Zum Inhalt wechseln






Foto

Neal Shustermans "Scythe – Die Hüter des Todes", Bd. 1 (Rezension, #59)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur 13 March 2021 · 605 Aufrufe

Science Fiction Dystopie Scythe Die Hüter des Todes Neal Shusterman Jugendbuch
Neal Shustermans "Scythe – Die Hüter des Todes", Bd. 1 (Rezension, #59) Neal Shustermans "Scythe – Die Hüter des Todes", Bd. 1 (Rezension, #59)

Viele dystopische Romane unterscheiden sich bekanntlich nur wenig von nicht-phantastischer Literatur, indem sie etwa bestimmte, aus der Realität bekannte gesellschaftliche Zustände nur wenig verfremden. Und dann gibt es Romane, die den Leser bereits auf den ersten Seiten nachhaltig zu verstören vermögen. Neal Shustermans (* 1962) Roman „Scythe – die Hüter des Todes“, dem ersten Band einer Jugendbuch-Trilogie, gehört ganz klar zu der zweiten Variante, denn seine Erzählprämisse hat es wirklich in sich.

Die USA in der fernen Zukunft mutet zunächst wie ein Paradies an: Nachdem ein von der Menschheit installierter Zentralcomputer mit dem Namen Thunderhead das Regieren übernommen hat, kennen die Menschen Kriege nur noch aus Geschichtsbüchern, Bots sorgen für Bequemlichkeit im Alltag und die Lebenserwartung ist de facto ins Unendliche gewachsen: Denn selbst nach tödlichen Unfällen sorgt Thunderhead dafür, dass die Unfallopfer sogleich in medizinischen Zentren wiederhergestellt werden, – der vormals selbstmörderische Sprung von einem Wolkenkratzer ist für einige Teenager nur noch eine etwas ungewöhnlichen Mutprobe.
Genretypisch haben solche ‚paradiesischen‘ Zustände auch hier einen Haken. Waren es in H.G. Wells „Time Machine“ die grausigen Morlocks, die den Eloi den Himmel auf Erden verleideten, sind es in Shusterman Geschichte, die Scythe. Nicht nur ihr Aussehen - sie tragen lange, elegante Roben aus feinsten Stoffen - erinnert entfernt an Darstellungen von Sensenmännern in der Malerei. Tatsächlich haben sie eine Lizenz zum töten, um dafür Sorge zu tragen, dass die Welt so nie wieder überbevölkert sein wird: Denn wenn jemand von den Scyhe getötet wird, darf er nicht mehr wiederbelebt werden. Diese mehrere Jahrhunderte erprobte Praxis gilt aber keinesfalls als kaltblütiger Mord, sondern wird als Nachlese bezeichnet und als gesellschaftliche Wohltat angesehen. Die Scythe sind dabei angehalten, sich an einem als „moralisch“ verstandenem Kodex zu orientieren. So darf den Scythes ihre Arbeit nicht Spaß machen, stattdessen soll die Nachlese mit viel Mitgefühl durchgeführt werden im Sinne eines unabwendbaren, aber natürlichen Ereignisses – vegleichbar mit einem Tierarzt, der ein Tier einschläfern muss. Soweit die Theorie, in der Praxis sind die Menschen zwar vordergründig mit diesem System einverstanden, doch würden sie – wenn es um sie persönlich geht – lieber ihre Großmutter verkaufen, um durch Immunisierung zumindest für ein Jahr lang von einer möglichen Nachlese ausgenommen zu werden.

Neal Shusterman erzählt die Geschichte von Citra und Rowan, die gegen ihren Willen von Scythe Faraday zu Auszubildenden berufen wurden. Nur mit Mühe kann Rowan diesem Ereignis etwas Gutes abgewinnen: „Rowan fiel die Entscheidung nicht ganz so schwer. Ja, er hasste die Vorstellung, Scythe zu werden - ja sie widerte ihn an - aber noch übler wurde ihm, wenn er sich vorstellte, dass irgendjemand sonst, den er kannte, es machen würde.“ (S. 59) Fortan werden sie in tödlichen Martial Arts trainiert und müssen ihren Meister auf Schritt und Tritt bei seiner ‚Arbeit‘ begleiten. Weil beide die Widersprüche der Nachlese durchschauen, ist ihnen ihre Ausbildung zunächst zuwider. Dass der Scythe-Konvent am Ende ihrer Ausbildung nur einen von ihnen beiden als Scythe zulassen will, der dann als erste Amtstat den Unterlegenen nachlesen soll, verkompliziert Citras und Rowans Situation, auch weil sie sich immer stärker voneinander angezogen fühlen. Noch schwerer wiegt, dass eine Fraktion im Scythetum an Einfluss gewinnt, die die Nachlese ausweiten will, um ganze Bevölkerungsgruppen – im Stile mittelalterlicher Hexenverfolgung – auszulöschen und sich selbst persönlich zu bereichern. Als ihr eigener Meister ins Fadenkreuz dieser radikalen Gruppierung gerät, müssen auch seine jungen Adepten Position beziehen.

Fazit: Eine spannende Thematik, viele überraschende Wendungen und zwei überzeugende Hauptfiguren heben diesen Roman von vielen anderen Dystopien ab. Das düstere Erzählpanorama einer Gesellschaft, die den Tod monopolisiert hat und sich doch für moralisch überlegen hält, wird so dicht erzählt, dass es einen filmischen, stellenweise alptraumartigen Charakter gewinnt. Auf einer allgemeineren Ebene wird dabei eine ethisches Problem thematisiert, das bekanntlich auch für unsere reale Welt von großer Tragweite ist: Wie positionieren sich Gesellschaften zur Menschenwürde und zum Wert des Lebens an sich im Zuge der akzelerierenden Entwicklung von Technik und Wissenschaft? (bf)

Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)


Bibliographische Angaben:

Neal Shusterman: Scythe – Die Hüter des Todes. Bd. 1. Übers. von Pauline Kurbasik, Kristian Lutze. Frankfurt a.M.: Fischer Sauerländer 2017. 528 S. 19,99 EUR. [zur Zeit scheint nur noch die Paperbackausgabe mit dem hier gezeigten, etwas weniger gediegeneren Coverbild – für meinen Geschmack – erhältlich zu sein, 15,00 EUR].

Bestellungen und Leseprobe (klick!). Bildquelle (klick!)
(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Michael Görden (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2018. Berlin: Golkonda, 2018, S. 255-257.)




Trackbacks für diesen Eintrag [ Trackback URL ]

Dieser Eintrag hat noch keine Trackbacks

__

METAPHERNPARK

 

Redaktion:

Bartholomäus Figatowski (bf

Susanne Bünker (sb)
  
Kontakt

metaphernpark@gmail.com

 

Twitter: @Metaphernpark

 

© Alle Rechte vorbehalten.

Datenschutzerklärung

Diese Blog-Seite ist Teil des www.scifinet.org. Die Datenschutzerklärung von www.scifinet.org findet sich hier.

Aktuelles Lieblingszitat

„All judgment of literature by genre is tripe. All judgment of a category of literature as inherently superior or inferior is tripe. […] There are many bad books. There are no bad genres.“ (Ursula K. Le Guin)

 

[Ursula K. Le Guin: Genre: A Word Only the French Could Love. In: The James Tiptree Award Anthology 1. Tachyon Publications, 2005, S. 68.]

 

800px-Ursula_Le_Guin_%283551195631%29_%2

 

(Quelle: Wikipedia: Le Guin in 2009. Ursula Le Guin. Photo by Marian Wood Kolisch. CC BY-SA 2.0)

Letzte Besucher

  • Foto
    Weltraumschrott
    27 Aug 2021 - 01:17
  • Foto
    T.H.
    11 Aug 2021 - 12:44
  • Foto
    fool on the hill
    07 Aug 2021 - 23:29
  • Foto
    My.
    16 Jul 2021 - 16:18
  • Foto
    Petra
    15 Jul 2021 - 09:54

Letzte Veröffentlichung Sekundärliteratur:

androSF79cover250.jpg

Impressum

Dieses Impressum gilt für

das Blog “Metaphernpark” unter
sowie die dazugehörige Twitter-Präsenz
 

Impressum

Angaben gemäß § 5 TMG:

Jolanta Figatowski

Rodderstr. 16
53842 Troisdorf
Telefon:
022419055974
E-Mail: metaphernpark@gmail.com
 

Verantwortlich für den Inhalt nach § 55 Abs. 2 RStV:

Jolanta Figatowski

Rodderstr. 16
53842 Troisdorf

 
Redaktion: Bartholomäus Figatowski (bf), Susanne Bünker (sb)
Redaktionskontakt:
rheinantho@gmail.com
 

Haftungsausschluss (Disclaimer)

Haftung für Inhalte

Als Diensteanbieter sind wir gemäß § 7 Abs.1 TMG für eigene Inhalte auf diesen Seiten nach den allgemeinen Gesetzen verantwortlich. Nach §§ 8 bis 10 TMG sind wir als Diensteanbieter jedoch nicht verpflichtet, übermittelte oder gespeicherte fremde Informationen zu überwachen oder nach Umständen zu forschen, die auf eine rechtswidrige Tätigkeit hinweisen. Verpflichtungen zur Entfernung oder Sperrung der Nutzung von Informationen nach den allgemeinen Gesetzen bleiben hiervon unberührt. Eine diesbezügliche Haftung ist jedoch erst ab dem Zeitpunkt der Kenntnis einer konkreten Rechtsverletzung möglich. Bei Bekanntwerden von entsprechenden Rechtsverletzungen werden wir diese Inhalte umgehend entfernen.

 

Haftung für Links

Unser Angebot enthält Links zu externen Webseiten Dritter, auf deren Inhalte wir keinen Einfluss haben. Deshalb können wir für diese fremden Inhalte auch keine Gewähr übernehmen. Für die Inhalte der verlinkten Seiten ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber der Seiten verantwortlich. Die verlinkten Seiten wurden zum Zeitpunkt der Verlinkung auf mögliche Rechtsverstöße überprüft. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten ist jedoch ohne konkrete Anhaltspunkte einer Rechtsverletzung nicht zumutbar. Bei Bekanntwerden von Rechtsverletzungen werden wir derartige Links umgehend entfernen.

 

Urheberrecht

Die durch die Seitenbetreiber erstellten Inhalte und Werke auf diesen Seiten unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung des jeweiligen Autors bzw. Erstellers. Downloads und Kopien dieser Seite sind nur für den privaten, nicht kommerziellen Gebrauch gestattet. Soweit die Inhalte auf dieser Seite nicht vom Betreiber erstellt wurden, werden die Urheberrechte Dritter beachtet. Insbesondere werden Inhalte Dritter als solche gekennzeichnet. Sollten Sie trotzdem auf eine Urheberrechtsverletzung aufmerksam werden, bitten wir um einen entsprechenden Hinweis. Bei Bekanntwerden von Rechtsverletzungen werden wir derartige Inhalte umgehend entfernen.

 

Datenschutzerklärung:

Datenschutz

Die Betreiber dieser Seiten nehmen den Schutz Ihrer persönlichen Daten sehr ernst. Wir behandeln Ihre personenbezogenen Daten vertraulich und entsprechend der gesetzlichen Datenschutzvorschriften sowie dieser Datenschutzerklärung.

Die Nutzung unserer Webseite ist in der Regel ohne Angabe personenbezogener Daten möglich. Soweit auf unseren Seiten personenbezogene Daten (beispielsweise Name, Anschrift oder E-Mail-Adressen) erhoben werden, erfolgt dies, soweit möglich, stets auf freiwilliger Basis. Diese Daten werden ohne Ihre ausdrückliche Zustimmung nicht an Dritte weitergegeben.

Wir weisen darauf hin, dass die Datenübertragung im Internet (z.B. bei der Kommunikation per E-Mail) Sicherheitslücken aufweisen kann. Ein lückenloser Schutz der Daten vor dem Zugriff durch Dritte ist nicht möglich.

 

Datenschutzerklärung für die Nutzung von Twitter

Auf unseren Seiten sind Funktionen des Dienstes Twitter eingebunden. Diese Funktionen werden angeboten durch die Twitter Inc., 1355 Market Street, Suite 900, San Francisco, CA 94103, USA. Durch das Benutzen von Twitter und der Funktion "Re-Tweet" werden die von Ihnen besuchten Webseiten mit Ihrem Twitter-Account verknüpft und anderen Nutzern bekannt gegeben. Dabei werden auch Daten an Twitter übertragen. Wir weisen darauf hin, dass wir als Anbieter der Seiten keine Kenntnis vom Inhalt der übermittelten Daten sowie deren Nutzung durch Twitter erhalten. Weitere Informationen hierzu finden Sie in der Datenschutzerklärung von Twitter unter http://twitter.com/privacy.

Ihre Datenschutzeinstellungen bei Twitter können Sie in den Konto-Einstellungen unter href="http://twitter.com/account/settings">

 

Widerspruch Werbe-Mails

Der Nutzung von im Rahmen der Impressumspflicht veröffentlichten Kontaktdaten zur Übersendung von nicht ausdrücklich angeforderter Werbung und Informationsmaterialien wird hiermit widersprochen. Die Betreiber der Seiten behalten sich ausdrücklich rechtliche Schritte im Falle der unverlangten Zusendung von Werbeinformationen, etwa durch Spam-E-Mails, vor.