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Unter 'Augenblicks-Sonnen' - eine kurze Notiz zu Lems SF-Roman "Transfer / Powrót z gwiazd" (#58)

Geschrieben von Sierra , 07 March 2021 · 547 Aufrufe

Science Fiction Stanislaw Lem Erstkontakt
Unter 'Augenblicks-Sonnen' - eine kurze Notiz zu Lems SF-Roman "Transfer / Powrót z gwiazd" (#58) Normalerweise geht es in Erst-Kontakt-Szenarien eher um Begegnungen von Astronaut*innen mit Außerirdischen im Weltall oder auf anderen Planeten. Und das geht ja dann bekanntlich mal besser oder schlechter aus.
Ungewöhnlich ist Stanislaw Lems Roman "Transfer" (poln. "Powrót z gwiazd", 1961), weil er eine Situation beschreibt, in der sich die Menschen selbst so fremd geworden sind, dass ihre Wiederbegegnung ebenfalls einem Erstkontakt ähnelt. Als Hal Bregg, Lems Protagonist, von einer zehnjährigen Weltraumexpedition auf die Erde zurückkehrt, sind hier aufgrund des Einsteinschen Zeitparadoxons bereits 127 Jahre vergangen. Die Menschen nehmen Bregg als unheimlichen Außerirdischen wahr, der 'anders' ist. Gleichermaßen wirkt die Erde auf ihn (und die Leser*innen) wie ein fremdartiger Planet.
Besonders spannend finde ich den Handlungsbeginn, als sich Bregg durch ein überdimensioniertes und ziemlich phantastisch anmutendes Bahnhofsareal hindurchkämpfen muss, um zu seinem 'Sozialhelfer' zu gelangen, der seine Wiedereingliederung auf der Erde begleiten soll. Ein Zitat:

...Beinahe war ich schon überzeugt, daß ich auf diese Art nie zu einem Ausgang gelangen würde. Wenn ich die ungefähre Fahrtdauer nach oben berechnete, mußte ich mich noch in dem freischwebenden Bahnhofsteil befinden: ich behielt auf alle Fälle weiter dieselbe Richtung.
Plötzlich war Leere um mich. Himbeerfarbene Platten mit funkelnden Sternchen, Reihen von Türen. Die nächste war nur angelehnt. Ich sah hinein: irgendein großer breitschultriger Mann tat im selben Moment dasselbe, bloß von der entgegengesetzten Seite aus, ich war es selbst — im Spiegel. Ich öffnete die Tür etwas weiter: Porzellan, silbrige Rohre, Nickel — Toiletten.
Fast hätte ich gelacht, aber im Grunde war ich eher benommen.
Ich drehte mich schnell um: ein anderer Gang, milchweiße vertikal fließende Streifen. Die Lehne der Rolltreppe war weich und warm, ich zählte die abwärts gleitenden Stockwerke nicht. Immer mehr Menschen fuhren mit mir aufwärts. Sie hielten bei emaillierten Kästen an, die bei jedem Schritt aus der Wand wuchsen: ein Druck mit dem Finger, irgend etwas fiel in die Hand, sie steckten es in die Taschen und gingen weiter. Ich weiß selbst nicht, warum ich genau dasselbe tat wie der Mann im weiten lila Anzug vor mir: eine Taste mit einer kleinen Vertiefung für die Fingerkuppe, ein Druck, und direkt in die vorgehaltene Hand fiel mir ein farbiges, halb durchsichtiges Röhrchen, das angewärmt schien. Ich schüttelte es, brachte es mir vor die Augen — irgendwelche Pillen? Nein. Ein Korken? Es hatte keinen Korken, überhaupt keinen Verschluß. Wozu diente es? Was machten die anderen damit? Sie steckten es in ihre Taschen. Die Aufschrift auf dem Automaten: LARGAN. Ich stand, wurde geschubst. Urplötzlich kam ich mir vor wie ein Affe, dem man eine Füllfeder oder ein Feuerzeug gibt; für eine Zehntelsekunde überkam mich blinde Wut, ich biß die Zähne zusammen. Blinzelnd und leicht gebeugt schloß ich mich dem Strom der Gehenden an. Der Gang erweiterte sich, war jetzt schon ein Saal. Feurige Lettern: REAL AMMO REAL AMMO.
Zwischen den Weitereilenden, über ihren Köpfen, erblickte ich ganz fern ein Fenster. Das erste Fenster. Panoramisch, riesig.
Wie ein flachgelegtes Nachtfirmament. Bis zum Horizont von einem glühenden Nebel erfüllt — farbige Galaxien, dichtgedrängte spiralige Lichter, Feuerscheine zitternd über Wolkenkratzern, Straßen: eine wurmartige Bewegung der Leuchtperlen und darüber, senkrecht, das Wimmeln der Neone, Federbüsche und Blitze, Räder, Flugzeuge und Flaschen aus Feuer, rote Pusteblumen der Signallichter auf Türmen, Augenblicks-Sonnen und Blutstürze von Reklamen, mechanisch, gewaltig.
Ich stand und schaute, hörte hinter mir die rhythmische Bewegung Hunderter von Füßen. Plötzlich verschwand die Stadt, und ein riesiges, drei Meter großes Gesicht erschien.... (Stanislaw Lem: Transfer. München: dtv, 1995. S. 20 f.)

Warum erinnere ich hier an "Transfer"? Ich musste vor Kurzem an die Lektüre des Romans zurückdenken, als ich einige sehr gelungene Bilder von Joanna Karpowicz zu Lems Roman gesehen habe. Ihre Online-Galerie findet sich hier: https://roklema.pl/w...anny-karpowicz/ (bf)



Außer daß der sorgfältig ausgewählte Auszug mich daran erinnert, das Buch wieder einmal zur Hand nehmen zu müssen ist der Hinweis auf die polnische Künstlerin Joanna Karpowicz wirklich klasse und eine echte Entdeckung!

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Freut mich! Auf der von mir verlinkten Seite wird die Malerin übrigens mit der Selbstauskunft zitiert, dass sie den gesamten Roman in eine Bildergeschichte umsetzen möchte und dass die gezeigten Bilder der erste Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel hin sein könnten. Vielleicht folgt also irgendwann noch mehr von ihr.

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Da ich des Polnischen nicht mächtig bin ist der Hinweis umso interessanter. Aber es besteht ja die Möglichkeit ihr auf den sozialen Medien zu folgen, ich bin gespannt. Durch ihre Arbeiten weht die Luft der Welt von Edward Hopper, aber auch die Stimmung der Arbeiten von "Salvo" - einem leider bereits verstorbenen italienischen Maler - ist für mich hier gegenwärtig, siehe z.B. hier: http://www.artnet.com/artists/salvo/, auch wenn Karpowicz den teils leeren Städten oder Landschaften mit Personen eine gewisse "Erdung" verschafft. Die Verwendung von "Anubis" als Motiv verschiebt die Sicht dann wieder eher ins Märchenhafte, manche Bilder wirken daher fast wie Kinderbuchillustrationen für Erwachsene. Die Verbindung zu Lem ist spannend.

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Danke für die Verlinkung auf "Salvo", den ich bislang nicht kannte und dessen Stil ich auf Anhieb auch mag. Ich sehe auch diese Bildkorrespondenzen, etwa in der Formen- und Farbenwahl, z.B. in http://www.artnet.co...B_wk5Ynd26n3-g2 und Joanna Karpowicz' Bild “Latające auta” (4/12)

Sehr stimmungsvoll!

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„All judgment of literature by genre is tripe. All judgment of a category of literature as inherently superior or inferior is tripe. […] There are many bad books. There are no bad genres.“ (Ursula K. Le Guin)

 

[Ursula K. Le Guin: Genre: A Word Only the French Could Love. In: The James Tiptree Award Anthology 1. Tachyon Publications, 2005, S. 68.]

 

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(Quelle: Wikipedia: Le Guin in 2009. Ursula Le Guin. Photo by Marian Wood Kolisch. CC BY-SA 2.0)

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