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Metaphernpark



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Hörtipp: Eine Vorstellung des Fantasy- und SF-Autors J. A. Sullivan im Dlf (#62)

Geschrieben von Sierra , in Phantastik, Fantasy, Science Fiction 26 April 2021 · 341 Aufrufe
Progressive Phantastik und 2 weitere...
Sehr spannend finde ich das aktuelle Autorenporträt des Fantasy- und Science-Fiction-Autors James A. Sullivan im Deutschlandfunk, das am 23.4.21 gesendet wurde und das weiterhin als Podcast nachgehört werden kann. In erfreulicher Ausführlichkeit wird u.a. Sullivans Engagement für eine 'progressive Phantastik' thematisiert, die gesellschaftliche Diversität sowohl auf der Ebene der literarischen Repräsentation als auch als Tatsache in der außerliterarischen Wirklichkeit ernst nimmt (z.B. mit Blick auf eine als divers mitzudenkende Leser*innenschaft).

Serie „Innenansichten mit“ dem Fantasy-Schriftsteller James A. Sullivan
Mit Elfen und Magiern durchs Braunkohlerevier – von Benedikt Schulz
Hier geht es zum Podcast: klick!


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Klare Kante: Ursula Le Guin über Genre-Dünkel (#61)

Geschrieben von Sierra , in Sekundärliteratur, Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur 05 April 2021 · 426 Aufrufe
Ursule K. Le Guin, Genre, Fantasy und 4 weitere...
Klare Kante: Ursula Le Guin über Genre-Dünkel (#61) Klare Kante: Ursula Le Guin über Genre-Dünkel (#61)

Gestern bin ich im Internet auf eine sehr pointierte Aussage von Ursula K. Le Guin gestoßen:

„All judgment of literature by genre is tripe. All judgment of a category of literature as inherently superior or inferior is tripe. […] There are many bad books. There are no bad genres.“

Ich mag die 'klare Kante', die Le Guin hier gegenüber der pauschalen Abwertung von Genreliteratur zeigt. Nun ist diese Aussage aber auch schon über 15 Jahre alt und es stellt sich die Frage, ob sich die Situation – in Deutschland – verändert hat. Meiner Ansicht nach haben solche Genre-Dünkel gegenüber Science Fiction und anderer phantastischer Literatur zumindest im schulischen bzw. literaturpädagogischen Kontext abgenommen. Wenn es um spannende Lesetexte für Kinder und Jugendliche geht, sind heutige Lehrer*innen, Erzieher*innen oder Eltern viel eher bereit, Heranwachsenden SF- oder Fantasy-Romane oder -Comics zu empfehlen bzw. zu kaufen.
Wie verhält es sich aber mit dem Umgang mit Genreliteratur in anderen öffentlichen Bereichen (Medien, Verlage, Universität...) ? Dies ist sicher nicht einfach zu überblicken und noch schwieriger zu beurteilen. Zumindest das Feuilleton scheint aber die Science Fiction heutzutage zu akzeptieren und größtenteils ohne Trivialisierung oder mitschwingende Exotismus-Vorurteile auszukommen. – Oder bin ich mit dieser Annahme zu optimistisch? (bf)


Quellen und Nachweise
Zitatquelle: Ursula K. Le Guin: Genre: A Word Only the French Could Love. In: The James Tiptree Award Anthology 1. Tachyon Publications, 2005, S. 68.
Bildquelle für Entry Image: Oct21 Ursuala le Guin from en:wiki screeens. Victuallers. November 17, 2019. Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0.


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"Und die Toten sitzen uns im Nacken" (Rezension, #60)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction 03 April 2021 · 624 Aufrufe
Schädelfeld, Rezension und 3 weitere...
"Und die Toten sitzen uns im Nacken" (Rezension, #60) "Und die Toten sitzen uns im Nacken"
Dariusz Muszer: Schädelfeld (Rezension, #60)

„Ylet314 war im unendlichen Multiversum auch unter vielen anderen Namen bekannt. Der unbeliebteste von allen war Erde. Oft benutzte man ihn als […] Schimpfwort.“ So heißt es zu Beginn in Dariusz Muszers Dystopie „Schädelfeld“. Ihren schlechten Ruf im Weltall haben sich die ehemaligen Bewohner der Erde selbst zuzuschreiben, da sie mit der Zerstörung ihres eigenen Planeten das gesamte Sonnensystem in Gefahr gebracht haben. Zum Glück vermochten die „Wächter des Multiversums“ eine Parallelerde zu erschaffen, sodass die Architektur des Sonnensystem intakt blieb. Die Genesis der Zweiten Erde ähnelt dabei einem industriellen Herstellungsprozess, bei dem dem Menschen die wichtigsten Eigenschaften „verliehen“ werden, „um sich artspezifisch entfalten zu können: die Gier und die Liebe.“

Bei einem Kontrollbesuch nach langer Zeit erfahren die Wächter, dass die Menschen nichts aus ihren Fehlern gelernt haben. Nach einem globalen Krieg kämpft jeder gegen jeden, und mit den Hungersnöten ist der Kannibalismus zurückgekehrt. Die wenigen menschlichen Überlebenden, Aschhäute genannt, werden von der „Metzger“-Bande im wahrsten Sinne des Wortes wie die Lämmer zur Schlachtbank getrieben. Nachdem der Staat kollabiert ist, versucht zudem die militärische Verbrecher-Organisation der Askari das Machtvakuum zu füllen. Das fällt ihnen jedoch nicht leicht, da sie sich wiederum mit den Lunakis, Cyborg-ähnlichen Außerirdischen vom Mond, im Krieg befinden.

Dass in der Apokalypse jedwede Tätigkeit apokalyptisch ist, beweist das Tagwerk der Protagonisten Muszers. Kalong und sein Adoptivsohn Justus sind Buddler auf dem Schädelfeld, einer früheren Stätte des Massenmordes. So als wäre ein neuer Goldrausch ausgebrochen, graben sie nach Knochen, die Rohstoffe und womöglich High-Tech-Bauteile enthalten. Da die Askari eine „Knochensteuer“ auf die Funde erheben, macht die Buddelei jedoch zur puren Selbstausbeutung. Kalong wohnt mit seinem Sohn Justus, seiner Frau Liv und ihrer Tochter auf einem Bauernhof außerhalb der Stadt. In Rückblenden wird erzählt, wie Kalong, Justus und Liv zueinander gefunden haben. Die Leser*innen erfahren, dass die Metzger früher die ganze Stadt in Geiselhaft genommen haben: Um zu überleben, mussten die Menschen regelmäßig einen ihrer Mitbewohner als „Fleischtribut“ an die Metzger übergeben. Als dieses Schicksal eines Tages Liv und ihre Tochter ereilt, rettet Kalong sie in letzter Sekunde, obwohl er damals noch als Bombenbauer im Dienst der Metzger stand. In der Gegenwart der Handlung spitzt sich die Situation wieder zu, als Kalong einen Askari-Deserteur versteckt und so den sadistischen Hauptmann Triglahn gegen sich auf bringt.

Fazit: Muszers Dystopie übt einen starken Sog auf den Leser aus, dem man sich trotz der komplexen und skurrilen Handlung – mitunter fühlt man sich an Edgar Hilsenraths Groteske „Der Nazi und der Friseur“ erinnert – nicht entziehen kann. Nachdenklich macht auch ein im Roman deutlich werdendes soziales Bewusstsein, das wiederholt auf den Holocaust verweist: „Der allgegenwärtige Tod treibt die Menschen in den Wahnsinn. Wir wühlen in den Gräbern, und die Toten sitzen uns im Nacken.“ Und doch ist Muszers Werk kein endgültiger Abgesang auf den Menschen, weil in seinem Gewissen und in seiner Vernunft für immer Keime der Hoffnung auf eine bessere Welt angelegt bleiben. (bf)

Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)

Bibliografische Angaben: Dariusz Muszer: Schädelfeld. München: A1 Verlag: 2015. 373 S. 22,00 EUR.
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(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Sascha Mamczak und Hannes Riffel (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2016, Berlin: Golkonda 2016.)



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Neal Shustermans "Scythe – Die Hüter des Todes", Bd. 1 (Rezension, #59)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur 13 March 2021 · 470 Aufrufe
Science Fiction, Dystopie, Scythe und 3 weitere...
Neal Shustermans "Scythe – Die Hüter des Todes", Bd. 1 (Rezension, #59) Neal Shustermans "Scythe – Die Hüter des Todes", Bd. 1 (Rezension, #59)

Viele dystopische Romane unterscheiden sich bekanntlich nur wenig von nicht-phantastischer Literatur, indem sie etwa bestimmte, aus der Realität bekannte gesellschaftliche Zustände nur wenig verfremden. Und dann gibt es Romane, die den Leser bereits auf den ersten Seiten nachhaltig zu verstören vermögen. Neal Shustermans (* 1962) Roman „Scythe – die Hüter des Todes“, dem ersten Band einer Jugendbuch-Trilogie, gehört ganz klar zu der zweiten Variante, denn seine Erzählprämisse hat es wirklich in sich.

Die USA in der fernen Zukunft mutet zunächst wie ein Paradies an: Nachdem ein von der Menschheit installierter Zentralcomputer mit dem Namen Thunderhead das Regieren übernommen hat, kennen die Menschen Kriege nur noch aus Geschichtsbüchern, Bots sorgen für Bequemlichkeit im Alltag und die Lebenserwartung ist de facto ins Unendliche gewachsen: Denn selbst nach tödlichen Unfällen sorgt Thunderhead dafür, dass die Unfallopfer sogleich in medizinischen Zentren wiederhergestellt werden, – der vormals selbstmörderische Sprung von einem Wolkenkratzer ist für einige Teenager nur noch eine etwas ungewöhnlichen Mutprobe.
Genretypisch haben solche ‚paradiesischen‘ Zustände auch hier einen Haken. Waren es in H.G. Wells „Time Machine“ die grausigen Morlocks, die den Eloi den Himmel auf Erden verleideten, sind es in Shusterman Geschichte, die Scythe. Nicht nur ihr Aussehen - sie tragen lange, elegante Roben aus feinsten Stoffen - erinnert entfernt an Darstellungen von Sensenmännern in der Malerei. Tatsächlich haben sie eine Lizenz zum töten, um dafür Sorge zu tragen, dass die Welt so nie wieder überbevölkert sein wird: Denn wenn jemand von den Scyhe getötet wird, darf er nicht mehr wiederbelebt werden. Diese mehrere Jahrhunderte erprobte Praxis gilt aber keinesfalls als kaltblütiger Mord, sondern wird als Nachlese bezeichnet und als gesellschaftliche Wohltat angesehen. Die Scythe sind dabei angehalten, sich an einem als „moralisch“ verstandenem Kodex zu orientieren. So darf den Scythes ihre Arbeit nicht Spaß machen, stattdessen soll die Nachlese mit viel Mitgefühl durchgeführt werden im Sinne eines unabwendbaren, aber natürlichen Ereignisses – vegleichbar mit einem Tierarzt, der ein Tier einschläfern muss. Soweit die Theorie, in der Praxis sind die Menschen zwar vordergründig mit diesem System einverstanden, doch würden sie – wenn es um sie persönlich geht – lieber ihre Großmutter verkaufen, um durch Immunisierung zumindest für ein Jahr lang von einer möglichen Nachlese ausgenommen zu werden.

Neal Shusterman erzählt die Geschichte von Citra und Rowan, die gegen ihren Willen von Scythe Faraday zu Auszubildenden berufen wurden. Nur mit Mühe kann Rowan diesem Ereignis etwas Gutes abgewinnen: „Rowan fiel die Entscheidung nicht ganz so schwer. Ja, er hasste die Vorstellung, Scythe zu werden - ja sie widerte ihn an - aber noch übler wurde ihm, wenn er sich vorstellte, dass irgendjemand sonst, den er kannte, es machen würde.“ (S. 59) Fortan werden sie in tödlichen Martial Arts trainiert und müssen ihren Meister auf Schritt und Tritt bei seiner ‚Arbeit‘ begleiten. Weil beide die Widersprüche der Nachlese durchschauen, ist ihnen ihre Ausbildung zunächst zuwider. Dass der Scythe-Konvent am Ende ihrer Ausbildung nur einen von ihnen beiden als Scythe zulassen will, der dann als erste Amtstat den Unterlegenen nachlesen soll, verkompliziert Citras und Rowans Situation, auch weil sie sich immer stärker voneinander angezogen fühlen. Noch schwerer wiegt, dass eine Fraktion im Scythetum an Einfluss gewinnt, die die Nachlese ausweiten will, um ganze Bevölkerungsgruppen – im Stile mittelalterlicher Hexenverfolgung – auszulöschen und sich selbst persönlich zu bereichern. Als ihr eigener Meister ins Fadenkreuz dieser radikalen Gruppierung gerät, müssen auch seine jungen Adepten Position beziehen.

Fazit: Eine spannende Thematik, viele überraschende Wendungen und zwei überzeugende Hauptfiguren heben diesen Roman von vielen anderen Dystopien ab. Das düstere Erzählpanorama einer Gesellschaft, die den Tod monopolisiert hat und sich doch für moralisch überlegen hält, wird so dicht erzählt, dass es einen filmischen, stellenweise alptraumartigen Charakter gewinnt. Auf einer allgemeineren Ebene wird dabei eine ethisches Problem thematisiert, das bekanntlich auch für unsere reale Welt von großer Tragweite ist: Wie positionieren sich Gesellschaften zur Menschenwürde und zum Wert des Lebens an sich im Zuge der akzelerierenden Entwicklung von Technik und Wissenschaft? (bf)

Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)


Bibliographische Angaben:

Neal Shusterman: Scythe – Die Hüter des Todes. Bd. 1. Übers. von Pauline Kurbasik, Kristian Lutze. Frankfurt a.M.: Fischer Sauerländer 2017. 528 S. 19,99 EUR. [zur Zeit scheint nur noch die Paperbackausgabe mit dem hier gezeigten, etwas weniger gediegeneren Coverbild – für meinen Geschmack – erhältlich zu sein, 15,00 EUR].

Bestellungen und Leseprobe (klick!). Bildquelle (klick!)
(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Michael Görden (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2018. Berlin: Golkonda, 2018, S. 255-257.)


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Armand Baltazar: Timeless: Retter der verlorenen Zeit (Rezension, #57)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur 22 February 2021 · 494 Aufrufe
Science Fiction, Kinderbuch und 2 weitere...
Armand Baltazar: Timeless: Retter der verlorenen Zeit (Rezension, #57) Armand Baltazar: Timeless: Retter der verlorenen Zeit (Rezension, #57)

Wird hier gerade ein neuer Trend im Jugendbuchbereich gesetzt? Tatsächlich hat der Science-Fiction-Roman von Armand Baltazar (*1967) monumentale Qualität. Über 600 Seiten dick und mit vielen Ideen versehen verbindet er literarische Besonderheiten der Dystopie, des Steampunks und der Zeitreisegeschichte. Baltazar, lange Zeit Art Director bei Pixar, ist sowohl für die erzählte Handlung als auch für die vielen, teilweise sehr phantastischen Zeichnungen verantwortlich.

Im Mittelpunkt des Romans steht der fünfzehnjährige Diego Ribera, der mit seiner Familie in New-Chicago lebt, das einem zeitgeschichtlichen Museums ähnelt: Dampfschiffe fahren durch enge Kanäle, zwischen den aus dem 20. Jahrhundert stammenden Wolkenkratzern stapfen riesige Roboter, die schwere Lasten bewegen, und der Kleidungsstil mancher Leute au der Straße scheint ‚aus der Zeit‘ gefallen zu sein. Im Zuge der sogenannten Zeitkollision, die kurz vor Diegos Geburt nicht nur die Kontinente, sondern auch die Zeitepochen auseinanderriss und neu verband, kam es zu fürchterlichen Konflikten, den sogenannten Chronoskriegen, und schweren Verwüstungen. Die Menschheit ist stark dezimiert. Die Überlebenden – knapp hundert Millionen Menschen – entstammen im Wesentlichen drei zeitlichen Epochen: „Die Menschen aus der zivilisierten Vergangenheit nannte man die Dampfzeitler, die aus der Zukunft waren die Ältesten und die aus der Zeit dazwischen die Mittelzeitler.“ (S. 7)

Auch Diegos Eltern kommen aus unterschiedlichen Epochen – Diegos Mutter Siobhan ist eine aus der Dampfzeit stammende Pilotin, Santiago, ein genialer Robot-Konstrukteur aus der Mittelzeit. Während sich der Großteil der Menschen wie Diegos Familie mit der Vermischung der Zeiten arrangiert hat und ihr Wissen zum Wohle aller nutzt, zielt das Aeternum, eine terroristische Organisation, darauf ab, das Rad der Zeit im wahrsten Sinne des Wortes zurückzudrehen. Dazu entführen sie Diegos Vater und einen Dampfkraft-Experten, der außerdem der Vater von Diegos Mitschülerin Paige ist. Unter Zwang sollen die Techniker mächtige technische Apparate für sie aktivieren, um so die Zeitkollision ungeschehen zu machen.

Zum Glück ist die Situation nicht ganz hoffnungslos. Denn vom Magistrat Neu-Chicagos wird der grimmige Piratenkapitän Boleslavich angeheuert, um die Techniker zu finden und die Entführer auszuschalten. Zufällig geraten Diego, sein Freund Petey und ihre Mitschülerinnen Lucy und Paige auf ihr Schiff, wovon Boleslavich aber wenig begeistert ist. Nach und nach sieht er jedoch, dass seine jungen Passagiere über Talente verfügen, die sie auch in dem unvermeidlichen Kampf mit den Agenten des Aeternums unentbehrlich machen.

"Timeless" hat sichtlich viele Vorbilder. Aus Platzgründen soll hier nur Jules Verne erwähnt werden. Ohne ins Epigonenhafte abzugleiten, erinnert „Timeless“ angenehm an seinen Klassiker „Zwanzig Tausend Meilen unter dem Meer“. Gerade die technischen Apparaturen, aber auch die teilweise mysteriösen Schauplätze werden mit viel Liebe zum Detail vermittelt. Sicherlich ist die Handlung manchmal etwas zu vorhersehbar, auch ist manche Wendung in der Geschichte nicht ganz zielführend. Dennoch kann das Buch unterm Strich auch den erwachsenen Genre-Fan überzeugen, besonders die Zeichnungen der überlebensgroßen Robotern und die liebevollen, retrofuturistischen Stadtkulissen sorgen bereits als bloße Illustrationen der Handlung für einen Wow-Effekt, weil die eigentümliche Atmosphäre der Welt nach dem Zeitbruch so besonders faszinierend zum Ausdruck kommt. Da die Bilder stellenweise aber nicht nur schmückendes Beiwerk sind, sondern ganze Handlungssequenzen in ihrer Bildsprache weitererzählen, gewinnt „Timeless“ mitunter den Charakter eines Comics, was den Schauwert und Lesereiz des Werks noch weiter erhöht, sodass man spätestens dann zum Lesebändchen greift, um einzelne Bilder leichter wiederbetrachten zu können. (bf)

Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)



Bibliographische Angaben:

Armand Baltazar: Timeless: Retter der verlorenen Zeit. Bd. 1. Übers. von Tanja Ohlsen. München: cbj, 2017. 624 S. 19,99 EUR.
Bestellungen und Leseprobe (klick!). Bildquelle (klick!)

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Michael Görden (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2018. Berlin: Golkonda, 2018, S. 178-180.)


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Es kann nur einen geben! Zu Pascal Jousselins Comic "Unschlagbar. Bd. 1: Gerechtigkeit und frisches Gemüse" (Rezension, #55)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Science Fiction, Rezension 17 February 2021 · 746 Aufrufe
Superhelden, Comic, Jousselin und 1 weitere...
Es kann nur einen geben! Zu Pascal Jousselins Comic "Unschlagbar. Bd. 1: Gerechtigkeit und frisches Gemüse" (Rezension, #55) Es kann nur einen geben!
(zu Pascal Jousselins Comic: Unschlagbar. Bd. 1. Gerechtigkeit und frisches Gemüse)


„Gerechtigkeit und frisches Gemüse“ – Der Untertitel des ersten Bandes mit den Abenteuern von „Unschlagbar“ bringt den Charakter dieses ungewöhnlichen Superhelden sehr treffend zum Ausdruck. Denn Unschlagbar vereint die moralischen Maßstäbe eines echten Superhelden mit einer bürgerlichen Lebensweise. Ob bei einem kleinen Einkauf auf dem Markt oder beim Rasenmähen im Garten, überall kann es plötzlich notwendig sein, dass Unschlagbar die Menschheit rettet. Pascal Jousselin gelingt es in den unterhaltsamen Geschichten mühelos, actionreiche und humorvolle Handlungselemente zu verbinden, sodass der junge Leser den Comic vermutlich gar nicht aus der Hand legen will.

Dass ausgerechnet der kleine und etwas rundlich aussehende Unschlagbar als der „einzig wahre Superheld des Comics“ (S. 3) bezeichnet wird, klingt vielleicht angeberisch, ist jedoch alles andere als unberechtigt. Denn nur Unschlagbar verfügt über die – wie er selbst formuliert – ‚unglaubliche Magie des Comics‘ (S. 3), d.h. die Fähigkeit, sich von der normalen sequenziellen Abfolge der Panels abzunabeln. Anstatt einen Dieb etwa zu Fuß zu verfolgen, spart sich Unschlagbar die Puste und macht einfach einen kleinen Hopser in den darunter stehenden Panel und kann den Bösewicht so an einem Ort festnehmen, an dem er sich eigentlich noch gar befinden dürfte. Dass Unschlagbar also Raum und Zeit überwinden kann, sorgt auf der Handlungsebene für viel Spannung und Tempo.

Abwechslungsreich ist der Comic auch auf der Figurenebene und hinsichtlich der Themen und Motive. Gegenspieler wie zum Beispiel ein verrückter Wissenschaftler sind zwar für den Superhelden-Comic durchaus typisch, gleichzeitig variiert Jousselin aber das Figurenarsenal, wenn er in einigen Abenteuern Unschlagbar den tollpatschigen Schülerpraktikanten Fabian alias „Two-D“ an die Seite stellt, der jedwede Gegenstände zwischen den Panels bewegen, verkleinern oder vergrößern kann: Autos, die im Hintergrund eines Panels auf einem Parkplatz stehen, schrumpfen nach einer Berührung Two-Ds auf Spielzeuggröße. Da Two-D seine Kräfte nicht immer unter Kontrolle hat, ist regelmäßig die größtmögliche Verwirrung seiner Mitmenschen garantiert.

Abschließend lässt sich folgendes Fazit ziehen: Bei „Unschlagbar“ kommen nicht nur junge Leser etwa ab zehn Jahren auf ihre Kosten, denen spannende Superheldengeschichten mit einer klaren Gut-Böse-Aufteilung gefallen. Dass der Lesespaß lange erhalten bleibt und das Comic geradezu Suchtcharakter entwickelt, liegt auch an der cleveren Grundidee. Unschlagbars ungewöhnliche Bild-Zaubereien verblüffen auch ältere Leser sowie Erwachsene und schaffen starke Leseanreize, weitere Abenteuer zu lesen, um Unschlagbars Tricks doch noch auf die Spur zu kommen. (bf)


Gesamteindruck: +++++ (5 / 5)


Bibliographische Angaben:

Pascal Jousselins Comic: Unschlagbar. 1. Gerechtigkeit und frisches Gemüse. Übers. von Marcel Le Comte.
Hamburg: Carlsen, 2018. 48 S. 12,00 EUR.

Bestellungen und Bildquelle: klick!
Erstveröffentlichung dieser Rezension im Rahmen der Empfehlungsliste des boys & books e.V. (09/2018 - 02/2019): klick!


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Grüne Männchen gibt es vielerorts – Zu Murakamis Invasionsromanen "In Liebe, Dein Vaterland I und II" (Rezension, #54)

Geschrieben von Sierra , in Phantastik, Science Fiction 14 February 2021 · 741 Aufrufe
Nord-Korea, Süd-Korea, Murakami und 2 weitere...
Grüne Männchen gibt es vielerorts – Zu Murakamis Invasionsromanen "In Liebe, Dein Vaterland I und II" (Rezension, #54) Grüne Männchen gibt es vielerorts
(zu Ryū Murakamis Romanen: In Liebe, Dein Vaterland. I: Die Invasion, Titel: In Liebe, Dein Vaterland. II: Der Untergang)


Bei dem seit Jahrzehnten angespannten Verhältnis zwischen Nord- und Südkorea, China, Japan und den USA – das des Öfteren als „Kalter Krieg“ bezeichnet wurde – , handelt es sich um ein so vielschichtiges politisches Tableau, dass es zur literarischen Auseinandersetzung geradezu einlädt.
Ryū Murakamis Dystopie trägt den Titel „In Liebe, Dein Vaterland“ und ist in Japan bereits im Jahre 2005 erschienen. Obzwar die Übersetzung spät kommt, hat der zweiteilige Roman nichts von seiner politischen Aktualität verloren. Ganz im Gegenteil wird durch Kim Jong-uns von seinem Vater übernommene, quasi auf Autorepeat eingestellte Politik von Zuckerbrot (Friedensgespräche) und Peitsche (Raketentests) beinahe garantiert, dass der Korea-Konflikt noch lange nichts an Brisanz verliert. Zudem hat die völkerrechtswidrige Annexion der Krim im Jahre 2014 durch Russland – die Invasoren, Soldaten ohne Hochheitsabzeichen, bezeichnete man anfangs etwas ungläubig als ‚Grüne Männchen‘ – wieder mal gezeigt, dass selbst die düstersten Zukunftsvisionen von einem Tag auf den anderen von der Realität eingeholt werden können.


Murakamis Roman hat folgende alternativgeschichtliche Prämisse. Es ist das Jahr 2010, Japans Wirtschaft und Währung liegen am Boden. Armut, Hunger, Obdachlosigkeit und eine um sich greifende gesellschaftliche Entsolidarisierung sind Alltag geworden. Anstatt dass Amerika seinem Bündnispartner wirtschaftlich unter die Arme greift, gießt es noch zusätzlich Öl ins Feuer, indem es die Preise für Getreide und Futtermittel erhöht und sich in außenpolitischer Hinsicht ausgerechnet Nord-Korea annähert. Die nordkoreanische Herrscherclique und Generalschaft wittern Morgenluft und glauben, dass nun der richtige Zeitpunkt für eine Invasion Japans gekommen ist. Zunächst schicken sie eine Vorhut aus neun Elite-Soldaten, die in einer Nacht- und Nebelaktion per Schiff zur Hafenstadt Fukuoka gebracht wird. Kurze Zeit darauf beginnen sie mit der Umsetzung eines verrückten Plans: die Elitekämpfer stürmen ein Spiel im örtlichen Baseball-Stadion und nehmen alle 30000 Zuschauer als Geiseln. Doch es kommt noch dicker: Die Invasoren behaupten, sie seien lediglich friedliebende Dissidenten, die aus Nord-Korea geflüchtet sind. Auch die Geißeln werden sofort freilassen, wenn die japanische Terrorabwehr nicht gegen sie vorgeht. Tatsächlich unternimmt die japanische Regierung nichts, weil niemand die Verantwortung für einen Gegenschlag übernehmen will. Und so kann die Invasion in die entscheidende Phase treten. Nur wenige Stunden später werden die Geiselnehmer auf dem Luftweg durch weitere 500 Elite-Soldaten verstärkt, das sogenannte Expeditionskorps Koryo. Während die Regierung Fukuoka lieber absperrt anstatt die lokale Bevölkerung zu evakuieren, errichtet das Expeditionskorp in einem Hotelgebäude einen stilechten nordkoreanischen Truppenstützpunkt inklusive Folteretage, um sofort den Kampf gegen die ‚Volksfeinde‘ aufzunehmen. Die Verhaftung einiger wohlbetuchter Schwerkrimineller gilt aber auch der Devisenbeschaffung. Denn schon in Kürze erwartet Han Seung-jin, der Befehlshaber Koryos, die Ankunft der eigentlichen, 120000 Soldaten starken Invasionsarmee. Je mehr nordkoreanische Soldaten ins Land kommen, desto deutlicher werden dabei die Ohnmacht der japanischen Regierung und die zunehmende Kollaborationsbereitschaft der lokalen Bevölkerung, die sich einen wirtschaftlichen Aufschwung durch die neuen Herren erhofft.

Es ist kein Zufall, dass echter Widerstand nur noch von Leuten kommen kann, die selbst nichts mehr zu verlieren haben, also aus dem gesellschaftlichen Prekariat. Und tatsächlich existiert in Fukuoka eine Art Wohngemeinschaft, in der der Dichter Ishihara einer Gruppe von sozial abgehängten jungen Männern Obdach gewährt. Viele von ihnen sind aufgrund einer schweren Kindheit straffällig geworden. Andere sind nach Konflikten mit der Gesellschaft psychisch erkrankt: Okubo beispielsweise feierte in seiner Kindheit große Erfolg als Kinderstar, fühlte sich aber sehr gekränkt, als er im Zuge seiner körperlicher Veränderungen in der Teenagerzeit keine Angebote mehr für Fernsehrollen erhielt: „Irgendwann fing er an, sich selbst unter dem Namen Kamimoto E-Mails zu schicken. Mit der Zeit bildete er sich ein, dass er und Kamimoto die einzigen Menschen auf der Welt seien, die es verdient haben zu leben. […] Er begann Feuer zu legen und beging sechsundvierzig mal Brandstiftung, bevor man ihn in seiner Heimatstadt Iwate verhaftete.“ (S. 103) Ishiharas Gruppe wird – davon handelt der zweite Band des Romans – zum Quell eines radikalen, partisanenhaften Widerstands gegen die nordkoreanischen Besatzer, die aus der Sicht der Jugendlichen auf extreme Weise Anpassungsdruck und die Unterdrückung von Anders-Sein verkörpern.

Fazit: Murakamis gelingt mit „In Liebe, Dein Vaterland“ eine spannende Invasionsgeschichte, die nicht nur für an Asien interessierte Dystopie-Fans empfehlenswert ist. Die Erzählweise könnte zwar noch etwas gradliniger sein, besonders die etwas detailverliebten Rückblicke in die Vergangenheit der vielen Protagonisten fordern den LeserInnen manchmal Geduld ab. Doch erhalten viele Figuren so zusätzliche psychologische Tiefe, sodass der Roman insgesamt auch zu einer interessanten Auseinandersetzung mit den Veränderungen in der japanischen Arbeitsgesellschaft – besonders hinsichtlich ihres Umgangs mit den sozial Abgehängten – wird. Der Roman funktioniert aber auch gut als Kommentar zur Korea-Krise als einem militärischen Sandkastenspiel, für das die Bevölkerung die Zeche bezahlen muss. (bf)

Gesamteindruck für beide Bände: +++++ (5 / 5)




Bibliographische Angaben:

Ryū Murakami: In Liebe, Dein Vaterland. I: Die Invasion. Übers. von Ursula Gräfe. Wien, Septime, 2018. 455 S. 26,00 EUR.

Ryū Murakami: In Liebe, Dein Vaterland. II: Der Untergang.
Übers. von Ursula Gräfe. Wien, Septime, 2019. 500 S. 26,00 EUR.

Bestellungen und Leseprobe (klick!). Bildquelle (klick!)

(Erstveröffentlichung dieser Sammelrezension in: Melanie Wylutzki und Hardy Kettlitz (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2019, Berlin: Hirnkost, 2020, S. 184-187)


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Jeff Lemire & Dustin Nguyen: Descender, Bd. 2 + 3 (Rezension, #53)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Phantastik, Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 30 September 2018 · 5358 Aufrufe
Comic, Rezension, Besprechung und 5 weitere...
Anmerkung: Zwischenzeitlich wurden auch die Bände 4 und 5 ins Deutsche übersetzt.


Jeff Lemire & Dustin Nguyen: Descender, Bd. 2 + 3

(Rezension, #53)

Die SF-Comic-Reihe Descender des US-amerikanischen Autors Jeff Lemire handelt von dem Androidenkind Tim-21, das mit seinesgleichen ums Überleben in einem Universum kämpft, in dem künstliche Wesen zum Abschuss freigegeben sind. Die Ursache liegt in der Vergangenheit: Eine gewaltige Angriffswelle bis dahin unbekannter Roboter-Raumschiffe – Harvester genannt – hat die Hauptwelten des Vereinten Galaktischen Rates (UGC) zerstört. In der Folge kam es zu einer planetenübergreifenden Vernichtung der eigenen Roboter, die als Sündenböcke für die wieder spurlos verschwundenen Harvester herhalten mussten.
Der erste Band der Descender-Serie schilderte die letzten Endes erfolgreiche Suche von Captain Tesla und des Kybernetikers Dr. Quon nach Tim-21, der über denselben Maschinencode wie die Harvester verfügen soll. Bevor Tim-21 über die Herkunft und etwaige Rückkehr der Harvester befragt werden kann, wird Telsas Gruppe von Roboter-Kopfgeldjägern (›Schrottern‹) angegriffen und auf den Planeten Gnish gebracht, dem Epizentrum der Roboterverfolgung.
Band 2 setzt diese Handlungslinie fort und beginnt mit einer Kommandoaktion des Roboters Psius, der mit seinem Roboter-Bund namens Hardwire Tim-21 und seine Gefährten befreit – und eine Brutalität an den Tag legt, die der der Gnishianer in nichts nachsteht. Psius bringt sie zum ›Maschinenmond‹, Hardwires Geheimbasis in einem Asteroidenfeld. Er hofft über das »Neuro-Netz« von Tim-21 die mächtigen Harvester zu kontaktieren, um den Spieß umzudrehen und Hardwire die Herrschaft über die Menschheit zu sichern. Schon bald wissen Tim-21 und seine Freunde nicht mehr, ob sie noch Psius‘ Gäste sind oder schon seine Gefangenen.

In einer Parallelhandlung steht Andy im Mittelpunkt, ein Schrotter, der aus ganz eigenen Motiven Tim-21 sucht: In seiner Kindheit ist er mit dem Androidenjungen aufgewachsen – seine Mutter hat Tim-21 als »Gefährten-Bot« für Andy angeschafft – und betrachtet ihn darum als seinen Bruder. Um Tim-21 zu orten, nimmt Andy Kontakt zu seiner Ex-Frau auf, die ihm ihre Hilfe aber zunächst verweigert, weil sie sich von Andy und den Schrottern insgesamt losgesagt hat. Schließlich ist da auch noch Tim-22, Psius‘ Sohn. Anders als der baugleiche Tim-21, der sich sehr positiv an Andy zurückerinnert, hasst Tim-22 menschliche Wesen und ist zudem auf Tim-21 eifersüchtig, weil dieser für den Roboter-Widerstand so wichtig sein soll. Sehr eindrücklich werden in einem Splash-Panel die unterschiedlichen Charaktere der beiden Androiden in Szene gesetzt, als sie ein VR-Spiel spielen. Während Tim-21 vor einem Drachen das Weite sucht, kauft sich sein misanthroper Doppelgänger eine titanisch anmutende Axt, mit er das Ungeheuer in Stücke haut.

Im dritten Descender-Band wird der Fortschritt der Handlung etwas verzögert, indem in Rückblicken die Vergangenheit ausgewähler Figuren beleuchtet wird. Dadurch gewinnt die gesamte Geschichte an Komplexität und wird noch unterhaltsamer. Und auch der Aspekt, wie mit den Robotern umzugehen ist, wird differenzierter behandelt, so dass zu fragen ist: Sollte man künstliche Wesen, die mit den Menschen aufgrund ihrer Intelligenz gleichwertig sind, nicht auch ›menschlich‹ – d.h. eben nicht als Sklaven und Ersatzteillager – behandeln?

Insgesamt ziehe ich folgendes Fazit: Der zweite und dritte Band der Descender-Serie bleiben empfehlenswert. Die Serie ist weiterhin spannend und inhaltlich anspruchsvoll, auch weil sie dem Erzählmotiv des künstlichen Wesens interessante Facetten abgewinnt.

Gesamteindruck für beide Bände: +++++ (5 / 5)


Bibliographische Angaben:

Jeff Lemire (Text), Dustin Nguyen (Zeichnungen): Descender. Buch 2: Maschinenmond. Übers. von Bernd Kronsbein. Bielefeld: Splitter, 2016. Hardcover. 120 S. 19,80 EUR. ISBN: 978-3958391673.
Jeff Lemire (Text), Dustin Nguyen (Zeichnungen): Descender. Buch 3: Singularitäten. Übers. von Bernd Kronsbein. Bielefeld: Splitter, 2017. Hardcover.
Bielefeld, Splitter: 2017. 120 S. 22,80 EUR. ISBN: 978-3958391680.

(Erstveröffentlichung dieser Sammelrezension in: Michael Görden (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2017, Berlin: Golkonda Verlag, 2017. Und hier geht es zu meiner Rezension von Band 1: Blogpost #43.)

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Black Box Tunguska? – Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction (Teil 3, #49)

Geschrieben von Sierra , in Sekundärliteratur, Science Fiction 01 December 2017 · 3741 Aufrufe
Tunguska, Science Fiction und 3 weitere...

Die ersten beiden Teile dieses Artikels finden sich hier und hier.


Black Box Tunguska? – Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction (Teil 3)

Vom Waldbrand zum Weltbrand


»Der Gott des Feuers und des Donners. Der Junge glaubt, dass Ogdy sich anschickt, auf die Erde herabzusteigen. Das Licht kündigt sein Nahen an.«1


Wolfgang Hohlbein (1953–) gilt als einer der meistgelesenen deutschsprachigen Fantasy- und SF-Autoren in Deutschland. »Die Rückkehr der Zauberer« (1996) gehört leider zu den Werken Hohlbeins, die sich mehr durch Action und Geschwindigkeit als durch Handlungslogik oder Selbstironie bestimmen. »Tunguska im Griff der Superhelden« wäre durchaus ein anderer passender Titel für Hohlbeins Erzählgemisch aus Agenten-Thriller und Fantasy-Roman, dessen Motive an Filme wie Indiana Jones, Stargate und X-Men erinnern. Hohlbein setzt sich dabei recht plakativ mit den religiösen Vorstellungen und Mythen der Ur-Einwohner Sibiriens auseinander.

Die Steinerne Tunguska im Jahr 1908: Der russische Hauptmann Petrov, der sich in einer Kommandoaktion auf den Fersen einer Mörder- und Räuberbande befindet, der Schamane Tempek und der mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattete Ewenkenjunge Haiko werden zu Zeugen und Überlebenden einer geheimnisvollen Explosion, die ein riesiges Areal in Brand setzt: »Petrov sah, wie der Wald oben auf dem Berggrat aufflammte wie ein einziges trockenes Stück Papier. Er begann nicht zu brennen, sondern verwandelte sich von einer Millionstelsekunde zur anderen in eine einzige weiße Flammenwand, die in der plötzlich unbewegten Luft nahezu senkrecht nach oben loderte. Gras, Laub und trockene Tannennadeln auf dem Hang begannen zu schwelen, flammten hier und da auf und ein unsichtbarer glühender Hauch berührte Petrovs Gesicht, versengte seine Augenbrauen und verbrannte sein Haar und seine Haut. Seine Pelzjacke begann zu schwelen. Er spürte, wie die Haut in seinem Gesicht und auf seinen ungeschützten Händen rissig wurde und Blasen schlug. Die Munition in dem Gewehr, das er fallen gelassen hatte, explodierte. Sein linker Ärmel begann zu brennen. Die Bäume oben auf dem Berggrat zerfielen zu Asche. Das Unterholz löste sich in einer leuchtenden Säule aus Licht auf und dazwischen torkelten Gestalten in brennenden Kleidern und mit flammendem Haar. Es war vollkommen still.«2

In den nächsten Jahrzehnten gerät die Katastrophe in Vergessenheit. Doch als sich 90 Jahre später ein zweiter explosiver Zwischenfall in der Tunguska ereignet, steht die ganze Welt Kopf. In dieser politischen Großwetterlage liefert sich Henrik Vandermeer, Journalist einer Düsseldorfer Tageszeitung, eine gefährliche Auseinandersetzung mit russischen Geheimagenten, nachdem er auf einer Esoterikmesse in den Besitz eines geheimnisvollen Edelsteins gekommen ist. Trotz erbitterter Gegenwehr kann Vandermeer nicht verhindern, mitsamt seinen neuen Bekannten, der Esoterikfachfrau Ines und ihrer Zwillingsschwester Anja auf ein Schiff entführt zu werden. Dort eröffnet der zwielichtige Wassili ihm und einer anderen Passagierin, der Druiden-Tochter Gwynneth, dass sie Auserwählte seien, auf die eine große Aufgabe in Russland warte. Nach einem Intermezzo in Istanbul und der Vernichtung eines ausgewachsenen Zerstörers der türkischen Armee mit Hilfe einer geheimen Laserwaffe bringt sie Wassili schließlich in die sibirische Tunguska, wo sie auf den blinden Haiko stoßen, der nun ein Greis ist. Vandermeer erhält Gewissheit, dass er über die besondere Gabe verfügt, den Lauf der Dinge zu beeinflussen.
Der Kreis schließt sich in Wanawara in Sibirien, unweit der Stelle, an der 90 Jahre zuvor das Tunguska-Ereignis stattfand. Wassili gibt sich nun als Kommandant des geheimen Militärprojekts »Charon« zu erkennen, das sich bisher erfolglos mit der Ergründung des Geheimnisses einer merkwürdigen türkisblauen Pyramide beschäftigt, die an dieser Stelle gefunden wurde. Einer Deutung von Wassili zufolge soll es sich um ein Tor ins Jenseits handeln, das bei der Tunguska-Katastrophe geöffnet und von dem Kommandanten Petrov zu Unrecht betreten wurde: »Vielleicht gibt es auch eine wissenschaftliche Erklärung dafür … möglicherweise ist es die nächste Form der Evolution … eine andere Dimension, eine höhere Form des Seins … Es gibt tausend Wege es zu beschreiben. Vielleicht stimmt keiner, vielleicht stimmen alle.«3 Derjenige, der Zugang zu dem »Bereich zwischen dem Hier und der anderen Welt«4 findet, wird als ein von Gott tolerierter »Torwächter« in die Lage versetzt, enormen Einfluss auf das Weltgeschehen zu nehmen und ihm seinen persönlichen Stempel aufzudrücken. Indirekt macht Wassili den Soldaten Petrov sogar für die Kriege im 20. Jahrhundert verantwortlich.

In geheimen Höhlen tief unter Wassilis Forschungsstation kommt es zum unvermeidlichen Showdown des Romans. Nachdem die Druidin Gwynneth erfährt, dass ihr Kind von Wassili getötet wurde, spuckt sie wahrsten Sinne des Wortes Feuer und legt das gesamte Forschungsgelände in Staub und Asche. Nur um Haaresbreite gelingt Vandermeer und Ines die Flucht mit Haiko, der ihnen den Weg zu einer zweiten unterirdischen Pyramide weist. Ihre Monumentalität verschlägt Vandermeer den Atem: »Er hätte alles darum gegeben den Blick von diesem ungeheuerlichen Gebilde lösen zu können, das ihn mit seiner Schönheit und Perfektion beinahe zu verbrennen schien, aber es gelang ihm nicht. Wie auch – im Angesicht Gottes?«5 Haiko erklärt Vandermeer, dass Wassili das Kind der Druidin Gwynneth getötet hat, weil er hoffte, »es würde ihnen im Moment des Sterbens den Weg hierher weisen«.6 Dabei wurden die Spezialkräfte des Kindes in einer unmenschlichen Explosion freigesetzt, die allerdings durch »Kräfte dieses heiligen Ortes« ins Jahr 1908 (!)»abgefälscht« wurde; »Zeit ist eine Illusion – wie fast alles.«7 Mit anderen Worten: Das Flammeninferno geht nicht auf das Konto von Ogdy, sondern böser Druiden-Mächte. Als sich Haiko schließlich als religiöser Fanatiker outet und selbst das Tor zum Jenseits passieren will, um die Menschheit aus Hass gegen »ihre Welt der Dinge« auszulöschen, können Vandermeer, Ines und die tot geglaubten Anja und Wassili ihn nur um Haaresbreite und natürlich nicht ganz gewaltfrei daran hindern.8


Eis am Stiel

»Da wohnte also etwas in meinem Herzen, das nicht Herz war.«9

Im Zentrum des Romans »BRO« (2004), dem zweiten Teil der Eis-Trilogie des Russen Vladimir Sorokin (1955–), steht ein monumentaler Schöpfungsmythos, der das Projekt Menschheit für gescheitert erklärt: »Zeit ihrer Geschichte kannten die Menschen im Grunde nur dreierlei Verrichtungen: Menschen zu gebären und Menschen zu töten sowie ihre Umwelt zu missbrauchen. Menschen, die anderes zu tun vorschlugen, wurden gekreuzigt und gesteinigt. Aus dem unsteten, disharmonischen Wasser hervorgegangen, gebaren die Menschen und töteten, was sie geboren hatten. Denn der Mensch war der große Fehler. Und mit ihm alles Übrige, was auf der Erde kreucht und fleucht. Und die Erde wurde zum hässlichsten Ort im ganzen Universum.«10

Noch schwerer wiegt, dass die Menschheit die Erzeuger des Universums, nicht weniger als 23000 Lichtwesen, in sich absorbiert hat. Die göttliche Balance ist gestört, das Universum droht zu sterben, solange die Erde existiert. Und so wird ein Meteor auf die Erde herabgesandt, der am 30. Juni 1908 in der ostsibirischen Tunguska zerschellt. Der Ich-Erzähler des Romans ist Alexander Snegirjow, der zum Zeitpunkt des Meteoriteneinschlags auf die Welt gekommen ist. Fast zwanzig Jahre später wird der junge Träumer und Studienabbrecher zum Teilnehmer und Saboteur von Kuliks Expedition zum Einschlagsort des Meteors. Er erreicht als Einziger die Einschlagsstelle und fühlt sich sogleich auf symbiotische Weise zu dem Eismeteoriten hingezogen. Ist Snegirjow in den russischen Revolutionswirren ohnehin seiner bourgeoisen Vergangenheit verlustig gegangen, wird schließlich im Kontakt mit dem Eis (»Ljod«) des Meteoriten das Lichtwesen »Bro« in ihm wiedergeboren: »Vor mir hatte es die Entengrütze etwas zur Seite geschwemmt, und ich konnte es im Mondlicht funkeln sehen: das Eis! Ein Flecken reinen Eises, handtellergroß! […] Ich richtete mich auf tat einen heftigen Schritt und glitt aus. Fiel um, prallte bäuchlings, mit aller Wucht auf das leuchtende Eis. […]
Mein Herz, das all die zwanzig Jahre schlummernd im Brustkasten gesessen hatte, erwachte davon. Nicht, dass es stärker geschlagen hätte als zuvor – aber anders: es stieß mich von innen an – was zuerst wehtat, dann ungeheuer angenehm war. Und dann sprach es. Stotternd zunächst: ›Bro-bro-bro … Bro-bro-bro … Bro-bro-bro …‹
Ich begriff: Das war mein Name. Mein wirklicher.«11

Er erfährt, dass er mit Hilfe des Ljods die anderen »Lichtstrahlen« aus ihrem menschlichen Kokon befreien kann, die Rettung des sterbenden Universums scheint nicht unmöglich: »Und wird einmal der Letzte der Dreiundzwanzigtausend gefunden sein, so werdet ihr euch im Kreis aufstellen und bei den Händen fassen, und eure Herzen sprechen die dreiundzwanzig Herzensworte in der Sprache des Lichtes dreiundzwanzigmal im Chor. Dann erwacht das Ursprüngliche Licht in euch zu neuem Leben und wird sich in der Mitte des Kreises vereinen und entflammen. Und der Große Weltfehler wird ausgemerzt sein: die Erdwelt verschwunden, aufgelöst im Licht12

Sodann macht sich Bro auf die gefahrvolle Quest nach seinen 23 000 Geschwistern, die weltweit verstreut sind und (ausgerechnet!) allesamt blond und blauäugig sind. Zur Erweckung ihrer Herzen bedient sich Bro einer brutalen, an archaische Kultrituale erinnernden »Herzmassage«: Ein aus dem Ljod gefertigter Eishammer wird so lange auf den Brustkorb geschlagen, bis das Herz den wahren Namen des neuen Bruders »verkündet« oder für immer schweigt... Die Darstellung dieses Erweckungsrituals schwankt dabei zwischen Gewalt und Komik, die Parallelen zum Anwerfen eines Oldtimers sind wohl nicht unbeabsichtigt: »Zu zweit banden wir damit das Ljod an den Knüppel. Fer mit ihren kleinen, aber kräftigen Händen fetzte das Hemd auf Nikolas Brust auseinander. Ich holte aus und ließ den Hammer mit aller Kraft auf die nackte Brust niedersausen. Von dem Mordsschlag zerschellte das Ljod in viele kleine Stücke, der Stiel brach entzwei. In Nikolas Brustkasten gluckste es. Wir legten unser Ohr an. Das Glucksen hörte nicht auf, Nikolas Körper begann zu beben, die Zähne knirschten. Unsere Ohren wie auch unsere Herzen hörten die Stimme eines erwachenden Herzens.
Ep … Ep … Ep …‹«13

Bald versteht Bro, dass seine »Erweckungsbewegung« nur erfolgreich sein wird, wenn es ihm gelingt eine im wahrsten Sinne des Wortes schlagkräftige Geheimorganisation aufzubauen: »Um in Russland zum Ziel zu gelangen, mussten wir Teil des Staatsapparats werden; unter seinem Deckmantel, in der Montur seiner Bediensteten, konnten wir unser Werk vollbringen; einen anderen Weg gab es nicht.«14Sehr hilfreich bei der Geschwistersuche ist Terenti Deribas, ein leitender Beamter des Geheimdienstes GPU, der sich ihnen nach seiner Erweckung als Bruder Ig anschloss. So kann Bro bei der Suche nach seinen Brüdern und Schwestern, die offiziell als sofortig zu verhaftende Konterrevolutionäre ausgegeben werden, die Infrastruktur der GPU nutzen. Dabei wird das gesamte Ausmaß der Irrationalität der GPU deutlich, mit der sie in der UdSSR wütet: »Das Prinzip, dem Vorgesetzten nur ja keine überflüssigen Fragen zu stellen, war zur Tradition geworden. Der Strafverfolgungsapparat der GPU hatte sich landesweit in eine […] ausschließlich nach eigenen Gesetzen funktionierende Maschine verwandelt.«15 Dem steht jedoch die Unbarmherzigkeit der Sektierer kaum nach, die jeden zur »Fleischmaschine« abstrahierten Menschen, der sich ihnen in den Weg stellt, eliminieren.

Obwohl Bros Leute auf spezielle, durch das Ljod gewonnene Fähigkeiten zurückgreifen können – etwa besondere körperliche Selbstheilungskräfte und telepathische Begabungen –, merkt Bro schließlich, dass sich die Geschwistersuche in die Länge ziehen wird, weil sie einem samsarischen Katz- und Maus-Spiel gleicht: Da immer wieder Erweckte sterben und dann in anderen Körpern neugeboren werden, müssen diese wiederum aufs Neue gefunden und erweckt werden.

Eingefügtes Bild Der rasch alternde Bro findet schließlich in den Wirren des Zweiten Weltkriegs zwischen dem bolschewistischen »Ljodland«, dem faschistischen »Ordnungsland« und dem amerikanischen »Freiheitsland« eine Nachfolgerin in Chram, die – davon erzählt Sorokins vorhergehender Roman »LJOD. Das Eis« – die weitere Suche und die Unterwanderung der gesellschaftlichen Machtzirkel nach seinem Tod koordinieren wird.

In Bros vampiresk-abgründiger Sekte, die so hervorragend die totalitäre Logistik der Tscheka, des GPU und der Nazis für ihre eigenen Zwecke zu nutzen versteht, versinnbildlicht sich hinter seiner Brutalität die enttäuschte Hoffnung auf eine transzendente Fortentwicklung des Menschen. Kurz: der »Beweis dafür, daß der menschliche Anspruch auf kosmischen Universalismus einmal mehr hinfällig geworden ist.«16
»BRO« ist ein gelungenes Konglomerat aus Sektenparodie, SF und viel Zivilisationspessimismus vor dem Hintergrund des Tunguska-Rätsels. Sorokin bestätigt darin seinen Ruf als maßloser Skandalschriftsteller17, der auch zur politischen und kulturellen Lage der Nation in der Putin-Ära nicht schweigen will: Beißend ist seine Kritik an der Hammer-und-Sichel-Pathetik und dem sozialen Realismus, die in Russland seit geraumer Zeit eine Renaissance erleben.


Exkurs: »Geheimakte Tunguska«

Bedrohungen der Menschheit durch Near Earth Objects wie Asteroiden, Meteoren oder Kometen auf der Kinoleinwand erfreuen sich seit längerem besonderer Beliebtheit beim Zuschauer. Nachdem die Tunguska-Explosion eine Vielzahl von mehr oder weniger gelungenen Kino-Filmen wie Meteor (USA 1979), Armageddon (USA 1998), Deep Impact (USA 1998) zumindest anregte, und auch als Aufhänger für zwei Akte-X-Folgen (USA 1997) diente – in denen allerdings nur die missratene Handlungslogik den Zuschauer das Fürchten lehrt –, war es 2006 soweit: Kurz vor ihrem hundertsten Jubiläum fand die Katastrophe den Weg auf die Computermonitore und wurde ein großer Erfolg.

In dem von den deutschen Spielehersteller Fusionsphere Systems und Animation Arts entwickelten Point & Click-Adventure schlüpft der Spieler in die Haut von der jungen Nina Kalenkow – gesprochen von Solveig Duda, der deutschen Stimme von Angelina Jolie –, deren Ähnlichkeit mit dem Computerspiel-Pin-up Lara Croft wohl nicht zufällig sind. Ninas Vater, ein berühmter Forscher und der Leiter eines Berliner Naturkundemuseums, wurde aus seinem Büro entführt. Da sich die überarbeitete Berliner Polizei des Falls nicht annehmen will, ist Nina schon bald auf die Hilfe von Max Gruber, dem Assistenten ihres Vaters angewiesen.Er gibt nicht nur wichtige Hinweise, sondern lässt sich im Laufe des Spiels auch als zweiter Hauptcharakter steuern. Noch in Berlin findet Nina heraus, dass die Entführung mit besonderen Forschungsergebnissen ihres Vaters zu tun hat, die von seiner geheimen Tunguska-Expedition im Jahre 1958 stammen. Damals hat er in der Tunguska übernatürliches Pflanzenwachstum nachgewiesen, was sogleich von oberster Stelle zur Verschlusssache erklärt wurde. Weiterhin stößt Nina auf Berichte über eine von Kuliks Expeditionen, bei der er ein mysteriöses Objekt aus unbekanntem Material von so großer Härte fand, das jede Entnahme einer Gesteinsprobe misslang. Bei einer Folgeexpedition konnte Kulik das Gebilde nicht mehr ausfindig machen – es war plötzlich verschwunden. Die Hinweise verdichten sich, dass Ninas Vater in die Tunguska gebracht werden soll, und machen eine eigene Reise Ninas nach Sibirien notwendig – selbstverständlich inkognito.

Wie bei einem Detektivplot nicht anderes zu erwarten, stellen die Rätsel die Kombinationsfähigkeit des Spielers auf die Probe. Nur an wenigen Stellen heißt es Try-and-Error: Dass man etwa zu Spionagezwecken einer Katze ein Mobiltelefon anbinden muss, um weiterzukommen, ist dann aber wieder so skurril, dass man gerne weiterspielt. Für Abwechslung sorgen auch die Schauplätze: Die Kidnapper werden nicht nur in Berlin und Moskau, sondern auch an Bord der Transsibirischen Eisenbahn, in irischen Burgruinen, der Antarktis und natürlich der Steinernen Tunguska gejagt.


Zusammenschau

Nach diesem Querschnitt durch literarische Tunguska-Phantasien lassen sich zwei Hauptintentionen in den vorgestellten Werken unterscheiden. Zum einen eignen sich Geschichten über das spektakuläre Tunguska-Ereignis natürlich als gehobene Popcorn-Literatur. Der bis heute unaufgeklärt gebliebene Vorfall dient als mystery-Element zur Spannungssteigerung und fordert den Leser heraus, eine »Wissenslücke« in der Handlung zu füllen. Eine Einladung zum Weiterfabulieren sind auch die Rahmenbedingungen der Explosion, in erster Linie: das Fehlen eines Kraters, die Mythen der Ewenken und die Messung von Radioaktivität im Epizentrum.

Gleichzeitig dient die Katastrophe in den besprochenen Romanen als Ideensteinbruch auf einer philosophischen Metaebene, die zu optimistischen wie pessimistischen Überlegungen über den Menschen einlädt. So ist etwa Lem als überzeugtem Rationalisten klar, dass Technik einen wesentlichen Beitrag zur Lösung der drängenden zivilisatorischen Probleme moderner Gesellschaften leisten kann. Am Beispiel der Atomenergie und der in die Selbstvernichtung mündenden Kriegsspiele der Venusbewohner plädiert Lem für die Setzung moralischer Leitplanken im Sinne eines sozialen Bewusstseins, in dem sich die Kluft zwischen Technik und Ethik auflöst. Während aber bei Lem der Absturz des Venus-Raumschiffs in der Tunguska das Ende des Kapitalismus heraufbeschwört, geht Watson in der Darstellung der gescheiterten kommunistischen Kolonisierung des Weltalls mit dem »Neuen Menschen«, einem wichtigen Heilziel der sowjetischen Ideologie, ins Gericht. Nur rhetorisch fragt sich Kommandant Anton Astrow wenige Sekunden vor dem Tod, »ob jemand in Sibirien zum Himmel aufblickte und Hammer und Sichel aus der Höhe herabstürzen sah? Eine Vision künftiger Zeiten … Vielleicht sahen es ein paar Rentierhirten.«18

Ist die Rede von dem Beitrag der russischen Intelligenzija zur Karriere dieses Ideentopos, darf die spirituell verbrämte Hoffnung Nikolaj Fedorovs (1828–1903) nicht unerwähnt bleiben, der »Neue Mensch« würde eines Tages den Tod als letzte Grenze des menschlichen Fortschritts besiegen und alle Verstorbenen der Vergangenheit wiedererwecken: »Hier … sollte die Technik in das Werk des Menschen eingespannt werden, hier sollte die von Gott in der Potenz angelegte beste aller Welten als schlechthin vollkommene Schöpfung vollendet werden – und zwar nicht nur für den Menschen, sondern für die Kreatur überhaupt. Wenn alle verstorbenen Ahnen wieder zum Leben erweckt seien, dann wären auch die anderen Sterne mit Menschen bevölkert.«19 Infernalisch und mit viel bösem Mundwerk darf auch Sorokin unter den Spöttern über diesen »Neuen Menschen« nicht fehlen. Wenn Bro und seine Herzensbrüder munter gegen den Tod hämmern, bleiben hinter ihren (veget)arischen Masken und den Zuckungen der Geschwisterliebe die Zombiefratzen nicht lange verborgen. (bf)

Endnoten

1 Wolfgang Hohlbein: Die Rückkehr der Zauberer. Bergisch-Gladbach: Bastei-Verlag, 1998. S. 19.
2 Ebd., S. 54.
3 Ebd., S. 604 f.
4 Ebd., S. 605.
5 Ebd., S. 667.
6 Ebd., S. 669.
7 Ebd., S. 670.
8 Ebd., S. 673.
9 Vladimir Sorokin: BRO. Berlin: Berlin Verlag, 2006. S. 89. Die folgenden Überlegungen basieren auf meiner Rezension von Sorokins Roman für das JUNI-Magazin 39/40 [In Vorbereitung].
10 Ebd., S. 120. Im Original kursiv.
11 Ebd., S. 117 f.
12 Ebd., S. 121 f. Im Original kursiv.
13 Ebd., S. 154.
14 Ebd., S. 205.
15 Ebd., S. 239.
16 Stanisław Lem: Lokaltermin. Berlin: Volk und Welt, 1986. S. 159.
17 So stand Sorokin zwei Jahre nach Erscheinen seines Romans »Der himmelblaue Speck« (2000) unter anderem wegen angeblicher Verbreitung von Pornografie vor Gericht. Kläger waren Kreml-nahe Jugendorganisationen, die auch schon durch skurrile Bücherumtauschaktion gegen Sorokin und andere russische Kultautoren auf sich aufmerksam machten. http://www.nzz.ch/2002/02/11/fe/article7YBPH.html
18 Watson 1986, S. 126.
19 Küenzlen 1997, S. 149.

(Erstveröffentlichung: B. Figatowski: Deep Impact? Zum literarischen Nachbeben des Tunguska-Ereignisses im Jahre 1908. In: Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Heyne Science Fiction Jahr 2008, München: Heyne 2008, S. 439-467.)




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"Boys & Books" – eine neue Buchempfehlungsseite für Jungen (Top-Titel 09/16 – 2/2017), #47

Jugendliteratur, Kinderliteratur und 3 weitere...
"Boys & Books" – eine neue Buchempfehlungsseite für Jungen (Top-Titel 09/16 – 2/2017)

Der Verein boys & books hat eine gleichnamige Buchempfehlungsseite ins Leben gerufen, die zweimal im Jahr aus den Neuerscheinungen des deutschsprachigen Buchmarkts je fünf Top-Titel für die vier Altersgruppen (8+, 10+, 12+, 14) präsentiert. Das Projekt geht zurück auf eine Initiative der Literaturwissenschaftlerin Professorin Dr. Christine Garbe und ihren MitarbeiterInnen an der Universität Köln. Nachdem die Webpage nach ihrer Erstellung im Jahr 2012 zunächst ein reines Rezensionsportal war – mit dem Ziel der Leseförderung von Jungen –, hat sie nun mehr den Charakter eines Literaturpreises.

Eingefügtes Bild

Die Jury-Mitglieder sichten die Neuerscheinungen für ihre Altergruppe und wählen ihre Favoriten anhand eines kriteriengeleiteten Bewertungsbogens aus, in zweimal jährlich stattfindenden Treffen wird die Vorauswahl diskutiert und es werden dann endgültig die "Top-Titel" festgelegt.
Ich habe im Frühjahr dieses Jahres mit viel Spaß an der Sache bei dem Auswahlprozess in der Jury der Altersgruppe 10 + mitgearbeitet. Trotz der vielen Neuerscheinungen haben wir uns sehr einvernehmlich – Christian Dudas Roman "Gar nichts von allem" bildete die Ausnahme von der Regel :devil: – auf unsere "Top-Liste" festgelegt:

So überlebte ich das Schuljahr trotz Aliens, Robotern und der grausamen Missy
Jennifer Brown >>mehr

Broccoli-Boy rettet die Welt
Frank Cottrell Boyce >>mehr


Jack, der Monsterschreck. Band 1: Den Letzten beißen die Zombies,
Max Brallier >>mehr


Der Blackthorn-Code. Band 1: Das Vermächtnis des Alchemisten
Kevin Sands >>mehr

Game Over. Wir retten die Welt
Susanne Rauchhaus>>mehr

Zu meiner "Vorgeschichte" mit dem Projekt: Als ich gefragt wurde, ob ich an einer Mitarbeit Interesse hätte, habe ich gar nicht lange gefackelt und sogleich zugesagt. Ich finde es sympathisch, dass boys & books – im Unterschied zu manchen anderen Literaturpreisen – keine Berührungsängste mit Genre- und Unterhaltungsliteratur für junge Leser hat. Ganz im Gegenteil erkennt boys & books ihr Potential für die Leseförderung von Jungen an, sieht aber angesichts der Vielzahl der Neuerscheinungen auch die Notwendigkeit der Orientierung und Auswahl.
Ich erhoffe mir zudem von dem Projekt Impulse für eine Neubewertung der phantastischen Literatur im Rahmen der Leseförderung, etwa in Schulen oder Bibliotheken. Dass bei unserem ersten Durchgang u.a. neben Rauchhaus' SF-Comicroman "Game Over – Wir retten die Welt" auch die Anti-(Super)heldengeschichte "Broccoli Boy", die Dystopie "Stone Rider" mit Anklängen an "Mad Max" und Morton Rhues dystopisches Seefahrerabenteuer "Creature – Gefahr aus der Tiefe" eine Empfehlung bekamen, nehme ich als positives Signal wahr. Kinder und Jugendliche selbst müssen von diesen phantastischen Lesestoffen wohl kaum überzeugt werden, schließlich sind Phantastik und Science Fiction (Collins' "Tribute von Panem", Dashners "Maze Runner" etc.) nach wie vor recht beliebt bei jungen Lesern. (bf)


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Black Box Tunguska? – Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction und Fantasy (Teil 2, #46)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction 11 July 2017 · 6431 Aufrufe
science Fiction, Watson, Bensen und 1 weitere...

Teil 1 dieses Artikels findet sich hier.


Black Box Tunguska? – Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction und Fantasy (Teil 2)

Friendly Fire oder vom Nutzen des Krieges

»›Und Metahistorie ist vermutlich Metaquatsch‹, sagte der Mann.«1

Dass sich das Tunguska-Ereignis als Aufhänger für einen im höchsten Maße satirischen und witzigen Plot eignet, beweist Donald R. Bensen (1927-1997) mit seinem SF-Roman »Zwischenhalt« (1978), der ein Jahr später für die John W. Campbell Memorial Awards nominiert wurde. Im Mittelpunkt des Romans stehen vier humanoide Außerirdische, die beim Anflug auf die Erde eine Havarie mit ihrem Raumschiff erleiden. Bevor »Wanderer« im Jahre 1908 als vermeintlicher Meteorit über der Tunguska-Region explodiert, rettet Valmis, der als »Integrator« mit der Untersuchung der »geistige[n] und physikalische[n] Muster einer Welt« betraut ist 2, das Raumschiff per »Wahrscheinlichkeitsversetzer« in eine Parallelwelt: »Wenn dieses Gerät in einem Augenblick aktiviert wurde, in dem für das Eintreten eines Ereignisses ein hoher Grad von Wahrscheinlichkeit bestand, versetzte es den Benützer auf eine alternative Ebene, in der das hochwahrscheinliche Ereignis nicht stattfand, die aber – zumindest theoretisch – bis auf dieses eine Geschehnis der ›Realität‹ aufs Haar glich.«3

Obwohl Kapitän Dark einen Teil der Kontrolle über die Steuerung zurückgewinnt, stürzt das Schiff in den Pazifischen Ozean in der Nähe von San Francisco und wird stark beschädigt. Die unversehrt gebliebenen Außerirdischen werden gefangen genommen und zu den kalifornischen Behörden gebracht, wo sie unter anderem H.G. Wells kennen lernen, der – wer könnte sich dafür besser eignen? – zwischen den Außerirdischen und den Amerikanern vermitteln soll. Da gerade Wahlkampf herrscht, führt bereits der Presse-Aufruhr über die Ankunft der Außerirdischen dazu, dass Thomas Alva Edison anstatt William Howard Taft zum 27. US-Präsidenten gewählt wird, weil nur er allein in den Augen seiner Landsleute über die notwendige Genialität verfügt, Amerika durch diese seltsamen Zeiten zu führen.

Aufgrund des niedrigen technologischen Levels der Erde, der eine baldige Reparatur des Raumschiffs illusorisch macht, birgt nach Ansicht des Metahistorikers der Außerirdischen lediglich ein militärischer Großkonflikt Chancen auf eine Rückkehr, weil Kriege mittelbar das technologische Niveau erhöhen können. Da Aris Analyse der irdischen Geschichte nach den Regeln der »Metahistorie« ohnehin einen sich nahenden Weltkrieg ankündigt, ist der Kriegseintritt aller führenden Nationen zu forcieren, um »den Vorteil der Beschleunigung in den Naturwissenschaften und so weiter mit« auszunutzen.4

Dank der Hilfe Roosevelts gelingt es den Außerirdischen aus dem militärisch bewachten Grundstück zu fliehen, an dem sie Edison festhält, um technisches Know-how aus ihnen herauszupressen. Eingefügtes BildUnter dem Deckmantel, Forscher im diplomatischen Dienst zu sein und ein einflussreiches Imperium zu vertreten, reisen sie nun – verfolgt von einer Spezialeinheit amerikanischer Marines – nach Europa, um andere politische Würdenträger von der Notwendigkeit eines Krieges zu überzeugen. Ihre Gespräche und Erlebnisse mit den überzeichnet dargestellten Monarchen König Eduard VII. von Großbritannien, Kaiser Wilhelm II. und Zar Nikolaus II. bilden die unterhaltsamsten Teile des Romans. Bei ihren Besuchen beeindrucken die Außerirdischen die Staatsoberhäupter weniger mit den Vorausdeutungen der Metahistorie als mit ihren Gadgets. König Eduard VII. etwa ist so entsetzt über Aris nüchterne Prophezeiung, er würde den Ausbruch des 1. Weltkriegs aufgrund seiner Herzkrankheit nicht mehr erleben, dass er, wie ein geölter Blitz, in Ohnmacht fällt. Dank einer Wunderpille gelingt es den Außerirdischen ihn wiederzubeleben und zu verjüngen. Und doch will Eduard VII. – nicht anders geht es den anderen Monarchen – von einem Krieg nichts wissen: »Ihren Vorschlag, die Nationen der Welt sollten sich schleunigst an die Kehle fahren, um Ihnen mit einigen wissenschaftlichen Fortschritten, die daraus entstehen könnten, einen Gefallen zu tun, finde ich, das muß ich Ihnen ganz offen sagen, widerwärtig kaltblütig – obwohl ich zugeben muß, daß unsere Welt dazu einige Parallelen vorweisen kann«.5

Nach den folgenden ebenfalls erfolglosen Deutschland- und Russland-Besuchen werden die außerirdischen Kriegswerber von den Marines gefangen genommen. Zurück in den USA stellt sie Präsident Edison zur Rede, der noch immer seine Hoffnung auf epochemachende Erfindungen nicht begraben hat. Erst als Dark tatsächlich die Möglichkeit einer neuen Energieform skizziert, sieht Edison ein, dass ein solch ambitionierter Techniktransfer den Wirtschaftskreislauf der USA kollabieren lassen würde. »Beinahe kostenlose Energie für alle, morgen verfügbar, ist das nicht großartig? Keine Notwendigkeit mehr, Kohle, Benzin, Öl, Holz oder sonst etwas zu kaufen? Und keine Notwendigkeit mehr, die Bergmänner, die Ölleute, die Tankstellen und so weiter zu bezahlen. Meiner Rechnung nach würde es ungefähr sechs Wochen dauern, dann wäre das Land eine heulende Wildnis verhungernder Massen, die die kostenlose Energie dazu benützen würden, an Orte zu kommen, wo sie Nahrungsmittel stehlen könnten, um am Leben zu bleiben.«6

Von Edison nun in Ruhe gelassen, entschließen sich die Außerirdischen, eine Extra-Mütze Kälteschlaf zu nehmen, weil sie nicht länger auf den Krieg warten wollen. Sie staunen nicht schlecht, als sie schon im Jahr 1933 aufgeweckt werden und von Wells erfahren, dass auch ohne den Gang zu den Waffen »Wissenschaft und Technologie in großem Maßstab aufgeblüht waren, zusammen mit vielen sozialen und politischen Veränderungen, und daß man aus diesem Grunde in den letzten paar Monaten die Wanderer hatte finden, heben und instandsetzen können.«7 Als internationalen Friedenstifter identifiziert der Schriftsteller den Besuch der Außerirdischen selbst, der die Horizonterweiterung und (innere) Abrüstung der Menschheit mit sich bracht: »Es hat einige Zeit gedauert, aber als Sie auftauchten, verlor man an solchen Dingen irgendwie die Lust. Zum erstenmal überhaupt bekamen die Leute eine klare Vorstellung davon, was es heißt, ein Mensch zu sein und auf einem Planeten im Weltraum zu leben.«8 Da nunmehr auch das Triebwerk der »Wanderer« repariert wurde, treten die Außerirdischen endlich die Heimreise an – nicht ohne ein gewisses Schamgefühl zu verspüren, da sie in ihrem Kriegsstreben so daneben lagen.

Der Ausgang von Bensens Roman lehrt, dass sich die Weltverbesserung weniger durch Techniktransfer als durch eine Wandlung des Menschen von innen bewerkstelligen lässt. Dazu könnte bereits die bewiesene Existenz von Außerirdischen hilfreich sein, da sie die Anthropozentrik des Menschen beseitigen hilft und eine Grundlage für eine echte menschliche Weltgemeinschaft schafft. Eigentlich sehr schade, wird sich da der Leser denken, dass Bensens Außerirdische nicht in unserer Dimension Zwischenhalt machten, und Valmis’ wehmütige Gewissensbisse wegen des Einsatzes des »Wahrscheinlichkeitszersetzers« kaum nachvollziehen können: »Aber wißt ihr, es hätte eine Welt gegeben, fast genau wie die da, in der im Jahre 1908 ein Raumschiff auf die Tunguska-Region gestürzt und wahrscheinlich explodiert ist wie ein Meteorit und dort hätte es keine Forschungsreisenden gegeben, die mit Roosevelt und Oxford und Wells gesprochen und den Kaiser und den Sohn des Zaren und so weiter geheilt haben. Die Leute dort hätten ihren Weg selbst finden müssen, versteht ihr das nicht? […] Was hätte nicht alles aus ihnen werden können – ohne uns?«9


Tungusische Trance

»Eine Trance ist tatsächlich ein weitaus aktiverer Geisteszustand als das gewohnte Leben eines Wachenden. So werden wir Ihre ›Über-Wahrnehmung‹ an die Oberfläche bringen und dabei Tschechow wiedererschaffen.«10

Der britische Autor Ian Watson (* 1943) hat sich in seinem Gesamtwerk immer wieder Gedanken über das Wechselverhältnis von Sprache, Geschichte und Bewusstsein gemacht, wovon auch der Hollywood-Film Artificial Intelligence: AI (USA 2001) zeugt, an dessen Manuskript er zusammen mit Stanley Kubrick arbeitete. In seinem 1983 erschienenen Roman »Tschechows Reise« greift er Kasanzews Idee des »Tunguska-Raumschiffs« auf und verbindet sie mit dem Zeitreise-Motiv.

Aufhänger des Romans ist die berühmte Reise des Schriftstellers Anton Tschechow zur russischen Gefangeneninsel Sachalin im Jahr 1890, in deren Verlauf er trotz seiner Tuberkulose-Erkrankung weite Teile Sibiriens durchquerte. In seinem ein paar Jahre später erschienenen Reisebericht dokumentierte er das Leben der Verbannten und reflektiert über Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde. Watsons Roman schildert den Versuch von sowjetischen Filmemachern der Stanislawskij-Filmgruppe11, Tschechows Reise anlässlich ihrer hundertsten Jährung neu zu dokumentieren. Für ihr Filmexperiment ziehen sie sich in ein Künstlerheim in den Bergen von Krasnojarsk zurück und engagieren den Hypnotiseur Kirilenko. Es ist seine neuartige Technik der »Reinkarnation durch Hypnose«, die den ausgewählten Hauptdarsteller Michail Petrow glauben lässt, er sei in Wirklichkeit Tschechow.

In Trance rekonstruiert Michail jedoch zum Erstaunen aller Anwesenden eine ganz andere Reise: Eingefügtes BildAnstatt einem Besuch der Sträflingsinsel initiiert Tschechow eine Expedition in die ostsibirische Tunguska, nachdem er von einer merkwürdigen Explosion in diesem Gebiet hörte. Dies bereitet den Filmemachern noch größere Kopfzerbrechen, hat die Explosion bekanntlich erst 1908 stattgefunden, – vier Jahre nach Tschechows Tod. Noch rätselhafter werden Michails Trance-Zustände, als er auch noch Anton Astrow, Kommandant des russischen Zeitschiffs »K.E. Ziolkowskij« im Jahr 2090, zu sein vorgibt. Seine durch den neuartigen »Flux«-Antrieb möglich gemachte Pionierfahrt ins Weltall steht unmittelbar bevor, um dort fremde Welten zu kolonisieren: »Wir springen einhundert Jahre rückwärts durch die Zeit, und das bringt uns hundert Lichtjahre stromab von der Sonnenbewegung durch die Galaxis.«12 2090 ist der Machtkonflikt zwischen Amerikanern und Russen auch im Weltall präsent: Zu Provokationszwecken und da »es keinerlei Notwendigkeit gab, ein Raumschiff stromlinienförmig zu bauen, hatte ihr Schiff die Gestalt eines riesigen Emblems: Hammer und Sichel.«13

Dem Hypnotiseur Kirilenko ist Michails Transformation seiner Rolle zutiefst suspekt: »Gewiß, er phantasiert, daß er Tschechow sei – im psychologischen Sinne. […] Er kann nur um die bekannten Tatsachen herum erfinden, hat aber nicht die Freiheit, beliebige Eigenerfindungen hineinzubringen. Ich muß sagen, nichts dergleichen ist mir im Laufe meiner Erfahrungen bisher untergekommen.«14 In weiteren Trance-Sitzungen schreitet die Fiktion fort: Während Tschechow mühevoll, aber letzten Endes erfolgreich durch die sibirischen Wälder zur Tunguska vorstößt, misslingt der Zeitsprung der »K.E. Ziolkowskij«, weil das Fluxfeld des Schiffes mit einem amerikanischem Flux-Schutzschirm auf der Erdoberfläche interferiert: »Zwischen beiden entstand eine Resonanz. Sie hatte die Wirkung, daß der größte Teil unserer Fortbewegungsenergie abgezogen wurde. Wir klebten Kilometer um Kilometer, Jahr um Jahr an der Weltlinie der Erde fest.«15 Anstatt durch die Vergangenheit hinaus in den Kosmos zu gelangen, droht das Zeitschiff so im Jahre 1908 über der Tunguska auseinanderzubrechen – und mit ihm die hehren Illusionen von der Weltallbesiedlung.

Doch das Raumschiff stürzt nicht ab, sondern stürzt weiter, noch mal zwanzig Jahre zurück durch die Zeit: »›[D]ie temporale Beschleunigung, die wir durch den Schild verloren, muß sich von unserem Ausgangspunkt rückwärts durch die Geschichte entladen haben. Versuchen wir es uns als eine Gezeitenwelle vorzustellen, die gegen die Strömung eines Flusses aufwärts vordringt und allmählich an Antriebskraft verliert. Ich glaube, die Welle hat uns vorhin – im Jahr 1908 – eingeholt. Sie entlud ihre verbleibende Antriebskraft und stellte unser Flux-Feld wieder her. Ergebnis: wir wurden über 1908 hinaus weiter zurückgeworfen.‹
Aber wir starben alle! Ich bin sicher, daß ich starb‹, sagte Anna Aksakowa.
Gewiß, da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Dann aber veränderte sich die Geschichte; und wir waren doch nicht gestorben. Was jetzt geschieht, ist klar: wir werden im Jahre 1888 explodieren.‹«16
Dass sich diese Prophezeiung erfüllte, kann Anton Tschechow bezeugen, als er schließlich auf der Erzählebene des Jahres 1890 zum Epizentrum der Explosion gelangt und »in stummer Ehrfurcht« der immensen Verwüstung gewahr wird: »[S]o weit das Auge reichte, war in diesem Gebiet alles verbrannt und zu Boden geworfen. Ostwärts, weit entfernt auf der Leeseite einiger felsiger Höhen, hatten vereinzelte Waldstücke unversehrt überlebt, wo sie vor der Stoßwelle geschützt gewesen waren. In der äußersten Entfernung am Osthorizont konnten sie den Randbereich der lebenden Taiga ausmachen…«17
Die Reinkarnation einer Alternativgeschichte bleibt schließlich auch für die Gegenwart der Filmgruppe nicht folgenlos, in der sie ihr Experiment durchführt; die »1908er-Welt« wird zu einer »1888er-Welt«.18 Aus einer Enzyklopädie erfahren die Filmleute, dass Anton Tschechow andere und anders betitelte Dramen geschrieben hat – aus dem Drama »Der Kirschgarten« wurde »Der Apfelgarten«, »Die Taube« heißt nun »Die Schneegans« – und seine Tunguska-Reise einen nicht unerheblichen Einfluss auf die sowjetische Wissenschaftsgeschichte entfaltete: Dank Tschechows Reisebericht fand sein Reisepartner, der Wissenschaftler K.E. Ziolkowskij, »Unterstützung für seine theoretischen Arbeiten über kosmische Flüge, die am Anfang eines Weges standen, welcher zur sowjetischen Mondlandung geführt hat«.19

Es zeigt sich, dass Watsons Roman über eine Allegorie auf die Vergeblichkeit des menschlichen Fortschrittsstrebens und eine damit verbundene Hommage an den russischen Meister für menschliche Tragikkomik hinaus geht.

 

 

Der echte Anton Pawlowitsch Tschechow  

 

[Wikipedia. Lizenz: Public Domain]

 

Seine geschichtsphilosophischen Überlegungen gehen wirkungsvoll und originell mit dem Aufbrechen der Erzählhaltung einher. Die drei Handlungsstränge der Romane, die auf unterschiedlichen Zeitebenen spielen, bleiben durch inhaltliche Parallelen und Bezugnahmen miteinander verwoben: Das Band in die Vergangenheit wird zwar schon bald durch die Ereignisse in der Zukunft recht eindeutig aufgeklärt, die Erklärung der Zukunftsepisode gestaltet sich – vor allem durch die verschiedenen Implikationen der Zeitreise – schon schwieriger. Die Art und Weise der Auseinandersetzung mit Tschechows historischer Reise legen einen etwaigen Versuch Watsons, das Subjekt Tschechow beziehungsweise das Tunguska-Ereignis zu entmythologisieren, nicht nahe. Anders verhält es sich jedoch mit Watsons Abgesang auf das sowjetische Ideologem des »Neuen sozialistischen Menschen«, den er in Gestalt Anton Astrows über der Tunguska abstürzen lässt.20

Der inner-space-Autor reüssiert in seinem Bestreben, Geschichte als Erfindung und kollektive Fiktion zu verdeutlichen, was für sein Romanwerk nicht untypisch ist, das er als »dialect of history and transcendence« charakterisiert hat.21 Im »Tschechow«-Roman bringt Felix Levin, der künstlerische Leiter der Stanislawskij-Filmgruppe, dieses Wechselverhältnis auf den Punkt: »Vergangene Ereignisse können verändert werden. Die Geschichte wird immer wieder umgeschrieben. Nun, wir haben gerade entdeckt, daß dies auch für die wirkliche Welt gilt. […] Vielleicht unterliegt die wirkliche Geschichte der Menschheit ständigen Veränderungen! Und warum? Weil Geschichte eine Fiktion ist. Sie ist ein Traum im Bewusstsein der Menschheit, das sich stets strebend bemüht … wohin? Zur Vollkommenheit.«22 (bf)


Endnoten

1 Donald R: Bensen: Zwischenhalt. München: Heyne, 1984. S. 135.
2 Ebd., S. 8.
3 Ebd., S. 15.
4 Ebd., S. 130
5 Ebd., S. 175.
6 Ebd., S. 237 f.
7 Ebd., S. 259.
8 Ebd., S. 261.
9 Ebd., S. 270 f.
10 Ian Watson: Tschechows Reise. München: Heyne, 1986. S. 27.
11 Der russische Theaterreformer Konstantin Sergejewitsch [Stanislawski] (1863-1938) »verlangte vom Theater die detailgenaue Rekonstruktion der Wirklichkeit. Wirklichkeitstreue und Lebensechtheit des Spiels sollten durch Nachahmung und Einbringen korrespondierender Eigenerfahrungen garantiert werden. Sein Credo: ›Die Rolle muss man erleben, das heißt analog mit ihr Gefühle empfinden‹«. http://www.asfh-berlin.de/theaterpaed-wb/index.phtml?action=anzeigen&id=16
12 Watson 1986, S. 70 f.
13 Ebd., S. 72.
14 Ebd., S. 51.
15 Ebd., S. 110.
16 Ebd., S. 179.
17 Ebd., S. 185.
18 Ebd., S. 181.
19 Ebd., S. 195.
20 »Wo die – bislang gefesselten – Urkräfte des Volkes und die Wissenschaft zueinanderkämen, da beginne die Stunde eines neuen Zeitalters. Ein Neuer Mensch mit bislang ungeahnten Kräften werde geboren. Mit ihm werde der Weg der Menschheit in bislang nicht vorstellbare Höhen führen.« Gottfried Küenzlen: Der Neue Mensch. Eine Untersuchung zur säkularen Religionsgeschichte der Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1997. S. 141.
21 http://www.suite101.com/article.cfm/sf_and_society/ 69819
22 Watson 1986, S. 198.



(Erstveröffentlichung: B. Figatowski: Deep Impact? Zum literarischen Nachbeben des Tunguska-Ereignisses im Jahre 1908. In: Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Heyne Science Fiction Jahr 2008, München: Heyne 2008, S. 439-467.)




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Black Box Tunguska? – Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction (Teil 1, #45)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction 30 June 2017 · 6691 Aufrufe
Tunguska, Lem, Venus und 4 weitere...

Alle Jahre wieder ist am 30. Juni "Tunguska-Stichtag". Ein älterer Artikel von mir aus dem Heyne SF-Jahr in drei Teilen. Teil 2 folgt in Kürze.


Black Box Tunguska? – Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction

Die gewaltige Explosion, die sich vor hundert Jahren mit der vielfachen Sprengkraft einer Atombombe in der mittelsibirischen Tunguska ereignete, ist bis heute ungeklärt geblieben. Von hunderten Zeugen wurde ein leuchtendes Objekt am Morgenhimmel des 30. Juni 1908 gesichtet, die Detonationen waren bis ins entfernte Moskau hörbar und seismische Wellen des Erdbebens weltweit messbar. Die Explosionswelle verwüstete über 2000 km2 Waldfläche, 200 km2 verbrannten augenblicklich.1

Aufgrund der Unzugänglichkeit des sibirischen Berglandes gelang es dem Geologen Professor Leonid Alexejewitsch Kulik (1883–1942), Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Moskau, erst im Jahre 1927, mit seiner Expedition zum Epizentrum der Explosion vorzudringen. Außer Millionen entwurzelter, »umgeknickter« Bäume fand Kulik jedoch weder stoffliche Spuren meteoritischen Ursprungs noch den erwarteten Krater, der ein eindeutiger Beweis für den Niedergang eines Meteoriten gewesen wäre. Kulik ließ jedoch nicht locker und sammelte eine Vielzahl von Daten auf weiteren Expeditionen bis 1938 – drei Jahre vor seinem Tod in deutscher Kriegsgefangenschaft.

An Tunguska-Hypothesen mangelte es schon zu Kuliks Lebzeiten nicht und die Mythenmaschine wurde zusätzlich durch die unbewiesen gebliebene Behauptung angeheizt, die Explosion wäre von nuklearen Reaktionen und entsprechenden Mutationen der Flora und Fauna begleitet gewesen. Bis heute werden Tunguska-Expeditionen unternommen, Forscher stellen regelmäßig neue Theorien auf, die begierig von den Medien aufgenommen und weiterverbreitet werden. Das Spektrum der Vermutungen reicht »von einem in der Erdatmosphäre verdampfenden Kometen – gar einem, der mit schwerem Wasser angereichert war und als natürliche Wasserstoffbombe detonierte – über Antimaterie, kleine Schwarze Löcher bis hin zu einem havarierten außerirdischen Raumschiff«.2 Letztere Hypothese wurde vor allem durch den Ingenieur, Kriegsforscher und SF-Schriftsteller Alexander Kasanzew (1906–2002) propagiert. Die auf Kuliks Luftbildaufnahmen festgehaltenen Tunguska-Phänomene wie die parallele Ausrichtung umgeknickter Baumstämme oder stehen gelassene entastete Bäume erinnerten ihn an den amerikanischen Kernwaffeneinsatz in Hiroshima, das er nach dem Krieg besucht hatte. Er erklärte dies mit der Havarie eines reaktorgetriebenen Raumschiffs über der Tunguska, das in einer Höhe von einigen Kilometern in der Luft explodierte.

 

 

Waldschäden durch das Tunguska-Ereignis (1929) 

 

[Wikipedia. Lizenz: Gemeinfrei]

 

Nahezu unvermeidlich ist auch eine muntere Diskussion über die Auswirkungen des Tunguska-Ereignisses; die Behauptung, die Explosion wäre für die Klimaerwärmung verantwortlich zu machen, gehört dabei noch zu den harmloseren Ideen.3 Folgerichtig ist der Geograph Christoph Brenneisen der Ansicht, dass ein Ende der Beschäftigung mit dem Tunguska-Ereignis noch lange nicht abzusehen ist: »Es mutet wie eine Provokation an, daß es bis heute, fast hundert Jahre nach dem Ereignis, noch immer nicht gelungen ist, auch nur ein Gramm jener vermuteten Materie des Tunguskaobjektes zu sichern. Bei der Katastrophe handelt es sich aber um ein überaus kompliziertes Ereignis, und offensichtlich finden Anhänger aller Hypothesen immer wieder Indizien, um ihren jeweiligen Forschungsansatz zu untermauern. Bei unvoreingenommener Gesinnung muß man einsehen, daß jede Hypothese doch auch ihre Schwachstellen hat und eine Art Modetrend für die jeweilige Popularität verantwortlich ist.«4


Es liegt auf der Hand, dass Ereignisse solcher Größenordnungen auch die Vorstellungskraft der Menschen beflügeln. Und so inspirierte der Impakt nicht nur Forscher und Esoteriker, sondern auch Künstler, Filmemacher und Literaten. Gerade die literarische Science Fiction bildete mit ihrem Faible für apokalyptische Szenarien einen guten Nährboden für Phantasien über das Tunguska-Ereignis. In welchen Verwendungszusammenhängen dieses Ereignis zur Darstellung gebracht wird, soll in diesem Beitrag exemplarisch an Texten von Stanislaw Lem, Donald R. Bensen, Ian Watson, Wolfgang Hohlbein und Vladimir Sorokin gezeigt werden. Nicht selten werden rationale Aufklärungsabsichten dabei hintenan gestellt zugunsten einer Mythologisierung der Tunguska-Thematik, die eine spannende Handlung in Gang setzen soll. Andererseits bietet die Naturkatastrophe für einige Autoren die Chance, die Grenzen der Menschen aufzuzeigen – mögen sie physischer Natur sein oder die menschlichen Erkenntnismöglichkeiten betreffen.



Von der Tunguska zur Venus

»Sie wollten das Leben vernichten
und das Leblose erhalten.«5

In seinem Roman »Der Planet des Todes« (1951)6 entfaltet Stanisław Lem (1921–2006) die Idee eines sensationellen Fundes, der bei Bauarbeiten in der Tunguska im Jahre 2003 gemacht wird: »Anfänglich glaubte man, einen Meteor vor sich zu haben.

Eingefügtes Bild Dieser entpuppte sich jedoch als ein Basaltblock irdischen Ursprungs, in dem eine an beiden Enden zugespitzte Walze eingeschmolzen war. Sie erinnerte in Größe und Gestalt an eine Granate und setzte sich aus zwei unlösbar ineinander-verschraubten Teilen zusammen. Man mußte den Mantel durchschneiden, um an das Innere heranzukommen. Erst nach langen Bemühungen [...] gelang es den Wissenschaftlern, das Geheimnis dieser Metallhülle zu lüften. Es befand sich darin eine Spule aus porzellanähnlichem Schmelzgut, um die ein fast fünf Kilometer langer Draht aus einer stahlähnlichen Legierung gewickelt war. Nichts weiter.«7 Wie es sich bald herausstellt, ist die metallische Spule nicht etwa wild entsorgter Elektronikschrott aus der Vergangenheit, sondern die Black Box eines außerirdischen Raumschiffs von der Venus. Die Freude über die Auflösung des Tunguska-Rätsels währt freilich nur so lange, bis der eilig einberufenen Übersetzungskommission die Entschlüsselung des logbuchartigen »Rapports« gelingt, dessen Sprache »weniger an gesprochene Laute als vielmehr an eine ungewöhnliche Musik erinnerte«8. Die dekodierte Botschaft lässt schlimmste Befürchtungen wahr werden: Es ist die Rede von der Vernichtung der Menschheit durch »Bestrahlung des Planeten« und einer darauf folgenden Invasion (die »Große Bewegung)«9.

Donald Trump hätte sicher anders gehandelt, die vereinte und waffentechnisch omnipotent gewordene Menschheit verzichtet jedoch auf einen preemptive strike: »Sollen wir die Drohung, die von einem anderen Planeten ausging, mit einem Schlag, der die Angreifer vernichtet, beantworten? Wir könnten das um so leichter und unbehinderter, als wir es mit Wesen zu tun haben, die gänzlich verschieden von uns sind, denen wir weder menschliche Gefühle und Empfindungen noch geistige Fähigkeiten in unserem Sinne zusprechen können. Und dennoch haben wir […] den Frieden gewählt. In dieser Entscheidung erblicke ich das feste Band, das den Menschen mit dem Weltall verbindet. Die Epoche, in der wir die Erde für ein vor allen anderen auserwähltes Gestirn betrachteten, ist vorüber.«10

Im »Kosmokrator« schickt die Menschheit also ein Expertenteam, darunter den berühmten indischen Mathematiker Professor Chandrasekar, zur Venus. Dort bleibt jedoch der erwartete first contact – nicht untypisch für Lems gesamtes erzählerisches Schaffen – erstmal aus. Ein anscheinend ausgestorbener Planet, wären nicht die bald von den Astronauten vorgefundenen Artefakte und beobachteten Naturphänomene. Die geographischen Absonderlichkeiten der Venuslandschaft und die beharrlichen Experimente zu ihrer Untersuchung werden dabei in einer solchen Ausführlichkeit geschildert, dass sich fast meditative Effekte beim Lesen einstellen. Nicht unsympathisch ist da das Kopfschütteln des Piloten Robert Smith über seine Wissenschaftlerkollegen: »Ich begreife schon gar nichts mehr. Meine Gefährten werden für mich geheimnisvoller als die Venusbewohner!«11

Während sich Lems Protagonisten in seinen späteren Romanen mit der Erforschung fremder Planeten schwer tun – man denke etwa an Kris Kelvin, der an dem Mysterium von »Solaris« zerbricht – können die Venusbesucher fast alle Geheimnisse lüften. Sie entdecken nicht nur eine Anlage, die durch die künstliche Aufhebung der Gravitation das »interplanetare« Abfeuern von Geschossen ermöglicht, sondern auch eine Computersimulation in einer Leitzentrale, die die bösen Absichten der Venusbewohner bestätigt: »Auf einmal zuckte ein blendendheller Strahl von der Venus empor, erreichte die Erde und überflutete mit grausigem Flammenschein das Wolkenmeer.«12

Nun ist es nur noch ein kleiner Schritt für Lems Professoren-Astronauten zur Rekonstruktion des unglückseligen Endes der Venusbewohner: Bevor sie ihre Angriffspläne in die Tat umsetzen konnten, kam es unter den Möchtegern-Invasoren zu einem für alle tödlichen Zerwürfnis »um das Recht der Ansiedlung auf der Erde«13. Und auch der Tunguska-Körper war kein Kontakt-Raumschiff, sondern ein unbemannter Aufklärer zum Aufspüren von irdischen »Einrichtungen, die imstande gewesen wären, die vernichtenden Ladungen abzufangen und auf die Venus zurückzuschleudern.«14

Auf dem Rückflug zur Erde zieht Professor Chandrasekar ein Reisefazit und vergleicht die traurige Geschichte der Venus mit ähnlichen Vorkommnissen auf der Erde, als man die Phase der kapitalistischen Ausbeutung noch nicht überwunden hatte: »Professor Arsenjew ist der Meinung, daß Maschinen die Bewohner der Venus in den Abgrund trieben. Das steht noch nicht fest; aber nehmen wir an, daß es tatsächlich so gewesen ist. Ja, wurden denn nicht auch die Menschen durch eine Maschinerie in das Verderben gestürzt, durch die tollgewordene, rasende, chaotische Maschinerie der kapitalistischen Gesellschaftsordnung? Wissen wir, wieviele Beethovens, Mozarts, Newtons und ihren blinden Schlägen umkamen, ehe sie zum Schaffen unsterblicher Werke und Werte heranreifen konnten? Gab es […] bei uns keine Händler des Todes, die beiden kämpfenden Parteien dienten und ihnen Waffen verkauften?«15 Sowohl der Absturz des Tunguska-Raumschiffs als auch die Selbstvernichtung der Venus-Bewohner in der eigenen Rüstungsspirale dienen Chandrasekar als Exempel für seine wie ein Naturgesetz formulierte These über das zwangsläufige Schicksal jedes Imperialisten: »Wesen aber, die sich die Vernichtung anderer zum Ziel setzten, tragen den Keim des eigenen Verderbens in sich – und wenn sie noch so mächtig sind.«16

Wie weit lässt sich nun der heutige Geltungsanspruch von Lems Roman umschreiben? Hilfreich sind hier eigene Aussagen des Autors: Aktualität bescheinigt Lem auch 25 Jahre nach dem Erscheinen des Romans dem »Problem der atomaren Bedrohung, denn die Geschichte der Vernichtung des Lebens auf dem Planeten Venus stellt ja nur eine Allegorie der irdischen Probleme dar.«17 Gleichzeitig gesteht er aber wissenschaftliche, technische und literarische Mängel ein – letztere sind seiner Ansicht nach »nie durch irgend etwas gerechtfertigt und werden sich immer als ungenügende Arbeit erweisen«.18 Durchaus vergleichbar ist Lems »Astronauten«-Roman mit anderen frühen Werken Lems wie dem Roman »Gast im Weltraum« (1955) und dem Kurzgeschichtenband »Sezam i inne Opowiadania« (1954), die zwar zur schnellen Etablierung des Autors in Polen führten, aber noch sehr von seiner Parteinahme für den Staatssozialismus polnischer Machart zeugen. In seinem autobiographischen Essay »Mein Leben« (1983) äußert Lem sein Befremden gegenüber der Idee einer funktionierenden utopischen Erdengesellschaft und der Feier des Kommunismus als ultimativem Friedensbringer: »Meinen ersten SF-Romanen spreche ich heute jeden Wert ab [...]. Ich habe diese ersten Romane wie z.B. Die Astronauten aus Beweggründen geschrieben, die ich auch heute gut begreife, obzwar sie allen meinen damaligen Lebenserfahrungen zuwiderliefen – in ihrem Handlungsverlauf und in der in ihnen geschilderten Welt. Die ›böse‹ Welt sollte sich in eine ›gute‹ verwandeln.«19



Endnoten
 

1 Vgl. die lesenswerte Dokumentation der zweiten deutsch-russischen Tunguska Expedition im September 2000. http://cmbrenneisen.de/tunguska/tunguska.html
2 Ulf von Rauchhaupt: Tunguska-Asteroid: Feuerwerk über der Taiga. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.12.2007, Nr. 52. S. 65.
3 http://www.physorg.com/news11710.html
4 http://cmbrenneisen.de/tunguska/tunguska.html
5 Stanisław Lem: Der Planet des Todes. Berlin/Ost: Volk und Welt, 1954. S. 428. In Westdeutschland erschien der Roman unter dem Titel »Die Astronauten«.
6 Lems Roman war in der DDR mit sechs Neuauflagen durchaus erfolgreich. Dies gilt auch für die Verfilmung durch Kurt Maetzig, die den 26. Rang in der Liste der erfolgreichsten DDR-Filme einbrachte. Vgl. Karsten Kruschel: Leim für die Venus. Der Science-Fiction-Film in der DDR. (HEYNE SF-JAHR 2007).
7 Lem 1954, S. 23 f.
8 Ebd., S. 30.
9 Ebd., S. 39.
10 Ebd., S. 56 f.
11 Ebd., S. 260.
12 Ebd., S. 400.
13 Ebd., S. 429.
14 Ebd., S. 432.
15 Ebd., S. 434.
16 Ebd., S. 434.
17 Stanisław Lem: Die Astronauten. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1979. S. 8.
18 Ebd., S. 8.
19 Stanisław Lem: Mein Leben. In: Franz Rottensteiner: Polaris 8. Ein Science-fiction-Almanach. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1985. S. 9-30, hier S. 17.n Kruschel: Leim für die Venus. Der Science-Fiction-Film in der DDR. (HEYNE SF-JAHR 2007).


(Erstveröffentlichung: B. Figatowski: Deep Impact? Zum literarischen Nachbeben des Tunguska-Ereignisses im Jahre 1908. In: Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Heyne Science Fiction Jahr 2008, München: Heyne 2008, S. 439-367.)




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Kernschmelze einer Familie (Matthias Nawrats »Unternehmer«; Rezension, #44)

Geschrieben von Sierra , in Dystopie, Science Fiction 19 May 2017 · 2160 Aufrufe
Dystopie, Umweltzerstörung und 3 weitere...
Matthias Nawrat: Unternehmer

Rezension

Große Aufmerksamkeit hat die weißrussische Schriftstellerin Swetlana A. Alexijewitsch mit der These erlangt, dass die Menschheit Tschernobyl bis heute nicht verstanden habe. Denn bis heute dominiert die Philosophie des Weiter-so, ungeachtet der regelmäßigen kleineren und größeren Störfälle. Und auch der nunmehr eingeleitete Atomausstieg in Deutschland nach Fukushima sei nur eine Ausnahme von der Regel. In Gesprächen mit Tschernobyl-Überlebenden versuchte Alexijewitsch die emotionale Seite der Katastrophe zu beleuchten. Obwohl Vergleiche zwischen Romanen und Sachbüchern schwierig sind, ist es bemerkenswert, dass Matthias Nawrat in seiner Dystopie »Unternehmer« ähnliche Intentionen wie Alexijewitsch verfolgt.

Im Mittelpunkt seines Romans steht die 13-jährige Lipa, die mit ihren Eltern und ihrem einarmigen, jüngeren Bruder in einem Schwarzwalddorf wohnt. Obwohl im Zuge der nicht näher beschriebenen Umweltkastrophe ein technischer Rückschritt stattgefunden hat, ist den Menschen ein Mindestmaß an Infrastruktur erhalten geblieben. Lipas Vater ist ein Tagelöhner, täglich auf der Suche nach Rohstoffen und Metallen, um sie auf einem »Paradies« genannten Schrottplatz zu verkaufen. Er nimmt seine Kinder mit auf die Schrottsuche in den Industrieruinen, obwohl es dort wegen der hohen Unfallgefahr und Toxizität lebensgefährlich ist. Kann eine Familie ein solches Leben führen? Können Kinder in einer solchen Welt erwachsen werden? Anstatt einfache Antworten zu suchen, provoziert Nawrat den Leser bereits mit der Erzählweise. Lipa ist eine unzuverlässige Ich-Erzählerin, die das familiäre Zusammenleben zunächst als Idylle und die Arbeit als Abenteuer für alle schildert: So ist Berti für das Ausschlachten der Industriemaschinen zuständig, während Lipa die Betriebskalkulation übernimmt. Die väterliche Metapher des »Unternehmens« ähnelt einem pädagogischen Beruhigungsmittel, weil sie mit der Heile-Welt-Sehnsucht der Kinder harmoniert. Als sich etwa Lipa in einen Nachbarsjungen verliebt, sieht sie ihre gemeinsame Zukunft rosarot, eben weil sie wie ihre Eltern Unternehmerin ist: »Mutter ist in Wahrheit glücklich […], dass wir jetzt ein Unternehmen haben […]. Und ich bin auch Unternehmerin und ich bin froh, den langen Nasen-Timo zu haben.« Dass dieses familiäre Rollenspiel aber nicht nur eine gutgemeinte Lüge ist, merkt der Leser spätestens, als sich Bertis Behinderung als folgenschwerer 'Arbeitsunfall' herausstellt, der vom Vater als 'Betriebsrisiko' in Kauf genommen wurde. Und auch das Ausleben der ersten Liebe ist für Lipa als Betriebsangehörige nicht vorgesehen. Als das Geschäft des Vaters wegen eines Konkurrenzunternehmens unter Druck gerät, wagt er mit den Kindern eine Rohstoffbergung in einem havarierten Kernkraftwerk, weil dort das »große Klimpergeld liegt«. Dem familiären Unternehmertum droht aber nun im wahrsten Sinne des Wortes die Kernschmelze.

Insgesamt gesehen vermittelt Nawrats Roman gerade wegen seines gemächlichen Tempos und der Ästhetik der einfachen Sprache eindrücklich und psychologisch feinsinnig die Perspektive eines Kindes auf den Weltzerfall. Auf der Metaebene gelingt Nawrat aber auch eine originelle Stellungnahme zu Wesenszügen des Kapitalismus – etwa dem Primat des Profits vor der Moral und dem Umweltschutz –, die dank des dystopischen Setting besonders deutlich hervortreten. Schade nur, dass der Roman so kurz ist – über Lipas Welt gäbe es sicherlich noch so viel mehr zu erzählen. (bf)


Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)

Bibliografische Angaben: Matthias Nawrat: Unternehmer. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt: 2015. 137 S. 9,90 EUR. ISBN-13: 978-3499269806.

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Sascha Mamczak und Hannes Riffel (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2016, Berlin: Golkonda 2016.)


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Descender. Sterne aus Blech (Lemire / Nguyen 2015, Bd. 1; Rezension, #43)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Science Fiction 13 May 2017 · 4964 Aufrufe
Comic, Science Fiction, Descender und 4 weitere...
Descender. Sterne aus Blech (Lemire / Nguyen 2015)
Rezension

Der nunmehr auf Deutsch vorliegende erste Band des SF-Comics »Descender« von dem US-amerikanischen Autor Jeff Lemire war nach den Maßstäben der Bücherwelt bereits überaus erfolgreich. Denn kaum war die Originalausgabe in den Läden, bekamen Lemire und sein Zeichner Dustin Nguyen Besuch von Hollywood-Vertretern, die sich um die Filmrechte bewarben. Sony Pictures erhielt den Zuschlag und es verdichten sich seitdem die Gerüchte, dass tatsächlich irgendwann ein Film unter der Ägide des Produzenten Josh Bratman in die Kinos kommt. Diese Vorgeschichte ist recht ungewöhnlich, bedenkt man, dass nicht erst seit Steven Spielbergs Spielfilm »A.I. - Künstliche Intelligenz« Geschichten mit einem Roboterkind als Hauptfigur alles andere als neu sind. Somit stellt sich die Frage, ob und wie es dem Duo Lemire und Nguyen gelungen ist, der Roboter-Thematik neue Facetten abzugewinnen.

»Descender« spielt in einem fernen Sternensystem mit dem Planeten Niyrata als seinem kulturellem Mittelpunkt. Die Menschheit und diverse Alien-Völker haben sich in dem Vereinten Galaktischen Rat zusammengeschlossen. Als eines Tages gigantische Roboter-Raumschiffe – Harvester genannt - über den Hauptwelten der Menschen auftauchen und sogleich zum Angriff übergehen, sind diese trotz ihrer fortgeschrittenen Technik machtlos. Da die Harvester so schnell verschwinden, wie sie gekommen waren, richtet sich der Hass der überlebenden Menschen gegen die eigenen Roboter als Sündenböcke. In der Folge werden sie in einer als Robocaust bezeichneten Vergeltungsmaßnahme vollständig ausgelöscht – beinahe vollständig. Denn zehn Jahre später – hier setzt die Handlung des Comis ein – erfährt der Roboter-Forscher Dr. Quon von Militärs der Regierung, dass ein Abgleich von Maschinencodes einen Zusammenhang zwischen den Harvestern und seinen eigenen Geschöpfen, den Tim-Androiden, hergestellt hat. Zudem soll ein junger Androide namens Tim-21 noch existieren. Er soll Lebenszeichen von dem Bergbau-Planeten Dirishu gesendet haben, obwohl dort alle Kolonisten bei einem Gas-Unfall umgekommen sein sollen. Bevor die Regierungsagenten den Androiden bergen können, wird Tim-21 von sogenannten Schrottern, radikalen Roboterfeinden, aufgespürt. Schwer verletzt überlebt der Android ihren Angriff, weil ihm der Bergbau-Droide ›Bohrer‹ – deus ex machina – zu Hilfe kommt. Der zwischenzeitlich eingetroffene Dr. Quon vermag Tim-21 zu reparieren und für Tesla, die Anführerin des Rettungskommandos, besteht die Hoffnung, dass sie von Tim erfährt, »was die Harvester sind – oder ob sie zurückkommen«. Doch kaum treten der Android und seine Retter die Rückreise an, werden sie von einer Elite-Einheit der Schrotter abgefangen: Tim-21 ist wieder mal in höchster Gefahr.

Diese Inhaltsangabe macht deutlich, dass Lemire auf der narrativen Ebene des Comics auf wichtige Motive der Science Fiction, aber auch Kinderliteratur – zum Beispiel das unschuldige Kind als Menschheitsretter – Bezug nimmt. Da Hintergrundinformationen meistens über die Dialoge vermittelt werden, ist die Erzählweise flüssig und stellenweise humorvoll. So kann Bohrer, der Beschützer von Tim-21, sicherlich nicht für sich beanspruchen, die hellste ›Glühbirne‹ im Weltraum zu sein. Und doch sorgt er durch wortkarge wie glasklare Ansagen à la Bud Spencer für manch einen Lacher. Besonders gelungen ist »Descender« auf der grafischen Ebene. Nguyens originelle Aquarellzeichnungen werden sicherlich bei vielen, nicht zuletzt erwachsenen SF-Fans gut ankommen. Die Bildgestaltung setzt zudem inhaltliche Akzente, wenn z.B. durch eine rosafarbene Tönung des Panelhintergrunds kritische Zustände und Emotionen der Hauptfigur zur Geltung gebracht werden. Und als Tim-21 nach einem Laserangriff der Schrotter mit einem Systemschaden k.o. geht, spiegelt sich sein bisheriges Leben in kleinen wabenförmigen Bildern wider, die über seinem Kopf aufsteigen. Schließlich entwickelt Nguyen in der Darstellung der Schrotter eine eigene Ästhetik der Hässlichkeit, die die klare Gut-Böse-Unterscheidung der Handlung durch die Groteske des anspruchsvollen Horrors bereichert. Es sind neben der Grundthematik des Bandes solche gestalterischen Umsetzungsideen, die neugierig machen auf den Fortlauf der »Descender«-Serie. (bf)

Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)

Bibliografische Angaben: Jeff Lemire (Text), Dustin Nguyen (Zeichnungen): Descender. Sterne aus Blech. Übers. von Bern Kronsbein. Bielefeld: Splitter, 2015. 144 S.. 22,80 EUR. ISBN-13: 978-3958391666.

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Sascha Mamczak und Hannes Riffel (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2016, Berlin: Golkonda 2016.)


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Wale können Planeten fressen (»Weltraumkrümel«, Rezension, #42)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur 12 May 2017 · 742 Aufrufe
Comic, Weltraumkrümel und 3 weitere...
Wale können Planeten fressen
Craig Thompson: »Weltraumkrümel« (Rezension)

Der vielfach preisgekrönte Comic-Zeichner Craig Thompson entwirft in seinem Werk »Weltraumkrümel« eine märchenhafte Welt der Zukunft, in der die Raumfahrt selbstverständlich geworden ist und auch Außerirdische weitgehend friedlich mit den Menschen koexistieren. Trotz des technischen Fortschritts ist jedoch das Energieproblem nicht gelöst, denn die Vorkommen an Erdöl, Uran und »Sternstaub« (!) sind versiegt. Und so ist die Menschheit – eine sehr weitreichende Erzählprämisse – auf die Tierwelt zurückgeworfen: Durch das Weltall streifen riesenhafte Wale, die sich von Himmelskörpern und Weltraummüll jedweder Art ernähren. Ihre energiereichen Exkremente sind die Energieträger, die die Menschheit notgedrungen zur Aufrechterhaltung ihrer Infrastruktur braucht. Diese alternative Form der Energienutzung hat allerdings den Schönheitsfehler, dass Wale auch bewohnte Planeten auf ihrem Speiseplan haben.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Violet, die mit ihren Eltern in bescheidenen Verhältnisse in einer interstellaren Wohnwagensiedlung lebt. Ihre Mutter arbeitet als Näherin in der »Fashion Factory«, ihr Vater, Müllwerker und Energietechniker in einem, schippert in seinem Raumschiff durch den Weltraum und sammelt Wal-Exkremente ein. Als der Alt-Rocker bei einem Arbeitseinsatz verschollen geht, macht sich Violet unverzüglich auf die Suche nach ihm. Unterstützung erhält sie von einem hochintelligenten wie vorwitzigen Hühnchen namens Elliot und Zachäus, einer orangen Alien-Ameise (?), die sie auf der Fahrt in einem Space-Trike begleiten. Obwohl Violet anfangs von niemandem ernst genommen wird, stellen sich nach den ersten Recherchen und Abenteuern Erfolge heraus. So findet Violet heraus, dass das Verschwinden ihres Vaters mit einer riskanten Spezialaufgabe zu tun hat, die darin bestand, dass er ein Walbaby einfängt. Da diese Mission alles andere als erfolgreich war, macht sich Violet nun selbst todesmutig auf die Suche nach ihm in den Revieren der Weltraum-Wale.
Craig Thompsons »Weltraumkrümel« richtet sich als Comic an eine altersgemischte Leserschaft. Das wird nicht nur durch die Erzählprämisse der Weltraum-Wale und dem damit verbundenen skatologischen Humor (Stichwort: Verdauungsprodukte) deutlich. Neben der kindlichen Hauptfigur, deren lustigen Sidekicks Elliot und Zachäus soll viel Slapstick-Action jüngeren Lesern Leseanreize bieten. Gleichzeitig adressiert Craig Thompson den erwachsenen Leser, was sich beispielsweise in der Kritik an der kapitalistischen Geschäfts- und Arbeitswelt, der Rocker-Ästhetik des Bandes und einigen intertextuellen Verweisen spiegelt.

Thompsons Grundkonzept ist sicherlich gut durchdacht und liegt durchaus im Trend, wenn man an die gegenwärtige Zunahme von All-Age-Titeln denkt, und doch kann es nicht gänzlich überzeugen. Die Story krankt daran, dass sie auf den oben angesprochenen Adressatenebenen nur unzureichend ausbalanciert wirkt, sodass kein organisches Erzählgebilde geschaffen wird. Dies wird offensichtlich, wenn einige Handlungsteile komplett ins Skurrille abdriften – man denke etwa an den Kampf zwischen Violet und Zuccinus, Zachäus' Bruder und Nachwuchs-Ninja, der zu ihren Gunsten ausgeht, weil sie ihn mit ihrer Zahnseide (!) lassoartig zu fesseln vermag. In anderen Panelsequenzen ist fraglich, ob der junge Leser angesichts der überbordenden und unruhigen Farbwahl und dem »Primat der Niedlichkeit« ernst genommen wird, sodass gar der Eindruck von Anbiederung erweckt wird. (bf)

Gesamteindruck: ++ (2,5 / 5)


Bibliografische Angabe: Craig Thompson: Weltraumkrümel. Übers. von Matthias Wieland. Berlin: Reprodukt, 2015. 320 S. 22,80 EUR. ISBN 978-3956400513.

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Sascha Mamczak und Hannes Riffel (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2016, Berlin: Golkonda 2016.)

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„All judgment of literature by genre is tripe. All judgment of a category of literature as inherently superior or inferior is tripe. […] There are many bad books. There are no bad genres.“ (Ursula K. Le Guin)

 

[Ursula K. Le Guin: Genre: A Word Only the French Could Love. In: The James Tiptree Award Anthology 1. Tachyon Publications, 2005, S. 68.]

 

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(Quelle: Wikipedia: Le Guin in 2009. Ursula Le Guin. Photo by Marian Wood Kolisch. CC BY-SA 2.0)

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