soldaten ohne Hochheitsabzeichen, bezeichnete man anfangs etwas ungläubig als ‚Grüne Männchen‘ – wieder mal gezeigt, dass selbst die düstersten Zukunftsvisionen von einem Tag auf den anderen von der Realität eingeholt werden können.


Murakamis Roman hat folgende alternativgeschichtliche Prämisse. Es ist das Jahr 2010, Japans Wirtschaft und Währung liegen am Boden. Armut, Hunger, Obdachlosigkeit und eine um sich greifende gesellschaftliche Entsolidarisierung sind Alltag geworden. Anstatt dass Amerika seinem Bündnispartner wirtschaftlich unter die Arme greift, gießt es noch zusätzlich Öl ins Feuer, indem es die Preise für Getreide und Futtermittel erhöht und sich in außenpolitischer Hinsicht ausgerechnet Nord-Korea annähert. Die nordkoreanische Herrscherclique und Generalschaft wittern Morgenluft und glauben, dass nun der richtige Zeitpunkt für eine Invasion Japans gekommen ist. Zunächst schicken sie eine Vorhut aus neun Elite-Soldaten, die in einer Nacht- und Nebelaktion per Schiff zur Hafenstadt Fukuoka gebracht wird. Kurze Zeit darauf beginnen sie mit der Umsetzung eines verrückten Plans: die Elitekämpfer stürmen ein Spiel im örtlichen Baseball-Stadion und nehmen alle 30000 Zuschauer als Geiseln. Doch es kommt noch dicker: Die Invasoren behaupten, sie seien lediglich friedliebende Dissidenten, die aus Nord-Korea geflüchtet sind. Auch die Geißeln werden sofort freilassen, wenn die japanische Terrorabwehr nicht gegen sie vorgeht. Tatsächlich unternimmt die japanische Regierung nichts, weil niemand die Verantwortung für einen Gegenschlag übernehmen will. Und so kann die Invasion in die entscheidende Phase treten. Nur wenige Stunden später werden die Geiselnehmer auf dem Luftweg durch weitere 500 Elite-Soldaten verstärkt, das sogenannte Expeditionskorps Koryo. Während die Regierung Fukuoka lieber absperrt anstatt die lokale Bevölkerung zu evakuieren, errichtet das Expeditionskorp in einem Hotelgebäude einen stilechten nordkoreanischen Truppenstützpunkt inklusive Folteretage, um sofort den Kampf gegen die ‚Volksfeinde‘ aufzunehmen. Die Verhaftung einiger wohlbetuchter Schwerkrimineller gilt aber auch der Devisenbeschaffung. Denn schon in Kürze erwartet Han Seung-jin, der Befehlshaber Koryos, die Ankunft der eigentlichen, 120000 Soldaten starken Invasionsarmee. Je mehr nordkoreanische Soldaten ins Land kommen, desto deutlicher werden dabei die Ohnmacht der japanischen Regierung und die zunehmende Kollaborationsbereitschaft der lokalen Bevölkerung, die sich einen wirtschaftlichen Aufschwung durch die neuen Herren erhofft.

Es ist kein Zufall, dass echter Widerstand nur noch von Leuten kommen kann, die selbst nichts mehr zu verlieren haben, also aus dem gesellschaftlichen Prekariat. Und tatsächlich existiert in Fukuoka eine Art Wohngemeinschaft, in der der Dichter Ishihara einer Gruppe von sozial abgehängten jungen Männern Obdach gewährt. Viele von ihnen sind aufgrund einer schweren Kindheit straffällig geworden. Andere sind nach Konflikten mit der Gesellschaft psychisch erkrankt: Okubo beispielsweise feierte in seiner Kindheit große Erfolg als Kinderstar, fühlte sich aber sehr gekränkt, als er im Zuge seiner körperlicher Veränderungen in der Teenagerzeit keine Angebote mehr für Fernsehrollen erhielt: „Irgendwann fing er an, sich selbst unter dem Namen Kamimoto E-Mails zu schicken. Mit der Zeit bildete er sich ein, dass er und Kamimoto die einzigen Menschen auf der Welt seien, die es verdient haben zu leben. […] Er begann Feuer zu legen und beging sechsundvierzig mal Brandstiftung, bevor man ihn in seiner Heimatstadt Iwate verhaftete.“ (S. 103) Ishiharas Gruppe wird – davon handelt der zweite Band des Romans – zum Quell eines radikalen, partisanenhaften Widerstands gegen die nordkoreanischen Besatzer, die aus der Sicht der Jugendlichen auf extreme Weise Anpassungsdruck und die Unterdrückung von Anders-Sein verkörpern.

Fazit: Murakamis gelingt mit „In Liebe, Dein Vaterland“ eine spannende Invasionsgeschichte, die nicht nur für an Asien interessierte Dystopie-Fans empfehlenswert ist. Die Erzählweise könnte zwar noch etwas gradliniger sein, besonders die etwas detailverliebten Rückblicke in die Vergangenheit der vielen Protagonisten fordern den LeserInnen manchmal Geduld ab. Doch erhalten viele Figuren so zusätzliche psychologische Tiefe, sodass der Roman insgesamt auch zu einer interessanten Auseinandersetzung mit den Veränderungen in der japanischen Arbeitsgesellschaft – besonders hinsichtlich ihres Umgangs mit den sozial Abgehängten – wird. Der Roman funktioniert aber auch gut als Kommentar zur Korea-Krise als einem militärischen Sandkastenspiel, für das die Bevölkerung die Zeche bezahlen muss. (bf)

Gesamteindruck für beide Bände: +++++ (5 / 5)




Bibliographische Angaben:

Ryū Murakami: In Liebe, Dein Vaterland. I: Die Invasion. Übers. von Ursula Gräfe. Wien, Septime, 2018. 455 S. 26,00 EUR.

Ryū Murakami: In Liebe, Dein Vaterland. II: Der Untergang.
Übers. von Ursula Gräfe. Wien, Septime, 2019. 500 S. 26,00 EUR.

Bestellungen und Leseprobe (klick!). Bildquelle (klick!)

(Erstveröffentlichung dieser Sammelrezension in: Melanie Wylutzki und Hardy Kettlitz (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2019, Berlin: Hirnkost, 2020, S. 184-187)


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Jeff Lemire & Dustin Nguyen: Descender, Bd. 2 + 3 (Rezension, #53)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Phantastik, Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 30 September 2018 · 5177 Aufrufe
Comic, Rezension, Besprechung und 5 weitere...
Anmerkung: Zwischenzeitlich wurden auch die Bände 4 und 5 ins Deutsche übersetzt.


Jeff Lemire & Dustin Nguyen: Descender, Bd. 2 + 3

(Rezension, #53)

Die SF-Comic-Reihe Descender des US-amerikanischen Autors Jeff Lemire handelt von dem Androidenkind Tim-21, das mit seinesgleichen ums Überleben in einem Universum kämpft, in dem künstliche Wesen zum Abschuss freigegeben sind. Die Ursache liegt in der Vergangenheit: Eine gewaltige Angriffswelle bis dahin unbekannter Roboter-Raumschiffe – Harvester genannt – hat die Hauptwelten des Vereinten Galaktischen Rates (UGC) zerstört. In der Folge kam es zu einer planetenübergreifenden Vernichtung der eigenen Roboter, die als Sündenböcke für die wieder spurlos verschwundenen Harvester herhalten mussten.
Der erste Band der Descender-Serie schilderte die letzten Endes erfolgreiche Suche von Captain Tesla und des Kybernetikers Dr. Quon nach Tim-21, der über denselben Maschinencode wie die Harvester verfügen soll. Bevor Tim-21 über die Herkunft und etwaige Rückkehr der Harvester befragt werden kann, wird Telsas Gruppe von Roboter-Kopfgeldjägern (›Schrottern‹) angegriffen und auf den Planeten Gnish gebracht, dem Epizentrum der Roboterverfolgung.
Band 2 setzt diese Handlungslinie fort und beginnt mit einer Kommandoaktion des Roboters Psius, der mit seinem Roboter-Bund namens Hardwire Tim-21 und seine Gefährten befreit – und eine Brutalität an den Tag legt, die der der Gnishianer in nichts nachsteht. Psius bringt sie zum ›Maschinenmond‹, Hardwires Geheimbasis in einem Asteroidenfeld. Er hofft über das »Neuro-Netz« von Tim-21 die mächtigen Harvester zu kontaktieren, um den Spieß umzudrehen und Hardwire die Herrschaft über die Menschheit zu sichern. Schon bald wissen Tim-21 und seine Freunde nicht mehr, ob sie noch Psius‘ Gäste sind oder schon seine Gefangenen.

In einer Parallelhandlung steht Andy im Mittelpunkt, ein Schrotter, der aus ganz eigenen Motiven Tim-21 sucht: In seiner Kindheit ist er mit dem Androidenjungen aufgewachsen – seine Mutter hat Tim-21 als »Gefährten-Bot« für Andy angeschafft – und betrachtet ihn darum als seinen Bruder. Um Tim-21 zu orten, nimmt Andy Kontakt zu seiner Ex-Frau auf, die ihm ihre Hilfe aber zunächst verweigert, weil sie sich von Andy und den Schrottern insgesamt losgesagt hat. Schließlich ist da auch noch Tim-22, Psius‘ Sohn. Anders als der baugleiche Tim-21, der sich sehr positiv an Andy zurückerinnert, hasst Tim-22 menschliche Wesen und ist zudem auf Tim-21 eifersüchtig, weil dieser für den Roboter-Widerstand so wichtig sein soll. Sehr eindrücklich werden in einem Splash-Panel die unterschiedlichen Charaktere der beiden Androiden in Szene gesetzt, als sie ein VR-Spiel spielen. Während Tim-21 vor einem Drachen das Weite sucht, kauft sich sein misanthroper Doppelgänger eine titanisch anmutende Axt, mit er das Ungeheuer in Stücke haut.

Im dritten Descender-Band wird der Fortschritt der Handlung etwas verzögert, indem in Rückblicken die Vergangenheit ausgewähler Figuren beleuchtet wird. Dadurch gewinnt die gesamte Geschichte an Komplexität und wird noch unterhaltsamer. Und auch der Aspekt, wie mit den Robotern umzugehen ist, wird differenzierter behandelt, so dass zu fragen ist: Sollte man künstliche Wesen, die mit den Menschen aufgrund ihrer Intelligenz gleichwertig sind, nicht auch ›menschlich‹ – d.h. eben nicht als Sklaven und Ersatzteillager – behandeln?

Insgesamt ziehe ich folgendes Fazit: Der zweite und dritte Band der Descender-Serie bleiben empfehlenswert. Die Serie ist weiterhin spannend und inhaltlich anspruchsvoll, auch weil sie dem Erzählmotiv des künstlichen Wesens interessante Facetten abgewinnt.

Gesamteindruck für beide Bände: +++++ (5 / 5)


Bibliographische Angaben:

Jeff Lemire (Text), Dustin Nguyen (Zeichnungen): Descender. Buch 2: Maschinenmond. Übers. von Bernd Kronsbein. Bielefeld: Splitter, 2016. Hardcover. 120 S. 19,80 EUR. ISBN: 978-3958391673.
Jeff Lemire (Text), Dustin Nguyen (Zeichnungen): Descender. Buch 3: Singularitäten. Übers. von Bernd Kronsbein. Bielefeld: Splitter, 2017. Hardcover.
Bielefeld, Splitter: 2017. 120 S. 22,80 EUR. ISBN: 978-3958391680.

(Erstveröffentlichung dieser Sammelrezension in: Michael Görden (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2017, Berlin: Golkonda Verlag, 2017. Und hier geht es zu meiner Rezension von Band 1: Blogpost #43.)

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Robert Deutsch: Turing (Rezension, #52)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Phantastik, Rezension 04 September 2018 · 3364 Aufrufe
Turing, Enigma, Graphic Novel und 4 weitere...
Robert Deutsch: Turing

(Rezension, #52)

Nur auf den ersten Blick erstaunt die Idee des Illustrators und Grafik-Designers Robert Deutsch, mit einem Comic über den britischen Mathematiker und Kryptoanalytiker Alan Turing (1912-1954) zu debütieren. Denn schließlich ist das Leben Turings so bemerkenswert, dass es keinesfalls auf eine typische Wissenschaftlerbiographie verkürzt werden darf.

Bis heute gilt Turing als Pionier der Computerentwicklung und Informatik, der mit seiner Turingmaschine aus dem Jahre 1936 ein frühes mathematisch fassbares Modell eines Computers entwickelte. Von Bedeutung ist auch seine Grundlagenforschung, besonders im Bereich der Software, für die ersten Computermodelle. Turing war jedoch das Gegenteil eines Elfenbein-Theoretikers. Zum einen leistete er während des Zweiten Weltkriegs entscheidende Zuarbeit in einer Arbeitsgruppe, die die deutschen Funkspruch-Codes dechiffrierte und so die Schlagkraft feindlicher Truppenmanöver schmälerte. Zum anderen lebte Turing auch nach dem Krieg nicht ganz risikolos, als er wegen seiner Homosexualität diskriminiert und bestraft wurde. Die Depressionen, die Turing in der Folge entwickelte, werden heutzutage für seinen Suizid im Jahre 1954 verantwortlich gemacht.

Hier setzt auch Deutsch` Comic wie mit einem Paukenschlag ein, indem er die Entdeckung von Turings Leichnam an den Beginn setzt. Die Handlung springt sogleich um drei Jahre zurück, um die Vorgeschichte dieser Tat zu erzählen und Turing und sein soziales Umwelt in den Blick zu nehmen: Manchester, ein Café, in das Alan seine neue und deutlich jüngere Zufallsbekanntschaft namens Arnold einlädt. Sie unterhalten sich, verlieben sich. Doch schon bald wird aus der Liebesgeschichte ein Kriminalfall, als Arnold einem Fremden den Einbruch in Turings Domizil ermöglicht. Als Turing die Angelegenheit mit der Polizei klären will, ist diese mittlerweile Arnold und seinem Komplizen auf die Spur gekommen. Turing muss seine Affäre mit Arnold eingestehen und wird zu seiner Überraschung von der Polizei als ›Sittenstrolch‹ kriminalisiert. Turing fühlt sich vom Empire ungerecht behandelt, berichtet von seinem mathematischen Partisanenkampf gegen ›Enigma‹, die Chiffriermaschine der Nazis. Doch das hilft alles nichts, er wird zu einer Hormontherapie verurteilt, die ihm die Libodo nimmt und Depressionen verursacht. Dies wird von Deutsch in einem Vorher- und Nachher-Bild versinnbildlicht, das sehr eindrücklich seine körperlichen Veränderungen verdeutlicht. Turing ist nicht mehr er selber, sondern ein Mr. Hyde, der die Blicke seiner Mitmenschen als »Messerstiche« empfindet. Unter Verwendung von teilweise sehr düsteren Märchen- und Todesmotiven der Brüder Grimm schildert Deutsch, wie der erlebte Fremdhass in Selbsthass mündet und Turing zum Suizid treibt.

Comic-Biographien liegen im Trend, wenn man an die vielen Neuerscheinungen der letzten Jahre in diesem Buchsegment denkt. Robert Deutsch ist dennoch ein ganz außergewöhnliches Werk gelungen, weil es in seiner gegenständlich-geometrischen Formensprache auf sehr sympathische Weise Turing als liebenden Menschen und nicht als ›Informatikgott‹ ins Zentrum rückt.

Gesamteindruck: +++++ (5 / 5)

Bibliografische Angaben: Robert Deutsch:Turing. Berlin: Avant Verlag, 2017. 192 S. 29,95 EUR. ISBN-13: 978-3945034552.

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Michael Görden (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2017, Berlin: Golkonda Verlag, 2017.)

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"Boys & Books" – neue Buchempfehlungen für Jungen (dritte Auswahlliste), #51

Geschrieben von Sierra , in Preise und Auszeichnungen, Phantastik, Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 26 August 2018 · 2033 Aufrufe
Kinderliteratur, Literaturpreise und 4 weitere...
Nach eine längeren Blog-Pause mache ich mal weiter. Zwischenzeitlich ist auf den Seiten von boys & books die dritte Top-Titel-Auswahl (Zeitraum: 9/2017 - 02/2018) online gegangen. Boys & books ist eine Buchempfehlungsseite für Jungen, die zweimal im Jahr jeweils fünf besonders interessante Titel für vier Altersgruppen (8+, 10+, 12+, 14+) auswählt. Die Auswahl lässt sich auch als Plakat betrachten bzw. herunterladen, eine Printversion wird bei Interesse kostenlos an Bibliotheken, Buchhandel etc. verschickt (Bestellung: kontakt@boysandbooks.de).

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Ich arbeite seit Beginn des Projekts in der Jury der Altersgruppe 10 + mit. Dies sind diesmal – teilweise mit ziemlich starkem Phantastik-Einschlag – unsere Favoriten:


Der Ameisenjunge. Der Tag, an dem ich aus Versehen in der Schrumpfmaschine landete (Band 1) - Thomas Krüger (Baumhaus) >>mehr

Hamstersaurus Rex -
Tom O'Donnell (arsEdition) >>mehr

Henry Smart. Im Auftrag des Götterchefs (Band 1) -
Frauke Scheunemann (Oetinger) >>mehr

Master of Disaster: Chaos ist mein zweiter Name (Band 1) -
Stephan Knösel (Beltz & Gelberg) >>mehr

Mist, Oma ist ein Alien (und ich bin schuld!) -
Suzanne Main (arsEdition) >>mehr

Zur ersten Top-Titel-Auswahl und einigen Informationen zum Hintergrund des Projekts geht es hier entlang. (bf)


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"Boys & Books" – neue Buchempfehlungen für Jungen (zweite Auswahlliste), #50

Geschrieben von Sierra , in Rezension, Kinder- und Jugendliteratur, Preise und Auszeichnungen 20 January 2018 · 2046 Aufrufe
Kinderliteratur, Juryarbeit und 4 weitere...
Der Verein boys & books hat eine gleichnamige Buchempfehlungsseite für Jungen ins Leben gerufen, die zweimal im Jahr jeweils fünf besonders interessante Titel für vier Altersgruppen (8+, 10+, 12+, 14+) auswählt. Seit Dezember ist die zweite Top-Titel-Auswahl (Herbst 2017) vollständig online. Sie lässt sich sowohl als Plakat (pdf) betrachten als auch herunterladen.
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Die Mitarbeit in der Jury der Altersgruppe 10 + hat mir wieder viel Spaß gemacht. Dies sind unsere Favoriten, die sicher guten Anklang bei jungen Lesern finden werden:

Zombie-Zahnarzt
David Walliams >>mehr

Luzifer Junior – Zu gut für die Hölle
Jochen Till >>mehr


Evil Hero – Superschurke wider Willen,
Sandra Grauer >>mehr


Der magische Faden
Tom Llewellyn >>mehr

Ich bin einfach zu genial
Stuart David >>mehr

Zur ersten Top-Titel-Auswahl (und einigen Informationen zum Hintergrund des Projekts) geht es hier entlang. (bf)


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Black Box Tunguska? – Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction (Teil 3, #49)

Geschrieben von Sierra , in Sekundärliteratur, Science Fiction 01 December 2017 · 3601 Aufrufe
Tunguska, Science Fiction und 3 weitere...

Die ersten beiden Teile dieses Artikels finden sich hier und hier.


Black Box Tunguska? – Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction (Teil 3)

Vom Waldbrand zum Weltbrand


»Der Gott des Feuers und des Donners. Der Junge glaubt, dass Ogdy sich anschickt, auf die Erde herabzusteigen. Das Licht kündigt sein Nahen an.«1


Wolfgang Hohlbein (1953–) gilt als einer der meistgelesenen deutschsprachigen Fantasy- und SF-Autoren in Deutschland. »Die Rückkehr der Zauberer« (1996) gehört leider zu den Werken Hohlbeins, die sich mehr durch Action und Geschwindigkeit als durch Handlungslogik oder Selbstironie bestimmen. »Tunguska im Griff der Superhelden« wäre durchaus ein anderer passender Titel für Hohlbeins Erzählgemisch aus Agenten-Thriller und Fantasy-Roman, dessen Motive an Filme wie Indiana Jones, Stargate und X-Men erinnern. Hohlbein setzt sich dabei recht plakativ mit den religiösen Vorstellungen und Mythen der Ur-Einwohner Sibiriens auseinander.

Die Steinerne Tunguska im Jahr 1908: Der russische Hauptmann Petrov, der sich in einer Kommandoaktion auf den Fersen einer Mörder- und Räuberbande befindet, der Schamane Tempek und der mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattete Ewenkenjunge Haiko werden zu Zeugen und Überlebenden einer geheimnisvollen Explosion, die ein riesiges Areal in Brand setzt: »Petrov sah, wie der Wald oben auf dem Berggrat aufflammte wie ein einziges trockenes Stück Papier. Er begann nicht zu brennen, sondern verwandelte sich von einer Millionstelsekunde zur anderen in eine einzige weiße Flammenwand, die in der plötzlich unbewegten Luft nahezu senkrecht nach oben loderte. Gras, Laub und trockene Tannennadeln auf dem Hang begannen zu schwelen, flammten hier und da auf und ein unsichtbarer glühender Hauch berührte Petrovs Gesicht, versengte seine Augenbrauen und verbrannte sein Haar und seine Haut. Seine Pelzjacke begann zu schwelen. Er spürte, wie die Haut in seinem Gesicht und auf seinen ungeschützten Händen rissig wurde und Blasen schlug. Die Munition in dem Gewehr, das er fallen gelassen hatte, explodierte. Sein linker Ärmel begann zu brennen. Die Bäume oben auf dem Berggrat zerfielen zu Asche. Das Unterholz löste sich in einer leuchtenden Säule aus Licht auf und dazwischen torkelten Gestalten in brennenden Kleidern und mit flammendem Haar. Es war vollkommen still.«2

In den nächsten Jahrzehnten gerät die Katastrophe in Vergessenheit. Doch als sich 90 Jahre später ein zweiter explosiver Zwischenfall in der Tunguska ereignet, steht die ganze Welt Kopf. In dieser politischen Großwetterlage liefert sich Henrik Vandermeer, Journalist einer Düsseldorfer Tageszeitung, eine gefährliche Auseinandersetzung mit russischen Geheimagenten, nachdem er auf einer Esoterikmesse in den Besitz eines geheimnisvollen Edelsteins gekommen ist. Trotz erbitterter Gegenwehr kann Vandermeer nicht verhindern, mitsamt seinen neuen Bekannten, der Esoterikfachfrau Ines und ihrer Zwillingsschwester Anja auf ein Schiff entführt zu werden. Dort eröffnet der zwielichtige Wassili ihm und einer anderen Passagierin, der Druiden-Tochter Gwynneth, dass sie Auserwählte seien, auf die eine große Aufgabe in Russland warte. Nach einem Intermezzo in Istanbul und der Vernichtung eines ausgewachsenen Zerstörers der türkischen Armee mit Hilfe einer geheimen Laserwaffe bringt sie Wassili schließlich in die sibirische Tunguska, wo sie auf den blinden Haiko stoßen, der nun ein Greis ist. Vandermeer erhält Gewissheit, dass er über die besondere Gabe verfügt, den Lauf der Dinge zu beeinflussen.
Der Kreis schließt sich in Wanawara in Sibirien, unweit der Stelle, an der 90 Jahre zuvor das Tunguska-Ereignis stattfand. Wassili gibt sich nun als Kommandant des geheimen Militärprojekts »Charon« zu erkennen, das sich bisher erfolglos mit der Ergründung des Geheimnisses einer merkwürdigen türkisblauen Pyramide beschäftigt, die an dieser Stelle gefunden wurde. Einer Deutung von Wassili zufolge soll es sich um ein Tor ins Jenseits handeln, das bei der Tunguska-Katastrophe geöffnet und von dem Kommandanten Petrov zu Unrecht betreten wurde: »Vielleicht gibt es auch eine wissenschaftliche Erklärung dafür … möglicherweise ist es die nächste Form der Evolution … eine andere Dimension, eine höhere Form des Seins … Es gibt tausend Wege es zu beschreiben. Vielleicht stimmt keiner, vielleicht stimmen alle.«3 Derjenige, der Zugang zu dem »Bereich zwischen dem Hier und der anderen Welt«4 findet, wird als ein von Gott tolerierter »Torwächter« in die Lage versetzt, enormen Einfluss auf das Weltgeschehen zu nehmen und ihm seinen persönlichen Stempel aufzudrücken. Indirekt macht Wassili den Soldaten Petrov sogar für die Kriege im 20. Jahrhundert verantwortlich.

In geheimen Höhlen tief unter Wassilis Forschungsstation kommt es zum unvermeidlichen Showdown des Romans. Nachdem die Druidin Gwynneth erfährt, dass ihr Kind von Wassili getötet wurde, spuckt sie wahrsten Sinne des Wortes Feuer und legt das gesamte Forschungsgelände in Staub und Asche. Nur um Haaresbreite gelingt Vandermeer und Ines die Flucht mit Haiko, der ihnen den Weg zu einer zweiten unterirdischen Pyramide weist. Ihre Monumentalität verschlägt Vandermeer den Atem: »Er hätte alles darum gegeben den Blick von diesem ungeheuerlichen Gebilde lösen zu können, das ihn mit seiner Schönheit und Perfektion beinahe zu verbrennen schien, aber es gelang ihm nicht. Wie auch – im Angesicht Gottes?«5 Haiko erklärt Vandermeer, dass Wassili das Kind der Druidin Gwynneth getötet hat, weil er hoffte, »es würde ihnen im Moment des Sterbens den Weg hierher weisen«.6 Dabei wurden die Spezialkräfte des Kindes in einer unmenschlichen Explosion freigesetzt, die allerdings durch »Kräfte dieses heiligen Ortes« ins Jahr 1908 (!)»abgefälscht« wurde; »Zeit ist eine Illusion – wie fast alles.«7 Mit anderen Worten: Das Flammeninferno geht nicht auf das Konto von Ogdy, sondern böser Druiden-Mächte. Als sich Haiko schließlich als religiöser Fanatiker outet und selbst das Tor zum Jenseits passieren will, um die Menschheit aus Hass gegen »ihre Welt der Dinge« auszulöschen, können Vandermeer, Ines und die tot geglaubten Anja und Wassili ihn nur um Haaresbreite und natürlich nicht ganz gewaltfrei daran hindern.8


Eis am Stiel

»Da wohnte also etwas in meinem Herzen, das nicht Herz war.«9

Im Zentrum des Romans »BRO« (2004), dem zweiten Teil der Eis-Trilogie des Russen Vladimir Sorokin (1955–), steht ein monumentaler Schöpfungsmythos, der das Projekt Menschheit für gescheitert erklärt: »Zeit ihrer Geschichte kannten die Menschen im Grunde nur dreierlei Verrichtungen: Menschen zu gebären und Menschen zu töten sowie ihre Umwelt zu missbrauchen. Menschen, die anderes zu tun vorschlugen, wurden gekreuzigt und gesteinigt. Aus dem unsteten, disharmonischen Wasser hervorgegangen, gebaren die Menschen und töteten, was sie geboren hatten. Denn der Mensch war der große Fehler. Und mit ihm alles Übrige, was auf der Erde kreucht und fleucht. Und die Erde wurde zum hässlichsten Ort im ganzen Universum.«10

Noch schwerer wiegt, dass die Menschheit die Erzeuger des Universums, nicht weniger als 23000 Lichtwesen, in sich absorbiert hat. Die göttliche Balance ist gestört, das Universum droht zu sterben, solange die Erde existiert. Und so wird ein Meteor auf die Erde herabgesandt, der am 30. Juni 1908 in der ostsibirischen Tunguska zerschellt. Der Ich-Erzähler des Romans ist Alexander Snegirjow, der zum Zeitpunkt des Meteoriteneinschlags auf die Welt gekommen ist. Fast zwanzig Jahre später wird der junge Träumer und Studienabbrecher zum Teilnehmer und Saboteur von Kuliks Expedition zum Einschlagsort des Meteors. Er erreicht als Einziger die Einschlagsstelle und fühlt sich sogleich auf symbiotische Weise zu dem Eismeteoriten hingezogen. Ist Snegirjow in den russischen Revolutionswirren ohnehin seiner bourgeoisen Vergangenheit verlustig gegangen, wird schließlich im Kontakt mit dem Eis (»Ljod«) des Meteoriten das Lichtwesen »Bro« in ihm wiedergeboren: »Vor mir hatte es die Entengrütze etwas zur Seite geschwemmt, und ich konnte es im Mondlicht funkeln sehen: das Eis! Ein Flecken reinen Eises, handtellergroß! […] Ich richtete mich auf tat einen heftigen Schritt und glitt aus. Fiel um, prallte bäuchlings, mit aller Wucht auf das leuchtende Eis. […]
Mein Herz, das all die zwanzig Jahre schlummernd im Brustkasten gesessen hatte, erwachte davon. Nicht, dass es stärker geschlagen hätte als zuvor – aber anders: es stieß mich von innen an – was zuerst wehtat, dann ungeheuer angenehm war. Und dann sprach es. Stotternd zunächst: ›Bro-bro-bro … Bro-bro-bro … Bro-bro-bro …‹
Ich begriff: Das war mein Name. Mein wirklicher.«11

Er erfährt, dass er mit Hilfe des Ljods die anderen »Lichtstrahlen« aus ihrem menschlichen Kokon befreien kann, die Rettung des sterbenden Universums scheint nicht unmöglich: »Und wird einmal der Letzte der Dreiundzwanzigtausend gefunden sein, so werdet ihr euch im Kreis aufstellen und bei den Händen fassen, und eure Herzen sprechen die dreiundzwanzig Herzensworte in der Sprache des Lichtes dreiundzwanzigmal im Chor. Dann erwacht das Ursprüngliche Licht in euch zu neuem Leben und wird sich in der Mitte des Kreises vereinen und entflammen. Und der Große Weltfehler wird ausgemerzt sein: die Erdwelt verschwunden, aufgelöst im Licht12

Sodann macht sich Bro auf die gefahrvolle Quest nach seinen 23 000 Geschwistern, die weltweit verstreut sind und (ausgerechnet!) allesamt blond und blauäugig sind. Zur Erweckung ihrer Herzen bedient sich Bro einer brutalen, an archaische Kultrituale erinnernden »Herzmassage«: Ein aus dem Ljod gefertigter Eishammer wird so lange auf den Brustkorb geschlagen, bis das Herz den wahren Namen des neuen Bruders »verkündet« oder für immer schweigt... Die Darstellung dieses Erweckungsrituals schwankt dabei zwischen Gewalt und Komik, die Parallelen zum Anwerfen eines Oldtimers sind wohl nicht unbeabsichtigt: »Zu zweit banden wir damit das Ljod an den Knüppel. Fer mit ihren kleinen, aber kräftigen Händen fetzte das Hemd auf Nikolas Brust auseinander. Ich holte aus und ließ den Hammer mit aller Kraft auf die nackte Brust niedersausen. Von dem Mordsschlag zerschellte das Ljod in viele kleine Stücke, der Stiel brach entzwei. In Nikolas Brustkasten gluckste es. Wir legten unser Ohr an. Das Glucksen hörte nicht auf, Nikolas Körper begann zu beben, die Zähne knirschten. Unsere Ohren wie auch unsere Herzen hörten die Stimme eines erwachenden Herzens.
Ep … Ep … Ep …‹«13

Bald versteht Bro, dass seine »Erweckungsbewegung« nur erfolgreich sein wird, wenn es ihm gelingt eine im wahrsten Sinne des Wortes schlagkräftige Geheimorganisation aufzubauen: »Um in Russland zum Ziel zu gelangen, mussten wir Teil des Staatsapparats werden; unter seinem Deckmantel, in der Montur seiner Bediensteten, konnten wir unser Werk vollbringen; einen anderen Weg gab es nicht.«14Sehr hilfreich bei der Geschwistersuche ist Terenti Deribas, ein leitender Beamter des Geheimdienstes GPU, der sich ihnen nach seiner Erweckung als Bruder Ig anschloss. So kann Bro bei der Suche nach seinen Brüdern und Schwestern, die offiziell als sofortig zu verhaftende Konterrevolutionäre ausgegeben werden, die Infrastruktur der GPU nutzen. Dabei wird das gesamte Ausmaß der Irrationalität der GPU deutlich, mit der sie in der UdSSR wütet: »Das Prinzip, dem Vorgesetzten nur ja keine überflüssigen Fragen zu stellen, war zur Tradition geworden. Der Strafverfolgungsapparat der GPU hatte sich landesweit in eine […] ausschließlich nach eigenen Gesetzen funktionierende Maschine verwandelt.«15 Dem steht jedoch die Unbarmherzigkeit der Sektierer kaum nach, die jeden zur »Fleischmaschine« abstrahierten Menschen, der sich ihnen in den Weg stellt, eliminieren.

Obwohl Bros Leute auf spezielle, durch das Ljod gewonnene Fähigkeiten zurückgreifen können – etwa besondere körperliche Selbstheilungskräfte und telepathische Begabungen –, merkt Bro schließlich, dass sich die Geschwistersuche in die Länge ziehen wird, weil sie einem samsarischen Katz- und Maus-Spiel gleicht: Da immer wieder Erweckte sterben und dann in anderen Körpern neugeboren werden, müssen diese wiederum aufs Neue gefunden und erweckt werden.

Eingefügtes Bild Der rasch alternde Bro findet schließlich in den Wirren des Zweiten Weltkriegs zwischen dem bolschewistischen »Ljodland«, dem faschistischen »Ordnungsland« und dem amerikanischen »Freiheitsland« eine Nachfolgerin in Chram, die – davon erzählt Sorokins vorhergehender Roman »LJOD. Das Eis« – die weitere Suche und die Unterwanderung der gesellschaftlichen Machtzirkel nach seinem Tod koordinieren wird.

In Bros vampiresk-abgründiger Sekte, die so hervorragend die totalitäre Logistik der Tscheka, des GPU und der Nazis für ihre eigenen Zwecke zu nutzen versteht, versinnbildlicht sich hinter seiner Brutalität die enttäuschte Hoffnung auf eine transzendente Fortentwicklung des Menschen. Kurz: der »Beweis dafür, daß der menschliche Anspruch auf kosmischen Universalismus einmal mehr hinfällig geworden ist.«16
»BRO« ist ein gelungenes Konglomerat aus Sektenparodie, SF und viel Zivilisationspessimismus vor dem Hintergrund des Tunguska-Rätsels. Sorokin bestätigt darin seinen Ruf als maßloser Skandalschriftsteller17, der auch zur politischen und kulturellen Lage der Nation in der Putin-Ära nicht schweigen will: Beißend ist seine Kritik an der Hammer-und-Sichel-Pathetik und dem sozialen Realismus, die in Russland seit geraumer Zeit eine Renaissance erleben.


Exkurs: »Geheimakte Tunguska«

Bedrohungen der Menschheit durch Near Earth Objects wie Asteroiden, Meteoren oder Kometen auf der Kinoleinwand erfreuen sich seit längerem besonderer Beliebtheit beim Zuschauer. Nachdem die Tunguska-Explosion eine Vielzahl von mehr oder weniger gelungenen Kino-Filmen wie Meteor (USA 1979), Armageddon (USA 1998), Deep Impact (USA 1998) zumindest anregte, und auch als Aufhänger für zwei Akte-X-Folgen (USA 1997) diente – in denen allerdings nur die missratene Handlungslogik den Zuschauer das Fürchten lehrt –, war es 2006 soweit: Kurz vor ihrem hundertsten Jubiläum fand die Katastrophe den Weg auf die Computermonitore und wurde ein großer Erfolg.

In dem von den deutschen Spielehersteller Fusionsphere Systems und Animation Arts entwickelten Point & Click-Adventure schlüpft der Spieler in die Haut von der jungen Nina Kalenkow – gesprochen von Solveig Duda, der deutschen Stimme von Angelina Jolie –, deren Ähnlichkeit mit dem Computerspiel-Pin-up Lara Croft wohl nicht zufällig sind. Ninas Vater, ein berühmter Forscher und der Leiter eines Berliner Naturkundemuseums, wurde aus seinem Büro entführt. Da sich die überarbeitete Berliner Polizei des Falls nicht annehmen will, ist Nina schon bald auf die Hilfe von Max Gruber, dem Assistenten ihres Vaters angewiesen.Er gibt nicht nur wichtige Hinweise, sondern lässt sich im Laufe des Spiels auch als zweiter Hauptcharakter steuern. Noch in Berlin findet Nina heraus, dass die Entführung mit besonderen Forschungsergebnissen ihres Vaters zu tun hat, die von seiner geheimen Tunguska-Expedition im Jahre 1958 stammen. Damals hat er in der Tunguska übernatürliches Pflanzenwachstum nachgewiesen, was sogleich von oberster Stelle zur Verschlusssache erklärt wurde. Weiterhin stößt Nina auf Berichte über eine von Kuliks Expeditionen, bei der er ein mysteriöses Objekt aus unbekanntem Material von so großer Härte fand, das jede Entnahme einer Gesteinsprobe misslang. Bei einer Folgeexpedition konnte Kulik das Gebilde nicht mehr ausfindig machen – es war plötzlich verschwunden. Die Hinweise verdichten sich, dass Ninas Vater in die Tunguska gebracht werden soll, und machen eine eigene Reise Ninas nach Sibirien notwendig – selbstverständlich inkognito.

Wie bei einem Detektivplot nicht anderes zu erwarten, stellen die Rätsel die Kombinationsfähigkeit des Spielers auf die Probe. Nur an wenigen Stellen heißt es Try-and-Error: Dass man etwa zu Spionagezwecken einer Katze ein Mobiltelefon anbinden muss, um weiterzukommen, ist dann aber wieder so skurril, dass man gerne weiterspielt. Für Abwechslung sorgen auch die Schauplätze: Die Kidnapper werden nicht nur in Berlin und Moskau, sondern auch an Bord der Transsibirischen Eisenbahn, in irischen Burgruinen, der Antarktis und natürlich der Steinernen Tunguska gejagt.


Zusammenschau

Nach diesem Querschnitt durch literarische Tunguska-Phantasien lassen sich zwei Hauptintentionen in den vorgestellten Werken unterscheiden. Zum einen eignen sich Geschichten über das spektakuläre Tunguska-Ereignis natürlich als gehobene Popcorn-Literatur. Der bis heute unaufgeklärt gebliebene Vorfall dient als mystery-Element zur Spannungssteigerung und fordert den Leser heraus, eine »Wissenslücke« in der Handlung zu füllen. Eine Einladung zum Weiterfabulieren sind auch die Rahmenbedingungen der Explosion, in erster Linie: das Fehlen eines Kraters, die Mythen der Ewenken und die Messung von Radioaktivität im Epizentrum.

Gleichzeitig dient die Katastrophe in den besprochenen Romanen als Ideensteinbruch auf einer philosophischen Metaebene, die zu optimistischen wie pessimistischen Überlegungen über den Menschen einlädt. So ist etwa Lem als überzeugtem Rationalisten klar, dass Technik einen wesentlichen Beitrag zur Lösung der drängenden zivilisatorischen Probleme moderner Gesellschaften leisten kann. Am Beispiel der Atomenergie und der in die Selbstvernichtung mündenden Kriegsspiele der Venusbewohner plädiert Lem für die Setzung moralischer Leitplanken im Sinne eines sozialen Bewusstseins, in dem sich die Kluft zwischen Technik und Ethik auflöst. Während aber bei Lem der Absturz des Venus-Raumschiffs in der Tunguska das Ende des Kapitalismus heraufbeschwört, geht Watson in der Darstellung der gescheiterten kommunistischen Kolonisierung des Weltalls mit dem »Neuen Menschen«, einem wichtigen Heilziel der sowjetischen Ideologie, ins Gericht. Nur rhetorisch fragt sich Kommandant Anton Astrow wenige Sekunden vor dem Tod, »ob jemand in Sibirien zum Himmel aufblickte und Hammer und Sichel aus der Höhe herabstürzen sah? Eine Vision künftiger Zeiten … Vielleicht sahen es ein paar Rentierhirten.«18

Ist die Rede von dem Beitrag der russischen Intelligenzija zur Karriere dieses Ideentopos, darf die spirituell verbrämte Hoffnung Nikolaj Fedorovs (1828–1903) nicht unerwähnt bleiben, der »Neue Mensch« würde eines Tages den Tod als letzte Grenze des menschlichen Fortschritts besiegen und alle Verstorbenen der Vergangenheit wiedererwecken: »Hier … sollte die Technik in das Werk des Menschen eingespannt werden, hier sollte die von Gott in der Potenz angelegte beste aller Welten als schlechthin vollkommene Schöpfung vollendet werden – und zwar nicht nur für den Menschen, sondern für die Kreatur überhaupt. Wenn alle verstorbenen Ahnen wieder zum Leben erweckt seien, dann wären auch die anderen Sterne mit Menschen bevölkert.«19 Infernalisch und mit viel bösem Mundwerk darf auch Sorokin unter den Spöttern über diesen »Neuen Menschen« nicht fehlen. Wenn Bro und seine Herzensbrüder munter gegen den Tod hämmern, bleiben hinter ihren (veget)arischen Masken und den Zuckungen der Geschwisterliebe die Zombiefratzen nicht lange verborgen. (bf)

Endnoten

1 Wolfgang Hohlbein: Die Rückkehr der Zauberer. Bergisch-Gladbach: Bastei-Verlag, 1998. S. 19.
2 Ebd., S. 54.
3 Ebd., S. 604 f.
4 Ebd., S. 605.
5 Ebd., S. 667.
6 Ebd., S. 669.
7 Ebd., S. 670.
8 Ebd., S. 673.
9 Vladimir Sorokin: BRO. Berlin: Berlin Verlag, 2006. S. 89. Die folgenden Überlegungen basieren auf meiner Rezension von Sorokins Roman für das JUNI-Magazin 39/40 [In Vorbereitung].
10 Ebd., S. 120. Im Original kursiv.
11 Ebd., S. 117 f.
12 Ebd., S. 121 f. Im Original kursiv.
13 Ebd., S. 154.
14 Ebd., S. 205.
15 Ebd., S. 239.
16 Stanisław Lem: Lokaltermin. Berlin: Volk und Welt, 1986. S. 159.
17 So stand Sorokin zwei Jahre nach Erscheinen seines Romans »Der himmelblaue Speck« (2000) unter anderem wegen angeblicher Verbreitung von Pornografie vor Gericht. Kläger waren Kreml-nahe Jugendorganisationen, die auch schon durch skurrile Bücherumtauschaktion gegen Sorokin und andere russische Kultautoren auf sich aufmerksam machten. http://www.nzz.ch/2002/02/11/fe/article7YBPH.html
18 Watson 1986, S. 126.
19 Küenzlen 1997, S. 149.

(Erstveröffentlichung: B. Figatowski: Deep Impact? Zum literarischen Nachbeben des Tunguska-Ereignisses im Jahre 1908. In: Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Heyne Science Fiction Jahr 2008, München: Heyne 2008, S. 439-467.)




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Der Blackthorn-Code: Das Vermächtnis des Alchemisten (Rezension, #48)

Geschrieben von Sierra , in Preise und Auszeichnungen, Phantastik, Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 17 July 2017 · 2808 Aufrufe
Abenteuerroman, Blackthorn und 7 weitere...
Ein todesmutiger Held, der sich mit einer Alchemisten-Sekte anlegt, viel Old-London-Flair und Rätsel en masse, der »Blackthorn-Code« war beim ersten Durchgang der boys & books-Juryarbeit mein Favorit. Dabei mache ich einen weiten Bogen um Apotheker-Romane und um Werke mit »Vermächtnis« im Untertitel ... normalerweise.


Der Blackthorn-Code: Das Vermächtnis des Alchemisten (Rezension, #48)

Inhalt:

Christopher Rowe, ein vierzehnjähriges Waisenkind, lebt beim legendären Londoner Apotheker und Alchemisten Benedict Blackthorn. Christopher könnte eigentlich nicht glücklicher sein, denn sein Meister lehrt ihn nicht nur das gängige Apothekerhandwerk, sondern auch die Entzifferung von Geheim-Botschaften und Rätseln. Doch leider sind es unruhige Zeiten im Jahr 1665: Mörder treiben an der Themse ihr Unwesen und fast immer sind es Apotheker, die getötet werden. Obwohl Lord Richard Ashcombe, der Beschützer des Königs, und seine Leute den Verbrechern dicht auf den Fersen sind, fällt auch Blackthorn der Mordserie zum Opfer. Zusammen mit Tom Bailey, einem befreundeten Bäckersjungen, bleibt Christopher nur wenig Zeit, um die von Blackthorn hinterlassenen Geheimcodes zu entschlüsseln und die Mörder zu enttarnen. Dabei gerät Christopher in den Dunstkreis eines mächtigen Geheimbunds um den Alchemisten Oswyn, der eine Verschwörung gegen den Hofstaat von König Charles‘ plant und dazu eine hochexplosive Substanz – das sogenannte Feuer des Erzengels – herstellen will. In letzter Sekunde kommt Christopher Oswyns Plan auf die Schliche und auf einem abgelegenen Friedhofsgelände entbrennt ein Kampf auf Leben und Tod.


Beurteilung:

»Geheimnisse über Geheimnisse. Codes innerhalb von Codes« (S. 314) – Dieser Abenteuerroman, der im historischen London des 17. Jahrhunderts spielt, ist ausgesprochen spannend! Kevin Sands gelingt es in der unterhaltsamen Geschichte bravourös rätselhafte, actionreiche und humorvolle Handlungselemente zu verbinden, sodass der junge Leser das Buch vermutlich gar nicht aus der Hand legen will. Christopher, der die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt, ist ein sympathischer Protagonist, der in vielen brenzligen Situationen List und alchemistisches Wissen an den Tag legt. Obwohl er ein Waisenkind ist und vielen Lesern diese Lebenslage möglicherweise nicht vertraut ist, eignet sich Christopher dennoch gut als Identifikationsfigur. Sein Freund Tom übernimmt dabei die Rolle des unterstützenden Begleiters. Obwohl er nur ein »Möchtegerne-Soldat« (S. 11) ist, vermittelt er Christopher – und damit auch dem Leser – selbst an besonders geheimnisvollen Orten und in gefährlichen Situationen ein Stück Geborgenheit. Außerdem ist Tom immer für einen lustigen Wortwechsel mit Christopher gut, sodass der Humor in der Geschichte nicht zu kurz kommt.

Der »Blackthorn Code« greift eine ganze Reihe von interessanten Themen auf: Neben dem Kriminalplot, der natürlich sogleich an Arthur Conan Doyles Geschichten um »Sherlock Holmes« denken lässt, werden durch die Themen Freundschaft und die Alchemie – als eine spannende Geheim- und Grenzwissenschaft – weitere Leseanreize geschaffen. Die Geschichte ist aber auch wegen der Überschneidungen zum Mystery-Genre originell. Denn die Rätsel, die Blackthorn seinem Lehrling hinterlassen hat, sind sehr stimmig mit der Handlung verwoben und werden nur schrittweise gelöst. Zum einen wird der Leser aufgefordert, die Codes gemeinsam mit Christopher zu entschlüsseln und so auf beinahe interaktive Weise Anteil am Handlungsfortschritt zu nehmen. Zum anderen dienen die Rätsel als retardierende Elemente, um den dramatischen Höhepunkt der Handlung, die insgesamt nur wenige Tage umfasst, hinauszuzögern.

Der Roman lässt sich flüssig lesen und trumpft mit einem buchstäblich explosiven Showdown auf, bei dem die Verschwörer ihre geballte Ruchlosigkeit an den Tag legen. Für sensible Leser könnten allerdings einige der Kampfdarstellungen womöglich zu einer kleinen Belastungsprobe werden. Andererseits obsiegt Christopher letzten Endes immer dank seiner Cleverness und nicht wegen seiner Kampfkraft. (bf)


Gesamteindruck: ++++ (5 / 5)


Bibliografische Angaben: Kevin Sands: Der Blackthorn-Code. Band 1: Das Vermächtnis des Alchemisten. Übers. von Alexandra Ernst. München: dtv, 2016. S. 330. ISBN: 978-3-423-76148-2. EUR 15,99.

Quelle: boys & books, Juli 2017

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„All judgment of literature by genre is tripe. All judgment of a category of literature as inherently superior or inferior is tripe. […] There are many bad books. There are no bad genres.“ (Ursula K. Le Guin)

 

[Ursula K. Le Guin: Genre: A Word Only the French Could Love. In: The James Tiptree Award Anthology 1. Tachyon Publications, 2005, S. 68.]

 

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(Quelle: Wikipedia: Le Guin in 2009. Ursula Le Guin. Photo by Marian Wood Kolisch. CC BY-SA 2.0)

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