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#5 John Wyndhams »Die Triffids« (Besprechung)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction 17 May 2016 · 795 Aufrufe

Wyndham Dystopie Pflanzen green horror Rezension
Vorbemerkung: Ein Hinweis von Peter Schmitt auf einen 50er-Jahre-Comic mit dem Titel Green Horror erinnerte mich an den Wyndham-Klassiker »Die Triffids«. Die folgende Besprechung ist älteren Datums und bezieht sich auf eine mittlerweile vergriffene Ausgabe der Dystopie. Nach wie vor wird diese jedoch in anderen Verlagen neuaufgelegt und ist daher problemlos erhältlich.

Ein wenig wunderlich wirkt die Neuauflage des vergriffenen SF-Klassikers »Die Triffids« von John Wyndham in einem Special-interest-Verlag, der sich laut eigener Beschreibung an Leser richtet, »die gerne in der Erde wühlen, und die anderen, die ihnen lieber dabei zusehen«. Und doch ist der Heinrich & Hahn Verlagsgesellschaft für den Nachdruck von Wyndhams düsterer Fabel über eine pflanzliche Lebensform, die dem Menschen die Krone der Schöpfung streitig macht, gar nicht genug zu danken. Sowohl die konzentrierte Überarbeitung der Übersetzung aus dem Englischen von Hubert Greifeneder durch Inge Seelig als auch die solide Ausstattung im Festeinband sind verdienstvoll und laden zur Lektüre ein. Obwohl Wyndhams Roman sicher nicht die Mutter aller Katastrophenstories ist, kann sein Einfluss auf die Entwicklung der modernen Dystopie dennoch kaum überschätzt werden. Bezeichnenderweise war es dieser Roman, der im Jahre 1960 den ersten SF-Titel im Heyne-Verlag (Allgemeine Reihe, Nr. 39) stellte. Genug der Vorschusslorbeeren, zu fragen ist nun, ob der Klassiker auch nach über 55 Jahre noch zu fesseln vermag.

In privaten Aufzeichnungen dokumentiert der Biologe William Masen, wie sich London in eine Stadt der Blinden verwandelt, nachdem ein grüner Kometenschauer über der Erde niederging. Nur einer Augenoperation verdankt es Masen, dass er in der Unglücksnacht mit einem bandagierten Kopf in einem Krankenhausbett liegt und die Strahlen am Sternenhimmel nicht sieht. Als er am nächsten Morgen aufwacht, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Hilflos durch leer gefegte Straßen taumelnde Menschen, allgegenwärtiger Überlebenskampf, Hunger und Tod beherrschen das Stadtbild. Noch schlimmer wiegt, dass die vom Menschen wegen ihres einzigartigen Ölgehalts gezüchteten Riesenpflanzen, die Triffids, außer Kontrolle geraten und sich gegen den Menschen als ihren »einzigen natürlichen Feind« wenden. Dank ihrer Fortbewegungsfähigkeit, instrumentellen Intelligenz und nicht zuletzt der giftigen Geißeln werden die grünen Fleischfresser zur Geißel der Menschheit, wenn gilt: »Im Land der Blinden ist der Einäugige König.« Schließlich treibt eine mysteriöse Seuche ihr Unwesen, die viele Überlebende sterben lässt.
Masen weiß als ehemaliger Mitarbeiter einer Versuchsstation für Triffids-Züchtung die Gefährlichkeit der Killerpflanzen realistisch einzuschätzen. Er flieht mit Josella, einer jungen Bestsellerautorin, auf das Land, um dort trotz der Triffids-Plage einen Neuanfang als Farmer zu wagen und eine Familie zu gründen. Sie verlassen ihre Farm erst, als sie im Namen einer feudalen Notregierung eine Gruppe von Blinden als Sklaven aufnehmen sollen. Der einzige Ausweg ist die Flucht auf die Insel Wight, wo sie sich einer liberalen Gruppierung von Unversehrten anschließen, die dem Primat des Überlebens der menschlichen Gattung alle bisher bestehenden Wertvorstellungen und Normen hintanstellen: »Was wir bieten, ist ein arbeitsreiches Leben unter den uns erreichbaren günstigen Bedingungen und das Glücksgefühl, das eine unter widrigen Umständen vollbrachte Leistung verleiht. Dafür verlangen wir Willigkeit und Fruchtbarkeit.«

Obwohl die Triffids alles andere als ein friedliches grünes Blattwerk sind, steht der Pflanzen-Horror in Wyndhams Roman nicht im Vordergrund. Erschreckend ist vielmehr der unaufhaltsame Niedergang der modernen Zivilisation, der aus der Perspektive des unauffälligen Masen auf nüchterne, quasi dokumentarische Weise erzählt wird. Dabei wird Wyndhams Schreibstil niemals plakativ, sondern bleibt vielfältig und anspruchsvoll. Eingefügtes Bild
Ganz im Sinne Hans Magnus Enzensbergers, der postuliert, dass »ohne Apokalypse kein Paradies möglich sei«, nutzt Wyndham als großer Moralist die apokalyptische tabula rasa als Prämisse für die Reflexion anderer Gesellschaftsformen. Wie er aufzeigt, sind christliche, an dem herkömmlichen Wertekodex festhaltende Lebensgemeinschaften, aber auch die feudale Sklavenhaltergesellschaft nicht überlebensfähig. Allein der vermeintlich liberalen, im Kern aber nicht weniger radikalen Lebensgemeinschaft, weist Wyndham eine dauerhafte Überlebenschance und Zukunftsperspektive zu. Was den heutigen Leser an dieser Gruppe wohl am meisten befremden wird, ist ihr chauvinistisches und biologistisches Geschlechterbild: »Die Männer müssen arbeiten – die Frauen müssen Kinder kriegen«. Dass blinde Männer aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen werden, wird dabei als notwendiges Übel in Kauf genommen. Die Wandlung der vormals relativ eigenständigen und emanzipierten Joselle in eine immer verfügbare Mutterfrau, erreicht ihren Endpunkt, wenn sie sich schließlich nicht mehr als Buchautorin, sondern als »Autorin von ›David Masen‹«, ihrem Sohn, bezeichnet.
Während Wyndhams Vorstellungen einer alternativen Gesellschaft abseits der Städte schon zur Entstehungszeit des Romans weltfremd und seltsam antiquiert wirkten, könnte seine Kritik an dem Raubbau an der Natur, aber auch an der Rüstungsspirale und latenten Selbstzerstörungstendenz des Menschen nicht aktueller sein. Aus ökonomischen Kalkül hat der Mensch das Risiko der Unberechenbarkeit der nicht hinreichend erforschten Pflanzen bei ihrer Massenzüchtung in Kauf genommen. Wenn man die Anthropozentrik der Pflanzen (Laufen, Sprechen … Menschen-Fressen) als dramaturgischen Spezialeffekt kurz ausblendet, taugt die Grundidee im Ansatz als Metapher auf die heutige Nutzung von gentechnisch veränderten Pflanzen: Negative Folgen ihres Anbaus für das Öko-System werden bekannterweise sowohl von Verbrauchern als auch von vielen Experten befürchtet. Sympathisch ist auch Wyndhams Distanz zu menschlicher Schicksalsgläubigkeit und seine Betonung der vermeintlichen Naturkatastrophe als Man Made Disaster. Dies reflektiert Masen auch, wenn er den grünen Kometenhagel, der die Menschheit mit Blindheit schlägt, folgendermaßen erklärt: »›Da oben‹, fuhr ich fort, ›da oben kreisten – und kreisen vielleicht noch immer – Satelliten mit Geheimwaffen. Kreisten Drohungen, die auf ihren Tag warteten. Wie viele? Was war ihre Ladung? Du weißt es nicht; ich weiß es nicht. Geheimwaffen. Alles, was wir darüber gehört haben, sind nur Mutmaßungen – spaltbares Material, radioaktiver Staub, Bakterien, Viren … Nimm an, eine Type war konstruiert, um Strahlen auszusenden, die unsere Augen nicht ertragen konnten – etwas, das den Sehnerv tötete oder zumindest lähmte?‹« In dieser hellsichtigen Vision satellitengestützter Vernichtungswaffen spiegelt sich weniger die in den 1950er-Jahren blühende Kalte-Krieg-Paranoia als ein pazifistisches Engagement Wyndhams, das auch an anderen Stellen in seinem Werk – man denke etwa an den Roman »Wem gehört die Erde?« (»The Chrysalids«, 1961) oder einige seiner Kurzgeschichten – durchscheint.
Das Fazit fällt kurz wie positiv aus: Auch heute noch bieten Wyndhams »Triffids« eine spannende wie verstörende Lektüre und sind für jeden SF-Liebhaber unentbehrlich, – ganz gleich, ob er in seiner Freizeit gerne in der Erde wühlt oder lieber anderen dabei zusieht… (bf)

Bibliografische Angaben: John Wyndham: Die Triffids (The Day of the Triffids, 1951). Aus dem Englischen von Hubert Greifeneder, überarbeitet von Inge Seelig. Frankfurt a.M.: Heinrich & Hahn Verlagsgesellschaft, 2006. 261 Seiten ISBN-10: 3865970362 (vergriffen, ehemals € 18,90 EUR)

[Rezension zuerst erschienen in: Heyne Science Fiction Jahr 2007. Für den vorliegenden Blog-Beitrag leicht überarbeitet.]






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