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Comic-Randnotiz zu Pascal Jousselins "Unschlagbar"-Serie (#66)

Geschrieben von Sierra , in Comics 11 August 2021 · 277 Aufrufe
Pascal Jousselin, Unschlagbar und 3 weitere...
Comic-Randnotiz zu Pascal Jousselins "Unschlagbar"-Serie (#66) Eine kurze Randnotiz zu Pascal Jousselins Comic-Serie um den unorthodoxen Superhelden "Unschlagbar", der über die im Comic-Reich einzigartige Gabe verfügt, Panel-Grenzen zu überwinden. Ich war von dem ersten Band ziemlich begeistert, wie man hier nachlesen kann. Nunmehr ist auch der dritte Band erschienen (übers. von M. Le Comte) und hat mir wieder viel Spaß gemacht. Besonders originell finde ich die Geschichte, in der Unschlagbar und sein Kumpel, der Polizist Bruno, durch ein Dimensionsportal in die Realwelt geraten, – hier wird das Comic überraschend zur Foto-Story. (bf)

Bibliografische Angaben:
Pascal Jousselins: Unschlagbar! 3: Der Albtraum der Ganoven. Übers. von Marcel Le Comte. Hamburg: Carlsen, 2021. 48 S. ISBN-13:‎ 978-3551723499
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"Der Wüstenplanet" von Frank Herbert (Rezension, #65)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction 05 August 2021 · 276 Aufrufe
Wüstenplanet, Frank Herbert und 2 weitere...
"Der Wüstenplanet" von Frank Herbert (Rezension, #65) Als Freund der Lynch-Verfilmung von "Dune" (1984) und gleichzeitig jemand, den Villeneuves "Blade Runner" eher enttäuscht hat, haut mich die Idee eines neuen – warum auch immer notwendig gewordenen – "Dune"-Films kaum vom Hocker. Auch und gerade nach dem Anschauen des Trailers, der einen Action-Kracher in GoT-Optik (wie "LCU" in einem Tweet angemerkt hat) ankündigt.
Herberts ursprünglicher Roman selbst gefällt mir allerdings, wie ich vor ein paar Jahren anlässlich von Jakob Schmidts Neuübersetzung kurz notiert habe.


"Der Wüstenplanet" von Frank Herbert (Rezension, #65)

Heyne wirbt auf dem Cover von Frank Herberts „Wüstenplanet“ (1965) mit dem Begriff „Zukunftsepos“. Und in der Tat gibt es kaum einen Science-Fiction-Roman, der so sehr diese Bezeichung verdient. Es ist nicht nur der Umfang des Erzählzyklus um die schillernde Messiasfigur des Paul Atreides, der sich über sechs zwischen 1965 und 1985 erschienene Romane erstreckt. Bis heute beeindruckt auch Herberts Interesse an dem Verhältnis zwischen Religion, Macht und Herrschaft, das einerseits an die antike Tradition epischer Heldendichtung erinnert. Andererseits nimmt Herbert Bezug auf die islamische Mythenwelt und die Beduinenkultur, die in der Science Fiction und Fantasy selten eine so komplexe Literarisierung erfahren haben.

Herberts Roman spielt auf Arrakis, dem Wüstenplaneten, in einer fernen unbestimmten Zukunft. Feudalismus prägt das Leben der über viele Planeten verstreuten Menschen. Die Herrschaft des Padischah-Imperators sorgt an der Oberfläche für Stabilität, doch hinter den Kulissen bekämpfen sich die im sogenannten Landsraad organisierten Adelsgeschlechter auf das Erbitterste. Wegen ihres Monopols auf Mobilität ist schließlich die Raumfahrergilde einflussreich. Als Herzog Leto Atreides das Adelsgeschlecht der Harkonnen als Herrscher über Arrakis ablöst, ist dies eine gewichtige Veränderung in der Machtbalance. Denn trotz seiner Lebensfeindlichkeit – neben der Wasserknappheit machen die riesigen Sandwürmer eine Wüstendurchquerung zum Abenteuer – ist Arrakis einzigartig: Die nur dort vorkommende „Gewürz“-Droge Melange ist für Raumfahrer elementar und verleiht zudem prophetische Kräfte. Obzwar die Atreides wussten, dass die Harkonnen Arrakis niemals friedlich aufgeben würden, vermögen sie ihren Angriff – der durch die Truppen des Imperators incognito unterstützt wird - nicht zu verhindern. Der heimtückische Plan von Baron Harkonnen geht jedoch nicht ganz auf. Denn Letos Sohn Paul und seine Konkubine Jessica, Pauls Mutter, können in die Wüste fliehen und finden dort bei dem Volk der Fremen Asyl. Auch gibt der gefangengenommene Leto keinerlei Geheimnisse preis, weil er den Selbstmord einer Folterung vorzieht. Und in der Wüste wird der Leser Zeuge einer Wandlung Pauls, so wie es eine alte Prophezeiung beschrieben hat: „Es heißt, dass eines Tages ein Mann kommen und durch die Gabe der Droge sein geistiges Auge entdecken wird.“ Paul wird von den Fremen zu ihrem Anführer erkoren und heißt nun „Paul-Muad’Dib“. Weil ihm die archaischen Fremen-Traditionen wenig Handlungsspielraum lassen, sucht er nach einem Weg, der ihm eine individuelle Interpretation seiner Anführerrolle ermöglicht und gleichzeitig die Chance auf die Bestrafung der Harkonnen wahrt.

Die vorliegende Neuausgabe von Herberts Klassiker ist mehr als empfehlenswert. Jakobs Schmidts Übersetzung liest sich erstaunlich flüssig und ist doch – dies zeigt der Vergleich mit dem Orginaltext – sehr textnah. Zudem hat Herberts Roman keine Patina angesetzt, weil der detailreiche Weltenbau so harmonisch mit der spannenden Handlung verbunden ist. Dabei steht Pauls Kampf um die Befreiuung Arrakis’ in bester humanistischer Tradition und verleiht der Geschichte eine interessante, antikolonialistische Stossrichtung. An Tiefe gewinnt der Roman schließlich durch die unterhaltsamen Dialogsequenzen, in denen die Rahmenhandlung wie in einem Kammerspiel auf den Ebenen der Diplomatie und Intrige weiterbefördert wird. (bf)

Gesamteindruck: +++++ (5 / 5)

Bibliographische Angaben:


Frank Herbert: Der Wüstenplanet. Übers. von Jakob Schmidt. München: Heyne. 2016. 800 S. 14,99 EUR.
Diese Rezension ist erstmals erschienen im Heyne Science Fiction Jahr 2016.

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Geisterschule Blauzahn – Lehrer mit Biss (Rezension, #64)

Geschrieben von Sierra , in Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 02 August 2021 · 203 Aufrufe
Kinderbuch, Geister, Humor und 1 weitere...
Geisterschule Blauzahn – Lehrer mit Biss (Rezension, #64) Geisterschule Blauzahn – Lehrer mit Biss (Rezension, #64)

Inhalt
Freddy Rettich hat es nicht leicht. Seit dem Tod seiner Mutter lebt er bei seiner verwitweten Tante Liz in Pimpelhausen. Regelmäßig ärgert er sich über ihre vielen Marotten wie z.B. einen ausgeprägten Pünktlichkeitsfimmel. Zudem muss Freddy auf dem muffigen Dachboden schlafen. Er ist daher mehr als erfreut, als er eine Zusage für einen kostenlosen Schulplatz auf Burg Blauzahn erhält. Die Nachricht kommt allerdings recht überraschend, da sich Freddy gar nicht um ein Schulstipendium beworben hat. Dass es kein gewöhnlicher Schulbesuch wird, merkt Freddy schon bei der Anreise. Eine Kutsche bringt ihn durch den finsteren Düsterwald zur Burg Blauzahn. Wenig vertrauenserweckend ist der Fahrer, ein Kapuzenmann mit einem recht imposanten Beil. Im Internat angekommen, macht Freddy die Bekanntschaft mit der ebenso merkwürdigen Schulleiterin Belinda von Zuckersüß, die wie ein Geist über dem Boden schwebt. Kurz darauf erfährt Freddy, dass Burg Blauzahn tatsächlich eine Schule für Gespenster, Vampire und Untote ist, – sogar die Lehrer sind magische Wesen. Den wenigen Menschenkindern wird dabei lediglich aus finanziellen Gründen der Schulbesuch gewährt. Das Internat erhält nämlich nur dann Fördergelder vom Geisterschulamt, wenn eine bestimmte Schülerzahl erreicht ist.

Nach einigen gefährlichen Vorfällen während des Unterrichts beginnt Freddy daran zu zweifeln, ob wirklich alle magischen Wesen die Anwesenheit von Menschen in der Burg Blauzahn gutheißen. Glücklicherweise kann er sich in brenzligen Situationen auf seine neuen Freunde unter den Mitschüler*innen verlassen. Als sie erfahren, dass Mr Bone, ihr sympathischer Klassenlehrer, zu Unrecht verflucht wurde, beschließen sie ihm zu helfen: Durch einen mächtigen Zauberspruch, am richtigen Ort aufgesagt, könnte die Seele von Mr. Bone befreit werden. Da aber eine Geisterbefreiung – einmal in Gang gesetzt – innerhalb von zwei Tagen durchgeführt werden muss, beginnt nun ein Lauf gegen die Zeit.

Bewertung
Ob Harry Potter von Joanne K. Rowling, Margit Auers Schule der magischen Tiere oder die Geisterritter von Cornelia Funke – die Vorbilder für Barbara Roses Kinderroman Geisterschule Blauzahn sind unverkennbar. Erfreuen sich Schulgeschichten ohnehin großer Beliebtheit bei jungen Leser*innen, wird hier die Lesemotivation zusätzlich durch das gespenstische Figureninventar gesteigert. Freddys Aufenthalt auf Burg Blauzahn führt auf der Handlungsebene zu vielen spannenden Situationen und sorgt für eine abwechslungsreiche Lektüre. Dass der junge Leser weiterlesen will, hat auch damit zu tun, dass die Handlung ausreichend komplex erzählt wird; besonders die Geheimnisse rund um den Fluch, der auf Mr. Bone lastet, und seine Befreiung regen zum Miträtseln an.

Burg Blauzahn ist ein spannender und geheimnisumwobener Handlungsort. Dabei kommen Freddy als Neuankömmling die Rahmenbedingungen des Internatlebens zunächst sehr entgegen: Alle magischen Wesen – auch die Vampire und Werwölfe – sind verpflichtet, ihren menschlichen Mitschülern nichts zuleide zu tun, ansonsten droht ein Schulverweis. Leider mag aber nicht jeder magische Burgbewohner neugierige Menschenkinder und so kommt Freddy doch in manche gefährliche Situation. Gut, dass der Junge aufgrund des Zusammenlebens mit seiner skurrilen Tante Liz daran gewöhnt ist, bei unerklärlichen Ereignissen nicht direkt davonzulaufen. Außerdem wird er nach Kräften von seinen Freunden – vor allem der mutigen Emily und Phi, der über ein fotografisches Gedächtnis verfügt – und seinem Schutztier, der Spinne Dora, unterstützt. Insgesamt ist Freddy ein sympathischer und vielschichtiger Protagonist, mit dem sich die jungen Leser*innen gerne identifizieren werden.


Abschließend komme ich zu folgender Gesamtbewertung: Barbara Rose kann die Erwartungshaltung des Lesers an einen spannenden Gruselroman einlösen. Schnell schließt der Leser Freddy ins Herz und fiebert spätestens dann mit ihm mit, wenn der Junge die Schwelle des Eingangsportals von Burg Blauzahn überschreitet. Das Motiv des zu Unrecht verfluchten Lehrers verleiht der Handlung zusätzliche Tiefe, da Freddy und seine Freunde nun mit detektivischer Akribie herausfinden müssen, wie sie Mr. Bone helfen können.
Zu guter Letzt möchte ich den von Barbara Fisinger illustrierten Buchumschlag erwähnen – Freddy wird im Kreis der untoten Lehrer von Burg Blauzahn gezeigt –, der sehr stimmungsvoll an den Stop-Motion-Film Nightmare before Christmas erinnert und viele Leser*innen neugierig auf den Buchinhalt machen wird.
(bf)

Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)

Bibliographische Angaben:


Barbara Rose: Geisterschule Blauzahn – Lehrer mit Biss. München: dtv. 2021. 176 S. 10,90 EUR. Empfohlenes Lesealter: 8+

Diese Rezension ist erstmals erschienen auf den Seiten von boys & books: klick!


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Achtung Übernachtung! Das Geheimnis um das blaue Gespenst (Rezension, #63)

Geschrieben von Sierra , 15 July 2021 · 266 Aufrufe

Achtung Übernachtung! Das Geheimnis um das blaue Gespenst (Rezension, #63) Achtung Übernachtung! Das Geheimnis um das blaue Gespenst (Rezension)

Einmal auf eine Party gehen, zu der nur Erwachsene Zutritt haben? Diesen Wunsch würden wohl viele Kinder mit Matz und Hühnchen teilen, den beiden Protagonisten in Sabine Städings Kinderroman Achtung Übernachtung. Die Art und Weise, wie es den beiden Protagonisten gelingt, eine solche Feier verbotenerweise zu besuchen, dürfte gerade jüngere Leser*innen interessieren, für die die Welt der Erwachsenen noch ein Faszinosum darstellt. Und auch Kostüme und Verkleidungen sind Elemente, die die Fantasie von Kindern anregen, erlauben sie es den Protagonisten doch, auf heimliche Weise zu ihrem Ziel zu gelangen. Wie die Jungen einen Plan aushecken, um sich auf die Party einzuschleichen, und es auch tatsächlich dorthin schaffen, führt auf der Handlungsebene zu vielen spannenden Situationen. Viel Teamgeist und ein ausgeklügeltes Gespensterkostüm – dank Sehschlitzen können sie beim Laufen sogar Hindernissen ausweichen – kommen den Jungen dabei zugute. Spannend ist auch das Handlungsende: Matz und Hühnchen beobachten einen als Känguru verkleideten Dieb und vermögen ihn sogar zu überführen. Dieser überraschende Handlungsausgang ist eine Kriminalgeschichte im Kleinen und wird viele junge Leser gut unterhalten.

Die Handlung ist abwechslungsreich und originell – etwa mit Blick auf die Idee, dass sich die beiden Jungen ihr Kostüm von einem anderen Jungen nähen lassen, der Modedesigner werden will. Dass der Leser bis zum Schluss weiterlesen will, hat aber auch viel mit den sympathischen Hauptfiguren zu tun, die die jungen Leser*innen im Hinblick auf deren Lebenswelten ansprechen: Viele Kinder können sicher Hühnchens Enttäuschung darüber gut nachempfinden, dass ihn seine Eltern nicht auf die Feier mitnehmen wollen. Ähnliche Auseinandersetzungen um eigene Freiheiten sind ihnen auch aus dem eigenen familiären Alltag bekannt. Dementsprechend handeln Matz und Hühnchen vertraut, was gerade jungen Lesern die Identifikation mit dem Freunde-Duo und den Nachvollzug ihrer Entscheidungen erleichtert.


Abschließend lässt sich folgendes Fazit ziehen: Städings Kinderroman ist nicht nur durchweg spannend und witzig, sondern spart sich – typisch Abenteuerroman – die größte Überraschung für den Handlungsausgang auf. Dass Hühnchen und Matz zu ‚Gespensterdetektiven‘ werden und einen Dieb überführen müssen, verleiht der Kostümparty eine neue Dimension und schafft weitere Leseanreize. Hervorzuheben sind schließlich das ansprechende Coverbild – Matz und Hühnchen öffnen einen Vorhang in der Form einer riesigen Gespenstermaske und verschaffen sich Zugang zur Party – und die gelungenen Innenillustrationen. Dank des witzigen Zeichenstils von Anna-Lena Kühler werden so auch ungeübte Leser*innen ‚mitgenommen‘ und zum Weiterlesen motiviert. (bf)


Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)

Bibliographische Angaben:
Sabine Städing: Achtung Übernachtung! Das Geheimnis um das blaue Gespenst. Stuttgart: Thienemann-Esslinger. 2020. 114 S. 11,00 EUR.

Diese Rezension ist erstmals erschienen auf den Seiten von boys & books: klick!



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Hörtipp: Eine Vorstellung des Fantasy- und SF-Autors J. A. Sullivan im Dlf (#62)

Geschrieben von Sierra , in Phantastik, Fantasy, Science Fiction 26 April 2021 · 482 Aufrufe
Progressive Phantastik und 2 weitere...
Sehr spannend finde ich das aktuelle Autorenporträt des Fantasy- und Science-Fiction-Autors James A. Sullivan im Deutschlandfunk, das am 23.4.21 gesendet wurde und das weiterhin als Podcast nachgehört werden kann. In erfreulicher Ausführlichkeit wird u.a. Sullivans Engagement für eine 'progressive Phantastik' thematisiert, die gesellschaftliche Diversität sowohl auf der Ebene der literarischen Repräsentation als auch als Tatsache in der außerliterarischen Wirklichkeit ernst nimmt (z.B. mit Blick auf eine als divers mitzudenkende Leser*innenschaft).

Serie „Innenansichten mit“ dem Fantasy-Schriftsteller James A. Sullivan
Mit Elfen und Magiern durchs Braunkohlerevier – von Benedikt Schulz
Hier geht es zum Podcast: klick!


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Klare Kante: Ursula Le Guin über Genre-Dünkel (#61)

Geschrieben von Sierra , in Sekundärliteratur, Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur 05 April 2021 · 566 Aufrufe
Ursule K. Le Guin, Genre, Fantasy und 4 weitere...
Klare Kante: Ursula Le Guin über Genre-Dünkel (#61) Klare Kante: Ursula Le Guin über Genre-Dünkel (#61)

Gestern bin ich im Internet auf eine sehr pointierte Aussage von Ursula K. Le Guin gestoßen:

„All judgment of literature by genre is tripe. All judgment of a category of literature as inherently superior or inferior is tripe. […] There are many bad books. There are no bad genres.“

Ich mag die 'klare Kante', die Le Guin hier gegenüber der pauschalen Abwertung von Genreliteratur zeigt. Nun ist diese Aussage aber auch schon über 15 Jahre alt und es stellt sich die Frage, ob sich die Situation – in Deutschland – verändert hat. Meiner Ansicht nach haben solche Genre-Dünkel gegenüber Science Fiction und anderer phantastischer Literatur zumindest im schulischen bzw. literaturpädagogischen Kontext abgenommen. Wenn es um spannende Lesetexte für Kinder und Jugendliche geht, sind heutige Lehrer*innen, Erzieher*innen oder Eltern viel eher bereit, Heranwachsenden SF- oder Fantasy-Romane oder -Comics zu empfehlen bzw. zu kaufen.
Wie verhält es sich aber mit dem Umgang mit Genreliteratur in anderen öffentlichen Bereichen (Medien, Verlage, Universität...) ? Dies ist sicher nicht einfach zu überblicken und noch schwieriger zu beurteilen. Zumindest das Feuilleton scheint aber die Science Fiction heutzutage zu akzeptieren und größtenteils ohne Trivialisierung oder mitschwingende Exotismus-Vorurteile auszukommen. – Oder bin ich mit dieser Annahme zu optimistisch? (bf)


Quellen und Nachweise
Zitatquelle: Ursula K. Le Guin: Genre: A Word Only the French Could Love. In: The James Tiptree Award Anthology 1. Tachyon Publications, 2005, S. 68.
Bildquelle für Entry Image: Oct21 Ursuala le Guin from en:wiki screeens. Victuallers. November 17, 2019. Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0.


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"Und die Toten sitzen uns im Nacken" (Rezension, #60)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction 03 April 2021 · 762 Aufrufe
Schädelfeld, Rezension und 3 weitere...
"Und die Toten sitzen uns im Nacken" (Rezension, #60) "Und die Toten sitzen uns im Nacken"
Dariusz Muszer: Schädelfeld (Rezension, #60)

„Ylet314 war im unendlichen Multiversum auch unter vielen anderen Namen bekannt. Der unbeliebteste von allen war Erde. Oft benutzte man ihn als […] Schimpfwort.“ So heißt es zu Beginn in Dariusz Muszers Dystopie „Schädelfeld“. Ihren schlechten Ruf im Weltall haben sich die ehemaligen Bewohner der Erde selbst zuzuschreiben, da sie mit der Zerstörung ihres eigenen Planeten das gesamte Sonnensystem in Gefahr gebracht haben. Zum Glück vermochten die „Wächter des Multiversums“ eine Parallelerde zu erschaffen, sodass die Architektur des Sonnensystem intakt blieb. Die Genesis der Zweiten Erde ähnelt dabei einem industriellen Herstellungsprozess, bei dem dem Menschen die wichtigsten Eigenschaften „verliehen“ werden, „um sich artspezifisch entfalten zu können: die Gier und die Liebe.“

Bei einem Kontrollbesuch nach langer Zeit erfahren die Wächter, dass die Menschen nichts aus ihren Fehlern gelernt haben. Nach einem globalen Krieg kämpft jeder gegen jeden, und mit den Hungersnöten ist der Kannibalismus zurückgekehrt. Die wenigen menschlichen Überlebenden, Aschhäute genannt, werden von der „Metzger“-Bande im wahrsten Sinne des Wortes wie die Lämmer zur Schlachtbank getrieben. Nachdem der Staat kollabiert ist, versucht zudem die militärische Verbrecher-Organisation der Askari das Machtvakuum zu füllen. Das fällt ihnen jedoch nicht leicht, da sie sich wiederum mit den Lunakis, Cyborg-ähnlichen Außerirdischen vom Mond, im Krieg befinden.

Dass in der Apokalypse jedwede Tätigkeit apokalyptisch ist, beweist das Tagwerk der Protagonisten Muszers. Kalong und sein Adoptivsohn Justus sind Buddler auf dem Schädelfeld, einer früheren Stätte des Massenmordes. So als wäre ein neuer Goldrausch ausgebrochen, graben sie nach Knochen, die Rohstoffe und womöglich High-Tech-Bauteile enthalten. Da die Askari eine „Knochensteuer“ auf die Funde erheben, macht die Buddelei jedoch zur puren Selbstausbeutung. Kalong wohnt mit seinem Sohn Justus, seiner Frau Liv und ihrer Tochter auf einem Bauernhof außerhalb der Stadt. In Rückblenden wird erzählt, wie Kalong, Justus und Liv zueinander gefunden haben. Die Leser*innen erfahren, dass die Metzger früher die ganze Stadt in Geiselhaft genommen haben: Um zu überleben, mussten die Menschen regelmäßig einen ihrer Mitbewohner als „Fleischtribut“ an die Metzger übergeben. Als dieses Schicksal eines Tages Liv und ihre Tochter ereilt, rettet Kalong sie in letzter Sekunde, obwohl er damals noch als Bombenbauer im Dienst der Metzger stand. In der Gegenwart der Handlung spitzt sich die Situation wieder zu, als Kalong einen Askari-Deserteur versteckt und so den sadistischen Hauptmann Triglahn gegen sich auf bringt.

Fazit: Muszers Dystopie übt einen starken Sog auf den Leser aus, dem man sich trotz der komplexen und skurrilen Handlung – mitunter fühlt man sich an Edgar Hilsenraths Groteske „Der Nazi und der Friseur“ erinnert – nicht entziehen kann. Nachdenklich macht auch ein im Roman deutlich werdendes soziales Bewusstsein, das wiederholt auf den Holocaust verweist: „Der allgegenwärtige Tod treibt die Menschen in den Wahnsinn. Wir wühlen in den Gräbern, und die Toten sitzen uns im Nacken.“ Und doch ist Muszers Werk kein endgültiger Abgesang auf den Menschen, weil in seinem Gewissen und in seiner Vernunft für immer Keime der Hoffnung auf eine bessere Welt angelegt bleiben. (bf)

Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)

Bibliografische Angaben: Dariusz Muszer: Schädelfeld. München: A1 Verlag: 2015. 373 S. 22,00 EUR.
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(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Sascha Mamczak und Hannes Riffel (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2016, Berlin: Golkonda 2016.)



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Neal Shustermans "Scythe – Die Hüter des Todes", Bd. 1 (Rezension, #59)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur 13 March 2021 · 612 Aufrufe
Science Fiction, Dystopie, Scythe und 3 weitere...
Neal Shustermans "Scythe – Die Hüter des Todes", Bd. 1 (Rezension, #59) Neal Shustermans "Scythe – Die Hüter des Todes", Bd. 1 (Rezension, #59)

Viele dystopische Romane unterscheiden sich bekanntlich nur wenig von nicht-phantastischer Literatur, indem sie etwa bestimmte, aus der Realität bekannte gesellschaftliche Zustände nur wenig verfremden. Und dann gibt es Romane, die den Leser bereits auf den ersten Seiten nachhaltig zu verstören vermögen. Neal Shustermans (* 1962) Roman „Scythe – die Hüter des Todes“, dem ersten Band einer Jugendbuch-Trilogie, gehört ganz klar zu der zweiten Variante, denn seine Erzählprämisse hat es wirklich in sich.

Die USA in der fernen Zukunft mutet zunächst wie ein Paradies an: Nachdem ein von der Menschheit installierter Zentralcomputer mit dem Namen Thunderhead das Regieren übernommen hat, kennen die Menschen Kriege nur noch aus Geschichtsbüchern, Bots sorgen für Bequemlichkeit im Alltag und die Lebenserwartung ist de facto ins Unendliche gewachsen: Denn selbst nach tödlichen Unfällen sorgt Thunderhead dafür, dass die Unfallopfer sogleich in medizinischen Zentren wiederhergestellt werden, – der vormals selbstmörderische Sprung von einem Wolkenkratzer ist für einige Teenager nur noch eine etwas ungewöhnlichen Mutprobe.
Genretypisch haben solche ‚paradiesischen‘ Zustände auch hier einen Haken. Waren es in H.G. Wells „Time Machine“ die grausigen Morlocks, die den Eloi den Himmel auf Erden verleideten, sind es in Shusterman Geschichte, die Scythe. Nicht nur ihr Aussehen - sie tragen lange, elegante Roben aus feinsten Stoffen - erinnert entfernt an Darstellungen von Sensenmännern in der Malerei. Tatsächlich haben sie eine Lizenz zum töten, um dafür Sorge zu tragen, dass die Welt so nie wieder überbevölkert sein wird: Denn wenn jemand von den Scyhe getötet wird, darf er nicht mehr wiederbelebt werden. Diese mehrere Jahrhunderte erprobte Praxis gilt aber keinesfalls als kaltblütiger Mord, sondern wird als Nachlese bezeichnet und als gesellschaftliche Wohltat angesehen. Die Scythe sind dabei angehalten, sich an einem als „moralisch“ verstandenem Kodex zu orientieren. So darf den Scythes ihre Arbeit nicht Spaß machen, stattdessen soll die Nachlese mit viel Mitgefühl durchgeführt werden im Sinne eines unabwendbaren, aber natürlichen Ereignisses – vegleichbar mit einem Tierarzt, der ein Tier einschläfern muss. Soweit die Theorie, in der Praxis sind die Menschen zwar vordergründig mit diesem System einverstanden, doch würden sie – wenn es um sie persönlich geht – lieber ihre Großmutter verkaufen, um durch Immunisierung zumindest für ein Jahr lang von einer möglichen Nachlese ausgenommen zu werden.

Neal Shusterman erzählt die Geschichte von Citra und Rowan, die gegen ihren Willen von Scythe Faraday zu Auszubildenden berufen wurden. Nur mit Mühe kann Rowan diesem Ereignis etwas Gutes abgewinnen: „Rowan fiel die Entscheidung nicht ganz so schwer. Ja, er hasste die Vorstellung, Scythe zu werden - ja sie widerte ihn an - aber noch übler wurde ihm, wenn er sich vorstellte, dass irgendjemand sonst, den er kannte, es machen würde.“ (S. 59) Fortan werden sie in tödlichen Martial Arts trainiert und müssen ihren Meister auf Schritt und Tritt bei seiner ‚Arbeit‘ begleiten. Weil beide die Widersprüche der Nachlese durchschauen, ist ihnen ihre Ausbildung zunächst zuwider. Dass der Scythe-Konvent am Ende ihrer Ausbildung nur einen von ihnen beiden als Scythe zulassen will, der dann als erste Amtstat den Unterlegenen nachlesen soll, verkompliziert Citras und Rowans Situation, auch weil sie sich immer stärker voneinander angezogen fühlen. Noch schwerer wiegt, dass eine Fraktion im Scythetum an Einfluss gewinnt, die die Nachlese ausweiten will, um ganze Bevölkerungsgruppen – im Stile mittelalterlicher Hexenverfolgung – auszulöschen und sich selbst persönlich zu bereichern. Als ihr eigener Meister ins Fadenkreuz dieser radikalen Gruppierung gerät, müssen auch seine jungen Adepten Position beziehen.

Fazit: Eine spannende Thematik, viele überraschende Wendungen und zwei überzeugende Hauptfiguren heben diesen Roman von vielen anderen Dystopien ab. Das düstere Erzählpanorama einer Gesellschaft, die den Tod monopolisiert hat und sich doch für moralisch überlegen hält, wird so dicht erzählt, dass es einen filmischen, stellenweise alptraumartigen Charakter gewinnt. Auf einer allgemeineren Ebene wird dabei eine ethisches Problem thematisiert, das bekanntlich auch für unsere reale Welt von großer Tragweite ist: Wie positionieren sich Gesellschaften zur Menschenwürde und zum Wert des Lebens an sich im Zuge der akzelerierenden Entwicklung von Technik und Wissenschaft? (bf)

Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)


Bibliographische Angaben:

Neal Shusterman: Scythe – Die Hüter des Todes. Bd. 1. Übers. von Pauline Kurbasik, Kristian Lutze. Frankfurt a.M.: Fischer Sauerländer 2017. 528 S. 19,99 EUR. [zur Zeit scheint nur noch die Paperbackausgabe mit dem hier gezeigten, etwas weniger gediegeneren Coverbild – für meinen Geschmack – erhältlich zu sein, 15,00 EUR].

Bestellungen und Leseprobe (klick!). Bildquelle (klick!)
(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Michael Görden (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2018. Berlin: Golkonda, 2018, S. 255-257.)


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Unter 'Augenblicks-Sonnen' - eine kurze Notiz zu Lems SF-Roman "Transfer / Powrót z gwiazd" (#58)

Geschrieben von Sierra , 07 March 2021 · 709 Aufrufe
Science Fiction, Stanislaw Lem und 1 weitere...
Unter 'Augenblicks-Sonnen' - eine kurze Notiz zu Lems SF-Roman "Transfer / Powrót z gwiazd" (#58) Normalerweise geht es in Erst-Kontakt-Szenarien eher um Begegnungen von Astronaut*innen mit Außerirdischen im Weltall oder auf anderen Planeten. Und das geht ja dann bekanntlich mal besser oder schlechter aus.
Ungewöhnlich ist Stanislaw Lems Roman "Transfer" (poln. "Powrót z gwiazd", 1961), weil er eine Situation beschreibt, in der sich die Menschen selbst so fremd geworden sind, dass ihre Wiederbegegnung ebenfalls einem Erstkontakt ähnelt. Als Hal Bregg, Lems Protagonist, von einer zehnjährigen Weltraumexpedition auf die Erde zurückkehrt, sind hier aufgrund des Einsteinschen Zeitparadoxons bereits 127 Jahre vergangen. Die Menschen nehmen Bregg als unheimlichen Außerirdischen wahr, der 'anders' ist. Gleichermaßen wirkt die Erde auf ihn (und die Leser*innen) wie ein fremdartiger Planet.
Besonders spannend finde ich den Handlungsbeginn, als sich Bregg durch ein überdimensioniertes und ziemlich phantastisch anmutendes Bahnhofsareal hindurchkämpfen muss, um zu seinem 'Sozialhelfer' zu gelangen, der seine Wiedereingliederung auf der Erde begleiten soll. Ein Zitat:

...Beinahe war ich schon überzeugt, daß ich auf diese Art nie zu einem Ausgang gelangen würde. Wenn ich die ungefähre Fahrtdauer nach oben berechnete, mußte ich mich noch in dem freischwebenden Bahnhofsteil befinden: ich behielt auf alle Fälle weiter dieselbe Richtung.
Plötzlich war Leere um mich. Himbeerfarbene Platten mit funkelnden Sternchen, Reihen von Türen. Die nächste war nur angelehnt. Ich sah hinein: irgendein großer breitschultriger Mann tat im selben Moment dasselbe, bloß von der entgegengesetzten Seite aus, ich war es selbst — im Spiegel. Ich öffnete die Tür etwas weiter: Porzellan, silbrige Rohre, Nickel — Toiletten.
Fast hätte ich gelacht, aber im Grunde war ich eher benommen.
Ich drehte mich schnell um: ein anderer Gang, milchweiße vertikal fließende Streifen. Die Lehne der Rolltreppe war weich und warm, ich zählte die abwärts gleitenden Stockwerke nicht. Immer mehr Menschen fuhren mit mir aufwärts. Sie hielten bei emaillierten Kästen an, die bei jedem Schritt aus der Wand wuchsen: ein Druck mit dem Finger, irgend etwas fiel in die Hand, sie steckten es in die Taschen und gingen weiter. Ich weiß selbst nicht, warum ich genau dasselbe tat wie der Mann im weiten lila Anzug vor mir: eine Taste mit einer kleinen Vertiefung für die Fingerkuppe, ein Druck, und direkt in die vorgehaltene Hand fiel mir ein farbiges, halb durchsichtiges Röhrchen, das angewärmt schien. Ich schüttelte es, brachte es mir vor die Augen — irgendwelche Pillen? Nein. Ein Korken? Es hatte keinen Korken, überhaupt keinen Verschluß. Wozu diente es? Was machten die anderen damit? Sie steckten es in ihre Taschen. Die Aufschrift auf dem Automaten: LARGAN. Ich stand, wurde geschubst. Urplötzlich kam ich mir vor wie ein Affe, dem man eine Füllfeder oder ein Feuerzeug gibt; für eine Zehntelsekunde überkam mich blinde Wut, ich biß die Zähne zusammen. Blinzelnd und leicht gebeugt schloß ich mich dem Strom der Gehenden an. Der Gang erweiterte sich, war jetzt schon ein Saal. Feurige Lettern: REAL AMMO REAL AMMO.
Zwischen den Weitereilenden, über ihren Köpfen, erblickte ich ganz fern ein Fenster. Das erste Fenster. Panoramisch, riesig.
Wie ein flachgelegtes Nachtfirmament. Bis zum Horizont von einem glühenden Nebel erfüllt — farbige Galaxien, dichtgedrängte spiralige Lichter, Feuerscheine zitternd über Wolkenkratzern, Straßen: eine wurmartige Bewegung der Leuchtperlen und darüber, senkrecht, das Wimmeln der Neone, Federbüsche und Blitze, Räder, Flugzeuge und Flaschen aus Feuer, rote Pusteblumen der Signallichter auf Türmen, Augenblicks-Sonnen und Blutstürze von Reklamen, mechanisch, gewaltig.
Ich stand und schaute, hörte hinter mir die rhythmische Bewegung Hunderter von Füßen. Plötzlich verschwand die Stadt, und ein riesiges, drei Meter großes Gesicht erschien.... (Stanislaw Lem: Transfer. München: dtv, 1995. S. 20 f.)

Warum erinnere ich hier an "Transfer"? Ich musste vor Kurzem an die Lektüre des Romans zurückdenken, als ich einige sehr gelungene Bilder von Joanna Karpowicz zu Lems Roman gesehen habe. Ihre Online-Galerie findet sich hier: https://roklema.pl/w...anny-karpowicz/ (bf)


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Armand Baltazar: Timeless: Retter der verlorenen Zeit (Rezension, #57)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur 22 February 2021 · 631 Aufrufe
Science Fiction, Kinderbuch und 2 weitere...
Armand Baltazar: Timeless: Retter der verlorenen Zeit (Rezension, #57) Armand Baltazar: Timeless: Retter der verlorenen Zeit (Rezension, #57)

Wird hier gerade ein neuer Trend im Jugendbuchbereich gesetzt? Tatsächlich hat der Science-Fiction-Roman von Armand Baltazar (*1967) monumentale Qualität. Über 600 Seiten dick und mit vielen Ideen versehen verbindet er literarische Besonderheiten der Dystopie, des Steampunks und der Zeitreisegeschichte. Baltazar, lange Zeit Art Director bei Pixar, ist sowohl für die erzählte Handlung als auch für die vielen, teilweise sehr phantastischen Zeichnungen verantwortlich.

Im Mittelpunkt des Romans steht der fünfzehnjährige Diego Ribera, der mit seiner Familie in New-Chicago lebt, das einem zeitgeschichtlichen Museums ähnelt: Dampfschiffe fahren durch enge Kanäle, zwischen den aus dem 20. Jahrhundert stammenden Wolkenkratzern stapfen riesige Roboter, die schwere Lasten bewegen, und der Kleidungsstil mancher Leute au der Straße scheint ‚aus der Zeit‘ gefallen zu sein. Im Zuge der sogenannten Zeitkollision, die kurz vor Diegos Geburt nicht nur die Kontinente, sondern auch die Zeitepochen auseinanderriss und neu verband, kam es zu fürchterlichen Konflikten, den sogenannten Chronoskriegen, und schweren Verwüstungen. Die Menschheit ist stark dezimiert. Die Überlebenden – knapp hundert Millionen Menschen – entstammen im Wesentlichen drei zeitlichen Epochen: „Die Menschen aus der zivilisierten Vergangenheit nannte man die Dampfzeitler, die aus der Zukunft waren die Ältesten und die aus der Zeit dazwischen die Mittelzeitler.“ (S. 7)

Auch Diegos Eltern kommen aus unterschiedlichen Epochen – Diegos Mutter Siobhan ist eine aus der Dampfzeit stammende Pilotin, Santiago, ein genialer Robot-Konstrukteur aus der Mittelzeit. Während sich der Großteil der Menschen wie Diegos Familie mit der Vermischung der Zeiten arrangiert hat und ihr Wissen zum Wohle aller nutzt, zielt das Aeternum, eine terroristische Organisation, darauf ab, das Rad der Zeit im wahrsten Sinne des Wortes zurückzudrehen. Dazu entführen sie Diegos Vater und einen Dampfkraft-Experten, der außerdem der Vater von Diegos Mitschülerin Paige ist. Unter Zwang sollen die Techniker mächtige technische Apparate für sie aktivieren, um so die Zeitkollision ungeschehen zu machen.

Zum Glück ist die Situation nicht ganz hoffnungslos. Denn vom Magistrat Neu-Chicagos wird der grimmige Piratenkapitän Boleslavich angeheuert, um die Techniker zu finden und die Entführer auszuschalten. Zufällig geraten Diego, sein Freund Petey und ihre Mitschülerinnen Lucy und Paige auf ihr Schiff, wovon Boleslavich aber wenig begeistert ist. Nach und nach sieht er jedoch, dass seine jungen Passagiere über Talente verfügen, die sie auch in dem unvermeidlichen Kampf mit den Agenten des Aeternums unentbehrlich machen.

"Timeless" hat sichtlich viele Vorbilder. Aus Platzgründen soll hier nur Jules Verne erwähnt werden. Ohne ins Epigonenhafte abzugleiten, erinnert „Timeless“ angenehm an seinen Klassiker „Zwanzig Tausend Meilen unter dem Meer“. Gerade die technischen Apparaturen, aber auch die teilweise mysteriösen Schauplätze werden mit viel Liebe zum Detail vermittelt. Sicherlich ist die Handlung manchmal etwas zu vorhersehbar, auch ist manche Wendung in der Geschichte nicht ganz zielführend. Dennoch kann das Buch unterm Strich auch den erwachsenen Genre-Fan überzeugen, besonders die Zeichnungen der überlebensgroßen Robotern und die liebevollen, retrofuturistischen Stadtkulissen sorgen bereits als bloße Illustrationen der Handlung für einen Wow-Effekt, weil die eigentümliche Atmosphäre der Welt nach dem Zeitbruch so besonders faszinierend zum Ausdruck kommt. Da die Bilder stellenweise aber nicht nur schmückendes Beiwerk sind, sondern ganze Handlungssequenzen in ihrer Bildsprache weitererzählen, gewinnt „Timeless“ mitunter den Charakter eines Comics, was den Schauwert und Lesereiz des Werks noch weiter erhöht, sodass man spätestens dann zum Lesebändchen greift, um einzelne Bilder leichter wiederbetrachten zu können. (bf)

Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)



Bibliographische Angaben:

Armand Baltazar: Timeless: Retter der verlorenen Zeit. Bd. 1. Übers. von Tanja Ohlsen. München: cbj, 2017. 624 S. 19,99 EUR.
Bestellungen und Leseprobe (klick!). Bildquelle (klick!)

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Michael Görden (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2018. Berlin: Golkonda, 2018, S. 178-180.)


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Besser spät als nie... Etwas Blogpflege (#56)

Geschrieben von Sierra , in In eigener Sache, Verschiedenes, Rezension 20 February 2021 · 571 Aufrufe
Übersetzungen, Rezensionen und 1 weitere...
Die Tage hatte jemand getwittert, dass die Übersetzer*innen – etwa bei Buchbesprechungen – selbstverständlich immer erwähnt werden sollten. Ich teile diese Kritik voll und ganz und gelobe auch hier Besserung :blush: . Folglich habe ich diese Angabe eben in allen meinen Rezensionen – da wo die Namen gefehlt haben – nachgetragen :qwiseguy:


Marcel Le Comte, "Unschlagbar"

Alexandra Ernst, Der Blackthorn-Code

Ursula Gräfe, In Liebe, Dein Vaterland

Bernd Kronsbein, Descender

Katharina Naumann, Walled City

Gesine Schröder, California

Cordula Setsman, Die Sprache des Wassers

Matthias Wieland, Weltraumkrümel


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Es kann nur einen geben! Zu Pascal Jousselins Comic "Unschlagbar. Bd. 1: Gerechtigkeit und frisches Gemüse" (Rezension, #55)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Science Fiction, Rezension 17 February 2021 · 1005 Aufrufe
Superhelden, Comic, Jousselin und 1 weitere...
Es kann nur einen geben! Zu Pascal Jousselins Comic "Unschlagbar. Bd. 1: Gerechtigkeit und frisches Gemüse" (Rezension, #55) Es kann nur einen geben!
(zu Pascal Jousselins Comic: Unschlagbar. Bd. 1. Gerechtigkeit und frisches Gemüse)


„Gerechtigkeit und frisches Gemüse“ – Der Untertitel des ersten Bandes mit den Abenteuern von „Unschlagbar“ bringt den Charakter dieses ungewöhnlichen Superhelden sehr treffend zum Ausdruck. Denn Unschlagbar vereint die moralischen Maßstäbe eines echten Superhelden mit einer bürgerlichen Lebensweise. Ob bei einem kleinen Einkauf auf dem Markt oder beim Rasenmähen im Garten, überall kann es plötzlich notwendig sein, dass Unschlagbar die Menschheit rettet. Pascal Jousselin gelingt es in den unterhaltsamen Geschichten mühelos, actionreiche und humorvolle Handlungselemente zu verbinden, sodass der junge Leser den Comic vermutlich gar nicht aus der Hand legen will.

Dass ausgerechnet der kleine und etwas rundlich aussehende Unschlagbar als der „einzig wahre Superheld des Comics“ (S. 3) bezeichnet wird, klingt vielleicht angeberisch, ist jedoch alles andere als unberechtigt. Denn nur Unschlagbar verfügt über die – wie er selbst formuliert – ‚unglaubliche Magie des Comics‘ (S. 3), d.h. die Fähigkeit, sich von der normalen sequenziellen Abfolge der Panels abzunabeln. Anstatt einen Dieb etwa zu Fuß zu verfolgen, spart sich Unschlagbar die Puste und macht einfach einen kleinen Hopser in den darunter stehenden Panel und kann den Bösewicht so an einem Ort festnehmen, an dem er sich eigentlich noch gar befinden dürfte. Dass Unschlagbar also Raum und Zeit überwinden kann, sorgt auf der Handlungsebene für viel Spannung und Tempo.

Abwechslungsreich ist der Comic auch auf der Figurenebene und hinsichtlich der Themen und Motive. Gegenspieler wie zum Beispiel ein verrückter Wissenschaftler sind zwar für den Superhelden-Comic durchaus typisch, gleichzeitig variiert Jousselin aber das Figurenarsenal, wenn er in einigen Abenteuern Unschlagbar den tollpatschigen Schülerpraktikanten Fabian alias „Two-D“ an die Seite stellt, der jedwede Gegenstände zwischen den Panels bewegen, verkleinern oder vergrößern kann: Autos, die im Hintergrund eines Panels auf einem Parkplatz stehen, schrumpfen nach einer Berührung Two-Ds auf Spielzeuggröße. Da Two-D seine Kräfte nicht immer unter Kontrolle hat, ist regelmäßig die größtmögliche Verwirrung seiner Mitmenschen garantiert.

Abschließend lässt sich folgendes Fazit ziehen: Bei „Unschlagbar“ kommen nicht nur junge Leser etwa ab zehn Jahren auf ihre Kosten, denen spannende Superheldengeschichten mit einer klaren Gut-Böse-Aufteilung gefallen. Dass der Lesespaß lange erhalten bleibt und das Comic geradezu Suchtcharakter entwickelt, liegt auch an der cleveren Grundidee. Unschlagbars ungewöhnliche Bild-Zaubereien verblüffen auch ältere Leser sowie Erwachsene und schaffen starke Leseanreize, weitere Abenteuer zu lesen, um Unschlagbars Tricks doch noch auf die Spur zu kommen. (bf)


Gesamteindruck: +++++ (5 / 5)


Bibliographische Angaben:

Pascal Jousselins Comic: Unschlagbar. 1. Gerechtigkeit und frisches Gemüse. Übers. von Marcel Le Comte.
Hamburg: Carlsen, 2018. 48 S. 12,00 EUR.

Bestellungen und Bildquelle: klick!
Erstveröffentlichung dieser Rezension im Rahmen der Empfehlungsliste des boys & books e.V. (09/2018 - 02/2019): klick!


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Grüne Männchen gibt es vielerorts – Zu Murakamis Invasionsromanen "In Liebe, Dein Vaterland I und II" (Rezension, #54)

Geschrieben von Sierra , in Phantastik, Science Fiction 14 February 2021 · 980 Aufrufe
Nord-Korea, Süd-Korea, Murakami und 2 weitere...
Grüne Männchen gibt es vielerorts – Zu Murakamis Invasionsromanen "In Liebe, Dein Vaterland I und II" (Rezension, #54) Grüne Männchen gibt es vielerorts
(zu Ryū Murakamis Romanen: In Liebe, Dein Vaterland. I: Die Invasion, Titel: In Liebe, Dein Vaterland. II: Der Untergang)


Bei dem seit Jahrzehnten angespannten Verhältnis zwischen Nord- und Südkorea, China, Japan und den USA – das des Öfteren als „Kalter Krieg“ bezeichnet wurde – , handelt es sich um ein so vielschichtiges politisches Tableau, dass es zur literarischen Auseinandersetzung geradezu einlädt.
Ryū Murakamis Dystopie trägt den Titel „In Liebe, Dein Vaterland“ und ist in Japan bereits im Jahre 2005 erschienen. Obzwar die Übersetzung spät kommt, hat der zweiteilige Roman nichts von seiner politischen Aktualität verloren. Ganz im Gegenteil wird durch Kim Jong-uns von seinem Vater übernommene, quasi auf Autorepeat eingestellte Politik von Zuckerbrot (Friedensgespräche) und Peitsche (Raketentests) beinahe garantiert, dass der Korea-Konflikt noch lange nichts an Brisanz verliert. Zudem hat die völkerrechtswidrige Annexion der Krim im Jahre 2014 durch Russland – die Invasoren, Soldaten ohne Hochheitsabzeichen, bezeichnete man anfangs etwas ungläubig als ‚Grüne Männchen‘ – wieder mal gezeigt, dass selbst die düstersten Zukunftsvisionen von einem Tag auf den anderen von der Realität eingeholt werden können.


Murakamis Roman hat folgende alternativgeschichtliche Prämisse. Es ist das Jahr 2010, Japans Wirtschaft und Währung liegen am Boden. Armut, Hunger, Obdachlosigkeit und eine um sich greifende gesellschaftliche Entsolidarisierung sind Alltag geworden. Anstatt dass Amerika seinem Bündnispartner wirtschaftlich unter die Arme greift, gießt es noch zusätzlich Öl ins Feuer, indem es die Preise für Getreide und Futtermittel erhöht und sich in außenpolitischer Hinsicht ausgerechnet Nord-Korea annähert. Die nordkoreanische Herrscherclique und Generalschaft wittern Morgenluft und glauben, dass nun der richtige Zeitpunkt für eine Invasion Japans gekommen ist. Zunächst schicken sie eine Vorhut aus neun Elite-Soldaten, die in einer Nacht- und Nebelaktion per Schiff zur Hafenstadt Fukuoka gebracht wird. Kurze Zeit darauf beginnen sie mit der Umsetzung eines verrückten Plans: die Elitekämpfer stürmen ein Spiel im örtlichen Baseball-Stadion und nehmen alle 30000 Zuschauer als Geiseln. Doch es kommt noch dicker: Die Invasoren behaupten, sie seien lediglich friedliebende Dissidenten, die aus Nord-Korea geflüchtet sind. Auch die Geißeln werden sofort freilassen, wenn die japanische Terrorabwehr nicht gegen sie vorgeht. Tatsächlich unternimmt die japanische Regierung nichts, weil niemand die Verantwortung für einen Gegenschlag übernehmen will. Und so kann die Invasion in die entscheidende Phase treten. Nur wenige Stunden später werden die Geiselnehmer auf dem Luftweg durch weitere 500 Elite-Soldaten verstärkt, das sogenannte Expeditionskorps Koryo. Während die Regierung Fukuoka lieber absperrt anstatt die lokale Bevölkerung zu evakuieren, errichtet das Expeditionskorp in einem Hotelgebäude einen stilechten nordkoreanischen Truppenstützpunkt inklusive Folteretage, um sofort den Kampf gegen die ‚Volksfeinde‘ aufzunehmen. Die Verhaftung einiger wohlbetuchter Schwerkrimineller gilt aber auch der Devisenbeschaffung. Denn schon in Kürze erwartet Han Seung-jin, der Befehlshaber Koryos, die Ankunft der eigentlichen, 120000 Soldaten starken Invasionsarmee. Je mehr nordkoreanische Soldaten ins Land kommen, desto deutlicher werden dabei die Ohnmacht der japanischen Regierung und die zunehmende Kollaborationsbereitschaft der lokalen Bevölkerung, die sich einen wirtschaftlichen Aufschwung durch die neuen Herren erhofft.

Es ist kein Zufall, dass echter Widerstand nur noch von Leuten kommen kann, die selbst nichts mehr zu verlieren haben, also aus dem gesellschaftlichen Prekariat. Und tatsächlich existiert in Fukuoka eine Art Wohngemeinschaft, in der der Dichter Ishihara einer Gruppe von sozial abgehängten jungen Männern Obdach gewährt. Viele von ihnen sind aufgrund einer schweren Kindheit straffällig geworden. Andere sind nach Konflikten mit der Gesellschaft psychisch erkrankt: Okubo beispielsweise feierte in seiner Kindheit große Erfolg als Kinderstar, fühlte sich aber sehr gekränkt, als er im Zuge seiner körperlicher Veränderungen in der Teenagerzeit keine Angebote mehr für Fernsehrollen erhielt: „Irgendwann fing er an, sich selbst unter dem Namen Kamimoto E-Mails zu schicken. Mit der Zeit bildete er sich ein, dass er und Kamimoto die einzigen Menschen auf der Welt seien, die es verdient haben zu leben. […] Er begann Feuer zu legen und beging sechsundvierzig mal Brandstiftung, bevor man ihn in seiner Heimatstadt Iwate verhaftete.“ (S. 103) Ishiharas Gruppe wird – davon handelt der zweite Band des Romans – zum Quell eines radikalen, partisanenhaften Widerstands gegen die nordkoreanischen Besatzer, die aus der Sicht der Jugendlichen auf extreme Weise Anpassungsdruck und die Unterdrückung von Anders-Sein verkörpern.

Fazit: Murakamis gelingt mit „In Liebe, Dein Vaterland“ eine spannende Invasionsgeschichte, die nicht nur für an Asien interessierte Dystopie-Fans empfehlenswert ist. Die Erzählweise könnte zwar noch etwas gradliniger sein, besonders die etwas detailverliebten Rückblicke in die Vergangenheit der vielen Protagonisten fordern den LeserInnen manchmal Geduld ab. Doch erhalten viele Figuren so zusätzliche psychologische Tiefe, sodass der Roman insgesamt auch zu einer interessanten Auseinandersetzung mit den Veränderungen in der japanischen Arbeitsgesellschaft – besonders hinsichtlich ihres Umgangs mit den sozial Abgehängten – wird. Der Roman funktioniert aber auch gut als Kommentar zur Korea-Krise als einem militärischen Sandkastenspiel, für das die Bevölkerung die Zeche bezahlen muss. (bf)

Gesamteindruck für beide Bände: +++++ (5 / 5)




Bibliographische Angaben:

Ryū Murakami: In Liebe, Dein Vaterland. I: Die Invasion. Übers. von Ursula Gräfe. Wien, Septime, 2018. 455 S. 26,00 EUR.

Ryū Murakami: In Liebe, Dein Vaterland. II: Der Untergang.
Übers. von Ursula Gräfe. Wien, Septime, 2019. 500 S. 26,00 EUR.

Bestellungen und Leseprobe (klick!). Bildquelle (klick!)

(Erstveröffentlichung dieser Sammelrezension in: Melanie Wylutzki und Hardy Kettlitz (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2019, Berlin: Hirnkost, 2020, S. 184-187)


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Jeff Lemire & Dustin Nguyen: Descender, Bd. 2 + 3 (Rezension, #53)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Phantastik, Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 30 September 2018 · 5606 Aufrufe
Comic, Rezension, Besprechung und 5 weitere...
Anmerkung: Zwischenzeitlich wurden auch die Bände 4 und 5 ins Deutsche übersetzt.


Jeff Lemire & Dustin Nguyen: Descender, Bd. 2 + 3

(Rezension, #53)

Die SF-Comic-Reihe Descender des US-amerikanischen Autors Jeff Lemire handelt von dem Androidenkind Tim-21, das mit seinesgleichen ums Überleben in einem Universum kämpft, in dem künstliche Wesen zum Abschuss freigegeben sind. Die Ursache liegt in der Vergangenheit: Eine gewaltige Angriffswelle bis dahin unbekannter Roboter-Raumschiffe – Harvester genannt – hat die Hauptwelten des Vereinten Galaktischen Rates (UGC) zerstört. In der Folge kam es zu einer planetenübergreifenden Vernichtung der eigenen Roboter, die als Sündenböcke für die wieder spurlos verschwundenen Harvester herhalten mussten.
Der erste Band der Descender-Serie schilderte die letzten Endes erfolgreiche Suche von Captain Tesla und des Kybernetikers Dr. Quon nach Tim-21, der über denselben Maschinencode wie die Harvester verfügen soll. Bevor Tim-21 über die Herkunft und etwaige Rückkehr der Harvester befragt werden kann, wird Telsas Gruppe von Roboter-Kopfgeldjägern (›Schrottern‹) angegriffen und auf den Planeten Gnish gebracht, dem Epizentrum der Roboterverfolgung.
Band 2 setzt diese Handlungslinie fort und beginnt mit einer Kommandoaktion des Roboters Psius, der mit seinem Roboter-Bund namens Hardwire Tim-21 und seine Gefährten befreit – und eine Brutalität an den Tag legt, die der der Gnishianer in nichts nachsteht. Psius bringt sie zum ›Maschinenmond‹, Hardwires Geheimbasis in einem Asteroidenfeld. Er hofft über das »Neuro-Netz« von Tim-21 die mächtigen Harvester zu kontaktieren, um den Spieß umzudrehen und Hardwire die Herrschaft über die Menschheit zu sichern. Schon bald wissen Tim-21 und seine Freunde nicht mehr, ob sie noch Psius‘ Gäste sind oder schon seine Gefangenen.

In einer Parallelhandlung steht Andy im Mittelpunkt, ein Schrotter, der aus ganz eigenen Motiven Tim-21 sucht: In seiner Kindheit ist er mit dem Androidenjungen aufgewachsen – seine Mutter hat Tim-21 als »Gefährten-Bot« für Andy angeschafft – und betrachtet ihn darum als seinen Bruder. Um Tim-21 zu orten, nimmt Andy Kontakt zu seiner Ex-Frau auf, die ihm ihre Hilfe aber zunächst verweigert, weil sie sich von Andy und den Schrottern insgesamt losgesagt hat. Schließlich ist da auch noch Tim-22, Psius‘ Sohn. Anders als der baugleiche Tim-21, der sich sehr positiv an Andy zurückerinnert, hasst Tim-22 menschliche Wesen und ist zudem auf Tim-21 eifersüchtig, weil dieser für den Roboter-Widerstand so wichtig sein soll. Sehr eindrücklich werden in einem Splash-Panel die unterschiedlichen Charaktere der beiden Androiden in Szene gesetzt, als sie ein VR-Spiel spielen. Während Tim-21 vor einem Drachen das Weite sucht, kauft sich sein misanthroper Doppelgänger eine titanisch anmutende Axt, mit er das Ungeheuer in Stücke haut.

Im dritten Descender-Band wird der Fortschritt der Handlung etwas verzögert, indem in Rückblicken die Vergangenheit ausgewähler Figuren beleuchtet wird. Dadurch gewinnt die gesamte Geschichte an Komplexität und wird noch unterhaltsamer. Und auch der Aspekt, wie mit den Robotern umzugehen ist, wird differenzierter behandelt, so dass zu fragen ist: Sollte man künstliche Wesen, die mit den Menschen aufgrund ihrer Intelligenz gleichwertig sind, nicht auch ›menschlich‹ – d.h. eben nicht als Sklaven und Ersatzteillager – behandeln?

Insgesamt ziehe ich folgendes Fazit: Der zweite und dritte Band der Descender-Serie bleiben empfehlenswert. Die Serie ist weiterhin spannend und inhaltlich anspruchsvoll, auch weil sie dem Erzählmotiv des künstlichen Wesens interessante Facetten abgewinnt.

Gesamteindruck für beide Bände: +++++ (5 / 5)


Bibliographische Angaben:

Jeff Lemire (Text), Dustin Nguyen (Zeichnungen): Descender. Buch 2: Maschinenmond. Übers. von Bernd Kronsbein. Bielefeld: Splitter, 2016. Hardcover. 120 S. 19,80 EUR. ISBN: 978-3958391673.
Jeff Lemire (Text), Dustin Nguyen (Zeichnungen): Descender. Buch 3: Singularitäten. Übers. von Bernd Kronsbein. Bielefeld: Splitter, 2017. Hardcover.
Bielefeld, Splitter: 2017. 120 S. 22,80 EUR. ISBN: 978-3958391680.

(Erstveröffentlichung dieser Sammelrezension in: Michael Görden (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2017, Berlin: Golkonda Verlag, 2017. Und hier geht es zu meiner Rezension von Band 1: Blogpost #43.)

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Robert Deutsch: Turing (Rezension, #52)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Phantastik, Rezension 04 September 2018 · 3619 Aufrufe
Turing, Enigma, Graphic Novel und 4 weitere...
Robert Deutsch: Turing

(Rezension, #52)

Nur auf den ersten Blick erstaunt die Idee des Illustrators und Grafik-Designers Robert Deutsch, mit einem Comic über den britischen Mathematiker und Kryptoanalytiker Alan Turing (1912-1954) zu debütieren. Denn schließlich ist das Leben Turings so bemerkenswert, dass es keinesfalls auf eine typische Wissenschaftlerbiographie verkürzt werden darf.

Bis heute gilt Turing als Pionier der Computerentwicklung und Informatik, der mit seiner Turingmaschine aus dem Jahre 1936 ein frühes mathematisch fassbares Modell eines Computers entwickelte. Von Bedeutung ist auch seine Grundlagenforschung, besonders im Bereich der Software, für die ersten Computermodelle. Turing war jedoch das Gegenteil eines Elfenbein-Theoretikers. Zum einen leistete er während des Zweiten Weltkriegs entscheidende Zuarbeit in einer Arbeitsgruppe, die die deutschen Funkspruch-Codes dechiffrierte und so die Schlagkraft feindlicher Truppenmanöver schmälerte. Zum anderen lebte Turing auch nach dem Krieg nicht ganz risikolos, als er wegen seiner Homosexualität diskriminiert und bestraft wurde. Die Depressionen, die Turing in der Folge entwickelte, werden heutzutage für seinen Suizid im Jahre 1954 verantwortlich gemacht.

Hier setzt auch Deutsch` Comic wie mit einem Paukenschlag ein, indem er die Entdeckung von Turings Leichnam an den Beginn setzt. Die Handlung springt sogleich um drei Jahre zurück, um die Vorgeschichte dieser Tat zu erzählen und Turing und sein soziales Umwelt in den Blick zu nehmen: Manchester, ein Café, in das Alan seine neue und deutlich jüngere Zufallsbekanntschaft namens Arnold einlädt. Sie unterhalten sich, verlieben sich. Doch schon bald wird aus der Liebesgeschichte ein Kriminalfall, als Arnold einem Fremden den Einbruch in Turings Domizil ermöglicht. Als Turing die Angelegenheit mit der Polizei klären will, ist diese mittlerweile Arnold und seinem Komplizen auf die Spur gekommen. Turing muss seine Affäre mit Arnold eingestehen und wird zu seiner Überraschung von der Polizei als ›Sittenstrolch‹ kriminalisiert. Turing fühlt sich vom Empire ungerecht behandelt, berichtet von seinem mathematischen Partisanenkampf gegen ›Enigma‹, die Chiffriermaschine der Nazis. Doch das hilft alles nichts, er wird zu einer Hormontherapie verurteilt, die ihm die Libodo nimmt und Depressionen verursacht. Dies wird von Deutsch in einem Vorher- und Nachher-Bild versinnbildlicht, das sehr eindrücklich seine körperlichen Veränderungen verdeutlicht. Turing ist nicht mehr er selber, sondern ein Mr. Hyde, der die Blicke seiner Mitmenschen als »Messerstiche« empfindet. Unter Verwendung von teilweise sehr düsteren Märchen- und Todesmotiven der Brüder Grimm schildert Deutsch, wie der erlebte Fremdhass in Selbsthass mündet und Turing zum Suizid treibt.

Comic-Biographien liegen im Trend, wenn man an die vielen Neuerscheinungen der letzten Jahre in diesem Buchsegment denkt. Robert Deutsch ist dennoch ein ganz außergewöhnliches Werk gelungen, weil es in seiner gegenständlich-geometrischen Formensprache auf sehr sympathische Weise Turing als liebenden Menschen und nicht als ›Informatikgott‹ ins Zentrum rückt.

Gesamteindruck: +++++ (5 / 5)

Bibliografische Angaben: Robert Deutsch:Turing. Berlin: Avant Verlag, 2017. 192 S. 29,95 EUR. ISBN-13: 978-3945034552.

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Michael Görden (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2017, Berlin: Golkonda Verlag, 2017.)

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[Ursula K. Le Guin: Genre: A Word Only the French Could Love. In: The James Tiptree Award Anthology 1. Tachyon Publications, 2005, S. 68.]

 

800px-Ursula_Le_Guin_%283551195631%29_%2

 

(Quelle: Wikipedia: Le Guin in 2009. Ursula Le Guin. Photo by Marian Wood Kolisch. CC BY-SA 2.0)

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