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"Und die Toten sitzen uns im Nacken" (Rezension, #60)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction 03 April 2021 · 734 Aufrufe

Schädelfeld Rezension Dariusz Muszer Dystopie Science Fiction
"Und die Toten sitzen uns im Nacken" (Rezension, #60) "Und die Toten sitzen uns im Nacken"
Dariusz Muszer: Schädelfeld (Rezension, #60)

„Ylet314 war im unendlichen Multiversum auch unter vielen anderen Namen bekannt. Der unbeliebteste von allen war Erde. Oft benutzte man ihn als […] Schimpfwort.“ So heißt es zu Beginn in Dariusz Muszers Dystopie „Schädelfeld“. Ihren schlechten Ruf im Weltall haben sich die ehemaligen Bewohner der Erde selbst zuzuschreiben, da sie mit der Zerstörung ihres eigenen Planeten das gesamte Sonnensystem in Gefahr gebracht haben. Zum Glück vermochten die „Wächter des Multiversums“ eine Parallelerde zu erschaffen, sodass die Architektur des Sonnensystem intakt blieb. Die Genesis der Zweiten Erde ähnelt dabei einem industriellen Herstellungsprozess, bei dem dem Menschen die wichtigsten Eigenschaften „verliehen“ werden, „um sich artspezifisch entfalten zu können: die Gier und die Liebe.“

Bei einem Kontrollbesuch nach langer Zeit erfahren die Wächter, dass die Menschen nichts aus ihren Fehlern gelernt haben. Nach einem globalen Krieg kämpft jeder gegen jeden, und mit den Hungersnöten ist der Kannibalismus zurückgekehrt. Die wenigen menschlichen Überlebenden, Aschhäute genannt, werden von der „Metzger“-Bande im wahrsten Sinne des Wortes wie die Lämmer zur Schlachtbank getrieben. Nachdem der Staat kollabiert ist, versucht zudem die militärische Verbrecher-Organisation der Askari das Machtvakuum zu füllen. Das fällt ihnen jedoch nicht leicht, da sie sich wiederum mit den Lunakis, Cyborg-ähnlichen Außerirdischen vom Mond, im Krieg befinden.

Dass in der Apokalypse jedwede Tätigkeit apokalyptisch ist, beweist das Tagwerk der Protagonisten Muszers. Kalong und sein Adoptivsohn Justus sind Buddler auf dem Schädelfeld, einer früheren Stätte des Massenmordes. So als wäre ein neuer Goldrausch ausgebrochen, graben sie nach Knochen, die Rohstoffe und womöglich High-Tech-Bauteile enthalten. Da die Askari eine „Knochensteuer“ auf die Funde erheben, macht die Buddelei jedoch zur puren Selbstausbeutung. Kalong wohnt mit seinem Sohn Justus, seiner Frau Liv und ihrer Tochter auf einem Bauernhof außerhalb der Stadt. In Rückblenden wird erzählt, wie Kalong, Justus und Liv zueinander gefunden haben. Die Leser*innen erfahren, dass die Metzger früher die ganze Stadt in Geiselhaft genommen haben: Um zu überleben, mussten die Menschen regelmäßig einen ihrer Mitbewohner als „Fleischtribut“ an die Metzger übergeben. Als dieses Schicksal eines Tages Liv und ihre Tochter ereilt, rettet Kalong sie in letzter Sekunde, obwohl er damals noch als Bombenbauer im Dienst der Metzger stand. In der Gegenwart der Handlung spitzt sich die Situation wieder zu, als Kalong einen Askari-Deserteur versteckt und so den sadistischen Hauptmann Triglahn gegen sich auf bringt.

Fazit: Muszers Dystopie übt einen starken Sog auf den Leser aus, dem man sich trotz der komplexen und skurrilen Handlung – mitunter fühlt man sich an Edgar Hilsenraths Groteske „Der Nazi und der Friseur“ erinnert – nicht entziehen kann. Nachdenklich macht auch ein im Roman deutlich werdendes soziales Bewusstsein, das wiederholt auf den Holocaust verweist: „Der allgegenwärtige Tod treibt die Menschen in den Wahnsinn. Wir wühlen in den Gräbern, und die Toten sitzen uns im Nacken.“ Und doch ist Muszers Werk kein endgültiger Abgesang auf den Menschen, weil in seinem Gewissen und in seiner Vernunft für immer Keime der Hoffnung auf eine bessere Welt angelegt bleiben. (bf)

Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)

Bibliografische Angaben: Dariusz Muszer: Schädelfeld. München: A1 Verlag: 2015. 373 S. 22,00 EUR.
Bildquelle: klick!
(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Sascha Mamczak und Hannes Riffel (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2016, Berlin: Golkonda 2016.)





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