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Grüne Männchen gibt es vielerorts – Zu Murakamis Invasionsromanen "In Liebe, Dein Vaterland I und II" (Rezension, #54)

Geschrieben von Sierra , in Phantastik, Science Fiction 14 February 2021 · 744 Aufrufe

Nord-Korea Süd-Korea Murakami Science Fiction Invasionsroman
Grüne Männchen gibt es vielerorts – Zu Murakamis Invasionsromanen "In Liebe, Dein Vaterland I und II" (Rezension, #54) Grüne Männchen gibt es vielerorts
(zu Ryū Murakamis Romanen: In Liebe, Dein Vaterland. I: Die Invasion, Titel: In Liebe, Dein Vaterland. II: Der Untergang)


Bei dem seit Jahrzehnten angespannten Verhältnis zwischen Nord- und Südkorea, China, Japan und den USA – das des Öfteren als „Kalter Krieg“ bezeichnet wurde – , handelt es sich um ein so vielschichtiges politisches Tableau, dass es zur literarischen Auseinandersetzung geradezu einlädt.
Ryū Murakamis Dystopie trägt den Titel „In Liebe, Dein Vaterland“ und ist in Japan bereits im Jahre 2005 erschienen. Obzwar die Übersetzung spät kommt, hat der zweiteilige Roman nichts von seiner politischen Aktualität verloren. Ganz im Gegenteil wird durch Kim Jong-uns von seinem Vater übernommene, quasi auf Autorepeat eingestellte Politik von Zuckerbrot (Friedensgespräche) und Peitsche (Raketentests) beinahe garantiert, dass der Korea-Konflikt noch lange nichts an Brisanz verliert. Zudem hat die völkerrechtswidrige Annexion der Krim im Jahre 2014 durch Russland – die Invasoren, Soldaten ohne Hochheitsabzeichen, bezeichnete man anfangs etwas ungläubig als ‚Grüne Männchen‘ – wieder mal gezeigt, dass selbst die düstersten Zukunftsvisionen von einem Tag auf den anderen von der Realität eingeholt werden können.


Murakamis Roman hat folgende alternativgeschichtliche Prämisse. Es ist das Jahr 2010, Japans Wirtschaft und Währung liegen am Boden. Armut, Hunger, Obdachlosigkeit und eine um sich greifende gesellschaftliche Entsolidarisierung sind Alltag geworden. Anstatt dass Amerika seinem Bündnispartner wirtschaftlich unter die Arme greift, gießt es noch zusätzlich Öl ins Feuer, indem es die Preise für Getreide und Futtermittel erhöht und sich in außenpolitischer Hinsicht ausgerechnet Nord-Korea annähert. Die nordkoreanische Herrscherclique und Generalschaft wittern Morgenluft und glauben, dass nun der richtige Zeitpunkt für eine Invasion Japans gekommen ist. Zunächst schicken sie eine Vorhut aus neun Elite-Soldaten, die in einer Nacht- und Nebelaktion per Schiff zur Hafenstadt Fukuoka gebracht wird. Kurze Zeit darauf beginnen sie mit der Umsetzung eines verrückten Plans: die Elitekämpfer stürmen ein Spiel im örtlichen Baseball-Stadion und nehmen alle 30000 Zuschauer als Geiseln. Doch es kommt noch dicker: Die Invasoren behaupten, sie seien lediglich friedliebende Dissidenten, die aus Nord-Korea geflüchtet sind. Auch die Geißeln werden sofort freilassen, wenn die japanische Terrorabwehr nicht gegen sie vorgeht. Tatsächlich unternimmt die japanische Regierung nichts, weil niemand die Verantwortung für einen Gegenschlag übernehmen will. Und so kann die Invasion in die entscheidende Phase treten. Nur wenige Stunden später werden die Geiselnehmer auf dem Luftweg durch weitere 500 Elite-Soldaten verstärkt, das sogenannte Expeditionskorps Koryo. Während die Regierung Fukuoka lieber absperrt anstatt die lokale Bevölkerung zu evakuieren, errichtet das Expeditionskorp in einem Hotelgebäude einen stilechten nordkoreanischen Truppenstützpunkt inklusive Folteretage, um sofort den Kampf gegen die ‚Volksfeinde‘ aufzunehmen. Die Verhaftung einiger wohlbetuchter Schwerkrimineller gilt aber auch der Devisenbeschaffung. Denn schon in Kürze erwartet Han Seung-jin, der Befehlshaber Koryos, die Ankunft der eigentlichen, 120000 Soldaten starken Invasionsarmee. Je mehr nordkoreanische Soldaten ins Land kommen, desto deutlicher werden dabei die Ohnmacht der japanischen Regierung und die zunehmende Kollaborationsbereitschaft der lokalen Bevölkerung, die sich einen wirtschaftlichen Aufschwung durch die neuen Herren erhofft.

Es ist kein Zufall, dass echter Widerstand nur noch von Leuten kommen kann, die selbst nichts mehr zu verlieren haben, also aus dem gesellschaftlichen Prekariat. Und tatsächlich existiert in Fukuoka eine Art Wohngemeinschaft, in der der Dichter Ishihara einer Gruppe von sozial abgehängten jungen Männern Obdach gewährt. Viele von ihnen sind aufgrund einer schweren Kindheit straffällig geworden. Andere sind nach Konflikten mit der Gesellschaft psychisch erkrankt: Okubo beispielsweise feierte in seiner Kindheit große Erfolg als Kinderstar, fühlte sich aber sehr gekränkt, als er im Zuge seiner körperlicher Veränderungen in der Teenagerzeit keine Angebote mehr für Fernsehrollen erhielt: „Irgendwann fing er an, sich selbst unter dem Namen Kamimoto E-Mails zu schicken. Mit der Zeit bildete er sich ein, dass er und Kamimoto die einzigen Menschen auf der Welt seien, die es verdient haben zu leben. […] Er begann Feuer zu legen und beging sechsundvierzig mal Brandstiftung, bevor man ihn in seiner Heimatstadt Iwate verhaftete.“ (S. 103) Ishiharas Gruppe wird – davon handelt der zweite Band des Romans – zum Quell eines radikalen, partisanenhaften Widerstands gegen die nordkoreanischen Besatzer, die aus der Sicht der Jugendlichen auf extreme Weise Anpassungsdruck und die Unterdrückung von Anders-Sein verkörpern.

Fazit: Murakamis gelingt mit „In Liebe, Dein Vaterland“ eine spannende Invasionsgeschichte, die nicht nur für an Asien interessierte Dystopie-Fans empfehlenswert ist. Die Erzählweise könnte zwar noch etwas gradliniger sein, besonders die etwas detailverliebten Rückblicke in die Vergangenheit der vielen Protagonisten fordern den LeserInnen manchmal Geduld ab. Doch erhalten viele Figuren so zusätzliche psychologische Tiefe, sodass der Roman insgesamt auch zu einer interessanten Auseinandersetzung mit den Veränderungen in der japanischen Arbeitsgesellschaft – besonders hinsichtlich ihres Umgangs mit den sozial Abgehängten – wird. Der Roman funktioniert aber auch gut als Kommentar zur Korea-Krise als einem militärischen Sandkastenspiel, für das die Bevölkerung die Zeche bezahlen muss. (bf)

Gesamteindruck für beide Bände: +++++ (5 / 5)




Bibliographische Angaben:

Ryū Murakami: In Liebe, Dein Vaterland. I: Die Invasion. Übers. von Ursula Gräfe. Wien, Septime, 2018. 455 S. 26,00 EUR.

Ryū Murakami: In Liebe, Dein Vaterland. II: Der Untergang.
Übers. von Ursula Gräfe. Wien, Septime, 2019. 500 S. 26,00 EUR.

Bestellungen und Leseprobe (klick!). Bildquelle (klick!)

(Erstveröffentlichung dieser Sammelrezension in: Melanie Wylutzki und Hardy Kettlitz (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2019, Berlin: Hirnkost, 2020, S. 184-187)




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„All judgment of literature by genre is tripe. All judgment of a category of literature as inherently superior or inferior is tripe. […] There are many bad books. There are no bad genres.“ (Ursula K. Le Guin)

 

[Ursula K. Le Guin: Genre: A Word Only the French Could Love. In: The James Tiptree Award Anthology 1. Tachyon Publications, 2005, S. 68.]

 

800px-Ursula_Le_Guin_%283551195631%29_%2

 

(Quelle: Wikipedia: Le Guin in 2009. Ursula Le Guin. Photo by Marian Wood Kolisch. CC BY-SA 2.0)

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