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#14 Im Weltraum herrscht Goldgräberstimmung (Besprechung: »Auf dem Titan« von S. G. Weinbaum)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction, Rezension 06 October 2016 · 1065 Aufrufe

Astounding Pulp Science Fiction Rezension Besprechung

Petra Hartmann danke ich für den Hinweis auf den Erfurter TES-Verlag, der mir zum Blog-Start vier Heftromane schickte, die ich in den folgenden Blogeinträgen besprechen werde. Da meine Lektüre der Titel mittlerweile mehrere Monate zurückliegt, bespreche ich sie einfachheitshalber in der Reihenfolge, wie sie mir am besten und angenehmsten in Erinnerung geblieben sind.

Beurteilung

»Alle siebeneinhalb Tage erstarb der Wind für eine halbe Stunde zu einer seltsamen und sonderlichen Stille, um dann mit erneuter Heftigkeit aus der entgegengesetzten Richtung loszubrüllen, deshalb wurde das Titans Revolution genannt.«
»Auf dem Titan« von Stanley G. Weinbaum (S. 13)

Ich beginne mit der Pulp-Story »Flight on Titan« (1935; dt. »Auf dem Titan«, 2015) von Stanley G. Weinbaum (1902-1935), der mir vor dieser Besprechung nicht sonderlich bekannt war.1 In Milwaukee / Wisconsin aufgewachsen, gelernter Chemieingenieur und aussichtsreicher Roman- und Kurzgeschichtenautor, konnte er nur bedingt Einfluss entfalten, da er sehr früh verstorben ist. So wird ihm in der Encyclopedia of Science Fiction wie folgt Tribut gezollt: »Weinbaums premature death from lung cancer robbed Genre SF of its most promising writer of the 1930s, the full measure of his ability only becoming apparent when his longer works began to appear posthumously.«2 »Flight on Titan« wurde erstmals im Januar 1935 in dem US-amerikanischen Pulp-Magazin Astounding Stories veröffentlicht und atmet durchaus noch heute den Geist des Golden Age. Die Wahl des Saturnmonds Titan als Schauplatz der Handlung ist dabei sicherlich nicht zufällig, bedenkt man die Formenvielfalt seiner Oberfläche. So ist der Eismond laut des National Geographic ein »unwirtlicher Ort . Auf seiner Oberfläche herrscht eine Durchschnittstemperatur von minus 180 Grad Celsius. Er besitzt Berge, Dünen und riesige Seen - anstelle von Wasser regnet es jedoch flüssiges Methan. Dennoch gilt Titan als der erdähnlichste Himmelskörper des Sonnensystems.«3

Weinbaum erzählt zunächst eine Auswanderer- und Entdeckergeschichte: Im Mittelpunkt steht das New Yorker Ehepaar Tim und Diane Vick, die im Jahre 2142 nach einem landesweiten Finanz-Crash keine wirtschaftliche Perspektive auf der Erde sehen und ihr Glück auf Titan versuchen möchten. Titan verspricht – neben der nicht ganz unwahrscheinlichen Möglichkeit eines schnellen Tod in der Eishölle – die Chance, seltene Edelsteine zu finden, für die auf der Erde extrem hohe Preise gezahlt werden. Das Ehepaar lässt sich auf das Risiko ein und muss sich vor Ort zunächst – mehr schlecht als recht – an die klimatischen Gegebenheiten anpassen: Während sie nachts in kärglichen Metall-Hütten in einem menschenleeren Territorium ausharren, toben draußen Stürme von 250 km/h über die Mondoberfläche. Den klimatischen Widrigkeiten zum Trotz, gelingt es den Vicks mehrer ›Flammenorchideen‹ zu erbeuten, die »glühenden Eier[n] aus Licht [ähneln]. Wie der Rausch des Lebens selbst rollten Regenbogenringe in hunderten Schattierungen unter ihrer Oberfläche. Diane legte ihre Hand über sie und sie reagierten auf die Wärme mit Flammen von sich verändernden Farben [...]. Rot floss über in Blau, Violett, Grün und Gelb, dann Orange und Feuerrot.« (S. 8 f.) Ähnlich dem Vorgehen der Protagonisten während der realen neuzeitlichen Kolonisation auf der Erde, hauen die Vicks die animalisch dargestellten Einheimischen übers Ohr, indem sie ihnen – nach irdischen Maßstäben – wertlosen Plunder für die kostbaren Flammenorchideen andrehen. Sich schon als reiche Millionäre auf der Erde wähnend, macht ihnen jedoch Titan selbst einen Strich durch die Rechnung, als ihre Schutzhütte in einem Sturm von einer mächtigen Eislawine bedeckt wird. Da die Rakete von der Erde sie erst ein paar Monate später abholen soll, besteht für Tim und Diane nur dann eine Aussicht zu überleben, wenn sie sich der Mühsal eines tagelangen Marsches nach Nivia unterziehen, der nächstgelegenen menschlichen Siedlung. Abgesehen von der rauen Mondoberfläche und den Beschwernissen der Wanderung wird dieses Vorhaben vollends zum Katastrophe, als das Risiko der seltenen totalen Sonnenfinsternis droht: »Dann befand sich für die Titan-Tage der kleine Satellit im mächtigen Schatten des Saturns und während dieser langen Zeit wusste der Himmel allein, von welchen schrecklichen Kräften das Paar […] attackiert werden würde.« (S. 20) Selbstverständlich kommt es, wie es kommen musste. Diane erleidet während der langen Wanderung einen Schwächeanfall und der Tod scheint in der heraufziehenden Sonnenfinsternis nicht mehr lange auf sich warten zu lassen...

Obwohl die Handlung einen pulp-typisch schmalzigen und konventionellen Liebesplot vermittelt – an der Prämisse des starken und mutigen Mannes wird nie gerüttelt – überzeugt »Flight on Titan« als Abenteuer- und Survival-Geschichte, deren Attraktivität durch geographische Einblicke in die lunare Lebenswelt und die teilweise skurrilen Beschreibungen von außerirdischen Lebensformen gesteigert wird.

Ein Wiederabdruck der Story im Avon Fantasy Reader Nr. 15 (1951)
Ein Wiederabdruck der Story im Avon Fantasy Reader Nr. 15 (1951) (Quelle: Avon. Lizenz: Public Domain)








Zudem legt Weinbaum stellenweise einen sympathischen Zug von Humor an den Tag, wenn er bspw. die Begegnung des Ehepaars mit einem seehundartigen Außerirdischen, der »sich vor ihrer Tür niedergelassen und seine kegelförmigen Krallen im Eis eingehakt hatte« wie folgt erläuert: »Natürlich bewegte sich auf dem Titan keine Kreatur aufrecht vorwärts, angesichts dieser unaufhörlichen Böen, außer dem Menschen, der gerade erst von einer freundlicheren Welt hierher gekommen war.« (S. 9) Immer wieder wird deutlich, wie menschenfeindlich diese Mondoberfläche also ist, die aus jedweden Unternehmungen der irdischen Glücksritter ein Himmelfahrtskommando macht. Und doch ist Weinbaums Heftroman – typisch für viele andere Pulp-Werke – noch sehr weit entfernt von einer fundamentalen Absage an den (Weltraum-)Koloniolismus, wie sie gut 15 Jahre später von Ray Bradbury in seinen »Martian Chronicles« (1950) festgehalten wurde. Bei Weinbaum ist der Weltraum noch ein amerikanischer Sehnsuchtsort, der Verlierer in Helden zu verwandeln vermag. (bf)

1 Im SF-Netzwerk wurden hier einige seiner Werke hervorgehoben:
http://www.scifinet.org/scifinetboard/index.php/topic/1630-a-martian-odyssey/?hl=weinbaum

2The Encyclopedia of Science Fiction: Weinbaum, Stanley G.
http://www.sf-encyclopedia.com/entry/weinbaum_stanley_g [eingesehen am 5.10.2016]

3 Anonym: Es gibt Leben auf dem Saturnmond Titan. [dpa-meldung]
http://www.nationalgeographic.de/aktuelles/es-gibt-leben-auf-dem-saturnmond-titan [eingesehen am 5.10.2016]


Gesamteindruck: ++++ (4/5)

Bibliographische Angaben: Stanley G. Weinbaum: Auf dem Titan. Übers. von Katrin Geske und Gerd-Michael Rose. Erfurt: TES, 2015 [in Zusammenarbeit mit unipublish; orig. 1935]. Reihe: BunTES Abenteuer, Heft 1/2015. EUR 2,50. Bestellungen über Verlagsseite: http://tes-erfurt.jimdo.com/buntes-abenteuer/






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„All judgment of literature by genre is tripe. All judgment of a category of literature as inherently superior or inferior is tripe. […] There are many bad books. There are no bad genres.“ (Ursula K. Le Guin)

 

[Ursula K. Le Guin: Genre: A Word Only the French Could Love. In: The James Tiptree Award Anthology 1. Tachyon Publications, 2005, S. 68.]

 

800px-Ursula_Le_Guin_%283551195631%29_%2

 

(Quelle: Wikipedia: Le Guin in 2009. Ursula Le Guin. Photo by Marian Wood Kolisch. CC BY-SA 2.0)

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