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The New Space Opera


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3 Antworten in diesem Thema

#1 Armin

Armin

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Geschrieben 24 September 2009 - 08:05

Gardner Dozois & Jonathan Strahan (ed.)
The New Space Opera
(Eos Paperback, 2008)

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Der anglo-amerikanische Markt bietet ein weitaus größeres Angebot an SF-Anthologien als der deutsche. Ein Traum für jeden Kurzgeschichtenleser, der der englischen Sprache mächtig ist, aber angesichts der manchmal doch verblüffenden Vielfalt auch ein nicht gerade kleines Problem: Wo anfangen? Was lesen? Was nicht? Einfach mal eine der neueren Anthologie-Reihen testen: The Solaris Book of New Science Fiction? Eclipse (Night Shade Books)? Fast Forward (Prometheus Books)? Oder lieber eine Themenanthologie? Letztere sind natürlich ebenfalls vielfältiger als hierzulande vertreten und wenn man die Augen offen hält, wird man schnell fündig: Denn wenn ein Buch dann auch noch „The New Space Opera“ heißt, verheißt das spannende Abenteuer in den Tiefen des Universums, gigantische Raumschiffe und exotische Aliens – eine solche Verlockung lässt sich ja schlecht ignorieren. Zumal, wenn die beiden Herausgeber Qualität erahnen lassen: Sowohl Gardner Dozois als auch Jonathan Strahan haben sich mit voluminösen jährlichen Best-of-Anthologien einen Namen gemacht. Da ist ihnen natürlich zuzutrauen, mit einer Sammlung von Erstveröffentlichungen ihre Sache ebenfalls gut zu machen. Und auch die Namen der beteiligten 18 Autoren versprechen einiges. Gwyneth Jones, Ian McDonald, Robert Reed, Paul J. McAuley, Greg Egan, Kage Baker, Peter F. Hamilton, Ken MacLeod, Tony Daniel, James Patrick Kelly, Alastair Reynolds, Mary Rosenblum, Stephen Baxter, Robert Silverberg, Gregory Benford, Walter Jon Williams, Nancy Kress und Dan Simmons sind in „The New Space Opera“ vertreten. Zusammen haben sie rund 640 Seiten mit lesenswerten Geschichten gefüllt.

Den Höhepunkt gibt es passenderweise ganz am Ende des Buches: die Dan-Simmons-Novelle „Muse of Fire“. Der Titel der Erzählung ist auch der Name des Raumschiffs, mit dem eine Gruppe von Wanderschauspielern unterwegs ist, die sich auf Shakespeare-Aufführungen spezialisiert hat. Sie erregen die Aufmerksamkeit von übermächtigen Aliens und müssen innerhalb kürzester Zeit nacheinander „Macbeth“, „King Lear“ und „Hamlet“ vor einem, in der Hierarchie der Fremden immer höher stehenden Publikum aufführen (erst vor den „Archons“, dann vor den „Poimen“ und den „Demiurgos“ und schließlich vor „Abraxas“, Gott persönlich), um die Menschheit vor der Vernichtung zu bewahren. Zum Finale muss eine Zwei-Personen-Aufführung von „Romeo und Julia“ schließlich alles retten … Eine grandiose Geschichte, für die sich Simmons fünfundsiebzig Buchseiten Zeit nimmt, auf denen es nicht eine Sekunde lang langweilig wird. Deutlich leichter zu konsumieren, ist die zweite Story, in der es um Schauspieler geht: „Maelstrom“ von Kage Baker spielt auf dem Mars und erzählt, wie ein überraschend zu Geld gelangter Mr. Morton sich seinen Traum verwirklicht und dort das erste Theater des roten Planeten ins Leben ruft, um Edgar-Allan-Poe-Stücke aufzuführen – mit „Space Opera“ hat das eher weniger zu tun, recht vergnüglich zu lesen ist die Geschichte aber trotzdem. Noch ein ordentliches Stück humorvoller wird es bei Walter Jon Williams, der in „Send them Flowers“ seine zwei Protagonisten und Lebenskünstler, Captain Crossbie und dessen höchst ungewöhnlichen Freund Tonio, der Glück bei den Frauen, aber Pech in vielen anderen Dingen hat, auf die Reise durch viele verschiedene Wahrscheinlichkeits-Ebenen und von einer Bredouille in die nächste schickt – nicht nur höchst amüsant, sondern auch sehr überzeugend erzählt und damit neben der Simmons-Novelle der zweite Höhepunkt der Anthologie. Die Leichtigkeit, mit der Walter Jon Williams sein Garn spinnt, geht anderen Autoren dieses Mal leider ab: Ian McDonald, sonst auch ein Garant für höchstes Niveau, packt in seine Geschichte „Verthandi’s Ring“ einen Krieg, der gleich das ganze Universum umfasst; ein, zwei Nummern kleiner hätten es sicher auch getan und die Geschichte fassbarer gemacht. Und Veteran Robert Silverberg macht in „The Emperor and the Maula“ nicht mehr, als die Geschichte von tausendundeiner Nacht in neuem Gewand nachzuerzählen; das gelingt ihm irgendwie in einer relativ sympathischen Form, ist aber letztlich auch wenig originell.

Spannend ist dann wieder die über einen Zeitraum von siebzig Jahren spielende Siebzig-Seiten-Novelle „Minla’s Flowers“ von Alastair Reynolds, eine Art Prequel zu seiner eigenen Story „Merlin’s Gun“ (erschienen im Magazin Asimov’s Science Fiction, 2000, und in der Reynolds-Collection „Zima Blue and Other Stories“, 2006) – Merlin stößt als Besucher von außen die technologische Entwicklung auf einer dem Untergang geweihten Welt an und zieht sich zwischendurch immer wieder in den Kryoschlaf zurück. Nicht die einzige Geschichte übrigens, die vor einem bereits existierenden Hintergrund angesiedelt ist: Stephen Baxters „Remembrance“ spielt in seinem Xeelee-Universum, Robert Reeds „Hatch“ im Rahmen seiner „Great Ship“-Storys. Auch sonst ist weitgehend lesenswert, was hier an Erzählungen versammelt wurde: Der Auftakt mit Gwyneth Jones’ „Saving Tiamaat“ kommt vielleicht ein bisschen schwerfällig daher (und ist auch nicht unbedingt eine Space Opera), mehr dem Genre verhaftet ist dann wieder Paul J. McAuleys „Winning Peace“, das die Geschichte des jungen Piloten Carver White in der Zeit nach einem großen interstellaren Krieg erzählt. Greg Egans „Glory“ ist Egan-typisch eine recht harte Nuss für den Leser – es geht um zwei Menschen, die ihr Bewusstsein auf einen fernen Planeten in fremde Körper transferieren lassen, um so an neues Wissen zu gelangen. Eher mäßig überzeugend in der kurzen Form ist Peter F. Hamilton („Blessed by an Angel“), was dann wieder schon weitaus eher Ken MacLeod mit seiner direkt daran anschließenden Agentenstory „Who’s afraid of Wolf 359?“ gelingt. „The Valley of the Gardens“ von Tony Daniel ist eine Liebesgeschichte vor einem exotischen Setting, eher schräg und mit einer Menge schwarzen Humors kommt „Dividing the Sustain“ von James Patrick Kelly daher, während „Splinters of Glass“ von Mary Rosenblum wieder kaum Space-Opera-Elemente in sich trägt – eine nette Abenteuergeschichte, die auf dem Jupiter-Mond Europa angesiedelt ist (beziehungsweise unter dem Eis desselben) und nicht einmal bis an die Oberfläche des Mondes vordringt, geschweige denn ins Weltall. „The Worm Turns“ von Gregory Benford (übrigens auch ein Sequel, nämlich von „A Worm in the Well“, Analog, 1995) kreist um ein Wurmloch, wie der Titel verrät, und in „The Art of War“ von Nancy Kress geht es um die Hinterlassenschaften eines Alien-Volkes, dessen Planet gerade eingenommen wurde – und um einen Konflikt zwischen Mutter (Kommandantin in der Raumflotte) und Sohn (Kunsthistoriker). Trotz der Themenvorgabe „Space Opera“ ist die inhaltliche Vielfalt also doch gewahrt, zumal sie nicht allzu streng ausgelegt wurde, die überwiegend erstklassigen Autoren schaffen es zudem, auch aus nicht hundertprozentig originellen Plots noch unterhaltsame Geschichten zu stricken. Nicht alle bekommen das ganz so überzeugend wie Simmons, Williams und mit leichten Abstrichen auch Reynolds hin, um noch einmal die Favoriten zu nennen, aber das wäre vermutlich dann auch wieder zu viel verlangt.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass sich auch an dieser Anthologie einmal mehr zeigt, dass die Geschmäcker definitiv verschieden sind: Herausgeber Gardner Dozois hat in seiner eigenen „The Year’s Best Science Fiction“-Collection (Ausgabe 25, St. Martin’s Griffin, 2008) die Geschichten von Gwyneth Jones, Ian McDonald und Greg Egan nachgedruckt und somit quasi zu seinen Favoriten erhoben. In „The Best SF and Fantasy of the Year“ (Volume 2, Night Shade, 2008) von Jonathan Strahan finden sich die Storys von Greg Egan und Tony Daniel. „Who’s afraid of Wolf 359“ von Ken MacLeod (Short Story) und Greg Egans „Glory“ (Novelette) waren 2008 für den Hugo Award nominiert, haben ihn aber nicht gewonnen. Insgesamt zehn der achtzehn Geschichten tauchen außerdem auf der Empfehlungsliste des Locus-Magazins für 2007 auf. Verkauft hat sich „The New Space Opera“ offensichtlich gut genug: Denn der Nachfolgeband, „The New Space Opera 2“, wieder von Gardner Dozois und Jonathan Strahan herausgegeben, ist 2009 erschienen (bisher nur als Trade Paperback, das Taschenbuch soll im März 2010 folgen). In Sachen Autoren gibt es (leider; bei einigen hätte ich mir das schon gewünscht) keine einzige Überschneidung mit dem ersten Buch: Jetzt sind unter anderem Robert Charles Wilson, Neal Asher, Bruce Sterling, John Scalzi oder Mike Resnick an der Reihe. Klingt im Prinzip auch nicht schlecht, steht deshalb bereits im Regal und wird natürlich auch irgendwann demnächst gelesen.

#2 Oliver

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Geschrieben 24 September 2009 - 10:05

Das geht auch einfach mal: Danke, Armin. :P

#3 Armin

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Geschrieben 24 September 2009 - 10:33

Danke, Armin. :P

Nichts zu danken. Nicht zuletzt dein "Angloamerikanische Kurzgeschichten"-Thread hat mich überzeugt (auch wenn's lange genug gedauert hat), dass es lohnenswert ist, den inneren Schweinehund zu überwinden und mal wieder mehr und regelmäßiger im Original zu lesen.

#4 Armin

Armin

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Geschrieben 20 December 2009 - 08:34

Den Höhepunkt gibt es passenderweise ganz am Ende des Buches: die Dan-Simmons-Novelle „Muse of Fire“. Der Titel der Erzählung ist auch der Name des Raumschiffs, mit dem eine Gruppe von Wanderschauspielern unterwegs ist, die sich auf Shakespeare-Aufführungen spezialisiert hat. Sie erregen die Aufmerksamkeit von übermächtigen Aliens und müssen innerhalb kürzester Zeit nacheinander „Macbeth“, „King Lear“ und „Hamlet“ vor einem, in der Hierarchie der Fremden immer höher stehenden Publikum aufführen (erst vor den „Archons“, dann vor den „Poimen“ und den „Demiurgos“ und schließlich vor „Abraxas“, Gott persönlich), um die Menschheit vor der Vernichtung zu bewahren. Zum Finale muss eine Zwei-Personen-Aufführung von „Romeo und Julia“ schließlich alles retten … Eine grandiose Geschichte, für die sich Simmons fünfundsiebzig Buchseiten Zeit nimmt, auf denen es nicht eine Sekunde lang langweilig wird.

Das von mir solcherart enthusiastisch gefeierte "Muse of Fire" von Dan Simmons gibt's übrigens auch als eigenständiges Büchlein, wie ich inzwischen gesehen habe. Natürlich bei Subterranean, natürlich als nicht billiges (35 Dollar) Hardcover. Es scheint sich aber zu verkaufen, schließlich wurde inzwischen schon die zweite Auflage gedruckt.

Auf der Subterranean-Seite wird "Muse of Fire" sogar noch mehr gelobt als von mir:

Muse of Fire takes place in a remote future age in which the human enterprise has all but ground to a halt. Earth, drained of its oceans and populated largely by the dead, is little more than a distant memory. The scattered human remnants occupy the lowest rung of a Gnostic hierarchy that dominates both their secular and spiritual lives. Against this backdrop, Simmons introduces the Earth's Men, a wandering troupe of players dedicated to presenting the works of Shakespeare to every accessible corner of the settled universe.

The story begins on the planet known as 25-25-261B, a regular stop on the players' interstellar tour. A routine performance of Much Ado About Nothing is in progress when an unprecedented event occurs. A band of Archons -- members of the usually invisible ruling caste -- enter the makeshift theater and join the audience. In doing so, they change the course of human -- and non-human -- history.

What follows is an intellectual adventure story of astonishing richness and depth in which disparate species face each other across an insurmountable divide, their only point of contact the indelible language of William Shakespeare, the story's true muse. Skillfully deploying the elements of traditional science fiction -- advanced technologies, alien encounters, strange new worlds -- Muse of Fire entertains and illuminates while celebrating the best, most durable elements of our cultural legacy. It is a work of wit, erudition, and tightly compressed grandeur that only Dan Simmons could have written.



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